Als eine unerhörte Vernachlässigung muß es jedoch Schreiber dieser

Legende brandmarken, daß es noch niemandem eingefallen ist, die erhabene

Bekleidung des Verstandestempels des heiligen Bürokrazius mit

reichlichen Knopflöchern zu versehen, wie wir dies bei so vielen

_puerulis_, _id est_ kleinwinzigen Büblein zu finden gewohnet sind.

Sotane Vermehrung durch besagte der Dekorierung überaus würdige

Knopflöcher wäre vielleicht ein besonders heilsamer Balsam gegen die

bohrenden Schmerzen der Ordensseuche geworden.

[Verzierung]

Wie der heilige Bürokrazius sich erlustierte.

Wir aber wollen uns nunmehro zu einem freundlicheren Bilde wenden.

Der heilige Bürokrazius pflegte unter seinen Jüngern auch die höhere

Geselligkeit, auf daß sich nach des Tages erschöpfender Arbeit auch die

höhere Fidelität, die _fidelitas major atque elatior_ erhübe und die

Pflege des Geistes keinen namhaften Abbruch erlitte.

Regelmäßig versammelten sich der heilige Bürokrazius und seine Jünger zu

geselligen Abenden. Munter flossen da die Gespräche, anmutig

durchflochten von den Erinnerungen des arbeitsreichen Tages. Auch der

Gesang kam zu seinem Rechte.

In gebührender Adäquation an die hohen geistigen Fähigkeiten des

Heiligen und seiner Jünger bewegte sich dieser erhabene Gesang stets nur

auf klassischem Gebiete und trug nicht wenig zur weiteren Schärfung des

Geistes der an diesen geselligen Abenden Beteiligten bei.

Eines dieser herrlichen Lieder mag auch dir, großgünstiger Leser,

vorgesetzet werden, da es in selten edler Form die höchsten Ideale der

Volkswirtschaft im begeisterten Schwunge eines klassischen Dithyrambus

verkörpert. Es sind Verse, die es verdienen, in goldenen Lettern auf

Marmortafeln ausgehauen zu werden. Lausche, geliebter Leser!...

D'Sau, d'Sau, d'Sau hat an Schweinekopf,

Und, und, und vier Haxen hat's aa,

Wann, wann, wann man's genau betracht't,

Hat's an Schwoaf aa.

Ja, ja, hat's an Schwoaf aa.

Wann, wann, wann ma a Messer nahm'

Und, und, und schneid't den Schwoaf a,

Aft, aft, aft ist's a g'stutzte Sau wor'n

Und der Schwoaf a.

Ja, ja, und der Schwoaf a.

Wann, wann, wann ma a Petschierwachs nahm'

Und, und, und pickt den Schwoaf an,

Aft, aft, aft ist's a pickte Sau wor'n

Und der Schwoaf dran.

Ja, ja, und der Schwoaf dran.

Nimmt, nimmt, nimmt ma den Schwoaf in d'Hand

Und, und, und ziacht a wen'g dran,

Aft, aft, aft hat ma den Schwoaf in der Hand,

Und d'Sau rennt davon.

Ja, ja, d'Sau rennt davon.

Stelle dich nunmehro, o vielgeliebter Leser, mit dem Schreiber dieser

Legende, welchen du also getreu begleitet hast, auf die Verstandes- und

Geistes-Plattform des heiligen Bürokrazius und seiner Jünger und

versetze dich ganz und gar in den Geist dieses Liedes. Er wird dich

unwiderstehlich ergreifen, in dich hineinfahren und dich vollständig

erfüllen.

Singe dieses Lied unermüdlich immer und immer wieder! Und du wirst

sehen, daß du seinen Text nicht mehr loskriegen kannst. Er wird dich

verfolgen bei Tag und bei Nacht.

Das Schicksal der petschierten Sau wird dein eigenes Schicksal werden.

Es wird der Weihegesang deiner Tage und das Lied deiner Träume werden.

Versuche es dahero, o wohlgeneigter Leser. Du wirst sicher keine

Enttäuschung erleben.

Es ist auch gesund für deine Nerven, wenn du dein ganzes Geistesleben

auf dieses Lied einstellest. Du wirst dabei gewiß den chronischen

Gehirntatterich bekommen. Einerseits ist das jedoch ein wohltätiger

Zustand, andererseits hast du dann Aussicht, unter die Jünger des

heiligen Bürokrazius aufgenommen zu werden.

Schreiber dieser Legende würde dich, geneigter Leser, mit dem oben

vorgeschlagenen Experimente des Liedes von der petschierten Sau

gewißlich nicht molestieren, wenn er nicht wüßte, daß du zu der

Überzeugung gelangest, welche magische Gewalt in diesem Liede liegt.

Du kannst alsodann nach deiner eigenen Erfahrung allen Verleumdern des

heiligen Bürokrazius und seiner Jünger im Harnisch der Entrüstung

entgegentreten. Denn es gibt solche Verleumder, welche behaupten, daß

das gesellige Leben des heiligen Bürokrazius und seiner Jünger womöglich

noch stumpfsinniger ist als ihr sonstiges Dasein.

Das Lied von der petschierten Sau, welches einen Gipfelpunkt der

geselligen Freuden des heiligen Bürokrazius und seiner Jünger

darstellet, wird jedoch den schlagenden Gegenbeweis liefern, wie

einprägsam und tief die gemütliche Art des Heiligen auch außerhalb

seiner sonstigen Tätigkeit war, wie voll von eigenartiger

Gedankenschärfe und Vorstellungskraft, wie beruhigend aber auch für

die strapazierten Nerven der Menschheit.

Wie der bitterböse Kare Revoluzzer den guten König

zum Teufel jagte.

Es begab sich aber, daß ein Mensch aufstund, so Kare Revoluzzer geheißen

ward.

Das war ein grauslicher Kerl, aber schon ein so grauslicher Kerl, daß er

noch grauslicher nimmer sein konnte.

An diesem wüsten Individuum war alles rot. Der Kerl hatte rote Haare und

einen roten Bart wie weiland nach glaubhaften Überlieferungen und

Schilderungen Judas Ischariot. Dazu trug er auch noch eine rote Mütze

auf dem Schädel und ein rotes Hemde an seinem vermaledeiten Leibe. Ja

sogar ein knallrotes Krawattel hatte der bitterböse Kare Revoluzzer, das

nicht einmal an der _Krawatitis posterior ascendens_ litt, sondern ihm

zu beiden Seiten wie zwei rote Fahnen herausflatterte.

Er aß nur roten Schwartenmagen und selbstverständlich auch Blutwurst.

Und er hätte natürlich auch nur immer roten Wein getrunken, wenn er ihn

gehabt hätte. In Ermangelung desselben trank er seine frische Kellermaß

nur aus einem grellroten Maßkrug, der ein rotes Biermerkerl hatte, auf

dem ihm die Kellnerin nur mit Rotstift die vertilgten Mengen des edeln

Gerstensaftes verzeichnen durfte.

Dieser wüste Kerl wurde bei jeder Gelegenheit feuerrot vor Wut und

schimpfte dann gotteslästerlich. Besagter roter Satansbraten war so

saugrob, aber schon so pfundsaugrob, daß dagegen der heilige Sankt

Grobian als ein gar fein politierter Hofmann gelten konnte.

Der heilige Sankt Grobian schimpfte wenigstens nicht über den guten

König, sondern er ließ den guten König regelmäßig hoch leben, wenn er

sich _in alcoholicis_ genug getan hatte. Bei der sechsten Maß brachte

der heilige Sankt Grobian fast immer ein Hoch auf den guten König aus

und rief, daß alles dröhnte: »Vivat hoch der König! Er lebe hoch! hoch!

hoch!« Bei dieser loyalen Kundgebung sträubte sich jedes einzelne Haar

in dem langen Schnauzbart des heiligen Grobian vor echter dynastischer

Begeisterung.

Davon wußte allerdings der gute König wahrscheinlich gar nichts, wie er

von verschiedenen anderen Dingen auch nichts wußte. Deswegen war er aber

doch ein guter König. Und der bitterböse pfundsaugrobe Kare Revoluzzer

hätte nicht so auf den guten König zu schimpfen brauchen, dieweilen ihm

der gute König ja gar nichts getan hatte. Das war dem Kare Revoluzzer

aber Blutwurst. Dahero erhub sich bei ihm während der sechsten Maß das

Gegenteil der dynastischen Begeisterung.

Es stritten sich aber gleich wie bei Homeros der Städte sieben um die

Ehre, der Geburtsort des bitterbösen Kare Revoluzzer gewesen zu sein.

Schreiber dieser Legende vermeinet, daß der weitbeschreite Kare

Revoluzzer von Ithaka oder von dort irgendwo in der Nachbarschaft

herstammet und daß er einen der trojanischen Helden zu seinem

Altvorderen hat, sintemalen selbige Helden auch schon so fürtrefflich

das Schimpfen verstunden wie der Kare Revoluzzer.

Dieser wüste Kerl, den der höllische Schürmeister quintelweis in seine

Bratpfannen holen soll, auf daß besagter Teufelsbraten nur recht langsam

und in den allerkleinsten Stücklein schmore, schimpfte aber nicht nur

auf den guten König, sondern er jagte eines Tages den guten König sogar

zum Teufel, obwohl ihm der gute König niemals etwas getan hatte, was

schon weiter oben gerechtermaßen ist vermerket worden.

Wie konnte das aber sich ereignen, daß der Kare Revoluzzer den guten

König zum Teufel jagte, wo doch der gute König auf seinem Throne saß

und der Kare Revoluzzer höchstens eine schmierige Bierbank mit seiner

Hinterfront beschwerte?

Das kam dahero, dieweilen der Kare Revoluzzer ein großer Volksredner

und dessentwegen sehr gefährlich war. Er berief immer wieder

Volksversammlungen ein und schimpfte dann vor den Versammelten immer

wieder über den guten König, der ihm gar nichts getan hatte.

Bevor er den guten König zum Teufel jagte, hielt er in einer großen

Volksversammlung eine große Rede, die er dann auch drucken und an allen

Straßenecken anschlagen ließ. Dahero ist uns diese Rede noch heutigen

Tages erhalten und soll auch dem geneigten Leser dieser Legende nach

ihrem vollen Inhalte mitgeteilet werden.

Es sprach aber der Kare Revoluzzer in dieser Rede ...

Zu was brauchen ma denn an Kini? Mir brauchen koan Kini. Oder woaß

vielleicht wer, zu was ma an Kini brauchen? Der soll's nur sagen, der wo

woaß, zu was ma an Kini brauchen. Der soll's nur sagen. Dem hau' i aber

schon a solchene in sei' Fotzen. Aber schon a solchene. Schon a

solchene. Also woaß wer, zu was ma an Kini brauchen? Koa Mensch woaß, zu

was ma an Kini brauchen. Also brauchen ma koan Kini. Und weil ma koan

Kini brauchen, brauch' ma koan Kini.

Was is denn überhaupts a Kini? Gar nix is a Kini. A Schmarrn is a Kini.

Und weil a Kini a Schmarrn is, brauch' ma koan Kini, weil ma koan

brauchen! Oder brauch' ma vielleicht an Kini? Und weil ma koan Kini

brauchen, lass' ma uns aa koan Kini mehr g'fallen. Warum sollen ma

uns aa an Kini g'fallen lassen, wo ma koan brauchen! Wir lassen uns

überhaupt nix mehr g'fallen. Also lassen ma uns aa koan Kini mehr

g'fallen, weil ma koan Kini brauchen. Oder brauchen ma vielleicht an

Kini?

Mir san mir! Oder will vielleicht wer bestreiten, daß mir mir san? Und

weil mir mir san, können mir uns selber regieren und brauch' ma koan

Kini, der wo uns regieren tut und den wo wir zahlen tun müssen. Mir

können uns selber zahlen für's Regieren, weil mir mir san. Und weil mir

koan Kini mehr brauchen, den wo mir zahlen tun müssen für's Regieren und

weil ma überhaupts koan Kini mehr brauchen, weil mir mir san, jagen mir

den Kini zum Teufel! Mir brauchen koan Kini, weil ma koan Kini brauchen.

Oder brauch' ma vielleicht an Kini? Koan Kini brauch' ma. Also jagen ma

den Kini zum Teufel!...

Diese Rede machte einen so gewaltigen Eindruck auf die versammelten

Volksmassen, daß es dem bitterbösen Kare Revoluzzer wirklich gelang, den

guten König zum Teufel zu jagen. Darauf gründete der bitterböse Kare

Revoluzzer einen knallroten kommunistischen Freistaat ohne Kini.

[Verzierung]

Wie besagter Höllenbraten den heiligen Bürokrazius

erschlagen wollte und von diesem glorreich widerleget

wurde.

Damit, daß er den guten Kini, der ihm nie was getan hatte, zum Teufel

gejagt hatte, ließ es sich dieser Höllenbraten aber noch lange nicht

genügen. Sein ganzer roter Haß richtete sich jetzunder gegen den

heiligen Bürokrazius. Der war ihm schon lange ein Dorn im Auge.

Er berief dahero eine neue Volksversammlung ein, die ganz rot war,

dieweilen nunmehro alle Versammelten die Tracht des bitterbösen Kare

Revoluzzer trugen.

Von einer rot ausgeschlagenen Tribuna sprach der Kare Revoluzzer

nunmehro folgendermaßen gegen den heiligen Bürokrazius ...

Zu was brauchen ma denn den heiligen Bürokrazi, den Pazi? Zu was

brauchen ma den Pazi, den heiligen Bürokrazi? Mir brauchen koan heiligen

Bürokrazi, weil ma koan brauchen! Oder woaß vielleicht wer, zu was wir

den heiligen Bürokrazi brauchen? Dem stier' i aber schon a solchene in

sei' Fressen! Aber schon a solchene! A solchene! Also koa Mensch woaß,

zu was ma den heiligen Bürokrazi brauchen.

Mir san mir. Und weil mir mir san, lassen mir uns aa nix mehr g'fallen,

aber schon gar nixn nit, aa nit den heiligen Bürokrazi, den Pazi! Was

machen ma nachher mit dem heiligen Bürokrazi, weil ma ihn nit brauchen,

den Pazi? Erschlagen tuan ma den Bürokrazi, den Pazi, weil ma ihn nit

brauchen den Bürokrazi!

Weil mir mir san und weil mir uns nixn nit g'fallen lassen und weil mir

erschlagen können, wen wir wollen! Drum haut's eahm oane eini dem

heiligen Bürokrazi, dem Pazi, und schlagt's eahm die Zähnd in Rachen

abi, daß s' eahm in Doppelreihen da außermarschieren, wo er den Verstand

hat! Mir san mir!...

Auf diese Rede des Kare Revoluzzer erhub sich ein fürchterliches Gejohle

in der Versammlung. Der heilige Bürokrazius war aber anwesend, und es

war große Gefahr vorhanden, daß es ihm an den Kragen ging. Er setzte

sich jedoch zur Wehre, und es gelang ihm, den bitterbösen Kare

Revoluzzer glorreich zu widerlegen.

Es sprach aber der heilige Bürokrazius, nachdem er sich mühsam Gehör

verschafft hatte, die folgenden denkwürdigen Worte ...

Meine vielgeliebten andächtigen Zuhörer! Es ist eine große Gemeinheit

von meinem sehr geehrten Herrn Vorredner, daß er mich erschlagen will.

Ich hätte ihm das gar nicht zugetrauet. Bedenket, was ihr dann beginnet,

wenn ihr den heiligen Bürokrazius erschlagen habet. Wer wird euch noch

auf Erden beglaubigen, wer ihr seid? Wer wird euch registrieren und

numerieren? Ohne den heiligen Bürokrazius seid ihr überhaupt nicht mehr

vorhanden.

Ich gebe es gerne zu, daß unter meinen Jüngern und Anhängern sehr viele

Esel sind. Aber bedenket des weiteren, daß Gott der Herr diesem so sehr

verachteten Vieh eine große Ehre angetan hat, indem er auf ihm zu

Jerusalem eingeritten ist. Ihr müsset dahero auch die Esel unter meinen

Jüngern hochachten und schätzen.

Und so ihr euch auch im heiligen Zorne manchmal versuchet fühlet, mich

oder einen meiner Mitesel zu erschlagen, lasset euch ja nicht dazu

verleiten, sondern erinnert euch an die Worte der heiligen Schrift: Der

Gerechte erbarmet sich seines Viehes. _Dixi et salvavi animam meam!_...

Auf diese Worte des heiligen Sankt Bürokrazius erhub sich ein brausender

Jubel in der Versammlung.

Nachdem es dem heiligen Bürokrazius durch seine Rede gelungen war,

das liebe Publikum wiederum auf seinen ursprünglichen Standpunkt

zurückzuführen, hatte er den Kampf gegen den bitterbösen Kare Revoluzzer

gewonnen und diesen feuerroten Teufelsbraten glorreich widerleget.

Obwohl es diesem wüsten Gesellen geglücket war, den guten König zum

Teufel zu jagen, der ihm niemals etwas getan hatte, so glückete es ihm

keineswegs gleichermaßen, den heiligen Bürokrazius zu erschlagen.

Das liebe Publikum vermochte sich auch unter dem Einflusse des

bitterbösen Kare Revoluzzer nie und nimmermehr von dem heiligen

Bürokrazius zu trennen.

Das darf dich, o großgünstiger Leser, nicht arg wundernehmen. Denn es

ist leichter, einen König zum Teufel zu jagen, wenn er dir auch nichts

getan hat, als einem Heiligen den Garaus zu machen, und vornehmlich dem

mächtigsten Heiligen, der jemals auf Erden erstanden ist, dem heiligen

Bürokrazius.

[Verzierung]

Wie der heilige Bürokrazius gen Himmel fuhr und seinen

himmlischen Einfluß auf den Kare Revoluzzer wirken ließ.

Nachdem der heilige Bürokrazius zu der Überzeugung gelanget war, daß er

auch in dem knallroten kommunistischen Freistaate des Kare Revoluzzer

unbehelliget sein heiliges Dasein weiterführen werde, lud er seine

Jünger und Anhänger zu einem Festabende ein, an dem das Weihelied von

der petschierten Sau mit besonderer Inbrunst gesungen wurde.

Der bitterböse Kare Revoluzzer aber grinste wütend zu den Fenstern des

Lokales derer Versammlung herein. Er getraute sich jedoch nicht mehr zu

brüllen: »Zu was brauch' ma den heiligen Bürokrazi, den Pazi!« -- weil

er fürchtete, daß er derohalben belanget werden könnte. Wenn er auch den

guten König zum Teufel gejagt hatte, der ihm nie was getan hatte, so sah

er doch ein, daß es ihm niemals gelingen würde, den heiligen Bürokrazius

zum Teufel zu jagen, geschweige denn ihn zu erschlagen.

Der heilige Bürokrazius aber, welcher zur Erkenntnis gelanget war, daß

er nunmehro seine heilige _missionem_ auf Erden vollkommen erfüllet

hatte und daß er die Früchte seiner Sendung seinen Jüngern überlassen

könnte, verabschiedete sich an jenem Festabend ganz besonders feierlich

von seinen Jüngern.

Er sprach zu ihnen: »Hocket euch auf den Sitz eures Verstandes, meine

Vielgeliebten und Getreuen! Ich will heute von euch scheiden und gen

Himmel fahren, dieweilen es mich schon lange gelüstet, in dieser Gegend

Nachschau zu halten, ob da droben auch alles registrieret, numerieret

und ordnungsgemäß eingetragen worden ist. Mich will es völlig bedünken,

daß ich in der himmlischen Gloria noch gewaltige Aufgaben zu erfüllen

haben werde. Ich höre schon die Stimmen der Heiligen und Erzväter über

mir, welche in Sehnsucht nach mir rufen, dieweilen ihnen der liebe Gott

die auferbauliche Gesellschaft des saudümmsten Heiligen versprochen hat,

der zu sein ich bekanntlich die himmlische Ehre habe. Ich hinterlasse

den Menschen zu ihrem Troste dich, den heiligen Stultissimus, dich, den

heiligen Grobian, und dich, den heiligen Blödian, und dich, den heiligen

Schlamprian, und dich, den heiligen Schnüfflian, und nicht zuletzt dich,

den lieben, guten, gemütlichen und für alle irdischen Drangsale

verständnisvollen heiligen Corruptius.«

Bald nachdem der heilige Bürokrazius solches gesprochen hatte, erhub er

sich und fuhr gen Himmel. Zufällig schloß gleichzeitig das neuerlich

angestimmte Weihelied der Tafelrunde mit den erhebenden Worten: »D'Sau

rennt davon!«

Seine Jünger starrten dem Heiligen noch lange nach und sahen den Sitz

seines Verstandes gleich einem leuchtenden Gestirne zwischen den Wolken

verschwinden.

Auf der dunklen Straße lauerte aber noch immer der bitterböse Kare

Revoluzzer. Auch er starrte dem heiligen Bürokrazius nach, wie er gen

Himmel fuhr. Seinen Lippen entrang sich der staunende Ausruf: »Da

schaut's amal den Pazi, den Bürokrazi!« ...

Als die Jünger des heiligen Bürokrazius sich von dem Festabende

entfernten, da machte sich der knallrote Kare Revoluzzer heimlich an den

freundlichen heiligen Corruptius heran, nahm ihn unter den Arm und bog

mit ihm in eine stille Gasse ab, wo sie weder gehöret noch gesehen

werden konnten.

Dort fand eine lange Unterredung zwischen dem Kare Revoluzzer und dem

heiligen Corruptius statt, die allem Anscheine nach zu einem sehr

befriedigenden Resultate führte, sintemalen sich die beiden schließlich

mit den untrüglichsten Anzeichen des innigsten Verständnisses und der

herzlichsten Freundschaft voneinander verabschiedeten ...

Es erwies sich aber auch alsobald der himmlische Einfluß des heiligen

Sankt Bürokrazius an dem bitterbösen Kare Revoluzzer.

Dieser rote Bösewicht wurde nämlich von einer innigen Verehrung für den

von dem heiligen Bürokrazius schon längst gestifteten Ratstitel erfaßt.

Und so begeistert war diese innige Verehrung, daß der bitterböse Kare

Revoluzzer in seinem knallroten kommunistischen Freistaate lauter neue

Ratstiteln einführte.

Dem Schreiber dieser Legende ist es wegen mangelnden Platzes nur

vergönnet, ein paar Endsilben der betreffenden Titeln in der

Räterepublik des Kare Revoluzzer bekanntzugeben, dieweilen bei jedem

Titel diesen Silben noch weitere 365 Silben vorangingen, auf daß jeder

Tag des Jahres einen festlichen ratsherrlichen Charakter trüge. Die

nachfolgenden Titel stellen dahero nur eine durch obbesagten Grund

bedungene ärgerliche Verkürzung der wirklichen Gesamttitel dar.

In dieser Verkürzung ernannte der bitterböse Kare Revoluzzer jeden

Briefträger zum Geheimen Korrespondenzrat, jeden Leichenkutscher zum

Kondolenzrat, jedes Tratschweib zur Frau Geheimen Konferenzrat, jeden

Drehorgelmann zum Musikrat, jede Hebamme zur Frau Geburtsrat, jeden

Schaffner zum Verkehrsrat, jeden Trambahnschaffner _in specialibus_ zum

Ringlinienrat _vulgo_ Rundamadumrat, jeden Kellner zum Schankrat, jeden

Käsehändler _vulgo_ Kasstecher zum Obergestankrat, jeden Greisler zum

Viktualienrat, jeden Bahnwärter zum Streckenrat, jeden Lokomotivführer

zum Oberdampfrat, jeden Friseur zum Verschönerungsrat, jeden Billeteur

zum Knipsrat, jeden Krawattenhändler zum Schlipsrat, jeden

Pfandverleiher zum Geheimen Pumprat, jeden Gerichtsvollzieher

zum Wirklichen Pfändungsrat, jeden Steuereintreiber zum

Obervolksbelästigungsrat, jeden Laternenanzünder zum Illuminationsrat,

jeden Kassendieb zum Defraudationsrat, jeden Mädchenhändler zum

Liaisonsrat, jede Kupplerin zur Frau Geheimen Okkasionsrat, jeden

Vereinsmeier zum Koalitionsrat, jeden Schwindler zum Illusionsrat, jeden

Schnapsbruder zum Alkoholrat, jeden Hausbesitzer zum Obersteigerungsrat,

jeden Hausknecht zum Wirklichen Hinausbeförderungsrat, jedes Radiweib

zur Frau Radirat, jeden Stiefelputzer zum Fußbekleidungspoliturrat,

jeden Kastanienbrater zum Maronirat, jeden Südfrüchtenhändler zum

Limonirat, jeden Charkutier zum Salamirat, jedes Siemanndl zum

Wirklichen vortragenden Unterpantoffelheldenrat, jeden Kanalräumer zum

Kanalrat, jeden Krakehler zum Krawallrat, jeden Heiratsvermittler zum

Matrimonialrat, jeden Revolverjournalisten zum Skandalrat, jede Kuhdirn

zur Frau Stallrat, jeden Besoffenen zum Ruhestörungsrat, jeden

Vagabunden zum Wirklichen öffentlichen Landstraßenrat, jeden Schieber

zum Geheimen Ernährungsrat, jeden Mistfuhrwerker zum Kompostrat, jeden

G'scheerten zum Ökonomierat, jeden Löwenbändiger zum Menagerierat, jeden

Dilettanten zum klassischen Genierat, jedes Urviech zum Zoologierat,

jedes Kamel zum Wüstenrat, jeden Miederfabrikanten zum Geheimen

Büstenrat, jeden Verrückten zum Oberspinnrat, jeden Trottel zum

Wirklichen Intelligenzrat und alle sonstigen noch mit keinem Ratstitel

bedachten Individuen zu wirklich wirklichsten insgeheim geheimsten

Generalproletenräten mit dem Titel Seine Herrlichkeit.

Trotzdem wurde eines Tages ein sehr zweifelhaftes Individuum

aufgegriffen, von welchem es sich bei näherer Untersuchung

herausstellte, daß es nicht einmal einen Ratstitel besaß.

Im Interesse der Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit

verfügte der bitterböse Kare Revoluzzer sofort, daß dieses ratlose

Individuum wegen monarchistischer Umtriebe in Schutzhaft gesetzet wurde.

Da schaute der heilige Bürokrazius vom Himmel herunter und lachte.

_Finis_

[Verzierung]

* * * * *

* * * *

* * * * *

Errata:

Rechtschreibungsformen wie »erhub« bzw. »erhob« sind ungeändert.

und betrachtete _pollicem suum_ [policem]

Davon der Schnauzbart sich jedoch unterscheidet [edoch]

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Der heilige Bürokrazius: Eine heitere Legende · 第 6 / 6 段