»Mußt halt ein Roß finden, das sonst kein anderer brauchen kann!« sagte

die Stimme des Erzengels. »Ein gewöhnliches Roß ist freilich für dich

nicht erschaffen. Du mußt ein ganz außerordentliches Roß finden. Du

darfst jetzt nicht beleidigt sein über das, was ich dir sage. Du wirst

ja noch wissen, warum du mit aller gebührenden Feierlichkeit zum

Heiligen geschlagen wurdest. Dahero mußt du auch das dümmste Roß auf

Gottes Erdboden finden. Dasselbige ist sodann dein Roß. Auf ihm wirst du

reiten können. Und es wird dich gutwillig tragen. Sonst wäre es ja nicht

das dümmste Roß. Denn jedes andere Roß, das nicht mindestens so dumm ist

wie du selber, wird dich unter aller Bedingung abwerfen, dieweilen es

keinem Vieh einfällt, ein noch dümmeres Vieh zu tragen, als es selber

ist. Wenn es dir jedoch gelingt, dieses dümmste Roß zu finden, dann

wirst du in aller Herrlichkeit prangen. Denn du mußt es begreifen, daß

die berittene Dummheit noch viel siegreicher ist als unberittene

Hühneraugen!«

Sprach's, und die Stimme verschwand aus dem Inneren des Heiligen. Er war

nun wieder auf sich selbst gestellet und mußte seine eigenen Entschlüsse

fassen. Der Rat des Erzengels erschien ihm jedoch als wahrhaft

himmlisch. Wenn er sich vorstellte, wie er hoch zu Roß durch die Welt

trabte, dann schwoll ihm gewaltig der Kamm. Es galt also, das dümmste

Roß zu finden.

Lange suchte der heilige Bürokrazius nach diesem seltenen Vierfüßler. Er

glaubte, der Qual seiner Hühneraugen bereits unterliegen zu müssen, als

er an einem sonnenhellen Maientage zu einem Stalle kam, in dem ein Roß

fröhlich wieherte.

Der heilige Mann trat mühselig hatschend ein. Vor die Futterkrippe war

ein Schimmel gebunden. Just keine Vollblutrasse und auch kein schönes

Tier. Das störte aber den heiligen Bürokrazius nicht im geringsten,

dieweilen er das von sich auch nicht behaupten konnte. Er trat an den

Schimmel heran, an dem man alle Rippen zählen konnte und der überall die

Beiner aufstellte, daß man ihn auch ganz gut zu einem Hutständer hätte

gebrauchen können.

Der Schimmel fraß gierig aus der Krippe. Als der Heilige näher zusah,

hatte der Schimmel lauter Papier in der Krippe, das er mit

offensichtlichem Behagen verzehrte.

Sintemalen aber alles, was Papier war, für den Heiligen ein wichtiges

Lebenselement darstellte, sah er auch alsogleich nach, um welches Papier

es sich handelte. Zu seinem heiligen Entzücken waren es lauter Akten,

mit denen man den Schimmel fütterte.

»O du heiliges Roß Gottes!« rief der Heilige in himmlischer Verzückung.

»Durch welches Wunder verzehrest du Akten?«

»Hihihihi!« lachte der Schimmel und drehte sich, lebhaft wiehernd, nach

dem heiligen Manne um.

Da ersah der heilige Bürokrazius, daß sie dem Schimmel grüne Brillen

aufgesetzt hatten. Und das Vieh war so dumm, daß es durch die grünen

Brillen Gras statt Papier zu fressen glaubte. Nunmehro erkannte der

heilige Bürokrazius, daß er das dümmste Roß auf Gottes Erdboden gefunden

hatte. Er fiel mit Tränen der Rührung in den Augen dem Schimmel um den

Hals und gab ihm einen Bruderkuß.

»Hihihihi!« lachte der Schimmel vergnügt und geschmeichelt.

Alsodann hielt ihm der heilige Bürokrazius folgende feierliche

Ansprache: »O du dümmstes Roß, sei mir gegrüßt! Auf dir werde ich die

ganze Welt erobern. Denn unsere Dummheit ergänzet sich in der

wundertätigsten Weise. Wir werden ein Wesen sein, eine Seele und ein

Gedanke. Und die Menschheit wird uns staunend dahinschreiten sehen und

wird sich ehrfurchtsvoll vor uns beugen. Und nie sollst du des Futters

ermangeln. Ich will dich dick und fett mästen. Gott erhalte dir deine

Dummheit! Und nun, du heiliger Schimmel, du dümmstes Roß Gottes auf

Erden, deinem Herrn ebenbürtig und zu immerwährendem Dienste zugesellet,

trage mich hinaus in die Welt!«

»Hihihihi!« lachte der Schimmel geschmeichelt ob dieser Rede.

Der heilige Bürokrazius band ihn von der Krippe los und schwang sich auf

seinen Rücken. Der Schimmel trug ihn sonder Widerstand, als wenn er das

von jeher gewöhnet gewesen wäre. So zogen sie beide aus dem Stalle

hinaus. Der Heilige mit Rüsselnase und Eselsohren, der Schimmel mit den

grünen Brillen.

Es war ein Anblick, an dem sich Himmel und Erde erfreuen konnten. Und

die Heiligen auf der Himmelswiese lachten, als sie ihren neuen Gefährten

dahintraben sahen. Und sie hatten Gesprächsstoff für den ganzen Tag. Das

war aber nach dem himmlischen Zeitmesser für eine halbe Ewigkeit.

Die Menschen jedoch beugten sich vor dem Heiligen mit seinem Schimmel

noch mehr als früher. Nun war es nicht nur der Heiligenschein, der ihnen

Demut und Ehrfurcht einflößte. Es waren auch die grünen Brillen des

Schimmels. Was mußte das für ein gelehrtes Roß sein, das sogar Brillen

trug!

»Alles muß nach einem Schema gehen!« verkündigte der Heilige. »Denken

ist überflüssig! Akten und Formulare sind die höchste Weisheit auf

Erden!«

»Hihihihi!« lachte der Schimmel in fröhlichem Wiehern. Er konnte auch

zufrieden sein; denn er hatte seinen Herrn gefunden, der ihn zärtlich

liebte und pflegte.

[Verzierung]

Wie der heilige Bürokrazius in dem heiligen

Stultissimus seinen ersten Jünger warb.

Es ereignete sich nunmehro das Nachfolgende.

Ihr erwartet wohl von dem Schreiber dieser Legende, daß er euch den

Heiligen in seiner erhabenen Berittenheit hoch zu Roß in langen Exkursen

abschildert. Das tut er aber nicht. Er läßt sich absichtlich nicht dazu

verleiten, den himmlischen Anblick des heiligen Bürokrazius auf seinem

Schimmel auszumalen und zu beschreiben. Und das derohalb, weil er ein

gewissenhafter Skribent ist und mit dem Lottergesindel der Poeten und

Maler _alias_ Pinselwascher nichts zu tun haben will. Denn beide,

die _poetae_ und die _pictores_, haben das Privilegium der Lüge und

Erfindung.

Dahero schicket sich nichts besser, als wenn ein Poet den Maler zum

Gevattern bittet; denn _fingere_ und _pingere_ sind die vertrautesten

Spießgesellen. Das Gehirn der Poeten steckt bekanntlich voll der

ausgeschämtesten Lügen. Und der Malerpinsel ist auch nicht skrupulös;

und wenn er schon aus Haaren bestehet, so gehet er dennoch nicht ein

Haar auf die Wahrheit ...

_... Pictoribus atque poetis

Quilibet audendi semper fuit aequa potestas._

Dichten können nach Begnügen

Alle Maler und Poeten;

Dürfen sie doch tapfer lügen,

Wann die Wahrheit schon vonnöten.

Sotanes würde aber dem Schreiber dieser heiligen Legende übel genug

anstehen. Hat er sich bis anhero der purlauteren Wahrheit beflissen,

wird er sich auch künftighin zu keinen malerischen und poetischen

Winkelzügen und Umschreibungen verleiten lassen. Wohl aber kann er es

sich nicht versagen, den heiligen Bürokrazius zur Bereicherung deines

Wissens, frommer Leser, mit einem anderen gottseligen Manne zu

vergleichen, der vom Roß herunter ein Heiliger wurde, während der

heilige Bürokrazius in seiner Demut auf das Roß hinauf kam.

Es handelt sich um den gottseligen Petrus Consalvus in Spanien. Als der

einst vor einer großen Menge Volkes mit absonderlichem Gepränge auf

einem stolzen Klepper dahertrabte, fiel er unvermutet in eine wüste

Kotlacken, worinnen er sich wie in einem Saubade herumgewälzet und einem

Mistfinken nicht ungleich gesehen, welches dann jedermann zu einem

ungestümen Gelächter bewogen hat. Er aber nahm wahr, daß ihn die Welt

also auslachte, entschloß sich augenblicklich, dieselbe hingegen wieder

auszulachen, trat in einen heiligen Orden und lebte gottselig. Dem hat

also gleichsam die Kotlacken das Gewissen gesäubert und den Hochmut

ausgewaschen.

Selbiges hatte der heilige Bürokrazius nicht vonnöten, dieweilen er erst

in Verzweiflung ob seiner Hühneraugen hoch zu Roß gekommen, demnach nie

aus Hochmut beritten war. Darum ist es ihm auch niemals widerfahren,

daß er sich von seinem Schimmel unfreiwillig und von der ganzen Welt

verlacht hat trennen müssen.

Unbehindert und ohne Kotspritzer ritt er durch die Welt. Und es

ereignete sich, daß er in seiner erhabenen Berittenheit noch besser

denken konnte wie früher, als er mit seinen Hühneraugen durch die Welt

hatschte. Nachdem der Sitz seines Verstandes in unmittelbarer Berührung

mit dem Schimmel war, dachte der Heilige fürderhin noch leichter. Er

dachte nach dem Tempo des Amtsschimmels.

Sintemalen jedoch rasches Denken die Tiefe seiner Weisheit nachteilig

beeinflussen konnte, ließ der Heilige den Schimmel stets in einer sehr

gemächlichen Gangart dahintrotten. Es eilte ja nicht. Der Heilige hatte

Zeit, und der Schimmel hatte Zeit, und das liebe Publikum bewunderte den

heiligmäßigen langsamen und erhabenen Trott des Schimmels.

So ritt denn an einem schönen Sommertage der Heilige, tief versunken in

seine Gedanken, durch die Welt. Er hörte und sah nichts von seiner

Umgebung; denn er arbeitete nach dem Trott des Schimmels an einem neuen

Formular, mit dem er die Menschen beglücken wollte. Er hörte nicht das

Feilen des Gimpels und die schlagende Halsuhr der Wachtel, nicht das

gemeine Schleiferliedel der Amsel und das _Te Deum Laudamus_ der Lerchen

und nicht das Passarello des Stieglitzes. Er sah auch nicht die

gestickte Arbeit der Wiesen auf ihrem grünsamtenen Teppich, das lustige

Laubfest der Wälder und des ganzen Erdbodens hochzeitliches Gepränge.

So gab es ihm und seinen Gedanken einen gewaltsamen, plötzlichen und

jähen Ruck, als der Schimmel auf einmal stehenblieb und lebhaft

wieherte, als ob er einen alten Bekannten begrüßen würde.

Der Schimmel starrte durch seine grünen Brillen auf einen Kerl, der am

Wegrande saß, die Erde mit seinem Gewicht beschwerte und nichts anderes

tat, als daß er dem lieben Herrgott den Tag wegstahl.

Alldieweilen das Denkvermögen und dahero auch die Beobachtungsgabe des

Heiligen untrennbar von seinem Schimmel geworden war, starrte nunmehro

auch er auf den fremden Kerl. Der sah aber nicht gerade sehr gepflegt

aus. Er hatte struppiges Haar und einen verwilderten Bart. Auch wiesen

seine Kleider so viele Löcher auf, daß man in ihnen keine Maus hätte

fangen können. Geist stand just nicht in seinem Gesichte geschrieben.

Dafür guckten ihm aber die großen Zehen beider Füße fürwitzig aus den

Stiefeln. Wenn der Kerl überhaupt was tat, so war er offenbar damit

beschäftiget, seine in Gottes freie Luft ragenden Zehen zu betrachten,

als ob er ihnen besondere Eingebungen verdanken würde.

»Hihihihi!« lachte der Schimmel. Daneben dachte er sich in seinem

Roßverstand: »Mir scheint, der Kerl ist genau so blöd wie wir beide.«

Der heilige Bürokrazius aber setzte sich auf seinem Schimmel zurecht und

fragte den fremden Kerl mit vornehmer Gelassenheit von oben herab: »Wo

haben Sie Ihren Paß?«

»Ha?« sagte der Kerl, der nicht gut zu hören schien.

»Wo Sie Ihren Paß haben?« wiederholte der Heilige sehr bestimmt.

»Was? Paß? Nix Paß!« erwiderte der Kerl.

»Was? Sie haben keinen Paß?« schnaubte der Heilige in gerechtem Zorn.

»Hühühühü!« wieherte der Schimmel entrüstet und begann den Kerl zu

beschnuppern.

»Ha?« sagte der Kerl.

»Sie haben keinen Paß!« rief der Heilige mit erhobener Stimme. »Dann

sind Sie ja ein ganz gewöhnlicher Landstreicher!«

»Ha?« sagte der Kerl.

»Ein ganz gewöhnlicher Landstreicher sind Sie! Ein Vagabund!« rief der

Heilige laut von seinem Schimmel herunter.

»Was? Landstreicher?« sagte der Kerl und langte faul und behaglich nach

einem derben Knüttel, der neben ihm im Grase lag. »Du, halt' di fein

z'ruck!«

»Wie reden Sie denn überhaupt mit mir?« rief der Heilige empört.

»Ha?« fragte der Kerl.

»Wie Sie mit mir reden?«

»I? Wie i mit dir red'? Deutsch!« sagte der Kerl.

»Stehen Sie überhaupt auf, wenn man mit Ihnen spricht!«

»Ha?«

»Aufstehen sollen Sie, wenn man mit Ihnen spricht!«

»I? Was? Aufstehn? Fallt mir nit im Schlaf ein!«

»Das ist doch eine unerhörte Frechheit!« rief der Heilige. »Haben Sie

denn überhaupt eine Ahnung, wer ich bin?«

»Ha?«

»Ob Sie eine Ahnung haben, wer ich bin?«

»A saudumm's Rindviech bist!«

»Hihihihi!« lachte der Schimmel.

Der Heilige wurde durch diese Erkenntnis seiner Persönlichkeit

wesentlich milder gestimmt und fragte den Kerl ziemlich freundlich:

»Also Paß haben Sie keinen?«

»Ha?«

»Paß haben Sie keinen?«

»Naa.«

»Auch sonst keine Ausweispapiere?«

»Ha?«

»Papiere!«

»Papier? Brauch' i keins. I wisch mi alleweil mit Gras ab!«

Der heilige Bürokrazius lächelte in seiner himmlischen Milde mitleidig.

Dann frug er den fremden Kerl: »Wie heißen Sie denn eigentlich?«

»Ha?«

»Wie Sie heißen!«

»Wie i heiß? Das geht dich an Schmarrn an!«

»Aber Sie müssen doch einen Namen haben.«

»Namen? Hab' i aa!« sagte der Kerl.

»Also wie heißen Sie!«

»Nit so wie du.«

»Ich bin der heilige Bürokrazius!« sagte der Heilige.

»Wer?«

»Der heilige Bürokrazius!«

»Dös hab' i mir gleich denkt!« sagte der Kerl. »Ein anderer fraget mich

nit so saudumm aus!«

Der Heilige lächelte geschmeichelt. Dann frug er mit der freundlichsten

Herablassung: »Wollen Sie nun nicht so liebenswürdig sein und mir Ihren

werten Namen verraten?«

»Ja, wenn i dir damit a besondere Freud' mach', warum denn nit!« sagte

der Kerl nachgiebig. »Stultissimus heiß ich!«

»Danke verbindlichst!« sprach der Heilige höflich. »Nun, mein lieber

Herr Stultissimus, wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, was Sie

eigentlich sind?«

»Ha?«

»Ich möchte Sie höflichst ersuchen, mir zu sagen, was Sie sind?«

»Kannst denn mit deiner blöden Fragerei gar nimmer aufhören!« wurde der

Kerl plötzlich wieder obstinat.

»Aber Sie müssen doch irgendeinen Beruf haben!« sagte der Heilige

ungemein liebenswürdig.

»Ha?«

»Ihr Beruf?«

Da erhob der Kerl seine rechte Hand und zog mit dem Zeigefinger

derselben einen Kreis um seinen struppigen Schädel.

Dann sagte er: »Heiliger.«

Der heilige Bürokrazius bemerkte aber, daß der Kerl tatsächlich einen,

wenn auch schmalen, so doch glänzenden Streifen um den Schädel trug.

»Auch Heiliger?« sprach er mit einer gewissen Kameradschaftlichkeit.

»Was denn sonst?« sagte der fremde Kerl.

»Sie entschuldigen schon, daß ich das nicht gleich bemerkt habe!« meinte

der heilige Bürokrazius.

»Bist halt zu blöd dazu!« sagte der heilige Stultissimus mit einer

gemütlichen Nachsichtigkeit.

»Wer hat Ihnen denn Ihren Heiligenschein verliehen?« frug der heilige

Bürokrazius.

»Nix verliehen!« erwiderte der heilige Stultissimus. »Von selber

g'wachsen!«

»Ah so!« sagte der heilige Bürokrazius. »Respekt! Da gratulier' ich.«

Damit stieg der Heilige von seinem Roß und setzte sich neben den

heiligen Stultissimus. Einerseits aus Kollegialität, anderseits um sich

mit seinem offensichtlich etwas schwerhörigen Mitheiligen besser

verständigen zu können. »Freut mich sehr, Ihre werte Bekanntschaft

gemacht zu haben!« sagte er höflich.

»Weißt was, sein mer per du!« meinte der heilige Stultissimus jovial.

Da rückte der heilige Bürokrazius unwillkürlich etwas von ihm weg und

betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen.

»Vielleicht nit?« fragte der Stultissimus im Ton einer aufsteigenden

Beleidigung.

»Aber selbstverständlich!« beeilte sich der heilige Bürokrazius zu

versichern.

»Also, sollst leben!« sagte der Stultissimus und klatschte ihm mit der

flachen rechten Hand kräftig auf seine Glatze.

»Nix drinnen? Ha?« frug er freundlich.

»Mit Verlaub,« erkundigte sich der heilige Bürokrazius nach einer Weile,

»wo hast denn du deinen Verstand?«

»Verstand?« erwiderte der andere. »Verstand hab' i überhaupt keinen.«

»Aber du mußt doch auch was denken.«

»Denken tu i nix.«

»Ja, wie fallt dir denn nachher was ein?«

»Wie mir was einfallt? Mir scheint, am meisten fallt mir alleweil ein,

wenn i meine großen Zehen betracht'!« sagte der heilige Stultissimus und

stellte seine Zehen in die Luft.

»Aha!« meinte der heilige Bürokrazius. »Dann ist dir dein Verstand in

die Zehen abig'rutscht. Mir ist er weiter oben steckengeblieben. Auf die

Weis' passen wir zwei ja ganz prächtig zusammen. Der heilige Bürokrazius

und der heilige Stultissimus, das ist doch ein wundersames Paar. Da

werden die Leut' aber schauen!«

»Meinst?« sagte der heilige Stultissimus.

Nachdem sie längere Zeit im beschaulichen Stillschweigen nebeneinander

gesessen hatten, hub der heilige Bürokrazius wieder an: »Eigentlich

solltest du aber doch eine Stellung haben!«

»Ah was! Stellung!« machte der heilige Stultissimus verächtlich. »Da bin

i mir zu wenig dumm dazu.«

»Die nötige Dummheit kommt mit der Stellung!« belehrte ihn der heilige

Bürokrazius.

»Das sieht man bei dir!« sagte der heilige Stultissimus gutmütig.

»Na also!« munterte ihn der heilige Bürokrazius auf. »Wie wär's denn,

wenn du bei mir Stallknecht würdest. Für den Amtsschimmel da. Der ist

das dümmste Roß auf Erden. Ich bin das größte Rindviech. Und du bist der

größte Steinesel. Da sind wir eine herrliche Menagerie und können der

ganzen Welt einen Zirkus abgeben, daß sie damisch wird vor lauter

Begeisterung. Heiliger Stallknecht Stultissimus, schlag' ein!«

»Was zahlst denn nachher?« frug der heilige Stultissimus, der sich die

Sache zu überlegen schien.

»Zahlen? Ja, was fällt denn dir ein? Das ist doch eine Ehrenstellung!«

»Mit Ehrenstellungen kannst du mir g'stohlen werden! Siehst, da bin ich

auch wieder zu wenig dumm dazu.«

Da der heilige Stultissimus mit keiner Überredungskunst zu bewegen war,

die Stellung eines Stallknechtes als Ehrenstellung zu übernehmen,

einigten sich die beiden Heiligen schließlich auf einen bestimmten Lohn

und auf eine Kündigungsfrist. Es ist aber nicht bekannt geworden, daß

sich der heilige Stultissimus und der heilige Bürokrazius jemals wieder

getrennt hätten. Wie aus dem Folgenden zu ersehen ist, wurde der

Stultissimus außer seinem Roßamt auch noch ein bedeutender geistiger

Mitarbeiter des Bürokrazius.

Wie die beiden Heiligen einen auferbaulichen Disput

hatten und das respektvolle Ergebenheitstränklein

brauten.

An einem Abend saßen die beiden Heiligen zusammen in dem dämmerigen

Stalle des Amtsschimmels und schauten bedachtsam zu, wie der Schimmel

Akten fraß und sie regelrecht verdaute, um dann einen Teil derselben als

Roßmist wieder von sich zu geben.

Um diesen Mist war den beiden Heiligen schon längst leid gewesen,

und sie hatten bereits des öfteren miteinander beratschlagt, was sie

eigentlich mit dem Mist des Amtsschimmels beginnen sollten.

Da der heilige Bürokrazius den Erzengel Michael wegen seiner ihm sattsam

bekannten Grobheit in dieser mistigen Angelegenheit nicht eigens um Rat

zu fragen wagte, beriet er die heikle Sache lieber mit seinem heiligen

Stallknecht.

Auch der heilige Stultissimus war der Ansicht, daß der Mist des

Amtsschimmels sich von gewöhnlichem Pferdemist wesentlich unterscheiden

müsse und richtig verwendet wunderbare Früchte zeitigen könnte.

Um der Sache endlich auf den Grund zu kommen, setzte sich der heilige

Bürokrazius ganz energisch nieder, und der heilige Stultissimus

betrachtete seine beiden nackten großen Zehen, die ihm in rührender

Anhänglichkeit noch immer aus den Stiefeln guckten.

Dabei entwickelte sich zwischen den beiden Heiligen dieser auferbauliche

Disput:

_Sankt Bürokrazius_: Was fangen wir nur mit dem Mist da an?

_Sankt Stultissimus_: Mit welchem Mist da?

_Sankt Bürokrazius_: Mit dem Mist da.

_Sankt Stultissimus_: Ah, mit dem Mist da.

_Sankt Bürokrazius_: Ja.

_Sankt Stultissimus_: Ah so.

_Sankt Bürokrazius_: Das ist sozusagen ein heiliger Mist.

_Sankt Stultissimus_: Der Mist da?

_Sankt Bürokrazius_: Ja.

_Sankt Stultissimus_: Ah so.

_Sankt Bürokrazius_: Das ist also kein gewöhnlicher Mist, sintemalen und

alldieweilen er von dem Amtsschimmel stammet. Dahero ist er auch

geheiliget und kann den Menschen nicht oft genug eingepräget werden.

Demzufolge muß auch dieser sozusagen heilige Mist des Amtsschimmels der

Menschheit in irgendeiner Form zugeführet werden.

_Sankt Stultissimus_: So werden sie ihn aber nit fressen.

_Sankt Bürokrazius_: Derohalben muß irgendeine ersprießliche Form für

die Verwertung besagten Mistes gefunden werden.

_Sankt Stultissimus_: Reden ist leicht, aber einfallen sollt' einem halt

was.

_Sankt Bürokrazius_: Wie wäre es, wenn wir diese unschätzbaren

Äußerungen des Amtsschimmels abkochen würden und ein Tränklein daraus

bereiten würden, das der ganzen Menschheit zum Heile und uns zum höheren

Ruhme verhelfen würde? Wozu lagert ansonsten der Amtsschimmel seinen

Mist ab, wenn er nutzlos verdirbt!

_Sankt Stultissimus_: Das wär' eine Idee.

_Sankt Bürokrazius_: Die Menschen haben noch immer zu wenig Respekt vor

dem heiligen Bürokrazius. Es muß ihnen viel mehr respektvolle

Ergebenheit vor seiner Weisheit eingeflößet werden. Wie könnte das

besser geschehen, als durch den Mist des Schimmels, der den heiligen

Bürokrazius trägt, auf dem der heilige Bürokrazius nicht nur reitet und

denkt, dessen erhabener Gangart er sogar seine Entschließungen,

Verordnungen und Maßnahmen verdanket. Denn was ansonsten gewöhnlicher

Roßmist ist, das ist allhiero der unergründliche Geist von tausend

Akten, _quasi_ das _Extractum_ aller gebührenden Ehrfurcht vor dem

heiligen Bürokrazius, der anselbsten zu sein Redner die hohe

Auszeichnung besitzet.

_Sankt Stultissimus_: Bist jetzt nachher bald fertig? Das kann man doch

kürzer sagen: Den Mist abkochen und den Menschen zu saufen geben.

_Sankt Bürokrazius_: Mein lieber Stultissimus, du hast leider noch immer

nicht das richtige Verständnis für den Amtsstil.

_Sankt Stultissimus_: Steig' mir in Buckel mit deinem Amtsstiefel! Also

probieren wir's halt einmal mit dem Trankl! --

Damit sammelten die beiden Heiligen sorgfältig den Mist des

Amtsschimmels, gingen hin, richteten einen Kessel und ein Feuerlein zu

und begannen zu kochen.

Der heilige Bürokrazius klebte an die Türe der Küche einen großen

Zettel, auf dem zu lesen stund: »Insgeheime geheimste Kuchel. Eintritt

strengstens verboten!« Es wagte auch niemand die beiden Heiligen in

ihrer geheimnisvollen Tätigkeit zu stören.

Dem brodelnden Kessel entstiegen die lieblichsten Düfte. Dabei geschah

ein himmlisches Wunder, welches das ehrerbietige Staunen und die

uneingeschränkte Begeisterung der beiden Heiligen erregte.

Der Rauch, der von dem Kessel emporwirbelte, war kein gewöhnlicher

Rauch, sondern er entschwebte dem Kessel in den herrlichen Formen von

lauter Paragraphenzeichen, die lange Zeit in der Luft hängen blieben,

bis sie von nachflatternden neuen Paragraphen abgelöst wurden. Daraus

erkannten die beiden Heiligen, daß sie den einzig richtigen Weg für die

Verwendung des heiligen Mistes zum Wohle und Gedeihen der Menschheit

gefunden hatten.

»Himmelsakra!« rief der heilige Stultissimus in ehrlicher Überraschung

aus. »Das ist aber höllisch schön!« Damit spuckte er in

überschwänglicher Begeisterung in das brodelnde Dekoktum des Kessels.

Nunmehro ereignete sich ein neues, noch größeres Wunder.

Die Paragraphen, die nach dieser Vermischung des heiligen Sputums mit

dem Schimmelmist aus dem Kessel sich erhoben, machten plötzlich in der

Luft tiefe katzenbuckelnde Verbeugungen. Da der heilige Bürokrazius

dieses zweiten Mirakulums ansichtig ward, da wurde er schier von blassem

Neid gegen seinen Stallknecht, Kollegen und Mitheiligen erfasset. Er

trachtete dahero, ihn womöglich noch zu übertreffen, räusperte sich

lange und ausgiebig und spie einen riesigen Klachel in den Kessel.

Nunmehro wollten sich die katzenbuckelnden Paragraphen in der Luft fast

vor Devotion überschlagen. Triumphierend schaute der heilige Bürokrazius

auf den heiligen Stultissimus, dieweilen er ihn an Wunderwirkung seines

heiligen Sputums noch übertroffen hatte.

Das erregte wiederum den Neid des heiligen Stallmeisters. Er beeilte

sich dem Roßmist geschwind neues Sputum zu vermischen. So geschah es,

daß die beiden Heiligen in edlem Wetteifer abwechselnd in den Kessel

spuckten und dadurch jenes großartige Arkanum erzielten, das bis zu den

heutigen Zeitläuften die Menschen in Untertänigkeit und Ehrfurcht vor

allen Einrichtungen des heiligen Bürokrazius erschauern macht.

Der heilige Bürokrazius: Eine heitere Legende · 第 3 / 6 段