»Fixstern! Laudon! Element! und alle vierzehn Nothelfer!« rief da der

Erzengel Michael, dem der Geduldsfaden riß. »Ich werd' dir schon deinen

Paß geben und das Gesindel! Ich will dich lehren, wie man mit einer

himmlischen Gesandtschaft redet, du gottverlassener Lümmel du!«

Sprach's und haute dem sonderbaren Heiligen eine himmlische Watschen

von außerordentlicher Gediegenheit herunter. Der Gabriel und der

0Raphael wollten nicht zurückstehen und bedachten daher das Rüsseltier

gleichfalls mit je einer saftigen Mordswatschen.

Zum Erstaunen der drei Erzengel hatte aber diese sehr gründlich

vermeinte Kur gar keine andere Wirkung, als daß der also Geohrfeigte

mit einer Art von stumpfsinnigem Mechanismus seine bei dieser Prozedur

äußerst bedenklich verschobene Krawatte wieder in Ordnung brachte.

Die drei Erzengel waren über den Effekt ihrer Handlungsweise entschieden

verdutzt. »Mir scheint ...« sagte endlich der Michael »... der hat die

Watschen gar nit g'spürt.«

»Am End' hat er gar kein Hirn im Schädel!« mutmaßte der Gabriel.

»So was ist mir auch noch nie untergekommen!« meinte der Raphael.

Da beratschlagten die ob des unerklärlichen Mißerfolges ihrer

himmlischen Watschen ernstlich verblüfften drei Erzengel, wo der

merkwürdige Heilige eigentlich seinen Verstand und mit ihm seine

sonstigen geistigen Fähigkeiten sitzen hatte.

Sie packten ihn dahero nicht mit zärtlichen Engelshänden, sondern mit

recht fühlbaren und kräftigen irdischen Pratzen an und wendeten das

sich verzweifelt wehrende, fauchende, schimpfende, protestierende und

drohende rüsselnasige Stachelschwein nach allen Richtungen seiner

ehrwürdigen Leiblichkeit. Nach rechts und nach links, nach oben und

nach unten, nach vorn und nach hinten.

Als sie endlich bei der Besichtigung der Hinterfront angelangt waren,

legten sie den zappelnden Heiligen ohne viel Federlesen über den Tisch,

quer über die Folianten und Papierwülste.

Der Gabriel und der Raphael hielten ihn fest, daß er sich nicht mehr

rühren konnte. Der Erzengel Michael jedoch, der am meisten Kraft und

Lust zum Dreinschlagen unter der himmlischen Botschaft besaß, ergriff

ein stählernes Lineal, das an einer Seite des Tisches an einem Nagel

baumelte.

Er ließ es zuerst ein paarmal durch die Luft sausen, als wenn er sein

feuriges Schwert erproben wollte. Dann linierte er mit peinlicher

Gewissenhaftigkeit, jeden Streich sorgfältig zählend, dem schreienden

Rüsseltier die vorschriftsmäßigen und üblichen Fünfundzwanzig auf seinen

Allerwertesten.

Dabei begleitete er jeden Streich mit auferbaulichen Sprüchlein, wie:

»Hier hast du deinen Paß!... Ich werde dir schon das Gesindel

anstreichen!... Weißt du jetzt, was Anstand ist, du erzinfamer

Lümmel du!«

Unter ähnlichen zarten Aufmerksamkeiten, welche die Arbeit des Erzengels

begleiteten, floß sie munter fort.

Schon bei den ersten Streichen begann der sonderbare Heilige zu brüllen,

als ob er am Spieße stecken würde.

»Aha! Da spürt er was!« sagte der Gabriel triumphierend.

»Versohl' ihn nur ordentlich!« munterte der Raphael den Michael auf.

»Ich protestiere gegen die tätliche Beleidigung und Verletzung meines

edelsten Teiles!« brüllte da der verprügelte Heilige in ohnmächtiger

Wut.

»Mir scheint, wir haben ihn am richtigen Fleck erwischt!« sagte der

Michael.

»Der hat offenbar seinen Verstand im Sitzfleisch!« meinte der Gabriel.

»Und alle sonstigen geistigen Eigenschaften auch!« ergänzte der Raphael.

»Hören Sie auf! Ich bitte Sie um aller Heiligen willen, hören Sie auf!«

winselte jetzt das Rüsseltier in den kläglichsten Tönen.

»Fünfzehn, sechzehn, siebzehn!« zählte der Erzengel Michael kaltblütig.

»Nur Geduld! Es ist gleich vorüber!«

»Das halte ich nicht mehr aus! Ich muß gehorsamsten Protest erheben. Sie

zerstören mir ja mein ganzes Denkvermögen! Wie soll ich da weiter meine

heiligen Pflichten erfüllen!« jammerte das verprügelte Rüsseltier,

während sich der Erzengel in seiner erzieherischen Tätigkeit nicht irre

machen ließ.

»Hilfe! Ich gebe meinen Geist auf! Hilfe! Hilfe!« flehte der merkwürdige

Heilige.

»Wahrhaftig! Der denkt mit dem Gesäß!« rief der Raphael in endgültiger

Erkenntnis.

»Dann haben wir den Richtigen gefunden!« erklärte der Gabriel.

»Dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig!« zählte der Michael.

Damit ließen sie den sonderbaren Heiligen los. Der rutschte eilig vom

Tisch herunter, hielt sich mit beiden Händen sein Hinterteil, verbeugte

sich immer wieder untertänigst, machte einen Kratzfuß nach dem anderen

und sagte mit sauer-süßer Miene: »Gehorsamster Diener! Wollen die

Herrschaften nicht Platz nehmen? Womit kann ich den Herrschaften

dienen?«

Die himmlische Botschaft ließ sich auf drei bereitgestellten Stühlen

nieder. Und der Michael sprach zu dem plötzlich demütigen Heiligen:

»Nach dieser gedeihlichen Stärkung deines Auffassungsvermögens teile ich

dir mit, daß du zu einer erhabenen Mission ausersehen bist. Du sollst

die Menschen mit deiner grenzenlosen Dummheit beglücken. Du sollst der

dümmste Heilige werden, der je in einem Kalender gestanden hat.«

»Gehorsamster Diener! Gehorsamster Diener!« katzenbuckelte der neue

Heilige. »Das hätten die Herrschaften ja gleich sagen können.«

»Vor allem künde uns deinen erhabenen Namen!« fuhr der Erzengel Michael

fort.

»Gehorsamster Diener, die Herrschaften! Man nennet mich den

Bürokrazius.«

»Ausgezeichnet!« sagte der Erzengel Michael und erhob sich. »Ein

herrlicher, ein eindrucksvoller und ungemein heiliger Name. Der hat uns

gerade noch gefehlt. Darüber wird sich der ganze Himmel freuen und alle

Rindviecher auf Erden. O Sankt Bürokrazius, erachte dich also mit den

gewissenhaft aufgezählten Fünfundzwanzig zum Heiligen geschlagen! Das

notwendige äußere Attribut deiner neuen Würde werde ich dir sofort

verleihen.«

Damit griff der Erzengel in sein Gewand, zog daraus einen

funkelnagelneuen und frisch geputzten Heiligenschein hervor und setzte

ihn dem Bürokrazius, der sich noch immer denjenigen schmerzenden Teil

seines heiligen Leibes rieb, mit dem er dachte, auf die mächtige Glatze.

Die eselslangen Ohren ragten zwar noch ein Stück über den Heiligenschein

hinaus, und das Krawattel wurde plötzlich so neugierig, daß es bis an

den Rand des Scheines emporstieg ... aber das tat der Leuchtkraft des

Heiligenscheines keinen Eintrag.

»Und jetzo, heiliger Sankt Bürokrazius,« sprach der Erzengel Michael

feierlich, »wisse, daß du die Erde beherrschen wirst. Du wirst mächtiger

und angesehener sein als alle Heiligen des Himmels zusammen. Du wirst

deshalb der Herr über die menschliche Dummheit sein, weil du noch dümmer

bist, als die Dümmsten unter den Menschen. Dahero wird deine heilige

Dummheit von den Menschen angebetet werden als überirdische Weisheit.

Behalte deinen Verstand ja im Sitzfleisch! Denn an jeder anderen

Körperstelle würde es dir schweren Schaden bringen. Bewahre deine

heilige Würde stets ungeschmälert! Krieche nach oben und tritt nach

unten! Du hast heute deine Probe nach dieser Richtung vortrefflich

bestanden. Denn wisse, jede aufgeblasene Würde kriecht, wenn sie gehörig

verprügelt wird und ihren Herrn und Meister findet. Wenn du aber neuer

himmlischer Eingebungen für die Ausübung deines heiligen Berufes

bedarfst, dann setze dich kräftig auf denjenigen Teil deines heiligen

Leibes, wo du den Verstand hast. Setze dich lange darauf, und setze dich

ausdauernd darauf und denke mit seinem ganzen heiligen Umfang nach! Und

es wird dir die Erleuchtung kommen!«

Längst waren die beiden anderen Erzengel bei dieser feierlichen Rede von

ihren Sitzen aufgestanden. Da erhub der Erzengel Michael seine Hände und

brach singend und lobpreisend in die Worte aus, in welche auch die

Erzengel Gabriel und Raphael im himmlischen Jubel mit einstimmten ...

»_Habemus novum sanctum ... Sanctum Bürokrazium ... Stultissimum omnium

sanctorum ... Bovem maximum totius orbis ... Asinum electum et egregium

... Jubilate coeli et terra!_«

Mit diesem Gesang verschwanden die Erzengel vor den Augen des neuen

Heiligen.

Der heilige Bürokrazius verbeugte sich tief und griff sich wiederholt an

den noch immer furchtbar schmerzenden Sitz seines Verstandes.

Die _Krawatitis posterior ascendens_ langte in heimtückischer Bosheit

nach seinem Heiligenscheine.

»Gehorsamster Diener!« sagte der heilige Bürokrazius, in Untertänigkeit

schier ersterbend.

[Verzierung]

Wie der heilige Bürokrazius auszog, um die Welt

zu beglücken.

Nachdem der heilige Bürokrazius die himmlische Botschaft mit der in dem

vorhergehenden Hauptstück geschilderten Feierlichkeit empfangen hatte,

verbrachte er noch sieben Tage und sieben Nächte in seiner Behausung.

Diese Zeit brauchte er notwendig, um alle die ihm widerfahrenen

überirdischen Gnaden eingehend zu Protokoll zu bringen.

Er arbeitete schier ununterbrochen Tag und Nacht und machte dabei

bedeutende Ersparnisse in der Beleuchtung. Denn während er früher

erkleckliche Ausgaben für Kerzen aufzuwenden hatte, leuchtete ihm jetzo

sein Heiligenschein völlig umsonst. Und das war ein so mildes Licht, daß

der heilige Protokollführer unwillkürlich vieles in einem anderen Lichte

erblickte.

Während er anfangs geneigt war, unterschiedliche Einzelheiten des

himmlischen Besuches einer scharfen Kritik zu unterwerfen und mit

geharnischten Protesten zu begleiten, wurde er in dem Lichte des

Heiligenscheines rasch zu einer anderen Auffassung bekehret und sah

alles, was ihm begegnet war, in einer verklärten Beleuchtung.

Es ist dahero von den drei ausgiebigen Watschen und von den

fünfundzwanzig Streichen in den Aufzeichnungen des heiligen Bürokrazius

nichts zu finden. Wir lesen lediglich von himmlischen Winken und

Eingebungen, die ihm geworden waren.

Indes er jedoch die sieben Tage und sieben Nächte mit unermüdlicher

Emsigkeit schrieb, wurde er allerdings an die Folgen dieser himmlischen

Winke gar oft in recht irdischer Weise erinnert. Er mußte doch beim

Schreiben auch denken. Und zum Denken brauchte er notwendig jenes Organ,

wo er den Verstand sitzen hatte.

Besagtes Organum war jedoch _in memoriam_ der himmlischen Winke über und

über mit großen Beulen, Schrammen und Schwielen bedecket und schmerzte

ihn fürchterlich. Derohalben war auch seine protokollarische Arbeit

keine kleine Anstrengung. Denn das Denken bereitete ihm unerhörte

Beschwerden.

Als er solchergestalt drei Tage und drei Nächte mit der größten

Beharrlichkeit trotz der gräßlichsten Pein, die ihn nicht nur zum

Heiligen, sondern auch zum Märtyrer stempelte, unausgesetzt gedacht und

gearbeitet hatte, kam der heilige Bürokrazius auf einen erlösenden

Einfall.

Er füllte ein großes Schaff mit Wasser und stellte dasselbe neben den

Tisch, an dem er schrieb. Wenn die Qualen des Denkens fast unerträgliche

wurden und die Leistungsfähigkeit seines Verstandes unter den Spuren der

himmlischen Denkzettel und Gunstbezeigungen zu erlahmen drohte, dann

setzte sich der Heilige mit demjenigen Teile seines heiligen Leibes, der

seinen Verstand trug, in das Wasserschaff und suchte dort Kühlung. Die

Wirkung war eine wunderbare. Regelmäßig wurde ihm der Segen der kühlen

Denkungsart zuteil.

So entstand unter den Wirkungen des heiligen Schaffes und unter dem

milden Lichte des Heiligenscheines jener erstaunliche Bericht von der

Sendung des heiligen Bürokrazius, welchen der Schreiber dieser Legende

leider nicht wiedergeben kann, da er allein den hundertfachen Umfang

haben würde, als dem Legendenschreiber Raum verstattet ist. Dafür will

er aber einem geneigten Leser noch weiter von dem heiligen Schaff

erzählen, das er gerade früher erwähnet hat.

Es handelt sich wirklich um ein heiliges Schaff. Das Wasserschaff,

in welches der heilige Bürokrazius die erhabene Denkerstirne seines

Stiefgesichtes tauchte, ist seitdem eine Reliquie geworden, welche

allseitige Verehrung genießet. Es kann dahero mit Fug und Rechten von

dem heiligen Schaff gesprochen werden.

Es finden gemeiniglich noch immer große Wallfahrten zum Schaff des

heiligen Bürokrazius statt. Naturgemäß und insonderheit sind es die

Jünger des heiligen Bürokrazius, die in allen Bedrängnissen und

Verlegenheiten ihres Daseins zu dieser Reliquie pilgern und gleich wie

weiland der heilige Bürokrazius anselbsten ihre erhabenen Denkerstirnen

in sie tauchen, um mit unergründlicher Weisheit von ihr begnadigt zu

werden.

Wenn dahero im Geiste des heiligen Bürokrazius so hochweise und

unergründlich tiefe Verfügungen erscheinen, daß sie überhaupt niemand

verstehet, so kannst du, geneigter Leser, darauf schwören, daß sie ihren

Ursprung einer Wallfahrt zum Schaff des heiligen Bürokrazius verdanken.

Und das ist gut so. Denn würden besagte Verfügungen von jedem gemeinen

Kerl verstanden werden, dann würden sie ihr ganzes Ansehen einbüßen. Je

blödsinniger sie dem gemeinen Verstande erscheinen, um so heiliger und

ehrwürdiger sind sie.

Murret derohalben nicht wider das, was ihr nicht verstehet und nicht zu

beurteilen vermöget. Sondern seid vom heißesten Danke erfüllet gegen

jene heilige Reliquie, so den Jüngern des heiligen Bürokrazius stets

wieder neue Auffrischung ihres Verstandes verleihet. Denn wohin wären

sie sonst geraten! Sie hätten euch mit klaren Verfügungen bedacht, und

ihr hättet sie derohalb mißachtet, da ihr euch eingebildet hättet,

sotane Verfügungen seien auch nicht gescheiter wie ihr selber, zum

mindesten aber gleich dumm wie ihr.

Diese Abschweifung möge verziehen werden. Sie ist nur ein Beweis, wie

unermeßlich das Material für eine ausführliche Beschreibung des Lebens

und der Taten unseres Heiligen ist. Diese bescheidene Legende ist daher

nur ein winziger Auszug, ein _extractum minimum_ aus der unermeßlichen

Fülle von Geschehnissen, die mit dem heiligen Bürokrazius in innigster

Beziehung stehen.

Wenn der ganze Erdboden lauter Papier wäre und das große, tiefe Meer

lauter Tinte und alle spitzigen Gräslein lauter Federn und alle

lebendigen Geschöpfe bis herab zur kleinsten Gewandlaus lauter

Schreiber, die bis auf den jüngsten Tag schreiben würden, so könnten sie

noch immer nicht den tausendsten Teil der Glorie des heiligen

Bürokrazius erschöpfen.

Nunmehro aber begleiten wir ihn weiter auf seinen Wegen. Nachdem er das

Protokoll über seine himmlische Sendung vollendet und sorgfältig

verschlossen hatte, betrat er im Bewußtsein seiner neuen Würde das

Freie.

Sein Erscheinen erregte unter den Menschen berechtigtes Aufsehen. Wenn

ihr aber etwan glauben solltet, daß seine wenig liebliche Leibesgestalt

ihm Schaden gebracht habe, dann irret ihr euch gewaltig. Gleichwie in

einer ungestalten Muschel eine herrliche Perle verborgen sein kann, so

kann auch unter Rüsselnasen und Eselsohren ein großer Heiliger stecken.

Wie denn auch ein kostbarer silberner Becher in dem schlechten, rupfenen

Getreidesack des Benjamin gefunden wurde.

Und erinnert euch nur der vielen großen Männer, die häßlich von Ansehen

waren. Der römische Galba hatte einen Buckel, so hoch, daß man hätte

können ein Schilderhäusl darauf bauen, und war trotzdem ein

unvergleichlicher Wohlredner. Aesopus hatte ein solches Larvengesicht,

daß auch die Rinde am Eichbaum seinem Fell fast an Schönheit vorzuziehen

war, und gleichwohl war er der witzigste Mann zu seiner Zeit. Quintus

Fabius Maximus, der römische Feldherr, hatte eine so große ungestalte

Warzen auf seiner Oberlippe, daß sie ihm schier wie ein Dachel über den

Freßladen hing, und dennoch war er der allerfürtrefflichste Mann.

Philippus von Mazedonien, Hannibal von Karthago, Sertorius Hispanus sind

einäugig gewesen. Henricus der Zweite, der Kaiser, war krumm, und

Godefridus der Zweite, Herzog von Austrasien, war kropfet, und doch sind

sie alle die lobwürdigsten Herren gewesen.

Habt ihr aber von einem dieser Herren gehöret, daß er einen

Heiligenschein trug? Das habt ihr nicht gehöret. Und trotzdem hat in

ihrer häßlichen Leiblichkeit ihr Geist den Sieg davongetragen.

Um wie viel mehr mußte der heilige Bürokrazius den Menschen verkläret

erscheinen! Wie mußten im milden Lichte seines Heiligenscheines seine

Eselsohren und sein Nasenrüssel verschwinden! Wie mußten seine blöden

Augen in diesem Scheine von Geist leuchten und sein breites Maul von

Weisheit triefen! Ja selbst das heimtückische Krawattel vermochte seinem

Ansehen nicht dauernd zu schaden.

Je mehr der heilige Bürokrazius sich von seiner Behausung entfernte,

desto deutlicher erkannte er, wie bei den Menschen alles im argen lag.

Die Menschen wurden weder numerieret, noch registrieret, auch nicht

volksgezählet oder irgendwie sonst eingetragen. Sie besaßen keine

Ausweispapiere. Sie lebten sorglos und harmlos dahin. Sie waren im

Grunde nicht gescheiter, als sie es heute auch sind. Aber niemand

belästigte sie in ihrer Dummheit.

In diese beispiellose Wildnis menschlicher Verkommenheit trat der

heilige Bürokrazius mit dem ganzen flammenden Fanatismus seiner Sendung.

Er eiferte allerorten gegen den unerhörten Skandal, daß die Menschen

sich erfrechten, geboren zu werden und zu leben ohne die genaueste

aktenmäßige Behandlung.

Der Schematismus sei das Höchste auf Erden, predigte der Heilige. Ohne

Schematismus gebe es überhaupt kein Gedeihen. Alles müsse auf bestimmte

Formulare gebracht werden. Und wer sich gegen den Schematismus und gegen

die Formulare versündige, der sei ein Feind der Menschheit. Zu denken

brauche das verehrliche Publikum überhaupt nicht. Das sei seine,

des heiligen Bürokrazius, Sache. Er allein habe das Privilegium,

schematisch, protokollarisch, aktenmäßig und nach ganz bestimmten

Formularien in einer möglichst genau geregelten Verblödung zu denken.

Da die Menschen, wie der Schreiber dieser Legende in einer

eindringlichen Fastenpredigt bewiesen hat, die allergrößten Rindviecher

sind, begrüßten sie es mit tausend Freuden, daß da plötzlich mitten in

ihrem beschaulichen Erdenwallen ein großer Heiliger erschien, der ihnen

sogar das Denken ersparen und auf seine heiligen Schultern nehmen

wollte.

Wozu hätte der seltene Mann auch seinen Heiligenschein besessen. Der

ließ ihn ja von vorneherein als eine vertrauenswürdige Persönlichkeit

erscheinen, der man seine ferneren Schicksale anheimgeben konnte.

So gelang es dem heiligen Bürokrazius in verhältnismäßig kurzer Zeit,

die Menschen von der Richtigkeit und Gottwohlgefälligkeit seiner Sendung

zu überzeugen.

Er war überall. Es gab keinen noch so versteckten Winkel, in den er

seine rüsselförmige Nase nicht schnüffelnd hineinsteckte. Und es gab

kein noch so verstecktes Geheimnis, das seine langen Eselsohren nicht

erlauschten.

Dadurch errang er sich ein fast göttliches Ansehen. Denn die Menschen

begannen zu begreifen, daß sie seiner Macht widerstandslos ausgeliefert

waren, nachdem sie sich mit Vergnügen damit abgefunden hatten, ihm das

Denken zu überlassen.

Und der heilige Bürokrazius dachte und dachte. Er dachte unablässig auf

seine Weise. Die Früchte zeigten sich auch alsobald und auf dem ganzen

Erdkreise.

Alle seine großen Ideen vermochte der Heilige während seines

Erdenwallens durchzusetzen; denn die menschliche Dummheit und sein

eigener Blödsinn waren ihm die mächtigsten Bundesgenossen.

Wenn der Schreiber dieser Legende auch mit den folgenden Zeilen die

größte und unermeßlichste Tat des heiligen Bürokrazius vorwegnimmt und

damit der Darstellung der Ereignisse vorgreift, so kann er doch in

seiner hellen Begeisterung für den größten und dümmsten Heiligen nicht

umhin, schon an dieser geweihten Stelle von der umwälzendsten Idee des

heiligen Bürokrazius zu berichten, die allen seinen großen Ideen, mit

denen er die Welt beglückte, die Krone aufsetzte.

Mit welcher seltenen Schärfe der heilige Bürokrazius dachte, darauf

hinzuweisen fand sich schon mehrfach die Gelegenheit. Und gerade aus

dieser ganz speziellen Eigenart des Denkens, durch die er vor der

übrigen Menschheit einen wesentlichen und nicht zu unterschätzenden

Vorsprung hatte, wurde ihm die große Aktion zur Regelung des

menschlichen Stoffwechsels eingegeben.

Seine heilige Fürsorge erstreckte sich in nimmermüdem Eifer auch auf

jene beschaulichen und idyllischen Stätten, welche der Mensch bei

gesunder körperlicher Verfassung in regelmäßigen Zwischenräumen behufs

Bereicherung der Landwirtschaft aufzusuchen pfleget.

Der heilige Bürokrazius führte eigene Pässe für das Betreten oben

angedeuteter Örtlichkeiten ein, die den jedesmaligen Vermerk einer

Einreisebewilligung und einer Aufenthaltsbewilligung an den Stätten

besagter landwirtschaftlicher Berufstätigkeit enthalten mußten.

Natürlich war auch der Aufenthalt zeitlich genau geregelt.

[Verzierung]

Wie der heilige Bürokrazius den Amtsschimmel fand und

sich beritten machte.

Schon in der ersten Zeit seines Erdenwallens stellte es sich heraus, daß

der heilige Bürokrazius seinen Kräften zu Gewaltiges zumutete. Er ging

in seinem heiligen Eifer überallhin zu Fuße.

Dieser heilige Grundsatz des Wanderns _per pedes apostolorum_ sollte

sich aber bald bitter rächen; denn er verschaffte dem Heiligen die

unangenehme Erscheinung von qualvollen Hühneraugen, über die in einem

späteren Hauptstücke noch Wundersames zu lesen ist.

Hier wollen wir uns nur mit dem Berichte bescheiden, daß diese

Hühneraugen des heiligen Bürokrazius zum mindesten eine unmittelbare

Ursache für die Auffindung des Amtsschimmels durch den Heiligen wurden.

Je gräßlicher die Tortur der Hühneraugen sich auswuchs, desto klarer und

deutlicher kam der gemarterte Heilige zu der Überzeugung, daß ihm in

diesem verzweifelten Falle nur mehr durch eine himmlische Eingebung

geholfen werden könne. Er erinnerte sich dahero des wohlmeinenden Rates,

den ihm der Erzengel Michael erteilt hatte ... er möge sich, wenn er

neuer himmlischer Eingebungen zur Ausübung seines heiligen Berufes

bedürfe, auf den Sitz seines Verstandes niederhocken und tief

nachdenken.

Das tat denn auch der heilige Bürokrazius. Er hockte sich zehn Tage und

zehn Nächte hin und dachte eifrig nach, dabei die himmlische Eingebung

erwartend. Er schlief, wenn er vom Denken erschöpft war, auch in

sitzender Stellung, um die Eingebung des Himmels ja nicht zu verpassen.

In anderen Heiligenlegenden werden diese Offenbarungen von oben den

Heiligen vielfach in schlafendem Zustande durch wunderbare Traumgesichte

kundgetan. Es muß jedoch hier ausdrücklich festgestellet werden, daß

dies beim heiligen Bürokrazius nicht geschah.

Er erlebte die himmlische Stimme vollkommen wach und munter am Morgen

des eilften Tages. Als er von dem vielen Nachdenken und Harren schon

etwas müde und abgespannt zu werden begann, da erhub sich auf einmal

eine gewaltige innere Stimme in ihm, die auffällig der Stimme des

Erzengels Michael glich und dem Heiligen sofort ein erinnerungsvolles

Jucken und Beißen verursachte.

Die innere Stimme aber sprach: »Rindviech, g'selchtes! Was laufst denn

alleweil auf deine Plattfüß' umeinander! Oder glaubst du vielleicht, daß

so ein hatschender Heiliger dem Publikum auf die Dauer imponieren wird?

Da bist aber ang'schmiert!«

»Was soll ich denn tun?« frug der heilige Bürokrazius kläglich.

Da sprach die Stimme: »Schau dir um ein Roß und reit'!«

»Aber ich kann ja gar nicht reiten!« wandte der Heilige bescheiden ein.

»Wirst es schon erlernen!« erwiderte die Stimme von oben. »Wir haben

ohnedies schon einen berittenen Heiligen. Denselbigen, der seinen Mantel

auseinanderschneidet und mit dem Bettler teilet. Wirst ihn schon gesehen

haben. Ein sehr respektabler Heiliger. Also kommt es uns auf ein

heiliges Rindviech zu Pferd auch nicht mehr drauf an!«

»Ja, wo soll ich denn ein Roß hernehmen und nicht stehlen?« frug der

Heilige verzagt.

Der heilige Bürokrazius: Eine heitere Legende · 第 2 / 6 段