Auf Geheiß des Priors und wohl auch aus eigenem Antriebe ver

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Rudolf Greinz

Der heilige Bürokrazius

[Abbildung]

L. Staackmann, Verlag, Leipzig

Der

heilige Bürokrazius

*

Eine heitere Legende

von

Rudolf Greinz

*

[Bild]

L. Staackmann Verlag / Leipzig

1922

Alle Rechte, besonders das der

Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten

Für Amerika:

Copyright 1922 by L. Staackmann, Leipzig

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Inhaltsverzeichnis

Seite

Vom Pater Hilarius und seiner weltberühmten Fastenpredigt

über das Thema: »Warum und wasmaßen der Mensch das

allergrößte Rindviech ist« 7

Wie der Pater Hilarius dazu kam, die Legende vom heiligen

Bürokrazius zu schreiben 26

Wie die Heiligen im Himmel dem lieben Gott eine seltsame

Bitte vortrugen 43

Wie die himmlischen Sendboten den heiligen Bürokrazius

entdeckten 50

Wie der heilige Bürokrazius auszog, um die Welt zu

beglücken 70

Wie der heilige Bürokrazius den Amtsschimmel fand und sich

beritten machte 84

Wie der heilige Bürokrazius in dem heiligen Stultissimus

seinen ersten Jünger warb 94

Wie die beiden Heiligen einen auferbaulichen Disput hatten

und das respektvolle Ergebenheitstränklein brauten 110

Wie der heilige Bürokrazius Hühneraugen im Hirn bekam und

sich einen Zopf wachsen ließ 121

Ein deliziöses Intermezzo von den Tiroler Speckknödeln 138

Wie der heilige Bürokrazius die Stampiglien erfand 144

Wie der heilige Bürokrazius seine Jünger belehrte 153

Bilder-Galleria der Jünger des heiligen Bürokrazius 161

Von der Titel- und Ordenssucht 169

Wie der heilige Bürokrazius sich erlustierte 174

Wie der bitterböse Kare Revoluzzer den guten König zum

Teufel jagte 179

Wie besagter Höllenbraten den heiligen Bürokrazius

erschlagen wollte und von diesem glorreich widerleget

wurde 186

Wie der heilige Bürokrazius gen Himmel fuhr und seinen

himmlischen Einfluß auf den Kare Revoluzzer wirken

ließ 191

[Verzierung]

Vom Pater Hilarius und seiner weltberühmten

Fastenpredigt über das Thema: »Warum und wasmaßen

der Mensch das allergrößte Rindviech ist«.

Großgünstiger Leser und hochgeneigte Leserin dieses ebenso frommen als

ungemein ersprießlichen Büchleins, ihr habt hoffentlich schon von dem

hochwürdigen Pater Hilarius gehört. Ja, ihr müßt sogar sicher davon

gehört haben, weil ihr euch ansonsten selber eines ungeheuern,

bedauerlichen und schier unbegreiflichen Bildungsmangels schuldig macht.

Oder solltet ihr wirklich noch nichts von dem hochwürdigen Pater

Hilarius gehört haben? Das stellet euch gar kein gutes Zeugnis aus.

Ihr seid offenbar zu sehr verstrickt in den faulen Zauber aller

Weltlichkeit, als daß euch der Pater Hilarius schon begegnet wäre. Also

will ich mich in christlicher Erbarmung über euren unverantwortlichen

Bildungsmangel hinwegsetzen und euch vom Pater Hilarius erzählen.

Der Pater Hilarius war natürlich ein Tiroler, wie überhaupt alle

gescheuten Menschen Tiroler sind. Von seinem Geiste werdet ihr noch ganz

erklecklich genug zu spüren und zu schmecken bekommen. Demnach können

wir uns vorerst mehr mit seiner hochwürdigen Leiblichkeit befassen.

Um euch ein allgemeines Bild von dem berühmten Pater zu geben, möchte

ich euch zu Gemüte führen, daß er von außen rund und von innen naß war.

Die äußere Rundlichkeit stammte von genügender und mit gebührender

Andacht aufgenommener Atzung. Die innere Nässe oder Feuchtigkeit leitete

ihren Ursprung von geistigen Flüssigkeiten her, die der hochwürdige

Pater mit einer womöglich noch größeren und tieferen Andacht seinem

sterblichen Leichnam einverleibte. Darunter spielte der Wein eine

hervorragende Rolle. Glaubet aber deswegen ja nicht, daß der hochwürdige

Pater Hilarius ein Fresser und Schlemmer und ein gottloser Säufer war.

Wie ich euch bereits gesagt habe, geschah alles mit der gebührenden

Andacht.

Der hochwürdige Pater Hilarius betrachtete Essen und Trinken als ein

Gott wohlgefälliges Fest, das man nicht hoch genug feiern konnte. Er

huldigte dem erhabenen Grundsatze, daß Essen und Trinken Leib und Seele

zusammenhalte. Und diesem notwendigen Zusammenhalt brachte er so manches

Opfer. Es ist auch jedermann, der auf einen guten Bissen und einen guten

Trunk nichts hält, ein langweiliges Individuum, dessen Erschaffung sich

der liebe Herrgott hätte ersparen können.

Ich habe weiter oben die Behauptung aufgestellt, daß überhaupt alle

gescheuten Menschen Tiroler sind. Obwohl diese Behauptung aus dem

Spruchschatze des Pater Hilarius stammet und dahero eigentlich keiner

weiteren Begründung bedürfte, will ich euch den Beweis dafür doch nicht

schuldig bleiben.

Bekanntlich meldet die Volkssage, daß die Tiroler erst mit vierzig

Jahren gescheut werden. Nachdem aber, wie aus dem Nachfolgenden nur zu

deutlich hervorgehen wird, die ganze Menschheit nichts anderes ist, als

ein großer Stall von Rindviechern, haben die Tiroler wenigstens noch

eine Möglichkeit und einen festgesetzten Termin zum Gescheutwerden,

während eine solche Möglichkeit oder ein derartiger Termin für die

übrigen Menschen außerhalb Tirols nicht bekannt ist.

Ein anderes wichtiges Momentum, das gleichfalls den Forschungen des

hochwürdigen Pater Hilarius entstammet, soll hier zum erstenmal einer

breiteren Öffentlichkeit übergeben werden. Nämlich, daß die Gescheutheit

der Tiroler ihren Urgrund in den Speckknödeln hat.

Die Speckknödel sind die Nationalspeise und das Lieblingsgericht aller

Tiroler. Durch einen ganz eigentümlichen chemischen Prozeß, über den

sich der hochwürdige Pater Hilarius sehr eingehend verbreitet, haben die

Speckknödel die merkwürdige und nicht genug zu schätzende Eigenschaft,

daß sie zu einem großen Teile unmittelbar als Phosphor ins Gehirn gehen.

Diese Ansammlung von Phosphor erreichet genau beim vollendeten

vierzigsten Lebensjahre eines jeden Tirolers einen derartigen Höhepunkt,

daß die Gescheutheit mit der Sicherheit eines physikalischen

Experimentes von selbst in Erscheinung tritt.

Die diesbezüglichen grundlegenden Forschungen des hochwürdigen Pater

Hilarius erlaube ich mir ganz bewußt zu unterschlagen. Sonst wollte

eines Tages die ganze Welt Speckknödel fressen, um auch so gescheut zu

werden wie wir Tiroler. Das ginge uns just noch ab. Wir haben ohnedies

immer zu wenig Speck, namentlich in den gegenwärtigen teuren Zeiten.

Weil nun die Tiroler Speckknödel die angebetete Leibspeise des

hochwürdigen Pater Hilarius waren und er sie auch fleißig mit Wein

begoß, um den chemischen Prozeß der Phosphoreszierung möglichst zu

beschleunigen, hat er es zu einem ganz besonders hohen Grade der

Gescheutheit gebracht, der ihn befähigte, seine weltberühmte

Fastenpredigt über das auferbauliche Thema zu halten: »Warum und

wasmaßen der Mensch das allergrößte Rindviech ist«.

Wenn ihr von dieser Fastenpredigt auch noch nichts gehört haben solltet,

so kann ich es mir nur dadurch erklären, daß die außerhalb Tirols

lebende Menschheit, die sich von den Ausführungen besagter Predigt ganz

besonders betroffen fühlen muß, alles getan hat, um die geistigen

Produkte des hochwürdigen Pater Hilarius heimtückisch zu unterdrücken.

Ihr müßt nämlich wissen, daß die mehrfach erwähnte Fastenpredigt des

hochwürdigen Paters etwa nicht seine einzige Fastenpredigt war, sondern

daß er noch zahlreiche andere Fastenpredigten hielt. Dieselben zur Gänze

oder in einer Auswahl einem löblichen Publico durch die Druckerschwärze

vor Augen zu führen, behält sich der Herausgeber dieses

Erbauungsbüchleins für einen späteren geeigneten Zeitpunkt vor.

Großgünstiger Leser und hochgeneigte Leserin, seid also in Demut darauf

gefaßt, eines schönen Tages auch die anderen berühmten Fastenpredigten

des Pater Hilarius versetzt oder vielmehr um eure _pleno titulo_

Ohrwascheln gehaut zu bekommen.

Für heute wollen wir uns mit seiner berühmtesten Fastenpredigt begnügen,

da selbige sozusagen den festen Grundstock bildete, auf dem der

hochwürdige Pater die Legende vom heiligen Bürokrazius aufbaute.

An einem Samstag der Fastenzeit hatte sich der hochwürdige Pater

Hilarius, um sich für die geistigen Strapazen des darauffolgenden

Sonntags zu stärken, sieben Tiroler Speckknödel von der beruhigenden

Dimension mittlerer Kegelkugeln einverleibet. Danach verzehrte er noch

einen Schöpsenbraten mit beigelegten Erdäpfeln, Häuptelsalat und

gedörrtem Zwetschgenkompott, auch eine Leibspeise von ihm, und setzte,

weil aller guten Dinge drei sind, noch ein drittes Leibgericht als

Krönung darauf. Das waren gebackene Brandstrauben. Dazu trank er

anderthalb Maß Kalterer Seewein. Alles in offensichtlicher Andacht,

gebührender Dankbarkeit für die wundersamen Gottesgaben und in

himmlischer Ergebenheit.

Als er die letzte Straube mit dem letzten Tropfen Kalterer begossen

hatte, faltete er die Hände über seinem sehr ansehnlichen Bäuchlein und

sprach: »Jetzt wohl! Gegessen wär's und getrunken wär's auch. Wenn's nur

gepredigt auch schon wär'!«

Dieser fromme Wunsch steigerte sich aber alsobald zu dem mannhaften

Entschluß: »Na, wartet, euch will ich morgen ordentlich einheizen! Euch

will ich sieden und braten, daß euch Hören und Sehen vergeht! Ihr

Malefiz-Sünden- und Teufelsbrateln übereinander!«

Sprach's, überlegte sich seine Predigt und ging zur Ruhe.

Da die Phosphorentwicklung schon in der darauffolgenden Nacht eine ganz

gewaltige und mitunter sogar laut hörbare war, erwachte der hochwürdige

Pater Hilarius am nächsten Morgen mit einem solchem Gefühle geistiger

Stärkung, daß er sich befähigt erachtete, sämtliche Kirchenväter und

Theologen zu einem geistlichen Turnier in die Schranken zu fordern.

Also bestieg er mit dem geistigen Destillat der sieben Tiroler

Speckknödel und aller sonstigen dankenswerten Zutaten die Kanzel und

hielt seine berühmte Fastenpredigt, die ich im Nachfolgenden zur

Erbauung von männiglich im Wortlaute wiedergebe ...

Meine vielgeliebten andächtigen Zuhörer! Alle Dinge müssen einen Anfang

haben. Dahero auch eine Fastenpredigt. Nun will ich aber für meine

heutige Predigt den allerersten Anfang wählen, das ist die Erschaffung

des Menschen.

Wenn wir dieser Erschaffung auf den Grund gehen, so ist dieselbe

eigentlich für den Menschen gar nicht sonderlich schmeichelhaft. Nur die

menschliche Eitelkeit hat es sich mit der Zeit eingebildet, daß der

Mensch ein auserwähltes Geschöpf sei.

Lasset daher alle Eitelkeit und allen Stolz fahren, meine vielgeliebten

andächtigen Zuhörer, und bemühet euch mit mir, eurem aufrichtigen

Freunde, den Tatsachen eurer Erschaffung nachzuforschen.

Wie ihr alle wissen werdet, hat der liebe Gottvater zuerst Himmel und

Erde erschaffen, Land und Meer, die Pflanzen und Bäume und alles Getier,

das da kreucht und fleucht. Und erst, als alles da war, vom größten

Elefanten bis zum kleinsten Floh, da hat der Herrgott den Menschen

erschaffen.

Aus was hat er ihn erschaffen? Aus Erde. Jawohl, aus Erde. Das schaut

sich ganz schön an, wenn man nicht weiter nachdenkt.

Kann sich nun einer von euch, meine vielgeliebten andächtigen Zuhörer,

ernstlich vorstellen, daß man aus trockener Erde eine Figur knetet? Denn

eure auferbauliche Figur, wie ihr da seid mit Kröpf' und mit Tadel, hat

doch der Herrgott aus Erde zusammengeknetet und nachher angeblasen, daß

ihr eure Haxen habt rühren können.

Sintemalen nun aus trockener Erde auch der Herrgott keine Figur kneten

kann, weil alles in Staub zerfallen tät, so muß das Handwerkszeug des

lieben Herrgott aus feuchter oder nasser Erde bestanden haben.

Und wißt ihr, wie man nasse Erde heißt oder was nasse Erde ist? Scheut

euch das kurze einsilbige Wort nicht auszusprechen; denn es handelt sich

um eine sehr natürliche und alltägliche Sache, der ihr auf Schritt und

Tritt begegnet.

Aus einem Patzen Dreck hat euch der Herrgott gemacht, aus ganz

gewöhnlichem Dreck. Vom Dreck stammt ihr, Dreck seid ihr und Dreck

bleibt ihr.

Dahero, meine vielgeliebten andächtigen Zuhörer, könnt ihr euch auf eure

dreckige Herkunft nichts Besonderes einbilden. Habt ihr vielleicht

jemals vernommen, daß der Herrgott auch nur eines der vielen Viecher aus

Dreck hat erschaffen müssen? Die hat er einfach so erschaffen. Da hat er

dieses schmutzige Material nicht dazu gebraucht. Nicht einmal um die Sau

zu erschaffen, hat er so unappetitlich herumhantieren müssen, wie bei

eurer Erschaffung.

Darum bildet euch ja nicht ein, daß ihr die Krone der Schöpfung seid.

Ihr seid höchstens das Zipfel von dem ganzen knietiefen urweltlichen

Dreck, der damals, weil es keine Straßenreinigung gab, auf der Erde

jedenfalls noch reichlicher vorhanden war, als heutzutage.

Ihr habt dahero gar keine Ursache, meine vielgeliebten andächtigen

Zuhörer, auf die lieben Viecher von oben herabzusehen und sie für

minderwertig oder gar für dumm zu halten. Ich sage euch als euer

aufrichtiger Freund und geistlicher Berater: Kein Viech ist so

minderwertig, als es ein Mensch sein kann, und kein Viech ist so

strohdumm, als ihr es in der Regel seid.

Das schreibet sich eben daher, weil es auf der ganzen Erde kein einziges

Viech gibt, das aus so minderwertigem Material zusammengeknetet worden

wäre wie ihr, meine vielgeliebten andächtigen Zuhörer.

Nun will ich euch aber eure grenzenlose Dummheit, welche die Dummheit

des allerdümmsten Urviechs noch weit übertrumpft, gebührend zu Gemüte

führen.

Könnt ihr vielleicht einen Affen in allen Urwäldern und Menagerien der

Erde finden, der ein solcher Aff' ist wie der Mensch ein Aff' ist? Es

wird so manches zu entdecken sein, was selbst der ärgste Aff' nicht

nachmacht. Aber es gibt überhaupt nichts, was der Mensch nicht

nachmacht. Je blöder etwas ist, desto begeisterter wird es nachgemacht.

Der Mensch glaubt alles, was ein Aff' niemals glauben würde. Der Mensch

trottet hinter allem drein, wo ein Aff' sich schon längst über alle

Bäum' davongemacht hätte.

Aber kann man auch einen größeren Esel finden als den Menschen? Kein

Esel würde, ohne mit allen Vieren auszuschlagen und energisch den Dienst

zu verweigern, die Lasten tragen, die der Mensch schon getragen hat und

noch immer trägt. Ich will euch gar nicht an bestimmte Lasten erinnern,

um euch in eurer Andacht nicht zu stören. Ihr werdet mir es jedoch

zugeben, daß die Eselssäck', die ihr geduldig und stumpfsinnig tragt,

kein einziger anderer Esel tragen würde. In diesem Zusammenhang muß ich

auch noch erwähnen, daß sich kein noch so geduldiges Schaf seit Anbeginn

der Welt derart scheren hat lassen, wie ihr euch täglich scheren lasset.

Vom Kamel will ich gar nicht weiter reden. Denn ich sehe verschiedene

Schiffe der Wüste unter euch, denen ich nicht auf die Zehen treten

möchte.

Aber wenden wir uns zu demjenigen Tiere, das uns die wichtigste und

wertvollste Zutat zu den Speckknödeln liefert. Wenden wir uns zu dem

Schwein. Wer unter uns liebt dieses Tier nicht? Kann jetzt vielleicht

einer unter euch, meine vielgeliebten andächtigen Zuhörer, behaupten,

daß das Schwein in Menschengestalt ein ähnliches Ansehen genießet und

ein ähnliches Maß von Liebe erntet?

Dasjenige Schwein unter euch, so Dergestaltes von sich sagen kann, möge

sich erheben! Niemand rühret sich. Glaubt ihr dahero, daß die ärgste

Drecksau mit einem menschlichen Schwein verglichen werden kann? Oder

kennt ihr einen derartigen Saustall auf Erden, wie ihr Menschen ihn

habt?

Der Besitzer eines solchen Saustalles möge sich melden! Niemand meldet

sich. Also haben wir den größten Saustall und brauchen dahero das

Schwein gar nicht despektierlich zu betrachten; denn von ihm kommen in

erster Linie die Speckknödel, in weiterer Folge Schinken, Würste,

Schweinsbrateln und andere gute und Gott wohlgefällige Dinge. Könnt ihr

dagegen ein einziges Gott wohlgefälliges Ding namhaft machen, das aus

eurem Saustall jemals die Welt beglücket hätte?

Nunmehro halte ich es aber, um euren Geist nicht allzusehr in Verwirrung

zu bringen, für notwendig, euch, meine vielgeliebten andächtigen

Zuhörer, in eine ganz bestimmte Viechgattung endgültig einzureihen.

Ich kann euch die Wahl dieser Gattung leider nicht selbst überlassen, da

ihr euch bei eurer bekannten Streitsucht und Uneinigkeit schwerlich auf

ein bestimmtes Viech einigen würdet, jeder den anderen ein besonderes

Viech schelten würde und ihr euch dahero gegenseitig nur beleidigen und

kränken und doch zu keinem gedeihlichen Resultate gelangen würdet. Ihr

müßt es deshalb schon mir, eurem aufrichtigen Freund und geistlichen

Berater, überlassen, euch in Gottes großem Viehstall den richtigen Platz

anzuweisen.

Ich will euch unter die Rindviecher einteilen. Ihr könnt euch dadurch

unmöglich beleidigt fühlen. Denn wieviel Gutes kommt vom lieben

Rindviech. Milch und Butter und Kas, Fleisch und Fett, Lauskampel und

Schuhleder.

Ihr werdet gewiß nicht behaupten können, daß man aus euch Lauskampel und

Stiefel machen kann. Von Milch, Butter und Kas will ich gar nicht reden.

Ihr sehet also, daß ich euch alle Ehre antue.

Ja, ihr sollt sogar den höchsten Rang unter dem lieben Rindviech

einnehmen, meine vielgeliebten andächtigen Zuhörer. Denn ich will euch

im Handumdrehen beweisen, warum und wasmaßen der Mensch das allergrößte

Rindviech ist.

Merket wohl auf! Habt ihr jemals gehört, daß sich tausend Rindviecher

von einem einzigen Rindviech regieren, tyrannisieren und kujonieren

lassen? Oder habt ihr gehört, daß sich hundert Rindviecher von einem

einzigen Rindviech regieren lassen? Ja, ich will noch bescheidener

werden. Habt ihr vielleicht gehört, daß sich auch nur zehn Rindviecher

von einem Rindviech regieren lassen? Nein, das habt ihr niemals gehört.

Hat es euch aber jemals in Erstaunen versetzt, daß sich nicht nur zehn,

hundert und tausend, sondern hunderttausende und Millionen Menschen von

einem einzigen Rindviech regieren lassen? Das hat euch nicht im

geringsten in Erstaunen versetzt; ihr habt es sogar für ganz

selbstverständlich gefunden.

Ist also der Mensch das allergrößte Rindviech oder nicht? Jawohl,

der Mensch ist das allergrößte Rindviech.

Also, meine vielgeliebten andächtigen Rindviecher, das war es ja, was

ich euch beweisen wollte. Bleibet daher weiter so, wie ihr immer gewesen

seid. Suchet euch weiter geflissentlich die größten Ochsen aus, zu denen

ihr mit Vertrauen und Ehrfurcht aufblicket; denn ein Rindviech ist des

anderen würdig. Zu helfen ist euch ja doch nicht, weil ihr eben

Rindviecher seid. Amen.

[Verzierung]

Wie Pater Hilarius dazukam, die Legende vom heiligen

Bürokrazius zu schreiben.

Die denkwürdige Fastenpredigt brachte dem hochwürdigen Pater Hilarius

sehr große Ehren ein. Zu den sonderbarsten Folgen gehörte es aber

entschieden, daß der hochwürdige Pater zum Ehrenmitglied ungezählter

Tierschutzvereine ernannt wurde, was er mit gebührender Dankbarkeit

entgegennahm. Er konnte mit den unterschiedlichen mehr oder weniger

künstlerisch ausgeführten Diplomen nicht nur die Wände seiner Zelle,

sondern auch sämtliche Gänge des Klosters und das Refektorium schmücken.

Die angenehmsten Folgen zeitigte die Fastenpredigt jedoch für das

Kloster selbst. Die Zuhörer waren von der Erkenntnis ihrer mehr als

viechischen Dummheit derart erschüttert, daß sie das Kloster mit

Geschenken überhäuften.

Vom frühen Morgen bis zum späten Abend ging die Glocke des Pförtners.

Da schwankten auf Rückentragen ganze Panzelen Wein herein. Da gab es

Nahrungsmittel in Hülle und Fülle, Säcke mit Mehl und Erdäpfeln und auch

feinere fleischliche Genüsse.

Am meisten zeichnete sich aber die holde Weiblichkeit in Spenden aus.

Denn sie hatte vielfach den Stiel umgedreht und die Ausführungen der

Fastenpredigt nur auf den männlichen Teil der Zuhörerschaft bezogen.

Und es war den Weiblein ein besonderer Ohrenschmaus, ihre Eheherren noch

über das liebe Rindvieh gestellt zu sehen.

So hatschten denn junge und alte Kittelträgerinnen daher mit Körben voll

von Eiern und Butter und Schmalz, mit Geflügel aller Art, Hühnern und

Enten und Gänsen, mit ganzen Speckseiten und Geräuchertem, mit Schinken

und Würsten, mit köstlichem Backwerk, vom mürben Kipfel bis zum

bauchigen Gugelhupf und kreisrunden Torten, etwelchen schier so groß wie

Mühlensteine. Es waren auch genug unter der Weiblichkeit, die ihre

zärtliche Hingabe mit riesigen Bischkotenherzen bekundeten.

Es verstehet sich von selbst, daß diese erfreulichen Zutaten zum

irdischen Wohlergehen das Ansehen des hochwürdigen Pater Hilarius unter

seinen geistlichen Mitbrüdern wesentlich steigerten. Denn wer es

imstande war, bloß durch des Wortes Gewalt den Inhalt der Ställe und

Felder durch die fromme Klosterpforte zu leiten wie einen nimmer

versiegenden Strom, der mußte wohl vom Himmel ganz hervorragend begnadet

sein.

Diese Anerkennung sprach auch der hochwürdige Herr Prior seinem

verdienstvollen Mitbruder begeistert aus. Er meinte zwar, der Pater

Hilarius sei ein grober Knochen, aber nichtsdestoweniger habe er den

richtigen Ton getroffen, der zu den Herzen der Menschen gehe und alle

edeln und nützlichen Instinkte des menschlichen Rindviehs in geradezu

staunenswerter Weise auslöse.

Dieweilen der hochwürdige Herr Prior in geistlichen Schriften sehr

belesen war, machte er den Pater Hilarius auf einen Ausspruch seines

berühmten Vorfahren, des Paters Abraham a Santa Clara aufmerksam. Es

geschah dies im ursächlichen Zusammenhange mit der Wirkung von des Pater

Hilarii Fastenpredigt auf das zarte weibliche Geschlecht.

Der hochwürdige Herr Prior meinte, daß der Pater Abraham im vorliegenden

Falle nicht recht behalten habe. Denn er habe einmal gesagt: »Die Weiber

seynd sonst genaturt wie das Kraut, mit dem Namen Basilicum: wann man

dieses gemach und sanft streichet, so gibt es einen überaus lieblichen

Geruch von sich; da man es aber stark reibet, stinkt es gar wild.«

Der Pater Hilarius habe jedoch seine andächtigen Zuhörer und darunter

auch die Weiblein nicht nur stark gerieben, sondern gebürstet und

gestriegelt nach allen Regeln. Und trotzdem hätten darnach gerade die

Weiblein lieblich geduftet nach Speck und Schinken, nach Gugelhupf,

Faschingskrapfen und Mandelbögen, nach Punschtorten und

Bischkotenherzen. Da wies jedoch der hochwürdige Pater Hilarius seinen

geistlichen Vorgesetzten auf den Weg der Erklärung, den ich mit euch,

großgünstiger Leser und hochgeneigte Leserin, bereits ein Stück weiter

oben gegangen bin.

Der Prior mußte dem Pater Hilarius recht geben. Er nannte ihn einen

großen Menschenkenner und vornehmlich auch einen großen Kenner der

holden Weiblichkeit, deren Schlichen man nicht auf den Grund sehen kann

und bediente man sich hiezu auch eines klafterlangen Perspektives.

Dabei ermahnte der Prior seinen geistlichen Mitbruder, er möge sich die

Dummheit der Menschen zu seinem ganz eigentlichen Studium erwählen,

ihr recht nachforschen, hauptsächlich auch ihre Ursachen und tiefsten

Fundamente zu ergründen trachten. Denn besagtes Studium könne für das

ganze Kloster nur ungemein gedeihlich sein. Das habe schon der Anbeginn

der Tätigkeit des Pater Hilarius zur Genüge bewiesen.

Der Pater Hilarius versprach es seinem geistlichen Oberen, er wolle mit

allem gebührenden Fleiß dem menschlichen Viehstall auch weiter seine

vollste Aufmerksamkeit widmen. Zog sich in seine Zelle zurück und war

Tage und Wochen nicht zu sehen.

Auf Geheiß des Priors und wohl auch aus eigenem Antriebe versorgten ihn

seine geistlichen Mitbrüder fleißig mit aller erdenklichen Atzung und

mit Wein, damit er in seinem anstrengenden Studium über die Dummheit der

Menschen auch der leiblichen Stärkung nicht ermangele.

Es ging jedoch der Pater Hilarius bei seinen schwierigen Forschungen

völlig logisch zu Werke. Er dachte sich: Jedes Ding auf Erden muß seinen

Schutzheiligen haben. Also auch die menschliche Dummheit. Wenn es

gelingt, ihren Heiligen zu finden, dann hat die Sache ihre himmlische

Erklärung und kann dadurch leichter begriffen werden.

So durchforschte der Pater Hilarius das Leben sämtlicher Heiligen, deren

er habhaft werden konnte. Keiner war aber so geartet, daß er für die

menschliche Dummheit hätte verantwortlich gemacht werden können. Der

hochwürdige Pater studierte die Legenden von vorne und von hinten und

konnte trotzdem zu keinem Resultate gelangen.

Endlich unternahm er es, alle Heiligen alphabetisch zu ordnen, damit ihm

ja keiner zu entrinnen vermochte. Als auch dieses nichts nützte, ordnete

er sie zuerst nach ihren Anfangssilben und dann nach ihren Endsilben.

Dabei kam er auch auf die Heiligen mit der Endsilbe »azius«, auf die

heiligen Ignazius, Bonifazius, Servazius, Pankrazius und andere Aziusse.

Ich muß hier meine gelehrte Darstellung etwas unterbrechen und zur Ehre

der Tiroler Speckknödel einfügen, daß just an dem herrlichen Tage, an

dem der Pater Hilarius die Heiligen auf »azius« in Reih und Glied

aufmarschieren ließ, der Pater Küchenmeister geradezu phänomenale

Speckknödel hergestellt hatte, von denen ein halbes Dutzend mit einer

Schüssel dampfenden Sauerkrautes dem Pater Hilarius auf seine Zelle

gebracht wurden.

Diese Knödel schmeckten dem hochwürdigen Pater so fürtrefflich, daß er

den zweiten Gang, der in resch gebackenem Kälbernem bestand, freundlich

zurückwies und dafür eine zweite Auflage Knödel verlangte.

Seinem Wunsche wurde natürlich sofort mit gebührender Ehrfurcht

entsprochen. Denn es war dem gesamten Kloster alsobald klar geworden,

daß sein berühmtes Mitglied heute besonders vom Geiste der Forschung

erfüllet und dahero desjenigen Nahrungsmittels in stärkerem Maße

bedürftig sei, welches bekanntlich zur unmittelbaren Anregung der

Gehirnfunktionen führet.

Um dieser Vergeistigung allen möglichen Vorschub zu leisten, ließ der

Pater Kellermeister seinem hochwürdigen Amtsbruder gleichzeitig einen

ungeheuern Krug, der niemals geaicht worden war, auf seine Zelle

bringen. Ihn sollte ein sagenhafter Pater des Klosters vor vier oder

fünf Jahrhunderten in drei Zügen geleeret haben und sollte darauf eines

seligen Todes verblichen sein.

Sotaner Krug wurde nur bei ganz besonders festlichen Gelegenheiten zu

einem feierlichen Rundtrunke hervorgeholet. Den Krug hatte der Pater

Kellermeister mit dem besten und ältesten Wein des Klosters gefüllet,

von dem man behauptete, daß um Mitternacht eine schwarze Katze auf dem

Fasse hocke.

Das alles sei auch deshalb erwähnet, um die Verdienste der Patres

Küchenmeister und Kellermeister an den nachfolgenden weltbewegenden

Entdeckungen des hochwürdigen Pater Hilarius in das richtige Licht zu

stellen.

Nachdem nun der hochwürdige Pater Hilarius der zweiten Knödelfuhr den

Garaus gemacht hatte und auch schon ziemlich tief auf den Grund des

legendären Kruges untergetaucht war, nahm er nochmals die Liste der

heiligen Aziusse vor. Er ging sie lange durch, und er ging sie gründlich

durch, in seinem Verstande und Gemüte wohl erwägend, ob er nicht

irgendeinen heiligen Namensträger auf »azius« vergessen hätte.

Da machte er plötzlich in seiner Zelle einen Luftsprung, lüpfte den

durch Alter und Überlieferung geweihten Krug an seine Lippen, nahm einen

doppelt kräftigen Kuhschluck daraus, setzte ihn wieder auf den Tisch und

brach in die begeisterten Worte aus: »Jetzt aber hab' ich dich beim

Krawattel, du heimtückisch verschlossener heiliger Azius! Ignazius,

Servazius, Bonifazius und Pankrazius! Eure Liste soll voll werden!

O heiliger Sankt Bürokrazius! Jetzt hab' ich dich erwischt! Und du

sollst mir nicht mehr auskommen!«

Reifliches weiteres Nachdenken brachte den Pater Hilarius zu der

Überzeugung, daß er in dem heiligen Bürokrazius tatsächlich den

richtigen Schutzheiligen der menschlichen Dummheit gefunden hatte. Nicht

nur den Schutzheiligen der menschlichen Dummheit, sondern auch

denjenigen Heiligen, dessen Existenz sich überhaupt nur durch die

menschliche Dummheit erklären ließ, der aus der menschlichen Dummheit

gezeugt und geboren wurde.

Dem Pater Hilarius wurde es bei der fortschreitenden Verdauung der

Speckknödel, deren Zahl diesmal nichts zur Sache tut, und bei der

endgültigen Ergründung des heiligmäßigen Kruges immer mehr sonnenklar,

daß der heilige Sankt Bürokrazius der mächtigste und einflußreichste

Heilige auf Erden war.

Welcher andere Heilige hatte sonst eine derartige Allmacht gewonnen? Vor

welchem anderen Heiligen lag sonst alles derart auf den Knien, ja kroch

vor ihm auf dem Bauche? Eines solchen durchschlagenden Erfolges konnte

sich kein einziger anderer Heiliger rühmen. Kein Heiliger hatte so viele

Jünger wie der heilige Bürokrazius. Kein Orden zählte so viele Anhänger

und war mit seinen unermeßlichen Tausenden von Mitgliedern so sehr

verbreitet als wie gerade der Orden des heiligen Bürokrazius.

Bei weiterer Nachforschung entdeckte der hochwürdige Pater Hilarius in

seinem neu gefundenen Heiligen, dem Sankt Bürokrazius, sogar göttliche

Eigenschaften. Zwar vermochte er in ihm weder die Allwissenheit noch die

Allgütigkeit und Allbarmherzigkeit zu finden, wohl aber bis zu einem

gewissen Grade die Allmächtigkeit. Eine göttliche Eigenschaft fand er

jedoch in dem heiligen Bürokrazius vollkommen verkörpert. Das war die

Allgegenwart.

Bei diesem Studium der Allgegenwart des heiligen Bürokrazius mußte sich

der hochwürdige Pater, indem er sich die nachfolgenden Fragen vorlegte,

selbst eingestehen und bekennen: Machst du eine Türe auf, wer stehet

draußen? Der heilige Bürokrazius. Machst du ein Fenster auf, wer glotzet

herein? Der heilige Bürokrazius. Sperrst du einen Kasten oder eine Truhe

auf, wer hocket drinnen? Der heilige Bürokrazius. Greifst du in den

Hosensack, wen ziehest du beim Ohrwaschel herfür? Den heiligen

Bürokrazius. Wer recket überall, aus den verstecktesten Winkeln und

heimlichsten Örtlein seinen Kragen heraus? Der heilige Bürokrazius.

Derohalb bestand für den Pater Hilarius an der Allgegenwart dieses

größten und mächtigsten Heiligen, des Schutzheiligen der menschlichen

Dummheit, nicht der geringste Zweifel mehr.

Um so gewaltiger überraschte es jedoch den hochwürdigen Pater, daß er

keine Legende des heiligen Bürokrazius finden konnte. Die Menschheit

hatte also entweder in ihrer Dummheit oder in ihrer unverantwortlichen

Undankbarkeit das Erdenleben desjenigen Heiligen totgeschwiegen, in dem

sie lebte und webte, in dem sie aufging, der ihre geheimsten

Verrichtungen überwachte, kontrollierte und registrierte.

Das fand der Pater Hilarius für unerhört. Er entschloß sich daher, die

Legende des heiligen Bürokrazius zu schreiben, um der Menschheit einen

Lebensspiegel desjenigen Schutzheiligen zu verehren, zu dem sie in

Ehrfurcht aufblickte, vor dem sie in ihrer grenzenlosen Dummheit bebte

und zitterte, gleich einem Espenlaub und gleich dem schlotternden

Schweiflein eines blutjungen Lämmleins.

Da der hochwürdige Pater Hilarius aber nach dem Gutdünken seines eigenen

Priors ein grober Knochen war, fand er noch einen dritten Vergleich für

das Beben der menschlichen Dummheit vor dem heiligen Bürokrazius. Und er

sagte zu sich selbst: Vor diesem saudummen Heiligen zittert das noch

dümmere Rindviechgeschlecht der Menschen genau so wie eine schweinerne

Sulz auf dem Teller.

Nachdem der Pater Hilarius diesen endgültigen Vergleich gefunden hatte,

teilte er dem Prior seinen Entschluß mit, daß er die Legende des

heiligen Bürokrazius schreiben und damit eine ebenso große wie

unbegreifliche Lücke in der Geschichte der himmlischen Herrschaften

ausfüllen wolle. Der hochwürdige Herr Prior gab seinem verehrten

geistlichen Mitbruder unbeschränkten Urlaub für diese hochwichtige

Arbeit.

Wie der Pater Hilarius seine Aufgabe gelöset hat, das mag das

Nachfolgende beweisen. Es war die Arbeit eines Riesen. Denn es galt aus

längst verschütteten Quellen, aus dem Staub der Archive und

Bibliotheken, aus unzähligen Akten und Faszikeln, Schmökern und

Traktätlein, aus dem Moder der Vergangenheit die Geschichte des

mächtigsten Schutzheiligen der menschlichen Dummheit herauszugraben. Und

nicht zuletzt blieb es dem Ingenium des hochwürdigen Paters vorbehalten,

alle die vielen klaffenden Lücken auszufüllen, die sich in den oft

widersprechenden Überlieferungen ergaben.

Daß daraus trotzdem ein gerundetes Bild wurde, danken wir neben den

ungeheuren geistigen Eigenschaften des Pater Hilarius natürlich auch den

Tiroler Speckknödeln, die er sich auf seinen ausgedehnten

Forschungsreisen nebst einem guten Tropfen stets zu verschaffen wußte.

Dadurch ist ein Werk entstanden, daß an Großzügigkeit seines Gleichen

suchet, dabei aber an Subtilität der Kleinarbeit nur mit jenem

Kunststück des Mirmecides verglichen werden kann, der aus Elfenbein

einen Wagen samt Pferd und Kutscher also klein und künstlich geschnitten

hat, daß man alles unter dem Flügel einer kleinen Fliege hat verbergen

können.

Einer Statue aus Erz oder Marmor und gleichzeitig der winzigsten

Filigranarbeit aus Elfenbein muß die Arbeit des Pater Hilarius

verglichen werden. Was aber aus jedem Zug derselben hervorleuchtet, das

ist die glühende Liebe und Verehrung für seinen Heiligen, welchen er

einer andächtigen Menschheit zum ersten Male dargestellet hat. Lassen

wir nunmehro dem hochwürdigen Pater Hilario anselbsten das Wort.

[Verzierung]

Wie die Heiligen im Himmel dem lieben Gott eine

seltsame Bitte vortrugen.

Die Legende vom heiligen Bürokrazius beginnet im Himmel, was auch nicht

mehr als recht und billig ist. Denn welches Lokal wäre geeigneter, den

Ursprung der folgenden Begebenheiten darzustellen, als gerade der

Himmel. Wir sind ja so übersättiget von dem irdischen Theater mit all

seinem Jammer, daß die geneigten Leser gewiß zur Erholung gerne einmal

einen himmlischen Spaziergang machen.

Es hatte schon seit geraumer Zeit unter den Heiligen des Himmels ein

gewisser Unmut und eine arge Verdrießlichkeit Platz gegriffen. Der

himmlische Humor drohte gewaltig in die Brüche zu gehen.

Das kam daher, weil die Heiligen viel zu gescheit waren. Und da sie alle

gleich gescheit waren, konnte keiner gescheiter sein als der andere.

Dergestaltes Gleichmaß verdrießet aber mit der Zeit nicht nur die

Menschen, sondern auch die sanftesten und frommsten Heiligen.

Auch die leuchtendsten Eigenschaften können nur dann zur Geltung kommen,

wenn sie sich vom Hintergrund des Gegensatzes abheben, da sie ansonsten

in all ihrer Pracht keine Beachtung mehr finden. Was würde die Sonne

sein, wenn ihr nicht die Nacht folgte, und was alles Blühen und Wachsen

auf Erden, wenn uns nicht die Fröste des Winters mit der zehrenden

Sehnsucht nach den lauen und milden Lüftelein des Frühlings erfüllen

würden.

So war auch die Seligkeit der Heiligen im Himmel keine vollkommene; denn

dieser Prophet war gleich gescheit wie jener Kirchenvater, und dieser

ehrwürdige Patriarch konnte jenem heiligen Theologen jederzeit das

Wasser reichen. Und jene Einsiedler der Wüste hatten schon während ihres

Erdenwallens in ihrer Weltabgeschlossenheit so viel überflüssige Zeit

gehabt, um über alle großen Probleme nachzudenken, daß sie mit dem

Vorrat ihrer Gescheitheit für alle Ewigkeiten auslangten.

So bedeutete keiner für den anderen etwas Neues und noch nicht

Dagewesenes. Und wenn einer zu der abgrundtiefsten Weisheit den Mund

auftat, so konnte er sicher sein, daß sie der andere schon wußte. Es

gibt aber nichts Ärgerlicheres, als wenn man nie einen Hauptsatz sagen

kann, ohne daß der andere sofort den Nebensatz ergänzet. Das kann den

Geduldigsten mit der Zeit zur Verzweiflung bringen.

So war es denn im Himmel allmählich gekommen, daß die meisten Heiligen

überhaupt nichts mehr sprachen, sondern sich in undurchdringliches

Schweigen hüllten. Deshalb war es mit der himmlischen Unterhaltung immer

schlechter bestellet.

Da ereignete sich eines Tages das Wunderbare, daß ein Heiliger plötzlich

einen Gedanken äußerte, von dem die anderen keine blasse Ahnung gehabt

hatten. Welcher Heilige das war, das zu erforschen ist auch der größten

Mühe und Sorgfalt leider nicht gelungen.

Es war aber ein Heiliger, der völlig unvermittelt in den kräftigen Ruf

ausbrach: »Himmel, Herrgott, Sakrament und alle Heiligen! Wenn wir nur

endlich einen dummen Heiligen unter uns hätten! Aber schon einen so

saudummen, strohdummen und erzblöden Heiligen! Das wär' eine Gaudi!«

Brausender Jubel erhub sich ob dieser Worte. Sie wirkten wie eine

Erlösung aus großer Drangsal.

Alsogleich wurde eine feierliche Botschaft an den lieben Gott

abgeordnet, deren Sprecher natürlich jener Heilige war, der den

himmlischen Einfall gehabt hatte.

Der liebe Gott ging gerade auf der Himmelswiese spazieren, als sich ihm

die Botschaft der Heiligen in aller Ehrfurcht näherte. »Ja, was ist denn

heut' los?« frug der liebe Gott mit seinem gütigsten Lächeln. »Ihr

schaut's ja alle aus, als wenn euch die Hennen das Futter vertragen

hätten. Paßt euch vielleicht was nicht da im Himmel heroben?«

Da sagte der Sprecher: »Halten zu Gnaden, Eure göttliche Majestät, etwas

fehlet uns wirklich noch zu unserer himmlischen Seligkeit. Wir sind uns

alle miteinander viel zu gescheit und wissen dahero nichts Rechtes mehr

miteinander anzufangen. Und so möchten wir untertänigst gebeten haben,

daß Eure göttliche Majestät gnädigst geruhen, unserm heiligen Konzilium

auch einmal einen dummen Heiligen einzuverleiben. Je dümmer, desto

besser. Mindestens so dumm, als Eure göttliche Majestät allmächtig sind.

Den größten Trottel und Teppen, das ärgste Kamel, den ausgemachtesten

Esel, das riesigste und erlesenste Rindviech, das gefunden werden kann.

Auf dieser glänzenden Folie des Kontrastes wird sich dann unsere

Gescheitheit so überwältigend abheben, daß sie uns nicht mehr als etwas

Alltägliches erscheinet. Und der himmlische Humor, der sehr zu versauern

drohet, wird dann neue und ungeahnte Blüten treiben!«

Da lachte der liebe Gott in seiner Allgütigkeit so gewaltig, da es nur

so donnerte und daß vor dem schallenden Gelächter ein paar Dutzend

Engelein aus dem Gezweige der Bäume auf die Himmelswiese purzelten, sich

im Grase wälzten und fröhlich aus ihren jungen Kehlen mitlachten.

Der liebe Gott aber sprach: »Wenn euch nur das zu eurer vollkommenen

himmlischen Seligkeit mangelt, dann hoffe ich, euch euren Wunsch

erfüllen zu können. Denn ich glaube, daß es meiner Allmacht gelungen

ist, unter den Milliarden meiner Geschöpfe irgendwo einen so blitzdummen

Kerl zu erschaffen, der euch Genüge leisten kann. Es handelt sich jetzt

nur darum, dieses hervorragende und illustre Rindviech zu finden.

Alsodann müßet ihr euch nur noch gedulden, bis besagtes Hornvieh seine

irdischen Tage vollendet hat und eurer auserlesenen Korona im Himmel

beigesellet werden kann. Da jedoch Erdenzeit im Vergleich zu der

Ewigkeit ein flüchtiger Augenblick ist, wird die Erfüllung eures

Wunsches nicht lange auf sich warten lassen. Ich will sogleich eine

himmlische Botschaft entsenden, die euch den dümmsten Heiligen suchen

soll. Meine drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael will ich mit

dieser erhabenen Sendung betrauen.«

Der liebe Gott winkte den Abgesandten der Heiligen ihre gnädigste

Entlassung zu. Diese stimmten einen begeisterten Jubelchor zu seiner

Lobpreisung an und verbreiteten die Nachricht im ganzen Himmel, daß die

Bitte gewähret worden war.

[Verzierung]

Wie die himmlischen Sendboten den heiligen Bürokrazius

entdeckten.

Die drei Erzengel rüsteten sich auf das Geheiß des lieben Gott zu ihrem

Flug nach der Erde, um dort unter den übrigen unzähligen Rindviechern

das größte, ungeheuerlichste und gewaltigste Rindviech zu finden.

Da es sich um eine der feierlichsten Botschaften handelte, wählten sie

zu diesem Behufe ganz besonders festliche Flügel. Der Erzengel Michael

zog ein himmelblaues Gefieder an, der Erzengel Gabriel ein rosenrotes

und der Erzengel Raphael ein smaragdgrünes. Sämtliche Heilige,

Patriarchen und Propheten geleiteten die drei Erzengel ans Himmelstor

und sahen mit unendlichem Entzücken, wie sie, in ihren leuchtenden

Farben zu gewaltigem Fluge ausholend, gegen die Erde niederschwebten.

Nachdem die himmlischen Sendboten ihre Fußstapfen auf die Erde gesetzet

hatten, mußten sie lange wandern, Wochen und Monate lang, ehe sie ihr

Ziel erreichten, einen dummen Heiligen zu finden.

Mehrmals glaubten sie schon, den Richtigen entdeckt zu haben. Aber da

trug es sich immer wieder zu, daß er entweder zu wenig dumm oder zu

wenig heilig war.

Schon begannen die drei Erzengel an einem Gelingen ihrer Sendung zu

verzweifeln, als sie eines schönen Tages in eine Ortschaft kamen, wo sie

erfuhren, daß dort ein heiligmäßiger Mann lebe, der entsetzlich dumm

sei. Er komme überhaupt nicht aus seinem Gelasse heraus, in dem er Tag

und Nacht hause.

Die himmlischen Sendboten fanden den Mann in einem düsteren Gewölbe, von

dem nur ein einziges vergittertes Fenster ins Freie führte. Die Spinnen

hatten ihre Netze über Ecken und Wände gezogen, und es roch in dem Raume

gar nicht auferbaulich nach Schimmel, Schmutz und wenig holdseligen

Düften.

Der heiligmäßige Mann aber hockte auf einem wackeligen Stuhle vor einem

Tische, der mit ganzen Bergen von Papier und mit dicken Folianten

bedecket war. Auch die Wände waren rings mit verstaubten Faszikeln

verstellet. Es herrschte eine Luft zum Ersticken.

Der Bewohner des Gemaches schien sich aber trotzdem recht wohl darinnen

zu fühlen. Er war unter all dem Papier vergraben wie ein verkrümmter

Wurm.

Über leibliche Schönheit verfügte er nicht. Er besaß eine riesige

Glatze, von der nach hinten Strähne ungeordneten Haares in den Nacken

fielen. Im Gesicht standen ihm die Bartstoppeln, als wenn er mit einem

Stachelschwein Bruderschaft getrunken hätte.

Das merkwürdigste an seiner Erscheinung war aber seine ungeheure Nase,

die eher einem schnüffelnden Rüssel, als einem menschlichen

Riechinstrumente glich. Auch die Ohren waren von so gewaltigen

Dimensionen, daß sie an die Hörwerkzeuge eines gewissen Grautieres

erinnerten, das dem Müller Säcke schleppet. Blöde kurzsichtige Augen

hinter großen Brillen, die immer wieder auf die Rüsselnase

herunterrutschten, und ein breites Maul vervollständigten die anmutige

Erscheinung.

Dabei litt der Mann offenbar an einer sehr unangenehmen Krankheit,

nämlich an der _Krawatitis posterior ascendens_. Keine kriechende Laus,

keine beißende Wanze und kein springender Floh kann einen sterblichen

Menschen derart peinigen und zur Verzweiflung treiben, als just die

_Krawatitis posterior ascendens_, das ist die hinten hinaufsteigende

Krawattelkrankheit.

Der Mann kritzelte eifrig in seinen Papieren. Dabei hatte er aber

unausgesetzt einen qualvollen Kampf mit seinem Krawattel zu führen,

das ihm trotz aller Bemühungen unablässig und heimtückisch gegen den

Hinterkopf emporkletterte und das er stöhnend und seufzend stets wieder

in die richtige Lage zu bringen trachtete. Eine Folter, gegen welche die

Arbeit des Sisyphus oder das Faß der Danaiden ein Kinderspiel ist.

Die himmlischen Sendboten waren auf leisen Sohlen unbemerkt und ungehört

in das Gemach getreten und sahen dem Mann über die Schultern.

Da entdeckten sie, daß der sonderbare Heilige seit Jahr und Tag über

alles Buch führte, was um ihn und in ihm vorging. Alles hatte er

registriert, tabelliert, verzeichnet, aktenmäßig niedergelegt.

In mächtigen Folianten, über die sich der Nasenrüssel schnuppernd und

wonnevoll schnaufend bewegte, war alles schwarz auf weiß zu finden ...

wenn irgendwo in der Nähe eine Kuh muhte oder ein Schaf blökte, wenn ein

Hund bellte oder eine Henne gackerte. Ja, sogar die Geräusche seines

eigenen Ichs hatte der Mann sorgfältig und aktenmäßig zu Papier gebracht

... wenn er hustete, nieste, sich räusperte oder spuckte, wenn er

rülpste oder sich schneuzte oder wenn ihm sonst etwas Menschliches

widerfuhr. Auch die _Krawatitis_ war in allen auf- und absteigenden

Phasen und Stadien aktenmäßig festgeleget. Jeder Kuhfladen und jeder

Roßknödel, deren Fall der Mann von dem beschränkten Gesichtskreise

seines einzigen Fensters beobachten konnte, fand sich als wichtiger

Beitrag zur Landwirtschaft protokollarisch aufgenommen. Und jeder derbe

Fuhrmannsfluch, der gelegentlich einmal in das dumpfe Loch des

merkwürdigen Heiligen hereinflog, war verewiget als Dokument der

niedergehenden öffentlichen Sittlichkeit.

Unaufhörlich kritzelte und schnüffelte der heiligmäßige Mann. Noch immer

hatte er die Eindringlinge nicht bemerkt. Da rief der Erzengel Michael

begeistert: »Halleluja! Das ist doch der saudummste Kerl, den wir finden

konnten!«

Dem heiligmäßigen Mann war gerade vorher ein anderer Laut entfahren, den

er sorgfältig in dem neuesten, seinem eigenen Ich gewidmeten Folianten

verewigte. Dann fuhr er eilig weiter zu schreiben fort: »Protokollführer

hört sich soeben als den saudummsten Kerl, den man finden konnte,

bezeichnen. Provenienz dieser Äußerung noch unbekannt. Zweckdienliche

Nachforschungen werden sofort eingeleitet.«

Damit drehte er sich auf seinem Stuhle um und wurde seiner Besucher

ansichtig. Bei dieser jähen Bewegung stieg ihm sein schmieriges

Krawattel in unergründlicher Bosheit hinten bis an den Rand der Glatze

empor. Mit einem verzweifelten Ruck führte er es wieder an seinen

natürlichen Bestimmungsort zurück. Dann herrschte er die Eindringlinge

an: »Können Sie nicht lesen, was draußen an der Türe steht? Eintritt ist

nur nach dreimaligem Anklopfen gestattet!«

»Halt's Maul!« meinte der Erzengel Raphael mit einer gewissen

Gutmütigkeit.

»Was ist das für ein Ton! Sie machen sich der Beleidigung einer

geheiligten Person schuldig!«

»Ah, geh!« sagte der Erzengel Gabriel freundlich.

»Ich bin eine geheiligte Person!« sprach der heiligmäßige Mann

großartig.

»So siehst du auch aus!« bestätigte der Erzengel Michael.

Das rüsselnasige und langohrige Stachelschwein hatte sich in seiner

ganzen Würde erhoben und stand nun in seinen bodenscheuen Hosen bebend

vor Empörung und in seinem abgetragenen schwarzen, ins Grünliche

schillernden Rocke schlotternd vor Entrüstung vor seinen ungebetenen

Besuchern. »Was wollen Sie hier? Schauen Sie, daß Sie hinauskommen!«

schrie er.

»Tu dich nur nicht hinaufregen!« sagte der Michael lächelnd.

»Vor allem verbitte ich mir das Duzen!« brüllte der sonderbare Heilige.

»Du kannst ja Sie zu uns sagen, wenn's dich freut!« meinte der Gabriel

nachgiebig. »Wir haben aber zu einem Hornvieh noch nie Sie gesagt.«

Das heiligmäßige Stachelschwein schnaufte vor Wut: »Nun hab' ich's aber

satt! Wollen sich die Herren legitimieren! Wer sind Sie?«

Da entgegnete der Gabriel ungemein sanft: »Wir sind eine himmlische

Botschaft: Erzengel Michael, Erzengel Gabriel und Erzengel Raphael.«

»Das könnte ein jeder sagen!« kam es von den Lippen des schnüffelnden

Rüsseltieres, das einen fortwährenden stummen Kampf mit dem scheußlichen

_Perpetuum mobile_ seiner Krawatte führte.

»Es ist aber so! Und du hast es zu glauben! Verstanden!« erklärte der

Michael mit großer Bestimmtheit.

»Ausweis!« schnauzte das eselohrige Stachelschwein. »Wo haben Sie Ihren

Paß?«

»Wir haben keinen Paß!« antwortete der Gabriel.

»Wir brauchen keinen Paß!« erklärte der Raphael.

»Waaaaaaas?« Die Krawatte stieg dem Rüsseltier vor heiliger Entrüstung

über die Ohren empor. »Sie haben keinen Paß? Und Sie wagen es ... Keinen

Paß? Da sind Sie ja ein ganz gewöhnliches Gesindel! Jeder anständige

Mensch hat seinen Paß!«

Der heilige Bürokrazius: Eine heitere Legende · 第 1 / 6 段