Frankreich ist seit zweihundert Jahren durch Weiber regiert worden; ob

gut oder schlecht, ist ein Umstand, auf den es hier nicht ankommt. Daß

es schlecht regiert ward, ist nicht die Schuld der Weiber überhaupt,

sondern jener Weiber, die listig, verwegen und ehrsüchtig genug waren,

die Zügel des Staates den schwachen Händen zu entwinden, denen das

blinde Glück sie anvertrauet hatte, oder die in anderen Rücksichten

aufgestellt wurden, und die dann, neben dem schwereren Geschäfte die

lange Weile von einem müßigen Monarchen zu verscheuchen, auf den

Einfall kamen, das ungleich leichtere Geschäft der Staatsverwaltung zu

übernehmen.

Seitdem _Semiramis_ mit rascher entschlossener Hand das Zepter ergriff,

und es mit so vieler Würde als Weisheit führte, haben viele Weiber,

und unter diesen mehrere welche die Geburt nicht für ein Diadem

bestimmte, den Herrschertitel mit Ehren getragen. Giebt es nicht

Länder, die in ihren Regentenlisten eben so viele berühmte Namen des

einen als des anderen Geschlechtes aufführen? Wenn das Cabinet außer

der _Ritterin d'Eon_ keinen weiblichen Geschäftsträger aufzuweisen hat;

sollte dies wohl die Unfähigkeit des anderen Geschlechtes beweisen?

Bei Allem, was durch Vernunft erklügelt, durch Dreistigkeit errungen,

durch Witz erhascht, durch Gutmüthigkeit erreicht werden kann, wird

die schöne Welt nicht zurückbleiben; -- und wenn feile Seelen allen

Triebfedern dienstbar sind, werden Weiber nie vergessen, was anständig

ist -- welches da, wo der Anstand sich das Ansehen giebt am höchsten

getrieben zu seyn, oft schnöde vergessen wird. Lord _Chesterfield_ soll

bei einer Assemblee auf _Voltaire'ns_ Frage: _halten Sie die Englischen

oder die französischen Damen für schöner?_ geantwortet haben: _ich

verstehe mich nicht auf Gemälde_; und doch wüßt' ich keinen Hofmann,

der sich so zu schminken verstanden hätte, wie dieser Mann, der unter

den Lords den Gelehrten, und unter den Gelehrten den Lord machte. Wer

_le fin du fin_ in dem diplomatischen Fache kennt und übt, richtet

auf diesem Wege oft am wenigsten aus -- Adler fangen nicht Fliegen,

und der Prätor setzt sich über kleinfügige Subtilitäten hinweg --

Der weibliche Vortrag ist gemeiniglich mit dem was vorgetragen wird,

aus Einem Hause; diese Zwei sind Eins, und nie oder selten findet

hier eine Mésalliance Statt, welches aber zwischen dem männlichen

Vortrage und der vorzutragenden Sache sehr oft der Fall ist -- Wüßten

wir, was in Cabinetten durch Weiber geschehen ist: wir würden über

die interessantesten aller Spiele, die Täuschung der Imagination,

erstaunen, wodurch Weiber zu ihrem Zwecke kamen; wir würden die Kunst

bewundern, mit welcher ein Weib oft den Faden einer Begebenheit

anspann, den sie durch alle Schleichwege der Intrigue glücklich bis zum

Ziel hinausführte. Eigentlich scheinen sie jener Künste, worauf die

Politik heut zu Tage stolz thut, sich bloß darum zu bedienen, daß die

Männer mit gleicher Münze bezahlen können; im Grunde sind sie von Natur

aus, weniger, als wir mit jenen Schlangenwindungen der Zweideutigkeit,

mit jener politischen Falschheit ausgerüstet, die nach den Regeln der

jetzigen Kunst im Finstern schleicht; und es ist von ihrem Verstande

und von ihrem Herzen zu erwarten, daß sie die Politik säubern, und ihr

zum Besten der Menschheit mehr Natur und Wahrheit beiordnen werden. Mit

dem Talent, die heimlichsten Gedanken eines Andern auszuspähen, und sie

in den verborgensten Winkeln zu ertappen, werden sie den schlauesten

Diplomatiker überlisten, ohne daß es Sr. Excellenz gelingt, ihnen ihr

Geheimniß zu entwenden; und obgleich der Wille der Principal-Excellenz,

wie ein Taglöhner, oft dem liederlichsten Weibe verkauft wird: so wird

doch auch der Feinste von den Feinen vergebens sie verleiten, ihren Fuß

an einen Stein zu stoßen -- Nicht bloß die verliebte Schäferin, sondern

auch der Hofmann verbirgt sich im Gesträuch; allein beide lassen sich

_zuvor_ sehen -- Die Kunst vermehrt oft die Schmerzen des Kranken,

und es giebt eine verkünstelte Kunst die in's Abderitische fällt,

wodurch unser Geschlecht in der Diplomatik Glück machen will -- Wir

verfehlen nicht, dem Erzengel _Michael_ und dem _Drachen_ eine Kerze zu

widmen -- Warum doch so viele Künste! -- Werden Weiber aber bei diesem

Geschäfte den ihnen eigenen Edelmuth aufgeben? jene aus Menschenliebe

abstammende Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung? werden sie je

bei der ihnen eigenen Kunst Menschen zu vernehmen und zu erforschen,

aufhören, großmüthig zu seyn und sich selbst zu besiegen? Nimmermehr!

Schwache Männer pflegen gern boshaften Menschen ihr Zutrauen zu

schenken, schwache Weiber dagegen sich edlen Menschen zu überlassen:

Weiber hassen Verrätherei und den Verräther; wir nur, wenn's köstlich

ist, den Verräther: wir sehen es gern, wenn dergleichen Leute viel

bringen, und geben uns nur Mühe, daß sie wenig oder nichts mitnehmen

-- Weiber, weit hinweg über jene politischen Tiraden, über jene

politischen Metaphern und jenen politischen _Salto mortale_, wählen die

Natur zu ihrer Lehrerin, und richten mehr aus, als Excellenzen durch

abgenutzte, verrathene und verkaufte _Kniffe_, die den beschrieenen

Namen _Künste_ bei weitem noch nicht einmal verdienen --! Können Weiber

nicht zeigen und verbergen, was sie wollen? Haben sie nicht eine

Offenheit, durch die sie mehr, als durch Zurückhaltung, ausrichten?

eine unvergleichliche Biegsamkeit der Gedanken, eine Helle im Ausdruck,

eine Geschmeidigkeit im Urtheil --? Ihr Mienenspiel, ihr Glück und

ihr Verdienst, mit geringen Hülfsmitteln die größten Wirkungen zu

bewerkstelligen -- ihre Kunst, jedem einen Spiegel vorzuhalten, worin

_er_ sieht, was _sie_ wollen; ihre gelenkige Zunge, wodurch sie

ihren Ideen eine Macht beilegen, die Alles überwindet: -- dies sind

Eigenschaften, wodurch sie alles ausrichten. Man nimmt nur die Wirkung

an sich wahr, und sieht sich vergebens nach den Ursachen um, welche die

Weiber sehr künstlich zu verstecken wissen. Schon im gemeinen Leben

verwickeln sie mit ihrem Witze alle Charaktere der Gesellschaft auf

eine so angenehme Art, daß man diese ihre Leichtigkeit bewundern muß.

Indem sie der Ausdruck zu verlassen scheint, indem sie ihn aufgeben,

finden sie eine überschwengliche Sprache: sie belauschen kleine Ideen,

die der, den sie gewinnen wollen, fallen läßt; -- sie wissen auf ein

Haar seine Leibgerichte, seine Neigungen, seine Stärke, seine Schwäche;

und besitzen die große Gabe, von Glück und Unglück Gebrauch zu machen

-- wie bewunderungswürdig! -- Unser Geschlecht verstehet es selten,

aus dem Glück, und fast nie, aus dem Unglück Vortheil zu ziehen und

glücklich durch Unglück zu seyn. --

Der _Mangel der Verschwiegenheit_, den man dem andern Geschlechte so

oft zur Last legt, ist nur eine Unart des _weiblichen Pöbels_; und der

_männliche_ Pöbel macht in dieser Hinsicht so wenig eine Ausnahme,

daß er fast schwatzhafter zu seyn scheinet. Weil die Weiber viel

reden, hat man sie der Unverschwiegenheit beschuldiget; allein unser

Geschlecht verdient diesen Vorwurf unendlich mehr; -- wenn es voll

süßen Weins oder verliebt ist, fast immer, und auch oft dann, wenn

es sich weder durch Liebe noch durch Wein erhitzt hat -- Nichts kann

Manchen zurückhalten, sogar seine selbsteigene Schande zu entdecken

-- Kein Soldat kann so begeistert von seinen Siegen erzählen, wie

ein Zierling (_Élégant_) von den seinigen. Hat man nicht _Mirabeau_,

dem goldenen Munde neuester Zeit, den Vorwurf gemacht, daß er nichts

verschweigen können? Jene Weigerung guter Menschen, Alles hören zu

wollen, nur keine Geheimnisse, beweiset, daß wenige Menschen zu solchen

Depositis sich Treue genug zutrauen. Viele unseres Geschlechtes haben

so viel selbsteigene Geheimnisse zu bewahren, daß sie sich mit fremden

Depositis nicht füglich befassen können; viele sind niedrig genug,

Depositen-Gebühren auf eine unverschämte Weise zu verlangen -- Wer sich

selbst nicht treu ist, und seine eigenen Unthaten unter die Leute zu

bringen für unbedenklich hält, glaubt sich, wo nicht rechtfertigen,

so doch entschuldigen zu können, wenn er seinen Herrn oder seinen

Freund verräth! -- Männer sind so fein sich zu überreden, daß sie zum

Heil und Frommen eines besseren Menschen das Beichtsiegel brechen

können, das auf die Geständnisse eines minder guten schon gedrückt war!

-- Mancher Richter macht sich kein Gewissen, unter Versicherung des

Nichtgebrauchs, Bekenntnisse herauszulocken. »Hat denn,« fragt er, »der

Staat nicht mehr Recht auf mich, als meine Verbindlichkeit?« Du irrest,

Verräther! der Tugend stehet das größere Recht zu. Die Pflichten gegen

das Vaterland heben bei weitem nicht alle anderen Pflichten auf, und

ein Bürger muß nie aufhören ein Mensch zu bleiben. Im Kriege selbst

darf man den Vorzug nicht aufgeben, ein Freund seines Freundes zu seyn!

Auch haben die Männer ein verrätherisches Schweigen, ein Achselziehen

im Gebrauch, die Weise ein halbes Wort zu sagen, den ersten Buchstaben

anzugeben -- Diese Judas-Verrätherei durch einen Kuß, dieses

plauderhafte Stillschweigen, läßt das andere Geschlecht sich gar nicht

zu Schulden kommen -- Man rede nicht von der Unverschwiegenheit der

Weiber! -- --

Noch weniger aber sollte den Weibern untersagt seyn, an der _inneren

Staatsverwaltung_ und _Staatshaushaltung_ Theil zu nehmen, da ihnen

gegenwärtig schon im Ganzen die Verwaltung ihres eigenen Hauswesens

anvertrauet ist, und sie bei diesem, ihnen zugefallenen Pflichtteile,

selbst nach dem Zeugnisse der Männer, sich rühmlichst verhalten. Gewiß

hätten wir alsdann weniger Tyrannen, die auf festem Grund und Boden

Schiffbrüchige mit Lust arbeiten sehen, oder die des Spaßes wegen

solchen, die mit den Fluthen ringen, unter Pauken- und Trompeten-Schall

vermittelst einer heilsamen Verordnung Strohhalme zuwerfen; weniger

Blutigel, die hier jeden Bissen finanzmäßig zuschneiden, und dort den

Schweiß und das Blut der Unterthanen ohne Maß und Ziel verschwenden;

-- die sich Mühe geben, dem gemeinen Manne das Huhn aus dem Topfe

herauszurechnen, welches _Heinrich IV_ ihm alle Sonntage in den Topf

hineinzurechnen Königliche Sorge trug; -- die ihre Administration, wie

elende Feldherren ihre Einnahmen, mit Plünderungen anfangen, und, um

sich aus dem Gerede über neue Plackerei zu bringen, Redouten und Bälle,

Diners und Soupers geben, und es wie weiland _Alcibiades_ machen, der

seinem schönen Hunde Ohren und Schwanz abschnitt -- -- Wir hätten

alsdann weniger Großprahler und Meister, die gleich vom Himmel fallen,

ob sie schon entweder Colporteurs von alten abgetragenen Meinungen

sind, welche sie wie ein Bettelkleid mit einem Flick von Sammet

bereichern, oder aber (trotz jenem Ober-Chirurgus, der sich dienst-

und kunsteifrig dahin ausließ: hinter die Krankheit muß ich kommen,

wenn auch das ganze Regiment darauf ginge!) eine neue verzweifelte Kur

nach der andern probiren -- und das Alles? um reiche Arme und arme

Reiche zu machen -- O, wie viele hochgepriesene Schwachköpfe giebt

es, die Einen Stand auf Rechnung des andern in verhältnißwidrigen

Cours bringen, damit der eine durch Übermuth, und der andere durch

Hungersnoth verderbe! wie viele, die nichts im Ganzen übersehen können,

und denen es ein leichtes dünkt, aus Deutschen Franzosen, und aus

Pohlen Holländer zu _fabriciren_ --! wie viele Finanzblitzer, deren

Aufblitz nur dazu dient, daß man das Schreckliche der Verderbensnacht

mit Schauder erblicke! -- Diese Herren sollten die Ermahnung jenes

Weisen an einen Frevler beherzigen, der bei einem gefährlichen

Ungewitter die Götter bestürmte: -- sich still zu halten, damit

die Götter nicht wüßten, daß er hier wäre. -- Nehmt das Triumvirat

unserer außerordentlichen Minister, des _Grafen Struensee_, _Pombals_,

_Neckers_; -- und das sollte kein Weib thun, was diese Excellenzen

thaten?

Wer dem weiblichen Geschlechte die Fähigkeit abspricht, das Ganze

zu übersehen, Anordnungen für Königreiche zu treffen, sie im Großen

auszuführen, weit aussehende Plane zu umfassen, und kurz, ihre Begriffe

bis zum Allgemeinen zu erheben, der verräth wenig Weltkenntniß, und

schließt von den Geschäftendes Detail -- denn größtentheils werden

bloß diese den Weibern jetzt anvertrauet -- auf ihre Fähigkeit. Und

wie? soll es denn bei diesen Geschäften nicht auch subalterne Köpfe

geben, da Arbeiten dieser Art bei unsern jetzigen Einrichtungen

überall existiren? Wo es Feste oder Erhöhungen gewisser Tage des

gemeinen Lebens giebt, da müssen auch Werktage seyn -- Nur alle sieben

Tage ist ein Sonntag -- Weihungen gewisser Lebens-Momente zu einem

vorzüglichen Lebensgenusse setzen auch gewöhnliche Tage voraus. Und

sind wir denn lauter Sonntagskinder? -- Bewunderungswürdig ist das

Talent zu rechnen selbst bei gemeinen Weibern, ob sie gleich sich über

unsere Rechnungsmethode wegsetzen, und oft ihre eigene Arithmetik auch

alsdann noch beibehalten, wenn sie nach der gewöhnlichen Schulmethode

zu den Geheimnissen der Zahlen zugelassen worden sind. Ihre Kanzelei

ist mir, bei aller ihrer Unregelmäßigkeit, schätzbar, wenn gleich

Keuschheits-Procuratoren noch nicht einig sind, ob und in wie weit das

Schreiben dem weiblichen Geschlechte nützlich oder schädlich sei.

Giebt es nicht Männer genug, die ihre Töchter nicht anders zu bewachen

wissen, als daß sie ihnen Tinte und Federn untersagen?

_Storch_, ein neuer Reisender, fand, nach seinen Bemerkungen über

Frankreich, in der Schule des berühmten Tachygraphen _Coulon de

Thévenot_ zu _Paris_ Mädchen, unter denen es einige in der Kunst

geschwind zu schreiben, zu einer erstaunenswürdigen Fertigkeit gebracht

hatten. Heißt das nicht mehr als Orthographie und Kalligraphie?

Vieles in der _Stadt- und Landwirthschaft_ hat man bis jetzt als

unbedeutend behandelt; viele Hausthiere sind lange nicht in dem

gehörigen Maße genutzt und im Ertrage in Anschlag gekommen, und

überhaupt ist das anzubauende Feld nicht klein, welches auf Weiberköpfe

und Hände wartet, um urbar zu werden -- Fast möcht' ich sagen, die

Ökonomie sei weiblichen Geschlechtes, und vorzüglich die, welche ins

Große geht -- Wie wir doch Alles so meisterhaft -- wie soll ich sagen?

-- _um_zukehren oder zu _ver_kehren gewußt haben!

Und du, _heilige Justiz_! unübersteiglich dem, der dich, wie der Pilger

die Alpen, ohne Alpenschuhe, Stab und Führer ersteigen will! mystische

Aristokratie, die du dich oft zwischen Fürsten und Volk stellest --

angeblich um Mittler- oder Mäkler-Dienste zwischen beiden zu üben,

eigentlich aber um beide zu beherrschen -- darf ich es wagen, dich

um Audienz zu bitten? Zwar weiß ich, wie edel dir deine Zeit ist, um

dich nach einem dreistündigen Sessionsschlaf zu erholen, und zu einer

abermaligen Sessionsruhe neue Kräfte zu sammeln; doch will ich dich

gewiß weniger aufhalten, als du alle deine Partheien aufhältst -- Die

Beobachtung der Natur hat den größten Meistern in den schönen Künsten

die Regel zugeführt: daß wenige und einfache Zeichen, wenn sie mit

Weisheit gewählet werden, eine kräftigere Wirkung thun, als durch

eine verschwenderische Häufung zwecklos gewählter Zeichen möglich

ist. Darf ich so frei seyn, diesen Umstand der gesetzgebenden und

gesetzübenden Justiz zur Erwägung zu empfehlen? _Hume_ ging von seinem

Freunde _Jortin_, einem Geistlichen, mit dem er über natürliche und

geoffenbarte Religion einen Wortwechsel gehabt hatte; und da der

Philosoph nicht zugeben wollte, daß der Geistliche ihn begleitete,

fiel er. Der Geistliche, der ihn fallen hörte, kam ihm mit seinem

Lichte zu Hülfe, und machte ihn mit den Worten verdrießlich: »Habe ich

Ihnen nicht oft gesagt, lieber Freund, daß Sie Sich nicht zu viel auf

eigene Kräfte verlassen sollen, und daß das natürliche Licht nicht

hinreicht?« Die natürliche Religion verlor durch diesen Fall _Hume'ns_

nur eben so viel, wie die geoffenbarte durch das Licht _Jortin's_

gewann; allein die Justiz verliert durch den Umstand, daß auch die

ersten ihrer Officianten sehr oft nicht wissen, wie sie mit ihr daran

sind -- Sie fallen mit und ohne Licht, mit und ohne Begleitung; und

ich weiß nicht, woran es liegt, daß Niemand recht weiß, was Rechtens

ist. Ihre Sentenzen, welche die Sache lösen wollen und sollen, sind

gemeiniglich neue Räthsel, die sie aufgeben; und doch gehören viele

Sächsische Fristen und viele doppelte Sächsische Fristen dazu, ehe

man die _hochlöblichen Herren_ zum _Stehen_ bringt; und wie viele

Fristen verlaufen nicht, ehe sie zum _Sitzen_ kommen! Die Justiz war

zu jeder Frist eine dürftige Krücke, an welcher der Staat hinkte, und

noch obendrein von so _schadenfroher und bösartiger Natur_, daß sie

auch selbst dem, der sich zutrauensvoll auf sie stützte, die Hand

durchbohrte. Wie oft sind ihre Urtheile vergiftete Hostien, die man bei

großem Pomp des Hochamts empfängt. -- -- In ihrer goldenen Zeit ist die

Justiz ein Guckkasten, worin schöne Raritäten und schöne Spielwerke

zu schauen sind -- Es gab von jeher unter den Juristen _Élégants_;

und wer hat nicht von der _eleganten Jurisprudenz_ reden gehört? Auch

der einsichtsvollste Jurist wird in eigenen Angelegenheiten nicht

wissen, was er zu thun und zu lassen habe, um etwas Rechtbeständiges

zu unternehmen; und so scheint die gar zu große Kunst der Justiz dem

Menschen, den Gott aufrichtig gemacht, völlig unangemessen zu seyn.

Sollte sich einst die bürgerliche Verbesserung der Weiber bis auf

die Rechtspflege erstrecken, und das Recht aufhören, ein Monopol

einer besondern besoldeten Männer-Klasse zu seyn; nur alsdann wird

man anfangen einzusehen, daß Rechtspflege nicht heißt, im Orakelton

unverständliche Formeln hersagen, die nur wirksam sind, weil neben der

Wagschale auch das Schwert liegt, sondern daß sie sich bemühen muß,

die Partheien über Recht und Unrecht zu belehren und zu überzeugen,

wenn sie einen Theil der Ehre verdienen will, die sie sich jetzt

so gränzenlos und machtvollkommen beilegt. Man sagt: _Necker_ sei

tugendhaft, um damit prahlen zu können; _la Fayette_ sei es, um es zu

seyn und nicht zu scheinen. Würde dies nicht der Fall mit Richtern aus

der weiblichen und männlichen Klasse seyn?

Schon fängt der Gedanke an sich je länger je mehr zu regen, daß nur

Gleiche zwischen Gleichen entscheiden können, wenn Recht nicht ein

todter Buchstabe bleiben, sondern ein lebendiger werden soll. Würde

es indeß nicht schreiendes Unrecht seyn, bis dahin, und ehe jener

glühende Funke in der Asche zum Feuer ausschlägt, den Weibern die

Richter- und Schöppenstühle zu verschließen? Man behauptet in England:

unbesoldete, dem Beklagten gleiche, von ihm anerkannte, nur auf eine

kurze Zeit zum Wohl der Mitmenschen und nicht schnöden Gewinnstes oder

eitler Ehre halben berufene, einstimmige Richter, oder Geschworne

(_Juries_), wären eine Schutzwehr der bürgerlichen Freiheit, und eine

unüberwindliche Festung, wenn gleich die Künstelei der politischen

Maschine bisweilen zu gesucht seyn sollte, wenn gleich in ihrem

Räderwerke zu viel oder zu wenig Zusammensetzung Statt fände, wenn

gleich in der Vertheilung der Gewalt, in der Repräsentation des Volkes,

und in der Abtheilung der Stände Organisations-, Schwachheits- und

Bosheitsfehler wären -- Jene Justiz-Verwaltung allein würde schon,

was schwächlich ist, beim Leben erhalten, und nichts erschöpfen

lassen, was zum Vortheile und zum Glanze der Nation einen Beitrag

liefern kann. In der That, auch im monarchischen Staate könnte durch

eine ähnliche Justizverwaltung Alles einen andern Schwung bekommen,

und so Manches belebt werden, was jetzt gelähmt ist -- Monarch und

Volk würden gewinnen. Wie aber, wenn sogar das andere Geschlecht an

dieser Rechtspflege Antheil nähme, wenn nicht bloß durch gute Männer

(_arbitros_), sondern auch durch gute Weiber, Zank und Streit beigelegt

oder entschieden würde? müßte da die Justizverwaltung nicht noch

vollkommener werden? Menschen, die bloß gesetzlich sind, haben keine

Haltung; -- es sind im eigentlichen Sinne bloß unnütze Knechte, die

zwar thun, was ihnen geboten ist, allein damit nichts Gutes stiften

-- Die Gesetze und die Leidenschaften sind oft so verwandt, daß der,

welcher der Vernunft und dem Gewissen (der praktischen Vernunft) nicht

folgt, bei aller positiven Gesetzlichkeit nicht selten ein verdorbener

Mensch ist -- Wer kann hierauf genauere Rücksicht nehmen als das

andere Geschlecht? wer es mehr empfinden als Weiber, daß der Zwang,

durch den Andere eben so frei werden, die Probe der wahren Freiheit

sei? -- Trockne und ungekünstelte Wahrheit gilt in der Geschichte

und überall mehr, als eine noch so glänzend scheinende Falschheit.

Jener medicinische Pfuscher, der einen König von einem Quartanfieber

befreiete, welchem alle kunstverständige Ärzte, ihrer hohen und tiefen

Gelehrsamkeit ungeachtet, nicht gewachsen waren, antwortete, als er

_par ordre du Roi_ den Doktor-Hut erhalten sollte, und der Form halben

examinirt ward, auf die Frage: »was ist das Fieber?« _eine Krankheit,

die Sie, meine Herren, sehr geschickt zu definiren, und nicht zu

curiren verstehen, und die ^ich^ nicht definiren, wohl aber

curiren kann_ -- Die evidente Vernunft ist eine Mitgift, welche die

Natur allen Menschen in gleichem Maße bewilligt hat. Der allergemeinste

Grundsatz des Naturrechtes, mit dessen Ausübung Zwang unwidersprechlich

verbunden werden kann, ist das Gesetz:

verhindere, daß die Vollkommenheit aller

Menschen nicht gemindert werde;

und liegt in dem höchsten Material-Gesetze der Sittlichkeit:

vervollkommne alle Menschen.

Ist Vollkommenheit nicht die höchste Stufe der Ausbildung aller Kräfte

zu einem Ganzen? Ich will es hier mit keiner Schule verderben; denn

meine Absicht ist nicht, nach väterlicher Weise der Richter- und

Philosophenstühle, durch Zank und Streit die edle Zeit des Handelns zu

versäumen. Darf ich indeß, um die Justiz zu überzeugen, daß sie mit

sich selbst uneins ist, noch beiläufig bemerken, daß die Vollkommenheit

aller Menschen mir der Zweck der sittlichen Gesetze zu seyn scheint?

Und was will man mehr als diese höchste Ausbildung? Sollten indeß

Gesetze nicht auf alle Menschen ausgedehnt werden? Kann man ein

vernünftiges Wesen bloß als Mittel zu höheren Zwecken ansehen? Jener

allgemeine materielle Grundsatz ist und bleibt ein Kennzeichen der Form

aller Sittlichkeit, gemäß der allgemein geltenden Gesetzmäßigkeit und

ihrem obersten Grundsatze: die Vorschriften, nach denen du handelst,

müssen so beschaffen seyn, daß sie allgemeine Gesetze werden können.

Verschlag' ich zu weit, oder kann unsere neue Philosophie nicht ein

Tribunalsausspruch meiner Vorschläge werden? Eine gute Gesetzgebung

ist sicher das Meisterstück des menschlichen Geistes; und wer aus

Kenntniß unserer Natur weiß, daß die Sitten der Nationen ihre Bildung

größtentheils der Wirkung der Gesetze zuschreiben müssen, wird es mir

nicht verdenken, daß ich unsere Juristen etwas weiter zurückführe, als

diese Herren vom gewöhnlichen Schlage zu gehen gewohnt sind. Schon

da, wo die Weiber jetzt das Richteramt führen, in gewissen _causis

privilegiatis_, zeigen sie sich als Meisterinnen in ihrer Art, und

beschämen ihre Männer, die gemeiniglich Alles verderben, sobald sie es

sich herausnehmen, Stellvertreter ihrer Weiber seyn zu wollen --

Man sagt: _Weiber wären hart_; allein läßt sich die Justiz in Gefühle

auflösen? _sie wären zu peinlich bei ihrer Nachforschung_; allein kann

man es zu sehr seyn, wenn es Schuld und Unschuld der Menschen gilt? Es

fehlt den Weibern selbst nicht an Gedächtnis, um eine Legion Gesetze

zu behalten, noch an Geduld, die ewigen Klagen und Schutzreden der

Partheien anzuhören, und in einem feinen guten Herzen zu bewahren;

nicht an Beredsamkeit, um den Sturm der Partheien zu besänftigen und

die Fluth der Rede in ihr Ufer zurück zu weisen -- Wie geschickt würden

sie zu Versuchen der Sühne seyn! -- Überraschung ist der natürliche

Ersatz für alle unangenehme Verwirrung, ohne die sie nicht zu erhalten

war; allein ist dies der Fall bei unsern richterlichen Sentenzen? sind

sie nicht gemeiniglich ein neues verwickeltes Knäuel? wechselt nicht

Verwirrung, bis endlich die dritte Instanz, gemeiniglich durch einen

Machtspruch (so sehr auch dies Wort bei den Herren Juristen gehaßt und

verfolgt wird) aller Fehd' ein Ende macht? --

Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber · 第 13 / 18 段