»_Musik_?« So unbestritten die weiblichen Talente für die Musik

sind; so wird ihnen doch der Vorwurf gemacht, daß sie noch keine

Obermeisterin in der Composition aufweisen können. Es fehlt ihnen

ohne Zweifel auch hier an Muth, um zu dieser Obermeisterschaft zu

gelangen; schon befriedigt, wenn sie Compositionen der Großmeister

unseres Geschlechtes mit Empfindung ausdrücken, begnügen sie sich mit

dem zweiten Range. Das Lied indeß kann wörtlich so im Dichter stehen;

die Noten können genau getroffen seyn: und doch wird oft weder Dichter

noch Componist sein Werk wieder kennen, wenn es ein Weib singt oder

spielt -- dies haucht ihm eine lebendige Seele ein. _Schaffen_ ist

gut; _erhalten_ nicht minder. -- Möchten Weiber immer beim zweiten

Range bleiben, wenn nur nicht ein neuerer Reisebeschreiber auch

von Kastraten bemerkt hätte, daß nie Jemand unter ihnen ein großer

Componist gewesen sei. Sollte diese Bemerkung Kastraten und Weiber mit

Recht treffen, so ist die Ursache bei beiden unendlich verschieden.

Kastraten können nichts schaffen; Weiber dagegen sind die eigentlichen

Erhalter und Mitschöpfer. -- -- Bei dem gegenwärtigen Druck, worin

die Weiber sich befinden, legen sie es bloß darauf an, Alles was sie

verstehen, faßlich und begreiflich zu machen, und das, was wir schwer

ausdrückten, zu erleichtern und in Umlauf au bringen. Sie ebenen die

Wege, verstehen den Strahl der schwersten Ideen zu reflektiren und zu

vervielfachen, das Abstrakteste verständlich und deutlich darzustellen,

und dem Verachteten aufzuhelfen, so daß sie allen Wissenschaften einen

unleugbaren Vortheil gebracht haben könnten, wenn man sie zum Meister-

und Bürgerrecht ohne männliche Geburtsbriefe zugelassen hätte. Die

Behauptung, daß es keine Synonime in der Sprache gebe, beweisen sie

meisterlich, wenn gleich das Buchstabiren (eine wirklich männliche

Sache) sie wenig bekümmert. Das negative _Un_ wird von ihnen, so wie

die Null im Rechnen, oft so geschickt zum Verstärken des Ausdruckes

gebraucht, daß man über ihre Feinheit und Geschicklichkeit, womit

sie bei Ohr und Verstand alles ins Reine bringen, erstaunen muß! Von

Weibern muß man reden, von Männern schreiben lernen. -- Sind Weiber

schon jetzt, da sie bloß geduldet werden, und vermittelst Concessionen

und Begünstigungen arbeiten, von dieser Seite so schätzbar; was

könnten sie leisten, wenn sie nicht länger so unwürdig von dem edlen

Wettkampfe ausgeschlossen würden! Es ist eine nicht unrichtige

Bemerkung, daß verdorbene Beredsamkeit verdorbene Sitten verräth. Da

man aber in dem schönen Geschlechte tausend Lippen findet, die vom

Honigseim einer überzeugenden Beredsamkeit überfließen; so kann es mit

Recht von ihnen heißen: wessen das Herz voll ist, geht der Mund über.

Der Unterricht legt es nicht geradezu darauf an, und kann es nicht

darauf anlegen, aus allen Schülern Meister zu bilden. Auch bedarf es

in der Erziehungsfabrik nicht lauter Meister. Sie bildet Gefäße zu

Ehren und zum Haus- und Kammergebrauch; sie beschäftigt Meister, auch

die es _secundum quid_ sind, an der Drehscheibe. So ist der Lehrer

schon geschickt, wenn er das Mechanische der Kunst und die Methode

weiß, jenes dem Lehrlinge hinzubringen. Hat man nicht Meister gehabt,

denen es nie gelang, geschickte Schüler ihrer Kunst zu ziehen? Fehlt

es nicht vielen an der Gabe der Deutlichkeit und, um ein Kunstwort

anzubringen, an der Lehrgabe? und ohne Zweifel noch mehreren an

der unentbehrlichen Lehrtugend, der _Geduld_, die das männliche

Geschlecht zwar in seiner Tugendliste rühmlichst mit aufzuführen nicht

unterläßt, die indeß unserem Geschlechte nur sehr selten eigen ist.

Wir zeigen, daß in unserer Garderobe auch unmodische Anzüge sind,

nicht um sie zu gebrauchen, sondern um sie zu haben; statt daß bei

dem weiblichen Geschlechte Geduld das schönste Hauskleid ist, das ihm

am besten steht. -- Ist die Weibergeduld nicht im Stande, auch aus

dem unfruchtbarsten Boden Keime herauszulocken? Kann der beharrliche

Fleiß der Weiber nicht selbst dem Verkrüppelten, wo nicht eine schöne,

so doch eine erträgliche Form geben, und, wenn nicht Künstler, so

doch Kunstverwandte bilden? Der Vorwurf, den man den Weibern macht,

daß sie Neuheit und Wechsel lieben, ist nicht ungerecht; aber nicht

im Geschlechte, sondern im Druck, den wir veranlassen, liegt die

Ursache davon. Das Ausdauern und Beharren ist gewiß weniger unsere

als ihre Sache, wenn der Gegenstand es verdient. Wer kann Weibern

jetzt ihre Flüchtigkeit übel deuten, wer ihrem Leben es verdenken,

wenn es von ihm heißt: sie leben als flögen sie davon? -- Wer? --

In der That, es wären der moralischen Karrikaturen weit weniger,

wenn wir uns entschließen könnten, dem weiblichen Geschlechte einen

größeren Antheil an dem Unterricht und der Erziehung einzuräumen.

Und wie? haben Weiber bloß den Grazien, ihren Freundinnen, geopfert?

oder sind sie wirklich auch zum Allerheiligsten der Wissenschaften

eingedrungen? In der That, sie wußten sich auch hier Eingänge zu

eröffnen, Ehrenstellen zu erringen und sie mit Würde zu behaupten,

ungeachtet aller Hindernisse, welche Vorurtheile, Herkommen und niedere

Mißgunst ihren Talenten und ihrem Eifer in den Weg legten. Es wird

nicht viele Wissenschaften geben, die unter ihren Eingeweiheten nicht

einige Namen von Weibern zählen, welche sich mit ihnen beschäftigten,

und zwar nicht bloß solche, die von der Oberfläche schöpften und zum

Zeitvertreibe; nein solche, die ins Innere derselben mit Eifer und

Anstrengung eindrangen, die von dieser Ambrosia der Wissenschaften

nicht bloß kosteten, sondern mit dieser Seelenspeise sich sättigten

bis zum Wohlgefallen. Freilich können Weiber jener _inneren Freiheit

des Geistes_ genießen, nach welcher sie ihren _Kopf_ eigenbeliebig

anzuwenden im Stande sind -- Wir haben ihn indeß dem andern Geschlechte

abgesprochen, und statuiren nur sein Herz, auf das wir Rechnung machen

-- als ob Eins ohne das andere etwas gölte! Und wenn Weiber sich

auch über unser Criminalurtheil wegsetzen wollten und könnten; ist

ihre selbstgewählte ruhige Geistesthätigkeit vermögend, reifere und

schmackhaftere Früchte zu bringen, da wir die Barbarei haben, uns an

ihren Blüthen zu vergreifen? -- Was die Geistesfreiheit, die keine

Geschäftsstörung verdirbt, bei den Weibern ausrichten könnte, wird

durch den Schwall von Kunstwörtern und Kunstregeln erstickt, womit

man von Männer-Seite sich wohlbedächtige Mühe giebt, die Weiber zu

verwirren und verzagt zu machen, so daß sie ohne Noth ermatten und sich

aufgeben -- Jammer und Schade! Doch gab es einige, die den Faden nicht

abrissen, die mit Standhaftigkeit sich entschlossen, zu beharren bis

ans Ende; und unter diesen, welche die letzten Gelübde ablegten, fanden

sich sogar solche, die sich zu Vorstehern und Lehrern im Tempel der

Musen weihen ließen. -- In dem bekannten Institut von Bologna lehret

_Laura Bassi_ die Physik, und hält ihre Vorlesungen in Lateinischer

Sprache; und wie lange ist es, daß _Signora Agnes von Mayland_ hier

die Mathematik mit Beifall lehrte? Eben hier bilden _Lilli_ und seine

geschickte _Gattin_ die Muskeln und Blutgefäße des Körpers, der Natur

mit so vieltäuschender Wahrheit nach. Italien, dieses Land, das

wechselsweise so viel Licht und Finsterniß über die Völker der Erde

verbreitete, trägt kein Bedenken, Frauenzimmern Lehrstühle zu öffnen.

Unlängst ward in Deutschland ein weiblicher Doktor kreirt (_der Doktor

Schlözerin_); und würden wir wohl so zuverlässige und beträchtliche

Neuigkeiten vom Firmament erhalten, wenn der unsterbliche _Herschel_

von seiner ihm ähnlichen _Schwester_ nicht so unermüdet in seinen

Beobachtungen und Arbeiten unterstützt würde? Ärzte werden eben so

krank wie Nichtärzte, und die größten Philosophen sind nicht nur oft

unweise, sondern verlieren sich auch zuweilen so in Speculationen, daß

sie nicht aus noch ein wissen --. Weiber sind sehr für innere Wahrheit;

und wenn sie gleich jenes berühmte Ministerphlegma nicht besitzen,

so wissen sie doch mit Kälte zu unterscheiden, was bloß trockne und

was brauchbare Kenntniß ist. Wenn Salz und Laune fehlen, sind ihnen

die reichstbesetzten Tische ein Greuel, und auf die Schauessen der

Philosophen nehmen sie keine Einladung an. -- Freund _Montagne_ geht

indeß zu weit, wenn ihn gelüstet zu behaupten: er habe zu seiner Zeit

hundert Handwerker und hundert Bauern gesehen, die vernünftiger und

glücklicher gelebt (auch gedacht?) hätten, als mancher Rektor auf

einer Universität (Rektor! als wenn dieser das _non plus ultra_ der

Gelehrsamkeit wäre! _Kästner_, _Kant_ und andere unserer ersten Köpfe

sind Rektores, weil die Reihe sie trifft), und habe lieber _jenen_ als

_diesem_ ähnlich seyn wollen. (Immerhin! verliert die Gelehrsamkeit

dadurch, wenn einige ihrer Meister nicht Weisheitsbeflissene sind?)

Hat der Rektor der großen Römischen Universität, _Cicero_, so ganz

Unrecht, wenn er dem Studieren den Preis über Alles zuerkennt, was

sonst beschäftigen kann und mag? Wie kann man mit größerem und

bleibenderem Gewinne seine Zeit benutzen? Der Handarbeiter, sagt man,

wendet sie an; der Gelehrte vertreibt sie. Ei, Lieber! müssen denn

nicht Feldherren seyn, wo es Krieger giebt? müssen nicht Officiere

überlegen, was gemeine Soldaten ausführen? -- Durch tiefes Denken

gewöhnen wir unsere Seele zu einer Art von Existenz außerhalb des

Körpers; sie bereitet sich durch eine kleine Reise nach _Rekahn_ zu

einer _Cookschen_ vor, durch einen Weg über Feld zu einem andern --

der uns Allen bevorsteht. Wenn _Cicero_ es nicht ungeneigt nehmen

wollte, daß ich seinen guten Geist bei dieser Gelegenheit schon wieder

citire; so sollt' es seinen Ausspruch gelten, daß das ganze Leben

des denkenden Mannes eine Todesbetrachtung sei. -- Darf bei diesen

Umständen das schöne Geschlecht Bedenken tragen, mitunter gelehrt zu

seyn --? Ist es aber im Stande Wissenschaften sich eigen zu machen, sie

leicht und mit sichtbarem Nutzen Anderen beizubringen; wie könnt' es

ihm denn wohl an den Talenten gebrechen, seine erworbenen Kenntnisse

auf andere Weise dem Staate zum Besten in Anwendung zu bringen, sobald

der Staat geruhete, den Bann allergnädigst aufzuheben, mit welchem ein

barbarisches Vorurtheil es seit Jahrtausenden belegt hat! Hätten jene

Ritter, die unter ihren Gelübden die Verpflichtung hatten, Damen zu

schützen, ihre Grenzen weiter gesteckt; wie unendlich würdiger wär'

ihr Beruf gewesen! Schade, daß diese treflichen Männer, welche, mit

Ausschluß der _irren_ unter den _irrenden_, die edelsten und klügsten

ihres Zeitalters waren, nicht, anstatt Weiber zu schützen, sie über

diesen Schutz erhoben! -- Ist der Schleichhandel zu verkennen, der,

aller jener Verbote ungeachtet, vom andern Geschlechte getrieben

wird? oder ist nicht vielmehr der große Einfluß sichtbar, den das

weibliche Geschlecht zu allen Zeiten auf alle bürgerliche und

Staatsangelegenheiten behauptet hat? Wenn es auf große Plane ankam, die

ausgeführt oder rückgängig gemacht werden sollten, waren es Weiber,

welche die Hauptrolle übernahmen. Bei Weisen und Thoren, Regenten

und Priestern, Staatsmännern und Mönchen waren sie wirklich geheime

Räthe; sie gehörten jederzeit zum geheimen Ausschusse des Staatsrathes,

dessen Dekrete das Plenum blos mit Curialien versah -- und dem es

Sekretariendienste erwies. -- Und wem ist hier ein _dirigirendes

Weib_, wär' es selbst eine Maitresse, nicht lieber als Leithämmel

von Kammerdienern, Hofzwergen, Heiducken u. s. w., die ohnehin nur

Substistuten ihrer Weiber oder ihrer Liebchen sind? Nicht bloß mit

dem klingenden Spiel und den fliegenden Fahnen ihres Witzes, nicht

bloß durch den vermittelst der Ideen-Association verstärkten Vortrag

wissen Weiber sich Eingang zu verschaffen; ihr zur Beurtheilung

geschmeidiger Verstand vermag Alles -- Wie manchem Tyrannen von

Minister, der mit den Thränen des Volkes sein Spiel, und mit Glück

und Unglück der Menschen Handel trieb, der Alles drüber und drunter

warf, wußten sie auf eine bessere Bahn zu lenken! Weiber halten den

Faden, an dem die Cabinette geleitet werden: sie mischen die Karten,

mit denen die Excellenzen spielen; und so wie neue Hindernisse neue

unberechnete Kräfte erzeugen, so gelangten sie oft vermittelst ihrer

Schwachheit zum höheren Grade der Stärke -- Ein sanfter gemäßigter

Charakter ist dem andern Geschlecht eigen -- Die Natur verlieh ihm dazu

große unverkennbare Anlagen, und nur bei wenig mehr philosophischem

Nachdenken und Ausweichung der Verführung, würde das schöne Geschlecht

uns eine gewisse edle unempfindliche Gleichgültigkeit gegen so

Manches lehren, was uns jetzt so leicht außer uns setzt; und diese

Gleichgültigkeit ist ohne allen Zweifel die Krone des diesseitigen

Lebens. Hat die Natur nicht oft den _Correggio_ an der Schönheit und

Sittsamkeit übertroffen, womit er seine Frauenzimmer ausstattete? Woher

nehmen Mahler ihre Engelgesichter? und was ist der Sanftmuth unmöglich

-- ob sie gleich sich zuweilen, auch rückwärts zum Ziele zu kommen,

verbunden sieht? Welche scharfe Umrisse, welches lebendige Colorit

geben die Weiber ihren Vorstellungen und den Charakteren, die sie darin

verflechten! Gleich ihr erster Blick trifft das Ungewöhnliche bei jeder

Sache, und da dies Ähnlichkeit mit dem Wunderbaren hat, an welchem

die meisten Menschen so gern hangen bleiben -- ist es Wunder, wenn

sie oft selbst auf das tägliche Brot ein solches Licht fallen lassen,

daß es feierlich wird? ist es Wunder, wenn sie das ländliche Mahl zur

Würde eines hohen Festes erheben? Höhere Deutlichkeit und stärkendes

Licht mit mehr Vergrößerung zu vereinigen, ist das Ziel, das sie mit

so wenig Mühe und Aufwand erreichen, ob es gleich so überschwenglich

wirkt -- Das andere Geschlecht nimmt in der Regel _für_, das unsrige

_wider_ sich ein. Jenes ist gut, bis das Gegentheil bewiesen ist; --

von uns heißt es: wir sind böse, bis man unser Gutes außer Zweifel

gesetzt hat. Weiber haben einen _Vor_-, wir einen _Nach-_ Geschmack

-- Jene Runzeln, die das Alter von der Weisheit, oder die Weisheit von

dem Alter hat, schrecken weder ihren Witz noch ihren Verstand ab --

und nichts, weder Verstand, noch Schönheit, noch Vermögen, macht sie

schüchtern -- Dem Verstande lauern sie sehr auf den Dienst, und finden

bald zu ihrem Troste etwas an Lehr' und Leben der Herren Philosophen

auszusetzen, worüber schwerlich etwas einzuwenden ist; und da sie

geborne _Naturalisten_ (im natürlichen Sinne) sind -- wie leicht wird

es ihnen, von _Artisten_ ein Federchen abzulesen! Weit eher als wir,

haben sie Anlage, zu dem von Vorurtheilen und Aberglauben befreieten

Gebrauche der Vernunft zu gelangen -- auf ein Haar wissen sie den

gelahrten Weizen von der gelahrten Spreu zu unterscheiden -- und den

Shakespearschen Ausdruck zu deuten: »er redet eine Menge Nichts -- zwei

Weizenkörnlein versteckt er in zwei Bündlein Spreu.« Weiber sind dazu

gemacht, den Philosophen, wenn er sich in den Spinneweben des Systems

verlor, (wie ein bekannter Gelehrter sich in seinem eigenen Hause, das

wohl gar ein Familienhaus und vom Großvater und Vater auf ihn gekommen

war, verirrte) an Stell' und Ort zu bringen und zu orientiren; sie

geben ihm, wie _Ariadne_, einen Faden in die Hand, und rufen Jedem

zu, der Länge und Breite nicht unterscheidet, der das Ruder seiner

selbst eingebüßt hat: _Vous êtes orfèvre, Monsieur Josse_! -- Der

Geist jener Philosophie, die der Übermenschlichkeit nicht wohl will,

hat schon lange auf ihnen geruhet -- Wer wußte es besser als sie, daß

weder praktische noch theoretische Vernunft Überzeugungen, vom Daseyn

intelligibler, unsinnlicher Gegenstände zu verschaffen im Stande ist,

und daß wir uns in unvermeidliche Widersprüche verirren, wenn uns beide

Vernunftarten unsinnliche Gegenstände feil halten. Weiber fühlen das

Halbwahre von allem jenem, was so gern im Allgemeinen gesagt wird, und

bestehen durchaus darauf, daß dergleichen Behauptungen individueller

gemacht werden -- Sie handeln nach nahe liegenden Motiven -- Spieler,

Schiffsleute und alle die durch Glücksfälle regiert werden, die

Avantüriers nicht ausgenommen, sind zum Aberglauben geneigt -- ist es

Wunder, daß die Weiber es weniger als wir sind? -- Die Schönheit bei

einer Mannsperson gilt ihnen durchaus nichts; und wenn man den reichen

Mann in Ehren hält, weil er, wenn er wollte, helfen könnte, so wissen

sie wohl, daß er es nie wollen wird -- Ihre unbefangene Seele findet

überall Weg und Steg; und wer nur ein fleischern Herz hat -- kann der

ihrer Herzlichkeit widerstehen? Die Frau eines Lichthökers hatte kein

Bedenken, an der armen Seele des _David Hume_ ihr Heil zu versuchen.

_Hume_ konnte die Seelsorge, die sie für ihn hatte, nicht anders vom

inneren Lichte abbringen, als daß er ihr versprach, sein äußeres Licht

von ihr kaufen zu wollen. -- Vom Philosophen _Terraston_ sagte _Madame

de Lassay_: nur ein Mann von Witz könne ein solcher Thor seyn; -- und

wär' es historisch richtig, daß _Karl_ XII an den Senat geschrieben

hätte: »ich will euch meinen Stiefel schicken, dem ihr gehorchen

sollt;« so würden die Weiber der Herren Senatoren laut gelacht haben.

-- Was doch kluge Weiber von dem weltberühmten Processe des Ehrenmannes

_Hastings_ denken mögen, der für die Papiermüller allein schon so viele

Sporteln abwirft! Nie konnten sie sich des Lachens oder des Weinens

über die jetzt sanft und selig entschlafende Pariser Policei enthalten,

welche weiland Farcen und unmenschliche Trauerspiele unter den Scheine

der Wachsamkeit und Obhut aufführte -- Wie war es möglich, in, mit, und

unter dieser elenden Policei sich Ausnahmen von der Wahrscheinlichkeit

der menschlichen Wachsamkeit zu denken! »Hier sind wir alle entweder

Fürsten oder Dichter,« sagte _Voltaire_, als er sich bei einem Fürsten

zu Tische setzte; und das ist der eigentliche Ton eines Weibes -- Sie

sind nicht für Gemähldeausstellungen, wo denn doch auch gegen Einen

Kenner zehn Schuster sich einfinden, die über den Leisten gehen; sie

wirken zwar im Stillen, doch wirken sie am liebsten ins Allgemeine, wie

die Natur, ihre Schutzgöttin -- Oder kann man dies etwa nicht anders,

als wenn man Kanzeln und Rednerstühle ersteigt? In der allgemeinen und

sichtbaren Kirche giebt es Lehrerinnen, so wie Lehrer, ohne daß beide

examinirt und ordinirt sind --

Es ist dem andern Geschlecht eine schonende Gutmüthigkeit im

historischen Urtheil eigen; doch verstehen es Weiber, ein Faktum, so

wie einen Menschen, (immerhin so verwickelt als möglich) aufzulösen,

und zu concentriren. Auch können sie jenen Totaleindruck, den

Faktum und Mensch auf sie machen, Andern mittheilen, welches uns

schwerer wird. -- Glückseligkeit ist, so wie Wahrheit und Gottheit,

eine Einheit; diese Einheit in Allem herauszubringen, ist eine

hohe Weisheit, und, wir wollen gerecht seyn -- sie ist den Weibern

eigen. Bei uns wird oft eine Sache, die auch anders scheinen kann,

die diesem oder jenem Sonderlinge wirklich anders vorkam, gleich

zum Gegenstände eines gelehrten Streites. Da haben wir denn eine

extrafeine Geschicklichkeit, die Zweifelsgründe bald zu verstecken,

bald wieder sichtbar zu machen, ihrer Größe eine Elle zuzugeben oder

abzunehmen, und die Entscheidungsgründe mit denselben so abzuwägen,

daß, wenn gleich, besonders bei dem Faktum, die beiderseitigen

Wahrscheinlichkeiten einander ziemlich gleich sind, doch die Schale, je

nachdem wir wollen, steigen oder sinken muß. -- Das andere Geschlecht

liebt keine Spielgefechte mit einer langen Linie aufgestellter und

überwundener Argumente -- Eins ist ihm Noth. Nie wird es das Publicum

mit Sophismen äffen: es verliebt sich bei weitem so leicht nicht wie

wir in eine Idee, die im Grunde keinen Gegenstand hat; allein es

fürchtet auch dergleichen Gespensterideen weniger als wir -- Gelehrte

und witzige Leute, (Gelehrte in dem Sinne der gelernten Gelehrsamkeit

genommen) blind verliebt in den Gegenstand, dem sie nachjagen, verargen

sich auf diesem Wege kleine Unrichtigkeiten nicht -- Alle Menschen

sind Lügner, heißt es in der Schrift; Weiber sind hier wachsamer und

peinlicher. -- Man sagt: starke Wahrheiten wären nur für gute Köpfe,

(so wie starke Getränke nur für ächt nervige Menschen sind;) schwache

würden schwindelig -- Man mache mit Weibern den Versuch, und wir

werden finden, daß es keine Wahrheit giebt, die ihr Kopf nicht ertragen

könnte; sie wollen so weit wie möglich -- Wir glauben zu leicht, daß

unser Plan regelmäßig organisirt sey; die Weiber sind leichtgläubiger

bei der Ausführung -- Sie fürchten nichts Hohes, nichts Niedriges,

nichts was Unwissenheit oder Gelehrsamkeit, Witz und Unwitz, Verstand

und Unverstand vermögen; wäre ihnen die ausübende Gewalt anvertrauet

-- sie würden sicher mehr leisten als wir, und, wenn sie sänken, es

wie der sterbende _Sokrates_ machen, der, als er seine Füße durch Gift

schon in Leichnam verwandelt fühlte, sie streichelte und mit lachender

Stirne sagte: so nahe gränzen Vergnügen und Schmerz an einander; --

oder wie _Seneca_, der Wasser mit seinem Blute vermischt, _Jupiter

dem Befreier_ weihete. Ach, wie oft, wenn mich so mancher Dienst-Nero

bis aufs Blut verfolgte und die Wuth blödsinniger Tyrannen mir zwar

nicht die Ader öffnen ließ, wohl aber mir weit härter fiel, stärkte

mich dieses Weihwasser, und das Elogium _Jupiter dem Befreier_! --

Beweis von der Freudigkeit im Tode der Weiber? Beweis! Seht Männer

und Weiber sterben. Ist Philosophiren sich zum Tode vorbereiten,

so sind die Weiber große Philosophen; und in Wahrheit, sie sind es

unendlich praktischer als wir. Zwar sagt man: studieren sei sterben

lernen, weil man seinen Geist dem Körper entzieht, ihn über den Körper

erhebt; allein Weiber haben diese Kunstgriffe nicht nöthig, um den Tod

zu hintergehen und ihm das Schwert aus der Hand zu schlagen -- Warum

Fechterkünste? Den Tod so ganz wie er da ist verachten, _ist_ Weisheit;

ihn durch Stratageme hintergehen, _scheint_ Weisheit zu seyn. Kein

einziger zieht ein anderes Loos; wir sind Alle zum Tode verurtheilt --

nicht aber als Kriminalverbrecher, sondern als Menschen. -- Käme es auf

Weiber an, sie würden selten den Ärzten ihr Lebens- und Todesurtheil

anvertrauen, und sich von ihnen das Leben absprechen lassen --

Mißtrauisch gegen die Kunst _Galens_, haben sie Alle eine Neigung,

sich, wenn ja noch etwas seyn soll, einem Unzünftigen anzuvertrauen.

Ich muß und ich will, ist ihnen fast einerlei; -- und soll es auch

nicht also seyn? Jene Grundsätze einer bekannten Sekte: entweder

Vernunft oder Strick -- entweder sich ins Leben schicken oder es

verlassen, sind den Weibern wie angeboren. Nur _der_ kann frei leben,

sagte ein Weiser des Alterthums, der den Tod zu verachten weiß. Wie

viele Freiheitsanlagen sind den Weibern bei ihrer Todesgleichgültigkeit

eigen! Sollte man sie etwa eben dieser Anlagen halben so sorgfältig

von der Freiheit entfernen? Nur der, welcher mehr auf sich selbst als

auf die Freiheit hält, besitzt eine Sklavenseele, und ist unwerth

der Freiheit. Sind die Weiber in diesem Falle? -- Wenn die Weisheit

verdrießlich macht, wer wird Lust und Liebe zu ihr haben? Dies Leben

ist ein Geschenk; laßt uns jeden Tag als eine Zugabe ansehen, auf die

man nicht zu rechnen im Stande war -- »Was heute geschehen kann, muß

man nicht auf morgen aussetzen;« so denken Weiber; und allerdings tragen

ihre körperliche Schwächlichkeit, die Einschränkung ihrer Freiheit

diesseits des Grabes, und das Verhältniß, das ihnen nicht das Schicksal

sondern die Männer zumaßen, zu ihrer Lebensgleichgültigkeit bei.

Vorzüglich aber bewirken sie jene größeren Leiden, welche die Natur

ihnen als Menschen auferlegte, wogegen die Mannspersonen, zu einiger

Entschädigung, sich größere bürgerliche Lasten aufgebürdet zu haben

scheinen -- »Viel Glück, _Diogenes_!« sagte der Philosoph _Speusippus_,

der wassersüchtig war und sich tragen ließ. »Wenig Glück!« antwortete

_Diogenes_, »da du das Leben in einem solchen Zustande ertragen

kannst.« -- So selten indeß weibliche Thränen Murren und Unwillen

anzeigen, und so oft sie ein leise gewagtes sanftes Sehnen nach mehr

bürgerlicher Freiheit sind; so hilft allerdings auch der Überdruß

eines Lebens, das kaum diesen Namen verdiente, ihren freudigen Weg zum

Grabe ebnen. Daß es in der andern Welt gewiß nicht schlechter für sie

seyn könne, ist die Nativität, die sie sich bei ihrem Ausgange aus

dieser Welt (wahrlich für sie einem Jammerthale) mit vieler Gewißheit

stellen -- Der Tod ist ihr Jupiter der Befreier -- Sie schaffen sich

eine andere Welt, wo Gerechtigkeit wohnt -- wo sie auf Rosen unter

einem heiteren Himmel wandeln -- ein elisisches Idyllenleben --!

Sanfte rührende Schwermuth und leise Schwärmerei helfen ihnen die

Welt und sich überwinden -- und des Lebens und des Todes Bitterkeit

verschmelzen -- Seht Weiber sterben! wie ruhig! sie sterben in der

Regel alle philosophisch. Wenn dieser Fall sich bei unserm Geschlecht

ereignet, welch ein Geschrei wird über diese Resignation erhoben!

Der Natur, der die Weiber leben, sterben sie auch; sie scheint ihnen

die Hand zu bieten, um ihnen überzuhelfen -- Die Weiber wollen nicht

täglich sterben, sie wollen nicht Augenzeugen von den zu merklichen

Verlusten seyn, die man, je länger man lebt, je mehr in Hinsicht des

Lebens macht; haben sie ein hohes Alter erreicht, so kennen sie die

Beschwerden des Lebens noch genauer, und der Tod hat keine Gelegenheit,

ihnen hart zu fallen, wenn er auch wollte. _Sokrates_ erwiederte

denen, die ihm die Nachricht brachten, daß man ihm zum Tode verurtheilt

habe: die Natur hat dieses Urtheil auch über meine Richter publicirt

-- Das Leben giebt den Tod, der Tod giebt das Leben -- Nicht nur wer

im Schweiße seines Angesichts, sondern auch wer im vollen Maße des

Vergnügens seinen Lebenstag vollbracht hat, ist gern schläfrig -- Wäre

der Schlaf nicht der ältere Bruder des Todes, es würde sich nicht so

leicht sterben lassen; jetzt aber schlafen wir nur auf länger ein,

als gewöhnlich -- Warum etwas fürchten, was Allen bevorsteht, etwas

dem Niemand entgeht, und nähm' er Flügel der Morgenröthe, um an das

äußerste Ende der Erde und des Meeres zu fliehen! -- Wenn Männer die

Kunst zu sterben lernen; so lernen Weiber die Natur des Todes: ihr

Herz erschrickt nicht, und fürchtet sich nicht -- Will man mit dem

Tode zu seinem Troste bekannt werden, so muß man Weiber und nicht

Männer im Sterben beobachten -- Gewiß stirbt man im Kriege leichter,

als auf seinem gewöhnlichen Lager; allein der Tod in der Schlacht

hat bei weitem nicht so viel Lehrreiches, wie der Tod einer Wöchnerin

in dem Feldzuge, den die Natur ihr anwies -- Wie schön ist hier der

Tod, der Tod fürs Vaterland! Ich muß abbrechen; sonst würde ich zu

sehr verrathen, daß ich in Hinsicht des Todes nur ein Mann bin. Zwei

Freundinnen, mit denen mich die Natur so nahe verband, starben diesen

Muttertod -- »Es kommt auf die Kleider an, die man dem Tode anzieht,«

sagte * * * -- Du hattest recht, Liebe -- Dein Tod war leicht, froh,

muthig angezogen -- -- -- So sterben Weiber; und wie _leben_ sie?

Männer thun, was sie thun, mehr aus Temperament, als aus Grundsätzen:

von Umständen hangen sie ab, und lassen sich von ihnen, wie Schiffe

die Mast und Ruder verloren vom Winde, hin und her treiben -- Aus

Noth, aus Trägheit, aus Bedürfniß handeln sie. Sie sind im Grunde weit

furchtsamer als die Weiber; -- es scheint nur anders. Immer verbinden

sie sich mit andern Männern, und nennen oft (o der Entheiligung

des Namens!) _Freundschaft_, was _Furchtsamkeit_ heißen sollte.

Freundschaft! wo ist eine reine? wie selten gewinnt man, ohne daß ein

Anderer verliert! -- Handlungen leiden keine Freundschaft, und nur mit

Worten scheint sie sich behelfen zu sollen -- Durch Mißwachs gewinnt

der Landmann; durch Verschwendung und Üppigkeit der Kaufmann; durch

Zank, Hader und Streit der Richter; durch Neid und Haß der Geistliche.

-- »Ein jeder Mensch hat seinen Preis, für den er sich weggiebt,« ist

die Behauptung eines Engländers, eines Mannes aus einem Volke, das

noch einen Werth auf sich zu legen versteht -- Und wenn es wahr ist,

was einer der Alten behauptet, »daß ein Arzt es ungern sieht, wenn

seine Freunde gesund sind, und ein Soldat, wenn sein Vaterland Frieden

hat;« wenn der Untergang des Einen Dinges die Schöpfung des andern

ist: wo wird reine Freundschaft seyn? Freundschaft, die allen Graden

der Versuchung gewachsen, die auch gegen eine Welt nicht feil ist --!

Von einem Freunde muß es, wie von _Voltaire'n_, heißen: Sein Geist

ist überall, sein Herz ist hier (im Hause des _Herrn von Villette_,

dessen Gemahlin _Voltaire'ns_ Pflegetochter war). Freundschaft ist

ein geschliffener Stahl, dem schon ein feuchter Hauch den Rost

zuzieht. -- Nie kann ich auf die großen Worte _Tod_ und _Freundschaft_

stoßen, ohne daß mein Herz sich ausschüttet -- und sollte mir diese

Wiederholungen nicht jedes in meiner Lesewelt verzeihen, das auch ein

Herz für Freundschaft hat, und das -- sterblich ist? -- Freundschaft

ist Leben; denn ohne sie hat die menschliche Existenz keinen Werth.

Ich habe meine Schrift überhaupt durch die Bemerkung vorgeleitet,

daß, da ich für die Freiheit schreibe, ich mich nicht selbst binden

werde. Lehre und Leben müssen sich in die Hand arbeiten; und darf ich

wohl im Münzverstande meine Schrift legiren --? genug, wenn ich mich

geleitlich halte -- und darüber wird hoffentlich kein geierlicher

Zoll- und Accisebedienter, kein Freund und Feind, mit Grunde Rechtens

Beschwerde erheben können. -- Freundschaft war die Losung, und dieses

herrliche Wort verdient, daß wir Platz nehmen. -- Die Frage: wie leben

Weiber? kann bei dieser Abschweifung nichts verlieren. Laßt Könige

licitiren: die Freundschaft ist nicht verkäuflich; -- und eine solche

Freundschaft, die, wenn sie gleich nicht zu den sieben Wunderwerken,

so doch zu den Seltenheiten der moralischen Welt gehört, würde sich

häufiger ereignen, wenn auch das andere Geschlecht bei ihren Altären

zu Ablegung der Gelübde zugelassen würde, die gemeiniglich mit der

Grundregel anfangen, seinen Freund so behutsam zu behandeln, daß er,

uns unbeschadet, auch unser Feind werden kann. Jene Einschränkung des

Zutrauens und der wechselseitigen Herzensergießung, jene Mäßigung in

Entdeckung unserer geheimen Beschwerden, hebt das, was Freundschaft

ist, auf, und macht dagegen einen gewissen Schein gäng und gebe, der

immer als Weltklugheitsmaxime Dienste leisten mag, der aber den Altar

der Freundschaft entheiligt. Unsere gegenwärtigen Freundschaften sind

gemeiniglich nichts mehr und nichts weniger, als gemeinschaftlich

geschlossene Connivenz, wo beide Theile im Gewinn sind; und so wie die

Bescheidenheit das Verlangen ist, feiner gelobt werden zu wollen: so

ist die Freundschaft ein Bund, desto reiner zu gewinnen. Heißt nicht

schon _der_ unser Freund, welcher nicht unser erklärter _Feind_ ist?

Die Kaufleute nennen _die_: Freunde, mit denen sie in Handlungsverkehr

stehen, wo es also Provision zu berechnen giebt; und so wie _der_ schon

für gut gilt, der ein böser Mensch von der allgemeinen Art ist: so gilt

_der_ schon für unsren Freund, der ein Menschenfreund, ein Mensch von

keinem schlechten Herzen ist, der uns nicht verräth und verkauft, oder

der uns zu verrathen oder zu verkaufen keine Gelegenheit gefunden hat.

Unser Geschlecht ist zu glücklich, als daß wir ächte Freunde der Weiber

seyn sollten; und zu unserer Freundschaft gegen einander, auf die wir

so stolz thun, haben die Weiber nicht das mindeste Zutrauen -- Können

wir (wie kann es nach der Weiberlogik füglich anders lauten?) wohl mit

Freundschaften aus der Tasche spielen und mit Aufopferungen prahlen, da

wir uns nicht einmal herabzulassen vermögen, den Weibern Gerechtigkeit

zu erweisen? Überhaupt ist selbst unser Leben nur halb, da wir die

Weiber nicht zu leben berechtigen; und _wie leben sie denn_?

Ob sie gleich heut zu Tage noch zu sehr der Sinnlichkeit fröhnen, woran

_sie_ weniger Schuld sind, als unsere Härte; obgleich noch bei weitem

nicht an ihnen erschienen ist, was sie seyn können und seyn werden: so

zeigen sie doch bei so vieler Gelegenheit eine Selbstbeständigkeit,

eine Fassung, die uns so oft beschämt. -- Ihre Ausschweifungen, die

wir so schrecklich vergrößern, entstehen mehr aus Befriedigung der

Eitelkeit als der Begierde. Sie haben keine andere Olympische Bahn,

als Männer zu fahen; man öffne ihnen andere, und sie werden Wunder

thun. Das Promemoria, welches jener Kaufmann in sein Denkbuch trug:

»Ja nicht zu vergessen, mich in Hamburg zu verheirathen!« ist ins

Herz der Frauenzimmer verzeichnet -- Darum das Werben ihrer Augen

-- Gemeiniglich haben sie hierbei keine Absicht; sie treiben das

Mienenspiel der Mode halben, und weil keine kluge Mannsperson daraus

etwas zu schließen wagt. _Montagne_ sagt: jungen Gelehrten geht es wie

den Kornähren; so lange sie leer sind, richten sie ihre Spitzen gerad'

und keck empor: kommen aber ihre Körner zur Reife, so lassen sie ihr

Haupt sinken. -- Warum wollen wir die Weiber wegen ihrer Mienen so

scharf richten, und Eitelkeit, Koketterie und Wollust für einerlei

halten? Man lacht über jene Dame, in deren Gegenwart man die schwarzen

Augen ihrer Nachbarin lobte, und die sehr schnell erwiederte: »jetzt

trägt man keine schwarzen Augen mehr;« sind wir aber nicht die, welche

das andere Geschlecht zu solchen Antworten verleiten? befördern wir

nicht unserer Eitelkeit halben die ihrige? Laßt die Weiber zu Kräften

kommen, und ihr werdet sehen, daß sie im lauten Geheul der Stürme,

wo Männer sich nur selten ein geneigtes Gehör zu verschaffen wissen,

bei den schrecklichen Wogen des empörten Meeres, sich finden, und

dem Meere und dem Winde _Silentium_ gebieten werden. Wenn man zur

Zeit der sanften Ruhe erlernt und überdenkt, was man zur Zeit der

Schiffbruchsgefahr anwenden will, so bleibt es zwar nicht unrühmlich,

in der Zeit zu sammeln, um in der Noth zu haben; wenn aber Weiber

selbst in diesem Ungewitter Entschlüsse zu fassen verständen; wenn sie

kein Lexicon zusammengetragener Regeln aufschlagen dürften, die ohnehin

nie ganz auf einen einzelnen Fall passen? -- wenn --? Doch, laßt uns

erwägen, nicht was dieser Wallfisch des menschlichen Geschlechtes

werden wird, wenn ihm nicht mehr Tönnchen zum Spielen zugeworfen

werden, sondern was er selbst in seiner jetzigen so traurigen Lage war

und ist! Als _Sokrates_ von der Gottheit zum _Weisen_ erhoben und ihm

das Diplom hierüber wegen seines Wohlverhaltens ertheilt ward, maß er

sich mit vielen seiner Zeitgenossen, und fand, daß Andere diese Würde,

wo nicht mehr, so doch eben so gut verdienten, wie Seine Wohlweisheit

-- Endlich überzeugte er sich, daß diese Würde, bloß weil er sich nicht

für weise hielte, ihm auf Allerhöchsten Göttlichen Special-Befehl wäre

zuerkannt worden -- Kann _der_, welcher Aufsehen macht, weise seyn?

hat _der_, bei der rastlosen Bemühung sein Ansehen zu schützen und

den Neid zu entkräften, Zeit und Raum zur Weisheit? _Ob den Weibern

wirklich die Bescheidenheit bei ihren Handlungen eigen ist?_ Die

Erfahrung überhebt mich der Antwort. Ob Weiber wirklich gehandelt

haben? O, der beleidigenden Frage! -- --

Ohne eine _Isabelle_ wäre America vielleicht noch nicht entdeckt

worden, vielleicht nicht durch _Columbus_, oder doch erst spät, und

auf einem entgegengesetzten Wege. _Ferdinand_ hatte nicht Muth und

Entschlossenheit, einem so kühnen Unternehmen seinen Nahmen zu leihen,

und seinen Schatz zu öffnen. Würde _Cicero_ ohne die _Fulvia_ die

Verschwörung des _Catilina_ entdeckt, und den Namen eines _Erhalters

des Römischen Staates_ gewonnen haben? _Karl V_ verdankte es bloß dem

Einfluß eines Weibes, daß seine Donquixotterien einen besseren Ausgang

hatten, als sie verdienten. Und warum eine größere Aufzählung solcher

Begebenheiten, an denen Weiber nicht bloß Antheil nahmen, sondern die

durch sie entstanden, durch sie geleitet und ausgeführt wurden, wo

sie nicht bloß untergeordnete Dienste leisteten, sondern der Geist

waren, der über den Wassern schwebte, die Seele, die den Gang der

Begebenheiten ordnete und lenkte! --

Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber · 第 12 / 18 段