Sprachen sieht man nicht ohne Grund als den Schlüssel zu dem Magazin

aller Kenntnisse und alles Wissens an, und eine jede Sprache, die wir

erlernen, ist ein Schatz des Wissens, den wir fanden. Sprachen zu

lehren, wird ein besonderes Talent erfordert, welches seltener das

Theil und Erbe der Männer, als der Weiber, ist. Unsere zeitherige

Schulmethode Sprachen zu lehren, ist gewiß nicht von Weibern erfunden;

denn kaum würden diese mit der Grammatik den Anfang gemacht haben.

Seht da den Lehrer, der es sich Lastträgermühe kosten läßt, Kindern

begreiflich zu machen, warum der Römer die Wörter in seiner Sprache so

und nicht anders auf einander folgen ließ! seht da den Schüler, der

etwas begreifen soll, das schlechterdings unbegreiflich ist, so lange

er nicht weiß, wie die Römer ihre Sprache redeten oder schrieben.

Bleibt die Kunst eine Sprache sprechen zu lehren, nicht vorzüglich

den Weibern eigen? und sollte ihnen nicht der Sprachunterricht

ausschließlich überlassen werden? Gedächtniß, Einbildungskraft, und ein

gewisser Geist für das Detail scheinen, wenigstens so lange sie wie

jetzt sind, vorzüglich ihr Eigenthum zu seyn. Giebt es viele Beispiele,

daß man bei einem Sprachmeister die Französische Sprache mit Fertigkeit

sprechen lernte? Wer nicht ihretwegen eine Reise nach Frankreich that,

lernte sie von Mutter oder Gouvernantin. Kaum hat der Mann angefangen,

Materialien zu begreifen und anzufassen, so will er schon zusammen

setzen, generalisiren, Capitalien machen; -- allmählich zu sammeln,

dauert ihm zu lange. --

Wer kann den Weibern ein gewisses Kunstgefühl absprechen? und scheint

nicht weniger der Mangel an Anlagen, als ihre zeitherige Lage, Schuld

zu seyn, daß sie so wenig Vorzügliches in den schönen Künsten und

Wissenschaften leisteten? An dem reitzenden Schauspiele ringender,

wenn gleich oft auch unterliegender, Kräfte ist uns zuweilen mehr, als

an der Entscheidung und an prahlenden Siegen gelegen; und schlummert

nicht zuweilen auch selbst der große _Homer_? Werden nicht selbst sehr

wache Augen vom Schlaf überwunden? schläft nicht zuweilen _Brutus_?

Schöne Künste und schöne Wissenschaften erfordern einen weiten

Spielraum, leiden keinen drückenden Zwang, und gedeihen nur da, wo der

Geist, sich keiner Fesseln bewußt, das Gebiet der Einbildungskraft,

jenes Reich der Unsichtbarkeit, durchkreuzen kann. Auch bei der

größten Empfänglichkeit für schöne Formen und Gefühle, auch bei der

glücklichsten Organisation, wird, so lange der jetzige Druck dauert,

nichts Großes, nichts Vollendetes das Theil der Weiber seyn; eben

so wenig wie der Griechen, die bei den nämlichen Anlagen, bei dem

nämlichen milden Himmel, nie etwas, den unerreichbaren Meisterstücken

ihrer Vorfahren Ähnliches hervorbringen werden, so lange ihr Nacken

noch in das eiserne Joch der Türken eingezwängt bleibt. Wie wär'

es möglich, daß das weibliche Geschlecht, so lang' es im Käficht

eingeschlossen ist, und ein schnödes Vorurtheil seine Flügel lähmt,

sich in die höheren Regionen aufschwingen sollte? Die Seele pflegt

schwach zu seyn, wenn der Leib es ist, und Sklaverei erlaubt ihren

Gefesselten keinen Flug eine Spanne hoch über die Erde. Doch zeigten

_Einige_, daß sie Eines Geistes Kinder mit Männern wären; und irre ich

mich, oder ist es gewiß, daß sie weniger nach jedem Fünkchen eines

fremden Lichtes haschten, um es aufzufangen, als wir? Mit geübterem

Verstande, mit geschärfterer Empfindung, mit reicherer Phantasie, mit

festerem Charakter, werden sie reifere Früchte bringen, und in dem

Felde des Schönen, auf das sie ohnehin schon unleugbare Ansprüche

haben, Thaten thun -- werth der Unsterblichkeit. Man klagt nicht ohne

Grund: alle Oberideale wären mit dem Heidenthume verloren gegangen;

und da die ins Große gehende Kunst ohne Ideale nicht bestehen könne,

so schiene es, als ob unsere Dichter und Künstler sich nicht über die

gemeine und wirkliche Natur zu erheben im Stande wären. -- Vielleicht

ist es dem schönen Geschlechte vorbehalten, sich hier neue Bahnen zu

brechen, und mit neuer verjüngter Einbildungskraft zu schaffen was

verloren ging, ohne dem Segen der größeren und heilsameren Wahrheit der

christlichen Religion, welche für alle jene Ideale durch ihren weisen

und beglückenden Einfluß entschädiget, zu nahe treten zu dürfen.

Unser Geschlecht hat Gelegenheit, so viel von der Prosa der wirklichen

Welt kennen zu lernen, und dünkt sich, die Wahrheit zu gestehen, in

derselben so gewaltig viel, daß es nicht umhin kann, der wirklichen

Welt, so _herrlich_ und _schön_ sie auch ist, keinen poëtischen Stoff

zuzutrauen. Unzufrieden mit Menschen, spricht es: »Laßt uns Götter

schaffen, ein Bild, das uns gleich und doch Gott sei!« -- Und da wird?

Seht doch, seht! ein Himmel voll Ganz- und Halbgötter, alle zusammen

nicht werth einen einzigen wackern Kerl abzugeben. An den himmlischen

_Harem_ mag ich gar nicht denken, der gewiß noch weit weniger ein

einziges braves Weib aufwiegt -- Wozu der Götterunrath? -- Mährchen,

sie mögen nun Volks- oder Helden- und Staatsmährchen seyn, gehören,

sagt man, für das Kinder- und Greisenalter; wer wird indeß diesen

Spielen der Einbildung nicht gern Gerechtigkeit erweisen, wenn sie

zum Ernste der Wahrheit leiten, und von der Vernunft die vollzähligen

Weihen erhalten haben? wer die Imagination nicht ehren, wenn sie

bei allen ihren Avantürier-Eigenschaften ein Sprößling der Vernunft

ist? -- Nur thut unser Geschlecht zu oft so äußerst nothgedrungen,

eine Abschweifung in das Reich der Möglichkeit machen zu müssen,

obgleich von der lieben Wirklichkeit noch so viel in Rückstand ist;

-- nur will es zuweilen höchst unzeitig die Einfälle aus dem Reiche

der Einbildung zu Gesetzen in der Sinnenwelt, die vor uns liegt,

tausendkünsteln; nur macht es sich kein Gewissen daraus, die hehre

und mächtige Religion der Vernunft, welche sich bescheidene Flügel

beilegt, mit aller Gewalt zu überflügeln und, ohne sich mit ihr und

der Volksreligion zu berechnen, bloß auf Vergnügen auszugehen, wo

sich doch die Vernunft ihren Aufsehersitz und ihre Stimme nicht nehmen

läßt. Hier ist Stoff zum _neuen Himmel_ und zur _neuen Erde_. Und sag'

ich zu viel, wenn ich behaupte, daß dem andern Geschlechte hier noch

ein Richtsteig vorbehalten ist und Palmen, die nicht etwa im dritten

Himmel zu brechen sind, wo man zu unaussprechlichen Worten entzückt

ist -- sondern nicht fern von einem Jeglichen unter uns. -- Genug,

wenn seine Dichtkunst das Herz nicht verfehlt, wenn sie von Herzen

kommt und wieder zu Herzen geht. -- Was soll ein wildes Feuer? Ein

heiliges ist sein Ziel. Nie wird es sich erlauben mehr anzulegen,

und wär' es Cedernholz, als nöthig ist, und um die Wette wird seine

Dichtkunst mit der Cultur, Leidenschaften zu lenken und zu zähmen

sich bemühen -- der edelste Beruf der Vernunft und der Dichtkunst!

Grundsätze, welche die Vernunft im Allgemeinen lehrt, macht Dichtkunst

durch treffende Beispiele anschaulich. Wovon die Vernunft innerlich

überzeugt ist, das stellt die Dichtkunst in Lebensgröße unsern

sittlichen Augen dar, und bringt ein unaussprechliches Vergnügen zu

Stande, das einzige, das wir durch kein Opfer erringen dürfen -- und

das immer mit in den Kauf geht! -- Wie? dieser heilige Geist sollte

nicht über das andere Geschlecht ausgegossen seyn? diese Gaben hätt'

es nicht empfangen? O, ihr Kleingläubigen! -- als ob der Pegasus

bloß für Männer wäre! Dies so überaus gute Thier, das sich so viel

gefallen läßt, sollte keinen Quersattel vertragen? Sollte dieses

Vorurtheil nicht zu übersiebnen seyn? Allerdings. Wie herrlich sind

jene weiblichen Explosionen, die Lieder der Liebe der _Sappho_,

die selbst auch in Deutschland mehr als neun Schwestern hatte, von

denen eine der vorzüglichsten (_Karschin_), nachdem ihr der Dichter

FRIEDRICH II vier Gulden verehrt, und _Friedrich Wilhelm II_, der

kein Poët ist, ein Haus hatte bauen lassen, unlängst zu ihrer älteren

Schwester heimging. -- Darf ich mehr als _Elisen_ nennen, um _ihrem

Kopf_ und _ihrem Herzen_ den Rang beizulegen, der beiden gebührt --

und der durch eine exemplarische Bescheidenheit noch mehr gewinnt?

-- _Angelika Kaufmann_, die Schöpferin schöner Formen, und mehr

ihres Gleichen waren und sind Mahlerinnen. Der Vorwurf, den man der

_Angelika_ macht, daß sie männliche Gesichter zu weibisch mahle, ist

nicht ohne Grund; vielleicht nimmt sie hierdurch an unserm Geschlecht

eine heimliche Rache. Man sagt: Weiber würden nie Meisterinnen im

Portraitiren. -- Daß ich nicht wüßte; *_ra_** trifft zum Sprechen --

zum Hören --. Wär' es in der Regel der Fall, so würd' ich es mir aus

dem Umstande erklären, daß sie immer Züge aus ihrer trefflichen Seele

hineinzeichnen, so wie Mahler der _Venus_ Züge von ihren Weibern und

Töchtern verehren. -- Mahlerinnen würden in dem Grade die Seelen der

Männer in ihren Portraiten verschönern oder verklären, wie Mahler die

Gesichter des andern Geschlechtes schminken -- Ist es, weil die Männer

von der Natur entfremdeter sind, als die Weiber; oder hat die Natur

wirklich zu dem andern Geschlechte mehr Vorliebe und Zutrauen; oder

macht es die Seltenheit, daß die Männer, weil sie zu wenig in die

Heiligthümer der Natur kommen, nicht recht wissen, wie sie mit ihr

daran sind? -- ich weiß es nicht. Wer kann indeß unter den Männern,

er sei Dichter oder Mahler, im Wonnegefühl der Natur, in der Fülle

ihres Genusses, darstellen, was er empfindet? -- wer erliegt nicht

unter der Gewalt alles Erhabenen und Schönen, das ihm zuströmt und ihn

entweder in einen Schlummer einwiegt, oder ihn so angreift, daß er den

zu großen Eindruck nicht umfassen und entwickeln kann. Der Schlummer

ist ein Beweis der Schwäche; und auch aus zu großer Spannung wird man

ohnmächtig. Diese Lagen (sowohl die Schlummer- als die Spannungslage)

darzustellen, ist Manchem unter den Männern so vortreflich geglückt,

daß, da alle geneigte Leser sich getroffen fanden, diese Darstellungen

als Meisterstücke bewundert wurden. Man erstaunte, daß die Kraft der

Kunst in dieser Schwachheit so mächtig war! Hat sich das Feuer des

Eindrucks gelegt, ist man aus einem entzückenden Schlaf erwacht, so

mahlen wir aus dem Spiegel der Zurückerinnerung, und die Natur hat

nicht Ursache, diese Copien für viel weniger als Originale zu halten

-- Es sieht wie aus der ersten Hand aus, ob es gleich eigentlich aus

der zweiten ist. Weiber können im vollen Genusse der Natur diesen

Genuß beschreiben; auf das innigste in sie verwebt, verlieren sie den

Ausdruck nie; sie scheinen Ein Herz und Eine Seele mit der Natur zu

seyn, und da sie weder zu hoch gespannt sind, noch in süßen Schlummer

versinken, so gebricht es ihnen bloß an Dreistigkeit, um ihren

Naturgenuß auch Andere durch Darstellung geniessen zu lassen. -- Sie

können im ersten Feuer arbeiten, wenn wir uns zuvor abkühlen müssen.

Gewiß hatten wir manche weibliche _Ossiane_, wenn wir es wollten; und

was wäre unsere _Karschin_ geworden, wenn man ihr nicht die Flügel

der Morgenröthe durch den Unterricht in der Mythologie beschnitten

hätte! Die Originalität gedeihet nur im Schooße der Freiheit; und kann

wohl die Natur durch Weiber vernehmbar seyn, ehe Männer aufhören, die

Weiber (diese Gefäße zu Ehren) zu bevormündern, und ehe Geist, Herz

und Zunge dem andern Geschlechte gelöset werden? -- Wozu dies Alles

führen soll? Männer, wo nicht aus Pflicht, so doch aus Kunstneugierde

zu reitzen, daß sie den Schooßkindern der Natur die Geistesfreiheit

nicht länger vorenthalten, ihre Kräfte nicht weiter unterdrücken,

und ihre Vernunft durch unzeitige Blödigkeit nicht vor wie nach

zurückhalten. Die Dichter, die Helden, die Weisen der Vorzeit sahen

keine andere Sonne, erblickten keine andere Natur, als wir: Jene

göttlichen Natureingebungen, welche die Uralten hatten, können wir noch

neutestamentlich aus Hand und Mund der Weiber mit Danksagung empfahen.

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Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber · 第 11 / 18 段