Die Physiokraten halten in ihrem System die producirende Klasse der

Staatsbürger für die nützlichste, und da für den Staat der Nutzen

das Einzige ist, was die Rangordnung der Bürger bestimmt; da dieser

Nutzen die Bürger klassificirt: wie wollen wir denn eine ganze

Hälfte des menschlichen Geschlechtes, welche an der Hervorbringung

und Fortpflanzung desselben den wesentlichsten Antheil hat, von der

Bürgerehre ausschließen? und da wir sie schon ohne Urtheil und Recht

willkührlich aus angestammter Machtvollkommenheit ausgeschlossen haben,

ihnen die Wiedereinsetzung in den Paradiesstand verweigern? Werden sie

nicht, gehörig dazu vorbereitet, mit Ehren rathen, helfen, fördern in

allen Staatsnöthen? Bis jener hingeworfene Umriß einer neuen Ordnung

der Dinge in seinem ganzen Umfange in der bürgerlichen Gesellschaft

eingeführt werden kann, öffnet, Männer! der jetzigen weiblichen

Jugend je eher je lieber unsere Educations- und Lehranstalten, und

erlaubt ihr, an der Erziehung und dem Unterrichte, so wie er hier

gelehrt und gelernt wird, Theil zu nehmen, ohne euch von der Furcht

vor nachtheiligen Folgen abwendig machen zu lassen. Prüft jene

hämischen Alltagszweifel: es wird Anstoß, Aufsehen, Ärgerniß geben,

es wird nachtheilige Folgen haben; -- prüft, und ihr selbst werdet

sie unentscheidend finden. Man kann sich vor der Furcht, und auch vor

der Hülfe fürchten. Soll eine verwerfliche Einrichtung der Dinge,

und wenn sie tausend mahl tausend Jahre gewährt hätte, auch bei dem

unbehaglichen Gefühl des Nachtheiligen, bei der gewissen Aussicht einer

besseren Zukunft, darum noch ungestört fortdauern, weil ihre Abänderung

mit Schwierigkeiten, vielleicht mit anscheinend bedenklichen Folgen,

verknüpft seyn _kann_? Wäre je in der Welt etwas Großes unternommen

worden, wenn wir das Für und Wider so ängstlich abgewogen hätten?

Wäre der Mensch da, wo er gegenwärtig ist, hätte er je so merkliche

Fortschritte gethan, wenn er, nach der Weise des Elephanten, ehe

er den Fuß weiter fortbewegt, ängstlich untersucht hätte, ob der

Boden, den er betreten wolle, auch fest sey? -- Anstoß! Wie man dies

Wort von weitläuftigem Bedeutungsbezirk nimmt. Unsere symbolischen

Vorfahren hätten gewiß den schrecklichsten Anstoß genommen, wenn in

einem Erziehungshause Kinder mit und ohne Vorhaut zusammen gekommen

wären, um an allerlei Unterricht Theil zu nehmen. Welchen Nachtheil

für das Christenthum würde man befürchtet haben, wenn ein Abkömmling

des Stammes Juda mit dem Sohne eines General-Superintendenten aus dem

blinden Heiden _Cicero_ Menschen- und Bürgerpflichten gelernt hätte!

Und wer kennet nicht Staaten, wo dies ohne das leiseste Geräusch der

Eiferer bewirkt wird, und ohne daß die Grundfesten des Christenthums

auch nur die mindeste Erschütterung befürchten?

_Die Sittlichkeit würde Gefahr laufen!_

Wie denn das? Werden nicht schon jetzt Mädchen und Jünglinge von

einem und demselben Geistlichen, zu einer und derselben Zeit, auf

eine und dieselbe Art in der Religion unterrichtet? Die Anstalt ist

schon da; sie darf nur ausgedehnt werden. Und was kann uns behindern,

_die_, denen wir in der Kirche gleiche Rechte mit uns einräumen, in

die Bürgergemeinschaft aufzunehmen? Werden Mädchen und Knaben durch

gemeinschaftlichen Unterricht zu _Christen_ vorbereitet, warum sollen

wir sie nicht gemeinschaftlich zu _Bürgern_ erziehen? Sollte denen,

welchen die erforderliche Anlage zu Himmelsbürgern zugestanden wird,

der Beruf zur Staatsbürgerschaft abgesprochen worden? Warum leiden in

dieser Gemeinschule die Sitten nicht, obgleich der Religionsunterricht

in Jahren ertheilt wird, wo der Geschlechtstrieb äußerst reitzbar ist?

Sind die Schüler und Schülerinnen dort nicht eben so wie hier unter

Aufsicht? wird ein kluger Lehrer und Erzieher den Veranlassungen zur

Erweckung des Geschlechtstriebes nicht überall geschickt auszuweichen

wissen, und jede Belehrung über die künftige Bestimmung seiner Zöglinge

so einzulenken verstehen, daß die Folgen nicht schädlich, sondern

segensreich ausfallen?

_Wird das andere Geschlecht unseren Erwartungen entsprechen? wird es

unsere Bemühung lohnen?_

Wir wollen also erndten und uns der Mühe überheben, zu pflanzen? Auf

welche Art werden wir uns von der Tragbarkeit des Bodens versichern,

wenn wir ihn nicht anbauen? Hat denn nicht bis itzt jeder Boden dieser

Art den auf ihn verwendeten Fleiß gelohnt? und dürfen wir hier einen

andern Erfolg befürchten, wenn wir es unserer Trägheit nur abgewinnen

können, einen ernstlichen Versuch anzustellen? In Alles was die Natur

hervorbrachte, legte sie Keime, die nur einer Veranlassung bedürfen,

um entwickelt zu werden. Würden nicht die Weiber jedem bürgerlichen

Stande, zu welchem man ihnen Zutritt vergönnte, Ehre machen? Und

welches bürgerliche Geschäft könnte, so lange sie durch ihre besondere

Geschlechtsbestimmung nicht daran behindert würden, unter ihren

wohlwollenden Händen sich schlechter befinden? Müßte das Ganze wegen

des Wetteifers, der zwischen beiden Geschlechtern entstehen würde,

nicht unendlich gewinnen? Nicht die Nymphe _Egeria_, welche _Numa_

selbst, nicht _Pythia_, welche die Helden des Alterthums um Rath

fragten, wenn sie Gesetze geben, wenn sie Länder erobern wollten, nicht

die _Aspasien_ und _Phrynen_, zu denen ein _Perikles_, ein _Sokrates_

in die Schule ging, um Weisheit und Regierungskunst zu lernen --

sollen sich hier der Beispiellehrstühle bemächtigen. Jene hat die

Fabel in ein ätherisches Gewand gehüllt und sie unserm Auge zu weit

entrückt, als daß wir sie noch ferner dem Geschlechte zum Vortheil

anrechnen könnten, ob sie gleich seinen Namen führen und keine Fabel

ohne Wahrheits-Ingredienz anfängt und vorhanden ist -- So hieß der

Grosoncle eines von den weltberühmten Lügnern neuerer Zeit, _Josephs

Balsamo_, der sich _Graf Cagliostro_ nannte: _Cagliostro_ -- Lauter

Lügen halten so wenig zusammen, daß nie etwas Vernünftiges, etwas

Ganzes herausgebracht werden kann -- Will man den poëtischen Tugenden

jener weiblichen Heldennamen keine Glorie und keinen Ehrenschein

einräumen -- immerhin! wir haben auch prosaische Beispiele, um

außer Zweifel zu setzen, daß, ungeachtet das weibliche Geschlecht

(wenn gleich nicht durch ein förmliches Gesetz, so doch durch ein

stillschweigendes Übereinkommen, welches oft noch grausamer und

drückender ist) von der Stoa, der Akademie und dem Prytaneum entfernt

gehalten wurde; ungeachtet man den Weibern die Schulen des Unterrichtes

und der Weisheit verschloß, sie dennoch Gelehrte und Weise unter sich

aufweisen können, die ihre Namen durch Thaten und Schriften unsterblich

gemacht haben. Es würde nicht schwer fallen, in vielen Fächern des

weitläuftigen Gebiets menschlichen Wissens und menschlicher Kunst

weibliche Namen aufzufinden, die sich einen Anspruch auf Achtung und

Ruhm erwarben. Schon erwies ich einigen in so weit Gerechtigkeit,

als sie sich durch große Eigenschaften auszeichneten. Wohlan! die

Geschichte mag auftreten, und uns bezeugen, welchen wichtigen Antheil

das weibliche Geschlecht an der Ausbreitung der christlichen Religion

nahm, und wie groß in dieser Rücksicht sein Verdienst um Sittlichkeit

und Aufklärung ist! Der Stifter dieser wohlthätigen, die Rechte

der Menschheit vertretenden und menschenfreundlichen Religion (die

sich so himmelweit von jenen _heidnischen Culten_ unterscheidet,

welche über die Götter die Menschen vergaßen, und eben so von den

_Jüdischen_, die den Menschen durch äußeren Zwang allmählich zum

Geiste der Tugend gewöhnen wollten, aber das Volk, bei der besten

Absicht seines Heerführers _Moses_, in der Wüste der Heuchelei und

der Äußerlichkeit ließen, ohne daß es je das moralische Kleinod

erreichte, wozu diese Umwege es anlegten) unterrichtete die _Schwester

seines Freundes Lazarus_, und gab der _Maria_ vor der bloß häuslichen

_Martha_ den Vorzug: _Maria hat das beste Theil erwählt, das nicht

von ihr genommen werden soll_. Die Geschichte der Apostel gedenkt

einer frommen _Tabea_, die sich nicht nur durch ihren Wandel unter

den Neubekehrten auszeichnete, sondern auch thätigen Antheil an der

Ausbreitung der Lehre nahm, die sie angenommen hatte. Nennet die

Kirchengeschichte nicht eine Menge von Weibern, die mit Heldenmuth

ihren Glauben bekannten, und sich weder durch Martern noch Verheißungen

in ihrem Bekenntnisse wankend machen ließen? die bei dem Verzicht auf

alle Hoheit, auf Ehre und Überfluß, unter Verachtung, Hohn, Mangel und

Verfolgung ihrer Überzeugung mit unerschütterlicher Standhaftigkeit

anhingen? Der Stifter der christlichen Religion bewundert so oft das

gläubige Zutrauen des andern Geschlechtes zu seiner Lehre, und hat

dasselbe so wenig von der Theilnahme an den Vorzügen der vernünftigen

lauteren Milch seines Unterrichtes ausgeschlossen, daß er es vielmehr

mit auf die Erhebung desselben und auf Befreiung von den Ketten,

die es trug, angelegt zu haben scheint. Und in der That, wenn diese

Religion in ihrer reitzenden kindlichen Gestalt erscheinen will --

zeigt sie sich nicht in Kindern und ihren Pflegerinnen, den Weibern?

Weibliche Herzen sind, wenn ich so reden darf, mit den Lehren dieser

Religion gleichsam amalgamirt; denn in Wahrheit, die höchste Stufe

der Menschheit ist nicht speculirende Vernunft, nicht Philosophie

allein, sondern ein gewisses Etwas, das, wenn es Regierungskunst heißt,

eine Kunst ist, der die Natur selbst sich unbedenklich unterwirft

-- Ein kühler Trunk kann Lebensgeister zu der Wohnung, die sie fast

schon verlassen hatten, zurückrufen, kann aber auch ein Gift für

den erhitzten Wanderer werden: Das Schwert, das uns beschützt, wird

leicht unser Mordgewehr. Die gebildete Freiheit, die sich so sehr

von der unregelmäßigen und von dem höchsten Grade derselben, der

Zügellosigkeit, unterscheidet, könnte _christliche Freiheit_ heißen.

Und ihre Schule? -- ist die Schule der Weiber. -- Wenn Männer mit

Verzichtleistung auf ihre Stärke, die so leicht in Leidenschaft

ausartet, eigentliche Christen werden, und Selbstrache, Blutvergießen,

alle Machtsprüche und Machtbeweise aufopfern sollen; so wähnen sie, daß

sie bei diesen christlichen Tugenden ihr Geschlecht einbüßen -- Es ist

schwer Gutes zu wollen und zu thun, wenn das so leicht auszuführende

Böse noch obendrein Ehre bringt -- Ich mag diesem Gegenstande

wohlbedächtig nicht näher treten -- -- --

Überall wo Genieflug und Kunstfleiß der Menschen hinreicht, treffen

wir Weibernamen an, die um den Preis ringen. Es sind nicht Weiber,

die auf einem ganz entgegen gesetzten Wege ihre Eitelkeit zu

befriedigen suchten, weil sie auf dem geschlechtsüblichen nicht

fortkamen; sondern solche, die, von ihrem Geiste getrieben, jene

Kräfte anlegten, welche die Natur ihrem Geschlechte so reichlich

und täglich gespendet hat. Welch eine ehrenvolle Stelle nimmt _Anna

Comnena_ unter den Byzantinischen Geschichtschreibern ein! Die

_große Tochter Heinrichs des Achten_, die England nicht durch das

Parlament regierte, sondern deren Wink für dieses, Staatsgesetz war,

vor der es die Knie beugte, die, wenn sie gleich nicht den stolzen

_Philipp_ so doch seine unüberwindliche Flotte überwand, hat eine

ihr würdige Geschichtschreiberin an der _Keraglio_ gefunden. In den

Jahrhunderten der Unwissenheit, wo tiefe Mitternacht die Völker

Europens von einem Ende bis zum andern bedeckte, wo alle Sehnen des

Geistes völlig abgespannt waren, versuchte es die Nonne _Roswitha_,

das heilige Feuer der Gelehrsamkeit wieder anzuzünden. _Die Dacier_

und _die Reiske_ thaten sich durch Sprachkenntnisse hervor; und wie

viele machten sich nicht in England, Frankreich und Deutschland durch

Schriftstellertalente berühmt? Wem sind die Namen einer _Macaulay_,

einer _Genlis_, einer _Sevigné_, einer _la Roche_ unbekannt?

_Weiber entdeckten nichts, erfanden nichts. Es gab unter ihnen keinen

Newton -- keinen_ -- -- --

Und warum? war es nicht ein Ungefähr, das von Anbeginn unter Menschen

Erfindungen zu Stande brachte? Schien nicht die Natur bei allen

menschlichen Erfindungen sich den Haupttheil zu reserviren? legte _sie_

nicht dies beste Brot vor das Fenster? Wurden jene Entdeckungen und

Erfindungen nicht den Erfindern und Entdeckern in die Hand gespielt?

Lag es an Weibern oder an der ihnen verweigerten Gelegenheit, wenn sie

hier zurückblieben? -- Man räume ihnen Kanzeln und Lehrstühle ein,

und es wird sich zeigen, ob sie (der schuldigen Achtung für _Paulus_

unbeschadet, welcher nicht will, daß die Weiber in der Gemeine sich

sollen hören lassen) nicht eben so gut unsere Überzeugung zu gewinnen

wissen. Ohne allen Zweifel werden sie sich einen noch leichteren

Zugang zu unserm Herzen bahnen. Schon sind uns hier die Quäker mit

ihrem Beispiele vorgegangen. Die Predigten der Weiber würden sich zu

den Predigten vieler unserer Seelenwächter sehr oft verhalten, wie die

von _Bourdaloue_ zu denen von einem Stümper seiner Zeit: Wenn dieser

predigte, ward _gestohlen_; wenn jener auftrat, ward _wiedergegeben_.

So wie es bei Körpern eine Ansteckung giebt, so auch bei Gemüthern

und Seelen; und wenn es allgemein nicht unrichtig ist, daß schon in

den _Augen_ Tod und Leben liegt, und daß gewisse Leute vermittelst

derselben beides, tödten und lebendig machen, können: so ist dies

besonders der Vorzug der Weiber -- Die ganze Zauberei scheint sich

aus den Augen herzuschreiben -- Auge und Athem sind die Seelenvocale

der Liebe und des Hasses; und wer versteht die Augensprache besser

als die Weiber? Sie können vermittelst derselben lange Reden im

Zusammenhange halten; und wer ist, der von dieser Beredsamkeit nicht

ein Zeugniß abzulegen im Stande wäre? -- Sind es aber bloß die Augen,

die bei den Weibern reden? Das ganze Leben der Weiber bestehet mehr

im Reden als im Handeln: ihre Reden sind gemeiniglich Handlungen;

und wenn wir einen Mann verachten, dessen Leben eher ein Lexikon als

eine Geschichte vorstellt, so ist dies nicht der Fall bei dem schönen

Geschlechte, das gewaltiglich spricht -- Das Leben eines Weibes würde

ein Conversations-Gemählde seyn -- wie bewunderungswerth ist es,

selbst in anscheinend unwichtigen, oder so genannten Nebenfällen!

Was Weiber _sagen_, fließt oft weit mehr aus ihrem Herzen, als das,

was Männer _thun_; und so haben ihre Reden für den denkenden und

empfindenden Menschen auch oft mehr Interesse, als viele Handlungen

der Männer. Durch Reden kann man, wenn ich mich so ausdrücken darf,

seinem Gedankengemählde ein gewisses Colorit mittheilen; und wie viele

Nüancen giebt es hier, wenn man bloß bei seinem Herzen Unterricht

nimmt! Man sollte fürchten, daß Weiber, an Toiletten gewöhnt, ihre

Gedanken und Empfindungen an diesem Altar durch Putz verderben würden.

Nein! diese Seelen-Toiletten überlassen sie gern unserm Geschlechte

-- Selbst wenn viele unter ihnen von Amts- und Geschlechtswegen

Musterkarten des modischen Putzes und der gäng' und geben Hofeitelkeit

werden müssen, verändert ihr Ausdruck nicht seine Natur; Milch und

Honig bleibt ihre Rede. -- -- Heißt Genie Weisheit? Wörterkram und

Sophisterei Vernunft? Alles was nicht auf gesunden Menschenverstand und

moralische Religion berechnet werden kann, ist nicht wahre Weisheit

und ächte Vernunft. Falsche Perlen und Glanzgold, womit Weiber ihren

Körper schmücken, überlassen sie in Hinsicht des Geistes den Männern

-- Die tiefste Wahrheit kann in eine Volks-Idee gekleidet werden,

und eine Wahrheit, die kein _Sokrates_ in das gemeine Leben bringen

kann, ist nicht viel mehr als Sophisterei, womit man seinen Kopf

nicht verderben und sein Herz nicht verfälschen sollte -- Weiber

sind geborne _Protestantinnen_, und haben die Religion der Freiheit,

die Anweisung Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Bei dem

systematischen Gerüste der Religionslehren finden sie kein Interesse,

und schwerlich werden sie je durch Doktorhüte in der Gottesgelahrtheit

gereitzt werden. Sie legen es nicht darauf an, Gottes Existenz zu

erweisen; vielmehr sind sie dem Neumonde von Philosophie anverwandt

und zugethan, der den unerweislichen Gott für ein Postulatum der

Vernunft erklärt, weil er zu unserer Glückseligkeit nothwendig ist.

»Wer gewisse Dinge erweisen will,« sagte _Frau v._ **, »zweifelt

entweder selbst, oder will den Zweifeln Anderer mit Höflichkeit

zuvorkommen.« Ein theures wahres Wort --! Das Minimum von Glauben, ein

Glaubens-Senfkorn, und die Vorstellung von der Möglichkeit der Existenz

Gottes, ist hinreichend, um _Alles_ aus uns zu machen, was aus uns

gemacht werden kann, und unsere Tugend menschenmöglichst untadelhaft

und rein darzustellen in der Liebe -- Der Zweifel anderer, besonders

in gutem Geruch stehender, kluger Männer verwickelt oft wider Denken

und Vermuthen (könnte man nicht sagen: wider Verstand und Willen?)

in Zweifel -- Weiber haben Gott _im Herzen_; und da sie wohl wissen,

daß wegen der zweckvollen Einrichtungen der Natur die Grundursache

als verständig gedacht werden muß: so kümmert es sie nicht, wie viel

oder wie wenig die speculative Vernunft zu diesem Glauben beitrage.

Der moralische Beweisgrund (er verdiene den Ehrennamen _Beweis_ oder

nicht) wirkt in ihnen einen lebendigen Glauben. Wie viele haben Gottes

Existenz tapfer demonstrirt und durch ihr Leben diese Demonstration

noch tapferer widerlegt! -- Seinen Willen thun, bleibt der beste

Beweis, daß er sey. Das größte Problem ist, den Menschen den _Willen_

beizulegen; an _Einsicht_ fehlt es ihnen weniger. _Franklin_, ein

Mann, deßgleichen weder das Griechische noch das Römische Alterthum

aufzuweisen hat, sagte: »Gäbe es einen Gottesleugner, er würde sich

beim Anblick, von _Philadelphia_, einer so wohleingerichteten Stadt,

bekehren;« und die Erde, _diese große Stadt Philadelphia_, sollte

so viel nicht über den Gottesleugner vermögen, so bald er aufhört,

Alles nach seiner, eigenen kleinen Elle zu messen? Nicht auf unsere

Meinungen, sondern auf das kommt es am Ende an, was diese Meinungen

aus uns machten. -- -- Das Glück der Unschuld, die Würde der Natur,

der Drang nach Freiheit, die Freude eines stillen Lebens, der hohe

Werth der Kunst sich in sein Schicksal zu finden, sind Hauptgegenstände

der Weiber. Wie man aus dem Umgange den Menschen kennt, so bestimmen

seine Lieblingsgegenstände seinen Verstand und seinen Willen -- Jene

Verschiedenheiten des Ausdrucks, jenes Zurückhalten, ist bei Weibern

nicht wie bei uns Heuchelei; um Alles würden sie gewisse Dinge nicht

sagen, einer gewissen sittlichen Reinheit der Sprache nicht ungetreu

werden, und in plumpe Zweideutigkeiten und Zoten fallen, wenn auch

diese Sittsamkeit und Enthaltung weniger Reitze hätte. Die Keuschheit

des Körpers ist mit der Keuschheit der Seele und der Sprache in genauer

Verbindung -- Weiber kennen so wenig die Regeln als die Gränzen der

Sprache, überschreiten die ersteren, und erweitern die letzteren --

Wie manche glückliche Bereicherung hat die Sprache ihnen mittelbar

und unmittelbar zu danken! Das Mittelmäßige kann im Geschlechte gar

nicht aufkommen; was sich unterscheidet, ist vorzüglich -- Sie reden

zwar noch, wenn sie schweigen; keiner ihrer Blicke ist sprachlos;

ihre unarticulirten Ausdrücke der Leidenschaften, wodurch Menschen

tief in das Herz der Menschen dringen, sind unüberwindlich --:

allein, wer ist beredter als sie, wenn sie wirklich sprechen! -- Jene

sprachlose Beredsamkeit kann weiter Niemand als sie auf Worte bringen

und übersetzen. Männer sagen oft nichts, wenn sie zu viel sagen, so

wie man nichts beweiset, wenn man zu viel bewiesen hat. In den Worten

der Weiber, auch wenn sie überfließen, liegt Absicht, Gewicht und

Nachdruck. Auge und Sprache sind Ein Herz und Eine Seele, und Weiber

haben nicht nur in ihrem Blick, in ihrem Auge und auf ihrer Zunge Hölle

und Himmel, Leben und Tod, Wohl und Wehe; sondern selbst ihr Hören ist

von der äußersten Bedeutung -- Sie hören anders als wir; und wer kann

den Einfluß leugnen, den das Gehör auf unsere Rede behauptet? -- Ich

kenne einen schwer beamteten vornehmen Mann, der in dem Rufe steht,

daß er alle Menschen höre; auch hört er wirklich Alles, was sich in

seinem Vorzimmer hören lassen will: und doch klagt alle Welt, daß er

nicht höre; -- entweder ist er zerstreuet oder unfähig zu verstehen.

Es giebt eine moralische Taubheit bei dem besten physischen Gehör --

Man kann gütig und gerecht, unfreundlich und zuvorkommend hören -- Der

schüchterne bescheidene Jüngling zieht aus dem geneigten Gehör seines

Beschützers Muth und Leben, und man kann abhören, anhören, aufhören,

aushören und beim Hören in eine Art von Horchen fallen, welches durch

das Ohrenspitzen in Verlegenheit, wo nicht gar in Verwirrung, setzt --

Weiber sind Meisterinnen in der Kunst zu hören, Original-Hörerinnen,

und ich weiß nicht, ob sie im Hören oder im Sprechen stärker sind. Es

ist leichter, mit dem Publico, als mit dem Cirkel fertig zu werden,

worin man lebt, wenn dieser Cirkel aus witzigen Weibern besteht; und

nicht der Männer, sondern der Weiber halben bleib' ich anonymisch, so

sehr auch meine Schrift den Weibern das Wort zu reden scheint. --

Die Weiber sind viel zu sehr Kenner des menschlichen Herzens, als daß

sie nicht wissen sollten, auch die verborgensten Falten desselben

auszuspähen, Leidenschaften zu erregen oder dem Ausbruche derselben

zuvorzukommen. Wer weiß mehr als sie, ihre Wuth zu besänftigen, je

nachdem es ihre Absichten erfordern! und gewiß würde es ihnen auf

dieser Bahn besser glücken, als den berühmtesten Demagogen. _Rom_

würde vielleicht bald nach seiner Entstehung wieder in sein voriges

Nichts zurückgefallen seyn, wenn die neuen Römerinnen sich nicht

ihrer Räuber angenommen, und die entrüsteten Sabiner beruhigt

hätten. Was wär' aus _Coriolan's_ Vaterstadt geworden, wenn die

Mutter den Sohn nicht besänftigte? Ohne den Römischen Stolz und die

edle Aufforderung eines Weibes (_Margarethe Herlobig_) wäre der

Schweizerbund vielleicht nie zu Stande gekommen -- Die Überredungsgabe

eines Weibes übertrifft Alles, was Kunst je geleistet hat. Und ihre

Lehrmethode? In Wahrheit, Weiber sind äußerst lehrreich: sie sind so

große Lehrerinnen, als Erzieherinnen. Wer Weiber bloß auf Gefühle und

Empfindungen reducirt, kennt weder Gefühle, noch Empfindungen, noch

die Weiber. Oder wie? lehrt das Herz etwa den Kopf? verleihet das

Gefühlsvermögen dem Erkenntnißvermögen evidente Gefühle zum Vergleichen

und zum Entscheiden? Stammt das moralische Gefühl, wenn es anders ein

wirkliches Etwas seyn soll, nicht aus der Vernunft? Muß nicht der

Kopf dem Herzen Grundsätze so eigen machen, daß es die Achtung für

das Gesetz als Gewohnheit, als Gefühl ansieht? -- Das Herz, unbelehrt

von der Vernunft, kann wenig oder nichts ausrichten; es muß geistisch

gerichtet seyn -- Wenn der Philosoph, der Wortführer der Vernunft,

nicht wäre; was würde der Dichter, der sich nach dem Haufen richten und

selbst zu Volksunarten sich herablassen muß, Gutes stiften? Der Dichter

muß seine Weihe im Tempel der Vernunft erhalten und die süßesten

Gefühle an Grundsätze knüpfen, wenn er unsterblich seyn will. Weiber

verstehen jene Chemie, die man die höhere nennen könnte, Grundsätze

in Gefühle aufzulösen, und das, was der theoretische Hexenmeister

der Philosophie in schweren Worten ausdrückt, zur Leichtigkeit einer

Gewohnheit zu bringen -- Weiber haben Sitten, Männer Manieren: diese

werden durch Erziehung erworben, durch Nachahmung erlernt, durch

Umgang mitgetheilt; jene hangen von Herz und Vernunft ab. Man sagt:

Weiber wären kärglicher in ihren Wohlthaten, und an sich und von

Natur geitzig. Nicht also; ihre Neigungen des Wohlwollens entstehen

aus Grundsätzen, nicht aber aus dem vorübergehenden Rausche des

Mitleidens, wie es sehr oft bei uns der Fall ist. Seht! wie schön

wissen sie selbst bei angestammter Etiquette, bei den patentisirten

Manieren noch zu modificiren! Auch sogar bei der Liebe halten sie sich

nicht an das Formular und an die Agende.-- Wir haben unsern _Kubach_,

und alles ist in _bekannter Melodie_ -- Von Weibern könnte man sogar

sagen: _sie lieben insgesammt, doch jede liebet anders_. -- Zur

Hoffnung haben sie eine außerordentliche Anlage; überall wollen sie

Aussicht: ein Garten, der sie ihnen raubt, ist ihnen ein Gefängniß --

Die gnädige Frau ist in guter Hoffnung, heißt: sie wird bald Mutter

werden --. Wir wollen alles fröhlich um uns haben, wenn _wir_ es sind,

und legen diese Fröhlichkeit unserm Cirkel so nahe, daß, er mag wollen

oder nicht, er einstimmen muß -- Weiber machen Alles fröhlich, wenn sie

es sind. Alle ihre Feste sind Erndtefeste, Laubhüttentage, welche die

Natur geheiligt hat; bei den unsrigen werden Kanonen gelös't -- sie

können sich ohne Tafelmusik behelfen. (Der leibliche, geistliche und

ewige Tod aller Unterhaltung.) An Gott denken, heißt ihnen Andacht;

-- an sich denken, heißt ihnen sterben lernen, und philosophiren sich

verlieben; und wer so denkt der denkt wohl! -- wer so handelt, ist

nicht auf unrichtiger Bahn --

Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber · 第 10 / 18 段