Man sagt, es sey schwer zu hoffen, daß das menschliche Geschlecht,

welches von der Natur sich so weit und breit zu entfernen die

Ungezogenheit gehabt, das durch keine Religionsempfindung sich leiten,

durch keine Staatstäuschungen sich blenden lasse, sich zu Gesetzen

bequemen werde; und so liege denn die Furcht nicht so sehr aus dem

Wege, als man es gemeiniglich denke. -- Lieber! wie kannst du fordern,

daß das Menschengeschlecht sich ewig am Gängelbande wohl befinden

werde? Erregen jene Staatstäuschungen und jene Religionsempfindungen,

wenn sie nicht von Grundsätzen abstammen, nicht einzig und allein

Unglauben und Mißtrauen in Rücksicht der Gesetze? Sollte der Mensch

nie zur Achtung für Pflicht gebracht werden? Sollte er nie zu

dem Hauptprincip des Lebens gelangen: sei vernünftig? -- Sollen

denn Sinnlichkeiten ihm mehr als die moralische Vernunft und das

Sittengesetz gelten --? Wird er sich nie so weit erheben, seiner

geistigen Natur würdig zu seyn, und für das, was er nicht siehet,

Ehrfurcht und Achtung zu fassen --? Soll denn bloß Weichheit des

Temperaments ihn zur Neigung bringen? oder giebt es auch außer der

Temperamentsneigung, die, wenn sie geläutert wird, eine Herzensneigung

heißen könnte -- giebt es außer ihr auch eine Geistesneigung, so wie

es ein Geistesvergnügen geben kann --? Für nichts, was in die Sinne

fällt, hat der stolze Mensch in die Länge Achtung -- es familiarisirt

sich mit ihm, und es ist wie unser einer. -- Das einzige Mittel des

größten Helden und des größten Gelehrten, sich bei übermenschlicher

Ehre (was soll aber die?) zu erhalten, ist: sich zurück zu ziehen.

Sobald wir uns näher zeigen, geben wir uns wohlfeiler. -- Je höher die

Spannung war, je schneller läßt sie nach. Alles, außer sterben, muß

der Mensch _lernen_ -- Zu Allem, es sei gut oder böse, kann er sich

gewöhnen -- Ein scheues Pferd führt man zu dem Gegenstande zurück,

den es fürchtete; und wie? hier, wo das höchste Ziel seiner Würde auf

dem Spiele steht, sollte der Mensch auf seinen Nachdruck Verzicht

thun? -- Mit nichten -- Wir können und werden dahin kommen, daß wir

die Göttlichkeit der Gesetze in ihrem Heiligthum, in unserer Seele,

verehren und unser Herz durch jene Überzeugungen des Geistes gewinnen.

Noch würde sich freilich der Gesetzgeber gröblich verrechnen, wenn er

seine Gesetze auf festes Zutrauen zur Vernunft und zur Weisheit seiner

Bürger calculirte; allein wird die Menschheit nie die Kinderschuhe

ausziehen? Ist dies -- nun, so bleibe Alles Altflickerei, und der

Mensch schäme sich, daß er _Mensch_ heißt. -- Ist die Menschheit indeß

im Stande, zu jenem Grade der Vollständigkeit zu gedeihen, den sie

sich vorstellen kann, jene Tugend zu üben, die ihr im Ideal Freude

macht --; so entferne man den Nebel der Täuschung, wodurch man Menschen

betrog, die über kurz oder lang zum Gebrauche der Vernunft kommen

und sich betrogen finden müssen. Männer, würdet ihr die Furcht nicht

barbarisch und unmenschlich finden, wenn man euch Alles und Jedes

von Freiheit bloß darum entzöge, weil ihr es mißbrauchen könntet --?

Wie wollet ihr denn jene Furcht nennen, die euch abhält, dem andern

Geschlechte seine Ehre wiederzugeben? Die Zeiten sind nicht mehr, um

das andere Geschlecht überreden zu können, daß eine Vormundschaft wie

bisher für dasselbe zuträglich sei, daß sie seinen Zustand behaglicher

und sorgloser mache, als eine Emancipation, wodurch es sich mit

Verantwortungen, Sorgen, Unruhen und tausend Unbequemlichkeiten des

bürgerlichen Lebens belasten würde, die es jetzt kaum dem Namen nach

zu kennen das Glück habe. Wahrlich ein abgenutzter Kunstgriff des

unmenschlichen Despoten, wodurch er seinen feigen Sklaven das Gewicht

der Ketten erleichtern will! als ob die Freiheit mit allen ihren

Ungemächlichkeiten nicht der gemächlichsten Sklaverei vorzuziehen

wäre! _Glauben Sie nicht, daß das Wirtembergische Land Ihrentwegen

geschaffen ist_, schrieb FRIEDRICH II an den jetzt regierenden _Herzog

von Wirtemberg_; _sondern überzeugen Sie Sich, daß die Vorsehung Sie

hat geboren werden lassen, um ihr Volk glücklich zu machen_. Und

Männer! ihr wollt glauben, eine halbe Welt wäre zu eurem _bon plaisir_,

zu eurem eigentlichen Willen, das ist verdollmetschet: zu eurem

Eigenwillen, da? Thiere wirken; Menschen handeln -- Warum soll das

Weib nicht _Ich_ aussprechen können? Wahrlich ein sanftes Wort, denen,

welche die neidlose _Natur_ verstehen -- Wer die _Kunst_ versteht,

ist neidisch und verräth den Meister nicht -- Ist es nicht der größte

Menschenvorzug, sich selbst zu kennen? Unser Werth ist unsere Sache;

unsere Würde ist die Sache Gottes und gerechter Menschen. Hat Gott bei

dem anderen Geschlecht etwas versehen? oder sind es die Männer, die

sich an diesem Geschlechte wider den Willen des Schöpfers versündigen!

Warum sollen die Weiber keine Person seyn? warum nicht wissen: das

ist mir gut, und das ist gut, oder das ist vortheilhaft, und das ist

recht? Vieles, und fast das meiste, was mit Vergnügen anhebt, leistet

bei weitem nicht, was wahrhaft vortheilhaft ist -- Aus ächtem Vortheile

tugendhaft seyn, heißt sonst mit andern Worten: es in Reinheit seyn.

Frankreich schreckt eben jetzt mit der Freiheit diejenigen Mächte,

welche die zu weit gegangenen Beschlüsse der Nationalversammlung

einzuschränken drohen. Gott! zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts --

wo kein Gespenst, und wär' es eins von nicht ganz kleinem Range, ein

Poltergeist, mehr Wirkung thut -- kann man mit _Freiheit_ schrecken --!

Dahin wär' es gekommen? Ach! auch selbst dem, der an der Kette erzogen

ist, blitzt der Name _Freiheit_ auf, dieser göttliche Funke, durch den

wir sind was wir sind, und der uns so wenig schrankenlos macht, daß er

uns vielmehr fester als Alles an das Allerheiligste der Gesetze bindet.

Das weibliche Geschlecht kam um die Menschenrechte ohne seine Schuld,

bloß durch den Schwung, den die menschlichen Angelegenheiten bei den

Fortschritten zu ihrer Cultur nahmen; Bürgerrechte, die es leider!

sehr zeitig und schon bei Entstehung kleinerer Familienstaaten verlor,

hat es nie, weder durch Unterhandlungen noch mit Gewalt, zu erringen

gesucht, und erwartet sie noch heute mit aller Selbstverleugnung von

unserer Gerechtigkeit und Großmuth. Und wir wollen es vergeblich warten

lassen? und das Gesuch, welches die Natur für die Weiber einreicht, zu

einer Zeit da Menschenrechte laut und auf den Dächern gepredigt werden,

mit einem aufrichtigen und deutlichen _Nein_ abweisen?

Die neue Französische Constitution verdient eine Wiederholung meiner

Vorwürfe, weil sie für gut fand, einer ganzen Hälfte der Nation nicht

zu gedenken, ob sie gleich einem kleineren Theile derselben, der

überall wo er sich befindet, auf das Duldungsrecht beschränkt ist,

die Rechte aktiver Bürger zugestand. Alle Menschen haben gleiche

Rechte -- Alle Franzosen, Männer und Weiber, sollten frei und Bürger

seyn. Jene Vorschläge zur _dégradation civique_, wodurch die Männer

vermittelst einer feierlichen besonderen Formel der Ehre eines

Französischen Bürgers für unwürdig proclamirt werden sollten, falls sie

durch Verbrechen diese Strafe verdienten, sind nicht auf das andere

Geschlecht ausgedehnt. Über dieses sollte bloß der Fluch ausgesprochen

werden: Euer Vaterland hat euch einer infamen Handlung überführt

befunden --

_Mirabeau_, der zur gegenwärtigen Generation von Menschen sein

Zutrauen verloren haben mochte, setzt, wie alle große Thäter, sein

Zutrauen auf Erziehung, und weiset in seinem Posthumus _Travail sur

l'éducation publique_, die sein Arzt und Freund _Cabanis_ herausgab,

das Frauenzimmer zur Häuslichkeit und zu stillen, sanften Tugenden

an, (ist denn nicht jede Tugend sanft und still?) worauf das Glück

der Familien, und am Ende das Glück des Staates so sehr beruhe. Ohne

mich in den Streit einzulassen, der über den Grafen und Nichtgrafen

_Mirabeau_ von Freunden und Feinden übertrieben worden, sei es mir

erlaubt, der Behauptung zu widersprechen, daß Jemand in seinem

Privatleben ein elender Mensch, dagegen doch der tugendhafteste Bürger

und der höchste Grad desselben, ein geschickter Officiant, seyn könne.

Ein Mensch, der gegen Alles gleichgültig zu seyn vermag, was gut oder

böse, gerecht oder ungerecht ist, ein nicht rechtschaffener Mensch,

kann kein rechtschaffener Bürger seyn. _Horaz_ sagt: nur _Jupiter_

gehe über den Weisen; der Weise sei reich, frei, gerecht, ein König

aller Könige -- Da das andere Geschlecht vom Menschen auf den Bürger

zu schließen gewohnt ist und jene Rollenspieler, die Nichts aus

Grundsätzen, Alles aber nach Zeit und Umständen sind, sehr richtig

berechnet; -- ist es Wunder, daß diese Glücks- und Unglücksritter das

andere Geschlecht zu entfernen suchen? --

Wir irren, wenn wir uns überreden, daß Weiber für die Ehrensache der

Menschheit, für den Kampf der Freiheit mit der Alleingewalt, keine

Sinne besitzen. Sie haben nicht bloß durch ihren lauten Beifall

bezeugt, daß sie den Werth der Freiheit zu schätzen wissen, und daß

das Gefühl für dieselbe noch lichterloh aufflammen kann; selbst thätig

haben sie mitgewirkt, die Fesseln zu brechen, die man der Nation

anlegte, und wahrscheinlich lag es nicht an ihnen, daß sie bei diesem

Schauspiele nur Rollen vom zweiten Range spielten.

Die berühmte Verfasserin der Geschichte der Königin _Elisabeth_, Mad.

_Keraglio_, vertheidigt seit der Revolution in ihrem _Journal d'État

et du Citoyen_ die Rechte der Menschheit mit Freimuth, Wahrheit und

Stärke. Weiber fühlten jene Zurücksetzung, jenes tiefe Stillschweigen

bei einem so schönen Anlaß, jene Verstoßung, wenn es Staatsdienst gilt

-- Eins unter ihnen wagte es, ihren Unwillen laut werden zu laßen. In

einem an die Nationalversammlung abgelassenen Briefe bemerkt es, daß

kein Wort in der Constitution von den Weibern vorkomme, obgleich die

Mütter Bürgerinnen des Staates seyn müßten. Es schmeichelt sich mit

dem Befehle, kraft dessen den Müttern erlaubt seyn werde, in Gegenwart

der Bürgerbeamten diesen feierlichen Eid abzulegen. Diese ehrwürdige

Ceremonie würde es wünschenswerth gemacht haben, Mutter zu seyn. Die

Geschichte sagt nicht, was von den Repräsentanten der Nation auf diese

Adresse einer edlen Französin beschlossen worden ist. Betrübt feire ich

heute ihr Andenken, heute den 18ten März 1792, da ich in öffentlichen

Blättern lese, daß die Franzosen, ungerührt durch diesen Wink, es dahin

kommen lassen, daß das andere Geschlecht dringender um diese Rechte

angehalten. Schöner würde es gewesen seyn, wenn man dem Geschlechte

mit der Bürgerehre zuvorgekommen wäre, und bei dieser ernsthaften

Sache kein Ärgerniß des Lachens gegeben hätte. Wehe dem Menschen,

durch welchen dergleichen Ärgerniß kommt! Würden wohl alle jene

Laternenscenen sich ereignet haben, wenn Weiber Aktivvotantinnen in

Frankreich gewesen wären? Durch geheimen Einfluß wird in jedem Staate,

besonders in freien, Alles verdorben -- Doch ist es die Frage, ob die

Pariser Damen schon die Selbstüberwindung gehabt haben, so weit zur

Natur zurückzukehren, daß sie die gute Sache menschlich und bürgerlich

beherzigen können -- -- Wahrlich! zu Deutschen Weibern ist größeres

Vertrauen zu fassen -- Wem Gott Kraft gab, gab er dem nicht auch das

Recht sie anzuwenden? sollen denn die Weiber ihr Pfund im Schweißtuche

vergraben, ohne es auf Wucher anzulegen, der dem Staate tausendfältige

Früchte bringen würde?

Auf Vernunft und auf ihr Meisterstück, die Gesellschaft, kommt

es an, ob jener Kraftsanwendung freier Lauf zu lassen oder ob sie

einzuschränken sei; nie aber kann der Staat sich herausnehmen, sie ganz

unterdrücken zu wollen. Und wie? er wollte ein Räuber der Freiheit

seyn, welche zu befördern die Hauptabsicht seiner Existenz ist?

Wenn Stände nur durch ihres Gleichen repräsentirt werden können; wenn

so gar unsere Vorfahren durch Ebenbürtige sich die Gesetze zumessen

und Recht sprechen ließen: wie kann man Weiber vom Staatsdienste

ausschließen, in so weit er sich mit der Gesetzgebung oder

Gesetzausübung beschäftiget? Will man etwa den Weibern die Weihe zu

diesen Mysterien abschlagen, um sie nicht unsere Schwäche da sehen

zu lassen, wo wir den höchsten Grad unserer Stärke hieroglyphisch

vorgeben? Man kann dreißig Jahre dienen und nur Ein Jahr leben, wie

weiland _M. Plantius_, welcher nur von _der_ Zeit an sein Leben zählte,

als er aufhörte für das Öffentliche, und anfing für sich zu leben --

Ein lehrreiches Zeugniß auf Kosten des Staatsdienstes! Ist das Leben

für den Staat des Ehrennamens: _Leben_, werth, wenn es uns für unsere

eigene Person sterben läßt, uns vom selbsteigenen Leben entfernt --?

Nur als uns selbst können wir den Staat, unsern Nächsten lieben;

Alles darüber ist vom Übel. Wenn man nicht durch den Staatsdienst

vervielfältigt lebt, so liegt es entweder an uns oder am Staate; in

beiden Fällen bleibt die Krankheit gefährlich -- Ist es nicht der

gewöhnliche Fall, daß wir vor lauter Räderwerk nichts ausrichten, vor

lauter Eingängen das Thema vergessen? Kommt nicht vor lauter kluger

Vorsichtigkeit gemeiniglich Kleinheit zum Vorschein --? Die meisten

Staatsbeamten sind Accoucheurs eines Berges, der eine Maus zur Welt

bringt, die indeß bei der Taufe die prachtvollsten Namen erhält, und

fast mit noch mehr Paukenhall ins Publicum gebracht wird, als wenn

ein Schriftsteller sich selbst recensirt. Wer in großen Residenzen

zu leben die Gnade gehabt hat, wird mich am leichtesten verstehen

-- Welcher Schweiß des Angesichts! -- Collegia und Ausschüsse, das

_Plenum_ und _Committés_, Gerichte und Commissionen! was für eine

Menge Papier wird getragen, geschrieben, gelesen! -- Agioteurs von

einer andern Art -- Papierhändler von höherer Würde! Scheint es doch,

als wäre Alles gegen Alle, weil Alle gegen Alle sind (_bellum omnium

contra omnes_); und doch bezwecken jene herkulischen Beschäftigungen,

jene Versammlungen, Richterstühle und Aktenberge das allgemeine Beste,

dessen Flor in den Kirchen bebetet und in Schauspielhäusern beklatscht

wird, (beides _ex officio_, von Amtswegen.) Ist es klug oder nöthig,

daß man so viele Holzhauer und Wasserträger, Virtuosen und Zünftler

in Athem setzt, um eine einzige Staats-Manège anzulegen? so viele

Meister politischer Art und Kunst, um ein Staatsregierungs-Exercitium,

ja Exercitium, zusammen zu stümpern? Nur Einen Hebel verlangte jener

Weise, um die Welt zu heben; und wenn das allgemeine Wohl solch eine

Anstrengung braucht, so liegt es gewiß, oder mich trügt Alles, an dem

politischen Oberrechenmeister -- Wahrlich diese so beschäftigten

Herren dienen nicht dem Staate, sondern der Staat dient ihnen -- Der

Weise, der diesem Staatspiele näher tritt und dessen _joujou_ bis auf

sein Schach kennt, überzeugt sich, daß Ein Kopf hinreichend ist, dies

Alles zu lenken. Waren nicht schon _Petrus_ und _Paulus_ streitig?

Ist nicht Ein Kopf vermögender, das Ganze zusammen zu halten und zu

übersehen? Man verlangt sonach nicht ohne Grund Einen Principalmeister;

wo aber Einer zu finden? Wer wird die Selbstverleugnung haben,

die vielen Künste zu verlassen und der Natur zu huldigen? wer den

Wortsturm aufgeben, das brausende Meer bedräuen, und zur Stille des

Denkens und Handelns eingehen? Wer, ohne zu befürchten, daß er beim

Fürsten und beim Volke verliere --? Das Volk wird durch den Schein

dieser fast übermenschlichen Anstrengung hintergangen, und der Fürst

desgleichen, der, wenn es nicht so viel Schweiß kostete, sich gewiß

näher mit diesen Staatsarbeiten bekannt machen würde -- und da möchten

denn die hohen und nächsten Staatsgehülfen sehr leicht auf eine

kleine Rolle zurückgesetzt werden und aus Staatsräthen in Schreiber

zusammen schrumpfen! -- Ich setze wenig oder nichts von Menschenübeln

auf Rechnung der Fürsten; gewiß das Meiste gehört auf das Conto der

Minister, die nicht schwach nicht stark, nicht kalt nicht warm, sondern

unentschlossen und lau sind, sich von jedem Winde hin und her treiben

lassen, Jeden um seine Meinung befragen und, wenn sie deren unzählige

gesammelt haben, nicht wissen, wozu sie sich entschließen sollen. --

Wer selbst keine Meinung hat -- wie kann der aus so vielen die beste

finden? Hierzu kommt, daß Gemächlichkeit und ewiger Hang zum Vergnügen

sie noch stumpfer machen -- Sie kommen nicht aus den Beten heraus,

die sie abzuspielen haben! -- Noch ärger sind die, welche nicht über

ihren theoretischen Leisten gehen, immer Schuster bleiben, die sie

sind, und in armseliger Pedanterie Trost suchen und finden, wenn ihnen

nichts einschlägt -- Was können wir dafür, daß der Staat, den wir zu

regieren haben, sich nicht nach unserem _Orbis pictus_ und einem

_Compendio_ schmiegen will, das uns zum Pharos demüthigst empfohlen

worden? -- Allerdings! und welche Greuel, wenn die Minister gar Genies

zu seyn sich einbilden und zu Dero Haupt ein so unumstößliches Zutrauen

gefaßt haben, daß das große Wort: ER _hat es gesagt_, ihren Commis

hinreichend scheint, die einleuchtendsten Vorstellungen abzuweisen

und zu entkräften! -- Das _Recht des Vernünftigern_ ist ihnen, nach

ihrer, zwar etwas freien, indeß wie sie glauben nicht unverständlichen,

Übersetzung, das _Recht des Stärkeren_; und freilich -- wer darf

es wagen, der Gewalt, so lange sie am Ruder ist, den Verstand

abzusprechen? Jene gewaltigen Genies berechnen Alles an den Fingern --

_Newton_ könnte von ihnen rechnen lernen; und freilich, wenn die Data

zu ihren Berechnungen richtig wären -- wer würde ihnen gleich kommen?

Zur Calculatur geboren, sind sie im göttlichen Zorn Minister und

Staats-Administratoren geworden --

Stumpfe Köpfe, ihrer eigenen Schwäche bewußt, sind für Collegia.

Das Sprichwort: vier Augen sehen mehr als zwei; bringt sie zur

Multiplication der Augen -- die blinden Leiter! In der Oper hilft

Jeder, der Schriftsteller, Spieler und Sänger, zum Ganzen -- und

da fallen Coloraturen, Läufe, schmelzende, verzweiflungsvolle,

schmachtende, fürchterliche Gänge vor, die der Verfasser den Spielern

und Sängern in Mund und Kehle legt -- Hier aber verläßt sich entweder

Einer auf den Andern, und sieht die Stunden, die er wohl bezahlt

absitzen muß, als eine ihm angewiesene Schlafzeit an, worin er sich

stärkt, um desto geistreicher am Spieltische zu glänzen; oder er hauet

die Kreuz und Quer ein, so daß nach vielstündigem Zank die Sache am

Ende weit übler als am Anfange steht, und der kleinere Theil die

schrecklichste Mühe von der Welt hat, nicht die Angelegenheit ins Reine

zu bringen, sondern das _per plurima_ herausgebrachte Schluß-Votum von

den Ungereimtheiten so vieler disparaten Meinungen zu säubern und zu

läutern, und es W. R. I., oder -- wenn es hoch kommt -- verständlich zu

machen. Der so witzige als einsichtsvolle Vorschlag, daß die Minorität

der Stimmen gelten sollte, ist der auffallendste Beweis, was man sich

zu diesen vierzig Perücken oder ihren Stöcken zu versehen habe -- Viele

Köche versalzen den Brei, und Ein Kopf ist mehr werth, als ein ganzes

Synedrium von -- -- Kinnbacken. --

Wenn die Staats-Officianten auf die Pflicht angenommen wurden, nichts

zu verderben und sich leidend zu verhalten -- wie viel weiter wäre

die Welt! - Sind das die hohen Collegia und hohen Stühle, von denen

man das schöne Geschlecht ausschließt --? Man sollte sie aufnehmen,

wie in freien Reichsstädten politische Kannengießer und Aufwiegler

zu Rathsgliedern, damit sie schweigen -- Vielleicht hätte man dies

Stratagen auch wirklich schon segensreich in Anwendung gebracht, wenn

man zu der Verschwiegenheit des schönen Geschlechtes mehr Zutrauen

fassen könnte. _Johnson_ sagt: man kann so sehr ein Mann nach der Welt

seyn, daß man nichts mehr in der Welt ist. Sollte man nicht weit eher

so sehr ein Staats-Officiant seyn können, daß man bei weitem zu der

Ehre ein Staatsbürger zu seyn, unfähig ist? -- Wahrlich, um sich wieder

zu orientiren, sollte man die Weiber zum Staatsdienste vociren --

wozu sie unstreitig einen göttlichen Ruf haben, an dem es den meisten

Taugenichten von hohen Staatsbeamten ermangelt.

Ist es zu leugnen, daß man in jedem Gesetz-Codex von den Grundsätzen

der natürlichen Gleichheit ausgehen, und mit dem Paradiese anfangen

kann und muß, wenn nur der Sündenfall nicht vergessen wird? Jene

Grundsätze der Gleichheit werden und müssen so gar bei ihrer Anwendung

auf den Staat das Resultat politischer Ungleichheit unter den Bürgern

herausbringen. Bei jener natürlichen Gleichheit gewinnt das andere

Geschlecht allerdings; allein auch die politische Ungleichheit kann

nie ein ganzes Geschlecht unwürdig proclamiren, in welchem es in der

Regel mehr Mündige, als in dem unsrigen giebt, und wozu vielleicht kein

anderer Grund vorhanden ist, als daß die Gesetzgebung bloß aus Männern

besteht. Soll ich bemerken, daß ich hier nicht bloß vom Gebrauche des

Mundes und der Zunge, sondern der Seele und des Herzens rede? So bald

Stärke, Obermacht und Verjährung nicht Gesetze abnöthigen; -- und wehe

der Staatsgrundlegung, die solche Ecksteine in Anwendung bringt! --

so bald jede regelmäßige Gesellschaft so gar eben dazu entsteht, um

jene natürlichen Hervorstechungen in's Gleichgewicht zu bringen: so

hat das andere Geschlecht ein Recht, vom Staate zu fordern, daß er ihm

Gerechtigkeit erweise, daß er über die Schwächlichkeit des Körpers,

welche zum größten Theil durch Vorurtheil entstanden ist, die Stärke

der Seelen der Weiber nicht vergesse. Macht denn nicht die Seele den

Hauptbestandtheil der Menschen? Die natürliche Gleichheit erfordert

eine politische Ungleichheit, weil die Erhöhung des natürlichen

Werthes des Menschen nur durch eine gegenseitige politische Verbindung

derselben unter einander möglich ist, und hervorragende Menschen

durch Gesetze, so wie Genies durch Regeln, in Ordnung gehalten werden

müssen. Kann aber dieser an sich nicht unrichtige Grundsatz auf ein

ganzes Geschlecht gedeutet werden? Ist es gerecht, billig, rathsam und

nur menschlich, daß unser ganzes Geschlecht zu einer Standeserhöhung

gebracht und als der Mittelpunkt angesehen wird, um dessenwillen das

andere Geschlecht existirt? -- Es giebt nur zweierlei Thatsachen, von

denen wir Begriffe haben: Natur und Freiheit; und sowohl zur Physik

als zur Moral, haben Weiber unverkennbare Anlagen. Will man Natur und

Freiheit sinnlich abbilden, so müssen beide in Gestalt eines Weibes

dargestellt werden. Und was ist ihnen denn im Wege? das positive

Gesetz? Kein Gesetzbuch, und würde es mit Engelzungen reden, kann

_Formula concordiae_ und eine Augspurgische Confession werden. Gesetze

erziehen Menschen, und müssen sich, wenn Menschen mündig werden, von

Menschen erziehen lassen. -- Angenommen, Weiber wären körperlich

schwach -- angenommen! und was wäre da die Pflicht der Gesetze? in

den Schwachen mächtig zu seyn. Nicht die Starken bedürfen des Arztes,

sondern die Schwachen.

Weiß ich denn nicht, daß manche Frau bei manchem Manne auch jetzt sich

wohl befindet? Was indeß bloß auf persönlicher Gesinnung beruhet, muß

seiner Natur nach wandelbar seyn; und es ist auch bei den tolerantesten

Gesinnungen im Staate nothwendig, daß keine intolerante Stelle im

Gesetzbuche bleibe. Wer steht für den Nachfolger im Reiche? Weiber

wissen ihre Männer zu überzeugen, als hätten Weiber keinen Willen. Doch

eben wenn sie auf ihren Willen in bester Form Rechtens Verzicht zu thun

scheinen, werden sie Alleinherrscherinnen, ohne den starken Glauben

ihrer Männer zu schwächen, als ob diese ganz allein regierten -- Sie

regieren nicht mit Gewalt (_vi_), sondern heimlich und bittweise (_clam

et precario_).

Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber · 第 8 / 18 段