Allmählich fingen die Vortheile und Nachtheile, welche mit den unter

beiden Geschlechtern so sehr verschiedenen Lebensarten verknüpft

waren, immer mehr an sichtbar zu werden. Der Körper des Mannes, durch

die Beschwerlichkeiten der Jagd oder Fischerei abgehärtet, fest,

gelenk und stark, behauptete auch einen Einfluß auf seine Seele. An

Gefahren gewöhnt, ward er durch diese Gewohnheit muthig, unerschrocken,

standhaft, und fühlte seine Überlegenheit über Alles, was nicht Mann

war, mithin auch über sein Weib, dessen körperliche Kräfte aus Mangel

an Gelegenheit unentwickelt blieben, und das, aus Unbekanntschaft mit

Gefahren, diese zu fürchten anfing, da hingegen der Mann, vertraut

mit der Gefahr, sie vermeiden oder bestehen lernte. Mit kleinlichen

Gegenständen und mit Thieren umgeben, die Zaum und Gebiß geduldig

trugen, sank das Weib nach und nach an Körper und Seele zu einer

niederen Stufe herab, und lernte geduldig, sich bei seinem Despoten

mit der Stelle einer ersten Sklavin begnügen. Sklavin! Ohne Zweifel

brachten zahm gemachte Thiere den Menschen auf diesen unmenschlichen

Gedanken, und dies schreckliche Wort würdigte die Menschheit so tief

herab, daß die verrufene Münze keine Spur mehr von Bild und Überschrift

der vorigen Zeiten an sich trug. So wie unfehlbar das Weib durch den

Besitz gezähmter Thiere das Hirtenleben erfand und einführte, so wird

eben dasselbe, da es mehr an Einen Ort und an Eine Stelle gebunden

war, auch zu Anpflanzungen und zum Ackerbau Gelegenheit gegeben haben.

Gewiß hat es den ersten Sallat zum Wildbraten des Mannes bewirkt. Eine

Wurzel, Körner -- die, in Ermangelung eines Alderman-Schmauses, von

einem antipythagorischen Bohnenmahl übrig geblieben waren, und die man,

weil es fettere Bissen gab, nicht achtete -- wurzelten und mehrten

sich um die Hütte herum, bis es dem Weibe einfiel, absichtlich zu

pflanzen und zu säen. So entstand von der Hand des Weibes vielleicht

der erste Garten, den englischen Garten _Eden_ ausgenommen; und der

Gartenbau ist auch größtentheils in den Händen der Weiber geblieben,

bis auf den heutigen Tag. Auch hat das Weib wahrscheinlich in Allem

zuvor Probe gegessen und dem Manne zur Sicherheit, theils wegen der

Unschädlichkeit, theils wegen des Wohlgeschmacks, gedient. -- Noch

jetzt ist das höchste Ziel der Kochkunst ein Vorzug der Weiber. --

Der Wechsel, den das Weib an seinem eignen Körper erfuhr, gewöhnte

es an die Witterung, und lehrte es so sehr auf die Zeit merken, wie

den Unbestand der Witterung überstehen; und so ward durch das Weib

vielleicht beides, das Hirtenleben und der Ackerbau, -- erfunden oder

zu Stande gebracht? -- Wie viel läßt sich hierüber conjekturiren! Der

gemeine Acker- und Gartenbauer räumt dem lieben getreuen Erdenvasallen,

dem Monde, noch jetzt viel Einfluß auf seine Erzeugnisse ein: er

pflanzt seinen Kohl und was Blätter treiben soll, im Vollmonde, und

das, wodurch unter der Erde Wurzeln oder Knollen hervorgebracht werden

sollen, bei Mondesabnahme. Die Phasen des Mondes sind ihm noch Epochen

in seinem Wirthschafts-Kalender; und was kann ihn anders auf diese

Mondweisheit gebracht haben, als die _Weise_ der Weiber --? Von beiden

Hauptnahrungsquellen, dem Hirtenleben und dem Ackerbau, wußte der

ins Größere gehende Mann das Weib abzubringen, um es an den Haushalt

zu fesseln -- wozu Se. Gestrengigkeit das Weib _verurtheilt_ hatte.

»Verurtheilt?« Mit nichten; durch einen Machtspruch, durch einen

Justizmord, des Landes verwiesen hatte. -- Noch jetzt genießen Erfinder

selten die Ehre der Erfindung, und verdienen sie vielleicht auch nicht,

weil fast immer ein Ungefähr sie darauf bringt -- Erfindungen und

Offenbarungen werden gemacht, man weiß nicht wie! --

Ackerbau und Viehzucht sind, so wie Ursache und Wirkung, mit

einander verbunden; und es ist schwer zu begreifen, warum Hirten

und Ackerbauer sich gleich anfänglich haben trennen und beneiden

können. Da nichts natürlicher war, als daß das Vieh keine Anpflanzung

schonte, und da dieser Umstand die Hirten und Ackerbauer in beständige

Gränzstreitigkeiten verwickeln mußte; so hätten diese Zwiste beide

Theile sehr bald zu freundschaftlichen Verabredungen bequemen sollen.

Die Jagd allein, der Ursoldatenstand, scheint eine Erfindung des

Mannes zu seyn; und da der Mann seine Beute oft sehr weit suchen mußte,

so gab sie die erste Ursache zur Herabwürdigung des Weibes. Bei dem

Ackerbau und der Viehzucht hätte es sich gewiß länger in Ehren und

Würden erhalten können, wenn die Jagd nicht schon den Mann bewaffnet

und er allen Vortheil und Nachtheil des Soldatenstandes in sich

vereinigt gehabt hätte. Er stand bei seinem Weibe im Quartier. -- Noch

jetzt bin ich ein Feind der Jagd, weil sie dem Weibe jeden Schritt

zur weiteren Cultur vertrat und alle jene Übel erzeugte, denen das

menschliche Geschlecht durch Kriege oder Menschenjagden unterworfen

worden ist. -- Zwar sagt man, daß der Krieg oft ein Weg zur Cultur

gewesen sey und werden könne; und freilich ist es nicht das erste

mal, daß aus dem Bösen etwas Gutes wird: Ist und bleibt aber, dieser

Metallverwandlung des Guten und Bösen unbeschadet, Krieg nicht ein

Originalübel? Im Reiche Gottes, dessen Sonnenaufgang und Morgensegen

wir mit Danksagung erwarten, wird man so wenig Menschen würgen und

sich zur Erkenntlichkeit dem Würgengel bloß stellen, als in der andern

Welt freien und sich freien lassen. --

Die Flecken in der Sonne -- die man ungefähr wie die Flecken ansieht,

womit die reinlichste Hausfrau in der Küche sich ihre Manschetten

bespritzt, wie es dem Geschäftsmanne an seinem Schreibtische mit

Tinteflecken nicht besser geht -- sind nicht, was sie scheinen. In der

physischen Welt ist überhaupt alles gut, sehr gut! -- Und wie? dies

sollte uns nicht zu der Hoffnung Anleitung geben, daß es auch in der

moralischen Welt zu jener Stufe der Cultur kommen werde, wo man des

Bösen nicht bedarf, um Gutes daraus zu lernen? Fehden waren es, die

ihren Ursprung aus der Vermehrung der Menschen und aus der Verminderung

des Wildes (des einzigen und nächsten Nahrungsmittels für den rohen

Menschen) hatten; der Menschen wurden mehr, des Wildes ward weniger:

und so konnte es nicht fehlen, daß nicht Streitigkeiten und Befehdungen

entstanden, welche Familienkriege nach sich zogen.

Zwei Familien, die der Übermacht zu weichen gezwungen waren, stießen

vielleicht durch einen Zufall auf eine dritte, der sie einzeln nicht

gewachsen gewesen wären, die ihnen aber jetzt ihr Jagdrevier überlassen

mußte; und dieser Umstand war es, der zwischen beiden, wenigstens so

lange die Gefahr dauerte, ein gesellschaftliches Band knüpfte, ohne daß

es unter ihnen zu einer Verabredung und Constitution kommen durfte.

Durch Irrthum und Thorheit gelangen die Menschen zur Wahrheit, und

durch Mühe und Streit zur Vereinigung und Gesellschaft. Ist mir doch

schon wieder der traurige Gedanke im Wege, daß das Böse so oft ein

Vorspiel, ein Präludium zu dem Textliede des Guten seyn muß! -- »Oft

oder allemal?« Oft, Freunde; denn es giebt Original-Gutes, Gutes aus

der Wurzel -- und dies könnte man _göttlich Gutes_ nennen! Gott ist

original-gut! --

Das Hirtenleben und der Ackerbau (das neue Testament, wozu die Menschen

nach dem alten Testamente des Jagdlebens sich aufklärten) gab nicht

minder zu Zwisten Gelegenheit, wozu die Tagdieberei des Hirten, und

das Vorurtheil, als ob er eben darum Gott lieber wäre und von ihm

mehr beglückt würde, mittelst des argen, bösen Neides nicht wenig

beigetragen haben mag: Neid ist Geitz, und dieser ist, wie jeder von

uns weiß, die Wurzel alles Übels. Der Hirt schonte die Anpflanzungen

des Ackermannes nicht, und ehe dieser pfänden konnte, war jener mit

seiner Heerde über alle Berge, und wußte sich listig der Berichtigung

des Pfandgeldes zu entziehen. Dies zwang den Ackerbauer, mehr auf

seine Vertheidigung bedacht zu seyn; und da er sich gedrungen sah,

mehr Hände anzuwerben, um den Acker zu bestellen (Hände, die zusammen

bleiben mußten, um die Zeit abzuwarten und die Witterung zu benutzen,

oder ihr zuvor zu kommen:) so bauete ein Haus das andere, wie ein Wort

das andere zu geben pflegt. Hierdurch waren die Ackerbauer mehr im

Stande, sich den Ausschweifungen des zahmen Hirten und des wilderen

Jägers zu widersetzen. Aus den Ackerbauern wurden Bauherren: (eine

Würde, die ihnen selbst von den überwundenen Horden der Jäger oder der

Hirten zugestanden ward;) und nur spät hat sich das Blatt gewendet, so

daß wiederum Fürsten und Herren jagen, und Sklaven den Acker bauen.

-- So drehet sich Alles in der Welt, und die Menschen folgen so

großen Beispielen; Familien und Reiche, Aufklärung und Verfinsterung,

Gutes und Böses: Alles geht auf und unter. -- Zu der Zeit, als auf

den Trümmern von Familiengesellschaften bürgerliche Gesellschaften

errichtet wurden, war das Schicksal der Weiber schon, wie es schien,

unwiederbringlich entschieden.

Die Waffen, welche die Männer bei jenen Umständen führen mußten, und

welche sie fast nie aus den Händen ließen, während die Weiber für das

Hausbedürfniß ihrer Männer und Kinder besorgt waren, gaben diesen ein

entscheidendes Übergewicht über jene, welche, weil sie mit Waffen

nicht umzugehen wußten, sich vor ihnen fürchteten. Sie erschraken

vor Gefahren, welche die Männer, mehr damit bekannt, verachteten. An

Körper und Seele war ihnen der Mann, wenn ich so sagen darf, unter

der Hand überlegen geworden; und da er sich im ausschließenden Besitze

der Schutz- und Trutzwaffen befand, so vertheidigte er nicht bloß

seine Person, sondern auch sein Eigenthum, wozu er seine Familie und

in derselben sein Weib rechnete, das er jetzt als durchaus von ihm

abhängig ansah.

Während daß die Einsichten des Mannes durch seinen vergrößerten

Wirkungskreis sich vermehrten; während daß seine Geschäfte mit der

bürgerlichen Gesellschaft einen höheren Schwung nahmen, indem seine

Begriffe sich zu generalisiren anfingen: schrumpfte die Seele des

Weibes je mehr und mehr in die Gränzen des Haushalts ein. Dieser

bestand wegen Einfachheit der Bedürfnisse, dem Vater _Homer_ zufolge,

in dem Zeitalter der Heroën, selbst bei königlichen Familien, noch

bloß im Weben und andern dergleichen Handarbeiten. Nach und nach

verlor sich die weibliche Spannkraft gänzlich. Schade! -- Durch die

Umstände, daß alle Geschäfte des Staats den Weibern entzogen, und

diese, bei Entstehung der bürgerlichen Gesellschaften, schon zur

Besorgung des Haushalts verwiesen waren, wurden sie nicht Bürgerinnen

des Staats, sondern Schutzverwandte. -- Schon sehr zufrieden, daß

der Staat ihnen diese Gnade angedeihen ließ, begnügten sie sich

mit einigen Begünstigungen vor den Sklaven, die man ihnen bloß zu

_spendiren_ schien. Wunderbare Wege! Doch, ging man nicht von der

Poësie zur Prosa, von dem Tanze zum Gange, vom Singen zum Reden,

vom Roman zur Geschichte --? Es wirkte eine Reihe von Ursachen,

(wozu wahrscheinlich die, wiewohl größtentheils mißverstandene,

Natur die erste Veranlassung gab) daß nach und nach eine ganze

Hälfte des Menschengeschlechtes ihre ursprünglichen Menschenrechte

verlor und gegenwärtig einige Überbleibsel davon unter dem Titel von

Begünstigungen, wohl zu merken, nur so lange genießt, als es der andern

Hälfte gefällt, ihr dieselben zu lassen; -- und doch, ist das dritte

Wort dieser unterdrückenden Menschenhälfte: Recht und Gerechtigkeit,

Gesetzgebung und Gesetzhandhabung! -- Warum in Fällen dieser Art

ängstliche Geschichtsausspürung? Der Geist, der in uns ist, bleibt

immer die beste Quelle aller Geschichte; er gleicht im Wesentlichen

dem Geiste aller derer, die vor uns waren, und giebt dem, der sich

mit ihm einlassen kann, und jedem, der sich selbst verständlich zu

machen weiß, wichtige Fingerzeige von Nachrichten, die weit über den

Zeitpunkt schriftlicher Zeugnisse, und weit über die historische

Gewißheit hinausreichen. Jedes Kind bringt das Andenken an die Kindheit

der menschlichen Vernunft in Anregung, und die Hauptzüge derselben

drängen sich Jedem auf, der Augen zu sehen, Ohren zu hören, ein Herz

zu fühlen, und Vernunft zu ergänzen, zu vergleichen und zu verbinden

hat. Mit Meinungen der Vorzeit kann uns nicht gedient seyn; und die

Handvoll aufbehaltener Thatsachen sind so sehr mit jenen Meinungen in

Verbindung, daß man ohne Philosophie bei den historischen Quellen der

Vorzeit außerordentlich zu kurz schießt. Kann man ohne philosophischen

Kopf bei den historischen Quellen auslangen? In uns liegt das Vermögen,

aus jenen Bruchstücken der alten Welt, wo nicht ein Gebäude, so doch

eine Hütte zu zimmern, und ein Ebenbild unseres Geistes, eine Einheit

zu schaffen, die ohne Forscherblick weder in der Weltgeschichte, noch

auch in der Geschichte jedes einzelnen Menschen, gefunden werden kann.

Ohne diesen Geist der Wahrheit ist und bleibt jede Lebensbeschreibung

ein Roman, der Verfasser gehe so offen zu Werke als möglich, oder

verstecke sich unter die Bäume im Garten. -- Zu Geschichtforschern,

Auslegern des menschlichen Geistes, zu Seelengelehrten, zu Sehern,

gehört Studium seiner selbst; und nur in dieser Rücksicht ist _sich

selbst zu kennen_ eine große Lehre! Nur ein Geschichtschreiber, der

diese Salbung empfing, weiß die Reihe der Dinge zu übersehen, und

Ursache und Wirkung unter Einen Hut zu bringen. -- Es giebt historische

Ergänzungen, wo uns so wenig ein lästiges Ungefähr untergeschoben wird,

daß wir weder gerade noch seitwärts etwas gegen diese Ergänzungen

einwenden mögen, wenn wir auch könnten. --

Seht! nicht Überlegenheit des Körpers, nicht Übermacht des Geistes

gab dem Manne das Schwert in die Hand; die Lage der Sache begünstigte

diesen Schritt. Über seinen Unterhalt bestand der Mann den Kampf mit

seines Gleichen. Madam beschützte zwar anfänglich zu Hause ihre Kinder,

und genoß die Ehre, in dieser Festung zu commandiren, und während der

Feldzüge ihres Mannes Proviant und Montirungsstücke zu besorgen; indeß

ward sie auch hier sehr bald von ihrem erstgebornen Sohn entsetzt, der,

noch zu jung und zu ohnmächtig dem Heere seines Vaters zu folgen, sich

hier zum Commandanten aufwarf, bis er, mit Vorbeigehung seiner Mutter,

diesen Posten seinem zweiten Bruder anvertrauen konnte.

Was für eine Veränderung diese Umstände während eines Zeitraums von

mehrern Jahrhunderten oder Jahrtausenden in dem Charakter, der Denkart

und selbst in den körperlichen Eigenschaften beider Geschlechter nach

und nach hervorgebracht haben, ist am Tage. Andere Verhältnisse und

Resultate als diese Machtvortheile, waren aus jenen Vorgängen ohne

Wunder nicht zu erwarten; doch nicht eines einzigen, sondern eines

Zusammenflusses von Wundern hätt' es bedurft, allen diesen zufälligen

äußeren Veranlassungen eine andere Folgenrichtung zu geben. -- Der

Anfang steht oft in unserm Vermögen, die Mitte selten, das Ende nie.

-- Warum sollt' ich es bergen, daß wir Männer von Gottes Gnaden es

so gern bemänteln, wie wir zu dieser Überlegenheit gekommen sind?

Überhaupt sind Mäntel die männliche Originaltracht, in die wir uns so

bedächtig verhüllen, um nur so viel von uns zu zeigen, als höchstnöthig

ist; die Weibermäntel sind Copien von den unsrigen. -- Nähme man uns

den philosophischen Mantel; entkleidete man uns von der Reverende der

wohlehrwürdigen Hypothesen und von allen unwesentlichen, fremdartigen

Behelfen, hinter deren Wolken wir uns so unmännlich verbergen: wie

weit seltener würden wir bestehen in der Wahrheit! -- Um alles in

der Welt möchten wir die andere Hälfte des menschlichen Geschlechtes

überreden, nicht _wir_, sondern die _Natur_ habe sie zurückgesetzt

und uns unterworfen; und doch sind _wir_ es, die seine Bedürfnisse

erregen, und Meinungen herrschend machen, wodurch wir, so wie durch

jene Bedürfnisse, den Meister über die schöne Welt spielen. Jene Clubs

und geheimen Gesellschaften, die, ohne daß sie den Degen ziehen,

Macht, Gewalt und Herrschaft erschleichen, sind Copien des Ganges,

den die Männer einschlugen -- Und die Bibel? Bis jetzt haben noch

alle philosophische Sekten, die gedrückte, die streitende und die

triumphirende, und jede neue Staatsreform, bis auf die _Französische

Constitution_, sich in der Bibel getroffen gefunden.

Es ist das künstlichste Spinnengewebe von Gründen, wodurch wir das

weibliche Geschlecht zu einer ewigen Vormundschaft verurtheilen; und

selbst bei den feierlichsten Ehegelübden, die man sich am Myrtenfeste

vor Gott und den (freilich durch ein Lucullus-Mahl bestochenen)

Hochzeitszeugen ablegt, verlangt das kirchliche Formular, daß, wenn

gleich beide Theile gegenseitig sich zu ehren verheißen, doch die

geehrte Männin dem Manne gehorchen und ihm als ihrem Herrn huldigen

soll. Ist es zu verwundern, wenn die heiligste aller Zusagen, die

Ehetreue, so schnöde gebrochen wird, da diesen Principalpunkt so

viele Nebenverheißungen schwächen? Wie ist die Preisfrage eines

feinen Kopfes: warum in verschiedenen Staaten, wo Eide das tägliche

Brot in Gerichten sind, das Ehegelübde (der wichtigste Contrakt, den

Menschen mit einander schließen können) ohne Eid vollzogen wird, zu

lösen? Etwa durch die Bemerkung, daß der Gegenstand so groß wie das

Verbrechen des Vatermordes sei, welches in weisen Gesetzbüchern weiser

Völker ohne Strafe blieb? Etwa, weil keine Formel stark genug ist, das

Ehegelübde zu besiegeln? und weil, um das Größte zu sagen, man zur

Natur der Sache, zum einfachen _Ja Ja, Nein Nein_ zurückkommen muß?

Wichtige Gründe! doch schwerlich werden sie bei der Unterlassung des

Eheeides entscheiden; denn müßte sonst nicht unsere Eidmethode längst

verbessert seyn? Oder wie? schwört man bei der Ehevollziehung etwa

darum nicht, weil die Gelübde nicht gehalten werden, nicht zu halten

sind? nur da gehalten werden dürfen, wo die Natur in speciellen Fällen

mitwirkt? Ei, Lieber! wer hält seinen Amtseid? und wird dieser Eid

erlassen? Der größten Versuchungen zu falschen Aussagen ungeachtet,

findet der Richter, oder -- was mehr sagen will -- der Gesetzgeber

keine Bedenklichkeit, Eiden auszuweichen; und geht denn wirklich das

Versprechen der ehelichen Treue, auf welchem die Würde, Sicherheit

und Wohlfahrt des Staates, das Glück des häuslichen Standes, (des

angenehmsten und tröstlichsten im menschlichen Leben) und aller Fleiß,

alle Betriebsamkeit beruhen, über das Vermögen der Menschen? Hast du

nicht liebe getreue Ehegenossen gekannt? Ein menschliches Schauspiel,

das Engel zu sehen gelüsten könnte! Unglücklicher! was ist dir die

Menschheit werth, wenn sie so tief gesunken wäre! Ich suche den Grund

dieser, von unseren eidereichen Vorfahren auf uns gleich eidgierige

Nachkommen gebrachten, denkwürdigen Gewohnheit in der Befürchtung,

daß man Eide einer baaren Lächerlichkeit aussetzen würde, wenn man

sie durch den unnatürlichen, vom andern Geschlechte zu übernehmenden

Umstand, sich der unerkannten Gewalt des Mannes unterwerfen zu wollen,

entheiliget hätte. Diese _Homagial-Umstände_ entfernten den Eid bei

der Ehe _in vielen protestantischen Staaten_; und die auserwählten

Rüstzeuge von Reformatoren hatten nicht unrecht, den Eid aus der

Trauungsformel zu verabschieden, oder ihm einen Laufpaß zu behändigen.

Soll aber die durch die Natur und Erfahrung laut widerlegte männliche

Macht und Gewalt über das andere Geschlecht sich durch leidige

Künstelei erhalten? Werden wir, wenn Natur und Wahrheit ihre Rechte

zurückfordern, die keiner Verjährung unterliegen, noch immer gewinnen

und den Sieg behaupten? Durch Wiederfragen antworten, heißt, wo nicht

gar spotten, so doch: die Frage keiner eigentlichen Antwort werth

achten. Wer kann sich aber, wenn er auch wollte, dieser Zwittergattung

von Erwiederung enthalten? wer der Fragantwort ausweichen: ob die

Natur je so tief in Ohnmacht und Schwächlichkeit versinken könne,

daß sie sich ungestraft berauben lasse, ohne das Raub_schloß_ oder

Raub_nest_ zu zerstören? Längst sind Männer nur Titularherren, Besitzer

_in partibus infidelium_. -- Und wie! Deutsche, deren Vorfahren ihre

Weiber achteten, da der Rath derselben ihnen wichtig, ihre Aussprüche

ihnen heilig waren, wenn sie die Zukunft aufklärten, vielleicht

weise genug, sie nach ihrem Willen zu _lenken_ -- (eine ehrwürdige

prophetische Kunst!) Deutsche, die, wenn es gleich von ihnen heißt,

_daß sie viel für Geld thun_, ihre Weiher nicht wie die Römer (als

wären sie Hausrath) einkauften; Deutsche -- sollten ihrer Vorfahren so

unwerth seyn! Was ist anständiger: mit dem andern Geschlechte gleichen

Schritt zu halten, oder uns von ihm, ohne daß wir es wissen, leiten

und führen zu lassen? Nur die _Zeichen_ der Regierung sind uns werth,

die _Regierung_ verkaufen wir für ein schnödes Linsengericht; und

eine kluge Frau läßt sich von dem Manne zur Regierungs-Repräsentantin

erkiesen, dem hier kein Hochverrath ahndet, und der (weil doch

Hochmuth dem Falle vorausgeht) seine Frau selbst zum Throne führt,

und sich hinreichend begnügt, daß Alles unter seinem Namen expedirt

wird, Alles unter: _Wir von Gottes Gnaden_. -- Wenn nun aber ein so

betrogener Mann, der seine Frau zur List erniedrigt, der seine Kinder

zu ähnlicher Denkart herabwürdigt, und öffentlich mit sich spielen

läßt, bei dem allen nicht unglücklich ist; wenn er einen menschlichen

Richter in Hausangelegenheiten, einen treuen Rathgeber in Fällen, wo

er unentschlossen schwankt, in seiner Frau findet: -- was würde sie

ihm seyn, wenn sie von Rechtswegen gleich und gleich mit ihm wäre! Wie

unendlich leichter würde der Stand des häuslichen und Staatslebens

werden, wenn wir eine so herrliche Bundesgenossenschaft anerkennen und

schätzen lernten! -- _Eigensinn_, _Trägheit_ und _Stolz_ fesseln uns an

alte Meinungen und Gebräuche: drei Götzen, die man auch _Augenlust_,

_Fleischeslust_ und _hoffärtiges Leben_ zu nennen pflegt! -- Laßt uns

diesen Götzendienst mit einer vernünftigen Verehrung der Natur und

ihrer Gesetze vertauschen! Schon lange sind die Weiber durch Leiden

geprüft und bewährt, um der Herrlichkeit werth zu werden, welche die

Natur an ihnen so gern offenbaren möchte. Das Ende vom Liede dieses

Abschnittes.

In der That scheint eine höhere Vernunft es mit Vorbedacht und Vorsicht

darauf angelegt zu haben, daß der Anfang des menschlichen Geschlechtes

in einem tiefen heiligen Dunkel bleiben sollte. Chaos war eher als die

Welt, Finsterniß eher als Licht, Nacht eher als Tag; und wohl uns, wenn

die menschlichen Handlungen, eben so wie alle Naturbegebenheiten, nach

allgemeinen Naturgesetzen bestimmt, und von einem inneren Lichte, das

der große Haufe nicht selten kann, und das nur Sonntagskindern selbst

in der dicksten Finsterniß leuchtet, gelenket werden!

Heil uns, wenn bei den unablässigen Bemühungen der Menschen, alles

unregelmäßig zu machen, jene göttliche Regelmäßigkeit ihren festen

Schritt hält, und die Weisheit ihre ursprünglichen hohen Anlagen bei

der späten Entwickelung rechtfertiget! Heil uns, wenn wir Alle, und

auch selbst die unter uns, welche am wenigsten daran denken, Mitglieder

der göttlichen unsichtbaren Kirche sind! wenn der, welcher bloß für

sich denkt und oft sogar des Andern Teufel ist, doch, ohne daß er es

weiß, die göttliche Absicht befördert, die Welt ihrem moralischen Ziel

immer näher bringt und selbst Teufeleien zum Besten kehret! O, der

herrlichen Veredlung der moralischen Metalle!

Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber · 第 4 / 18 段