Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November seine gewohnten
brausenden, kühlenden Stürme, die im Wirbel das rote und braune Laub
aus den Baumkronen rissen.
Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust von
Fräulein Exzellenz. Sie schlug für einen der nächsten Nachmittage den
Teilnehmern der Reitquadrille einen Fernritt, und zwar einen tüchtigen
Fernritt vor. Bei trügerischem Sonnenschein brach man auf. Perthes
hatte sich mit Mühe freigemacht. Er sprengte mit Alice voran. Sie
sah im langen, schwarzen Reitkleid gut aus. Es ließ ihre biegsamen
Formen zu herausfordernder Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut
saß keck über den rotblonden Haaren. Professor Hammann und Cousine
Hilla folgten in mäßigem Tempo und unter bedenklichen Protesten.
Man hatte auch noch kaum die Sägemühle hinter sich, als der Wind
grimmig einsetzte, den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern
brausenden Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin bei
einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles Gehölz, sich
umblickten, war von Hammann und Fräulein Hilla keine Spur mehr zu sehen.
„Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?” fragte Alice mit einem
spöttischen Blitzen der grünlich schimmernden Augen, während sie die
losgerissenen Haarsträhnen aus den Wangen strich.
Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die Sporen.
Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie wieder an seiner
Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe einen leichten Hieb mit der
Gerte auf die Hand, die die Zügel führte.
Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreßten Lippen und
zugekniffenen Augen gegen den Sturm. Kurz vor dem ersten Dorf schnob
ein feiner, dichter Regenschauer aus den Wolken und durchnäßte Reiter
und Roß.
Nun mußte man doch wohl oder übel im Wirtshaus haltmachen.
Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen Herrschaftszimmerchen,
in dem ein Ofenfeuer grüßend leuchtete, Tete-a-tete zu „mahlzeiten”.
Man sah durchs Fenster hinaus auf den windgepeitschten Fluß, die
regenwolkenverhangenen Berge. Fast wie auf der Sägemühle, dachte
Perthes, als er zufällig hinausblickte. Um so besser, setzte er
höhnisch hinzu. Er überließ sich dem willkommenen Reiz der Situation.
Die nassen Kleider erfüllten unter der behaglichen Wärme die Stube mit
ihrem Dunst. Es war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich
eingerichtet hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer Intensität
aufglänzen.
Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war etwas aufgeregt
und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich schien, durch die
ausgelassene Freiheit ihres Benehmens zu verdecken. Sie gab sich die
Rolle der Demimondaine, die sie augenwerfend und trällernd trefflich zu
mimen verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen.
Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment leidenschaftlich
vorgetragener Liebeserklärungen, die sie mit koketter Kälte über sich
ergehen ließ, vergaß er das Spiel. Er riß Alice in seine Arme und
bedeckte sie mit Küssen.
Als er sie wieder freigab, war sie ernüchtert und erschrocken. „Was
fällt Ihnen ein!” stammelte sie verlegen.
„Was mir schon längst hätte einfallen müssen!” gab er siegesgewiß
zurück.
Schmollend und zürnend trat sie von ihm weg. Sie stellte sich ans
Fenster und stand dort geraume Zeit, von ihm abgekehrt.
Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke am Ofen und
stocherte mit der Zange im Feuer.
Plötzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten Spitzbubengesicht,
halb spöttisch, halb ärgerlich, sah sie ihn an. „Nu -- werden wir uns
wohl verloben müssen. Wie abgeschmackt Sie sind!” meinte sie halblaut.
Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten sich mit einem
tiefen, brennenden Blick. Dann küßten sie sich in einer neuen, wilden
Umarmung. Und verlobten sich, trotz aller Abgeschmacktheit ...
Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen Stadtwohnung
einstellte, um Exzellenz Hupfeld seine Zusage für die erste
Assistentenstelle zu bringen, empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen.
„Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt, Herr Doktor! Nun
darf _ich_ wohl um Bedenkzeit bitten?” lautete die strenge Einleitung.
Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger Höhe halten.
Er wurde väterlich gerührt. Und lächelte bald wie ein gütiger Schöpfer
über die kleinen Unarten und Torheiten seiner Geschöpfe.
Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und Cousine Hilla. Bei der Tür
stand der Diener Karl. Diesmal nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen,
sondern um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade, daß
Leutnant Moritz fehlte.
Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung.
Es war stilvoller und großartiger, als es je im Haus am Wenzelsberg
hätte werden können ...
12
Schon seit über vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff seine Vorlesungen
wieder aufgenommen. Zwischen drei und vier Uhr des Nachmittags schallte
wieder häufig und hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen
und gingen die Hörer, junge Semester mit bunten Mützen, Bier- und
Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer Trabner mit der Glatze und
der Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem Trikot-Stehumlegekragen,
„Flanellstorch” genannt.
Aber die „Bande” war nicht wie sonst auf dem Posten über der Treppe,
um die Alten zu registrieren und die Neuen zu etikettieren. Höchstens
daß Elli mal neugierig über das Geländer lugte. Dann war es nur, weil
Wilkens, der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben lassen.
Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wußte der Himmel von was,
zu „erholen”, noch eine verheiratete Schwester in Magdeburg besuchen
müssen und war noch nicht wieder zurückgekehrt. Nur Ansichtskarten
meldeten der entrüsteten Elli, daß es ihm wohl ergehe.
Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen, bräutlichen
Träumen heimgesucht hatte, lastete auf allem und allen. Nicht zuletzt
auf dem alten Herrn. So fromm und artig und märchenhaft still war
es in zwanzig Jahren um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter
dem Schreibtisch saß und kritzelte, konnte er sicher sein, daß kein
störender Laut seine römischen Kaiser in ihrer Würde bedrohen, ihn
aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften Gegenwart
aufscheuchen würde. Aber trotzdem -- oder gerade deshalb? -- warteten
diese oft vergeblich auf die Zwiesprache mit dem Meister, der sie
rief. Kein zürnendes Murren, keine feurige Apostrophe drang aus
dem verqualmten Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr als
einmal den Gänsekiel nicht mehr in der Hand, sondern den grauen,
krausbärtigen Kopf vergrämt aufgestützt, und lauschte hinaus in die
unheimliche Ruhe seines Hauses. Wenn doch mal eine Tür unversehens ins
Schloß geknallt wäre! Wenn doch ein nicht mehr zu bändigendes, junges
Mädchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom Erdgeschoß, aus den
Wohnzimmern heraufgekollert wäre, daß er empört hätte dazwischenfahren
können! Wieviel besser wäre das seinen Cäsaren bekommen. Der erste
Halbband der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen.
Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten Hochschulkollegen und
früheren Schülern. Vater Richthoff lächelte höchstens über die guten
Vorzeichen. Jetzt, wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer
Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus.
Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngräber, die Kegelbrüder und die
Fakultätsgenossen -- alle waren bestürzt und schlugen die Hände
zusammen über das müde, verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten
Herrn. Er war ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich
vergeblich den Kopf, wie es möglich war, daß nach dem frischen,
verheißungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede Nachkur daheim ausblieb.
Wilmanns, der mit seiner Familie Thüringen unsicher gemacht hatte,
schimpfte vergeblich auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lärmende
Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst das liebliche
Ilmenau mit Engelszungen und erzählte die kühnsten Abenteuer mit lauter
Beredsamkeit. Borngräber, der „Mädchenjäger”, wie ihn Papa Wilmanns
hartnäckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen
Augen und jammerte, daß ihm der Wind drei Hüte in die Ostsee geführt
habe, statt, was doch sein Versöhnliches gehabt hätte, in ein
klassisches oder orientalisches Meer. Richthoff hörte nur mit halbem
Ohr zu und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln nicht
zu nahetreten.
Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen war, der das Haus am
Wenzelsberg drückte und freudlos machte?
Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu sein, sich doch
wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes verrät: nicht Tränen, aber
ihre Spuren, nicht das harte Aufbäumen, aber das wehe, zitternde
Zurückweichen und Wegwenden zeugen dafür, daß ein Lebendiges, wenn auch
noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Tötende, auch im
Unterliegen den Widerstand wahrt und in der Gegenbewegung sich erhält.
Wenn Marga diesen Schmerz gezeigt hätte! Man hätte ihn, so leise er
sich regte und rührte, zu lindern und zu heilen suchen können. Aber
in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand, keine Bewegung. Von
dem Augenblick an, wo sie aus ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war,
schien jeder Wille in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen.
Ihre Züge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck einer leeren
Maske, die in unbewußter Angst und Hilflosigkeit erstarrt ist. Ihre
Seele schien nicht mit aufgewacht zu sein aus der Ohnmacht des Körpers.
Ihr Geist war klar, beinahe nüchtern klar; sie wußte, was vorgefallen
war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme davon. Sie hörte
auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit und Zurückhaltung in
Liebe und Mitgefühl vergessend, weich und ernst mit ihr redete; wenn
Elli, Tränen in den sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte
und Käthe herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber sie
blieb empfindungslos. Das Gefühl, das man ihr entgegenbrachte, klang
nicht zurück. Alle die reichen und tiefen Kräfte des Gemüts waren wie
ausgelöscht. So ausgelöscht, daß man zuweilen hätte glauben können,
sie litte nicht einmal. Und doch -- oder gerade deshalb -- strömte
eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so über alles Trösten und
Mitleiden, daß sie jeden ergriff und niederdrückte und das Haus mit
einer stummen Klage erfüllte. Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem
Hagelschauer sich in eine tote Wüste verwandelt hat, so war Margas
große Stille zur großen Leere geworden.
Die erste Sorge galt natürlich ihrer Gesundheit. Der Geheimrat wollte
den Arzt rufen lassen. Auch Käthe drang darauf. Elli wurde beauftragt,
Marga selbst zu fragen, um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich
völlig gleichgültig und meinte nur, sie wüßte nicht, was sie einem Arzt
zu sagen hätte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren körperlichen
Folgen zu haben. Ihr Aussehen veränderte sich kaum. Sie klagte über
nichts. Man war übereingekommen, daß das Leid, das sie getroffen, unter
keinen Umständen auch nur andeutungsweise nach außen dringen und zu
irgendwelchen Gerüchten Anlaß geben dürfe. Diese Schonung, die einzige,
der auch die äußeren Umstände ihres Unglücks entgegenkamen, mußte um
jeden Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb man es vorläufig
doch unterließ, den Arzt zuzuziehen.
Wochen vergingen, ohne daß Margas Zustand sich veränderte. Nach wie vor
war sie äußerlich gesund, nach wie vor dämmerte ihre Seele pflanzenhaft
dahin.
Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende Qual die
Stimmung im Haus mehr und mehr verdüsterte. Sie zehrte an ihm und
seiner Arbeitskraft, an Käthes und Ellis Frische und Frohmut. Wie
schwüle Sommertage, die grau und lastend ohne die reinigende Entladung
eines Gewitters sich ablösen, schlichen die Tage einer um den anderen
hin, und die Menschen im Haus schlichen mit ihnen. So konnte es nicht
fortgehen! Es mußte etwas geschehen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden,
der irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphäre brachte.
Ohne Wissen der Mädels ging der Geheimrat vor.
Er hatte in Pommern, weit droben an der Küste, einen Stiefbruder. Man
schrieb sich alle Jubeljahr, sah sich noch seltener. Für Käthe, Marga
und Elli spielte der Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle.
Vor Jahr und Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht: ein
jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten Augen in seinem
wetterharten, braunroten Gesicht. Keine entfernte Ähnlichkeit mit Vater
Richthoff. Seine Frau oder gar die Cousinen -- es konnten sechs oder
mehr sein, denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch
Jahre hindurch regelmäßig eine fröhliche Geburtsanzeige -- waren völlig
sagenhaft.
Dorthin richtete der alte Herr, einer plötzlichen Eingebung folgend,
seine Hoffnungen und bald darauf ein Schreiben, so brüderlich und
leserlich, als es ihm nur möglich war. Zum Schluß fragte er unumwunden
an, ob man seine zwei Jüngsten für ein paar Wochen auf Güstow brauchen
könnte. Der Geheimrat mußte keine acht Tage warten, bis die Antwort
kam, geschrieben von einer guten, ehrlichen preußischen Landwirtsklaue.
Es wäre zwar im Sommer schöner in Güstow. Dafür hätte man aber jetzt,
nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr Geld. Auch versprächen die Jagden
allerhand Gutes. Kurz: die beiden Jüngsten wären willkommen. Seine Frau
und seine Döchtings wären schon jetzt „doll vor Vergnügen” über den
Besuch der Richthoffschen Vettern. Das war ein kleines Mißverständnis:
Onkel Thiele hatte sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder
müsse naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mädels hatte.
Doch das ließ sich aufklären. Die Hauptsache war: Marga und Elli wurden
erwartet.
Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles Brief zum Frühstück.
Als er ihn zu Ende gelesen, sah er seine Mädels der Reihe nach an. Zum
erstenmal brachte er es fertig, ihren trübseligen Mienen mit einer
halbwegs heiteren Verschmitztheit zu begegnen. „Wißt ihr, wer Onkel
Bernhard ist?” forschte er in der Runde.
„Onkel Bernhard?” Elli schüttelte den Kopf.
„Meinst du Onkel Thiele in Pommern?” fragte Käthe nach bedächtigem
Schweigen.
„Allerdings,” nickte Vater Richthoff, „Onkel Bernhard Thiele,
Gutsbesitzer auf Güstow, Kreis Regenwalde in Pommern.”
„Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?” Elli war
glücklich, daß das öde Einerlei der Mahlzeiten durch einen neuen
Unterhaltungsstoff sich für einen Augenblick aufhellte. Das leidlich
muntere, väterliche Gesicht entzündete leise ihre alte, ausgelassene
Laune. „Hat er wieder Familienzuwachs bekommen?”
„Das gerade nicht, Naseweis!” erwiderte der Geheimrat. „Aber er lädt
euch ein.”
„Lädt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut? Wen -- uns? Für wann?” Es
war so verlockend für Elli, einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal
losfeuern zu können.
„Onkel Thiele lädt dich und Marga ein, ihn jetzt für einige Wochen auf
Güstow zu besuchen!” erklärte der alte Herr klar und bündig.
Elli blieb der Bissen im Hals stecken. Käthe riß die braunen Augen
ungläubig auf. Sie wollte schon den Mund öffnen, als ein Blick Vater
Richthoffs ihr die richtige Fährte gab. Sie nickte verständnisvoll.
Auch Elli begriff schnell, daß hier etwas Gutes im Werk sei. Marga
selbst saß teilnahmlos dabei, als hätte sie nichts gehört und
verstanden.
„Lest mal selbst!” Richthoff reichte Onkel Thieles Brief Käthe über
den Kaffeetisch. Elli beugte sich voll Neugier mit darüber. Zu zweien
entzifferten sie die massiven Zeilen.
„Na, mein Mädchen, wie denkst du über die Einladung?” wandte sich der
Geheimrat inzwischen an Marga, seine Hand zärtlich auf die ihre legend.
Margas Augen kehrten aus der leeren Weite, in der sie erstarrt waren,
langsam und fragend zurück. „Über die Einladung?” wiederholte sie. „Ach
so -- ihr sprecht von Thieles in Pommern. Wen hat er denn eingeladen?”
„Aufmerksamkeit schlecht!” scherzte der alte Herr. Er erklärte ihr
nochmals ausführlich, um was es sich handelte. „Ich möchte, daß ihr,
du und Elli, den Thieles die Freude macht!” setzte er aufmunternd hinzu.
„Denk' mal an, Margakind! Nein, das ist zum Totschießen!” Elli lachte
so laut und herzlich, wie es seit Wochen im Haus am Wenzelsberg nicht
erhört war. „Die halten uns für zwei Jungens! Für zwei Vettern!”
„Ja -- den Irrtum muß ich Onkel Bernhard noch nehmen. Die Enttäuschung
könnte zu groß sein,” bemerkte Vater Richthoff vergnügt.
„Aber nein! Gerade nicht! Das darfst du keinesfalls, Papa!” rief Elli.
„Malt euch mal aus -- paß auf, Margakind! -- Die stehen auf ihrem
Bahnhof, so ihre zehn Köpfe hoch: Onkel, Tante, acht, neun Mädels --
alle blond wie Hafer und dick und rot wie Rosenäpfel! Der Zug, so'n
rechtes Bimmelbähnchen -- Blumenpflücken während der Fahrt verboten!
--, braust heran. Sie recken ihre Hälse. Sie suchen die Wagen ab. Wo
zum Kuckuck sind die Richthoffschen Jungens?! Und der Zug fährt wieder
ab. Auf dem Bahnsteig stehen nur zwei Mädels. Marga und ich! Und
empfehlen sich zur geneigten Ansicht! Denkt euch, die Gesichter!” Elli
schüttelte sich vor Wonne. Auch der alte Herr schmunzelte, und Käthe
lächelte über Ellis blühende Phantasie. Nur Marga rührte sich nicht.
Ellis Lustigkeit reichte nicht an ihre verschollene Seele.
„Und wann sollten wir denn dorthin kommen?” fragte sie schleppend, ohne
daß ihre Stimme ein näheres Interesse verriet.
„Sobald ihr wollt!” erklärte Richthoff. „Die Jahreszeit ist ja nicht
die rechte. Ihr müßt euch für den norddeutschen Winter einrichten.
Da oben ist's kalt. Gerade gut, um sich mal tüchtig auszulüften. Das
wird dir guttun, Marga! Andere Menschen, anderes Leben. Ein bißchen
Zerstreuung -- verstehst du, Kind?” Er beugte sich zu ihr vor. Nur
behutsam wollte er an die Absicht rühren, die er mit dieser Reise für
sie verband. Das übrige setzte die Vertraulichkeit hinzu, mit der
er ihr auf den Arm klopfte. „Also ausgemacht! Ihr reist je eher, je
lieber!” Er erhob sich erleichtert und ging mit seiner Zeitung nach
oben. Ein Wink verständigte Käthe und Elli, Marga zuzureden und etwaige
Bedenken zu zerstreuen.
Zu jeder anderen Zeit hätte die unerwartete Reiseaussicht in weite
Ferne, die verblüffende Großmut des sonst so gestrengen und ~in
pecuniis~ genauen Papa Richthoff unter der Bande wie eine Bombe
eingeschlagen. Dermalen war die Freude natürlich gedämpft, die
Verwunderung zurückgedrängt. Aber es war doch, als hätte man in dem
verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen: ein frischer
Luftzug, ein schräger, dünner Sonnenstrahl schlüpfte herein.
Käthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder. Was sie über
Margas von ihr vorausgesagtes Unglück empfand, eine wenn auch
schmerzliche Genugtuung, hatte sie taktvoll nur ihrem Tagebuch
anvertraut. Dafür erging sie sich jetzt in trefflichen Aussprüchen
über die Wunder, die eine Ortsveränderung an einem beschwerten
Menschenherzen immer tue, und sorgte nebenher mütterlich für die beiden
Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich gönnte.
Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten, schmächtigen
Sonnenschein wie ein Kätzchen, das sich auf gut Wetter putzt. In einem
allmählichen Crescendo, das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde,
aber Margas Zustand berücksichtigte, ließ sie ihrem Optimismus die
Zügel schießen. Ihre umtriebige Natur sah sich jetzt wieder einer
handgreiflichen Aufgabe gegenüber: sie konnte nun mal Marga in ihre
alleinige Behandlung nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor.
Wie man dürres, vertrocknetes Land fürs erste tüchtig unter Wasser
setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen. Sollte es nötig sein:
sie wollte nicht nur das Rittergut Güstow mit Onkel und Tante Thiele
samt den unzählbaren Cousinen, sondern ganz Preußisch-Pommern auf
den Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Großtaten begann
sie sachte schon jetzt. Sie ließ Marga keinen Augenblick allein.
Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam und wachsam zugleich.
Ihre Plappermaschine, durch die Kümmernisse der letzten Wochen dem
Verrosten nahe, kam neugeölt in neuen Gang. Außer dem Gutsleben, das
ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten an der nahen Küste,
Überlandpartien in Kutsche und Schlitten zu märchenhaften Tanzbällen
ausschmückte, war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die
sie vor Marga in feenhafter Glorie aufsteigen ließ. Sie mußten
nämlich in Berlin Station machen. An einem Tag war Gut Güstow nicht
zu gewinnen. Papa hatte an einen befreundeten Kollegen geschrieben,
wo sie einquartiert werden konnten. Aus dem einen Rasttag ließ Elli
drei bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit, mal was
Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen. Das mußte auch Papa
einsehen. Nicht schon jetzt, aber im geeigneten Moment, wenn man ihm
eine entzückte Karte schrieb, die alles erklärte. Und nach Güstow
depeschierte man -- Elli depeschierte in der Einbildung öfter als
alle europäischen Kabinette -- und bat um Frist. Dann -- oh, es war
unbeschreiblich, in welchen Strudel von Genüssen man sich dann stürzte!
Stürzte mit der grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen,
unverdorbenen Mädchengemüt Ellis einflößte -- schon aus der Ferne.
Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte, Zoologischer Garten,
Kaiser sehen, Warenhausbummel, Unter den Linden, Friedrichstraße,
Potsdam, Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte sich und
prasselte wie ebenso viele Feuerräder durch die Luft.
Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mußte sich Elli allerdings einstweilen
sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich Marga vollständig
gleichgültig. Wie eine blasse Wand, auf die man die buntesten Bilder
der Wunderlaterne geworfen hat, war sie nachher so stumm und leblos wie
vorher. Sie half, soweit es in ihren Kräften stand, beim Einpacken.
Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren Antworten man ihr in
den Mund legte. Sie war mit keinem Gefühl bei dieser Reise. Es war
nicht einmal sicher, ob sie hörte, was Elli unermüdlich deklamierte.
Trotzdem stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode
fest. Wenn es nur ein Kopfschütteln oder Kopfnicken war, das sie
erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt. Und als es ihr gar
gelang, den Tag vor der Abreise durch eine bis dahin nicht dagewesene
Brillantvorführung von Berliner Genüssen Marga ein Lächeln -- nicht zu
entlocken, sondern schon mehr zu entreißen, lief sie erst in die Küche,
wo gerade Käthe eine süße Speise bereitete, und dann stürmte sie, alles
Herkommen außer acht lassend, in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so
blitzgewaltig, daß der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte
in die Höhe fuhr.
„Marga hat gelächelt! Marga hat richtig gelächelt! Beinahe gelacht!”
verkündete sie schallend.
Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten konnte, war sie wie
die Windsbraut wieder draußen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. Das
Ereignis stand in keiner Beziehung und keinem Größenverhältnis zu
den Germanenkämpfen, die das römische Weltreich erschütterten. Aber
bemerkenswert war es schließlich doch. Sehr sogar. Und der alte Herr
lächelte hinterdrein auch.
Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Güstower
Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es war gepackt. Die
allernötigsten Besprechungen konnten noch beim Abendbrot erfolgen.
Zwischendrin mußte nach Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden.
Damit einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga einen
Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem guten, alten Nest, das einem
schon jetzt furchtbar klein und provinzmäßig vorkam.
Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen. Sie fühlte sich,
wenn sie sich überhaupt wohl fühlte, zu Hause noch am besten. Diesmal
willigte sie überraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den
zweiten kolossalen Fortschritt des Tages.
Es war ein kühler, selten klarer Spätherbsttag. Die Sonne schien
rotgolden und wehmütig aus dem halb klaren, halb federwolkigen Himmel.
Der Wind pfiff scharf um die Straßenecken. Fest und schützend drückte
sich Elli an Marga. Auf der Brücke blies es ganz toll aus Osten. Fast
flogen die Hüte mit auf. Der Fluß schäumte ungebärdig. Eben rasselte
ein Kettendampfer unter der Brücke durch. Die Pfeife schrie mürrisch in
den Wind hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um durch den
Brückenbogen zu kommen. Die bewimpelten Lastkähne, mit rotem Sandstein
befrachtet, schaukelten in endloser Reihe hinter ihm drein.
Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick stehen und warfen
einen Blick über das Geländer. Auch Elli hielt eine Sekunde an und
schaute hinunter.
„Was gibt's denn?” fragte Marga. Fern wie sie war, wußte sie sich
Stillstand und Geräusch nicht gleich zu erklären.
„Bloß der Kettendampfer. Komm!” Schon ging Elli weiter.
„Wo kommt er denn her?” fragte sie mit einer ungewöhnlichen Bewegung
der sonst so eintönigen Stimme.
„Wer? Ach so, der Dampfer! Vom Tal herunter.”
Sie gingen weiter. Margas Schritt war schleppend geworden.
Elli schaute ihr ins Gesicht. Mit Staunen sah sie, wie in ihren Zügen
eine außerordentliche Erregung arbeitete. Der kleine, unbedeutende
Vorgang -- der alltäglichste fast, der sich denken ließ -- schien ein
Zittern in ihre erstorbene Seele zu bringen. Eine Erinnerung schaffte
in ihr. Auf der Sägemühle hatten sie so manchmal vom Garten aus den
Lastschiffen zugeschaut. Vielmehr Marga hatte hinausgehorcht auf das
Rasseln und Plätschern, und Elli mußte ihr die Kähne zählen.
Elli erriet nur unklar, was sie beschäftigte. Instinktiv lenkte sie
jedoch das Gespräch ab. Sie erzählte ihr von neuen Villen in der
Vorstadt. Zu ihrer Beruhigung war die Erregung in Margas Antlitz bald
wieder geschwunden.
Drüben über der Brücke -- sie wollten gerade noch ein paar Schritte die
Neustädter Hauptstraße hinaufschlendern -- liefen die Schwestern durch
einen Zufall Cousine Grasvogel in die Hände. Natürlich wußte sie schon
von der Reise der lieben Kinder. Es gab einen unausweichlichen Schwatz,
einen Regen von Fragen, die Elli beantworten mußte. Die Grasvogels
waren nämlich mit den Thieles auf Güstow, und zwar doppelt, verwandt.
Die Richthoffs und die Thieles, der Geheimrat und der Gutsbesitzer
waren die gesellschaftlichen Leuchten, in deren Glanz sich Cousine
Grasvogels armes Altjungfernherz vor der Mitwelt und sich selber
sonnte. Es gab da Grüße und Gott weiß was zu bestellen.
„Wie habt ihr's gut, daß ihr noch einmal in die Nachsommerfrische
dürft!” meinte sie begeistert.
Nachsommerfrische war eine Wendung, die Elli um Margas willen unliebsam
drohend fand. „Ja, Papa ist sehr gut. Entschuldige übrigens! Wir haben
noch schrecklich viel zu tun und zu besorgen!” Mit geschäftiger Hast
suchte sie sich von Fräulein Grasvogel loszuringen.
Doch die witterte mit dem sicheren Sinn der gereiften Weiblichkeit
schon länger zwischen Sommerfrische und Nachsommerfrische interessante
Zwischenfälle oder Übergänge. Ellis Hand ließ sie los, aber dafür hielt
sie die Margas um so fester. „Die Sägemühle ist euch aber auch gut
bekommen, nicht wahr, Marga?” flötete sie weiter.
Elli gewahrte mit Sorge, daß das Wort Sägemühle, das daheim verpönt
war, in Margas Mienen dieselbe Unruhe hervorbrachte wie zuvor auf der
Brücke der harmlose Kettendampfer.
„Ausgezeichnet!” antwortete sie, lauter als nötig, an Margas Stelle.
„Entschuldige nur, wir müssen --”
„Natürlich, ihr habt's eilig!” versicherte Cousine Grasvogel durchaus
verständnisvoll, aber ohne locker zu lassen. „Was mir gerade einfällt
-- ihr werdet gewiß verwundert --”
„Gar nicht! Gar nicht!” rief Elli. Sie wußte nicht warum, aber sie
ahnte, daß die gute Cousine noch mehr Unheil anrichten wollte, und
strebte, Marga am Arm zerrend, entschieden davon.
„Ach -- ihr wißt's am Ende schon lange! Nicht? Ich meine, daß der
liebenswürdige, nette Doktor -- wie heißt er doch? -- Doktor Perthes --
er war doch mal bei euch auf der Sägemühle, nicht? oder öfter -- und
auf dem reizenden Gartenfest im Juni, nicht? -- daß er sich mit Alice
Hupfeld verlobt hat? Vorgestern erfuhr ich's von --”
Elli hatte Marga mit Gewalt fortreißen wollen. Aber seit der Name
Perthes gefallen war, stand sie steif, schwer, unbeweglich. Und als
die für beide niederschmetternde Neuigkeit heraus war, stand auch Elli
einen Moment, wie vom Schlag gerührt, kreidebleich.
Cousine Grasvogel, die es nicht bös meinte, stockte in ihrem Redefluß,
selber bestürzt und sprachlos über die Wirkung ihrer Mitteilung.
In der nächsten Minute riß Elli Marga mit einem halb wütenden, halb
schmerzlichen Aufschrei herum und lief mit ihr, so schnell sie konnte,
heimwärts davon.
Marga selbst folgte willig und wortlos. Der Zufall wollte, daß sie fast
an derselben Stelle, wo ihr einst Käthe über Perthes' Liebelei mit
Hilde König eine erste Andeutung gemacht, diesen tiefen, über alles
Verstehen schmerzhaften Streich empfing. Das dumpfe, erregte Arbeiten
in ihren Zügen war in ein fast konvulsivisches Zucken übergegangen.
Ihre erstorbene Seele erwachte aus der bleiernen Erstarrung von Wochen.
Das Blut stieg und fiel in ihren Wangen mit heißen, beklemmenden Wellen.
„Ich glaube, wir sollten besser mit der Elektrischen fahren!” stieß
sie, nach Atem ringend, plötzlich hervor.
„Natürlich, Margakind!” Elli hatte die nächste Haltestelle erspäht.
Sie half Marga in den Wagen und schmiegte sich drinnen dicht an sie.
Sprechen konnte sie nicht.
Von der Station hinter dem Bahnhof erreichten sie schnell das Haus am
Wenzelsberg. Noch zu rechter Zeit.
Ein furchtbarer, herzbrechender, den Körper schüttelnder Weinkrampf
kam über Marga. Wehrlos mußte sie sich dem Schmerz überlassen, und ihr
lautes Schluchzen erfüllte vom Flur das Haus. Therese, Käthe, der alte
Herr stürzten herbei.
Noch nicht eine halbe Stunde später lag Marga mit hohem Fieber zu Bett.
In der Nacht wurde sie bewußtlos und redete irre. Alice, Perthes, die
Sägemühle, der rasselnde Schleppdampfer zermarterten in wirrer, grauser
Jagd ihr Hirn.
Geismar wurde gerufen. Er konnte noch kein bündiges Urteil geben,
äußerte sich aber sehr besorgt.
Am Morgen konstatierte er ein Nervenfieber.
Marga reiste statt zu Thieles auf Güstow weiter, viel weiter. Bis an
die Grenze zwischen Leben und Tod ...
13
Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am Bakteriologischen
Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung mit Fräulein Exzellenz
erhielt, da meinte er zu dem Überbringer, einem der Volontärärzte der
Chirurgischen Klinik: „Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!”
Im Grunde seines Herzens aber war er verblüfft. Noch verblüffter aber
war er, als er statt einer gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt:
Lieber Markwaldt!
Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer geschwankt, ob
ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich habe mich mit Fräulein
Alice Hupfeld verlobt. Ich denke, das wird Ihrem Schwanken ein Ende
machen.
Gruß Ihr Perthes.
Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren, dachte
Markwaldt kopfschüttelnd. Als er seinerzeit am Klinikerabend, auf
dunkle Gerüchte hin, Perthes aufgezogen und sich eine so erregte Abfuhr
geholt hatte, war er nur aggressiv gewesen, um dem „Unergründlichen”
einmal auf den Zahn zu fühlen. Er wußte, daß Perthes zum Richthoffschen
Hause in naher Beziehung stand, und glaubte nicht im Ernst an eine
Verbindung mit Hupfelds. Jetzt, wo sie doch plötzlich Wahrheit geworden
war, schien ihm die Sache nicht ganz behaglich, und er räsonierte,
menschenfreundlich wie er war: „Wenn sich der Junge nur nicht in die
Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!” Aber er bewunderte
doch den Tiefblick Professor Hammanns, seines Chefs. Der hatte zuerst
über Perthes das ahnungsvolle Wort „Heiratspolitiker” fallen lassen.
Nur so ~en passant~ und als Vermutung. In Markwaldts Augen war er
durch diese Probe weltmännischer Menschenkenntnis hoch in der Achtung
gestiegen, und der Assistent benutzte die nächste Gelegenheit, vor ihm
seine Bewunderung auszudrücken.
Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment mit mehr als
oberflächlichem Dank auf. Der gutmütig-klatschsüchtige Markwaldt, der
sich selber so findig vorkam und doch immer an der rechten Fährte
vorbeilief, konnte nicht wissen, daß er seinem Chef mit seiner
Anerkennung nur eine gemischte Freude bereitete.
Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug sich seit einiger Zeit
selbst mit heiratspolitischen Absichten. Daß er, der freiheitliebende
Junggeselle, dessen Herz für den Sport, dann für sich und erst in
letzter Linie für die Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung
gehorchte, lag nahe. Für Alice Hupfeld hatte er vor Jahren mal so etwas
wie eine Neigung zu empfinden geglaubt. Bei näherer Bekanntschaft
mit ihren gegenseitigen Charakteren mußten sie sich beide „für den
Ernst der Ehe ungeeignet” finden. Sie lachten sich also auseinander
und blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche Amateur
und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich daran dachte, seine
Unabhängigkeit dranzugeben, so mußte sie von anderer Seite bedroht
sein. Seine Vermögensverhältnisse hatten denn auch -- was außer ihm
niemand wußte -- in aller Stille einen schweren Stoß erlitten. Das
Kapital, das ihn unabhängig machte, steckte zum größten Teil in der
Bank eines für unbedingt sicher geltenden Onkels in den Rheinlanden.
Diese Bank kämpfte mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem
Schlag vor sehr beträchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr,
seine wohlige Lebensweise in unerhörtem Maß einschränken zu müssen.
Kein Wunder, daß er auf einen Ausweg sann, der das geringere Übel
bedeutete, und -- ~horribile dictu~ -- sich nach einer reichen Partie
umsah.
Die akademischen Kreise der kleinen Universitätsstadt zerfielen,
von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache in ein modernes und ein
rückständiges Lager.
Das rückständige Lager kam für ihn nicht in Betracht. Rückständig
waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit wie in alten Tagen
ein vornehmer Selbstzweck blieb. Es waren die Leute, die er meist
nicht einmal mit ihrem richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater
Richthoff, Wilmanns und Borngräber. Jedoch nicht nur Philosophen,
sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat Geismar,
und Theologen, von denen gar nicht zu reden war. Daß unter allerhand
Schrullen in dieser, wie es schien, aussterbenden Kategorie von
Hochschullehrern der beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem
Gelehrtenstolz steckte, war für Hammann uninteressant und nebensächlich.
Wichtiger, allein wichtig war für ihn die zweite Gruppe, die neben
der ersten allmählich als neue und moderne akademische Gesellschaft
herangewachsen war. Zuerst und vornehmlich rekrutierte sich diese aus
den Fakultäten, die wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem
praktischen Leben der Gegenwart näher standen als ihre selbstloseren
Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war ein großzügiger Hang
zum Kapitalismus eigen. Sie hielten die Legende vom Selbstzweck der
Wissenschaft um des guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden
sie zeitgemäßer, also kaufmännischer. Der typische Repräsentant der
neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie Hammann, zahlreiche
Kollegen aus den übrigen Fakultäten stellten den Chorus. Man wollte
nicht mehr nur forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des
Wortes auch leben. Alte Häuser, wie das am Wenzelsberg, mit steilen
Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene Butiken wie Borngräbers
efeuumranktes Landhäuschen paßten nicht zu solchen Anschauungen.
Gelehrsamkeit war etwas sehr Schönes, aber eine pompöse Villa im
Villenviertel, ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien,
ein Automobil, Dienerschaft -- kurzum, Luxus war mindestens ebenso
schön. Mit so vorgeschrittener Auffassung war aber auch die
Exklusivität des Akademikers, die ihn bisher nicht nur aus Dünkel,
sondern aus geistigem Unabhängigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von
anderen Ständen sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten.
Die moderne Hochschulgesellschaft erschloß sich denn auch naturgemäß
Elementen, die man früher hatte abseits stehen lassen. Um sich nichts
zu vergeben, erweiterte man die Grenze nicht nach unten, sondern nach
oben. Nach oben freilich im wirtschaftlichen und altständischen Sinne,
nicht im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu finden war.
Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze nach oben beruhte
seit einiger Zeit im Kreise derer um Hupfeld der Einfluß des Grafen
oder besser der Gräfin Hüningen.
Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer Beziehung zu einem
regierenden Hause stehend, hatte sein Domizil seit etwa anderthalb
Jahren in einem kleinen Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen
Jahrhunderts eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte. Nach
reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und späterer Attaché in
Konstantinopel und anderwärts waren jetzt seine Interessen in einer
ausschließlichen Liebe für Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah
ihn fast nie, und dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der
Arbeit gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt
als Überbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch anhafteten.
Die Gräfin dagegen, aus der steinreichen Familie eines ostdeutschen
Großindustriellen stammend, von mütterlicher Seite Amerikanerin, war
trotz ihrer fünfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe
jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewählt in ihrem Geschmack,
gewandt und geistreich in ihrem Auftreten, hatte sie sich überraschend
schnell in der vorgeschrittenen akademischen Gesellschaft zu einer
tonangebenden Stellung emporgeschwungen, die ihr allerdings die
„Rückständigen” nicht eingeräumt hätten. Mehr und mehr bildete sie mit
Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau zur Repräsentation
wenig geschaffen war, ließ sich die Teilung seiner Gewalt gefallen,
da die Gräfin es verstand, dem großen Manne zu schmeicheln. In ihrem
Geleit, man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter
Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein sehr hübsches
Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige Armut geerbt, die der
Beweglichkeit der Mutter als Folie diente. In sachlicher Würdigung
aller Umstände widmete sich Professor Hammann als ziemlich einziger
Verehrer der gutmütig-beschränkten Komtesse Edith.
Während Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten sich in
einer durchaus vertrauten Sphäre bewegen konnte, mußte Perthes, der
mit beiden Füßen von einem Lager ins andere gesprungen war, aus der
einfachen Behaglichkeit des Richthoffschen Hauses in die üppige, große
Welt der Hupfeld und Hüningen, sich an die neue Umgebung erst gewöhnen.
Doch das ging fürs erste überraschend gut und leicht. Dem glücklichen
Bräutigam zeigte sich das veränderte Dasein einstweilen nur von der
angenehmsten Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung begann
ein wahrhaft verteufelter Reigen von Besuchen und Einladungen, von
liebenswürdigen Familienfesten, Aussteuerkäufen und Zukunftsberatungen.
Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen Moment erhaschten, um
hinter irgendeiner Flügeltür der weiten, überladenen Zwölfzimmeretage,
die Hupfelds im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen wund
zu küssen. Aber gerade die seltene Möglichkeit, sich allein zu haben,
die Atemlosigkeit eines immerwährenden Taumels, der sie auseinanderriß
und nur eben zwischen Tür und Angel den Vorgeschmack einer tollen
Verliebtheit kosten ließ, erhöhte für ihn und Alice den Reiz. Diese
vergnügliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer neu, immer
lockend als das verführerische Irrlicht zu zeigen, das er begehrte, und
auch ihr die Freude an ihrem „Räuberhauptmann”, wie sie ihn endgültig
getauft hatte, in der rechten Spannung zu erhalten. Die Bewußtheit,
mit der Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders gearteten
Glückes hineingepeitscht hatte, schien schneller, als er erwartet, in
die Illusion völliger Befriedigung überzugehen. Er konnte tagelang
vergessen, mit welcher dämonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die
Verlobung mit Alice angestrebt und herbeigeführt hatte. Wohl konnte ihm
in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die Frage auftauchen, ob
es mit rechten Dingen zuging, daß er mit solcher Geschwindigkeit zum
Oberflächlichen und Mittelmäßigen „genas”. Aber derartige Momente waren
selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener zu machen.
Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt.
Ein einziges Mal, in den geräuschvollen Bräutigamswochen vor
Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen Rückfall bedroht. Es
war an einem Sonntagmittag. Das intime Familiendiner bei Hupfelds war
um ein paar Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein früherer
Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt der Inneren
Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt sich gerade mit Alice über
die unmittelbar bevorstehende Verlobung von Professor Hammann und Edith
Hüningen. Da machte ihn eine Äußerung des gegenübersitzenden Kollegen
aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin, einer Studentin
der Medizin, zwei Worte über einen schweren Fall von Nervenfieber in
seiner Klinik und nannte zufällig den Namen eines Fräulein Richthoff.
Perthes erblaßte und ließ seine Gabel ziemlich laut auf den Teller
klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so schwer es ihm
bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue Kreis, in dem er jetzt
ausschließlich verkehrte, berührte sich kaum mit dem früheren, so daß
ihm keine Nachrichten von drüben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde,
die er instinktiv auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mußte sich
beherrschen, um bei Tisch bleiben zu können.
Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung geschenkt hatte.
Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung verändertes Gesicht.
Sie hatte den Namen Richthoff so gut gehört wie er. Sie wußte, daß
zwischen ihm und den Richthoffschen Mädchen irgend ein Zusammenhang
bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder von einer Frage
abgedrängt worden. Jetzt hätte sie gern ihre Neugierde befriedigt.
Doch die Gelegenheit war nicht günstig dafür. Sie beschloß ihn nachher
auszufragen.
Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes mit einer flüchtigen
Entschuldigung.
Ohne Überlegung, nur seinem Gefühl folgend, eilte er auf dem nächsten
Weg zur Inneren Klinik.
Dort ließ er durch den Pförtner den Kollegen bitten, der den
Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein stiller, argloser, nur
seinem Beruf ergebener Mensch. Perthes brauchte keine Umschweife zu
machen. Er fragte also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wußte
sofort Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, daß er der jungen,
blinden Patientin etwas mehr als das übliche Berufsmitgefühl zugewandt
hatte, erzählte er, daß am Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller
Voraussicht nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr überwunden.
Perthes stellte noch einige fachmännische Fragen über den Verlauf der
Krankheit, bedankte sich und ging davon.
An der Befreiung, die er nach günstigem Bescheid empfand, merkte er,
daß er eine Wunde besaß, die nicht aufbrechen durfte. Er gestand es
sich nicht, aber er wußte, daß die entgegengesetzte Nachricht ihn
vernichtet hätte.
Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice.
Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte, als er auswich,
auch auf die Frage zurückkommen, die sie bei Tisch unterdrückt hatte.
Er schloß ihr den Mund mit Küssen und lenkte hartnäckig ab. Er hatte
diesen Rückfall abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein.
In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten übrig blieben,
beschäftigten die hundert Fragen von Einrichtung und Wohnung das
Brautpaar und die Eltern Hupfeld. Über die Wohnung gab es eine kleine
Meinungsverschiedenheit. Exzellenz war der Ansicht, daß sein künftiger
Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen müsse, die in der
Neustadt täglich wie Pilze aus der Erde schossen. Alice hatte das von
Anfang an nicht anders erwartet. Dagegen hatte Perthes seine Bedenken.
Sein eigenes kleines Vermögen -- daraus hatte er nie ein Hehl gemacht
-- war im Lauf seiner Studien und im häufigen Wechsel der Stellungen,
die sein wiederholtes Umsatteln mit sich brachte, so gut wie
aufgezehrt. Das Gehalt eines ersten Assistenten an der Chirurgischen
Klinik, wenn es auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht
einmal für ein einigermaßen angenehmes Leben zu zweien, wie es Fräulein
Exzellenz gewöhnt war. Dazu mußte die stattliche Rente mithelfen, die
sie als Mitgift bekommen sollte: um diese Abhängigkeit konnte Perthes,
so sehr sich sein Selbstgefühl dagegen sträubte, nicht herumkommen.
Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat nicht noch mehr
zu verpflichten. Wovon sollte er aber aus eigener Kraft eine Villa
kaufen?
Hupfeld ließ schon einen Agenten kommen. In Gegenwart der ganzen
Familie wurden Pläne von entzückenden Landhäusern besichtigt. Eins, das
in einer nagelneuen Bergstraße fix und fertig stand, fand allgemeinen
Beifall. Nach weitläufigen, fröhlichen Beratungen über die Verteilung
der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten und so weiter zogen die
Damen sich zurück. Der Agent machte den Herren seine geschäftlichen
Vorschläge. Die Gesellschaft, die er vertrat, bot glänzende Bedingungen
bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise wurden im
Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern gemacht. Perthes
benahm sich gegenüber der Verlockung sehr kühl und widerstrebend.
Exzellenz begriff erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete
den Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich offen
aus. Hupfeld erklärte mit dem feinen Lächeln des wohlwollenden
Grandseigneurs die Bedenken von Perthes für sehr ehrenwert, aber nicht
stichhaltig. Diese paar tausend Mark Anzahlung waren eine Lappalie.
Er wollte sie dem jungen Paar mit Vergnügen zum Geschenk machen. Als
Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte, wurde der
Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungnädig. Von einer Mietvilla, wie
Perthes sie vorschlug, wollte er nichts hören. Seine Alli hatte ja nun
auch gerade an diesem Häuschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes,
der in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf und
erbot sich, die Summe nur vorzuschießen. Damit mußte Perthes, wenn auch
ungern, sich schließlich zufrieden geben.
Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern, war seit einigen
Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen gewöhnlich für sechs bis acht
Tage nach St. Moritz. Da indessen die Hochzeit vor der Tür stand und
der Leutnant seine ledige Alli auch noch mal genießen wollte, wie
er aus Freiburg schrieb, wählte man diesmal den näheren Feldberg.
Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen Der Wintersport versprach
köstliche Feiertage ...
Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern Hupfeld mit Alice. Am
ersten Feiertag kam Perthes nach. Er fuhr im selben Zug mit der Gräfin
Hüningen, mit Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem
Coupéfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem Sporthabit
wie ein Salontiroler aussah.
Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in vollem Gange. Im Hotel
drängte sich eine internationale Gesellschaft, in der auch Offiziere,
Korpsstudenten, Professoren nicht fehlten. Ein Staatssekretär aus
Berlin, ein siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionär
bildeten die Zentralgestirne. Alice, die außer Cousine Hilla neuerdings
Edith Hüningen unter ihre Fittiche genommen hatte -- um Hammann bei
seinen „Pygmalionsversuchen” zu helfen, wie sie boshaft erklärte
--, war ganz in ihrem Element. Während Papa Hupfeld sich mit dem
Staatssekretär auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzüglich verstand,
ließ sie sich von der schlitzäugigen Siamesenschönheit Schmeicheleien
sagen und neckte den Boxcalfmann bis aufs Blut.
Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde es weniger leicht,
sich in diesem eigentümlichen Weihnachtstrubel wohl zu fühlen. Alice
erklärte, ihr Räuberhauptmann sei und bleibe zwar der netteste und
famoseste Junge in dieser internationalen Raritätensammlung, aber er
müsse eifersüchtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines Gamin,
ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte sie sich Sklaven und
Anbeter. Aber Perthes hütete sich, eifersüchtig zu sein. Zum mindesten
es zu scheinen. Wenn er sie dann glücklich vor sich im Davoser
Schlitten hatte, mit ihrer engen, weißen Jacke und der schiefen
Eismütze, preßte er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an
sich, die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an den
verschneiten Tannen vorbei zu Tal ...
Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller Festtag
rauschte vorbei: rührend in der Kirche -- denn man hielt auf religiösen
Anstand --, lärmend, luxuriös auf dem in blühenden Sommer verwandelten
Stift Nieburg. Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga, in
Tücher und Decken gehüllt, von Elli gestützt, von Vater Richthoff
und Käthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen Gang durch den
besonnten Hof am Wenzelsberg unternahm, brachte das Automobil Doktor
Perthes und Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn.
In Südfrankreich, später in Neapel flogen dem jungen Ehepaar die
Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei. Trunken vom Glück einer
entzügelten, unerschöpflich scheinenden Verliebtheit sahen sie einer
den anderen im zauberhaften Licht immer neuer Reize. Sie dünkten
sich andere Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten
Möglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins.
Im Februar kamen sie zurück.
Der Geheime Rat holte sie ab und führte sie im Triumph in das
entzückende, über Erwarten bequem und elegant ausgestattete Heim, wo
Mama Hupfeld mit unwandelbarer, dicker Kindlichkeit sie empfing.
Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre Zimmer.
Auf der Rückreise waren sie etwas schlaff geworden. Ein klein
wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen wollen -- nun die
Alltäglichkeit vor ihnen, das Außergewöhnliche hinter ihnen lag.
Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest, verkündete
Perthes, daß es für ihre Liebe überhaupt keinen Alltag gäbe, und Alli
bekräftigte diese Devise mit ihrem hellen, kurzen, aufreizenden Lachen,
das sich stärker erwiesen hatte als alle seine gemütvollen Torheiten
aus längst vergangener Zeit.
14
Der frische Luftzug, der dünne, schräge Sonnenstrahl, den Vater
Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen Reiseplan hatte in sein
Haus locken können -- wie flüchtig und trügerisch war er gewesen! Wie
schnell sollte die Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur
ersinnen ließ, um Marga „unter Freude zu setzen”, von verdoppeltem
Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen werden! Schicksal und Natur
hatten es mit Marga anders vor als väterliche Güte und schwesterlicher
Feuereifer ...
Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmänner ist ein seelisches
Prinzip der Träger des Lebens. Wenn das Leid an seine Wurzel trifft,
gilt kein Flicken und Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein müdes,
seelenloses Vegetieren, das der Körper mechanisch fristet, aber kein
Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene Wurzel treibt nicht
mehr. Vielleicht birgt das Erdreich, dem sie entsprang, eine zweite
Lebensmöglichkeit. Aber dann müßte die verkümmerte Wurzel schwinden;
es müßte ein frischer, jungfräulicher Boden zurückbleiben können. Die
Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund, kann diesen Boden
bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrünke nicht. Wenn sie beginnen,
den Organismus zu schädigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein
an, und die größte Gefahr birgt die größte Hoffnung. Nach schwerem
Ringen entscheidet sich der Sieg des Körpers über die feindliche und
doch freundliche Krankheit. Die erstorbene Wurzel ist vernichtet, die
alte Seele dem Erdboden gleich gemacht, dem neuen, keimempfänglichen,
lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprießen? Wird aus dem
Schoß des Unendlichen ein neuer Trieb hervorbrechen? Das weiß nur das
Schicksal allein. Denn das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur
den Boden bereitet ...
Den schwülen Wochen folgten die Wochen des Unwetters. Aber der
verdoppelte Kummer, die vervielfachte Sorge waren nicht grausamer als
das traurige, schleichende Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich
Feind gegen Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn mit
Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens ihre Tapferkeit
erweisen zu dürfen. Der alte Herr trug mutig seine Fahne. Die römischen
Cäsaren brauchten sich ihres Meisters nicht zu schämen. Er war, wie
alle guten Meister, auch ein guter Schüler in seiner eigenen Schule.
Und Käthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe denn je.
Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel erstieg, draußen
in der Klinik war all ihr Denken und Fühlen bei der Kranken. Wenn
es sein Beruf und die häuslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging
Richthoff am Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und
holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern
den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen und gingen Käthe und Elli
in friedlichem Wetteifer. Nach langem Warten oft nur ein Wort zu
erhaschen, war schon eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Käthe
nicht gewesen wären: Elli hätte das Krankenzimmer Margas aller Gefahr
und jedem Widerstand der Ärzte zum Trotz einfach gestürmt. Ihre Liebe
war in der Sorge so ungestüm wie in der Freude. Man kannte sie in
der Klinik vom Pförtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam,
wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswürdigkeit, ihre
nie entmutigte Überredungskunst. Und dann, als das Fieber sank, die
Ansteckungsgefahr gewichen war, als erquickender, stärkender Schlaf
Marga umfing, war Elli die erste, die sie sehen mußte: an der Tür
stehend, auf den Fußspitzen, mit den strahlenden, tränenschimmernden
Augen, vom Arzt und der Krankenschwester im Schach gehalten, damit sie
nicht auf ihr blasses, abgemagertes, verzehrtes Margakind losstürzte
und das „Häuflein Mensch”, das da so still und verfallen der Genesung
entgegenschlummerte, in ihren Armen zerdrückte.
Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station nach oben wurde mit
dankbarem Jubel begrüßt. Zehn Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die
Überführung Margas nach dem Wenzelsberg.
Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig wie
ein Junger, nur durch den aufgestülpten Rockkragen und das übliche
Samtkäppchen sich schirmend, im Vorgarten auf Posten. Als er den
Wagen aus der Querstraße heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber
ins Haus. Er wußte, daß er diesmal seine überzeugte Abneigung gegen
„Gruppenbildungen” unmöglich würde aufrecht erhalten können. Sie
mochten sich aber dann wenigstens nicht vor unberufenen Augen
vollziehen.
Lieber Gott, wie lange die Mädels brauchten! Er wartete ja schon ewig
auf dem ersten Treppenabsatz, wohin er sich zurückgezogen hatte, um in
jedem Fall über der Situation zu bleiben. Therese stand schon längst
unter der Glastür und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hände an der
Schürze ab, um Fräulein Marga zu begrüßen.
Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben kam sie durch
die Tür. Auf dem blassen Gesicht, in den zielverlorenen Augen glänzte
ein Widerschein von all der wärmenden Liebe, die sie umhüllte. Therese
sagte ihr „Grüß Gott!” Marga erwiderte mit ihrer sanften, herzlichen
Stimme.
Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn plötzlich ein, wie es gewesen wäre,
wenn er die Stimme dieses seines blinden Sorgenkindes nicht wieder im
Haus am Wenzelsberg gehört hätte. Und da hielt er sich nicht über der
Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz, und es gab eine
richtige Gruppenbildung, an der er selber mit zwei Küssen auf Margas
Wangen sehr gravierend beteiligt war.
„Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht! Herzlich willkommen.
Sich setzen! Sich stärken! Ausruhen!” Einmal ums andere strich er
die Haare über Margas Schläfen zurecht, die wenigen zarten, die die
Krankheit ihr gelassen. Er selber führte sie ins Eßzimmer und setzte
sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli erklärte feierlich,
es sei einfach unmöglich, daß andere Menschen sich so freuen könnten
wie die Richthoffs. Und Käthe vollendete in stummer Beglücktheit einen
schönen, tiefgründigen Satz für ihr Tagebuch, der verdient hätte,
gedruckt zu werden ...
Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt für Schritt den
alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg. Nun war Vater Richthoffs
„Bande” wieder beisammen. Nun trat er seine Paschawürde wieder an.
Während der zweite Teil der ersten Abteilung der „Kaisergeschichte”
seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es, daß die Türen wieder
unerlaubt ins Schloß knallten und Ellis Lachen aus der Dachstube oder
vom unteren Flur in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel
hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bös, stand auf, schob das
Käppchen von einem Ohr aufs andere und donnerte, Ruhe gebietend, durch
den Türspalt. Die Cäsarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige
Rosse beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein um die
Ehre, vom Gänsekiel des alten Herrn gelobt oder getadelt zu werden.
Erst der Frühling, der im Weinberg schüchterne Krokus und naseweise
Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga ein wenig Rot in die Wangen
und kräftigte ihre schmächtig gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und
wuchs, hervor aus neuem, unberührtem Boden, verriet sich kaum. Das
Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien wie in fernem Dunst
zerflossen zu sein. Die Krankheit hatte ihre Erinnerung geschwächt.
Weite Strecken des Gewesenen schienen wie ausgelöscht oder dämmerten
ohne ernsten Zusammenhang. Erst allmählich traten die Geschehnisse
in matterem, verändertem Licht wieder in ihr Bewußtsein. Sie sprach
nie davon, und Vater Richthoff und die Geschwister hüteten sich in
begreiflicher Scheu, daran zu rühren. Die Traurigkeit der großen Leere
-- war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die, die sie umgaben.
Laut und allzu lebhaft war sie auch in den Tagen ihres höchsten Glücks
nicht gewesen. Man war es deshalb schon zufrieden, daß sie nun wieder
sanft und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte. Das Klare,
Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum und die Reife inneren
Schauens und Erlebens -- all das regte sich noch kaum in ihr. Es war
schattenhaft und rissig wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu
nahe gewesen, als daß das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden
Frühling seine zaghafte Lust hätte zurückhalten können. Sie wollte
wieder. Und wenn es nur war, daß man sie in die Sonne führte, mit ihr
plauderte, ihr Blumen pflückte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli
sich zum erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg, wo
hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbäumchen zu blühen anfingen
und im junggrünen Schlinggewächs die Finken ihre Triller probierten,
breiteten sich ihre Arme wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich
zurück, als wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte
wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil empfangen: eine
neue Saat für eine neue Seele ...
Noch vor Semesterschluß brachte der erste Frühling eine Überraschung.
Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, daß es das neue Jahr im Ernst
besser meine als das verstrichene. Bei Käthe zeigten sich seit einiger
Zeit Symptome einer größeren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und
Weltklugheit als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie
und ihr Tagebuch zu erfüllen. Nach Weihnachten hatte Richthoffs
Schüler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen Tenor im akademischen
Gesangverein eine Rolle spielte, eine seltene Beharrlichkeit darin
gezeigt, Käthe nach den Proben heimzubegleiten. Käthe hatte sich bei
Bertelsdorfs Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte seine
Schwäche, sich bei den Professoren durch einen recht biegsamen Rücken
lieb Kind zu machen. So erklärte sie sich auch die Häufigkeit, mit der
er, im Wetteifer mit dem Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen
sie zur Tischdame begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz
zweifellos, sein Auftauchen in Kissingen. Im übrigen konnte man sich
mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfänglich für allerlei
wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben wußte; er war ein
geduldiger Zuhörer für Käthes Lebenserfahrung und Weltweisheit -- das
wog bei ihr seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fähigkeit,
sich ihr unterzuordnen, was für ihre Beurteilung von Menschen und deren
Wert gar keine nebensächliche Rolle spielte. Als er jedoch eines Abends
auf dem Heimweg von der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit ~a~,
~b~ und ~c~ entwickelte, überraschte er sie doch. Sie sagte zuerst
rund heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor gekommen
waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war, seine Werbung noch einmal
zur Diskussion stellte, versprach sie wenigstens, sich die Sache zu
überlegen.
Zunächst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit sich zu Rat -- in
all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen war. Einige Wochen dauerte es.
Nun hatte zwar ihr Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber
die Wage stand annähernd im Gleichgewicht. Und da machte Bertelsdorf
einen Vorstoß auf eigene Faust: er hielt in einem sehr detaillierten
Brief, der auch philologisch bemerkenswert war, bei Geheimrat Richthoff
in aller Form um seine älteste Tochter an.
Vater Richthoff hatte nach seinen jüngsten Erfahrungen einen Horror
vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm der Gedanke, daß seine Töchter
dem üblichen Los anderer junger Mädchen nicht für immer ausweichen
könnten, wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun einmal in
den Sternen zu stehen, daß er in die Ära hochzeitlicher Bedrängnisse
eingetreten war. Bei Käthe fielen die Bedenken fort, die den Entschluß,
als es Marga galt, so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schüler
wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen hatte.
Mehrere möglichst geheime Konferenzen mit Käthe folgten. Das Ergebnis
war, daß der Privatdozent der letzten beiwohnen durfte. In aller
Stille, ohne zu große Aufregung, verlobten sich die jungen Leute, und
der alte Herr gab seinen Segen.
Es war Käthes eigener taktvoller Wunsch, daß Marga so schonend wie
möglich von diesem Ereignis unterrichtet werden sollte. Elli wurde
zur Mittelsperson ausersehen und zuerst von Käthe eingeweiht. Ihr
fröhliches Herz, zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen
Umarmungen der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun.
Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von Diplomatie
keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga zwei Tage hindurch mit sehr
durchsichtigen Vermutungen und Andeutungen, bis dieser gar nichts
anderes übrig blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte
wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich in einer
schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das Vergangene hatte keine
Gewalt mehr über ihren neuen, jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil:
die Nachricht fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen
Boden. Es regte sich in ihr etwas von ihrer früheren Tapferkeit. Sie
ließ sich von Elli geradeswegs zu Käthe führen und brachte ihr mit
warmen, ungekünstelten Worten ihren Glückwunsch. Käthe war gerührt. Und
der Geheimrat, der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind
noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus bekommen hatte.
Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheißung des jungen
Frühlings für die alte Erde, ließen das Haus am Wenzelsberg nach innen
und außen so recht im gewohnten Schimmer seiner guten, warmherzigen
Behaglichkeit aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit in die
Stadt geflattert, so kamen in langen Zügen die Freunde des Hauses.
Papa Wilmanns rückte mit Frau und Töchtern an und schalt laut durch
alle Zimmer, sein Kollege Richthoff sei ein Heimtücker und Duckmäuser,
genau wie Borngräber. Auch ein Komödiant. Nun sehe man, was er den
Winter über ausgeheckt habe, als er so unleidlich gewesen. Borngräber
erschien natürlich auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache
ausgedacht, aber als er glücklich so weit war, hatte er vergessen,
um was es sich genauer handelte, und sprach in dunklen Worten von
einem frohen Ereignis. Man hätte ebensogut meinen können, er käme,
um Richthoff zur Großvaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau
Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weißen Scheiteln und dem
Krückstock; Cousine Grasvogel, ein bißchen kleinlaut nach ihren letzten
unglücklichen Leistungen, aber voll ehrlicher Rührung; Fräulein Lizzie
aus der Uferstraße; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervös, und
viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr an der Seite
des Brautpaars voll Würde abnahm. Elli und Marga standen abseits in
der Glasveranda vor dem Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes
Gewächshaus verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches zu hören.
Elli wünschte man Glück, so oft man sie sah, „einfach, weil so was
existierte”, wie Frau Achenbach scherzend meinte, und Marga, weil alle
sich freuten, sie wieder gesund zu sehen ...
Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen Räume am
Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders gestimmten Gästen öffnen
sollten ...
Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die Vorlesungen des
neuen Semesters wieder begannen, eine langersehnte, für die Forschungen
der Kaisergeschichte notwendige Italienfahrt geplant. Nach den
mancherlei seelischen Aufregungen des Winters versprach er sich von
den paar Wochen im Süden auch für seine Erfrischung das beste. Alle
Vorkehrungen waren getroffen. Der alte Herr fühlte seine jugendliche,
unerschöpfliche Begeisterung erwachen, wie sie ihn immer überkam, wenn
er nach Jahren wieder klassischen Boden unter die Füße bekommen sollte.
Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten Strich durch seine
frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber vor der Reise noch
einmal stellte, mehr besuchs- als konsultierenderweise, riet ihm
der ärztliche Freund kurzerhand von der Italienfahrt ab. Wie seine
Herztätigkeit dermalen beschaffen sei, wäre Gleichmäßigkeit der
Lebensweise gebotener als Veränderung.
Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe der Ärzte als
Kurpfuscher und Freudenverderber aufs ehrenrührigste. Lange trug er
sich mit der Absicht, trotzdem zu reisen. Aber dann kapitulierte er
doch vor der „Quacksalberei”. Für seine Mädels, die sich über seinen
jähen Planwechsel verwundern mußten, erfand er eine Geschichte in
grimmigen Bruchstücken: eine unerwartete Arbeit sei in die Quere
gekommen. Und er blieb. Den anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause
in den Ferien etwas Ruhe und Ausspannung zu gönnen, befolgte er nicht.
Unter keinen Umständen sollten ihn diese tyrannischen Menschenschinder
zum weichlichen Sybariten machen. Als echter Protestler rauchte er
zwischen seinen erbärmlichen, nikotinfreien Strohstengeln eine halbe
Kiste anständiger Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in
Bremen mit launigen Versen dediziert hatte.
Das Semester begann.
Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten befand sich eine
junge, hochgewachsene, brunhildenhafte Livländerin. Sie hatte dem
Geheimrat, der bisher keine Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon
im Wintersemester halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heißt, der
alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme, als er nicht, wie
er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg auf die Dame zuschritt und
ihr mit grimmiger Galanterie den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er
duldete sie. Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern
um sich eine liebenswürdige Schwäche zu verstatten. Als Ausnahme, die
die Regel bestätigt ...
Die junge Livländerin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen Augen.
Auch für den Sommer. Sie verehrte den alten Herrn. Es mußte ihr
gelingen, von der geduldeten zur offiziellen Hörerin vorzurücken.
Zur Verblüffung Thereses kam sie mit einem Strauß von köstlichen,
rosablühenden Rosen.
Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte „die” Hörerin des
Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns und tauschte mit ihr einen
lächelnden Gruß.
Dann trat das junge Mädchen bei Vater Richthoff ein, ihren Strauß wie
einen Schild vor sich hertragend.
Der Geheimrat saß am Schreibtisch und schlürfte den Kaffee, den ihm
Elli eben gebracht. Höflich stand er auf. Mit der Zuvorkommenheit,
die er Damen gegenüber nie vergaß, ging er ihr entgegen. Ihr Lächeln
erwiderte er mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst
du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr, um ihr die Hand
zu geben und sie zum Sitzen einzuladen, als er, offenbar durch einen
Fehltritt, zur Seite kippte. Mit beiden Händen suchte er am nahen Tisch
Halt. Die junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon mit
einer seltsamen Schwerfälligkeit in einen Sessel gesunken.
Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden nahm sie wahr, wie sein
Mund sich bewegte, ohne das dankende Wort hervorbringen zu können.
Eine krampfhafte Verzerrung arbeitete in seinem bärtigen Antlitz. Das
Sammetkäppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine Hand, die emporgriff,
um es hinauszurücken, fiel schwer zwischen die Rosen auf den Tisch. Der
Körper sank gegen die Lehne.
„Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?” stammelte das junge Mädchen mit
zunehmendem Schreck.
Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und ratlos an.
Sie lief nach der Tür und rief die Treppe hinunter, laute,
hilfeheischende Worte.
Elli kam von unten, Käthe von oben, beide mit fragenden, verwunderten
Mienen.
„Ihrem Herrn Vater ist unwohl geworden!”
Die Schwestern eilten mit der Fremden bestürzt ins Arbeitszimmer. Der
Anblick raubte ihnen einen Moment die Sprache. Dann schrien sie auf vor
Schreck.
Der Leib des alten Herrn war vornüber gesunken. Sein kahler Kopf, von
dem das Käppchen herabgeglitten war, ruhte mit den wenigen weißen
Strähnen auf dem Strauß von duftenden Rosen.
„Papa -- was ist dir?” Elli hatte sich neben ihm auf die Knie geworfen
und griff nach den schlaffen Händen.
Käthe rief nach Therese, nach dem Arzt. Sie rannte aus dem Zimmer. Elli
mit demselben Ruf besinnungslos hinter ihr drein. Von dem gleichen
Gedanken beseelt, stürzten sie aus dem Haus. Käthe nach dem nächsten
Fernsprecher, Elli zu Geismar.
Therese stand verständnislos und kopfschüttelnd unter der Küchentür,
sah die beiden Fräulein vorbeirasen, ohne ihre Worte zu verstehen, und
die fremde Dame, die sich unheimlich und überflüssig fühlte, ihnen
fluchtartig folgen ...
Marga war bei dem entsetzten Aufschrei der Schwestern aus der Tür ihres
Zimmers im Dachstock getreten, das Käthe vor ihr verlassen. Sie wußte
von nichts. Aber das Rufen, Laufen und Türenschlagen erfüllte sie mit
einer erschreckenden Ahnung, die ihr scharfer Instinkt schnell in die
klarste Gewißheit verwandelte.
Da unten, einen Stock tiefer, war der Tod eingekehrt. Sie meinte seine
eisige Kälte gegen ihre Wangen, ihre Stirn andringen zu fühlen.
Und mit der Gewißheit kam eine wunderbare, mechanische, gebietende
Sicherheit über sie. Mit einer langsamen Ruhe, über die sie sich selber
wunderte, stieg sie die Treppe hinunter und trat durch die offene Tür
in das Arbeitszimmer ihres Vaters.
Sie flüsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurück. Sie wußte, daß
es nicht sein konnte. Sie atmete den Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe
bebte sie zurück vor der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie
tastete um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch. Ihr
inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schöner als alle Wirklichkeit.
Sie sah das büchervolle, verqualmte Zimmer; sie sah den Tod, eine
anmutige Mädchengestalt mit einem Büschel Frühlingsblumen in lachenden
Farben, die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gütigen Gesicht
scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verständnisvollen
Lächeln sich über den Duft und die Blüten neigte und tief, immer
tiefer darin versank. Und stumm, andächtig, ein Bild im Bilde, saß sie
dabei und hielt Wache, während die Tränen sich leis und schwer aus den
blinden Augen lösten und über ihre gefalteten Hände tropften ...
Später kamen die Schwestern. Nach ihnen der Arzt, Hofrat Geismar. Er
konnte nur den durch eine Herzlähmung herbeigeführten Tod des Freundes
konstatieren.
Und dann kam es weiter wie ein wirrer, böser Traum, Stunde um Stunde,
vom Tag zur Nacht, von der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trübes,
düsteres Geleit.
Elli und Käthe waren wie gelähmt von Schmerz. Nur Marga behauptete
inmitten des Gedränges der kleinen, harten Notwendigkeiten ihr
Gleichgewicht. Mit ihr allein konnte Professor Wilmanns, der als erster
am Platz erschien und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar
und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten übernahm, sich
beraten und bereden. Das Schicksal hatte gesät. Rauh und herb. Aber
gerade dieser tiefe, große Schmerz ließ die neue Kraft ihrer Seele
emporwachsen: die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Stärke zu
leiden und zu lieben.
Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen so froh und festlich
gestimmt, zog trauernd durch das verwaiste Haus am Wenzelsberg.
Verwandtschaftliche und offizielle Beileidsbezeugungen von auswärtigen
Universitäten, vom Ministerium, von der Berliner und Münchner Akademie,
von seiner Burschenschaft; die würdige Feier in der Aula, bei der
Borngräber die knappste und ergreifendste Rede seines Lebens hielt, das
machtvolle Feiergepränge des akademischen Leichenzuges wogte daher und
wogte vorüber. Noch ein Druck von unzähligen, wohlmeinenden Händen am
Grab, und dann führte die letzte Kutsche die drei schwarzgekleideten
Richthoffmädels zurück ins einsame väterliche Haus ...
In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen hatten,
kam sich das alte Haus am Wenzelsberg schlecht und wurmstichig und
älter vor denn je. Es knackte in seinen Dielen, es streckte sich
im Gebälk und in den Wandfugen. Dann horchte es in sich hinein: es
war ein eigentümliches Knistern und Raunen im öden Arbeitszimmer
von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen, erzgemeißelten,
ehrfurchtgebietenden Cäsaren -- sie zogen aus Zetteln und Blättern, aus
Winkeln und Ecken durch die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie
hatten begriffen, auch sie, daß es zu Ende war.
15
Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte Leutnant Hupfeld
gelegentlich ausgerufen: „Ich kann mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli
mir als junge Frau zu denken, ist mir schlankweg unmöglich!”
Der frische, natürliche Junge hatte da ein Wort gesprochen, wahrer und
prophetischer, als er selber wußte.
Frau Alice Perthes war nicht zu Würde und Ehrsamkeit, oder, wie
sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau geschaffen. Ihre
Sucht, modern, chic, vorurteilslos zu sein, war nicht gemacht und
angelernt; sie ergab sich durchaus natürlich und folgerichtig aus
ihrem wurzellosen Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen
Temperament, ihrer spottlustigen, spitzbübischen Wechselnatur, wie
sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem graziös-leichtfertigen
Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Körper sich ausdrückte. Sie war
auch gar nicht gesonnen, in der Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das
flotte Mädel zu sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb
Alices Wahlspruch auch für die Ehe. Und Perthes, den eben diese
herausfordernde Mädelsmanier so leidenschaftlich angezogen hatte,
wiederholte ihr immer wieder: „Gerade wie du bist, Irrwisch, brauch'
ich dich und will ich dich haben!”
Die neue gesellschaftliche Atmosphäre, in die sich Perthes versetzt
hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren Annehmlichkeiten fühlbar
geworden. Ein elegantes, großzügiges häusliches Leben, Geselligkeit
im eigenen Heim, Geselligkeit draußen, der angenehme Nervenreiz
beständiger Abwechselung: das waren lauter Dinge, die ihm fürs erste
imponierten. Soweit es seine beschränkte Zeit irgend erlaubte und die
Rücksicht auf die sichere Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte,
es zuließ, machte er mit. Den großen Rout im Palais Hüningen, die
üppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern, kleine
und große Schmausereien bei Hammanns und anderen Bekannten -- ließ
er sich nicht entgehen, auch wenn er sich mal ein bißchen kaput und
ermüdet fühlte. Worin er sich bescheiden mußte, das war der Sport,
dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das Neueste, was die Gräfin
Hüningen einzubürgern suchte, war Polo, und Alice war Feuer und
Flamme für das Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein
Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft werden. Wenn er
zur Hauptmahlzeit zwischen sechs und sieben „mordshungrig” von der
Klinik kam, mußte er sich öfter allein servieren lassen, weil sein
Irrwisch noch „herumstrolchte”. Aber das Grundgesetz ihrer Ehe, das er
stillschweigend sanktioniert hatte, war die Freiheit hüben und drüben.
Sie mußte geachtet werden.
Mitte Mai -- er war eben am Schluß eines solchen Junggesellenmahls
angelangt -- kam Alice aus der Stadt heim. Gewöhnlich brachte sie einen
Sack voll Tagesneuigkeiten mit, die sie als Nachtisch zur gefälligen
Auswahl ihrem Räuberhauptmann auf den Tisch schüttete. Im Vorbeigehen
hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot gegessen und setzte sich dann
noch zur Unterhaltung neben ihn.
„Denk' mal an -- ich komme durch die Hauptstraße -- sehe an einem
Bücherladen ein Telegramm des Tageblättchens angeschlagen und denke
Wunder was passiert ist. Nachher steht weiter nichts drin, als daß
irgend ein oller Professor am Herzschlag gestorben ist!”
„Wer denn? Von hier jemand?” fragte Perthes ziemlich gleichgültig,
während er sein Glas mit gemischtem Rotwein an den Mund setzte.
„Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.”
„Doch nicht Richthoff?” Perthes setzte sein Glas ab. Er war
unwillkürlich betroffen.
„Doch -- Richthoff. Natürlich! So hieß er!” Alice, die die
enttäuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin und gedankenlos gelesen
und auch jetzt so vorplapperte, erinnerte sich nun des rechten Namens
und gleichzeitig einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer
nicht recht herausbekommen hatte. „Hast du nicht dort früher verkehrt,
Männi?” setzte sie harmlos hinzu.
Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie ihn lange nicht
gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit gründlich und dauernd
abgeschlossen. Aber diese Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte
oder nicht, Erinnerungen herauf.
„Gott, Räuberhauptmann, du machst ja ein gräßlich düsteres Gesicht. Was
ist denn los?”
„Schließlich handelt es sich ja auch um eine ernste Sache”, meinte er
zerstreut.
„Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?”
Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn und sann darüber,
was aus seiner „Bande” werden mochte.
„Du, das mußt du mir mal erzählen,” fuhr Alice unbekümmert fort. „Ich
weiß nämlich genau, wie es stand. Von Markwaldt. Du mußt einer von
den Töchtern mächtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der
Sprache!” Sie rückte zutunlich näher, wie um eine amüsante Geschichte
zu hören. Beglückt, nun endlich den rechten Faden gefunden zu haben,
den ihre Neugier immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem übermütig
flackernden Blick in die Augen.
Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem war ihm die Art, wie
sie ihn dazu drängen wollte, peinlich.
„Weißt du was?” sagte sie lebhaft. „Wir schließen einen richtigen
Handel! Du erzählst mir dein Abenteuer mit den Richthoffs. Ich erzähle
dir dafür, wie ich mich um ein Haar mit Hammann verlobt hätte, willst
du?” Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd seinen
dichten, schwarzen Bart.
Er ließ es eine Weile geschehen. Dann löste er sich aus ihrer
Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er nur mit halbem Ohr gehört.
Er war erfüllt, bedrückt von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs
in ihm lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine solche
Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem Druck zu befreien,
war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens jetzt nicht, wo er
seiner Stimmung entgegenkam. Und dann erwachte die Lust in ihm, diese
dämonische Lust, mit der er sich zu Alices Lebensgefährten gemacht
und sich von einer erträumten Höhe heruntergeholt hatte: er wollte
versuchen, die alberne Bürde vergangenen Schwersinns mit einem Ruck
vollends abzuwerfen.
So gab er nach. Mehr sich als ihr.
In einem von Sarkasmus und verschämtem Ernst gemischten Ton begann
er seine idealistische Epoche zu schildern. Aber es gelang ihm
nur im Anfang, gegenüber den Menschen und Dingen von einst die
leidenschaftslose Überlegung festzuhalten. In dem Maße, als er sich
dem Mittelpunkt seiner Erinnerungen näherte, fühlte er, daß er seine
Kraft überschätzt hatte. Er wurde warm. Eine schwermütige Verbissenheit
zerhackte seine Sätze. Das Gedächtnis Margas sträubte sich gegen jede
Entweihung. Er konnte über dieses Mädchen und diese Liebe nicht mit
dem Achselzucken der großen Welt hinwegkommen, das er seiner Umgebung
für so manches andere abgelernt hatte. Warum hatte er sich verführen
lassen, den Schleier von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er
nicht abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht Einhalt
gebieten. Als müßte er sich für die Taktlosigkeit seiner Enthüllungen
bestrafen, suchte er mit nervös hervorgeschleuderten Worten und
Sätzen ein gerechtes Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen
Mittelmäßigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte. Es war eine
Sisyphusarbeit, der er erliegen mußte. Er hatte sich verrannt und fand
keinen Ausweg, bis ihn ein Blick auf Alice ernüchterte.
Sie saß zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah ihn mit verwunderten,
belustigten Augen unentwegt an, wie er, gleich einem fremden, spaßigen
Tier im Speisezimmer auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker
wegstoßend, dort an einem der türkischen Kelims zerrend oder eine der
Kristallkaraffen auf dem Büffet vom Platz rückend.
Er stand still und schwieg.
„Aber Maxi”, kicherte sie leise. „Daß du so ein sentimentaler Junge
warst, noch vor nicht einem Jahr, das hätt' ich mir denn doch nicht
träumen lassen! Geahnt hab' ich ja den Spießer immer 'n bißchen --”
„Nicht wahr? Unglaublich!” stieß er hervor. Es klang gar nicht spießig,
sondern eher wild und zornig.
„Und noch heute sprichst du von deiner Angebeteten wie von einem
Wunder! Und blind war sie auch? Einfach romantisch, Männi! Bürgerlich
und romantisch! Gibt's nicht ein Lustspiel, das so heißt? Und dabei bin
ich überzeugt, sie war auch nur ein biederes, sentimentales --”
„Lassen wir's!” schnitt er ihr das Wort ab. „Dummheiten, du hast
recht!” Er lachte gezwungen.
Sie war aufgestanden und hatte sich ihm genähert. Sie ließ ihr Lachen,
das kurze, helle, aufreizende, in das seine klingen.
Er stand ihr gegenüber. Das Blut ging wie eine Welle durch seinen
Körper und flirrte vor seinen Augen. Er erzitterte und ballte die
Faust. Dann ergriff er sie und riß ihre Arme auseinander, als wollte er
sie zerbrechen.
Sie stieß einen Wehruf aus.
Er bog ihren Kopf beinahe brutal zurück, nahm ihn zwischen seine
starken, großen Hände und senkte seinen Blick in die schillernden,
boshaft-schillernden Augen. Wer war denn das, der über ihn, über sein
prostituierendes Geständnis, über alles, auch das Ernsthafteste, was er
einst besessen und hochgehalten, lachen, so lachen durfte? Wo war das
Geheimnis hinter diesen Augen? Wie war sie beschaffen, diese Seele oder
was es war, dieses ewig Kichernde und Spottende? Wo war der Grund in
diesem Ungrund?
Sie wand sich los. Dieser wühlende, dringende Blick war ihr ungemütlich.
„Wahrhaftig, ich glaub', du fängst an, bei mir noch Gemütsstudien zu
machen? Auf deine Räuber- und Bärenmanier! Das laß mal besser sein!”
schalt sie. „Da verschieb' ich mein Geständnis lieber. Wir müssen
sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um neun. Ich mach' mich
zurecht!” Sie glitt aus dem Zimmer.
Perthes stand einen Augenblick unschlüssig, mißgelaunt. Er hatte keine
Lust, heute unter fremde Menschen zu gehen. Also Vater Richthoff war
gestorben. Und er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem
Bekenntnisse -- -- Warum nicht? Das war der echte Perthes! Gewiß! Und
der echte Perthes ging in sein Ankleidekabinett, um sich für Hammanns
umzukleiden ...
Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit Perthes als
Gegenleistung für seine Ernennung zum ersten Assistenten auferlegt
hatte, konnte er als Schwiegervater nicht in ihrer vollen Strenge
durchsetzen. So erklärte er sich denn auch damit einverstanden, daß
Perthes sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten,
die dem Eintritt in den Lehrkörper der ~Alma mater~ notwendig
vorausgehen mußten, nahmen im Lauf des Frühjahrs mehr und mehr auch
seine kurze Freiheit in Anspruch. Er mußte sich zunächst aus dem
gesellschaftlichen Strudel etwas zurückziehen. Für seine Person wurde
ihm dies dadurch erleichtert, daß er sich von dem ewigen Hin und Her
nachgerade ein wenig ermüdet und übersättigt fühlte. Und dann machten
ihm die unverhältnismäßig hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle
Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und er ergriff gern die
Gelegenheit, sie durch seinen unauffälligen Rückzug möglicherweise
einzuschränken.
Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen nichts mitzuteilen.
Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen der
Geselligkeit auszuweichen begänne -- seine wissenschaftlichen Gründe
dafür schien sie zu würdigen --, würde auch sie allmählich ganz
naturgemäß nicht mehr soviel ausgehen wollen.
Doch darin hatte er sich getäuscht.
Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amüsieren. Sie
dachte nie daran, von ihren Passionen und Unterhaltungen, von all den
Ansprüchen ihres verwöhnten Mädchenlebens in der Ehe auch nur das
Geringste entbehren zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach der
Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre Ungebundenheit
erst recht genießen. In ihrem Elternhaus hatte es kaum einen Wunsch
gegeben, den sie sich zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt
keine Rede sein. Was aber den Reiz gegen früher erhöhte, war, daß
jetzt neue Bedürfnisse ihrem Belieben unterstellt waren. Eine Hausfrau
im gewöhnlichen Sinn zu sein, dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber
Aufträge zu geben, ins Blaue hinein zu verfügen und zu befehlen,
besonders aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspaß. Ihre Ausstattung
an Gegenständen der Einrichtung, der Wirtschaft, an Toiletten und
Kleidungsstücken jeder Art war mehr als reichlich. Und doch nicht
reichlich genug, um vor den unerschöpflichen Einfällen ihrer Laune zu
bestehen.
Unter dem Patronat der Gräfin Hüningen vollzog sich im Kreis der
modernen akademischen Gesellschaft jener stoßweise Wandel von
Liebhabereien und Modetorheiten, der jedem Monat seinen neuen Heiligen
gab. Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam für einige
Wochen den musikalischen Koller, der kein Konzert vorüberließ, die
Tees, die Soireen, die ganze Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann
mußte man plötzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache,
Kunstgeschichte, diese Erbdomäne aller Dilettanten, zu treiben oder
Literatur bei einem plötzlich zum Stern erster Ordnung erklärten jungen
Professor zu hören.
Doch bei solchen geistigen Anfällen, die Alice nur aus Mode und nicht
aus irgendwelchem Interesse mitmachte, blieb es nicht. Man schwärmte
serienweise für bestimmte kostspielige Stoffe, für echte Spitzen, für
Kopenhagener Porzellan, für eigenartige Intarsien, für Seltenheiten
und Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust wie ein
Fieber erregten.
Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind machte, drückte
auch späterhin, solang' es irgend ging, seine Augen standhaft zu. Da
Alice mit ihrer Rente den Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt,
war seine Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit der
Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er redete sich auch ein oder
glaubte wirklich, diese Kaufwut werde sich abschwächen und von selber
eindämmen. Aber als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr
um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen ließen, ohne daß
man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten, wurde er
aufmerksamer und kritischer. Mit dem Schrecken des Mannes, der sich
nie viel um Geld gekümmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung,
ohne sich dessen genau bewußt zu sein, gewisse solide Maßstäbe ererbt
hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verständnis überstiegen. Es war ihm
unverständlich, wie ein paar Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig
Mark, ein spitzenbesetztes Hemd sechzig Mark sollte kosten müssen
und können. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es müßten da
Mißverständnisse, Irrtümer, Beutelschneidereien mitunterlaufen, denen
seine kleine Frau unschuldig zum Opfer fiel.
Er wagte bei der nächsten Gelegenheit -- es handelte sich um einen für
seine Begriffe unerhört teuren Abendmantel --, Alice zu befragen.
„Aber Männi -- davon verstehst du nichts! Ich finde den Mantel
billig!” erklärte sie achselzuckend. Sie hatte, wie sie erzählte, sich
sogar einen besseren „verkniffen” und war ordentlich stolz auf diese
Einschränkung.
Perthes verstummte. Er war verblüfft. Hartnäckig bewahrte er noch
einige Monate den guten Glauben, daß da etwas nicht mit rechten Dingen
zugehe. Er hätte sich gern bei irgendeiner Dame Aufklärung geholt,
ob das so sein müsse, aber er fürchtete, sich lächerlich zu machen.
Schließlich war er gezwungen, sich über die Folgen, die eine solche
Lebenshaltung haben mußte, doch ernstlich zu besinnen. Er rechnete die
steigenden Ausgaben gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden
Resultat.
Nun blieb nichts anderes übrig: er mußte mit seiner Frau sich
aussprechen.
Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand noch schwerer, als
er sie schon an sich nahm. Alice sah für den Herbst einem frohen
Ereignis entgegen. Als sie ihm ziemlich spät und ziemlich beiläufig
davon Kenntnis gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war
so wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem täglichen Trubel,
daß sie für seine gefühlvolle Auffassung nicht Zeit hatte. Gleichwohl
behandelte er sie von da an mit doppelter Rücksicht. Deshalb kam ihm
diese Auseinandersetzung über Geldfragen so ungelegen wie möglich. Er
nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten.
Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den großen Ferien, kam ihm die
Gelegenheit entgegen.
Von der Klinik zurückkehrend, betrat er ihr Zimmer, das neben dem
Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack und Komfort ein kleines,
von Mama Hupfeld ausgestattetes Reich für sich bildete. Er wollte Alice
begrüßen, die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb er verdutzt
stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine wahre Ausstellung
eröffnet. Die verschiedensten Handarbeiten, als da waren Knüpfteppiche,
Sofakissen, Tischläufer, Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils
und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Stühle, den Tisch.
Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem Inhalt lag auf dem Boden.
Daneben saß Alice, mit dem Aufschnüren eines zweiten, kleineren Pakets
beschäftigt. Das heißt, sie suchte die Schnur aufzureißen. Als das
nicht ging, probierte sie es mit den Zähnen. Und in dem Moment, als
Perthes sich bemerkbar machte, hatte sie eben wohl oder übel aufstehen
wollen, um die Schere zu holen.
„Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?” lachte sie
belustigt.
„Es sieht beinahe so aus,” erwiderte er mit einem verwunderten Blick
auf dies Warenlager.
„Ach gib mir mal die Schere.” Sie deutete nach ihrem Schreibtisch.
„Alles für den Bazar im November,” erklärte sie, während er ihr die
Schere reichte.
„Für welchen Bazar?”
„Na -- ich erzählte dir doch schon immerzu davon. Wir machen ein
Wohltätigkeitsfest. Ich glaube für Säuglinge oder Seemänner oder so
was. Eine feudale Sache jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Gräfin
ist Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude zu
übernehmen. Dafür kauf' ich eben ein!”
„Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle kaufen, wie sie hier
sind?”
„So ziemlich!”
„Und dann willst du sie selber --”
„Du -- das ist ja eben der Trick! -- Ich mache an jedem ein paar
Stiche. Wenigstens an manchen. Das Übrige gebe ich fort. Nachher mach'
ich aller Welt weiß, jedes Stück und jeder Stich sei von mir. Die Leute
werden's nicht glauben, aber sie werden sich drum reißen! Ach -- und
dann, du glaubst nicht, was wir für Überraschungen vorhaben. Das wird
keine so abgeleierte, gewöhnliche Wohltätigkeitsschnurrerei! Werden
uns hüten!” Und nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den
Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der sie stets
ihre längeren Erklärungen abgab, überall dort, wo ihr nicht gleich das
Wort einfiel, sich mit „so'n Dingsda!” behelfend. Perthes hätte ein
Zeichendeuter sein müssen, wenn er diese Kette von „Dingsda” sich hätte
auslegen können.
Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm seine Geduld
zusammen und hörte scheinbar aufmerksam zu.
„Du vergißt, Alli”, begann er dann vorsichtig, „daß dein Zustand dir
vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt --”
„Na, höre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen, mich zu
kasteien.” warf sie dazwischen.
„Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der Vorbereitungen wirst du
nachher nicht gewachsen sein. Und überdies: wer weiß, ob du im November
schon wieder dabei sein kannst?”
„Das fehlte gerade!” sie sah mißmutig zu ihm auf. „Weißt du, dann
pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergnügen, wenn --” Sie vollendete
den Satz nicht. Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. „Das
fehlte gerade!” setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war außer
sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Störung könnte ihr Vergnügen
beeinträchtigt werden.
Perthes kannte Alice zur Genüge, um ihre Gefühle an ihren Grimassen
abzusehen. Ihre Frivolität verletzte ihn. Sie bestimmte ihn, den
Augenblick nicht vorbeigehen zu lassen, ohne die immer wieder
verschobene Aussprache herbeizuführen. Er machte sich einen Stuhl frei
und zog ihn in ihre Nähe.
„Ich möchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen, Kind!”
„Noch ernster?” Es zuckte sehr wenig ernst um ihren Mund.
„So leid es mir tut -- sei mir nicht böse und mißversteh' mich nicht --
ich muß dir das aber sagen: du solltest deine Kauflust ein klein wenig
einschränken!”
„Ich -- meine Kauflust? Und wieso?”
„Wir müssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe gerechnet und --”
„Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!” stieß sie mit einem
komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern hervor.
„Ich verlange es ja nicht von dir,” meinte er mit gutmütigem Lächeln.
„Aber ich muß das wohl. Schulden machen ist nicht mein Fall. Und so,
wie der Hase jetzt läuft, kann er nicht weiter.” Er bemühte sich nun,
ihr so ruhig und klar wie nur möglich, so schonend, als er nur konnte,
einen Begriff von den Mißverhältnissen ihrer Einnahmen und Ausgaben
zu geben. Ohne alle überflüssigen Einzelheiten. Sehr sachlich und
überzeugend.
Anfangs hörte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster aus den Paketen
und ließ sie durch ihre Finger gleiten. Als er fertig war, sagte sie
außerordentlich gelassen, ohne auch nur aufzusehen: „Männi -- weißt du
-- eigentlich brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!”
„Aber wen denn sonst?” gab er, sich beherrschend, zurück.
„Sprich doch einfach mit Papa. Der ist für so was da. Der soll seinen
großen Beutel 'n bißchen weiter aufmachen. ~Voilà tout!~” Sie sagte das
so kühl und sicher, als gäbe es keine selbstverständlichere Sache.
Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er fühlte, wie ihm das
Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu bleiben, machte er ein paar Schritte.
Beim Fenster drehte er sich um.
„Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um jeden Preis
vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter nehme ich von deinem Vater an!”
Seine Worte lauteten sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte
Schärfe durch. Um sie gut zu machen, meinte er: „Das mußt du übrigens
selbst einsehen!”
Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam beiseite. Dann
schob sie ihre feinen, schmalen Hände im Schoß ineinander und blickte
ihn von unten nach oben, mit dem malitiösen Blick ihrer Mädchentage an.
„Das versteh' ich nicht. Verzeih -- aber das wäre ja unglaublich
philiströs gedacht!”
„Philiströs, beste Alli,” -- er reckte sich nervös -- „philiströs ist
ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame etwas vorsichtiger sein
sollte! Es ist sehr bequem, all das philiströs zu nennen, was einem
nicht in den Kram paßt!”
„Oho, Männi!”
„Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich erwarte, daß du ihn
würdigst. Und ich bitte dich --” er suchte von neuem seinen schroffen
Ton, der sich ihm ungewollt gab, zu mildern und steckte die Hände, die
zu lebhaften Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die Taschen
seines Jacketts. „Ich bitte dich, dich danach einzurichten. Ich
verlange von dir nichts Außergewöhnliches. Nur ein bißchen Mäßigung und
Beschränkung. Du wirst das mir zu lieb tun!”
Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken zurück und
tätschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann verschlang sie die
Hände hinter sich und dehnte sich. Sie unterdrückte ein Gähnen.
Perthes war empört über ihr Gebahren. Er fühlte, wie die Kraft, sich zu
beherrschen, ihn verließ. Um nicht loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.
Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich hin, während
sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr. Die Geschichte an
sich imponierte ihr gar nicht. Sie hatte sie auch schon wieder halb
vergessen. Aber sie glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu
haben: der Philister in ihm -- den sie als Mädchen schon gewittert,
aber nun gebannt glaubte -- dieser Philister hatte hinter ihm
hervorgelugt! Das war häßlich! Das degoutierte sie! Dafür würde sie
sich bedanken!
Und ihre spitze, feine Zunge züngelte ganz zufällig zwischen den Lippen
hervor und streckte sich einen Augenblick wegwerfend in einer nicht zu
mißdeutenden Richtung ...
16
Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger Wochen das Haus am
Wenzelsberg überfallen hatte, war so plötzlich hereingebrochen, so
ohne alles Vorwissen und Vorbereitetsein, daß das Leid der Schwestern
mit jedem Tag, da sie sich seiner Größe und seines Umfanges bewußter
wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan war der Tod mit
seinem Gefolge von Anstrengungen und Aufregungen über sie hingefahren
und hatte sie betäubt; jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis
müsse sie mit der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen.
Es verging keine Stunde, ohne daß der alte Herr, so gut in seinem
Grimm, so männlich in seiner rauhen Selbstwehr eines feinempfindenden
Herzens, so humorvoll in seiner gestrengen Paschawürde, für jeden
und jedes fehlte. Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden,
freien Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als
hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen des Alltags
unter scheinbaren Schwächen und Willkürlichkeiten durchgeschimmert.
Seine Allgegenwart hatte das Haus erfüllt und gewärmt, auch wenn er
abseits im zettelreichen, bücherverbauten Schreibtischwinkel saß und
nur für seine römischen Kaiser zu sprechen war. Was hätte Elli darum
gegeben, wenn er sie zur Antwort auf eine vorwitzige Frage, mit der sie
bei ihm eindrang, aus seiner Stube hätte werfen können! Wie gern hätte
Marga sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemüt stählen zu
müssen -- er, der der Gütigste und Besorgteste war, so oft das Leben
sie hart anfaßte! Und Käthe, wie willkommen wäre es ihr gewesen, ein
plötzliches „Blaustrumpf!” an den Kopf zu bekommen! All das -- und sein
Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht auf der obersten
Treppe, der gefährliche Kaffeeturnus am Nachmittag, all das und tausend
anderes war vorbei. Vorbei mit jenem „nie wieder!” dahinter, das so
grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann.
Elli, die sonst so schnell ihre Tränen weglachen konnte, war die
Verzweifeltste. Die Härte des Lebens war diesmal zu nah und unmittelbar
an ihre frohe Kindlichkeit herangetreten. Auch Käthe, die besonnene
Käthe, erholte sich nur mühsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not
zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft
zusammenführte, mußten im Verein mit dem unermüdlichen Wilmanns alles
aufbieten, um die beiden aufzurütteln und aufzurichten.
Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte nur zu bald ein
lebenstüchtiges Wollen und Entschließen.
Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher, aber kein
großer Haushalter gewesen. Ein Vermögen hatte er nicht hinterlassen
können. Das Haus war mit Hypotheken belastet. Eine kleine
Lebensversicherung gab höchstens die Mittel für die nächste Zeit.
Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschäftlichen Nachlasses den
Geschwistern ihre Lage dar. Für Käthe war gesorgt. Bertelsdorf war
wohlhabend. Obwohl er seine Verbindung mit Käthe nicht zuletzt auch
nach akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu anständig,
um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit sollte, sobald es irgend
anging, in aller Stille erfolgen.
Aber Marga und Elli?
Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav wie immer
benahm, stand tatsächlich vor seinem Staatsexamen. Den Doktor hatte
er glücklich hinter sich. Aber auf Jahre hinaus konnte er noch nicht
daran denken, ein Heim zu gründen. Für Marga stand fest, daß Elli und
sie sich, womöglich Seite an Seite, eine wenn auch noch so bescheidene
Existenz schaffen müßten. Sie, die Blinde, deren Zukunft den Freunden
am trübsten und aussichtslosesten vor den sorgenden Augen gestanden,
war von vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein, sondern
mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben anzugreifen und ihm ein
Stückchen Unabhängigkeit abzugewinnen. An ihrem Mut rankte sich auch
Elli empor.
Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmöglich, etwas zu
entdecken, das den beiden eine auskömmliche Zuflucht bot.
Hundert Pläne wurden ausgedacht und wieder verworfen. Immer scheiterte
die Möglichkeit der Ausführung an einem neuen Hindernis: sei es, daß
die Ausbildung zu einem bestimmten Beruf unumgänglich nötig war, daß
andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfüllen ließen oder daß
wohl die eine, aber nicht die andere Schwester ihre Unterkunft finden
konnte.
Eines Abends vor dem Schlafengehen -- es waren schon Wochen vergangen,
Käthes Hochzeit und die Trennung von ihr standen dicht bevor, das Haus
war zum Verkauf ausgeschrieben -- erklärte Elli mit einem komischen
Stoßseufzer, der die Rückkehr ihres Frohsinns ankündigte: „Nächstens
werden wir für uns eine ‚Kleinkinderbewahranstalt‛ suchen müssen!”
„Warum für uns?” meinte Marga ernsthaft. „Wir könnten ja --” sie
stockte und überlegte.
„Was könnten wir?” forschte Elli.
„Nun, ich dachte -- aber es wird auch nicht gehen -- wenn wir einen
Kindergarten gründeten!” Sie mußte selber über diese Idee lachen,
und Elli stimmte ein. Sie spannen das Unmögliche weiter, und es sah
auf einmal gar nicht so unmöglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor
Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt. Vielleicht war
ihm kein besseres Los beschieden als vielen anderen. Wahrscheinlich
würde es im Frühlicht des nächsten Tages schon nichtig erscheinen. Aber
für jetzt konnte man neuen Mut daraus schöpfen. Und es schlief sich so
gut darüber ein ...