noch sehen lassen konnte. Wenn auch von der Idee zur Wirklichkeit
der Weg weit war, Marga und Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom
Zufall geschenkten Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich
schnell, daß sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl einfach
und häuslich erzogen oder besser durch gesunde Anlagen geworden,
waren sie doch als zwei Geheimratstöchter nicht vorbereitet, sich mit
unmittelbaren und harten Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen.
Zum Glück war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht
nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch mit sozialen
Verhältnissen Bescheid wußte. Nicht aus Sport, wie die Gräfin Hüningen,
aber aus dem Bedürfnis eines liebevollen Herzens und eines geraden
Sinnes. Auch nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus,
sondern weil für sie das Soziale sich ebenso von selbst verstand, wie
es das Moralische soll. Es war dies die majestätische Frau Geheimrat
Achenbach mit ihren silberweißen Scheiteln und dem Krückstock, die
besondere Freundin Borngräbers. Professor Wilmanns erzählte ihr
gelegentlich ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner Schützlinge.
Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst nahm sie den beiden alle
Illusionen und machte sie rechtschaffen kleinmütig. Weil man nun
einmal, wie sie überzeugt war, ein Haus nicht von oben herunter aus
der Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen mußte. Dann
aber, als die Schwestern dachten, sie würden also auch auf diesen
Plan verzichten müssen, weil keine die nötigen Vorkenntnisse, die
Ausbildung, keine die Erfahrung und Umsicht besaß, deren es bedurfte,
versprach Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen.
Und sie hielt Wort.
Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum Plan die feste
Gestalt sah.
Da gab es zunächst für Ellis Ungestüm eine harte Probe. Durch
Vermittlung von Frau Achenbach fand sich für sie in einer benachbarten
kleinen Stadt ein Unterschlupf als Volontärin in einem großen
Erziehungsheim, dem ein Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und
Margas Schmerz mußten sie sich für eine bis dahin unerhörte Zeit
trennen. Was sollte so lange aus Marga werden?
Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft worden. Ein
kleiner Überschuß, zusammen mit der mageren Versicherungssumme, auf
deren eines Drittel Käthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte
für zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf hatte
das Glück, einen Ruf als Extraordinarius an eine technische Hochschule
in Mitteldeutschland zu erhalten. Er zog mit seiner Frau -- die
stille Hochzeit wurde im Juni gefeiert -- nach herzlichem Abschied
noch im Lauf des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontärstelle als
Kindergärtnerin demnächst antreten. Marga mußte für sich einen Ausweg
finden und fand ihn: Onkel Thiele auf Güstow in Pommern hatte zwar
nicht zur Beerdigung seines Stiefbruders kommen können, aber brieflich
jede Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel, die in
ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhältnis standen, fähig wäre.
Marga nahm die Hilfe für sich an. Elli brachte sie nach Pommern.
Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor Ellis blühender
Phantasie gestanden hatte. Aber schön war sie doch. Unterwegs
begrüßte man Wilkens, der in einem sächsischen Nest eine erste
Hilfslehrerstelle gefunden und angenommen hatte. Schwermütig war er
noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz, sein Examen
gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswürde. In Berlin gab es
zwar keinen ungemessenen Vergnügungstaumel, wie Ellis Feuerwerk ihn
einst vorgezaubert. Aber bei dem schon früher in Anspruch genommenen
Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben und sah von
der „Weltstadt” genug, um die schaudernde Andacht nicht nur nicht
enttäuscht, sondern erhöht zu sehen. Und der Empfang in Güstow war
einfach urgemütlich: die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen,
die brave, beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten,
jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grünen Hut mit der
Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn, freuten sich „doll” und
führten Elli und Marga im besten Wagen nach Gut Güstow. Sie taten dort,
was in ihren Kräften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch zu
machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete, war es mit einem
weinenden und einem lachenden Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles
nicht fortfahren, sogar wenn es Marga zu verlassen galt.
Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der neuen Umgebung bald
zurecht. Die schlichten Menschen in dem altväterischen Herrenhaus mit
ihrer unverwüstlichen Jugend, ihrer unermüdlichen Lust an der Arbeit
und am harmlosesten Vergnügen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen
Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder, der schattige
Garten und der einsame Kiefernwald -- das war eine in sich ruhende,
natürliche Welt, die ihr wohltuend entgegenkam. Ihre Seele tat das
ihre, um sie, wo und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich
aufzunehmen. Neue Eindrücke und neue Empfindungen legten sich schützend
und klärend zwischen sie und ihr früheres Leben im Haus am Wenzelsberg.
Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen. Unter den Cousinen
Nummer sechs bis acht waren zwei gerade im rechten Alter, daß Margas
Kinderfreude an ihnen sich üben und ausbilden konnte. Aus sich heraus
schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse, die
berufsmäßig zu lernen ihr versagt war. Die Bilder, die ihr inneres
Schauen mit seltenem Reichtum und frischer Anschaulichkeit ihr gab,
hatte sie früher ängstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang
mit Stöffy und Illi Thiele überwand sie alle Scheu. Die Kinder gaben
ihr wie von selbst die Fähigkeit, sich mitzuteilen, das Geschaute in
eine faßliche Form hinüberzuleiten, zu erzählen und zu fabulieren.
Sie mußte ein Stück ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing
dafür nicht nur eine größere Beweglichkeit des Gemüts, sondern ein
echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam und unmerklich fast.
Der Humor, der sich früher, trotz Ellis Beispiel und trotz Vater
Richthoffs grimmkräftigen Anlagen dazu, bei ihr nur spärlich hatte sein
Recht verschaffen können -- jetzt entwickelte er sich und streifte
ab, was die früheren Mädchenjahre unter der Wirkung ihres Leidens
an Überernst und zu tiefer Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war
die Überraschung, die die neue Seele in sich trug. Und nicht nur ein
Nebenbei, eine zufällige Mitgabe war das: es wurde, wenn sie es recht
verstand, die beste Bedingung für ihr neues Leben. Waffe, Würze und
Kraft, nicht nur wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr.
Marga verstand es recht. Sie ließ das Lachen aus Kindermund, bald das
lautschallende, bald das leis verträumte, hinüberklingen in sich. Es
war wieder die große Stille, die in ihr anhub, ihr Wesen durchdrang und
durchleuchtete. Aber um einen Grundton reicher, reifer, lebenstüchtiger
-- um einen hellen, leichten, lachenden Ton.
Erst um Weihnachten, später als beide gedacht, sahen sich Marga und
Elli in Käthes jungem Heim wieder.
Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht ging's ins
neue Jahr hinüber.
Als die beiden in ihre Universitätsstadt zurückkehrten und bei Cousine
Grasvogel Gastfreundschaft annehmen mußten, fanden sie zu ihrer Freude,
daß Frau Geheimrat Achenbach nicht müßig gewesen war. Sie hatte in
einer Gartenstraße -- dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief, nicht
zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder Lage, ein nicht mehr
neues, aber sauberes Häuschen ermittelt, das zur Miete ausgeschrieben
war. Ein Vorgarten mit Rosensträuchern davor, ein Grasgarten mit ein
paar Obstbäumen dahinter, im Erdgeschoß drei große Zimmer und die
Küche, oben unterm Giebel ein luftiger Schlafraum -- alles nicht
großartig, aber zweckentsprechend und freundlich. Besonders wenn erst
das Frühjahr Blätter und Blüten darumrankte.
Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli zu. Der Rest
ihres Kapitals sicherte ihnen für die nächsten zwei Jahre die Miete;
er ermöglichte auch die nötigen Anschaffungen für die „Schulstube”,
die Frau Achenbach schon ins Auge gefaßt hatte. Die Wohnräume, das
Empfangs- und Wohnzimmer neben der „Klasse” und das Schlafzimmer
ließen sich mit den Möbeln, die sie aus der Einrichtung des väterlichen
Hauses zurückbehalten, so vollstopfen, „daß sie vor Gemütlichkeit
platzten”, wie Elli sich ausdrückte.
Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen Scheiben. In den
Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten mußte man zwei dutzendmal aus-
und einlaufen, bis man vor Müdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das
Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttäuschungen. Und gab
eine närrische Freude, als -- auf einen Tag, wie es das Glück immer
macht -- drei kleine Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von
Frau Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei Jungens,
fünf Mädels, und konnte anfangen.
Das war ein Montag, als das Häuflein Grundstock angezettelt kam.
Erst ein strammer Bengel von fünf Jahren. Allein, mit einem roten
Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel und dem Finger in
der Nase. Zwei flachsblonde Prinzeßchen, Hand in Hand, die mit ihrer
Mama furchtbar tapfer die Straße daherzogen und, als besagte Mama sie
in der Schulstube zurückließ, plötzlich mörderisch zu brüllen anfingen.
Weiter ein winziger, fast zu junger Mann von vier Jahren, der sehr
artig mit der Schwester ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres
sein Steckenpferd bei sich behalten konnte.
Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor all den großen,
fragenden Augen und den offenen Mäulchen, die bereit waren, zu lachen
und zu weinen -- in ein und demselben Atemzug.
Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah.
„Tante” Elli wußte mit ihren strahlenden Augen Spiele und Späße, daß
der Mann mit dem Gäulchen sein Steckenroß vertrauensvoll beiseite legte
und sich vor Vergnügen schüttelte. Sie lehrte die kleinen Mädchen
Papier flechten, ganz allmählich, beinahe heimtückisch, so daß sie an
kein Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die älter waren als der
Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten, selbst wenn man
dabei auf der Bank sitzen bleiben mußte. Und „Tante” Marga, die so
merkwürdige Augen hatte, daß es einem erst ein bißchen unheimlich wurde
und man nachher sie gerade deshalb streicheln mußte -- die erzählte
Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen mußte man aufreißen,
als gelte es geradewegs in den Himmel zu schauen, und den Mund konnte
man nicht mehr zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und
sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten, daß nach
sechs Wochen ein junger Herr erklärte, es sei einfach verrückt, daß man
nicht immer da sei, und zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben
wollen, in Tränen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt wurden.
Der Reigen wurde größer. Die Freunde, auch außer Frau Achenbach,
machten mächtige Propaganda. Professor Wilmanns war untröstlich,
daß er sein Enkelbübchen -- den Jungen Heddis, die vor einem Jahr
geheiratet hatte -- nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den
Richthoffs bringen konnte. Dafür bearbeitete er seine jüngeren Kollegen
mit einer fanatischen Beharrlichkeit, bis sie nachgaben und ihren
Nachwuchs schickten, oder, weil sie es mit der Furcht bekamen, in
einem stattlichen Bogen um ihn herumgingen. Borngräber verbreitete
an einem Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns
hätte in einer Vorlesung über Homer, an Hektors Kinder anknüpfend,
von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule in Troja hätte
stiften können. Der erboste Wilmanns rächte sich. Er brandmarkte
seinen lügnerischen Kollegen, indem er ihm späte Heiratsabsichten
andichtete, die auch keinen anderen Beweggrund hätten, als eine Frau
unglücklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen Schutzbefohlenen
in der Bergfelderstraße mit Zwillingen den Rang streitig zu machen.
Das war nun auch nicht wahr. Die Wahrheit war nur, daß der Indologe
Jakobus Borngräber sich schämte, für die Mädels des guten Richthoff
immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg von seiner ostöstlichen
Wissenschaft zu einem modernen Kindergarten war gar zu weit, und so
ging er wenigstens mitunter den näheren von seinem verwunschenen Haus
in der Uferstraße nach der Bergfelderstraße und schaute um eine Ecke in
den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das gesuchte Haus verwechselte,
sondern sich zurechtfand, rollte er die verwunderten Augen, heuchelte,
stehenbleibend, ehrliche Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn
zufällig entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut.
Natürlich blieben für Marga und Elli auch jetzt die Sorgen und
Enttäuschungen nicht aus. Sie mußten es sich oft rechtschaffen sauer
werden lassen, und der alte Herr hatte sich wohl auch für die Zukunft
seiner „Bande”, sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres
gewünscht. Und doch: sie selbst fühlten sich zufrieden bei ihrem Beruf.
Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatsächlich „vor Gemütlichkeit
platzte”, ihren Tee brauten, konnte man Marga singen und Elli lachen
hören. Es kam vor, daß nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen
Bären aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Güstow in
Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen Segelfahrten,
schönen polnischen Schnittern und Schnitterinnen, Jagdabenteuern, die
Onkel Thiele bestanden -- ganze Romane, die Elli mit gläubiger Neugier
aufnahm, bis sie mit Entrüstung hinter den Trug kam. Sie blieb bei
nächster Gelegenheit mit rächendem Schabernack nicht dahinten. Der
Strom von Jugend und Fröhlichkeit, der zwischen ihren Herzen und denen
der Kinder kreiste, nahm immer wieder auch das Harte und Schwere mit
sich oder löste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens
warten müßte, bis sie alt und grau würde, wollte sie nicht verlernen,
Feuerräder durch die Luft surren und leuchten zu lassen. Und Marga, die
schwere Marga, lachte dazu und breitete am Feierabend die Arme aus,
der Sonne zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus der
Ferne und Nähe, von oben und unten. Sie schlang die Hände beglückt über
ihrem Kopf ineinander, so frei fühlte sie sich, so still, so in sich
selber und im Licht geborgen.
17
Der erste „verheiratete Sommer” hatte sich für Max Perthes ziemlich
einsam angelassen. Seine Schwiegereltern waren seit dem Mai fast
ununterbrochen wieder auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele
Tage zu. Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag für ein paar
Stunden hinaus.
Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten sehr gut. Er
fand eine eigentümliche neue Befriedigung in einer Tätigkeit, die
seine praktische in der Klinik nach der geistigen Seite ergänzte. Die
Sehnsucht nach Stille, die er so ganz verbannt und überwunden zu haben
glaubte, suchte, ohne daß er es zugestanden hätte, einen schüchternen
Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung, die er sich
früher nicht zugetraut hatte. Für seine Person verzichtete er nach der
Reise im Januar nicht ungern auf den Sommerurlaub. Er verständigte
sich mit seinen Schwiegereltern dahin, daß Alice die Hochsommerwochen
unter ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber murrte
anfangs über den notwendigen Verzicht auf die ihr so teure Bergfexerei.
Zum Glück fand Perthes diesmal bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige
Unterstützung im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz träumte von
goetheschen Enkelfreuden und wollte seine „wilde Hummel” schon im Zaum
halten.
So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichförmiges Leben
zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer seines Landhauses,
wo er oft bis Mitternacht und länger bei der Schreibtischlampe saß. Nur
selten ging er spazieren. Gegen das Flußtal aufwärts von Nieburg hatte
er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue Abneigung. Weiter
hinein in die Berge oder hinaus in die Ebene reichte die Zeit nicht.
In die Stadt kam er, außer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und
diesen einzigen Stadtweg legte er meist in der Straßenbahn zurück.
Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines Abends
gelegentlich einen Gang durch die Hauptstraße machte. Der Postbote
hatte ihm am Morgen das Honorar für einen nebenbei geschriebenen
Aufsatz in der „Medizinischen Wochenschrift” gebracht. Er wollte es
dazu verwenden, um in aller Stille eine der großen Rechnungen des
letzten Vierteljahrs zu begleichen.
In dem Modeladen, dem sein Gang galt -- es war das erste Sport- und
Toilettengeschäft der Stadt -- erfuhr er mit Befremden, daß der Betrag
schon beglichen sei. Er wollte es nicht glauben und forschte weiter.
Der Besitzer, ein sehr höflicher, geschniegelter Herr, ließ ihn das
Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, daß die Rechnung für
Exzellenz überschrieben und vor ein paar Wochen bezahlt war. Perthes
zuckte die Achseln und murmelte etwas von einem unverständlichen
Irrtum. Kaum konnte er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die
Tür begleitete, Beschämung und Zorn verbergen.
Der Gedanke, daß ihm Alice hinterrücks diese Demütigung zugefügt,
schien ihm unfaßbar. Sein Stolz, den er einst gezwungen, sich der
bewußten Streberei zu unterwerfen, hatte sich in die letzte Festung
einer peinlichen pekuniären Empfindlichkeit geworfen und machte
einen entrüsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld einen
erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswürdigkeiten ein für
allemal abzulehnen, und die Summe mitzuschicken. Nur die Rücksicht
auf den Zustand seiner Frau ließ ihn dann doch davon absehen. Soviel
stand ihm indessen fest: es mußte hier eine reinliche, prinzipielle
Klärung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr mehr
lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben hatte er nicht so
viel Selbstüberwindung lernen und üben müssen, als es ihn kostete,
seine Entdeckung in sich hineinzuwürgen. Die Arbeit wurde ihm für
mehrere Tage verdorben, und es blieb auch nachher ein Stachel
zurück, der immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit
ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden Miene eines
Gassenjungen, den tollen Sprüngen des tollen Mädels von einst. Hatte
sie denn gar keinen Sinn für den Stolz des Mannes, der sich in ihm
auflehnte gegen eine unwürdige und maßlose Abhängigkeit? Verstand sie
nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern aussetzte?
Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem Frühjahr, seit jener
Todesnachricht von Richthoff und seiner freiwillig-unfreiwilligen
Beichte über Marga, mehr als einmal hatte in sich zurückdrängen müssen:
was wohnte hinter den grünschimmernden, flackernden Augen, hinter
diesem alles zerspottenden Mund, hinter der kühlen Stirn unter den
rötlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja Unsinn! Was suchte er denn?
Das Rätsel war ja eben der Reiz des Rätsels. Die Verliebtheit, noch
immer mächtig über ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose
Fragen. Gewaltsam wie früher meinte er über seine Skrupel Herr werden
zu sollen. Er vergönnte sich einen dummen Streich: über den nächsten
Sonntag fuhr er nach St. Blasien.
Es gab eine lustige Überraschung, als er bei Hupfelds im Kurhotel
einbrach. Zwei Tage glücklicher Trunkenheit folgten: er war Alices
alter Räuberhauptmann und sie sein entzückender Irrwisch.
Nachher, zu Hause, fand er, daß er trotzdem mit dem Streit in sich
so fertig nicht war, wie er gehofft. Die Erinnerung an die zwei
Taumeltage schwand. Die Erinnerung an seine Demütigung blieb. Er mußte
ein Kompromiß schließen, um den Streit loszuwerden. Das Kind war es
fortan -- aber natürlich war es so -- nur das Kind, das Alice ganz zu
dem machen sollte und mußte, was sie noch nicht war. Er verlangte ja
gar nicht viel. Nur ein Gran Verständigkeit, ein halbes Lot Ernst.
Der mußte kommen! Die Mutter mußte in ihr erwachen und sie auf die
natürlichste Weise dazu führen, seinen Stolz zu verstehen, mit ihm über
diese wirtschaftlichen Dinge einer Meinung und damit häuslicher zu
werden!
Perthes baute eine völlig wolkenlose Zukunft auf das Kind ihrer Liebe
...
Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme. So frisch und
ungebärdig und fast so schlank wie immer. Perthes selbst war mit
seinem Schwager, Leutnant Moritz, doch noch acht Tage in den Vogesen
gewandert. Auch er fühlte sich gestärkt und von Grillen befreit, voll
Zuversicht und Arbeitslust.
Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche Treiben.
Die Gräfin Hüningen hatte aus Berlin, wo sie auf der Hin- und Rückfahrt
nach Borkum einen Monat haltgemacht, neue Pläne, neue Kaprizen
mitgebracht. Aber wie Perthes vorausgesehen, mußte Alice sich einige
Zurückhaltung auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschränkt, ob
sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er, es würde alles so
werden, wie er voraussah. Wenn sie bisweilen über die Stränge schlug,
wenn sie aufbrauste, weil er sie im Zügel hielt, und ihn offen einen
„ekligen, ollen Philister” schalt und die dumme Plackerei ihres
Zustandes verwünschte, so war er von einer unerschütterlichen Geduld
und Rücksichtnahme. Er sagte sich, daß das ganz in der Ordnung war. Bei
ihr wie bei allen Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er
übte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines Temperaments,
die ihm niemand, am wenigsten er selbst sich zugetraut hätte.
Gleich nach Mitte Oktober kam der große Tag.
Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen bis zum Abend
vor der Villa. Perthes hatte sich frei gemacht. Der Ordinarius für
Gynäkologie, ein Freund des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld
erhielt durch ihren Diener halbstündigen Wetterbericht, denn ihre
furchtsame Erregbarkeit war für Wochenstuben nicht gemacht.
Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihälsiger junger Perthes das
Licht der Welt.
Hupfeld, der Großvater, und Perthes, der Vater, schüttelten sich mit
gerührter Freude die Hände. Alice war schwach, aber außer jeder Gefahr.
Als Perthes bei ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene,
betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbündel, das ihr die
Wärterin hinhielt. Sie lächelte bei seinem Kommen.
Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand, um sie zu küssen.
Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.
„Wie meinst du, Liebling?” Er beugte sich vor, denn er hatte nicht
verstanden. „Hast du einen Wunsch?”
Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhören, und ließ sie
sich zum drittenmal, noch näher ihrem Mund, wiederholen.
„Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!” kam es klar und
überzeugt hervor.
Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurück auf die Decke.
Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er hatte mit ihr ein dankbares Wort
über den tüchtigen Burschen reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es
blieb ihm in der Kehle stecken. Er lächelte ihr noch einmal zu und ging
auf den Fußspitzen aus der Stube.
Während Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im Speisezimmer am
Fenster, ohne hinauszusehen in das Herbstdunkel mit den trägen
Bergmassen, dem düsteren Fluß, dem gestirnten Himmel.
Das war also alles, was Alice empfand!
Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung. Kein Wort
für das Kind, kein Wort für ihn.
Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie wurde von einer
Traurigkeit abgelöst, wie er sie lange nicht gefühlt. Wie aus dem
Nichts, ungerufen, aber voll und deutlich tauchte Marga vor ihm empor.
Marga als Mutter -- eine Welt von Innerlichkeit, von Gemüt, von
Schönheit und Liebe. Er preßte die Fäuste gegen die Schläfen; seine
ganze Energie spannte er an, um diese tödliche Vision abzuhalten,
fortzudrängen, zu vernichten. Es gelang ihm. Aber eine unerklärliche,
zornige Angst und Beklemmung blieb in ihm zurück. Es waren wieder
Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen suchte. Und er
bebte vor dem, was er zu ergründen meinte. Er wies die Ahnung zurück.
Mit dem Rest seines dämonischen Nichtwollens warf er seine erwachende
Seele nieder ...
Alice genas schnell und normal. Auch der Junge machte die besten
Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr unterschiedlich: bisweilen
überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten; ein andermal vergaß sie ihn
völlig. Beharrlich war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem
Basar fernbleiben zu müssen. Die „Handarbeitsbude” hatte sie wieder
aufgegeben, die Musterauswahl zurückgeschickt, bald nach jener
Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil er sie überzeugt hatte,
sondern weil sich ihr die Sache als zu mühselig erwies und nicht den
rechten Spaß machte. Ihre neuen Pläne hielt sie geheim: sie hatte
nur, schon während ihres Wochenbettes, regelmäßige Konferenzen mit
Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme kaum etwas
einzuwenden. Sie gedieh vorzüglich in ihrer koketten Krankenstube. Die
Taufe wurde für Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem
berühmten Großvater den Vornamen Benno erhalten.
Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr bei dem unnützen
Basar als bei seinem Kind. Sie kristallisierten sich auf diesen
Punkt mit der Hartnäckigkeit einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten
Eigensinn eines Mannes, der in seinem Glauben erschüttert ist, aber
sich nichts davon eingestehen möchte, beschloß er, Alices Liebe eine
Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohltätigkeitsfest war, unvorhergesehener
Schwierigkeiten halber, auf die zweite Hälfte des Januar verschoben
worden. Unter dem Weihnachtsbaum -- er hatte Alice überreich und
zartsinnig beschenkt -- erbat sich Perthes ihren Verzicht auf diese
kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der Liebe. Sie wollte
nichts davon hören, aber allmählich trug seine Beredsamkeit, die so
feurig sein konnte, den Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen
erstickte ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.
Perthes war selig. Sein Glück schien ihm noch einmal bis in die Wolken
zu reichen ...
Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu einem prunkenden
Familienfest ausgestaltet, das die niedliche Villa Perthes von oben bis
unten mit Gästen füllte. Außer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz
und Cousine Hilla da, Graf und Gräfin Hüningen, Professor Hammann und
Frau und viele andere. --
Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten fertig geworden
und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner Antrittsvorlesung, die
wohl Anfang Februar folgen konnte. Er mußte sich tüchtig dranhalten,
um fertig zu werden. Alice, die die „schreckliche Paukerei” sehr
abgeschmackt fand, war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die
meisten Stunden des Tages außer dem Hause. Perthes war seit ihrem
Weihnachtsversprechen völlig beruhigt und nachsichtiger denn je.
Sie waren beide zärtlich und einträchtig miteinander, so oft eine
halbe Stunde sie zusammenführte. Fragte er zufällig einmal, was sie
triebe, so lautete die regelmäßige Auskunft, daß sie mit Bubi bei den
Großeltern gewesen sei. Er fand das riesig nett für sie und die alten
Herrschaften und bedauerte nur, daß er selber seinen Jungen höchstens
einmal zwischen Tag und Dunkel in den Armen halten konnte.
An einem der letzten Januarabende, als er mit einer Zigarre von der
Klinik die Allee am Fluß entlangschritt -- gemütlicher als sonst, denn
die Ausarbeitung seiner Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig
geworden --, begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen
Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut seit langem nicht
gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft zeigte er sich, seit
er verheiratet war und an seinen wissenschaftlichen Nebenarbeiten
übergenug zu tun hatte, so gut wie gar nicht mehr. Die Begrüßung
war von Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch
überdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht schlecht
gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes für den famosen Streber,
der seine klatschbeflissene Nußknackerei so lange zum Narren gehalten
hatte. Sie unterhielten sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brücke,
wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fühlte sich Markwaldt noch
zu einem Kompliment gedrungen.
„Im übrigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand Ihrer Frau
Gemahlin auf dem Basar -- einfach tadellos!” Er schnalzte voll
Anerkennung mit der Zunge.
Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand losgelassen,
blieb erstaunt stehen.
„Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berüchtigten Neuigkeiten
aufschwatzen?” erklärte er ruhig und lachend. „Meine Frau ist ja gar
nicht dort.”
„Na, da hört sich aber die totale Weltgeschichte auf! Wenn jemand
flunkert, sind -- verzeihen Sie mir -- Sie das! Vor noch nicht zwei
Stunden war ich in der Festhalle, um mir den Klimbim mal anzusehen und
habe von Ihrer Frau Gemahlin einen mächtigen indischen Topfscherben --
vermutlich aus Berlin ~SO~ -- für unglaubliches Geld erstanden. Von der
Gräfin Hüningen --”
Perthes war erdfahl geworden.
Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt an.
Doch schon im nächsten Moment hatte Perthes eine vorbeifahrende
Droschke angerufen. Mit einem hastigen „Entschuldigen Sie!”
verabschiedete er sich von dem fassungslosen Bakteriologen und saß im
Wagen.
„Nach der Festhalle!” befahl er dem Kutscher.
In fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal. Wie er war, stürmte
Perthes die Treppe hinauf. Ohne Rücksicht auf das Geflüster der
festlich geschmückten jungen Mädchen, die im Vorraum die Köpfe
zusammensteckten, um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren
Programmbüchern, Konfitüren und Losen auf ihn zuzuschießen; ohne rechts
oder links einen der zahlreichen Bekannten zu begrüßen, ja ohne auch
nur, trotz des hellen Rufes der Kassiererin, eine Karte zu lösen, eilte
er in den Trubel des Saales und drängte sich beinahe barsch durch die
lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser, schwarzbärtiger
Kopf, in diesem Moment wirklich räuberhaft, überragte die meisten
Besucher.
Bei einer der girlandenumwundenen Säulen, nahe der Komiteeloge mit
ihren Fahnen und Blumengewinden, blieb er stehen. Er hatte den
indischen Stand entdeckt. Inmitten eines Schwarmes von Käufern --
Offizieren, Studenten, Akademikern -- sah er seine Frau.
In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und schwatzend, verhandelte
sie eben über eine bronzene Vase mit dem schlitzäugigen Prinzen von
Siam, den er vom Feldberg kannte, und der gegenwärtig die byzantinisch
angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...
Der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen schweiften, wie
Halt suchend, über das Gewirr der Menschen, an den Buden längs der
Wände hin. In einem Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben
Frau Geheimrat Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen. Es war
nur eine Fiktion. Seine Zähne knirschten. Er drehte sich gewaltsam
um. Er spürte, wie seine Leidenschaftlichkeit in ihm aufwallte. Seine
Liebe für Alice war immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender
Empfindungen gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die Wut aus ihm
hervor. Er hätte auf Alice zustürzen, er hätte sie zu Boden schlagen
können. Der Haß des Edeltieres Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des
Ewigtierischen verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand seiner
Energie rannte er aus dem Saal, wie er gekommen war. Er erreichte sein
Haus, ohne zu wissen wie ...
Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen Kunde erhalten,
zog es vor, bei ihren Eltern zu übernachten. Sie war überzeugt, daß
sein Groll bis zum Morgen verraucht sein würde. So ein Pech! Sie hatte
sich so sicher geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen
mehr gekümmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle zu
gehen! Gott -- erfahren hätte er es wohl auch so. Bestenfalls konnte er
jetzt etwas länger grollen ...
Perthes ließ sich am anderen Morgen auf der Klinik „verhindert” melden.
Er wartete auf Alice.
Seine heiße Wut hatte einer kälteren, bestimmteren Platz gemacht.
Vergnügt, gleichgültig, spitzbübisch, als wäre nichts geschehen, kam
sie gegen Mittag heim.
Er stellte sie mit dürren Worten zur Rede. Sie blieb höchst gelassen.
Du lieber Himmel, sie hatte das dumme, überspönige Versprechen von
Weihnachten nicht so ernst genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht
mehr belästigt. Was wollte er denn überhaupt? Die ganze Ausstattung der
indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken lassen! Damit war doch
die Sache erledigt ...
Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit, dieser
moralischen Stumpfheit einer unschuldigen kleinen Wilden, eines
verbildeten, unartigen Kindes sprachlos. Er wollte aufbrausen. Aber
sein Zorn fiel in sich zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor
sich hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte und
verschobene Lösung des Rätsels. Hinter den lockenden Irrlichtaugen, den
Gamingrimassen, den tollen Gassensprüngen -- die Leere! die vollendete
Hohlheit! Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines,
schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff, wie es zu
seinem Leuchten kam ...
Er schickte Alice weg.
Hier war nichts mehr zu ändern. Hier gab es nur eines: handeln. Die
Umgebung, vielleicht war es nur die Umgebung, die sie ruinierte. Aus
ihr mußte sie heraus. Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses
vernachlässigte oder gar mit ihrer Oberflächlichkeit ansteckte!
Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom Entschluß zur Tat.
Am Nachmittag ging er zu Hupfelds.
Exzellenz war gerade von einer Reise zurückgekommen, von einer
auswärtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt hatte. Eigentlich
empfing er niemand. Ziemlich widerwillig machte er mit seinem
Schwiegersohn eine Ausnahme.
Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt. Mit
überlegener, etwas nervöser Ruhe hörte er den Sachverhalt an. Er konnte
die Aufregung des „lieben Jungen” verstehen. Er verstand ja alles. Er
sagte ihm das, fügte aber hinzu, man müßte gerecht sein. Das „arme
Kind” brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im übrigen würde die Ehe
das Ihrige tun, um sie noch mehr zu zähmen, seine Hummel. Mein Gott,
das waren so die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur sie
nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man sie erst dazu!
Perthes hörte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er glaubte aus den
und den Gründen, daß die Sache ernsthaft sei. Er hatte noch immer
nicht begriffen, daß „Ernst” im Hause Hupfeld nur eine höchst relative
Größe war. Und er rückte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus: Der
Geheime Rat solle einwilligen, daß er mit Alice nach auswärts ginge,
wenn es nur für ein paar Jahre wäre. Eine andere Assistenz oder eine
Anstaltsleitung ließe sich gewiß für ihn finden.
Hupfeld sah seinen Schwiegersohn groß an. So, wie man jemand ansieht,
an dessen normalem Befinden man zweifelt.
„Lieber Junge,” begann er dann herablassend und mild, „du bist
überreizt. Das sind -- verzeih -- das sind Ausgeburten eben einer
überreizten Phantasie. Du hast dir das auch nicht ernstlich überlegt.
Erstens kann ich es als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht
entbehren. Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens würde
damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du selbst einsehen
mußt.”
Perthes sah nichts ein. Hartnäckig blieb er bei seinem Wunsch. Er
brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig, von neuem vor. Er wollte und
mußte weg von hier, um Alices, des Kindes und um seinetwillen.
Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den blassen Augen
schimmerte ein grüner, zorniger Blitz. Die hohe, leere Stirn faltete
sich und die sonst so getragene Stimme wurde unangenehm scharf, fast
bösartig.
„Niemals!” erklärte er mit der abschneidenden Gebärde des großen
Mannes. „Davon wünsche ich nichts mehr zu hören! Niemals!” Und mit
einer Bonhomie, die verletzender war als dieser herrische Zorn, weil
sie Perthes kraß seine Stellung gegenüber dem Mann zeigte, der ihn
„gemacht” hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu: „So haben wir
nicht gewettet, mein lieber Junge! Merk dir das gefälligst! Und laß
mich jetzt ausruhen! Ich bin halb tot! Adieu!” Er reichte Perthes die
berühmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berührte.
Die Audienz war beendet.
Als Perthes wieder auf der Straße war, war er versucht, seine Arme
zu heben, zu schütteln. Mußte man nicht die Ketten klirren hören,
die er sich selber geschmiedet? In denen er sich selber gefangen?
Er -- der Streber mit Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem
leuchtenden Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen Stolz!
Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die sich doch nicht
abschaffen ließ, sondern klagte, forderte, rief und schrie! ... Seine
Leidenschaftlichkeit half ihm nichts mehr. Die dämonische Lust half
nicht mehr. Es gab kein Springen mehr. Er mußte schreiten. Was er sein
ganzes Leben nicht gekonnt: jetzt mußte er es können! Und er lernte
es. Jahraus, jahrein besser -- und für ein ganzes Leben, wenn es sein
sollte.
Noch im Spätherbst, nach der Habilitation, verschaffte ihm sein
Schwiegervater ein Douceur. Für die rauhe Weigerung gewissermaßen ein
liebenswürdiges Heilpflaster. Er erhielt den Titel außerordentlicher
Professor. Schon anderthalb Jahre später wurde er etatmäßig.
Doktor Max Perthes, etatmäßiger außerordentlicher Professor an der
Universität ..., erster Assistent an der Chirurgischen Klinik und
stellvertretender Leiter. Wie hübsch das klang! Er hatte Karriere
gemacht ...
18
Der Kindergarten in der Bergfelderstraße gedieh.
Im ersten Jahr mußte man noch vom Kapital zusetzen. Im zweiten
verdiente man und hätte mehr verdient, wenn nicht eine Scharlachepidemie
die Kleinen ferngehalten hätte. Im dritten hatten, einer ernsthaften
Konkurrenz zum Trotz, Marga und Elli Richthoff „den” Kindergarten für
die Herrchen und Dämchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene,
aber für sie so wichtige Werk war gelungen.
Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue Rückhalt an
den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg, der den Schwestern
ihre Stellung auch äußerlich erleichterte. Sie bewegten sich frei und
gleichberechtigt im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung,
die sie dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach. Jene
kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurücksetzungen, mit denen
die Gesellschaft noch manchmal die Frauen bedenkt, die sich mutig auf
ihre eigenen Füße stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart.
Die Jahre gaben ihnen in dem Häuschen an der Bergfelderstraße ein
richtiges, behagliches Heimgefühl, und sie konnten sich ihr Leben ohne
die erfrischende Tätigkeit, ohne die Freiheit innen und außen kaum mehr
denken.
Marga war jetzt längst stark und klar genug, um auch die Erinnerung an
die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen. Sie gedachte ihrer Liebe und
ihres Leids ohne Bitterkeit. Elli hatte es lange vermieden, von sich
aus an jene Geschehnisse zu rühren. Als ihr dann zufällig einmal ein
Wort entschlüpfte, das auf den Sommer in der Mühle Bezug hatte, wollte
sie darüber forteilen. Aber Marga knüpfte selbst an ihre Bemerkung
an, und seither sprachen sie mehr als einmal darüber, und je mehr
die Zeit sie davon entfernte, um so geklärter und gelassener. Nicht
nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch den Mann, der sie ihr gegeben
und genommen, sah sie in gerechtem und versöhnendem Licht. Sie hatte
begriffen, daß jene Liebe -- die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das
Weh, das sie ihr bereitet -- für sie ein Stück notwendiger Entwicklung
hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen. Mußte es für
ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli Perthes' Charakterlosigkeit,
seinen treulosen Verrat, seine Unaufrichtigkeit und unverantwortliche
Schuld mit den ihr eigenen Kraftausdrücken belegte, ließ es Marga nicht
gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste, das, was
Elli am entschiedensten verdammte: seine jähe Wendung von ihr zu einer
so anders gearteten Frau, einer der Richthoffschen so unähnlichen und
entgegengesetzten Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegensätzen
seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit ausgeglichenen
Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem Abschiedsbrief angedeutet:
Perthes hatte Seite an Seite mit ihr zu einem höheren, innerlicheren
Menschentum emporgestrebt. Aber er hatte sich über seine Kraft
getäuscht, als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte. Er konnte
sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr, und darum auch überhaupt
nicht in ihre Bahn zwingen. Als er das eingesehen, war er mit einem
verzweifelten Entschluß in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach
der entgegengesetzten Seite führte.
Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene Bahn gefunden? Ob ihn
diese Bahn abwärts mitnahm oder auf einem schweren Umweg auch zu einer
Höhe, zu seiner Höhe führte? Vor solchen Fragen machte Marga halt. Sie
wollte nur das Notwendige auch für ihn als Notwendiges anerkennen und
achten. Weiter durfte sie nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz.
Sie forschte nie nach ihm. Das Äußerliche seines Lebens trug ihr ab und
zu ein Gespräch oder eine Bemerkung anderer zu. Dafür war die Stadt zu
klein, die akademische Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich
gegeneinander abschließenden Sphären zu eng, als daß es hätte anders
sein können. Daß er verheiratet war, daß er ein oder zwei Kinder hatte,
das er sich habilitiert hatte und jetzt Professor war, das waren Dinge,
die sie hörte wie eine Fremde von einem Fremden. Gleichgültige Dinge,
die nicht bis in ihre große Stille drangen. --
Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach Jahren beweisen,
daß ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes, sondern ein echtes und
dauerndes war.
Es war an einem Vormittag im späten Frühling. Die Kleinen waren
eben aus ihrer fröhlichen Schule abgezogen. Elli und Marga saßen in
behaglichen Liegestühlen im Grasgarten unter den Bäumen, die ihre
letzten Blüten auf die dichten Grasbüschel streuten, und plauderten.
Da meldete das Dienstmädchen, das sie sich jetzt zur ständigen Hilfe
leisten konnten, eine Dame mit ihrem Jungen.
Elli, die die Anmeldungsgeschäfte gewöhnlich erledigte, stand auf und
ging nach vorn.
Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube diente zum Empfang. Dort
erwartete die Dame sie und erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa,
während ein Junge, ein kräftiges Bürschchen mit großen schwarzen Augen,
einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen Haaren, sehr resolut auf
seinem Stuhl sitzen blieb. Elli glaubte sie nicht zu kennen.
„Frau Alice Perthes!” stellte sie sich mit leichtem Nicken vor. „Ich
komme, um Ihnen meinen Jungen vorzuführen,” fuhr sie in kühlem, etwas
herablassendem Ton fort. „Der kleine Kerl soll etwas Räson lernen -- er
wird meinem Mann und mir zu wild.” Das „meinem Mann” erfand sie. Denn
Perthes wußte nichts von diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur
ihrer Laune und dem Bedürfnis, durch das Kind nicht belästigt zu sein.
Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort dieses
beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen, der gestülpten
Nase, dem spottsüchtigen Mund, das ihr ja vom Sehen bekannt war. Es
war für sie eine ausgemachte Sache, daß sie diese Frau Perthes mit
ihrem Sprößling abwimmeln würde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen,
besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt zu sein,
einander durchschauen, erriet sie, daß von Alices Seite auch eine
frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie wollte sich bei der Gelegenheit
so ~en passant~ mal diese Richthoffs, von denen die eine ihres
Mannes Flamme gewesen, etwas näher ansehen. Das prickelte in den
umherschweifenden Augen ...
„Sie kommen leider zu keiner ganz glücklichen Zeit, gnädige Frau,”
erklärte Elli korrekt, aber rund heraus, nachdem sie ihr gegenüber
Platz genommen.
„Wieso?” fragte Alice.
„Wir haben für das laufende Halbjahr schon so viele Kinder angenommen,
daß es beim besten Willen nicht gehen wird.”
„Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Fräulein?” Alice lächelte
und sah Elli malitiös und ungläubig an. Sie hatte heraus, daß es
sich um eine Ausrede handelte und war jetzt erst recht entschlossen,
beharrlich zu sein. Sie versuchte sich noch entschiedener in der
gönnerhaften Selbstgewißheit der großen Dame. Man hatte ihr den
Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie ließ die Namen von Exzellenz
Papa, den gräflichen Herrschaften von Hüningen beiläufig einfließen
und wollte Elli offenbar klar machen, daß die beiden Fräuleins sich
nur geschmeichelt fühlen dürften, wenn sie ihren Jungen brächte. Sie
stellte die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht.
Das hieß bei Elli gerade Öl ins Feuer gießen. Sie wäre am liebsten grob
geworden. Die hochtrabende Manier, die Alice sich gegen die Töchter
eines Kollegen ihres Vaters herausnahm, reizte sie. Doch sie besann
sich. Sie ließ Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte über den Unmut,
den sie empfand.
„Aber das hilft ja alles nichts,” sagte sie dann vergnügt. „Und wenn
Sie uns einen leibhaftigen Prinzen brächten, gnädige Frau, wir haben
uns mal vorgenommen, mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es
wird nicht gehen!” Sie wechselte mit Frau Perthes einen Blick, der
diese nicht im Zweifel lassen konnte, daß ihr die Exzellenzen und
Grafen ganz und gar nicht imponierten.
Der Junge, der aufmerksam zugehört hatte, kletterte von seinem Stuhl
herunter. Ihm schien die Sache jetzt reif für seine persönliche
Einmischung. Er erklärte auf eigene Faust, sehr flott und selbstbewußt:
„Denn nicht! Komm, Mama! Ich will fort!”
Das „Denn nicht” hatte er jedenfalls von seiner Mama gelernt. Alice
selbst, die über die Entscheidung ihres Jungen boshaft lächelte, hätte
am liebsten auch mit einem geringschätzigen „Denn nicht” das Feld
geräumt. Aber ihre ursprüngliche Absicht, den Jungen, der im Haus
lästig wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig. Gewandt
wie sie war, unterdrückte sie ihren Ärger. Sie gab dem Kleinen einen
leichten Klaps für seine Ungezogenheit und verlegte sich aufs Bitten.
Sie wurde beinahe zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie
war gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater hatte wenig
oder gar keine Zeit für den Jungen. Das Kinderfräulein würde nicht
immer mit ihm fertig. Kurz: sie wünschte, daß er einige Stunden am Tag
unter guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam.
„Ich denke, Sie werden ihn trotz der Überfüllung nehmen!” schloß sie,
bedeutend liebenswürdiger und zuvorkommender, als sie begonnen.
Elli blieb gleichwohl fest. Sie wollte nicht.
Für sich und noch mehr für Marga sträubte sich ihr Gefühl gegen die
Aufnahme gerade dieses Perthesschen Jungen, die überdies nur dem
eigensüchtigsten Wunsch der Mutter dienen sollte. Sie machte kein Hehl
daraus, daß ihre Schule den Kindern nicht das Heim ersetzen könne noch
wolle. Zudem schien ihr der Junge -- so aufgeweckt und kräftig er war,
mochte er noch nicht vier Jahre zählen -- entschieden zu jung. Sie
nahmen grundsätzlich keine zu kleinen Kinder mehr. Und dann führte sie
noch einen ganzen Wall von anderen Gründen auf, um nur unter keinen
Umständen nachgeben zu müssen.
Alice Perthes war im Begriff, mit einer unartigen Wendung nun doch die
Verhandlung abzubrechen und ihrerseits zu danken, als sie nebenan, in
der Klasse, zu der die Tür angelehnt war, Schritte hörte.
„Elli,” ertönte es von dort mit gedämpfter, fragender Stimme.
Es war Marga, die sich das lange Ausbleiben Ellis nicht erklären konnte
und sie an einen Besuch bei Wilmanns, den sie beide vor Tisch noch zu
machen hatten, erinnern wollte.
Elli und Alice erhoben sich gleichzeitig.
Elli hatte keinen anderen Gedanken, als dies Zusammentreffen zu
verhindern.
Aber Alice war die Besonnenere und Entschlossenere.
„Ihre Fräulein Schwester wird vielleicht nicht ganz so hartnäckig
sein!” meinte sie lächelnd.
Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu werden, wollte Elli dazwischen
treten. Aber Frau Perthes hatte schon die angelehnte Tür geöffnet.
Und da stand Marga, ihr gegenüber, nichts ahnend, ruhig, nur nach dem
Geräusch der Stimmen und Bewegungen in ihr Dunkel lauschend.
Wie um sie zu schirmen, flog Elli an dem verhaßten Eindringling vorbei
auf die Schwester zu. Sie war bleich vor ohnmächtiger Wut.
„Marga, ich sagte der Dame schon, daß wir unmöglich, so leid es uns
tut, noch ein Kind annehmen können,” stieß sie erregt hervor. Sie hatte
ihren Arm von rückwärts auf Margas Schulter gelegt und suchte ihr durch
den Druck ihrer Hand irgend ein Zeichen zu geben.
Der kleine Junge, der erst neugierig vorgetreten war, zog sich vor den
fremden, blicklosen Augen Margas mit der allen Kindern eigenen Scheu
vor dem Ungewohnten hinter seine Mutter zurück.
Alice, die die Blinde mit einem Gemisch von Interesse und Befriedigung
durch ihren bekannten Blick von unten nach oben gemessen, ließ sich
durch nichts beirren.
„Sie vergessen Ihrer Fräulein Schwester zu sagen, wer ich bin,”
bemerkte sie halb höflich, halb spöttisch zu Elli. Sie war
nicht bösartig. Aber in diesem Moment verfiel sie dem kleinen,
niederträchtigen Weibsteufel, dem Frauen unter sich und zumal unter
ähnlichen Umständen kaum wehren können. „Alice Perthes”, sagte sie
mit eigentümlich klangvoller Betonung, die sonst ihrer hastigen,
schnoddrigen Redeweise durchaus fremd war.
Das Geschoß war abgeschnellt.
Elli ließ trostlos, empört die Arme sinken. Sie hatte es nicht hindern
können. Unruhig und ängstlich wanderten ihre Blicke zwischen Alice und
der Schwester hin und her.
Der kleine Benno stand jetzt mit seinen großen, schwarzen Augen mutig
neben seiner Mutter, fuchtelte mit seinem Spazierstöckchen und setzte
dann eigenmächtig den breitrandigen Strohhut auf, den er vorher in der
Hand gehalten.
Marga hatte die Farbe gewechselt. Ihre Augen hatten sich auf den Boden
geheftet. Sie fühlte auf sich den herausfordernden Blick dieser Frau,
die sie nicht kannte und die ihr das Glück ihres Lebens zerstört hatte.
Alte Gefühle des Schmerzes und der Bitterkeit drangen in einer heißen
Welle zu ihrem Herzen und zerkrampften es, als wollten sie ihren Mut,
ihre Haltung vernichten. Aber die Welle brach sich an ihrem Willen.
Einige Sekunden hatte das unbehagliche Schweigen gedauert.
„Ich glaube, wir könnten den kleinen Mann doch noch aufnehmen, Elli,”
sagte Marga dann gelassen und fest. Nur ihr bewegterer Atem ließ eine
vorausgegangene Erschütterung erraten. „Meine Schwester hat wohl
vergessen, daß heute morgen ein Mädchen abgemeldet wurde. Es wird
gehen, nicht wahr, Elli? Wenn Sie uns den Jungen anvertrauen wollen,
bitte ich darum, gnädige Frau!” Sie sprach jetzt so klar und korrekt,
als gelte es eine abgemachte, rein geschäftliche Sache höflich zu
beendigen.
Alice war nicht leicht zu verblüffen. Aber diese Ruhe und sanfte
Bestimmtheit, wo sie eine pikante, demütigende Verwirrung erwartet
hatte, war so sehr der Gegensatz ihres eigenen zerfahrenen Wesens, daß
sie eine gewisse Verlegenheit nicht unterdrücken konnte.
Mit einem höflichen „Ich danke Ihnen, ich werde meinen Jungen morgen
schicken,” verbeugte sie sich und nahm den Kleinen bei der Hand.
Vor der Tür drehte sie sich noch einmal um.
„Um wieviel Uhr doch gleich?” fragte sie mit einer halben Wendung
des Gesichts, mit dem wiedergewonnenen Ausdruck ihrer unzerstörbaren
Nonchalance, der zeigte, daß ihre Gedanken über dies Intermezzo schon
hinwegeilten.
„Im Sommer um neun Uhr,” gab Marga zurück.
Als sich die Tür hinter Alice Perthes geschlossen, stürzte Elli außer
sich an Margas Hals.
„Aber Margakind! Was hast du da gemacht?! Wie konntest du diese
abscheuliche Person, die ich glücklich abgewimmelt hatte, diesen
verzogenen, ungebärdigen Bengel von einem Jungen -- ich versteh' dich
nicht! Ich mache nicht mit! Ich will nicht! Wie konntest du nur?” Sie
zitterte vor Aufregung und Empörung.
Marga zog sie mit einem verlorenen Lächeln noch enger an sich.
„Verstehst du das wirklich nicht, Kleinchen?” fragte sie leis.
Und Elli sah zu ihr auf, in ihre Augen, die mit der Sicherheit eines
Sehenden eine weite unendliche Ferne faßten, mit der ihre Stille eins
war.
Und sie verstand Marga ...
Am anderen Morgen kam der kleine Perthes mit seinem Kinderfräulein.
Er war wild, jähzornig, eigenwillig. Aber er war nicht der erste seiner
Art und nicht der letzte. Zwei, drei Wochen konnte das vielleicht
dauern. Dann saß er da und lauschte, sprang und sang, jubelte und
spielte, ein harmloses Kind wie die anderen. Was bedeutete da noch sein
Name?
19
Der Geheime Rat hatte seinen Schwiegersohn im Automobil an die Bahn
gebracht.
Perthes war zu einer Konsultation nach Konstanz berufen worden. Da
Hupfeld in diesen Tagen seinen Sommerurlaub antreten und zunächst
auf Nieburg, späterhin irgendwo in der Schweiz oder Tirol möglichst
ungeschoren sein wollte, gab es zwischen beiden noch allerhand zu
besprechen.
Seite an Seite schritten sie auf dem Bahndamm auf und ab, ganz in ein
berufliches Gespräch vertieft.
Hupfelds hohe Gestalt, mit den Jahren etwas vornübergebeugt, aber
immer noch sehr repräsentativ mit dem glatten, ebenmäßigen Gesicht,
den gebietenden Gebärden, dem verjüngenden blauen Jackettanzug, machte
Aufsehen wie immer. Der nicht ganz so große Professor Perthes in seinem
Reisehabit aus grauem Loden wirkte nicht so distinguiert und hatte
nichts von der weltmännischen Liberalität der Exzellenz. Die frühere
gesunde Bräune seines Teints hatte einen bleiernen Ton bekommen.
Der Ausdruck der Züge hatte die einstige jugendlich-unbekümmerte
Brigantenhaftigkeit verloren. Ein starrer Ernst gab ihm auf dem ersten
Blick einen abweisenden, fast hochmütigen Anschein. Doch dagegen zeugte
das tiefe Auge, das noch immer, wenn auch selten und mit Beherrschung,
in dunklem Feuer aufleuchten konnte. Wenn er mit wiederholter, hastiger
Gebärde die Mütze lüftete und sich über die dichten, schwarzen Haare
fuhr, las man auf der Stirn aus starren, rissigen Falten ebenso viel
rastlose geistige Arbeit wie in sich verschlossene Bitternis. Der Mund
hätte die gleiche Sprache gesprochen, wäre er nicht in dem krausen
Bart zurückgetreten, dem sich da und dort frühgraue Fäden eingesponnen
hatten.
Es wurde zum Einsteigen abgerufen.
Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem Händedruck,
der mehr korrekt als herzlich war. Während der ~D~-Zug aus der
Halle rollte, schritt der Geheime Rat den Bahnsteig zurück nach
seinem Automobil. Auf der Fahrt zur letzten Fakultätssitzung des
Sommersemesters saß er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gruß
zu versäumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach dem Ausdruck
seiner Mienen waren es nicht ausschließlich freundliche Gedanken,
die ihn beschäftigten. Diese Konsultationen nach auswärts, die durch
den steigenden Ruf des Jüngeren sich mehrten, begannen ihm lästig zu
werden. Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll glänzender
Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte längst in Perthes den
Kommenden, der ihn, den Gehenden, vielleicht abzulösen berufen war.
Er hatte die Fähigkeiten des um mehr als eine Generation jüngeren
Mannes „entdeckt”, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn „gemacht”.
Vielleicht würde er gegenüber seinem Schwiegersohn Regungen der
Mißgunst doch unterdrückt haben; vielleicht hätte er sich sogar mit
den Jahren direkt überwinden und seinen Nachfolger selbst auf den
Schild heben können. Aber die Ehe seiner Tochter -- das konnte auch
ihm, dem Optimisten, längst kein Geheimnis mehr sein -- war nicht, was
er sich und Alli gewünscht hatte. Der junge Mann, den er „gemacht”
hatte, entwickelte einen Charakter, dem nach seiner Auffassung die
Weite und Freiheit weltmännischen Denkens abging. Als ewig nachgiebiger
Vater stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose
Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn er auch in ihm sich
stilisiert hatte. Ihre spitzbübische, spottsüchtige, wechsellüsterne
Art zeugte von Humor, Gesundheit des Geistes, jugendlicher Frische.
Dagegen sah er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene
Ledernheit -- besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm kleinlich
vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer Auffassung, die in
jeder konsequenten Folgerichtigkeit und Festigkeit nur Pedanterie und
Spießertum belächelte. Wie oft beklagte er in seinen Gesprächen mit der
körperlich immer schwerfälligeren Mama Hupfeld das „arme Kind”. Bei
dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt, als sein Auto
vor der Universität hielt. Er versäumte trotzdem nicht, dem strammen
Pedellen, der mit gezogener Mütze in Front stand, huldvoll zuzunicken,
während er ausstieg. Durch die Gruppen grüßender und starrender
Studenten schritt er fürstlich nach dem Fakultätszimmer, wo die Korona
der Kollegen das große Tier noch eben durchgehechelt hatte, nun aber
mit übertriebener Ehrerbietung empfing. --
Perthes fuhr inzwischen in seinem ~D~-Zug südwärts.
Er saß allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem
Lesestoff versehen, kümmerte er sich nicht um die sommerlich-frohe
Natur vor den Fenstern. Er war ja früher ein leidenschaftlicher
Naturliebhaber gewesen. Wie oft hatte er auf einer Fußwanderung, wie
oft rudernd und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder
herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwärmerei abgewöhnt.
Wie er sich im Lauf der Jahre auch die seelischen Aufregungen
abgewöhnt hatte. Nicht von heute auf morgen; auch nicht mühelos und
leicht. Es hatte Kämpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab
sich nach den ersten Enttäuschungen seiner Ehe nicht zufrieden:
Perioden der Gleichgültigkeit wechselten mit solchen lauter, zorniger
Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit anderen, in denen
er Alice durch Güte, Vernunft, eiserne Strenge erziehen wollte.
Vorübergehend meinte er die Quelle alles Übels in der Umgebung zu
sehen, die ihn selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er längst
die Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet.
Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es kostete ihn doch mehr,
als er sich je gestand. Er hatte von Natur nichts weniger als die
Anlage zur Einseitigkeit. Eine gewisse Besonderheit hatte er immer
geliebt. Doch sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum,
das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt er gegen dies
Milieu mit seiner öden Oberflächlichkeit, seinem Taumel der Mode und
Sensation, seiner erlogenen Freiheit und Götzendienerei des Geldes,
der Grafenkronen, der Flottheit und Zeitgemäßheit um jeden Preis. Doch
sie -- sie dachte nicht daran, sich ihrem Element abspenstig machen
zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit, ihrer mehr als vorurteilslosen
Bosheit, ihrem girrenden Lachen widerstand sie allen Versuchen,
sie zu ändern. Sie wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht
anders konnte. Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen
seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde und absolute,
vollendete sich. Der Räuberhauptmann war ihr ein gräulicher Philister,
ein lebensfeindlicher Grämling geworden. Hinter dem Irrlicht sah
er, nüchtern und für immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne
argwöhnischen Belauerns -- und eines ging kühl und fremd neben dem
anderen, überließ es seiner Torheit, lebte nur noch für sich und in
sich selbst.
Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich nicht. Aber er,
Perthes, vollzog mit sich eine langsame, qualvolle Wandlung. Die
Gebundenheit, unerbittlich wie die öde ziehenden Jahre, zwang ihn
zu einer strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde zu
Stunde üben mußte. Er lernte mit Schmerzen den Schritt, er, dessen
gegensatzvolle Natur nur immer den Sprung gekannt hatte. Ohne seinen
Beruf, ohne die peinlich gepflegte, später natürliche und echte
Liebe zur Wissenschaft hätte er diese aufreibende Wandlung nicht
durchgehalten. Er wäre verzweifelt und verkommen. So war ihm die
Umbildung gelungen. Er ging in seinem nur geistigen Dasein, seiner
einseitigen Starre eines Gelehrten wie in einer Rüstung. Freilich war
sie schwer; sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung
nach außen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und erst recht
seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit. Da gab es keine Natur, wie
die, die sonnig mit tannenschwarzen Tälern, mit bunten Wiesen, mit
goldgelben Kornhängen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war blind.
Viel blinder als jemand, den er gekannt -- vor langer, langer Zeit ...
In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation, zu der man
ihn gerufen.
Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen Diagnose und der
Kraft seiner Hand das Leben eines zwanzigjährigen jungen Menschen.
Mit dem gutmütigen Lächeln, das seine starken weißen Zähne unter dem
Bart vorblinken ließ, diesem Lächeln, das er so selten und nur noch im
Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit fand, konnte er
dem geängstigten Vater im Vestibül der Klinik die nach menschlichem
Ermessen geglückte Rettung mitteilen.
Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber sie klangen mit der
Freude über die gelungene Operation doch noch in ihm nach, als er
später durch die alten, ehrwürdigen Straßen von Konstanz schlenderte.
Er mußte einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergönnen
wollte und konnte, ein paar müßige Stunden, sie wurden ihm hier
aufgedrängt. Er hatte es seit langem aufgegeben, seinen Stimmungen
nachzuhängen. Aber auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am
Hafen, beim Blick auf die sanfte, klare Wasserfläche, überraschte
ihn, den Entwöhnten, ein weiches, versöhnliches Gefühl. Einer jener
Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit alle Bitterkeit von
Menschen und Verhältnissen wegzuspülen scheint. Er überließ sich halb
schmerzlichen, halb süßen Träumereien. Gab es keine, auch nicht eine
Möglichkeit des Glücks, in der er und die Frau, die er nun einmal zur
Gefährtin seines Lebens gemacht, sich zusammen finden konnten? Es fiel
ihm ein -- woran er bis jetzt nicht gedacht --, daß Alice nach ihren
letzten Nachrichten vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie
wollte, wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Gräfin
Hüningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees ein Landhaus
besaß. Er rechnete die Tage nach. Seine Frau, die in Straßburg bei dem
Bruder ihres Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu Besuch
war, mußte jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drüben, jenseits des
Sees, bei den Hüningens sein.
Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung.
Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr spräche? Wenn sie beide es
doch noch einmal, in Ruhe und Vernünftigkeit, wie zwei Leute, die
sich kennen und keine Illusionen mehr haben, versuchten, zu einer
erträglichen Einigung zu kommen? Zu einem kühlen, sachlichen Frieden,
aber doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen. Für den er
keine Zeit hatte, und den er doch zärtlich liebte. Der zwischen ihnen
verkümmern und verderben mußte ...
Seiner aufwallenden Stimmung folgend, saß Perthes eine Stunde später
auf dem Verdeck eines Dampfers. Er wußte, daß er nicht „klug” handelte,
sondern sich nur von einer jähen, unklaren Regung bestimmen ließ.
Vielleicht würde er Alice gar nicht treffen; oder sie würde seinen
Besuch, seine Vorschläge mit Achselzucken als Sentimentalitäten
beiseite schieben, gar in seinem Überfall eine mißtrauische Absicht
sehen. Aber die abendliche Fahrt auf dem sanftbewegten, blauen See
mit dem Blick auf ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher
Vertrauensseligkeit in ihm wach.
In Rorschach stieg er aus.
Zu Fuß ging er, nach den nötigen Erkundigungen, aus der Stadt am Strand
entlang.
Als er die Villa des Grafen Hüningen gefunden, zögerte er beim Anblick
der herabgelassenen Jalousien, die dem Haus hinter dem hübschen,
herrschaftlichen Garten ein verlassenes Aussehen gaben.
Er zog an der Torklingel.
Der Gärtner öffnete. Er berichtete, die Herrschaften wären gestern
abgereist.
Perthes war niedergeschlagen und ernüchtert. Er nannte seinen
Namen und erkundigte sich, ob seine Frau dagewesen sei. Die Frau
des Gärtners, die dazukam, wußte Bescheid. Die Dame, die bei den
gräflichen Herrschaften zu Besuch gewesen, war einen Tag früher als
die Herrschaften selbst abgereist. Wohin wußte sie nicht. Aber
richtig! Daß sie das nicht vergaß! Das traf sich ja gut: eine Depesche
wäre für die Dame heute morgen noch abgegeben worden. Da sie keine
Adresse gehabt, hätte sie sie einstweilen liegen lassen müssen. Die
Gärtnersfrau holte sie. Perthes nahm sie gleichgültig an sich, grüßte
und ging mechanisch zurück nach der Stadt.
Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttäuschung verflogen.
Wahrscheinlich war Alice wieder nach Straßburg zurückgekehrt. Doch er
wußte nichts Genaueres über ihre Pläne. Er öffnete die Depesche, die
ihm vielleicht darüber Aufschluß gab. Sie lautete in lakonischer Kürze:
„Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt Dienstag.” Der Ort der Aufgabe
hatte französischen Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz.
Eine Unterschrift fehlte.
Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wäre, hätte Perthes das
Telegramm so gleichgültig wieder zu sich gesteckt, wie er es
mitgenommen und gelesen. So öffnete, las und schloß er es zu
wiederholten Malen. Er kümmerte sich so gut wie nicht mehr um das, was
Alice tat oder ließ. Aber zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre
Gelüste regten, ein für allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten.
Er hatte erfahren, daß sie im Frühjahr in Iffezheim am Totalisator
gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es für sie keine gefährlichere
Verlockung als das Spiel, und da die Ausgaben das einzige waren,
über das er wachte, verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs
entschiedenste. Ebenso wußte er, daß sie sich längst sehnlich wünschte,
an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen Wunsch verweigerte er ihr,
nicht nur weil der Ballonsport ihm zu kostspielig war, sondern weil
er die Mutter seines Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt
wissen wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hände geraten war,
verriet ihm, daß sie hinter seinem Rücken nicht daran dachte, seinen
Willen zu respektieren.
Gern hätte sich Perthes auf der Rückfahrt mit dem Dampfer nach
Friedrichshafen, und von da mit dem Nachtschnellzug heimwärts, wieder
nichts sehend und nichts hörend, in seine gelehrte Fühllosigkeit,
seinen dichten, schweren Panzer gehüllt. Doch immer wieder tauchte
diese Depesche vor ihm auf. So gewiß, als sie unbekümmert um sein
Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete, würde sie auch
sicherlich an den Rennen teilnehmen und spielen, so oft sie wollte.
Wenn er erst dahinter kam, daß ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene
gingen, gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu machen.
Möglich auch, daß sie sich nach wie vor von ihren Eltern manches
bestreiten ließ: er hatte die beschämende Kontrolle darüber längst
aufgegeben. Nur mit seinem Willen durfte das nicht sein. Es war auch
vollends einerlei, ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch -- jetzt
-- wo er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport,
den er ihr streng versagt hatte -- schaffte die törichte Nachricht
in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum er nicht? Noch
vor einigen Tagen hatte er den Brief einer auswärtigen medizinischen
Fakultät erhalten, der ihn -- einstweilen als Extraordinarius, aber
mit der sicheren Aussicht auf das Ordinariat -- an eine norddeutsche
Universität berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum überlegt.
Wollte sie auch nicht weiter überlegen, denn er mußte, wollte er nicht
mit seinem Schwiegervater, mit Alice einen Sturm bestehen, doch
ablehnen. Aber mußte er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es
ihr beliebte -- brauchte er sich seinen Weg durch Rücksichten verlegen
zu lassen? In dem brausenden, hämmernden Nachtzug, im Gedanken an diese
malitiöse Depesche, erwachte doch noch einmal sein Widerstand gegen
die ewige Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute
nachmittag, in einer schwächlichen Stimmung, von einem kleinstmöglichen
Glück geträumt. Mit Träumen war da nichts ausgerichtet! Wenn er
handelte?! Wenn er, allen Widerständen zum Trotz, seine Frau nun doch
noch aus ihrer unseligen Umgebung herausriß und verpflanzte? Wenn nicht
mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem des Jungen! Darüber brütete er
...
Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein Entschluß fest. Er
wollte die Gärung, die mit der Unterbrechung seines mechanischen
Arbeits- und Lebensganges in ihm erregt worden war, benutzen. Er
knüpfte Verhandlungen mit der auswärtigen Fakultät an, die ihn rief.
Als er den nötigen Brief abgesandt, ging er elastischer als sonst in
seine Klinik.
Merkwürdig -- die belanglose Depesche, die er vom Bodensee mitgebracht,
verfolgte ihn weiter. Schließlich konnte es ihm gleichgültig sein, mit
wem sich Alice in Baden-Baden traf. Mit den Hupfelds aus Straßburg,
mit ihrem Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger
beschäftigte ihn die Frage.
Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den Grafen Hüningen. Er sprach
fast nie mit dem wappennärrischen Gardeüberrest, der so geschäftig und
gelehrt tat. Heute fragte er ihn höflich nach dem Befinden der Gräfin.
Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurückgekehrt. Der Graf selber
war den Seinigen entgegengefahren und hatte sie in Friedrichshafen
abgeholt. Er sprach auch von dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes
schämte sich fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte
eine unverständliche Ausrede und tat es doch. Alice hatte auf
Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der Graf sich entsann. Als sie
nicht eintrafen, war sie aufs Geratewohl zu ihrem Bruder gereist.
Nun wußte Perthes, daß sie sich höchstwahrscheinlich mit dem Leutnant
nach Baden-Baden verabredet hatte. Von ihm mochte die Depesche sein.
Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben Abend eine
Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz aus dem Engadin, von einer
Hochgebirgstour. Also konnte der es doch nicht sein, mit dem sie
zusammentreffen wollte. War sie gar nicht nach Freiburg gereist?
Sondern direkt nach Baden-Baden gefahren oder ... Er sträubte sich
gegen seine alberne Grübelei. Aber so töricht er sich vorkam, er hatte
keine Ruhe.
Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nächsten Nachmittag mit seinem
Jungen um die Teestunde nach Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich
auf. Besonders der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit
Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wußten Hupfelds nicht. Sie
hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee gehabt. Die Gräfin Hüningen kam
zum Tee. Sie brachte Grüße von Alice und erzählte Wunder von ihrem
famosen Aussehen.
Dann sprach man von unzähligen Dingen, die Perthes nicht
interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhörte.
Der Geheime Rat fragte die Gräfin beiläufig nach Professor Hammann,
ihrem Schwiegersohn. Sie wußte nicht viel von ihm. „Überarbeitet” wie
er gewesen, hatte er einige Wochen vor Semesterschluß seine Vorlesungen
und Studien abgebrochen und Touren in der französischen Schweiz
gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine Regatta gelockt. Der Sport
war nun einmal sein Steckenpferd. Und auf der Rückreise wollte er,
so viel sie wußte, noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden
mitmachen. -- Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen Ereignis
entgegensah, mit den Hüningen am Bodensee gewesen und jetzt daheim --
indolent und schön wie immer, wie die Gräfin selbst lachend hinzusetzte.
Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf Nieburg hörte. Und
doch versetzte es ihn in gesteigerte Unruhe. Daß die Depesche an Alice
aus der französischen Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Daß
sie und Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden
zu einer Ballonfahrt trafen, war möglich, aber für ihn jedenfalls
uninteressant.
Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von Stift Nieburg nicht
unterlassen, seine einmal entfesselte Spürkraft weiter zu üben.
Er spottete über sich und seinen spielerischen Eigensinn und kam
gleichwohl nicht davon ab.
Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war sehr ungehalten, daß
sein Papa ihm oft gar keine oder ganz unzureichende Antworten auf
seine zahlreichen, höchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch.
Wenn Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er wütend über den
Jungen und über sich. Was ging denn mit ihm vor? Wollte er sich zum
Detektiv ausbilden? Wollte er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin
vergifteten Beziehungen zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in
sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verächtlich biß er
sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte ein, die ihm seine
Frau seinerzeit als Tauschobjekt für seine mißlungene und abscheuliche
Beichte über sich und Marga Richthoff angeboten und später auch
wirklich erzählt hatte. Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno,
jetzt schon zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende,
Perthes sehr ungelegene Erzählung aus dem Richthoffschen Kindergarten
mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er hörte daneben deutlich das
saloppe Tauschgeständnis, das Alice damals abgelegt: wie sie mit
diesem kleinen, patenten Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und
Auchbakteriologen, geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett
hätten leiden können, aber eines Tages bei dem Gedanken an Verlobung
und Heirat „auseinandergelacht” hätten. Ob es für Alice ein größeres
Vergnügen hätte geben können, als zu wissen, daß er sich in solchem
Zusammenhang an ihre Geschichte erinnerte? Daß er sich nun auch noch
auf die abgegriffene Spezialität der Eifersüchtelei verlegen wollte?
Das Vergnügen wollte er ihr denn doch nicht gönnen! --
Daheim ließ Perthes den Jungen zu Bett bringen und warf sich
entschlossen auf seine Arbeit.
Keine Minute länger durfte diesem müßigen und kläglichen Spintisieren
gehören.
Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfüllt von wissenschaftlichen
Ideen, völlig abgezogen von den Torheiten der letzten Tage, legte er
sich zu Bett.
Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die der erschöpfte
Kopf gab ...
Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die Höhe. Ein Traum, ein
hämischer, raffinierter Traum hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klügeleien,
seine eingestandenen und verborgenen Verdächtigungen hatte dieser Traum
mit folgerichtiger Teufelei zu einem höhnischen Bild vereinigt, das
ihn mit seiner alpdrückenden Gewißheit aufjagte. Er rang nach Atem,
nach Beruhigung. Er suchte seine Beklemmung abzuschütteln. Aber sie
wich nicht. Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht.
Er wußte gar nicht, ob er überhaupt wach geworden war, oder ob er
weiterträumte. Bestimmte Einzelheiten, Äußerungen, die er vergessen,
mit halbem Ohr gehört, Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei
seinen Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus -- sie
standen in einem neuen, verfänglichen Licht vor ihm. Besonders war es
ein Wort Alices, das sie bei einer Schmauserei mit ihrem göttlichen
Leichtsinn in die Unterhaltung geworfen und das jetzt mit beinahe
physischer Leuchtkraft vor ihm brannte. „Edith, wie wär's, wenn wir uns
heute mal so richtig übers Kreuz amüsierten, du mit meinem, ich mit
deinem Kreuzritter?!” Hatte es dabei nicht boshafter und tückischer
denn je in ihren Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darüber
gelacht. Er sah und hörte dies Lachen. Er lachte aus Höflichkeit, Edith
Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so gar nicht abenteuerlustigen
Art, Alice kurz und aufreizend, wie sie es gern tat, und Hammann mit
verlegener Lautheit ...
Perthes war aufgesprungen.
Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser Wahnvorstellungen,
halb träumend, halb wach, warf er sich in seine Kleider. Es dämmerte
noch kaum, und er zündete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten
Absicht bewußt und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit der exakten
Konsequenz eines Nachtwandlers.
Er stieg die Treppe hinunter.
Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem Speisezimmer. Vor ihrem
Schreibtisch machte er halt und setzte seine Kerze nieder.
Für einen Augenblick lichtete sich sein Bewußtsein. Wollte er eine
Schlechtigkeit tun? War er wahnsinnig geworden? Wo war er? Was trieb er?
Doch schon faßte ihn wieder der Zwang. Gewißheit um jeden Preis mußte
er haben!
Er riß an der verschlossenen Schublade des Schreibtisches. Der
Widerstand entfachte nur seine Wut. Mit seiner ganzen, in der
Anspannung gewaltigen Körperkraft erbrach er sie. Alice hätte in diesem
Moment erfahren können, daß der Räuberhauptmann in ihm noch nicht vom
Philister völlig verschlungen war!
Er wühlte in dem wahllosen Durcheinander von Rechnungen, Briefpapier,
Einladungen.
Schließlich, ganz zu hinterst, aber gar nicht etwa versteckt, fand er
Briefe mit Hammanns unpersönlicher Schrift. Einen, zwei, die nichts
von Belang, nichts Überzeugendes enthielten. Dann eine Briefkarte, mit
Bleistift geschrieben -- sechs, acht Zeilen -- die ihn auf den Stuhl
vor dem Schreibtisch taumeln ließen.
Das war die Gewißheit, die er gesucht hatte. Alice hatte ihn mit Ludolf
Hammann betrogen ...
Mit der Gewißheit kam für Perthes das Erwachen aus dem dämmerhaften,
halbwachen Zwang, der ihn zu einer häßlichen Gewaltsamkeit fortgerissen
hatte ...
Wie lange er so gesessen, wußte er nicht. Die Wahrheit, grausam,
hämisch, konsequent, wie der Traum, der ihn gepeinigt -- erst tobte sie
in ihm mit Gefühlen der Verachtung, des Schmerzes, des entwürdigten
Stolzes, die in seinem Innern stritten und die Vorherrschaft vor
seinem Verstand begehrten; dann gab sie ihm einen kalten, nüchternen
Entschluß, mit dem er sich erhob.
Er nahm die Briefe an sich, ging zurück in sein Schlafzimmer und machte
sich fertig.
Früh am Morgen, viel früher als sonst, schallte seine Stimme mit
ungewohnter Schärfe durch das Haus. Er überschüttete die Dienstboten,
das Kinderfräulein mit einer Flut von Befehlen, so daß sie in heller
Bestürzung umeinander liefen.
Das dauerte etwa eine Stunde.
Dann verließ er mit seinem Jungen die Villa. Nicht einen Tag länger
konnte er unter diesem Dach bleiben. Die Lüge seiner Ehe, eines
trugvollen, jahrelangen Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch
äußerlich sein.
Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel einquartieren. Doch
die Besonnenheit riet ihm von diesem zu auffallenden Schritt ab. Er
erinnerte sich an sein Junggesellenquartier bei Fräulein Eschborn.
Dorthin schleppte er seinen verstörten, heulenden Jungen. Dort fand
er -- da das Semester vorbei war und die Studenten fehlten -- ein
Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer und ein Schlafkabinett
für ihn, eine Stube für Benno und das Kinderfräulein, das nachkommen
sollte -- war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger als einem
halben Tag war der Auszug vollendet ...
* * * * *
Die Wochen des Kriegs begannen.
Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus allen Wunden
blutete und der Kopf doch Meister bleiben mußte.
Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg wie eine Bombe.
Mama Hupfeld legte sich, wie immer bei aufregenden Gewittern, sofort zu
Bett. Exzellenz, von der Unschuld seiner Tochter überzeugt, schäumte.
Er schrieb an Perthes, den Mann, den er „gemacht” hatte, einen Brief
voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem aufgespeicherten Groll gegen
das Geschöpf seiner Gutmütigkeit ohne jede klassische Bezähmung freien
Lauf ließ. Er wollte seinen Schwiegersohn demütigen und zur Räson
bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden
Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat stutzte. Er wurde vorsichtig,
denn er witterte Skandal, und den mußte er um jeden Preis vermeiden.
Noch hoffte er, daß die Rückkehr Alices, die stündlich bevorstand, eine
andere Erklärung geben und das Beweismaterial ihres Mannes erschüttern
würde. Alice kam. Sie war ein bißchen erstaunt. Ein bißchen bestürzt.
Ein bißchen empört. Im Grund fand sie die erbrochene Schublade das
beste, was ihr Mann nach Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was für
Exzellenz das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre
Beziehungen zu Hammann zu beschönigen. Sie leugnete nichts. Zerknirscht
war sie auch nicht. Das Abenteuer mit Hammann war eine Laune gewesen,
die sie, gelangweilt von ihrem Mann und von aller Regelmäßigkeit,
früher oder später kosten mußte. Skrupel empfand sie dabei nicht.
Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde durch das Neue, das es
brachte, aufgewogen. Spaßhaft hätte sie es gefunden, wenn sich Perthes
und Hammann um ihretwillen geschossen hätten. Darauf wartete sie auch.
Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was sie zur Schau trug,
jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal sogar ihren Vater fast zu
zorniger Verzweiflung brachte ...
Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann zur Verantwortung
zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte sein Blut diese knallende Lösung.
Aber dann übermannte ihn der Ekel. Sollte er sich für ein Chimäre
schlagen? Die Ehre von Alice war längst nicht mehr die seine. Mochten
Splitterrichter des Duellkomments, dem er für einen würdigeren Fall
die Berechtigung nicht versagte, ihn verdammen. -- Den Eklat eines
Prozesses scheute er nicht. Doch dagegen kämpfte der Geheime Rat mit
allen Mitteln. Sogar denen einer höflichen, bittenden Überredungskunst.
Diese war es nicht, die bei Perthes verfing. Aber die ruhigere Erwägung
sagte ihm, daß er selbst durch einen grellen Skandal mehr verlieren
als gewinnen konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu
opfern -- dazu fühlte er sich nicht bemüßigt und, im Hinblick auf sein
Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst dauerte das Hinüber und Herüber
der feindlichen Lager. Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen
Rechtsanwalts die Lösung, die beide Parteien -- mit Einverständnis
der sehr degoutierten Gräfin Hüningen, des kleinlauten Professor
Hammann und der verstörten, so gar nicht nachtragenden Edith --
annehmen konnten und mußten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland
endgültig angenommen hatte, würde dorthin mit Benno übersiedeln. Alice
sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz mit ihm zu teilen. Seine
wiederholte Aufforderung, ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der
gesetzlichen Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind ließ und vor
der Öffentlichkeit den Skandal annähernd verschleierte.
Mit einer Komödie sollte symbolisch die Ehe von Max und Alice Perthes
ihren Abschluß finden.
20
Es war Oktober geworden.
Ein warmer, milder Herbst lag über dem Land. Sanft bräunten und röteten
sich die Laubwälder an den Hängen und auf den Kämmen der Berge.
Wehmütig hängte sich die dunkelgoldene Sonne an die erstarrende Erde.
Sie spielte melancholisch mit den Wellen im Fluß, die unerwärmt unter
ihrem liebkosenden Schein davonliefen. Es war wieder die große, stille
Zeit des Abschiednehmens gekommen, in der so viel Reife und Tiefe der
Stimmung liegt. Es ist im eisknirschenden Winter, im knospensprengenden
Frühling, im kornknisternden Sommer nicht so viel Musik als im Herbst:
aber es ist die Musik der Heimlichen und Reifen; die Musik derer, die
vom Sterben die Kraft nehmen und die Lust zum Leben; es ist die Musik
der großen Stille ...
Das luftige Giebelzimmer über der Stadt und dem Fluß, in dem Perthes
als Junggeselle gewohnt hatte, war frei geworden. Trotz der
Gegenvorstellungen von Fräulein Eschborn, die das Quartier für ihn
nicht mehr standesgemäß finden mochte, war er in den letzten Wochen
aus dem ersten Stock dort hinaufgezogen. In einer Zeit, wo alles um
ihn wankte und niederbrach, empfand er das hartnäckige Bedürfnis,
sich an diese Giebelstube von einst zu klammern. Er hatte dabei nicht
erst seine Gefühle und Erinnerungen umständlich befragt: daß er nicht
stimmungsselig da oben würde, dafür sorgten die Aufregungen dieser
Zeit des Kampfes, des Abschlusses seiner klinischen und akademischen
Pflichten, die zahlreichen Schreibereien und Abmachungen, die die
Übersiedlung an einen neuen Ort der Tätigkeit, in andere Bedingungen
des Lebens notwendig machten.
Erst in der zweiten Woche des Oktobers trat eine kurze Pause und
unfreiwillige Ruhe für ihn ein. Er hatte sich auf der Klinik
verabschiedet. Der Kampf um die Scheidung von Alice, so aufreibend und
nervenzehrend, war abgeebbt. Seine neue Stellung war in allen Teilen
gesichert. Nur die kleinen Geschäfte, die mechanisch und nichtssagend
sind, Formalitäten verschiedener Art hielten seinen Fortzug noch um
einige Tage auf. In der Entspannung, die jetzt unmerklich während
dieser gezwungenen Mußezeit seinen Geist und sein Herz überkam,
beschlich es ihn doch manchmal eigen in seinem Junggesellenzimmer,
und wenn er sich über die Brüstung des Fensters lehnte, hörte auch er
vom Fluß herauf, über die sonnenglänzenden Dächer weg, herunter von
den tannenbescheitelten und laubwaldumkränzten Bergen die heimliche,
tiefe Musik des Herbstes. Erst vernahm er nur ihre ersterbende
Wehmut: allein, mit leerem Herzen, gebrochen, ärmer als er einst
eingezogen, zog er jetzt durch dieselbe Tür wieder davon. Er wehrte den
Erinnerungen, aber sie gaben ihn nicht frei: seine jungenhaft-törichte
Schwärmerei für Hilde König; sein unfähig-gewaltsames Ringen nach der
Höhe, wo Marga gestanden und sein schwacher, schuldvoller Absturz;
seine tolle, trügerische Taumel- und Leidensgeschichte mit Alice --
Erlebnisse dieser Jahre hatten leer- und totgefegt, was in ihm war.
Aber dann hörte er heller, deutlicher. Hörte hinter die Töne der
Wehmut: aus der traurigen Weise des Sterbens löste sich leise, aber
fest eine andere. War er nicht doch reicher geworden bei all der Armut?
Da war seine Liebe zur Wissenschaft, eine dauerhafte, echte Liebe,
die nichts mit dem haltlosen Hin und Her früherer Neigungen gemein
hatte. Da war sein Junge, Fleisch von seinem Fleisch, ein Ziel und eine
Hoffnung, auch wenn er Blut von ihrem Blut hatte. Und da war er selbst,
ein Mann, ein Wollender, einer der sich kannte und beherrschte, der
nicht sprang, sondern schritt -- vielleicht doch empor -- nicht mehr zu
der Höhe, die Marga gehörte, aber doch zu einem, zu seinem Gipfel: zu
der Persönlichkeit, die er werden konnte. Er hörte etwas, auch er, von
der Musik der Heimlichen und Reifen, derer, die vom Sterben die Kraft
nahmen und die Lust zum Leben ...
In solchem Lauschen war er eines Morgens versunken, als das
Kinderfräulein mit Benno bei ihm eintrat. Sie hatte den Kleinen vor
kaum einer halben Stunde in den Kindergarten gebracht. Fragend wandte
sich Perthes nach den beiden um.
Der Junge machte ein verschlossenes, eigensinnig-finsteres Gesicht
und zerrte sein Fräulein am Rock, als wollte er sie hindern, zu reden.
Das junge Mädchen sah verlegen und unschlüssig aus, als traute es sich
nicht zu sprechen und auch nicht zu schweigen.
Perthes, der seinem Jungen mehr Aufmerksamkeit schenken konnte als
sonst, musterte ihn und das Fräulein.
„Was gibt's?” fragte er mit knapper Stimme. „Die Schule ist doch noch
nicht zu Ende?”
„Nein, Herr Professor, aber --”
„Laß mal das Fräulein los! Setz dich artig auf einen Stuhl! -- Nun,
aber?”
„Die Damen sagten -- Fräulein Richthoff sagte -- er solle nicht
wiederkommen!” stammelte das Mädchen ratlos.
„Was heißt das?” Perthes runzelte die Stirn. „Ich versteh' das
nicht. Ist etwas vorgefallen? Reden Sie doch!” Er näherte sich dem
Fräulein und warf gleichzeitig einen besorgten Blick auf den Kleinen,
der zwischen Trotz und Tränen auf seinem Stuhl schwankte. Er hatte
seinerzeit erst nachträglich von Alice erfahren, daß sie den Jungen
in den Richthoffschen Kindergarten gebracht. Es war ihm peinlich
gewesen, aber er hatte es nicht mehr ändern können. Wenn Benno von dort
erzählte, beschränkte er sich meist auf das Zuhören und lenkte ihn bald
ab. Auch das jetzige Thema kam ihm ungelegen, und er hätte es gern so
schnell wie möglich abgetan.
Das Kinderfräulein rückte schüchtern mit vielen Wenn und Aber heraus.
Benno wäre gestern unartig gewesen; er hätte die Damen erzürnt; die
Jüngere hätte heute entschieden erklärt, er dürfe nicht mehr kommen.
Perthes horchte betreten auf.
Er schickte das Fräulein aus dem Zimmer. Dann nahm er seinen Jungen
vor. Eine harte Arbeit. Der kleine, schwarzköpfige Wicht mit seinen
brennenden Augen war verstockt. Aus dem dunklen Blick leuchtete
die Heftigkeit des Vaters, und um den kindlichen, tiefroten Mund
spielte etwas von Alices launischer Selbstwilligkeit. Erst gab es ein
verlegen-hartnäckiges Schweigen. Dann ein lautes, zorniges Geheul.
Endlich ein aufgelöstes, schluchzendes Gestammel, dem Perthes nur
allmählich Sinn abgewinnen konnte. Zwei Namen wechselten in der
jammervollen Beichte am deutlichsten ab. Tante Elli und Tante Marga.
Der kleine Bursche wußte nicht, wie hart und unselig gerade diese
beiden von ihm endlos wiederholten Namen in die Ohren seines Vaters
klangen. Und was nachkam, traf Perthes noch schlimmer. Aus all dem
Gestammel und Geschrei wickelte sich heraus, daß er, offenbar in einem
Anfall von Jähzorn, die eine Tante geschlagen hatte -- Marga. „Ein
ganz klein wenig nur,” wie er mit erneutem Aufschluchzen versicherte.
Er erwartete offenbar von diesem Schluß- und Hauptstück seines
Geständnisses das äußerste, denn er duckte sich in sich zusammen und
würgte noch zweimal „ein ganz klein wenig nur” hervor. Aber er mußte
mit Staunen die Wahrnehmung machen, daß sein Vater ganz still und stumm
blieb. Er sah schüchtern zu ihm hin. Aus Perthes' Gesicht war alles
Blut gewichen. Eine erschreckende Verzweiflung und Traurigkeit, wie
sie der Missetäter im Matrosenkittelchen noch nie an einem Menschen
gesehen, malte sich in seinem Antlitz. Bewegungslos, mit herabhängenden
Armen und geschlossenen Augen saß er vor dem Kleinen, und dem wurde
dies Starren und Schweigen unheimlich, viel unheimlicher als das
heftigste Schelten. Er brach von neuem in Tränen aus.
Perthes stand auf.
Er rief das Kinderfräulein und ließ den Jungen, ohne ein Wort an ihn zu
richten, in die andere Stube führen.
Als er allein war, setzte er sich vor seinen Schreibtisch. Er nahm
seinen Kopf zwischen seine beiden Hände und preßte ihn, als wollte er
ihn zerdrücken ...
Das Schwerste und Trübste, was in seiner Seele geschlummert, woran
er auch in seinen wehmütigsten Abschiedsgedanken nur aus ängstlicher
Ferne vorbeigestreift war, wie an einem kranken, schmerzhaften Glied
-- das hatte sein eigener Junge mit seiner kindlichen Untat grell und
rücksichtslos aus ihm heraufgezerrt. Die kleine Hand, die sich da im
Jähzorn erhoben, was hatte sie im Grund anderes verübt, als was er,
der Vater, vor einigen Jahren so viel brutaler, härter, grausamer
getan: Marga geschlagen! -- Wie das traf! Wie es schmerzte! Wie es von
der verstecktesten Wunde seines Lebens, der größten, mitleidslos den
Notverband riß und das Blut quellen und quellen ließ. Die Erinnerung
an Marga, Stunde um Stunde fast des Vergangenen, umtoste ihn. Aus
gespenstiger Weite, aus der Verbannung von Jahren war ihr Bild nahe
gerückt, so nahe, daß es ihn mit seiner Deutlichkeit betäubte. Es war
ihm wie gestern, daß er sie verloren, verlassen und preisgegeben hatte!
An jener Wegscheide, zwischen Stift Nieburg und der Sägemühle im Tal,
war er fehlgegangen. Weit und weiter in die Irre ...
Doch das war ja nur der Schrei _seiner_ Seele, auf den er horchte. Ein
Schwelgen in nutzloser Sehnsucht nach Verscherztem und Verlorenem. O --
er hatte immer nur an sich gedacht! Was Marga gelitten, hatte er es je
in seinem vollem Umfang ausgemessen? Hatte er seine Schuld -- ja, einen
Teil davon hatte er abgetragen! In sich selbst! Aber vor ihr und an
ihr war er so schuldig wie damals. Er hatte ja gewartet, bis die Hand
seines Jungen sich kindisch an ihr verging, als sollte sich das Wehetun
vererben vom Vater auf den Sohn. Wie schmerzhaft er geschlagen, davon
wußte der Kleine nichts. Dafür trug sein Vater die Verantwortung.
Ruhelos gefoltert, die Stunden vergessend, schritt Perthes in seinem
Zimmer auf und nieder.
Genugtuung konnte er Marga keine geben. Für das, was geschehen war
zwischen ihr und ihm, gab es keine Genugtuung. Konnte er trotzdem
nichts, gar nichts tun?
Natürlich mußte er für den Jungen um Entschuldigung bitten. Er warf
ein paar Zeilen aufs Papier. Am Nachmittag legte er sie beiseite und
schrieb einen Brief, der mehr, der ein Bekenntnis seines ganzen Lebens
wurde. Daraus machte er von neuem -- jedes Pathos und jede Floskel
verachtend -- ein knappes Billet, das nichts besagte. So ging es nicht!
Er zerriß alles, was er geschrieben. Wenn er etwas tun wollte, mußte es
etwas anderes sein.
War er denn feig? Zu feig um das zu versuchen, was einfach anständig
war?
Er, er selbst mußte gehen, er mußte seinen Jungen zu ihr führen.
Als ob er das nicht längst gewußt hätte?! Nicht immer wieder
fortgeschoben und umgangen hätte?!
Vielleicht ließ sie ihn abweisen, vielleicht -- doch das war es nicht,
was ihn bestimmen durfte. Es gab nur diesen Weg. Keinen sonst. Den
mußte er gehen. Als Mann von Ehre und Gewissen. --
Am nächsten Morgen war er mit sich fertig.
Mit seinem Kleinen hatte er nicht wieder gesprochen. Nicht einmal „Gute
Nacht” hatte er ihm gesagt. Jetzt teilte er ihm in kurzen Worten mit,
was geschehen sollte. Sie beide würden um elf, ehe die Schule zu Ende
war, zu Tante Marga gehen. Und Benno würde vor den Kindern sie laut und
deutlich um Verzeihung bitten. Jedes Sträuben war ausgeschlossen.
Der Junge machte ein langes Gesicht. Fast eine Grimasse wie seine
Mutter. Aber er war zu zerknirscht. Er hatte zu viel geweint und
fürchtete die traurig-entschlossenen Augen seines Vaters zu sehr, um
ein Wort des Widerwillens oder auch nur eine Gebärde dagegen zu finden.
Dann gingen sie zur festgesetzten Stunde in die Stadt.
Perthes hatte sich den Weg beschreiben lassen. Trotzdem ging er in
unbekannten Straßen fehl. Auf den Jungen war kein Verlaß. Er war ebenso
stumpf und ängstlich, wie sein Vater erregt war.
Sie irrten an dem Haus am Wenzelsberg vorbei, das frisch gestrichen,
fremd und abweisend in der Straße stand.
Es schlug elf Uhr, ehe sie sich zurechtgefunden hatten.
Der lachende und schwatzende Kinderschwarm quoll aus der Tür des
Vorgartens, bevor sie das kleine Haus in der Bergfelderstraße
erreichten.
Perthes stand unschlüssig vor dem Zaun, hinter dem die buntblütigen
Astern in freundlichen Beeten leuchteten.
Sollte er umkehren? Sollte er den Gang auf den Nachmittag verschieben?
Das widerstrebte ihm. Er trat ein.
Das Dienstmädchen, das ihm die Glastür öffnete, sah ihn und den Kleinen
verdutzt an.
Sie wies ihn ins Schulzimmer und wollte die Damen rufen.
Inmitten der kleinen Bänke blieb er harrend stehen. Er atmete schwer
und hielt den Jungen mit einem harten Griff an seiner Seite. Es
hämmerte in seinen Schläfen und zuckte vor seinen Augen, so daß er
nichts um sich sah.
Nach geraumer Weile öffnete sich die Tür. Es war Elli.
Das Mädchen, das den kleinen Perthes kannte, hatte sie benachrichtigt.
Perthes hatte versäumt, sich mit Namen zu nennen, aber sie war keinen
Augenblick im Zweifel, daß er selbst es war. Mit klopfendem Herzen,
nicht wissend, was sie tun oder lassen sollte, war sie herbeigeeilt.
Ohne Marga zu verständigen, die im Garten auf und ab ging. Nun
stand Elli sprachlos dem Mann gegenüber, der ihr vor Jahren ein
vertrauter Bekannter gewesen. Ihre sonst so frische, nicht leicht
einzuschüchternde Art versagte bei diesem unerwartetem Wiedersehen. Sie
konnte ihn nur durch eine Bewegung bitten, seine Wünsche zu äußern.
Auch Perthes war einen Moment betroffen und stumm dagestanden. Jetzt
erklärte er sich mit fester Stimme.
„Fräulein Richthoff, mein Junge und ich sind gekommen, um Ihr Fräulein
Schwester um Verzeihung zu bitten. Ich hörte mit Entrüstung, was für
eine große Unart sich der Kleine geleistet hat!”
„Meine Schwester -- Sie wollen meine Schwester selbst -- sprechen?”
stammelte Elli.
„Ich bitte darum,” erwiderte er mit einem leisen Vibrieren des Tones.
„Ich fürchte, daß --” Elli suchte nach einer Ausrede, um Marga dies
Wiedersehen zu ersparen, aber Perthes hatte seinen Blick mit einer so
zwingenden Bitte auf sie gerichtet, daß sie verstummte. Ein hastiges,
bebendes „Ich will nachsehen!” und sie huschte aus dem Zimmer.
Es dauerte wieder eine geraume Zeit.
Perthes dünkten die Minuten Ewigkeiten zu werden. Er ließ den Kleinen
los und lehnte sich gegen das Kreuz des nächsten Fensters.
Er hörte im Flur Schritte, die sich näherten. Auf seine Sinne legte es
sich wie Nebel. Die Dinge rückten vor seinen Augen in eine dunstige
Ferne. Das Kind trat mechanisch von einem Fuß auf den andern. Weit
ab sah er jetzt eine Tür sich öffnen. Er erkannte eine Gestalt, nur
in Umrissen, während eine zweite sich abseits, an einem Schrank zu
schaffen machte. Die erste, die stillstand, mußte Marga sein. Er löste
sich von dem Fensterkreuz und trat einige Schritte vor. Seine Stimme
klang ihm fremd wie die eines anderen.
„Sie wissen schon, weshalb wir hier sind. Ich danke Ihnen, daß Sie uns
hören wollen. Eigentlich wollte ich, daß der Junge vor seinen Kameraden
ihnen Abbitte tun sollte. Er hat sich abscheulich vergangen!” Perthes
stockte. Die stoßweise vorgebrachten Sätze preßten seinen Atem. „Benno,
tu wie ich dich geheißen!” Er tappte neben sich nach der Schulter des
Kleinen und schob ihn vorwärts. „Geh, und bitte Fräulein Richthoff um
Verzeihung!”
Der Junge setzte sich zögernd in Gang.
Marga stand blaß und ernst bei der Tür. Sie mußte hinter sich, am
Türrahmen, Halt suchen. Ihr Kopf hatte sich auf die Brust geneigt, ihre
Augen sich geschlossen. Sie wollte dem Kleinen entgegengehen, um die
peinliche Szene so schnell wie möglich zu beendigen. Aber sie konnte
nicht.
Der Junge blieb auf halbem Weg wie angewurzelt stehen. Trotz und Angst
ließen ihn schwanken.
„Benno!” mahnte Perthes mit Anstrengung.
Das Kind rührte sich nicht. Die Hände auf dem Rücken verschlungen
haltend, wich es nicht von der Stelle.
Perthes griff sich an den Kopf. Dann ging er mit schleppenden
Schritten, ohne den Boden unter sich zu fühlen, vorwärts, dorthin, wo
die in Nebel verlorene Gestalt stand.
„Also werde ich für dich um Verzeihung bitten!” Er nahm alle Energie
zusammen. „Der Junge ist verwildert. Seine Mutter -- kurz er hat keine
Mutter mehr. Und ich kann mich zu wenig um ihn kümmern. Ich bitte Sie,
ihm zu verzeihen!”
Perthes stand jetzt kaum zwei Schritte von Marga entfernt. Er wollte
sagen, daß das Kind selbstverständlich nicht mehr in die Richthoffsche
Schule kommen dürfe; er wollte in einer kurzen, verbindlichen Form all
das vorbringen, was er sich zurecht gelegt. Aber die Worte blieben ihm
aus. Er hatte seine Kraft überschätzt und konnte nicht weiter. Er stand
so steif und unbeweglich wie sein Kind.
„Ich verzeihe ihm gern,” kam es leise von Margas Lippen. Die ganze,
weiche Fülle ihres Wesens klang zitternd mit. Es war der alte, warme,
stille, einfache Ton, der über Jahre hinweg an Perthes Ohr drang. Der
Dunst vor seinen Augen zerstob. Er sah sie. Nahe wie sie ihm war. Die
blauen, tastenden Augen, das erblaßte, schlichte Gesicht mit seinen
sanften, weichen Zügen unter dem fahlen, gescheitelten Haar.
Und mit einem Mal schüttelte es seinen großen, starken Körper wie
ein Sturm. Seine Hände öffneten und schlossen sich wie im Krampf. Er
schwankte zur Seite, ergriff eine der kleinen Kinderbänke, die da
standen und ließ sich mit einem dumpfen Laut niederfallen.
Der Junge, von Angst und Schreck erfaßt, lief strauchelnd auf Marga zu:
„Verzeihen! Verzeihen!” würgte er unter einer Flut von Tränen hervor,
während er sich an sie drängte, die Hände emporstreckend, Schutz und
Hilfe suchend vor einem Unbegreiflichen, das um ihn vorging, und das
sein Herz und sein Verstand nicht faßten.
Marga beugte sich über ihn und streichelte das dichte, zottige Haar.
Elli war an ihrer Seite und hob ihn empor. Instinktiv trug sie ihn in
das anstoßende Zimmer ...
Perthes und Marga blieben allein in der großen, fröhlichen Stube, die
die gedämpfte Herbstsonne mehr und mehr in ihr sattes Mittagslicht
tauchte.
Eine Weile war nichts hörbar als der schwere, keuchende Atem des
Mannes, der mit verzweifelter, schamvoller Kraft gegen die Gefühle
rang, die ihn überwältigen wollten. Und dann erlag er doch, dem
unsagbaren und grausamen Leid seiner Seele. Das ganze Weh seines
Lebens, die mit unnatürlicher Anspannung zurückgehaltenen Schmerzen
der letzten Monate, Bitterkeit, Reue und Verzweiflung befreiten sich
in jenem harten, dumpfen Schluchzen, das den Zusammenbruch des Mannes
grausam, erschreckend und erschütternd macht, wie ein Ereignis der
Natur ...
Leise, wie ein Schatten, löste sich Marga von der Wand, an der sie noch
immer stand.
Sie ging nach dem Stuhl, auf dem sie sonst vor ihren Kindern saß;
von dem aus sie vor den glänzenden Augen der andächtigen Kleinen
ihre Märchen erzählte. Dort setzte sie sich und faltete die Hände im
Schoß. Zuerst war es auch ihr, als müßte ihr zuckendes Herz in Tränen
sich befreien. Aber dann senkte es sich über sie wie eine machtvolle,
alle menschliche Klage versöhnende Feierlichkeit. Ihr inneres Gesicht
verklärte sie: sie sah sich wie einst an einem Nachmittag, nach
bangem Morgen, über einen Hang schreiten, über einen unabsehbaren
Hang von blauen Glockenblumen. Sanft neigten sie sich im Sommerwind
und begannen zu läuten mit ihren zarten, dünnen, verheißungsvollen
Stimmchen. Je weiter sie schritt, um so lauter war das Geläut. Ein
Jubeln, ein Jauchzen wurde daraus, in das ihre Seele einstimmte. Und
wieder war da ein Fluß. Breiter, tiefer, strömender als der von einst.
Über den mußte sie setzen. Sie wußte, daß er drüben stand, am Ufer.
Daß er sie erwartete. Es mußte so sein. Und das Geläute mußte sie auf
seinen Schwingen tragen, hinüber über das Vergangene, hinüber über das
Gegenwärtige, bis sie an seiner Seite stand ...
Seine Stimme erweckte sie. Er hatte sich mit einer gewaltsamen
Aufraffung gesammelt.
„Was werden Sie von mir denken, Fräulein -- Fräulein Marga!” Er konnte
sie nicht anders nennen. „Was werden Sie von mir tränenseligem,
erbärmlichem Weichling denken!” stieß er rauh hervor. „Ich wollte Ihnen
nur sagen, daß Sie mir -- mir unendlich viel mehr zu verzeihen haben
als meinem dummen, trotzigen Kleinen. Das war es.”
Marga schüttelte den Kopf.
„Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Und wenn es noch etwas gewesen
wäre, so hätten Sie es in dieser Stunde für immer gutgemacht!”
Perthes war aufgestanden. Auch Marga hatte sich erhoben.
Sie bot ihm ihre Hand. Er beugte sich tief darüber mit seinem dunklen
Kopf und küßte sie stumm. --
Er rief nach seinem Jungen.
Elli brachte ihn getröstet herbei. Sie wußte nur durch ihr Gefühl, was
vorgegangen war.
„Benno will am Nachmittag wieder in die Schule kommen,” meinte sie mit
einem strahlenden, liebkosenden Blick auf den Kleinen.
„Und immer wieder will ich kommen!” erklärte überzeugt der kleine Mann.
„Wenn die Damen es erlauben -- solange du noch hier bist,” sagte
Perthes, dankbar auf Elli schauend. Dann ließ er ihn sich von Marga
verabschieden, nahm ihn bei der Hand und verließ mit einem ernsthaften
Gruß das Zimmer ...
Elli warf sich in Margas Arme. Während draußen die Gittertür knarrte
und die Schritte des kleinen und des großen Perthes straßabwärts
verhallten, standen sie schweigend beisammen. Elli wagte nicht,
Marga zu stören, deren Augen verloren ins Weite schweiften und eine
schimmernde Ferne faßten. Es war die große Stille, die über Zeit und
Raum dort hinüberfloß. Und es war wieder die Freude in ihr und das
Läuten der blauen Glocken von Stille zu Stille. Das Wie wußte sie nicht
und nicht das Wann. Aber sie wußte, daß sie und er sich wiedersehen
würden, um sich nicht mehr zu trennen. Denn sie waren wieder Gefährten
eines Wegs und eines Willens ...
Und beide rangen sie mit dem Leben, bis daß es sie segnete.
[Illustration]
Im _Cotta'schen Verlage_
erschien von
Heinrich Lilienfein: