„Ich wußte nicht, daß man vom Boden in den Turm steigen kann,” gab

Alice frostig und einsilbig zurück.

Als sie unter das Tor der Kapelle traten, sah er auf die Uhr. Es

war spät geworden. Beinahe sieben. „Höchste Zeit, daß ich mich

verabschiede!” murmelte er heftig.

Sie schritten wortlos durch den Garten nach dem Haus. Der Regen hatte

aufgehört. Es tropfte nur noch schwer und laut von den glänzenden

Zweigen.

Im Flur klingelte Alice nach dem Diener. „Vielleicht wünschen Sie sich

etwas ausbürsten zu lassen, Herr Doktor!” Sie musterte sein verstaubtes

Äußere vom Fuß zum Kopf mit einem halben Lächeln, das er mit einem

Blick auf ihr ziemlich mitgenommenes blaues Foulardkleid erwiderte.

Dann ließ sie ihn stehen und ging die Treppe hinauf.

„Bitte, sagen Sie mir noch, gnädiges Fräulein, wo ich mich von Ihren

Eltern verabschieden kann,” rief ihr Perthes nach.

„Seine Exzellenz, der Herr Geheime Rat, wurden in die Stadt gerufen.

Ihre Exzellenz, die gnädige Frau, sind zu Bett gegangen,” meldete der

hinzukommende Diener.

Alice war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben. „Na, denn adieu!” Sie

nickte ihm zu und streckte die Hand lässig über das Geländer.

Perthes berührte sie leise und verbeugte sich. „Sie haben wohl die

Güte, mich den Herrschaften dankend zu empfehlen. Auch Ihrem Herrn

Bruder und Ihrer Fräulein Cousine.”

Fräulein Exzellenz war schon verschwunden ...

Perthes ließ sich von dem Diener, so gut es ging, den Anzug reinigen.

Zwei Minuten später trat er aus dem Haus. Er atmete auf und ging mit

schnellen Schritten durch den Garten dem Tor zu. Als es zufiel und

Stift Nieburg hinter ihm lag, war es ihm, als wäre eine Ewigkeit

vergangen, seit er dort eingetreten war. Und doch waren nur wenige

Stunden vergangen, seit er an derselben Stelle aus der Droschke

gestiegen. Wie um einen gefährlichen Spuk, der kein Anrecht auf

Wirklichkeit hatte, schleunig loszuwerden, lief er zur Landstraße

hinunter. Flußaufwärts über den Bergen verzog sich das Gewitter mit

aschgrauen und nachtschwarzen Wolken. Flußabwärts, der Ebene zu, blaute

der Himmel wieder, und die Sonne zerriß das dünne, schleierhafte

Gewölk. Ihre Strahlen drangen mutig vor und erreichten die Straße.

Bis hinauf zur Mühle wagten sie sich, bewarfen das Ziegeldach und

blitzten auf den nassen Blättern des Wirtsgartens. Die Rinnsale in den

Wagenfurchen auf dem Fahrdamm, noch eben trostlos braun und schmutzig,

sprühten blendend auf und wetteiferten mit dem goldgekräuselten Schein

der Wellen im Fluß. Ein breiter Regenbogen spannte sich vom jenseitigen

Ufer über das Tal und berührte mit seinem Scheitel diesseits den

Bergwald.

Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes haltgemacht. Er

sah nicht zurück; aber er sah auch nichts von dem milden Zauber des

aufgeklärten Sommerabends vor sich. Ursprünglich hatte er geradeswegs

nach der Sägemühle gewollt. Marga erwartete ihn dort -- das wußte er.

Nach dem widerwärtigen Besuch auf Nieburg wollte er -- so hatte er

versprochen -- sich und sie entschädigen und wieder einmal über das

Abendbrot bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun können.

Nun schien es ihm plötzlich schwer, ja unmöglich, Wort zu halten.

Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben Wegscheide den

Wagen lieber zur Mühle als zum Stift fahren heißen. Jetzt schrak er vor

dem Gang, die Landstraße abwärts, zurück, als läge ein unüberwindliches

Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem vertrauten Garten.

Er hatte den Hut vom Kopf gerissen und preßte die Hand gegen die Stirn.

Was war eigentlich geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich

nichts vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und kein Wort,

noch so leis und flüchtig, konnte ihn anklagen. Und doch lag es wie ein

dunkles, erstickendes Gefühl von Unrecht, ja von Schuld auf ihm.

Drunten, zwischen den Bäumen des Mühlengartens, schimmerten zwei helle,

sommerliche Kleider. Arm in Arm traten zwei Mädchengestalten auf die

Landstraße. Er hätte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende

Sonne sie weniger scharf beleuchtet hätte. Elli hielt die Hand vor die

Augen und spähte die Straße entlang.

Unwillkürlich trat Perthes einen Schritt zurück, um hinter einer

Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein. Im nächsten Augenblick, als

er sich dieser Bewegung bewußt wurde, mit der er sich verleugnete,

wurde ihm auch seine Gemütsverfassung erschreckend klar.

Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden, war das andere!

War das, was er für Marga nicht empfand und nie empfinden würde! Die

Leidenschaft, die zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die

Vernunft auslöschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken, zurück

nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm -- Alices spitzbübisches

Gesicht mit der kecken Stupsnase, den graugrünen, boshaft flackernden

Augen, dem lüsternen Mund, mit dem weißen Teint und der Wolke von

rötlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm über die Schulter; ihre

biegsamen Glieder drängten sich an die seinen und hielten ihn fest.

Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten, sie an sich zu raffen.

Sein Mund suchte den ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die

Leidenschaft nicht! Er hatte sich überredet, daß sie zu seinem Glück

nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten -- war über

sie weggesprungen. Wenn sie sich rächen wollte!? Und sie rächte sich

ja schon! Sie wollte nicht übersprungen sein. Gewiß -- seine Ansicht

hatte dem Willen diesen Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den

er unterschätzte, erhob sich in seinem Rücken. Das Gewaltsame des

Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben, war ihm mit einem

Mal deutlich. Wie ein Schwimmer hatte er sich mit einem heftigen,

entscheidenden Stoß ans feste Land geworfen -- und nun kam die Woge,

die er überwältigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn wegspülen.

Er sollte nicht ans Land. Er gehörte nicht der großen Stille, sondern

dem Sturm --

Ohne sich über die Richtung Rechenschaft zu geben, hatte Perthes mit

aufgeregten Schritten den Weg nach der Stadt und nicht nach der Mühle

eingeschlagen.

Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Ließ er sich schon

fortspülen?

Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank in der

Uferböschung. Linkshin sah man nach dem Tal, rechtshin nach der im

Dunst verschwimmenden Stadt, die mit ihren Häusern und Kirchtürmen

unmittelbar aus dem Fluß aufzusteigen schien.

Dort setzte er sich.

Der Kettendampfer mit einer endlosen Reihe von bewimpelten,

schwerbefrachteten Lastkähnen schnaubte und rasselte den Fluß herunter,

an ihm vorbei. Hinter ihm auf der Landstraße zogen grölende Arbeiter

vorüber; ein Automobil fauchte und tutete -- dann klirrte ein Fahrrad

-- er sah und hörte nichts. Er brauchte seine ganze Besinnung und

seine volle Stärke, um sich festzustemmen und der Woge zu wehren,

die ihn vom Land reißen wollte. Sie trug menschliche Züge. Darum war

es so schwer, sie wegzuschieben, sie fortzustoßen, ihren gelenkigen,

verführerischen Widerstand zu brechen. Wie schwer, das Land im Auge zu

behalten, Marga zu sehen, die blinde, anspruchslose, in der Dämmerung

verblassende Marga! Ein wildes, unstetes Ringen war es, und als er sich

durchgekämpft zu haben glaubte, lohnte kein freies, heiteres Gefühl.

Ein bitteres „Muß” stand mit krausen, harten Falten auf seiner Stirn,

lag drückend auf seinem Rücken und schien ihm die Glieder zerbrochen zu

haben.

Langsam und mechanisch schritt er den Weg zurück, den er gekommen war.

Flußaufwärts nach der Sägemühle. Er wiederholte sich standhaft ein und

denselben Schluß und klammerte sich an ihm fest. Wenn die Liebe nicht

stark genug war, mußte die Pflicht das ihre dazutun ...

* * * * *

Es dunkelte schon, als Perthes nach der Mühle kam.

Marga und Elli hatten es aufgegeben, ihn zu erwarten. Sie saßen in

der Halle bei einer Lampe. Elli erzählte aus der Stadt, von wo sie um

sechs Uhr zurückgekommen war: sie hatte einige Besorgungen gemacht und

nach dem Haus am Wenzelsberg gesehen. In wenigen Tagen sollten die

Sommerferien für sie zu Ende sein, sollte nach der Stadt zurückgekehrt

werden.

Ein froher Ausruf Ellis, mit dem sie sich unterbrach, verkündete doch

noch die Ankunft von Perthes.

Überrascht und beglückt leuchtete es in Margas Augen. Sie stand auf,

um ihm entgegenzugehen. „Wußt' ich's doch, daß du Wort halten würdest,

wenn's irgend ginge!” rief sie heiter.

„Wort halten? Warum soll ich nicht Wort halten?” erwiderte Perthes mit

der Reizbarkeit eines schlechten Gewissens. Er schob Margas Arme, die

sich mit zärtlicher Vertrautheit um seinen Nacken schlingen wollten,

beiseite.

Erschrocken weiteten sich ihre blicklosen, von Liebe strahlenden Augen.

„Verzeih!” stammelte sie verwirrt und ließ die Arme sinken. „Bist du

verstimmt von deinem Besuch?”

„War es denn so schlimm? Erzählen Sie mal ordentlich! Wir sind

schrecklich neugierig,” bat Elli, unbekümmert um seine zweifelhafte

Laune. „Der Grandseigneur, wie ihn Papa immer nennt, soll ja sehr

exzellent sein. Er sieht auch so aus. Und Alice Hupfeld --”

„Ob ich noch etwas zu essen bekomme?” Perthes ließ sich auf einen Stuhl

fallen. „Verstimmt oder nicht, ich bin hungrig!” Er wunderte sich

selbst über seinen rauhen, unfreundlichen Ton, unter dem sich seine

innere Unfreiheit verbarg. „Bitte, Fräulein Elli, sorgen Sie mal für

mich!” setzte er artiger hinzu.

„Das lassen Sie sich gut sein, daß Sie schön darum bitten!” Elli stand

auf. Sie drohte mit dem Finger. „Sonst hätten Sie lange warten können.

Sie scheinen ja hübsch geladen zu sein!” Bereitwillig ging sie in die

Wirtsstube.

Marga hatte sich verschüchtert neben Perthes gesetzt. Es bedurfte

nicht viel, um sie scheu und ängstlich zu machen. Sie nahm ihm seine

Barschheit nicht übel. Aber mit der feinen Witterung, mit der die Natur

sie für ihre Blindheit entschädigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues

hinter seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte sie noch

einmal seine Hand zu erreichen.

„Komm, sprich dich aus! Erzähl' mir!” drängte sie sanft. „War's denn

gar nicht ein bißchen nett auf dem Stift?”

„Es ging so. Ich mußte noch einmal in die Stadt, ehe ich herkam. Darum

wurde es so spät.” Er hatte ihr seine Hand einen Moment überlassen. Sie

streichelte sie begütigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurück. Es

sträubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen. Er ärgerte

sich auch, daß er log. Warum das? Das war abscheulich! Sie hatte ihn

gar nicht aufgefordert, sein Spätkommen zu entschuldigen. Er sprach

nur, um zu sprechen.

Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie um sie von jeder

neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie schlüpfte gleichsam in sich

hinein und grübelte beklommen.

Elli kam zurück. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen war. Eine

Studentengesellschaft, die gegen Abend eingefallen war, hatte unter den

Vorräten tüchtig aufgeräumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte,

was sie hatte.

Perthes aß ein paar Bissen. Aber sein Hunger war nur Täuschung gewesen.

Marga und Elli saßen einsilbig dabei. Seine Mißlaune wollte keine

Unterhaltung aufkommen lassen. Das Schweigen, an dem er selber schuld

war, nahm ihm vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob er

den Teller beiseite.

Elli drückte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und lief trällernd

in den Garten.

Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. „Ich möchte was Wichtiges

mit dir bereden, Marga. Hör' mich mal geduldig an!”

Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet sie nicht, denn

sie war sich keiner Ungeduld bewußt. Aber schon daß Perthes wieder

sprach, und zwar ruhiger, freundlicher als zuvor, tat ihr wohl.

Langsam, umständlicher und ungeschickter, als es sonst seine Art war,

entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhältnis zwischen ihm und ihr

schien ihm auf die Dauer unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen.

Es legte ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf der

Mühle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mußte das noch viel

unbequemer werden. Und erst wenn Vater Richthoff zurückkäme! Wie sollte

sich da das Versteckspiel weiterführen lassen? Es kam ihm unerträglich

für sie beide vor. Unerträglich und unwürdig. Darum war es das beste,

sie faßten sich ein Herz und veröffentlichten ihre Verlobung. Das hob

alle Zweideutigkeit auf. Das war auch jetzt, wo er eine aussichtsreiche

Stellung innehatte, nur natürlich. In einigen Jahren, wenn dies und

jenes, auf das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich

erfüllte, war er gewiß so weit, daß sie heiraten konnten.

Ohne ihn zu unterbrechen, hörte Marga zu. Was er sagte, kam ihr

überraschend. Daß die Geheimhaltung ihrer Liebe sich mehr und mehr

erschweren würde, darüber hatte sie bei sich auch schon nachgedacht. An

die Lösung freilich, die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell

nicht getraut. Und doch -- es war nicht der unerwartete Vorschlag, der

sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine Gründe, war die

Art, in der er sein Anliegen vorbrachte. Der Ton, der unter den Worten

mitschwang. Sie hätte nicht auf den Begriff bringen können, was sie

befremdete. Sie fühlte nur eine Veränderung, die vorgegangen war --

deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei seiner Ankunft

ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien gar nicht mit ihr zu reden,

sondern mit sich: mit den Mitteln kühler Überlegtheit verteidigte er

sich gegen einen Gegner, den er sich offenbar voll Leidenschaft und

Unbesonnenheit vorstellte. Nur durch eine Täuschung übertrug er diese

Gegnerschaft auf sie und gab sich die Rolle des Vernünftigeren.

Als er geendet hatte, spielte er nervös mit den Fingern auf dem Tisch,

als könnte er Margas Antwort nicht abwarten. Sie hatte noch nicht Zeit

gehabt, sich zu sammeln, als er beinahe ungehalten aufsprang.

„Wie denkst du darüber? Sprich! Hab' ich nicht recht? Oder bist du

anderer Ansicht?”

Marga schüttelte leise den Kopf. „Es kommt mir nur unerwartet. Ich muß

mich erst in das Neue hineindenken.”

„Ich meine, du müßtest dich freuen, daß ich dieser Heimlichtuerei und

Halbheit ein Ende machen will!” Er ging mit lauten Schritten in der

Halle auf und ab. Sie konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war.

Er biß sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere über

die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes Haar. Sie hörte,

was sie nicht sah, aus dem Klang seiner Stimme, aus der fahrigen Härte

seiner Tritte.

„Ich will mich gewiß freuen, Max. Laß mir nur ein bißchen Zeit. Wir

können uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.”

„Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach dem Gegenteil!” stieß

er vorwurfsvoll hervor.

Margas Augen erweiterten sich wieder ängstlich. Sie suchten nach ihm,

bittend, besänftigend. „So was darfst du nicht sagen, du! Das hört sich

ja an, als hätte ich dich nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine

Liebe ankäme -- das weißt du -- dann --”

„Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa daran, daß ich in

zwei, drei Jahren mich so weit bringe, daß wir unser Heim gründen

können? Sehr großartig wird's freilich fürs erste nicht sein. Eine

erste Assistentenstelle an einer kleineren, auswärtigen Klinik

vielleicht. Später eine außerordentliche Professur und so weiter. Das

trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre öffentlich

verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich, als heimlich so lange

herumzulavieren. Auch angenehmer für dich. Oder meinst du, daß dein

Vater --” Er sah zu Marga hinüber und hielt inne.

Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Dieses herrische, gereizte

Drängen, dieser Stolz, der nur von sich sprach, seine fast feindselige

Heftigkeit verletzten sie. Sie mußte unwillkürlich seiner ersten

Werbung gedenken, die so anders geklungen, so voll Zartheit und

Achtung. Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung.

Perthes sah seinen Fehler ein. Er näherte sich ihr und legte die Hand

auf ihre Schulter. „Lieber Gott, Kind, ich will dich ja zu nichts

zwingen! Vielleicht bin ich auch heute nicht in der besten Stimmung, um

die Worte recht zu wählen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfällig

sein! Nicht zu weich, Marga! Nicht so überernst! Es sind nun einmal

Realitäten, die da zu besprechen sind, und die wollen real angefaßt

sein! Das ist alles!”

Perthes wußte nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch jetzt noch, wo

er ein Unrecht wieder gutmachen wollte, sagte er Dinge, die Marga in

die empfindliche und zarte Seele schneiden mußten. Zu schwerfällig,

zu ernst, zu weich -- vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie

solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mußte all ihre Tapferkeit

aufbieten, um ihre Tränen zurückzudrängen. Wenn er sie jetzt an sich

gezogen, sie in seine Arme genommen hätte! Gewiß hätte sie das rechte

Wort gefunden! Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre Lippen

waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht war sie jetzt,

wie in ihren einsamsten, unverstandensten Mädchentagen.

Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen als Trotz oder

wenigstens als Eigensinn zu nehmen. „Ich bin müde. Und wir kommen heute

doch nicht zueinander!” Er nahm seinen Hut. „Überleg' dir, was ich

sagte, bis zum nächstenmal!”

„Du willst doch nicht schon gehen?” rang es sich von ihren Lippen.

„Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der Klinik und muß

ausschlafen. Grüße Elli von mir. Adieu, Marga!” Er drückte ihr die

Hand. „Wann fahrt ihr denn nach der Stadt?”

„Übermorgen, denk' ich,” gab sie tonlos zur Antwort.

Marga hörte, wie seine Schritte sich hastig nach der Wirtsstube

entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim Bezahlen seiner Zeche ein

paar Worte. Dann knarrte die Tür, die von dort in den Garten führte.

Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht? Warum lief sie

nicht hinter ihm drein?

Sie saß wie gebannt.

Nicht einmal geküßt hatte er sie zum Abschied. Heute zum erstenmal

nicht. Heute, wo sie davon gesprochen hatten, ihre Verlobung zu

veröffentlichen; wo zum erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar

die Rede gewesen war!

Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hände.

Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut gewesen. Sie hatte

sich in ihrer Einsamkeit -- während Elli in der Stadt, er auf dem

Stift war -- so glücklich gefühlt, so bräutlich stolz. Als dann Elli

zurückgekehrt war, wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur

von ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem Herzen. Als

er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen zu müssen vor seliger

Ungeduld. Wie niedergeschlagen war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es

in ihr, als er doch, doch noch kam!

Und jetzt?

Er hatte vom Schönsten und Höchsten gesprochen; von dem, was bisher

nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes, kaum faßbares Bild im

Schimmer der Zukunft gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich

freuen! Gewiß -- sie hatte ihn gekränkt. Sie tat ihm unrecht. Sie war

schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre Freude nicht jetzt?

Woher die Bangigkeit, die drückende, quälende Angst, die sie statt

ihrer empfand? Sie fühlte die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere

um sich, und aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt

und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen ihn und

sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute; für den sie sich schalt;

den sie nicht verscheuchen konnte. Konnte die Liebe so sprechen, wie

er es getan? Wenn seine Liebe nicht war, für was sie und er sie hielt?

Wenn es Mitleid war und wenn -- doch das war ja nicht auszudenken,

das war ja frevelhaft von ihr! -- und wenn er auf ein öffentliches

Verlöbnis nur drang, um -- ja, um jede Brücke zur Umkehr hinter sich

abzubrechen?!

Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem Schal und fand ihn

nicht.

Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher nahm sie das Recht zu

diesem häßlichen Verdacht? Es half nichts, daß sie so fragte. Angst

und Zweifel ließen sie darum nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als

diese Liebe! Schranke um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz

errichtet, war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften Glück,

ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen. Sie war wehrlos, wenn

das Entsetzliche sich erfüllte, daß -- daß ...

Elli kam zurück. Sie hatte Perthes noch gesprochen. Auf der Landstraße,

auf der sie ein Stück stadtwärts gewandert war. Einen Gruß hatte er ihr

noch für Marga aufgetragen. Und einen Kuß.

Sie warf sich fröhlich an Margas Hals und bestellte ihn zehnfach.

Marga weinte und lachte zugleich. Die Angst, die zehrende Herzensangst

schwand vor neuer Hoffnung. Sie erzählte Elli von Perthes' Plänen. Sie

schöpfte Mut aus der jubelnden Zustimmung der Schwester. Selber schalt

sie sich schwerfällig, weich, überernst. Elli belegte sie noch mit viel

schlimmeren Schimpfnamen.

Und sie stellten sich Käthes maßloses Erstaunen vor, malten sich Vater

Richthoffs Meinung in hundert Vermutungen aus, plauderten und bauten

Luftschlösser, bis das Öl in der Hängelampe zu Häupten ihres Tisches

zur Neige ging, die Flamme bläulich zuckte und die Halle dunkel und

dunkler wurde.

Dann führte Elli die „erklärte” Braut mit feierlichem Übermut nach oben.

10

Ehe der alte Herr und Käthe von der Sommerreise heimkehrten, mußte im

Haus am Wenzelsberg das große Herbstreinmachen erledigt sein.

Kaum waren Elli und Marga von der Sägemühle, war Therese aus ihrem

Heimatdorf zurückgekommen, so wurde mit Hilfe der Scheuerfrau das

Unterste zu oberst gekehrt. Das Gröbste taten natürlich die dienstbaren

Geister. Aber daneben gab es noch genug zu tun, woran die beiden

Schwestern ihre erholten Kräfte üben konnten. Elli zumal warf sich

ungestüm wie ein junges Füllen ins Joch. Sie wollte überall dabei sein.

Marga hatte ihre liebe Not, sie vom Teppichklopfen und Treppenscheuern

abzuhalten. Wenn sie sie dann zu einer angemesseneren Hantierung

zurückholte, zur Ordnung in Schränken und Kommoden und im Silberkasten,

schmollte Elli über ihre gezügelte Tatkraft, ja, sie schimpfte wie ein

Rohrspatz.

„Du hast's wahrhaftig nötig, Margakind, mir gute Lehren zu geben!

Lernen solltest du von mir, statt mich von aller tüchtigen Arbeit

fernzuhalten! Du wirst 'ne nette Hausfrau abgeben! Die nur so wie

der Geist Gottes über den Wassern schwebt, statt selber was Rechtes

anzufassen! Perthes kann einem leid tun!”

Ihr höchstes Vergnügen war, wenn Marga auf solche Vorhaltungen

„einschnappte”, wenn sie sich ernsthaft verteidigte und erklärte, es

genüge gewiß, die Aufsicht zu führen. Da legte Elli verdoppelt los:

sie würde sich nicht wundern, wenn es bei Marga mal drunter und drüber

ginge. Sie dächte wohl, Perthes werde ihr so fünf bis sechs Dienstboten

halten! Und sie, Marga, könne dann dasitzen, auf einem goldenen

Thrönchen, die Hände im Schoß und ihre hohen Befehle lispeln! Elli

ruhte nicht und entwarf die grimmigsten Zerrbilder von dieser künftigen

Tatarenwirtschaft im Haus Perthes. Sie trieb es so lang und so toll,

bis Marga wirklich ganz kleinlaut wurde.

„Du kannst ja schon recht haben,” erklärte sie schließlich traurig und

verlegen. „Was andere können, kann ich natürlich nicht. Das hab' ich

ihm auch schon oft genug gesagt.”

„Ja, ja,” stimmte Elli tiefsinnig zu, während sie sich vor Vergnügen

auf die Lippen biß.

„Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit mir sein wird.

Und großartig werden wir's wahrhaftig nicht haben. Im Anfang mal sicher

nicht. Wenn es schon im Haus nicht so wird, wie er's erwartet -- unter

den Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts nütze.”

Marga legte tatsächlich die Hände in den Schoß, aber nicht, um „hohe

Befehle” zu erteilen, sondern um verzagt vor sich hinzugrübeln.

Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie lachte sie aus, daß

beinahe die Leute auf der Straße zusammenliefen.

Wie konnte Marga so närrisch sein, das dumme Geschwätz für bare Münze

zu nehmen! Im Handumdrehen machte sie aus dem Haus Perthes eine

Musterwirtschaft. Großartig würde das werden! Keine so herkömmliche,

peinliche Spießerei, sondern frei und schön, wie es sein sollte! Marga

mit ihren geschickten Händen, ihrem guten Geschmack, ihrem klaren Kopf

würde eine bessere Hausfrau werden als zehn andere mit zwanzig und mehr

Augen! Und dann wäre auch sie noch da -- die Schwägerin Elli! Ihr würde

man doch wohl nicht das Haus verbieten. Sie wollte die Geschichte schon

im Schwung halten, wenn Marga mit den zwölf Kindern nicht immer aus und

ein wüßte. Eine Tante würde sie abgeben wie --

Marga verbot ihr zürnend den Mund. Aber sie mußte doch lachen. Und

während sie ihre Arbeit des Silberputzens wieder aufnahm, ließ sie sich

gern überzeugen, daß es famos gehen würde! Trotz ihrer Prüderie und

Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnsüchtiger Wunsch

und Wille ...

Perthes hatte den Schwestern zur Rückkehr in die Stadt Blumen

geschickt. Für Marga hatte ein kurzer Brief beigelegen, in dem er

sie für seine schlechte Stimmung am letzten Abend auf der Mühle um

Verzeihung bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der Verlobung

stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar, daß er nicht in sie

drang. Dafür kam sie selber beim ersten Besuch, den er am Wenzelsberg

machte, darauf zurück. Als hätte sie sich durch die unheimlichen

Gedanken, die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versündigt

und müßte ihren Wankelmut durch doppeltes Vertrauen wieder gutmachen,

stimmte sie freudig zu und legte alles in seine Hände. Sein Vorwurf

der Schwerfälligkeit hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie

drängte ihre Einwände und Bedenken energisch zurück und kämpfte jeden

Schatten eines Zweifels, jede Regung mißtrauischer Sorge um ihr Glück

tapfer nieder.

Und er? In einem Übermaß von Arbeit auf der Klinik enthielt er sich

kritischer Überlegungen. In Erinnerung an den Gewitternachmittag auf

Nieburg vermied er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob auch

alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr führen konnte. Er hatte

sich vorgenommen, nicht rechts noch links zu sehen: für ihn galt nur

Marga; das Wort, das er ihr gegeben; der Entschluß, den er für sie

beide gefaßt. Über eins war er sich klar geworden: er erfüllte damit

nicht nur eine Pflicht gegen sie; was er tat oder ließ, entschied

über ihn, seinen Wert und seine Persönlichkeit. Bei Marga war die

Reife und Vollendung, nach der er innerlich strebte. Eine Vollendung

mit Schmerzen, wie alle Vollendung im Leben. Wenn er aber zu ihr

nicht hinaufreichte, in Marga die große Stille nicht begreifen und

sich zu eigen machen konnte, gab es für ihn überhaupt kein Aufwärts,

sondern nur ein Abwärts, in die Mittelmäßigkeit und Halbheit, ins

Gelebtwerden statt ins Leben aus eigenem Willen. Darum biß er die Zähne

aufeinander. Darum ging er geradeaus und vorwärts mit der Ehrlichkeit

der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem er um Marga stritt ...

Es wurde Mitte September.

Das Richthoffsche Haus war längst so blitzblank und einladend, als es

nur sein konnte. Auch das schwerste Stück Arbeit, Vater Richthoffs

Studierzimmer instand zu setzen, ohne daß ein Buch von der Stelle

gerückt, eine aufgeschlagene Zeitschrift umgeblättert, ein Zettel

verschoben wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewältigt. Man

erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag die Nachricht aus Bayern, die

die Ankunft meldete.

Käthes letzter Brief war aus Tegernsee gekommen. „In wenigen Tagen sind

wir bei euch!” hatte es verheißungsvoll geklungen. „Papa depeschiert

Tag und Stunde.”

Aber statt der Depesche kam eine Karte: man hatte sich

unerwarteterweise mit Hofrat Geismar getroffen, der in Kreuth seine

Ferien zubrachte. Der hatte es verstanden, den alten Herrn noch für

eine Woche zu sich zu locken.

Marga, die der Heimkehr der Reisenden im Hinblick auf die schwierigen

Eröffnungen, die sie zu machen hatte, und auf Perthes' Werbebesuch mit

ebensoviel Bangen wie Freude entgegensah, gab sich geduldig in die

Zögerung. Elli grollte ganze zwei Stunden lang. Nachher traf sie sich,

zufällig natürlich, mit Wilkens in der Stadt und fand das Leben so

rosig und „wonnig” -- das war ihre Lieblingsbezeichnung -- wie je.

Und die acht Tage vergingen auch.

Ehe sie zur Bahn zogen, umarmten sich Elli und Marga noch einmal: sie

schworen sich treue Waffenbrüderschaft für ihre Liebesgeheimnisse. Sie

kamen gerade recht zum Zug.

Käthe ließ grüßend das Taschentuch flattern. Kurz darauf war sie auch

schon auf dem Perron, blühend, gebräunt, ordentlich rundlich in dem

funkelnagelneuen, hellgrauen Kostüm, das Papa unterwegs spendiert

hatte. Küsse und Umarmungen folgten in stürmischer Abwechslung.

Der alte Herr brauchte geraume Zeit, ehe er sich zeigte. Er war nämlich

gerührt. Und das paßte ihm nicht. Deshalb wirtschaftete er eine

beträchtliche Weile im Abteil mit dem Handgepäck und dem Dienstmann,

der es herausbeförderte. Dann erst kam er zum Vorschein, mit einer

Miene, die sehr würdig und zurückschreckend aussehen sollte, --

den neuen Strohhut mit grünem Band verwegen wie Garibaldi über dem

weißbärtigen Gesicht. Die Mädels waren trotzdem so respektlos, ihn „auf

offener Straße”, wie er abwehrend schalt, zu umhalsen und zu küssen.

„Ruhig im Glied!” befahl er mit sehr rauher Stimme. „Seid wohl, hoff'

ich? Und habt euch reputierlich geführt? Werden ja sehen!”

Im Wagen -- „um sich das Schlaraffenleben abzugewöhnen” -- ging es

lachend und plaudernd an den Wenzelsberg.

Der alte Herr war die Milde und Gemütlichkeit selbst -- auch nur „zum

Abgewöhnen” natürlich. Und auch die drei Schwestern waren voneinander

hoch befriedigt. --

Zwei, drei Tage nachher hatte das Leben am Wenzelsberg sein gewohntes

Aussehen.

Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den römischen Kaisern trotz

Kissingen und den bayrischen Bergen mächtig in sich wachsen gefühlt.

Eine so lange, faule Ausspannung war unerhört. Sein Gewissen fand nur

darin Beruhigung, daß die Post jetzt einen Stoß von Korrekturen für die

erste Abteilung des ersten Bandes der „Kaisergeschichte” brachte. Da

gab es doch gleich alle Hände voll zu tun.

Das Arbeitszimmer im ersten Stock füllte sich mit dem alten, mächtigen

Qualm.

Ein Schmerz war nur, daß er sich von Geismar zu „Nikotinlosen” hatte

beschwatzen lassen. Das ausgemachte Stroh war das! Aber die römischen

Gewaltherren zeigten sich wenigstens nicht weiter beleidigt von

dem schlechten Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken,

aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen Profilen und

tatenfrohen, hoheitsvollen Gebärden. Und sie sollten die paar Wochen

vor Semesteranfang bei Gott nicht rasten dürfen, sondern tüchtig Modell

stehen. Dafür wollte der alte Herr sorgen!

Er ahnte nicht, daß ihm eine überraschende Störung sehr nahe bevorstand.

An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft hatte Käthe ihre

Freundin Lizzie in der Uferstraße besucht. Lizzie besaß neben ihrer

verzehrenden Leidenschaft für Musik, die sich kein Konzert und keine

Opernaufführung entgehen ließ, nur noch einen einzigen hervorstechenden

Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe für Klatschereien jeder

Art. So ließ sie es denn auch bei Käthes Besuch an Andeutungen über

Herrenbesuche auf der Sägemühle und daran sich knüpfenden verfänglichen

Redereien nicht fehlen. Käthe war empört. Papa Richthoff die Freude an

der ganzen Reise nachträglich zu verderben, lag ihr natürlich fern.

Er sollte im Gegenteil von diesen Dummheiten der Mädels so wenig wie

möglich erfahren. Um so gewisser war es, daß Marga und Elli etwas zu

hören bekommen sollten!

Nach Käthes Erfahrungen war es leichter, Elli den Kopf zurechtzusetzen.

Deshalb sollte sie zuerst dran glauben, und zwar noch am selben Tag.

Aber die Sache fiel merkwürdig fruchtlos aus. Elli war einfach nicht

kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der älteren Schwester beantwortete

sie mit einem fröhlichen, höchst despektierlichen Lachen.

„Laß nur gut sein, Gouvernantchen!” erklärte Elli fidel. „Wir, Marga

und ich, haben uns inzwischen unbedingt mündig gemacht. Bei mir hast

du gar keine Aussicht auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen

auf der Sägemühle einfach in Grund und Boden verdorben. Versuch's mal

mit Marga! Uff! Da könntest du dich aber bös blamieren! Ich weiß, was

ich weiß, und ich warne dich! Heißa juchhei!” Elli schlug klatschend

die Hände über dem Kopf zusammen und vollführte einen in Käthes Augen

außerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze sah aus, als hätte sie

und nicht die Schwester in den bayrischen Alpen schuhplatteln sehen.

Käthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen durch

eine stolze Flucht. Am Abend schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ernst

sein können ist alles. Wie sind Menschen zu bedauern, die von diesem

großen Geheimnis, das allein das Leben lebenswert macht, keine Ahnung

haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist seltsam, daß in einer

und derselben Familie, unter Geschwistern die Anlagen zu Ernst und

Leichtsinn so ungleich verteilt sein können!”

Damit war aber die von Käthe für nötig gehaltene Aussprache nur

vertagt, nicht aufgehoben. Das durften sich „die Kleinen” nicht

einbilden, daß sie ihnen ihr ärgerniserregendes Benehmen so hingehen

ließ!

Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli verständigte

vielmehr Marga von dem, was drohte. Und Marga, die nicht so kampflustig

wie Elli war, sah ein, daß es nun das beste wäre, nicht länger zu

zaudern, sondern Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Geständnis

abzulegen, ehe ihm, von welcher Seite immer, mißverständliche Dinge

zugetragen wurden.

Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen und nichts

gehört. Es galt, zuerst seine Meinung noch einmal einzuholen. Elli

beförderte ihre Zeilen, die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie

fing auch die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flüchtig. Aber

sie sagte sich, daß sie bei seiner angespannten Tätigkeit nicht mehr

von ihm erwarten durfte. Hupfeld war verreist, und es ruhte auf den

Assistenten die doppelte Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank

war. Die Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte ihren

Vater auf seinen Besuch vorbereiten, für den Tag und Stunde unter ihnen

festgesetzt war.

Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewöhnlich seinen Gang auf

den Weinberg gemacht, auf Schnecken gefahndet, die drei Trauben, die

es gab, kolossal gefunden, sich über die zeitige, hohe Röte des wilden

Reblaubes am Philosophenweg gewundert und war dann, seines Kaffees

gewärtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an seinen Schreibtisch

gegangen.

Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein.

Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift auf die

flatternden Zettel. Erst als Tasse und Löffel auf dem in seine Nähe

geschobenen Tablett lauter als sonst klirrten, sah er auf. Er wußte,

daß in dieser Woche die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee

zu bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch Marga

vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte selber die Tasse

dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten beeinträchtigen konnte.

„Wo steckt denn das Kleinchen?” fragte er ganz nebenbei, sich wieder

ans Schreiben machend.

„Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu dürfen,”

erwiderte Marga mit einer gewissen Förmlichkeit, in der ihre Erregung

durchzitterte.

„So --” sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb hingehört.

Schon besaßen ihn wieder die Zettel und ihre Geister.

„Dürft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?” ließ sich Marga nach

einer Weile schüchtern von neuem vernehmen.

„Ach so -- du bist noch hier?” Er rückte ganz erstaunt an seiner

Brille. „Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht! Ich hab' unbändig zu

tun, Mädel!”

„Ich weiß nicht, wann ich es sonst tun könnte. Ich möchte allein mit

dir sein, und es ist etwas Wichtiges,” fuhr sie fester und lauter fort.

Der Geheimrat blickte sie ungläubig und ziemlich ungnädig an. „Na denn!

Aber kurz!”

„So kurz ich kann!”

Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie in ihren Zügen

und Gebärden vergeblich zu bemeistern suchte. „Setz' dich mal!

Hierher!” Er schob ihr den Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. „Und nun

vorwärts -- wenn's so wichtig ist!”

Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie geheißen. Mit

schlichten Worten, wie ihr sie das Gefühl eingab, erzählte sie, was

zwischen ihr und Perthes vorgegangen war. Die Liebe gab ihr den Mut,

herzlicher und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater

gegenüber wagte.

Der alte Herr hörte zuerst nur sehr im allgemeinen zu. Er spielte mit

seinem Gänsekiel und sah ab und zu in seine Blättchen. Allmählich

änderte sich das. Seine Augen vergrößerten sich hinter den

Brillengläsern. Er schob sein Käppchen von der einen Schläfe nach der

anderen, warf den Gänsekiel beiseite und strich sich mit einer barschen

Regelmäßigkeit seinen weißen, kräftigen Bart.

Er traute seinen Ohren nicht. Da saß eins seiner Mädels am hellichten

Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein in seine römische

Kaisergeschichte, eine handgreifliche Liebesaffäre zum besten. Wäre es

Elli gewesen, auch Käthe -- er hätte sie einfach hinausgeworfen. Aber

Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte! Die ihm viel

zu besonnen und abgeschlossen geschienen, als daß sie sich bei ihrem

Leiden auf solche Dinge einlassen sollte!

Den alten Herrn überlief es bald heiß, bald kalt. Einmal war er nahe

daran, zornig aufzubrausen: Also zu derlei kapitalem Unfug habt ihr

eure Sommerferien benutzt! Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen:

Das sind ja Märchen, Kind! Du träumst! Oder du hast dich täuschen

lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der Ernst, mit dem Marga sich

ihm mitteilte, das tiefe Glücksgefühl, das hinter ihren Worten warm

und stolz aufleuchtete, entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie

stürmisch zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige

als auf sinnenfällige Beobachtungen verstand, sogar er bemerkte jetzt,

wie ihre äußere Erscheinung, die ihm bisher nur als „wohl” aufgefallen

war, in diesen Sommerwochen an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie

die blicklosen Augen über den frischeren, farbenvolleren Wangen die

Sonne von innen nach außen trugen. Sein Zorn und sein Unglaube gingen

in fassungslose Bestürzung über. Hier handelte es sich also nicht um

eine backfischhafte Kinderei; nicht um eine von den nebensächlichen

Kleinigkeiten, mit denen die „Bande” immer zur Unzeit daherkam. Da war

vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung, die nicht den grimmigen

Pascha, sondern den Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief

und verlangte. Er hatte da drüben in Bayern gemurrt, weil der Arzt ihm

die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte er seinen Berg vor sich, zu

Hause! Den höchsten, den er seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte

auftürmen sehen. Den hätte er sich gern verbieten lassen; aber der,

gerade der mußte erstiegen sein!

Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem Schweigen, die Hände

im Schoß verschränkt und die Augen erwartungsvoll gesenkt, harrte

sie auf Antwort. Es war so still in dem verqualmten, bücherumhegten

Zimmer -- man konnte den Holzwurm hören, der in den goldbraunen,

altfränkischen Möbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit bohrte und

tickte.

„Das -- das ist also -- so gewissermaßen -- mein Reisepräsent!”

stöhnte der alte Herr nach geraumer Weile, viel eher schmerzlich als

vorwurfsvoll. „Was soll denn da geschehen? Was soll denn ich nun dazu

tun?” Ratlos und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an

Marga und stöberte dabei, was seit Menschengedenken unerhört war,

selber seine Zettel und Manuskriptblätter durcheinander.

„Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glücklich zu werden,” meinte

sie leise und überzeugt.

„Erlaubnis? Glücklich werden! Als ob das mit zwei Worten abzumachen

wäre! Ich -- ich, der ich diesen jungen Menschen da, diesen, diesen --

deinen Max oder wie du ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne!

Der ich -- bei dir -- mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht

gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch --” Er stand

vor ihr und fuchtelte mit den Händen. Er hatte sagen wollen: Die du

blind bist! Die du nicht heiraten sollst und kannst! Aber der traurige

Schatten, der über Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, ließ

ihn abbrechen. Alle seine gebieterische Würde, seine pflichtmäßige

Entrüstung vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände: „Kind!

Kind! Was habt ihr denn da angerichtet! Mußte das denn sein? Sag doch

selber, daß es ungereimtes Zeug ist! Und daß --”

„Gewiß ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt, wie es dir

jetzt vorkommen will! Und er -- Doktor Perthes -- möchte mit dir reden,

um dir's noch besser zu sagen, als ich's kann!”

Der alte Herr ließ die Hände sinken. „Mit mir reden!” wiederholte er

verzweifelt. Also so weit war die Geschichte schon. Die Präliminarien

waren alle schon überwunden. Womöglich mit einem richtigen, auswendig

gelernten, feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das Haus

stürmen.

„Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,” ergänzte sich

Marga bittend.

„Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja das reinste Komplott!

Das verbitt' ich mir! Das --” Der Geheimrat suchte vergeblich seinen

handfesten Grimm wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen

wider die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. „Überlegen werd' ich

mir doch die Sache noch dürfen!” stieß er mit klagender Rauheit hervor.

„Ich bitte dich drum,” gab Marga herzlich und mit Vertrauen zurück.

„Sicherlich wirst du --”

„Nein! Nein!” wehrte sich der alte Herr. „Nichts werd' ich sicherlich!

Gar nichts: sicherlich!” Er suchte sich eine gebieterische Haltung zu

geben. „Laß mich jetzt zufrieden! Ich muß arbeiten! Allein sein!”

Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber ihre Arme, ihre

Hände suchten nach ihm. Durch eine Liebkosung wollte sie ihn um

Vergebung, um Hoffnung bitten.

Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfähig genug, um einer

„Gruppenbildung”, wie er das sonst so verabscheuend nannte,

auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal über die fahlblonden, weichen

Scheitelhaare, ungeschickt wie ein verschämter Liebhaber. Reden wollte

er um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten.

Und für Marga war schon seine flüchtige Zärtlichkeit trostreich und

hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen hätte, daß seine Brillengläser

sich sehr verdächtig beschlugen! Er schob sie von sich, ehe sie seine

Hand erhaschen und küssen konnte.

Gehorsam ging sie nach der Tür und aus dem Zimmer.

Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der Arbeit sein

Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung, die ihm da plötzlich

aufgebürdet wurde, irgendwie vertagen können -- etwa wie eine

inopportune Quellenfrage zweiten Ranges --, hatte er sich über seine

eigentliche Gemütsverfassung getäuscht. Nach einem vergeblichen

Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre des Trajan

zurückzukehren, sprang er gleich wieder auf. Es begann ein rastloses

Auf- und Niederschreiten, das von leisen und lauten, schmerzlichen und

zornigen Erwägungen begleitet war.

Daß die Mädels einmal würden heiraten wollen -- „Männer daherschleppen

könnten”, hieß er es bei sich --, hatte er mitunter im Bereich der

Möglichkeit gesehen. Aber fern, so fern, daß es beinahe wieder ins

Reich der Unmöglichkeit gehörte. Bei Marga war es für ihn immer eine

stillschweigende Gewißheit gewesen, an die er nicht rührte: Sie wird

nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen, um daran zu denken.

Mitunter, wenn sie ihm träumerisch und gefühlsweich zu werden schien,

hatte er sie etwas derb angefaßt: nicht aus weitblickender Überlegung,

sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung. So wie es einmal

mit ihr hatte kommen müssen, sollte sie dem Leben lieber zu hart als

zu weich gegenüberstehen. Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen.

Für keins seiner Mädels. Dafür hatte er weder Talent noch Zeit. Und sie

waren ja auch so ganz leidlich geworden. Wenigstens hatte es ihm bisher

so geschienen.

Nun brachten ihn die jähen Enthüllungen des heutigen Nachmittags

aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer nach einem fertigen Kapitel der

Kaisergeschichte eine neue Schrift vorgelegt hätte, die er nicht

kannte und die seine ganze Auffassung über den Haufen warf. Er wurde

irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die Tanten und

Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren gemeint, er könne mit den

drei Mädels so allein nicht zuwege kommen. Die bloße Paschastrenge

tat es nicht. Er hätte sich mehr mit ihnen abgeben müssen. Mit jeder

von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen sitzen, mit ihnen

ausgehen, ihr Tun und Lassen überwachen, die Kindsmagd spielen --

das lag ja so weit, so himmelweit ab von seinem Beruf, der geistigen

Lebensaufgabe, die das erste hatte sein müssen! Es half ja auch gar

nichts, wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles hätte anders,

hätte besser machen können. Damit konnte er die Tatsache nicht

wegbuchstabieren, daß Marga, seine Marga, sein Sorgenkind sich von

einem wildfremden Menschen liebhaben ließ.

Er durfte nur ja oder nein sagen.

Nein sagen mußte er natürlich.

So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft sträubte sich dagegen, in

eine solche Ehe zu willigen. Marga war blind. Sie konnte niemals einem

Mann, und wenn er ein Held an Selbstüberwindung war, das sein, was er

von einer Lebensgefährtin fordern mußte. Eine solche Liebe, sie mochte

noch so groß und überschwenglich sein, mußte sich wund und mürb reiben

an den Forderungen der Wirklichkeit. Das konnten zwei törichte junge

Leute bestreiten, aber es blieb darum nicht minder wahr und mußte jedes

Glück zerstören. Also mußte er nein sagen.

Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so lehnte sich auch

schon sein Herz mit voller Macht gegen das grausame Verdikt auf.

Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurück, in denen Marga,

ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablösung das helle, frohe

Licht ihrer klaren Augen verlor. Es war etwa ein Jahr nach dem Tod

seiner Frau. Und dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der

erste. Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln

und Aufbäumen gegen das Unabänderliche, alles, was er mit dem Kind

blutenden Herzens durchlitt und durchkämpfte, bis es in frühzeitiger,

innerer Reife über sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es nicht

genug, daß das Schicksal sie von tausend Freuden des Tages ausschloß

und in immerwährende Nacht bannte? Blind sein -- hieß es für sie nicht,

mit einem Teil ihres Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte?

Wo stand geschrieben, daß Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das Recht

und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher nahm er die Macht, zu

entscheiden: Das ist dein Glück, und das ist dein Unglück? Die Liebe

-- konnte sie sie nicht entschädigen wollen für das, was ihr an Licht

und Lust genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer mit ihr zu

meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in ihm bekämpfte die nüchterne

Besonnenheit, die er seinem guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte

den Mann nicht -- kaum von Angesicht -- der ihr die Hand bieten wollte.

War es ausgemacht, daß er nicht wußte, was er wollte und tat? War es

wirklich so über allen Verstand, daß ein Mann diese ruhige, offene,

klare Marga liebte, so liebte, daß er ihre Blindheit über ihrem inneren

Wert vergaß? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und Fülle ihrer

Seele gegen das Gebrechen ihres Körpers. Fast war es, als hielten unter

solchem Gewicht das Für und Wider sich die Wage ...

Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen und Sorgen die

Stunden vergingen.

Es wurde Abend.

Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein huschte zwischen

den Zweigen im Vorgarten hindurch auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn

nicht wie sonst auf seinem Platz, den weißbärtigen Kopf über Bücher

und Manuskriptblätter gebeugt. Verwundert glitt sie allmählich aus der

Stube und ließ der Dämmerung das Feld.

Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen Kommode,

deren goldbraunes Holz metallene Ranken verzierten. Auf der Kommode

stand eine Photographie, in die er sich vertieft hatte. Es war das

Bild seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als könnte ihr

jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der Ferne vieler Jahre

Trost und Klärung in seine Wirrnis bringen.

Als es an die Tür klopfte, fuhr er erschreckt zusammen.

Mit einem gepreßten „Ich komme ja schon!” winkte er Käthe, die fragend

hereinschaute, aus der Tür.

Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und dann saß er zerstreut

und wortlos beim Essen. Kaum daß er die Speisen berührte. Nach einer

Viertelstunde verschwand er wieder.

Käthe, die nicht wußte, was vorgefallen war, erging sich in besorgten

Mutmaßungen über seine Gesundheit. Sie ließ durchblicken, daß Hofrat

Geismar ihr in Kreuth einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen

gemacht habe, wie wichtig es sei, daß sich Papa schone. Sie fand nur

wenig Gehör bei den Schwestern und verstummte wie sie.

Elli drückte Marga heimlich ermunternd die Hand. Sie hatte sich alle

Mühe gegeben, in Vater Richthoffs Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga

sie später im Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr

Optimismus das Barometer höchstens auf „Veränderlich” zu deuten.

Eine beklemmende, schwüle Nacht senkte sich auf das Haus am Wenzelsberg.

Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats überdauerte mit ihrem Schein

die spätesten Wanderer. Als der alte Herr sie endlich löschte, hatten

die Geister der römischen Cäsaren Gelegenheit, sich über wunderliche

Dinge, die sie gehört und gesehen, die erlauchten Köpfe zu zerbrechen.

Am nächsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung mit Marga.

Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen von Vater

und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser Stunde. Der Geheimrat

sprach weder das Ja noch das Nein, das zu erwirken seine Vernunft und

sein Herz sich so heiß befehdet hatten. Aber er erklärte sich bereit,

den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestörer, zu empfangen. „Um ihm

den Kopf zu waschen!” wie er meinte. Und er ließ sich zwar nicht von

Marga küssen, aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Kuß auf die

Stirn und brummte etwas von „Vertrauen haben” in den Bart. Und Margas

Augen schimmerten von Dankbarkeit. --

Käthe hatte sich für den Nachmittag mit Lizzie zu einem Besorgungsgang

in die Stadt verabredet. Bald nach Tisch ging sie aus dem Haus.

„Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!” frohlockte Elli,

als sie mit Marga allein zurückblieb.

„Ich hätte ihr gern eine Andeutung gemacht,” meinte Marga nachdenklich.

„Sie wird es nicht schwesterlich finden, daß ich sie so gar nicht

vorbereitete.”

„Ach was,” beruhigte Elli, „die Überraschung ist ja gerade das

Netteste! -- Was machen wir jetzt? Es dauert noch anderthalb Stunden,

ehe das große Ereignis beginnt. Ich glaube, ich bin aufgeregter als

du, Margakind! Faß mal an!” Sie legte die Hand der Schwester an ihre

glühheiße Wange. „Hast du kalte Hände -- puh! Dir scheint's ja auch

tüchtig schummerig zu sein. Wir müssen was vornehmen! Du hättest mal

sehen sollen, wie Papa aussah bei Tisch! Richtig feierlich wie ein

Brautvater. Und manchmal bewegte er die Lippen, wie wenn er eine

kleine Ansprache hielte -- an den künftigen Schwiegersohn natürlich!”

Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Eßstube hinaus auf den

Weinberg. „Wahrhaftig! Papa kommt schon zurück! Keine zehn Minuten

war er heut' bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schön auf

den Kopf gestellt, Margakind! -- Komm, wir gehen nach oben! In unsere

Stube. Da wird's noch am ehesten auszuhalten sein.”

Marga ließ sich willenlos von Elli hinaufführen. Nun, da die

Entscheidung mit jeder Minute näher auf sie zukam, wurde es ihr doch

schwer und schwerer ums Herz. Um nicht verzagt zu werden, mußte sie

sich immer bei sich wiederholen: Es ist ja doch das Glück, das vor der

Tür steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max --

Aber Elli ließ sie nicht erst lange grübeln. Sie drückte sie in die

Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und schwatzte -- schwatzte

das Blaue vom Himmel herunter. „Natürlich wird ihn Papa nachher

dabehalten. Er muß bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein

offizieller Bräutigam! -- Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen

-- als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich so richtig was

erzählt? -- Eigentlich ist's doch zu schnurrig, daß du die erste von

uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel, die Wilmannsmädels -- die

Gesichter möcht' ich sehen! -- Wer wohl die nächste nach dir ist? Wenn

doch Wilkens endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat

mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen. Aber seine

Meineide sind gar nicht mehr zu zählen!” Traurig und seufzend ließ Elli

die Stimme sinken.

„Diesmal wird er bestimmt Wort halten,” tröstete Marga.

„Meinst du? Vielleicht nimmt er sich ein gutes Beispiel. -- Ach, du,

Margakind, waren das Tage auf der Sägemühle! So schön wird's im ganzen

Leben nicht wieder!”

Jetzt war der rechte Gesprächsstoff gefunden.

Sie gingen miteinander den Sommer durch, beinahe Tag um Tag. Wie

Perthes und Wilkens zum erstenmal miteinander draußen auftauchten.

So unerwartet und doch erwartet. Wie Marga ihm das Wiederkommen

verbot. Wie sie und Elli jenen Ausflug über die Berge machten. Erst

in so niedergeschlagener, trüber Stimmung und dann auf dem Heimweg

so glücksfroh -- über den endlosen Hang von läutenden Glockenblumen,

den Marga erträumte. Als sie über den Fluß setzten, stand er drüben

am Ufer. Ihre Herzen fanden sich. Und dann die lustigen Mahlzeiten

zu vieren! Der tolle Besuch von Papa Wilmanns, wo Borngräber den

Sündenbock machen mußte und die „Generalrevision” in Bowle und Tanz

sich auflöste. Elli jubelte noch in der Erinnerung, und Marga, von

ihrer Lustigkeit angesteckt, vergaß für Augenblicke, wie ihr Herz

klopfte.

Die Kuckucksuhr meldete dreiviertel vier. Die Zeit war im Fluge

vergangen. Sie horchten betroffen auf, als sie schlug, und wurden beide

still und ernst.

„Ich möchte Max so gern einen Moment sprechen, ehe er zu Papa

hineingeht,” brach Marga zuerst wieder das Schweigen. „Ihm wenigstens

die Hand drücken oder doch zuwinken,” meinte sie beklommen.

„Natürlich sollst du das! Ich leg' mich auf die Lauer. Laß mich

nur machen!” Schon war Elli aufgesprungen. Sie öffnete die Tür und

schlüpfte nach dem Flur, um die Wache anzutreten, so wie sie und Käthe

es zu machen pflegten, wenn das Semester anfing und die Hörer von

Papa sich in der Sprechstunde anmeldeten. „Weißt du noch,” flüsterte

sie, sich auf der Schwelle nach Marga umdrehend, „wie wir ihn zuerst

sichteten? Damals -- mit dem Pfeffer-und-Salz-Jackett?”

Ob Marga das noch wußte! Es litt sie nicht länger auf ihrem Platz.

„Bleib doch!” mahnte Elli. „Wenn es klingelt und ich sehe, daß

er's ist, ruf' ich dich!” Sie beugte sich herunterspähend über das

Treppengeländer, obwohl noch nichts zu hören und zu sehen war.

Der Kuckuck holte zu seinen vier Rufen aus. Gleichzeitig wurde an der

Hausklingel geläutet. Lange und schrill tönte es durchs Haus.

Marga ließ es sich nicht nehmen: ehe Elli es verhindern konnte, eilte

sie die Treppe hinunter.

Sie war noch nicht im Erdgeschoß angelangt, als Therese schon geöffnet

hatte. Eine fremde Stimme traf ihr Ohr. Enttäuscht blieb sie stehen.

„Da wird ein Brief für Sie abgegeben, Fräulein Marga.” Therese kam ihr

entgegen und schob ihr ein Kuvert in die Hand.

Marga erschrak unwillkürlich. Was war das? Doch nicht -- Perthes würde

doch nicht etwa abgehalten sein, zu kommen? Sie fühlte, wie ihr alles

Blut aus dem Herzen strömte. Zitternd öffnete sie den Umschlag. Die

Zeilen waren in Punktschrift geschrieben. Sie konnten also nur von ihm

sein.

Es dauerte eine Ewigkeit, ehe ihre Finger sich zurechtfanden.

„Was ist denn los!” raunte Elli neugierig von oben. So weit sie sich

vorbeugte, sie konnte nicht sehen, was vorging.

Marga achtete nicht auf ihre Frage. Während ihre Fingerspitzen das

Papier abtasteten, bewegten ihre Lippen sich lautlos. Sie las:

„Liebe Marga!

Was gäbe ich drum, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben müßte! Du

wirst mich verachten, wenn Du sie liest, wie ich mich verachte. Ich

kann nicht kommen. Ich kann mein Wort nicht einlösen -- --”

Weiter kam Marga nicht. Ihre Knie zitterten. Sie zerknitterte den

Briefbogen zwischen ihren Fingern und preßte die Hand gegen ihr Herz.

Ein gedämpfter, kurzer, klagender Aufschrei, wie der Schrei eines

Sterbenden, rang sich von ihren Lippen. Instinktiv suchte sie die

Treppen zu erklimmen. Sie stolperte wie eine Trunkene. Im ersten Stock

taumelte sie gegen Vater Richthoffs Tür. Das ewige Dunkel um sie her

schien ihr in eine Wolke roten Bluts verwandelt. Sie konnte nicht

rufen. Ihre Sinne schwanden, und sie meinte, ihr Leben schwinde mit

ihnen --: Er kam nicht! Er würde nie kommen! Alles war zu Ende ...

Der alte Herr öffnete seine Tür, erstaunt über das Geräusch, das sie

erschütterte. Zur rechten Zeit, um Marga in seinen Armen aufzufangen.

11

Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die chirurgische Klinik

beendigt. Der Geheime Rat hatte eine mehrwöchige Nordlandreise hinter

sich und war heute zum erstenmal wieder in der Klinik erschienen.

Seine Assistenten in ihren weißen Mänteln begleiteten ihn bis unter das

Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil wartete. Er pflegte dann bis

zuletzt Fragen zu beantworten und Weisungen zu erteilen.

Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter, etwas

pedantischer und schwerfälliger Mensch, dessen Haltung den ehemaligen

Militärarzt verriet, folgte mit Perthes, dem im Range dritten, bis

an den Wagenschlag, während einige jüngere Volontärärzte unter der

Einfahrt stehen blieben.

Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe fürstlichen Bild

seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines Stabes, vervollständigt

durch den in Positur stehenden, die Mütze senkenden Chauffeur und den

dienstbereiten Oberwärter, stand gut zu seiner überragenden Gestalt

im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmütze. Er hatte es

deshalb nicht sonderlich eilig mit dem Einsteigen. „Sie haben also

keine guten Nachrichten von Professor Kronheim?” fragte er mit seiner

lauten, getragenen Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner.

„Leider nein, Exzellenz,” lautete die Antwort. „Ich fürchte, Kollege

Kronheim wird seinen Urlaub noch um weitere vier bis sechs Wochen

verlängern müssen.”

„Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?”

„Fortgeschritten nicht gerade,” berichtete Brunner korrekt weiter,

„aber es fehlen auch die Anzeichen für eine Besserung. Er denkt an

einen Aufenthalt im Süden.”

„Daran hätte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal. Höchst fatal!”

Hupfeld strich sich gedankenvoll über das runde, volle Kinn. „Sie

sagen, vier bis sechs Wochen. Ich fürchte -- ich fürchte, die Sache

wird sich über den ganzen Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn

Tagen Semesteranfang!” Er hatte den einen Fuß auf den Wagentritt

gesetzt.

Chauffeur und Wärter beugten sich hilfsbereit vor, um ihn zu

unterstützen.

Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung. „So wird die

Geschichte nicht gehen. Wir müssen auf irgendeinen Ausweg denken,”

überlegte er. „Ich sage das nicht,” wandte er sich lebhafter an seine

beiden Assistenten, „um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf

zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmögliche. Ich bin

außerordentlich zufrieden.” Ein anerkennender Blick der blaßgrauen

Augen schweifte von Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. „Sie

müssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich auf. Besonders

Ihr Aussehen, mein lieber Perthes, gefällt mir ganz und gar nicht. Sie

überarbeiten sich!”

„Exzellenz sind sehr gütig. Aber ich fühle mich ausgezeichnet!”

versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe seines Gesichts, die tiefen

Furchen unter den verschleierten Augen schienen ihn freilich Lügen zu

strafen.

„Nein, nein, mein Lieber,” erwiderte mit einem huldvollen Hochziehen

der dünnen, falben Augenbrauen der Geheime Rat, „ich kenne das. Sie

sind ein Gewaltmensch. Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags

zusammenklappen. Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut. Ich habe

andere Pläne mit Ihnen!” Er nickte dem Doktor mit bedeutungsvollem

Wohlwollen zu und schwang sich in den Kraftwagen, so gewandt und

sicher, daß der Chauffeur nur den Schlag schließen und der Oberwärter

nur einen respektvollen Bückling anbringen konnte. „Lassen Sie sich

bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes. Sie, Kollege Brunner,

lädt man ja doch umsonst ein. Der Herbst ist so schön draußen auf dem

Stift!” Hupfeld lüftete jetzt höflich die Mütze. „Los!”

Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr es unter hellem

Signal leicht und glatt davon.

„Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem ersten

Assistenten!” tuschelte einer der Volontärärzte den Kollegen zu,

während sie ins Haus zurücktraten.

Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb bewundernde,

halb neidische Bemerkung hören. Er zog ärgerlich die Stirn in Falten.

Es war ihm unangenehm, daß womöglich auch Brunner, der der nächste nach

Kronheim war, solche Mutmaßungen auffangen konnte. Im übrigen waren

ihm die Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren, nicht neu. Er galt für

den erklärten Günstling von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter

den Kollegen, daß er Hupfelds Schwiegersohn werden würde. Daß ihn der

Geheime Rat bevorzugte, darüber konnte er sich ebensowenig täuschen wie

die anderen. Was aber seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit

Alice Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend der

geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin zielende Fopperei Markwaldts,

seines früheren Institutsgenossen, auf dem Klinikerabend mit fast

beleidigender Schärfe zurückgewiesen. Würde Markwaldt, diese gutmütige

Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe gemacht hatte, den

wahren Charakter des mysteriösen Perthes „auszuwickeln”, seine

Anzapfung heute zu wiederholen gewagt haben -- er hätte bestenfalls ein

Achselzucken oder ein spöttisches Zucken der Mundwinkel zur Antwort

bekommen. Die Verachtung würde nicht einmal nur dem Frager gegolten

haben; der Gefragte hätte sie auch auf sich selbst bezogen.

Ja, Max Perthes hatte begonnen, „umzuschalten” ...

Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor dem beabsichtigten

Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg, war ein letztes,

ohnmächtiges Aufflackern gewesen. Damals war in ihm die Täuschung,

er könnte wie ein Nachtwandler, nicht rechts, nicht links blickend,

sich zu dem festen Ziel einer öffentlichen Verlobung mit Marga

Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem Schritt, den

er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine Kraft sich mindern

gefühlt. Dafür trat ein, woran sein selbstherrlicher Stolz sich immer

zu glauben geweigert hatte: seine Gedanken waren unermüdlich tätig,

ihm die Äußerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm

aufzutürmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben mußten. Jene

Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des Alltags, vor denen sie selbst

in ihrem reiferen, weiblichen Feingefühl ihn gewarnt, und die er für

jetzt und alle Zukunft gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche

Gewalt über ihn. Was würden die Kollegen zu seiner Verlobung sagen? Was

würde Alice für ein Gesicht ziehen? Wie mußte Exzellenz Hupfeld sie

aufnehmen? Die Sticheleien, der Spott und Ärger, die Geringschätzung

und Zurücksetzung, die kommen würden -- wie winzige bösartige Insekten

wimmelten sie herbei, quälten seine Einbildung, unterfraßen und

untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften Entschluß. Nichts, gar

nichts war geschehen, wenn er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt

hatte! Dann begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem Stolz,

seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde um Wunde schlagen, ihn

vielleicht für immer aus seiner Laufbahn drängen würde!

Und er, der sich der Meinung anderer gegenüber für so gleichgültig

und unempfindlich hielt, bebte schon vor den Gebilden zurück, mit

denen seine Phantasie auf ihn eindrang. Vergebens wiederholte er sich

gegenüber dieser kläglichen Schwachheit, daß bei Marga das Höhere,

Schönheit und Frieden, die Selbstreife und die Erfüllung seiner inneren

Sehnsucht sein würde -- ein Königreich gegenüber allem, was er an

äußerlicher Wirklichkeit drangab. Das Königreich war nicht für ihn.

Er hatte sich überschätzt. Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe,

die ihn hätte emporheben müssen -- sie war nur ersprungen, nicht

erschritten und erlebt.

Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach dem unseligen

Diner auf Nieburg geahnt -- jetzt war er da. Die Welle, die ihn vom

Strand, wo Marga ihn erwartete, zurückgerissen, trieb ihn vollends ab,

rettungslos, unwiderstehlich, stromab in die Mittelmäßigkeit ...

Perthes litt unsäglich in den Stunden, die dem Absagebrief an Marga

vorausgingen. Die Verachtung, der Ekel, den er gegen sich selber

empfand, brachten ihn an den Rand der Verzweiflung. Wenn er es

doch versuchte? Wenn er es darauf ankommen ließ, ob er, durch ein

öffentliches Wort gebunden, nicht doch stärker war, als er meinte? Er

ermaß, wie furchtbar er Marga treffen mußte. Ein Leid bis auf den Tod

wollte er ihr antun, ihr, deren zartes, hingebendes Gemüt er kannte;

ihr, die er sich gewissenlos, über ihre ängstlichen Bedenken weg, zu

eigen gemacht! Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu

ketten, um sie noch schlimmer zu enttäuschen und zu trügen? Wollte

er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten, solange noch ein

Schimmer von Hoffnung war, es zu können?

Und er schrieb den Absagebrief.

Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb ein und desselben

Jahres erlitt. Aber was war seine Kinderkrankheit der Liebe, die er im

Frühjahr durchgemacht hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals

fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer Sonnenwolke

eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf die nüchterne Erde. Die

Verzweiflung, die jenem Sturz folgte, war heiß und zornig gewesen,

eine echte Weltverzweiflung, wie sie mehr oder minder keinem Menschen

von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber, die jetzt sich

seiner bemächtigte, diese grausame Selbstverzweiflung war kalt und

verächtlich. Damals hatte er mit dem Gedanken an einen freiwilligen

Tod gespielt; jetzt, männlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit,

war er der selbstzerstörenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit

näher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in ihm war, gönnte ihm

die Flucht aus dem Dasein nicht. Gerade in der Selbstverachtung

fand er einen Stachel, der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich

weiterzuentwickeln.

Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie ihn die

Kollegen hinter den Erfolgen argwöhnten, die ihm bisher ohne sein

Hinzutun in den Schoß gefallen waren? War es ihm versagt, das zu

werden, was sein höheres Ich gewollt, so schob ihm dafür das Leben

die Leiter der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem wie

möglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fuß auf die Sprosse zu setzen.

Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg war vielleicht so gewissermaßen

ihr Symbol gewesen. Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht

zu sein, und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder, zu

dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht und gutem Willen zu

sein, so konnte es ihm nicht fehlen! Es lag ein dämonischer Reiz in der

Abkehr von der Höhe zum Durchschnitt.

Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte, waren viel

mehr seine inneren Kämpfe als -- wie Exzellenz Hupfeld vermutete --

die klinische Überbürdung. Und er war töricht oder gleichgültig genug,

die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung zu benutzen.

Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlässigt hatte, wollte er

systematisch forcieren. Er trat in den Ruderklub ein. Er interessierte

sich mit Hilfe Markwaldts und Professor Hammanns, seines früheren

Chefs, für Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit ihnen nach

Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur irgend ging, bei Tennis und

Hockey und erneuerte seinen Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war

es auch, wo er, anfänglich langsam und mit Überwindung, dann mit allem

Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld heraustrat.

Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer im Kapellenturm

kühl und schnippisch behandelte, wie seine Zurückhaltung in höfliche,

später in eifrige Dienstbeflissenheit überging. Er konnte also doch

Feuer fangen, dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit,

als den ihre nach pikanten Eroberungen lüsterne Phantasie ihn ansah.

Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen wurde in dem Grade spröder

und süffisanter, als er sich um sie bemühte. Sie gefiel sich in immer

neuen, launischen Einfällen, die seine Geduld auf die Probe stellen

sollten. Das Radfahren hatte sie als unzeitgemäß und altmodisch

endgültig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie passionierte

Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen Übungen war,

lernte sie schnell und saß bald tadellos im Sattel. Sie arrangierte

in der Universitätsreitbahn eine Quadrille. Professor Hammann und

Cousine Hilla, die schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen

Bewunderungskursus durchzumachen, Perthes und sie gaben die Paare. Dann

kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwärts und in die Berge, bei

denen ihre Verwegenheit die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete.

Perthes ließ sich weder durch ihre Launen noch durch ihre Spöttereien

abschrecken. Mit höhnischer Verachtung unterdrückte er in sich jeden

Ruf seiner Seele, der sich gegen dies gefährliche Spiel warnend erheben

wollte. Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten in der

Nacht -- er wußte nicht wie und warum -- fand er sich einmal vor dem

Haus am Wenzelsberg, wo er, des scharfen Oktoberwindes ungeachtet,

nach einem Lichtschein in der Mansarde starrte. Waren es Marga und

Elli, die da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag, den

er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie vielleicht krank?

Der schneidende Wind beizte ihm die Augen feucht. Oder war es die

Qual seines Herzens? Ein andermal war er, von einer jähen Regung

überfallen, auf der Sägemühle abgestiegen und hatte sich in den

herbstlich-öden Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach seinen

Wünschen fragte, murmelte er unverständliche Worte und sprang auf und

davon. Mit Geißelhieben jagte er sich und seine Sentimentalitäten

heim. Und er überließ sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren

Wildheit dem verführerischen Reiz, den Alice auf ihn ausübte. Bei ihr

-- ohne Zweifel bei ihr war das Rätsel, das er suchte, das sich ihm

jeden Tag von neuem aufgab; das Ewig-Weibliche, wie es zu ihm paßte

-- ein Irrlicht, das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem

aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der Äußerlichkeit und

Mittelmäßigkeit hindurchzugaukeln ...

Es war Mitte November geworden.

Das Wintersemester hatte sogar für die medizinische Fakultät wieder

begonnen, die doch allerorts eine Ehre dareinsetzt, das maliziöse

Wort, die Vorlesungen seien eine unangenehme Unterbrechung der

Universitätsferien, nicht Lügen zu strafen.

Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschließen, Stift Nieburg

mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen. Der köstliche Spätherbst des

Jahres war da draußen ob dem Flußtal, inmitten der laubbraunen und

tannengrünen Bergzüge, zu schön. Zweimal täglich und öfter mußte das

Automobil den Weg nach der Chirurgischen Klinik hin und zurück machen.

Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und vertretende

Chef, hatte seine Tätigkeit noch immer nicht wieder aufnehmen können.

Die Nachrichten von der Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig

hoffnungsvoll. Brunner und Perthes mit den Volontärärzten versahen

nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime Rat war auf die von ihm

angedeutete Reorganisation nicht wieder zurückgekommen.

Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag freihatte, gegen drei

Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen wollte, trat ihm die an Sonntagen

meist unsichtbare Hauswirtin, Fräulein Eschborn, mit einer Visitenkarte

entgegen, die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden

Händen balancierte.

Gleichgültig nahm Perthes die Karte entgegen und ging, ohne einen Blick

daraufzuwerfen, nach oben. Erst vor seiner Tür las er den Namen. Es

stand da mit schöngeschnittenen Buchstaben groß und einfach: „Benno

Hupfeld Wirklicher Geheimer Rat.”

Kein Zweifel: Exzellenz mußte ihm einen offiziellen Besuch zugedacht

haben. Da die Ordinarien der Fakultät mit herkömmlicher Bequemlichkeit

höchstens ihren verheirateten Assistenten die Aufwartung zu erwidern

pflegten und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren

Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen mit einer liebenswürdigen

Entschuldigung entheben durfte, zeugte diese Karte von einer

außergewöhnlichen Artigkeit. Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt

in sein Zimmer aufs Geratewohl beiseite.

Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.

Was war er doch noch immer für ein unvollkommener Schüler der

Strebekunst!

Mit einer Feierlichkeit, die die von Fräulein Eschborn übertraf, nahm

er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl, auf den sie geflogen, und trug

sie zwischen den beiden Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In

der Mitte der Unterlage von rotem Löschpapier legte er sie mit einer

Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewürdigt, das erste nicht

zu unterschätzende Dokument des Fortschritts, das seine neue Methode

des bewußten Hochkletterns gezeitigt hatte. Von Rechts wegen hätte sie

auf ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden müssen. Schade, daß er

den nicht zur Hand hatte!

Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur üblichen pompösen Abfahrt

aus der Klinik anschickte, trat Perthes mit vollendeter Höflichkeit

an den Geheimen Rat heran. „Exzellenz hatten die außerordentliche

Liebenswürdigkeit --”

„Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade, daß ich Sie nicht

antraf!”

„Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite --”

„Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen, die --” Hupfeld

überlegte lächelnd. „Im übrigen, ich möchte das nicht aufschieben.

Sie können sich mit mir ins Auto setzen. Es läßt sich da ungestört

plaudern. Wollen Sie?” Die Frage wurde von einer jener herrischen

Gebärden begleitet, die Hupfelds Liebenswürdigkeit eigentümlich machten.

Perthes erschrak unwillkürlich über den neuen Beweis von Wohlwollen.

Die Volontärärzte auf der Treppe des Vestibüls machten lange Hälse.

Doktor Brunner war diskret und höflich, aber mit ersichtlich langem

Gesicht zurückgetreten.

„Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie zu lange in Anspruch

nehme,” fuhr Hupfeld, der dies Schwanken schmeichelhaft beurteilte,

beruhigend fort. „Ich lasse Sie mit meinem Wagen zurückführen.”

Nun gab es keine Widerrede. Perthes faßte sich schnell. „Wenn

Exzellenz einen Moment warten wollen?” Er deutete auf seinen

Operationsmantel.

Der Geheime Rat nickte gütig.

Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in der Sonne öffentlicher

Gnade. Er kniff die Lippen zusammen und heftete die Augen geradeaus ins

Leere, als er an den beiseitetretenden Volontären vorbeieilte. Im Nu

kam er zurück, in Jackett und Hut. An den ironischen Mienen der jungen

Kollegen las er ab, was sie von dieser Autounterredung hielten. Als er

wieder ins Freie trat, meinte er hinter sich etwas flüstern zu hören

wie: „Exzellenz Schwiegerpapa!” Die Wut trieb ihm das Blut in den Kopf.

Doch schon schritt er an Brunner vorüber, der unglücklich dreinsah und

an seinem militärischen Schnauzbart zu kauen schien.

Der Krankenwärter half ihm ins Automobil, in dem Exzellenz schon Platz

genommen hatte. Er machte dabei einen Bückling, für den Perthes ihm ins

Genick hätte hauen mögen.

Doch schon fuhren sie tutend davon.

Hupfeld zögerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten

auseinanderzusetzen. Fürs erste freilich, solange sie noch innerhalb

der Stadt fuhren, sah er sich durch häufige Grüße unterbrochen. Er

pflegte alle mit ausgesuchter Höflichkeit zu erwidern, ob es sich um

einen Universitätsdiener handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter

der Brücke, am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstraße allmählich

in die Landstraße überging, kam er ~in medias res~. Nachdem er die

Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden des armen Kronheim biete --

er hatte neuerdings selbst sehr trübe Nachrichten aus Rapallo erhalten

--, sprach er von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle

seiner Klinik einstweilen neu zu besetzen.

„Die Angelegenheit ist durch die Persönlichkeit des guten Brunner, der

eigentlich der nächste Anwärter ist, kompliziert,” erklärte der Geheime

Rat fortfahrend. „Um es von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann,

den ich brauche.”

„Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen Kollegen

schätzen gelernt,” schob Perthes ein, wobei er sich selbst über die

neugewonnene Fähigkeit wunderte, sich durch billige Komplimente für

andere ins beste Licht zu setzen. Perfid war er also auch schon.

„Zugegeben, lieber Perthes!” stimmte Hupfeld in das wohlfeile Lob ein.

„Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder Zug ins Große. Er kann nichts

selber in die Hand nehmen, wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der

leitende Arzt, der mich vertreten soll, muß etwas vom Herrscher an sich

haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!” Exzellenz gab

jedes dieser ihn selbst verherrlichenden Prädikate mit monumentaler

Rhetorik von sich. „Und dann -- was die Hauptsache ist --, er muß das

Zeug zu einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute Brunner

bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit nicht. Das

haben -- ~senza complimenti~ -- Sie, mein lieber junger Kollege!”

Perthes wollte mit einer Schmeichelei für die Ganzgroßen abwehren. Aber

dazu reichte seine Gewandtheit noch nicht. Die Worte blieben ihm im

Hals stecken. Er mußte sie durch Gebärden ersetzen.

„Doch, doch!” versicherte huldvoll der Geheimrat, der ihn auch so

verstand. „Machen wir uns nichts vor. In so einschneidenden Fragen

pflege ich mit rücksichtsloser Objektivität vorzugehen. Bleiben wir

also bei sicheren Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir

arbeiten, hat mich von Ihrer außerordentlichen Befähigung überzeugt.

Sie wären mein Mann! Sie werden es sein --”

„Aber, Exzellenz, ich bitte --”

„Hören Sie mir ruhig zu, lieber Freund!” Hupfeld legte die überweiche,

berühmte Hand auf Perthes' Arm. „Ich habe alles erwogen. Sie sind

sehr jung. Brunner darf nicht vor den Kopf gestoßen werden. Es heißt

diplomatisch zu Werke gehen.” Ein schlaues, geistreiches Lächeln

kräuselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte mit

rednerischer Selbstgefälligkeit sein Projekt. Er wollte es übernehmen,

Brunner von seinen guten Absichten zu überzeugen. Erstlich sollte

dieser als der ältere durch seine Fürsprache im Ministerium -- es

genügte da ein Wink nach der Residenz -- schon in den nächsten

Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm Hupfeld die

bestimmte Aussicht machen, daß er binnen Jahresfrist einen Ruf als

Außerordentlicher oder Leiter eines städtischen Krankenhauses nach

auswärts erhielte. Dafür konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen

garantieren. Demgegenüber mußte Brunner einsehen, daß Exzellenz sich

den jüngeren Perthes für die Stellung eines ersten Assistenten ganz

speziell heranbilden wollte, und mußte ihm schon jetzt die nominelle

Vertretung dieses Postens überlassen.

So weit war der Geheime Rat in seinen Ausführungen gekommen, als das

Automobil sein sausendes Tempo verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.

Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie angelangt war, nicht

abgebrochen werden. Es blieb Perthes nichts anderes übrig, als die

Einladung anzunehmen, mit Hupfeld zu frühstücken. Er griff sich an den

Kopf, als er die Räume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit

so großem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste Viertelstunde,

während er neben seinem Chef in dem weiträumigen Saal mit den

gewaltigen Schränken, den seriösen Ahnenbildern, der neu angelegten,

kostbar-bunten Porzellansammlung saß, meinte er einen schweren Traum

zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrücktes Herz mit eisiger

Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei einer Flasche Mosel

und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks stellte Hupfeld die Bedingungen

auf, unter denen er seinen künftigen ersten Assistenten verpflichten

wollte. Perthes sollte sich innerhalb der nächsten vier Jahre nicht

habilitieren dürfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfügung zu sein;

sich auch dann noch ohne seine Zustimmung weder nach außerhalb bewerben

noch einen etwaigen Ruf annehmen dürfen. Die Anstellung sollte erst

nach einiger Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt, blieb

späterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime Rat verschwieg, daß er bei

dieser Gelegenheit einige dem Minister genehme, ihm zum Lob gereichende

Ersparnisse zu machen gedachte. Dagegen ließ er Perthes nicht im

Zweifel, daß er ihm die zukünftige Karriere innerhalb der hiesigen

Universität gewährleisten wollte.

Perthes sah durch diese glänzenden Anerbietungen jede Erwartung weit

übertroffen. Gleichwohl zwang er sich dazu, seiner Befriedigung keinen

allzu begeisterten Ausdruck zu geben. Der Dämon, von dem er sich in

seiner Selbstverachtung beherrschen ließ, riet ihm, sich zu sparen und

seine streberischen Pläne womöglich als Ganzes zur Reife zu bringen.

Es lockte ihn, seine Fähigkeit, emporzukommen, gleich durch ein

Meisterstück zu erproben.

„Exzellenz sehen mich gegenüber solchen Beweisen des Vertrauens

verwirrt --”

„Es sollte mich freuen,” versicherte Hupfeld mit großartiger Loyalität,

„wenn es mir mit meinen Vorschlägen gelungen wäre, Ihre Wünsche mit den

meinen in Einklang zu bringen.”

„Meine Wünsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz. Gleichwohl werden

Sie es billigen, wenn ich mir angesichts so weitausschauender Pläne

einige Tage erbitte, um sie durchzudenken.”

Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mißtrauisch an.

Diesmal war ihm ein Zaudern unverständlich. „Nun ja --” meinte er

gedehnt. „Ich gebe Ihnen natürlich Bedenkzeit. Nur --”

„Exzellenz dürfen überzeugt sein, daß ich dies Zugeständnis nicht

mißbrauche. In wenigen Tagen, vielleicht schon morgen --”

„Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,” vollendete der Geheime Rat

mit leichter Schärfe. Er hatte sich erhoben und bot Perthes verbindlich

die Hand zum Abschied. Als er allein war, schüttelte er den Kopf: „Bei

alledem -- ein merkwürdiger junger Mann!”

Die große Stille: Roman · 第 11 / 16 题