K. R.

~P. S.~ 2. Erwarte Brief binnen zwei Tagen. Verweigere sonst weiteres

Kostgeld. Tatsachenbericht, keine Gefühlsduseleien. Gruß.

Papa.

Mit sehr gemischten Gefühlen und sehr kritischen Glossen hatte Elli am

Sonntagmorgen diesen Brief von Schwester Käthe vorgelesen. Das war ja

Käthe, wie sie leibte und lebte. Nach Ellis Ansicht mußte man ihr für

diese „infam-gütige” Epistel mal kräftig die Meinung geigen.

„Wenn sie so fortmacht, platzt sie ja eines Tags vor lauter

Menschenkenntnis und Lebenserfahrung!” legte Elli zum Schluß los. „Und

das, was sie über dein Verhältnis zu Perthes schreibt, Margakind -- die

Andeutung, mein' ich, über ihre verdrehte Abschiedspredigt --, das ist

jetzt einfach lächerlich geworden! Das gönn' ich ihr!”

„Laß gut sein, Elli!” mahnte Marga versöhnlich.

„Jawohl! Ich finde, wir sind ihr einen Strahl kalten Wassers auf

diesen Schreibebrief einfach schuldig! Wir sind doch schließlich keine

Wickelbabys mehr! Von mir will ich noch nicht mal reden, aber du -- du

bist doch jetzt so gut wie Braut, Marga --”

„Sag' so was nicht, Elli!” wehrte Marga ernsthaft. „So weit sind

Perthes und ich noch nicht! Du weißt, wir haben uns streng versprochen,

es nur erst miteinander zu versuchen.”

„I -- was! ‚Ein Versuch führt zu dauernder Kundschaft‛, heißt's im

Reklamestil!” erklärte Elli mit überzeugtem und überzeugendem Lachen.

„So ähnlich war es mit mir und Wilkens auch; man verspricht sich

zuerst, haarsträubend brav und zurückhaltend und vernünftig zu sein,

und nachher --”

„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kleinchen -- ich bitt' dich!”

„Kleinchen! Kleinchen! Das mag ich schon gar nicht mehr hören! Und daß

es geschrieben wird, verbitt' ich mir endgültig. Das werd' ich Käthe

schreiben. Und --”

„Ich glaube, du schreibst besser an Papa, und nachher diktiere ich dir

einen Brief für Käthe.”

Elli legte Marga ihre beiden Hände auf die Schultern, sah so wehmütig

drein, als es ihre lachenden Augen tun wollten, und wiegte den lockigen

Kopf mitleidig von einer Schulter zur anderen: „Marga, Marga, mit dir

geht's bergab! Seit Freitagabend überfließt du von lauter Zuckerwasser!

Hätt' ich das gewußt, wär' ich eher in den Garten gekommen! Da hättet

ihr euch die Umarmung malen können! Und die ganze Verlob--”

„Elli!” rief Marga aufgebracht und hielt der Schwester den Mund zu.

„Stell' dich nur recht tugendsam!” neckte das Kleinchen weiter. „Ich

kenne dich jetzt! Ich werde deinem Max erzählen --”

Marga faßte jetzt die plappernde Elli so kräftig und bedeckte ihr den

Mund so nachhaltig, daß sie nicht mehr weiter schmälen konnte. Dafür

lachte sie um so übermütiger, und Marga mußte mitlachen.

Dann wurde der Frühstückstisch in der Halle geräumt. Sie setzten sich

in den Garten, und Elli schrieb an Vater Richthoff vier enge Seiten.

Zwar keine „Gefühlsduseleien”, aber erst recht keinen Tatsachenbericht,

sondern lauter tolles Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das

„Zuckerwasser” für Käthe.

Draußen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen. Das erste

sonntägliche Vergnügungsschiff mit bunten Wimpeln und voller lustiger

Menschen keuchte stromaufwärts. Vom nächsten Dorf trug ein launischer

Frühwind den Klang der Kirchenglocken unter die Bäume im Garten ...

Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte, Perthes und sie

wären so weit noch nicht und wollten es erst miteinander versuchen.

Als Perthes am Morgen nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder

auf der Mühle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders empfangen,

als er erwartete. „Geradezu frostig und lieblos,” meinte er entrüstet.

Aber Margas Gewissen hatte sie schon in der Nacht, die sie schlaflos

verbrachte, mit Vorwürfen und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude

dämpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher

Schwachheit. Mit hundert Gründen bewies sie Perthes, wie unbesonnen

und unrecht es wäre, sein Schicksal und das ihrige zu verbinden, und

was sie sagte, kam wahrhaftig nicht aus dem Bedürfnis unschuldiger

Koketterie, die das Gegenteil hören wollte. Sie zwang sich zu dieser

schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur es so verlangte. Wußte er

denn, was es hieß, mit einer blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte

er eine Ahnung von den Entbehrungen und Enttäuschungen, die ihm, dem

Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an Seite mit ihr, ins Leben

trat, in die Welt, die ihr ewig fremd und verschlossen bleiben mußte,

unter Menschen, die ihn einen kurzsichtigen Schwärmer schelten und über

eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln zucken würden? Was

half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer Liebe jede Demütigung gern auf

sich nahm -- ihn, den Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen

Mann mußte eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll

vorausfühlte, wundreiben und unglücklich machen mit ihren tausend

unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden Kleinigkeiten. Mitleidlos

gegen sich und ihn ersparte sie ihm keine von den Wahrheiten, die sie

in den langen Stunden der Nacht gesammelt hatte.

Freilich -- die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als wenn sie

ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht hätte. Je mehr Hindernisse und

Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte, um so beredter und temperamentvoller

verfocht er seinen Entschluß. War er nicht Manns genug, um zu wissen,

was er tat? Scheute er vielleicht das läppische Gerede und Gehabe

anderer? Hatte er nicht immer für seinen eigenen Kopf seinen eigenen

Weg gefunden? Und nun, wo er durch Marga erst recht und ganz er selbst

wurde, sollte er gegen die kleinen Läppereien des Alltags, die sie da

in der Nacht ausgeklügelt und zu Schrecknissen vergrößert hatte, nicht

stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen, das sie

ihm ausstellte!

Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht zufrieden. Er

mußte Schritt für Schritt erobern, was er an einem Abend im Sturm

und für immer gewonnen zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen

nur zu einem feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen dürfen wie

bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht öfter und keinesfalls

täglich. Auch wegen des Geredes der Leute nicht. Sie wollten sich

einer dem anderen so offen und natürlich geben, als sie nur konnten,

um sich immer besser kennen zu lernen. Für das Maß der gegenseitigen

Vertraulichkeiten hatte Marga, obwohl sie weder prüde noch doktrinär

veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet: das zärtliche „Du”,

das im Glück des ersten Verstehens eingerissen war, wurde verpönt. Sie

wollten sich „Sie” und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter

vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem etwas herzlicheren

Handkuß durfte nicht die Rede sein.

Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes am entschiedensten.

Um sie von vornherein zu entkräften, wollte er sogar Marga sofort

herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet in eine so hilflose

Erregung, bat ihn so inständig, ja flehentlich, ihr zu folgen, daß er

nachgab.

„Das versteh' ich nicht!” eiferte er. „Für Kasteiungen hab' ich gar

kein Talent, Marga. Ich weiß auch, trotz all der schönen Reden, nicht,

zu was sie gut sein sollen.”

„Das soll dafür gut sein, daß uns, wenn unser Versuch mißlingt und wir

nicht zusammenbleiben können, das Auseinandergehen nicht zu schwer

wird.”

Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel ernste, beinahe

schwermütige Überzeugung in ihre Worte, daß er es nicht fertigbrachte.

Er dachte nicht daran, ihre pessimistische Auffassung gelten zu lassen.

Aber die ängstliche Vorsicht, die an das Glück nicht glauben konnte,

die mädchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz sich so streng

und haushälterisch gab, rührte ihn und nötigte ihm Achtung ab. Wenn er

auch bei sich dachte, dies drakonische Hausgesetz bleibe ein Unding,

weil es einen neutralen Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen

Liebe und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff er

doch, daß so und nicht anders Margas empfindliches Gewissen sich mit

dem Neuen abfinden konnte.

Unter solchen Umständen hatte er seufzend dem „Gesetz zur Verhinderung

der Liebe”, wie er es nannte, seine Sanktion erteilt.

Es kam trotzdem, wie es kommen muß, wenn zwei Menschenkinder jung

und aus Fleisch und Blut sind. Es wäre zwischen Marga und Perthes

auch so gekommen, wenn Elli nicht von vornherein erklärt hätte,

diese zimperliche Schöntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit ihrem

Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt bleiben konnte, nicht jede

Gelegenheit benutzt hätte, um diesem „faden Platonismus” mit Scherz und

Spott auf den Leib zu rücken.

Acht ganze Tage bestand das „GzVdL.”, wie es abgekürzt getauft wurde,

leidlich voll zu Recht.

Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stück um Stück von ihrem

wohlgemeinten, aber doch nur in der Theorie möglichen Zwischensystem

abbröckelte. Da wurden zunächst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen

Besuchen auf der Sägemühle immer kleiner, und bald war es ganz

selbstverständlich geworden, daß er jeden Tag kam, manchmal sogar

zweimal, und an einem Sonntag blieb er vom Morgen bis zum späten Abend.

Das nächste Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein förmliches

Komplott zu Fall. Das steife „Sie” zwischen Marga und Perthes war ihnen

schon lange ein Dorn im Auge. Aber alle Sticheleien verfingen nicht.

Marga blieb fest und stellte sich taub für die dicksten Anspielungen;

und Perthes wollte sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht

irremachen.

Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht zu einem

abgefeimten Trick.

Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt so selten

nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mühle blieben, ließ sie ihrer

Ausgelassenheit alle Zügel schießen und riß jeden, auch Marga, in ihre

übersprudelnde Laune hinein. Schließlich erhob sie ihr Glas, ließ

die Augen lustig zu Perthes hinüberspringen und warf den zerzausten

Kopf keck zur Seite. „Doktor Perthes, ich schlage vor, daß wir zwei

Schmollis machen!”

Perthes, so aufgeräumt er selber, so sympathisch ihm Fräulein Sausewind

war, wurde doch von diesem freundschaftlichen Anerbieten überrumpelt.

„Mit Vergnügen!” erklärte er. „Aber ich muß da höheren Orts erst

anfragen.”

Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an Marga. „Marga,

Sie haben wohl nichts dagegen? Da es Ihre leibliche Schwester ist, die

mit mir schmollieren will.”

Marga war fassungslos überrascht und sah ganz verdutzt drein. „Elli ist

wohl 'n bißchen beschwipst?” meinte sie ausweichend.

„Bitte schönstens!” verteidigte sich die Verdächtigte entrüstet. „Das

ist eine häßliche, grundlose Verleumdung!”

„Die ich mir auch in meinem Namen verbitten muß, Fräulein Marga!”

brummte Wilkens höchst unwirsch.

„Wenn Sie mich noch lange warten lassen, Herr Doktor Perthes,” -- Elli

betonte die Anrede mit spitzer Breite -- „sind Sie der unhöflichste

Mensch, der mir je vorgekommen ist! Marga hat da überhaupt gar nicht

mitzureden!”

„Aber Herrn Wilkens muß ich doch wenigstens um Erlaubnis fragen?” sagte

Perthes, der nun ganz mit im Spiel war, zuvorkommend.

„Nun, Herr Wilkens?” fragte Elli. „Man überschätzt zwar Ihre Autorität,

aber --”

„Ich denke durchaus fortgeschritten in solchen Dingen,” ließ sich

Wilkens mit liberaler Großartigkeit vernehmen.

„Na also! Du siehst, Marga -- drei gegen eine!” triumphierte Elli.

Marga wußte nicht aus noch ein. Sie war nicht ohne Humor. Aber der

Mangel an äußerem Erleben hatte diese letzte und reifste Kraft nur erst

spärlich in ihr entwickelt. Sie fand auch jetzt kein Scherzwort, um

sich, ihre Schwere überwindend, aus der Klemme zu helfen. Sie versuchte

zu lächeln. Doch der Ausdruck ihrer Augen strafte das Lächeln Lügen,

und ihre Mundwinkel zuckten verdächtig.

Elli lenkte ein. „Gott, Margakind, ich will dich ja schließlich

nicht benachteiligen!” erklärte sie großmütig. „Ich trete von meinem

Schmollis zurück unter einer Bedingung: wenn du es Doktor Perthes

anbietest statt meiner! Ich tue es blutenden Herzens und werde an

Herrn Perthes nicht so bald wieder mit einem so verlockenden Vorschlag

herantreten.”

Jetzt konnte auch Marga sich nicht des Lachens erwehren. Sie wollte

nicht Spielverderberin sein und erhob bedächtig ihr Glas. Es kam ihr

schwer, überschwer vor. Im Grunde waren ihr die Tränen näher als

das Lachen. Aber Perthes ließ sein Glas kräftig dagegenklingen. Sie

drückten sich die Hand, was Elli ausnehmend prosaisch fand.

„Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!” meinte Perthes

beruhigend.

Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, daß sie noch einmal seine

Hand fest und dankbar ergriff. Es kam ja doch alles, wie es wollte. Er

sollte sie nicht für kühl und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete

von Liebe, und zugleich seufzte sie. So mußte wohl das Glück sein, ihr

Glück: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ...

Es war gut, daß das Sommersemester in den ersten Augusttagen zu Ende

ging.

Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch auch den beliebten

Spaziergang nach der Sägemühle sich nicht nehmen ließen, drohten

allerhand Fährlichkeiten. Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab

es hier wie überall. Daß die Richthoffschen Mädels da draußen „immer

mit Herren gingen”, konnte sich auf tausenderlei Weise herumreden, und

wehe, wenn die Kunde, womöglich übertrieben und entstellt, zu Vater

Richthoff und Käthe sich verirrte!

Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga mahnte immer

wieder zur Vorsicht.

Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel, die mit

irgendeinem Kränzchen von älteren jungen Damen mindestens einmal die

Woche auf der Sägemühle erschien und, während sie die „lieben, lieben

Mädels” ostentativ umarmte, ihre gutmütige, aber neugierige Nase

rundum wittern ließ. Richtig trat dann gerade während einer dieser

zärtlichen Begrüßungen Wilkens in den Garten. Kaum hatte er jedoch die

Schwierigkeit der Lage erkannt, so ging er wie der älteste Bekannte

auf Fräulein Grasvogel zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg

nicht eines Blickes gewürdigt hatte, begrüßte die gute Cousine mit

einer Vertraulichkeit und ehrfürchtigen Wärme, als schätze man sich

seit Jahren, und sagte: es sei reizend, daß sie mit den beiden Fräulein

Richthoff einen Ausflug auf die Mühle gemacht habe. Er ließ sich von

ihr umständlich erklären, die „lieben, lieben Mädels” seien nicht

mit ihr gekommen, sondern wohnten hier außen für einige Wochen, und

war über die Neuigkeit aufs angenehmste verwundert. Elli biß sich

die Lippen blutig, um ernst zu bleiben. Marga gab recht unsichere

und zerstreute Auskünfte über die Verpflegung auf der Mühle und die

Zimmerverhältnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens sehr korrekt von

allen dreien und tauchte erst wieder auf, als die Luft rein war.

Schlimmer war es schon, daß Frau Geheimrat Achenbach einmal mit

dem Wagen die Landstraße entlang fuhr, als man, dem mäßigen Wetter

vertrauend, paarweise dort lustwandelte. Das Schlimmste aber ließ

ein Besuch von Käthes Freundin Lizzie befürchten, die an einem

Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem Gehöft zu vieren

picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite. Elli erfand eine

ganze Räubergeschichte. Aber ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm

und eine undurchdringliche Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr

als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans Pathologische

streifenden Musikleidenschaft ein Thema, das die Unterhaltung leidlich

in Gang hielt.

Unschädlich war nur Professor Borngräber, der gar nicht selten

im Vorbeigehen der Sägemühle einen Besuch abstattete. Es fiel

ihm bisweilen abends ein, daß er nach ärztlichem Ratschluß neben

seinen geistigen auch seine körperlichen Funktionen nicht völlig

vernachlässigen sollte, und dann arbeitete er mit zerstreuter Hast

die Landstraße ab bis zum Mühlengarten. Meistens las er dann, unter

Verachtung aller Lichtverhältnisse, ein dickes Buch zu seinen

Spiegeleiern mit Schinken, ließ aus Vergeßlichkeit das Bier so

abstehen, daß es in der Wärme des Sommerabends bald zu kochen anfing,

und hatte von der Umwelt keine Ahnung. Oder aber, wenn er die Töchter

seines Freundes Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war

er so erfreut, sie zu sehen, daß er niemand sah als nur sie. Sein

unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg, und sein Sinn blieb,

trotz aller Herzlichkeit, zur einen Hälfte doch immer an den Ufern der

heiligen Ganga.

Unverantwortlich lässig hatte sich bisher der von Vater Richthoff

selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns, benommen. Marga und

Elli hatten pflichtmäßig vor ihrer Übersiedlung bei ihm vorgesprochen,

und der bewegliche kleine Herr hatte laut verkündet, er werde bald

mal auf der Mühle „Generalrevision” halten. Er hatte zur Bekräftigung

seine eine Hand würdevoll auf die lahme Hüfte gelegt, die andere in die

Brust gesteckt und die Brauen so hoch gezogen, daß man fürchten mußte,

Augen und Stirn könnten nie wieder in ihre normale Lage zurückkehren.

Doch die bedrohliche Ankündigung blieb ohne Folgen. Nur die drei

Wilmannstöchter kamen einmal zum Kaffee auf die Sägemühle, nachdem

sie sich vorher artig durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie

entschuldigten ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wörterbuch

zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald einem Jahrzehnt sich

mühte; die bescheidene, aufopfernde Mama half dabei täglich ihre fünf

bis sechs Stunden. Danach konnten Elli und Marga überzeugt sein, daß

von dieser Seite nichts mehr zu befürchten sei, zumal die ganze Familie

Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thüringen reisen wollte.

Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August, genau einen Tag vor

Semesterschluß.

Am Nachmittag hatte es Bindfaden geregnet. Es wurde Abend, ehe der

Himmel sich leidlich aufhellte. Keine Seele aus der Stadt hatte sich

auf der Mühle blicken lassen. Perthes war trotz des Unwetters um fünf

Uhr gekommen. Sein Lodenmantel und sein Hut mußten am Herdfeuer in

der Küche aufgehängt werden. Wilkens stellte sich zum Essen ein, für

das man, da der Boden zu feucht war und die Bäume tropften, in einer

Laube hatte decken lassen. Elli rekognoszierte für alle Fälle auf

Margas Wunsch nochmals das Terrain, obgleich Wirtsleute und Kellner

übereinstimmend berichteten, es sei kein menschliches Lebewesen im

Garten. Sie kam mit der Meldung zurück, in einer abgelegenen Ecke

sitze, aller Nässe von unten und oben zum Trotz, Professor Borngräber

und kritzle unheimliche Schriftzüge in ein Notizbuch. Das klang zwar

abenteuerlich, war aber anderseits auch so beruhigend, daß jedes

Bedenken schwand. Es war so gut, als gehörte einem der ganze Garten

allein. Guter Dinge voll, zog man von der Halle in die Laube und setzte

sich zu Tisch.

Man hatte noch kaum mit dem Abendbrot begonnen, als Elli scharf und

unruhig über den Fluß äugte, hinüber auf das Fährboot. Das füllte

sich plötzlich mit einer ansehnlichen Gesellschaft, aus der weiße

Mädchenkleider herüberleuchteten.

Wilkens war auch aufmerksam geworden. „Ich zähle drei Wilmannstöchter,

Papa, Mama und studentischen Anhang,” konstatierte er mit seiner

unerschütterlichen Gelassenheit.

„Wahrhaftig! Ich auch!” rief Elli mit lachender Bestürzung.

Perthes hatte sich erhoben. Er mußte die Nachricht bestätigen. „Mit

sicherem Kurs auf die Sägemühle!” setzte er tröstlich hinzu.

Verblüffung und Schrecken waren groß. Die Ratlosigkeit noch größer.

Jeder schlug einen Ausweg vor, der nichts taugte. Und dabei näherte

sich das Boot mit zunehmender Eile.

„Wenn man Professor Borngräber bäte, sich an unseren Tisch zu setzen?”

ließ sich Marga bedächtig vernehmen, als keiner von den anderen mehr

Rat wußte.

„Sieh mal einer -- das Margakind!” rief Elli begeistert. „Die Liebe --

ich sag' es ja schon immer -- geradezu genial macht sie die Liebe!”

„Man könnte auch sagen, durchtrieben!” kommentierte Perthes, indem er

Marga strafend und anerkennend auf die Finger klopfte.

Es war keine Zeit zu verlieren.

Elli sprang schnell entschlossen durch den Garten. Man hörte sie

gleich darauf, wie sie den ahnungslosen Jakobus Borngräber mit einer

Sturmflut von liebenswürdigen Worten überfiel und betäubte. Es dauerte

noch nicht zwei Minuten, so hatte sie ihn herumbekommen. Er erschien

an ihrer Seite, den Hut, ein Monstrum von einem schokoladefarbigen

Hut, schief übergestülpt; ein dickleibiges Buch mit einem Notizbuch

darauf wie eine Bundeslade vor sich hertragend. Mantel, Schirm und

Bierglas hatte Elli übernommen. Mit dem unmöglichen, aufgedunsenen

Baumwollschirm wies sie ihm den Tisch, während sie immer weiter

plapperte: sie würden sich so riesig freuen, wenn er sich zu ihnen

setzte, und es wäre zu nett von ihm, daß er das täte, und sie würden

an Papa eine Ansichtskarte schreiben, daß er sie besucht hätte. Der

gute Borngräber nahm jetzt Buch und Notizbuch unter den Arm. Rund

und verwundert rollten seine Augen beim Eintritt in die Laube, so

verwundert, wie sie das immer taten, wenn sie sich mit der Welt der

Erscheinungen auseinandersetzen sollten. Daß da außer Marga, die er

Fräulein Käthe nannte, und Elli, die er mit Marga verwechselte, noch

zwei Herren saßen, die sofort aufsprangen und sehr bekannt und erfreut

taten, war ihm nicht befremdlicher als anderes. Seine goldgelben Zähne

lachten verlegen und freundlich aus dem silberstruppigen Gesicht. Er

verteilte Händedrücke, wobei sein Buch auf die Erde fiel; Perthes hob

es hilfsbereit auf, während Wilkens ihn selbst nach dem Stuhl an der

Spitze des Tisches drängte und ein Gespräch über neue indische Funde

vom Zaun brach, von denen er irgendwo gelesen haben wollte.

Eben hatte sich die aberwitzige Brut knapp unter die schützenden Flügel

des sich seiner Rolle durchaus unbewußten Professors geflüchtet, als

vor dem Garten Papa Wilmanns' breite, behagliche Stimme erschallte.

„Wollen sehen, ob wir die Vögel im Nest treffen. Geh mal vor, Heddy --

daß sie nicht zu sehr erschrecken!”

Doch diese zarte Vorsichtsmaßregel erwies sich schon im nächsten

Augenblick als überflüssig. Papa Wilmanns' scharfe, spitzmäusige Augen

hatten über den Zaun weg bereits die entscheidende Entdeckung gemacht.

„Kiek mal eener!” Stürmisch drang er in den Garten und stand im

Handumdrehen am Eingang der Laube. „Kiek mal eener! Hat man je so was

gehört oder gesehen!? Mein Freund Borngräber, dieser Tugendheuchler,

sitzt hier schamlos vor aller Welt und macht jungen Mädchen den Hof!”

Frau Wilmanns und ihre Töchter mit dem Gefolge von einigen Studenten,

die Wilmanns für ihre selbstlose Mithilfe am Wörterbuch ab und zu durch

eine Einladung entschädigen mußte, kamen auf seinen Ruf hinterdrein.

Es gab vor und in der Laube eine herzliche Begrüßung mit ausgiebigem

Händeschütteln, wobei die Wilmannsmädchen Perthes und Wilkens mit etwas

erstaunten Blicken maßen, und auch Mutter Wilmanns sie schüchtern

fragend besah. Aber ihr Gatte hielt eine so fulminante Abrechnung mit

Borngräber, daß Elli und Marga sich eine bessere Abwehr der Neugier gar

nicht wünschen konnten. Wobei nicht gesagt sein soll, daß der schlaue

Generalrevisor die Situation verkannt hätte. Aber er war nun einmal

immer schwach gegen junge Leute ...

„Meine Herrschaften!” polterte er los. „Ich habe Ihnen schon wiederholt

von unserer griechischen Reise erzählt. Oder noch nicht?”

„Doch, doch!” ließen sich beschwörende Stimmen hören.

„Gut! Sie können sich jetzt vorstellen, was ich mit meinem Kollegen

Borngräber ~in puncto puncti~, das ist in betreff der Griechinnen,

auszustehen hatte. Dieses harmlose Gesicht, das sich auch jetzt wieder

den Anschein vollendeter und rührender Kindlichkeit gibt --”

„Wollen wir uns nicht setzen, Papa?” wagte Frau Wilmanns vorsichtig

einzuwerfen.

„Diese Maske verträumter Wissenschaftlichkeit wird niemand länger

täuschen!” fuhr Wilmanns unter allgemeiner Fröhlichkeit fort. „Ich

könnte --”

„Wilmanns, ich warne Sie!” Borngräber schüttelte seine Befangenheit ab

und fuchtelte mit seinem Bierglas, das er aus unerklärlichem Grund bei

der Begrüßung mit sich erhoben hatte. „Ich warne Sie! Ich werde von

Kalypso erzählen, einem gewissen thrakischen Mädchen im Hotel --”

„Schweigen Sie!” rief Wilmanns empört. „Sie haben gar nichts zu

erzählen! Ich stehe hier in verantwortlicher Stellung,” -- schon fuhr

die Hand gravitätisch in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich

dramatisch nach außen -- „ich komme, um als Vizevormund im Namen des

arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern Revision zu halten, und

finde als Wolf in Schafskleidern -- Sie!”

„Kalypso, Frau Professor Wilmanns,” schrillte mit verdoppeltem Feuer

Borngräbers Fistelstimme, „Kalypso war ein auffallend hübsches Mädchen

--”

„Genug von Ihren Ausschweifungen!” donnerte Wilmanns, dem die Kalypso

gefährlich zu werden schien. „Genug, sage ich! Wir werden uns bei

einer Bowle weitersprechen! Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen

Sie mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt sich

bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer Alma mater sich

rein sachlich aussprechen! Ich denke, wir haben in der Laube alle

Platz. Schieben wir einen Tisch an!” Er legte selbst Hand an eine

Tischkante. Wilkens, Perthes, die Wörterbuchvolontäre sprangen bei

und faßten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der geräumigen Laube

zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen, eine halbe Sekt darunter,

frische Walderdbeeren ließen nicht zu lange auf sich warten, und

Borngräber vereinigte sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem

Waffenstillstand, um die Bowle zu brauen, eine praktische Tätigkeit, in

der er merkwürdigerweise brauchbare Erfahrungen hatte. Papa Richthoff

in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft über seine gewissenlosen

Töchter etwas anders vorgestellt haben -- aber für alle Teile war

die Wilmannssche Auffassung von einer Generalrevision die denkbar

sympathischste, nicht zuletzt für Marga und Elli, denen man zu diesem

festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte.

Die Abkühlung des regnerischen Tages wirkte nach.

Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit Rücksicht auf die

älteren Herrschaften den zweiten Teil der Bowle in die geschützte Halle.

Wilmanns schloß einen Akkord mit den Wirtsleuten, um das mehr

rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch beanlagte Orchestrion in

den Dauerbetrieb zu versetzen. Während er nach Kissingen eine Postkarte

losließ: „Ihre Töchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr

gewissenhaften vormundschaftlichen Inspektion durchaus artig und

munter. Gefahr droht ihnen nur von dem Indologen Borngräber, der sie

zu heimlichen Banketten einlädt” -- während dieses der Wahrheit nicht

zu nahe tretenden Berichts eröffnete Elli mit Wilkens den Tanz. Die

Wilmannstöchter und ihre jugendlichen Begleiter ließen ihr Beispiel

nicht lange ohne Nachahmung.

Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit fiel es nicht weiter

auf, daß Marga und Perthes sich absonderten.

Sie standen bei der Tür und plauderten. Er, angeregt von der Bowle,

der allgemeinen Fröhlichkeit und den lockenden Weisen der „Rosen aus

dem Süden”, folgte mit blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mädchen in

ihren hellen, fliegenden Sommerkleidchen.

„Na -- wagen wir es nicht auch, Margakind?” flüsterte er nach einer

Weile lebhaft.

„Nein, ich kann ja nicht tanzen!” gab Marga zurück.

„Aber Elli hat mir verraten, daß du mit ihr tanzt. Und zwar recht gut!

Komm -- tu nicht zimperlich!”

„Es geht nicht!” wiederholte sie ängstlich. „Sicher nicht! Du würdest

dich mit mir nur lächerlich machen!”

„Aber Kind, das ist ja kleinlich! Ich möchte gern tanzen!”

Sie fühlte seinen heißen Atem an ihrer Wange. Die Hand, die nach der

ihren faßte, verriet die Erregtheit seines warmblütigen Temperaments.

Marga entzog sich ihm. Ehe er es verhindern konnte, war sie in den

dunklen Garten hinausgeglitten. Eine plötzliche, wehe Traurigkeit

hatte sie befallen: er, entzündlich und lebensdurstig, wie er war,

verlangte in die Welt, die ihr verschlossen war, und sie hatte nichts

von alledem, was andere ihm geben konnten -- keine Leichtigkeit, keine

tanzende, lachende Lustigkeit! Nichts, gar nichts -- so schien es

ihr in diesem Augenblick -- als ihre schwere Seele und ihre trostlose

Blindheit! Und so würde es immer sein!

Perthes folgte ihr schnell.

Er war ärgerlich über sie. Über ihre übertriebene Schwerfälligkeit.

Über ihre Empfindlichkeit und die Unvorsichtigkeit, so davonzulaufen.

Sie hatte schon einen Vorsprung gewonnen. Erst am anderen Ende des

Gartens holte er sie ein.

Sie lehnte mit dem Rücken an einem Baumstamm. Die Hände hatte sie

hinter dem Kopf ineinandergepreßt, und die Augen starrten verängstigt

in die Höhe, während ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte.

„Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So -- verzeih! -- so überspannt

empfindlich!” Wort und Ton konnten seine Verstimmung nicht verbergen.

„Ich kann nicht tanzen! Gewiß nicht. Bitte, bitte, tanze doch du! Mit

Elli und den anderen!” stieß sie flehend hervor.

Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne daß er wußte, wie es

kam. Drinnen lockte die Musik mit ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das

war nichts für sie! Also auch nichts für ihn. Er stieß zum erstenmal

-- oder war es nicht das erstemal? -- an die Grenze seines Glücks.

Aber er wollte nicht. Wie läppisch von ihm, durchaus tanzen zu wollen!

Er war alt genug, um darauf und auf anderes ohne Ärger verzichten zu

können. Wie unrecht von ihnen beiden, daß sie um einer so kleinlichen,

erbärmlichen Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und das

bißchen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten! Er redete auf

Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und überredete sich selber

dabei. Warum sprach sie überhaupt immer davon, daß dies oder jenes

nicht für sie sei? Wollte sie die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie

denn das? Er wollte sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade

sie! Und er wollte ihr von da draußen alles bringen -- Licht, Lust,

Wonne, Kleines wie Großes -- was sie begehrte! Hell und heller als um

jede andere sollte es um sie werden!

Und Marga hörte zu. Er hatte noch nie mit so viel Feuer von seiner

Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete seine tröstenden Worte wie einen

heilenden Trank. Ungläubig erst, zaghaft -- dann mit vollen Zügen.

Und sie war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn küßte.

Was hatte er, wenn sie spröde tat? War es nicht wenig genug auch so?

Und sie schuldete so viel Dank! Und sie war jung! Sie liebte ihn

wie nichts auf der Welt! Mochte vollends fallen, was ihre Angst und

Vorsicht zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie küßte ihn

wieder und ließ sich küssen. Dann gingen sie, eins vom Arm des anderen

umschlungen, noch eine Weile durch den Garten. Ihre Liebe dünkte ihnen

reich und groß und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit

fühlen -- heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoßen waren.

9

Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik, die Perthes

nunmehr endgültig angenommen hatte, sollte er vertragsmäßig zum ersten

September antreten. Er hatte sich am Bakteriologischen Institut zum

fünfzehnten August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er für

seine Ausspannung herausschlagen zu können. Um nicht zu weit von

Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem einsamen Hof in den

Bergen einquartieren, den er von seinen Wanderungen kannte und der

etwa zwei Wegstunden von der Sägemühle ablag. Seine Ferien wollte

er, außer zum Zusammensein mit ihr, zu häufigen Fußmärschen in dem

abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen.

Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor Kronheim, Hupfelds

erster Assistent, unerwartet erkrankte.

Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien nicht verkürzen wollte,

wandte sich an Perthes und bat in schmeichelhafter Weise, ihm aus

der Verlegenheit zu helfen. Was war zu tun? Perthes mußte, fluchend

freilich, bis auf weiteres seinen eigenen Erholungsplänen entsagen und

Mitte des Monats, Hals über Kopf, aus seinem Institut in die Klinik

überspringen.

Die neue Tätigkeit war wesentlich anstrengender und unfreier als die

frühere. Das sollte auch Marga draußen auf ihrer Mühle bald fühlbar

werden. Es gab in der Klinik regelmäßigen Tag- und Nachtdienst. Um

die täglichen Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen

zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sägemühle blicken lassen

konnte. Und da stellte es sich heraus, daß dieselben Pausen, die

Marga erst hatte zur Bedingung machen wollen, ihr jetzt recht lang

und schwer erschienen. Sie suchte freilich sich und Elli einzureden,

es wäre viel besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und

andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde geringer; die Freude

des Wiedersehens wurde durch die längere Trennung nur verstärkt.

Jetzt, wo die Schranken der Vorsicht und Zurückhaltung durch seine

und ihre Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrückte und

verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre schwere Natur, einmal

entzündet, drängte zu jener Reife, die das Weib in der Liebe erst ganz

zu dem macht, was es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen;

aber so sehr es sie gefördert, es hatte doch auch ihre Entwicklung

gehemmt und so manches verkümmern lassen: nun streifte ihr Ernst sein

Zuviel an Schwere und Herbheit ab und verband sich dafür mit weicher

Hingebung und einer zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schöner und

voller kleidete. Konnte früher ihre Beherrschung dem oberflächlichen

Blick temperamentlos und apathisch vorkommen, so zeugte jetzt auch ihre

äußere Erscheinung gegen ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und

leichter, ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener; der Kopf

mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar senkte sich nicht mehr

so oft und so müd-ergeben; durch ein warmes, zuversichtliches Leuchten

ersetzten die Augen ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe

und die ganze Gestalt Frische und Fülle. Es war noch immer die große

Stille, die ihr Wesen trug und umfloß, aber ein bräutlicher Schimmer

verklärte sie. Und bräutlich fühlte sich Marga selbst in den Stunden,

in denen ihr Glück ohne Angst und Bedenken sie ausfüllte, bräutlich

in der sehnsüchtigen Erwartung, in der träumenden Versonnenheit, im

süßen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes kam, war sie es, die im

ersten Augenblick des Alleinseins ihm die Arme um den Hals legte, sein

Gesicht, seine Haare, seine Hände liebkosend betastete und küßte. Sie

begann in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen.

Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit Marga vollzog.

Es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie ihn nicht erfreut hätte. Aber

es mischte sich etwas Neues und Fremdes in diese Freude. Solange es

gegolten hatte, Margas Liebe aus ihrer ängstlichen Verhüllung von

Scheu und Vorsicht zu lösen, hatte dies Spiel von Gefühl und Vernunft

ihn in fortwährender, froher Spannung gehalten, und sein Empfinden

für sie schien mit jedem Sieg, den er ihr abgewann, an Innigkeit zu

wachsen. Es kamen Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt,

wie er es vor Wochen, als er sich zum Entschluß drängte, noch nicht

für möglich gehalten hätte. Aber nun, da Margas Liebe entfaltet war

und naturgemäß in ihr mit der Zärtlichkeit der Seele auch die der

Sinne erwachte, erschrak er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen

über sich selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete,

seinerzeit die Leidenschaft wegräsoniert. Jetzt zitterte sie ihm, nicht

aufdringlich freilich und maßlos, aber doch blutwarm und lebendig aus

Margas Zärtlichkeit entgegen. Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo

blieb bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich

erwiderte er stürmisch ihre Umarmung und gab ihr ihre Küsse verdoppelt

zurück, aber zwang er sich nicht dazu? War in seinem Ungestüm nicht die

Furcht, hinter ihr zurückzubleiben, und war diese Furcht nicht schon

der Beweis, daß seine Liebe der ihren nachstand?

Er verwünschte solche Gedanken. Das allzu häufige, untätige

Beisammensein war doch unvernünftig gewesen und hatte ihn durch

Übersättigung überkritisch gemacht. Von dieser Seite sah er in seiner

klinischen Tätigkeit keine unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und

Margas Liebe mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten

Ansprüchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer, dessen er fähig

war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden Margas und der eigenen Einsicht

folgend, entzog er sich auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht

mehr so völlig wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder

im Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice Hupfeld

zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen Radfahrt auf der

Landstraße hatte er danach kein Verlangen. Es war möglich, daß sie

verreist war. Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wußte er.

Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts Sicheres besagen. Es

war jedenfalls geratener, ihr aus dem Wege zu gehen ...

Da überraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld mit einer

Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen. Fast gleichzeitig

erfuhr er zufällig aus dem Gespräch mit einem Kollegen, daß Fräulein

Exzellenz von einer vierzehntägigen Hochgebirgstour zurückgekehrt sei.

Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein nicht groß,

wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert. Er trug sich mit dem

Gedanken, abzulehnen, und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam:

der Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem Maße zu, als

das Essen auf dem Stift sich näherte. Er sprach auch mit Marga darüber.

Es war ihm ein Bedürfnis, so oft er Alice Hupfeld einmal erwähnen

mußte, seine Antipathie gegen sie beinahe überscharf zum Ausdruck zu

bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht sehr anziehendes

Bild von Alice wie von dem ganzen Kreis, dem sie zugehörte. Sie war

keine von jenen kleinen Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um

jeden Preis „gerecht” sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine Härte

für übertrieben und riet ihm, der Einladung nach Nieburg zu folgen.

Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die Gnade seines neuen

Chefs nicht von vornherein verscherzen wollte, gar nichts anderes

übrig, als anzunehmen.

An dem Tag, der ihn zu Hupfelds führen sollte, blieb er so lange auf

der Klinik, daß er knapp noch Zeit hatte, sich umzukleiden. Er mußte

einen Wagen nehmen, um überhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift

Nieburg zu kommen.

Als der Kutscher von der heißen Landstraße abbog, sah Perthes

sehnsüchtig nach der Mühle, die schattig und beschaulich wie immer mit

ihren Ziegeln aus den Bäumen hervorlugte. Am liebsten hätte er noch

jetzt die Fahrt dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst über seine

Torheit. Dies lächerliche Mißbehagen stand in keinem Verhältnis zur

Unbedeutendheit der Sache. Er war doch wohl nachgerade alt und Manns

genug, um sich in unbequemer Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand

herumzulangweilen!

Das große eiserne Gittertor war verschlossen. Nur die ins Mauerwerk

gebrochene Nebenpforte stand offen. Man erwartete also nicht so viele

Besucher, wie Perthes hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen

geargwöhnt hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat

in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflächen, seinen

üppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten lag er still in

der sengenden Augustsonne. Still und wie erstarrt in weißer Hitze

stand auch weiter zurück das lange, schloßartige Gebäude mit dem

efeubewachsenen Untergeschoß, den hohen, hellgrünen Fensterläden, die

zum Teil geschlossen waren, und dem mächtigen Giebeldach. Die Bäume des

Parks gaben einen Hintergrund, der sich mit massigem Düster gegen das

grelle Licht abhob.

Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten Taxushecken

abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen, kam Perthes ans Haus. Nach der

Hitze draußen atmete ihm das alte, weiträumige Bauwerk schon bei der

Eingangstür mit ihren geschnitzten Flügeln und glänzenden Messingringen

wohltuende Kühle entgegen. Der Diener, der ihn in Empfang genommen,

führte ihn durch lange, etwas nüchterne Gänge über ein breites, an den

Wänden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmücktes Treppenhaus in

den ersten Stock.

Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick erstaunlich tot und

drückend.

Große, in den Farben gedämpfte Gobelins verkleideten die Wände ringsum.

Zwei Bänke mit ledergepolsterten Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch

mit schwerer, goldbrokatener Decke, die einst einen Altar geziert haben

mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte, hochrückige,

steife Lehnstühle -- lauter in den Holzteilen tiefdunkle Möbelstücke

-- waren mehr stilvoll als einladend. Durch eine Tür, deren schmale

Portiere zurückgerafft war, sah man ins anstoßende Zimmer: es war --

fast schien es, in bewußtem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem Perthes

stand -- in helles Licht getaucht. Man sah einen ziemlich einfachen

Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte auf zarten, ausgebauchten

Beinen stand. Der altertümliche Globus auf der Ecke, das kristallene

Tintenfaß, noch mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von

grünem, geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit dieses

Arbeitszimmers.

So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen, als von dort ein

leises Räuspern und teppichgedämpfte Schritte hörbar wurden. Gleich

darauf wurde Hupfeld in der Tür sichtbar.

„Sehr liebenswürdig, daß Sie uns das Vergnügen machen,” ließ sich seine

volle, getragene Stimme vernehmen. Er überschritt die Schwelle nicht,

sondern lud den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, näherzutreten.

Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand -- eine Hand, so

weich und lässig, daß Perthes sich versucht fühlte, sie zwischen

seinen muskulösen Fingern durch einen heftigen Druck auf ihre Knochen

zu prüfen. Und doch war diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die

Begründerin von Exzellenz' europäischem Ruf. Die hochgewachsene Gestalt

überragte noch die seines Assistenten. Auf den breiten Schultern saß

ein verhältnismäßig kleiner Kopf, dem bartlose, glatte, mit dem Alter

etwas verfettete Züge und weißes, dichtstehendes, aufrechtes Haar die

Schönheit eines bejahrten Heldenvaters gaben.

Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Kürze mit der

auffallenden Loyalität des Geheimen Rats kontrastierte, forderte

Perthes auf, es sich in einem roten Saffiansessel bequem zu machen,

der gegenüber dem Schreibtisch, neben einem von Photographien

und künstlerischen Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein

bücherreiches Regal im Rücken hatte.

Exzellenz setzte sich in den grünen Polsterstuhl. „Und wie fühlen Sie

sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?”

„Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil erlauben kann,

sehr wohl,” erwiderte Perthes, in den Saffiansessel mit Widerstreben

versinkend.

Hupfeld lächelte befriedigt. Er war ein Meister jenes diskreten

Lächelns, das die angenehmste wie die ärgerlichste Stimmung gleich

gut verhüllt. „Wie ich Ihnen schon sagte, haben Sie mir durch Ihren

früheren Eintritt einen großen Dienst geleistet,” fuhr er, jedes, auch

das unbedeutendste Wort prononcierend, fort. Während er mit gemessener

Wärme des erkrankten Professors Kronheim gedachte, beharrte er

regungslos in der für sein Gesicht so vorteilhaften Profilstellung. Das

gelbliche, durch die dünnen Vorhänge getönte Licht vom Fenster umfloß

schmeichelnd seine majestätischen Umrisse und den grünen Polsterstuhl.

Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor. Wenn die Augen von

Exzellenz ihre graue Starrheit einen Moment aufgaben, nahmen sie einen

stechenden Glanz an und erinnerten Perthes durch ihren spöttischen

Ausdruck an die von Alice.

Mit der Freiheit des großen Mannes liebte es Hupfeld, die Themen

des Gesprächs unvermittelt zu wechseln. Er gefiel sich in einer

klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick auf Perthes' mannigfaltigen

Studiengang sprach er davon, daß er selbst eigentlich hätte Botaniker

werden sollen und wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach

und setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgefälligkeit eines

Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln durch die Finger

gleiten läßt. „Ich habe mir, wie Sie sich vielleicht schon überzeugten,

die Vorliebe für die Pflanzenwelt gewahrt.” Er deutete mit einer

Bewegung der molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens. „Wenn

es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im Gewächshaus meine

bescheidene, aber ich darf wohl sagen erlesene Sammlung von Orchideen

zeigen. -- Wissen Sie denn übrigens, daß Sie hier in Nieburg auf

klassisch geweihtem Boden weilen?”

Perthes schüttelte verneinend den Kopf.

„Es ist verbürgte Tatsache,” erklärte Hupfeld, indem er sich noch

hoheitsvoller in seinem grünen Polsterstuhl zur Schau setzte und die

berühmte Hand mit leichten Bewegungen seine Worte begleiten ließ,

„daß in diesen Räumen Goethe im Jahre 1793, auf der Rückreise von der

Belagerung von Mainz verweilte. Sein erlauchter Geist trifft sich mit

meinem bescheideneren in der Liebe für die Pflanzen und für die Kunst

des Mittelalters. Das macht mir den Aufenthalt hier besonders lieb und

bedeutungsvoll. Auch die Gebrüder Boisserée sind hier öfters zu Gast

gewesen. Wenn der gute Wille genügte, etwas von der Universalität jener

Zeiten und jener Geister sich zu eigen zu machen, und wenn man Zeit

hätte --” Der Geheime Rat vollendete seinen vielsagenden Satz nicht,

sondern ließ ihn in einem tiefsinnigen Schweigen stecken. Vielleicht,

um Perthes Gelegenheit zu geben, ein naheliegendes Kompliment

einzuflechten; vielleicht auch nur, um den versteckten Vergleich mit

Goethe in dem Zuhörer -- oder vielmehr in dem Zuschauer -- äußerlich

nachwirken zu lassen.

Perthes besaß leider gar keinen Sinn weder für Schmeicheleien noch für

klassische Vergleiche. Es bereitete ihm im Gegenteil ein heimliches

Vergnügen, Exzellenz zu enttäuschen. Nachdem er sich ungefähr so viel

Zeit gelassen hatte, als nötig war, um die Bartlocken der gewaltigen

Büste des Zeus von Otricoli zu zählen, die auf einem Postament

in der Ecke hinter dem Schreibtisch stand -- also nach einer sehr

respektvollen Pause --, hub er plötzlich an, von einem klinischen Fall

zu sprechen. „Haben Exzellenz gehört, daß die Operation von Miß Read --

es handelte sich um ~Ileus strang~...”

„Ja -- ja! Natürlich!” fuhr Hupfeld aus seinem Nachsinnen zerstreut

auf. „Die Sache ist sehr interessant! Sehr interessant! Wir sprechen

nachher noch davon. Für jetzt darf ich Sie nicht länger unseren

Damen vorenthalten.” Er erhob sich etwas jäh. „Bitte!” Er deutete

wieder in seiner befehlenden Art nach der rückwärtigen Tür. Mit der

Zuvorkommenheit eines Fürsten ließ er seinen Gast voranschreiten.

Sie durchschritten zuerst die eigentliche Bibliothek, einen sehr

stimmungsvollen Raum mit Tausenden von Bänden auf hohen, geschnitzten

Regalen.

„Ich habe meine paar belletristischen und kunsthistorischen Bücher von

den fachwissenschaftlichen getrennt und hier untergebracht,” erläuterte

der Geheime Rat im Vorbeigehen.

Von da traten sie in das Speisezimmer.

Wenn Perthes Muße gehabt hätte, den „Saal” genau in Augenschein zu

nehmen, würde er ihm seine Anerkennung nicht versagt haben. Die

kolossalen Brabanter Schränke, die gegen eine Tapete von blaßroter

Seide standen, das wundervolle Barockgestühl, die gravitätischen

Ahnenbilder an den Wänden im Verein mit Teppichen, Truhen und kostbaren

Behängen zeugten von Geschmack. So aber mußte er sich vor allen Dingen

in einer der tiefen Fensternischen der Dame des Hauses vorstellen

lassen.

„Mein neuer Assistent, Herr Doktor Perthes,” führte ihn Hupfeld

wohlwollend ein.

Die weibliche Exzellenz, eine kleine, lebhafte Dame von rosiger

Gesichtsfarbe und einem kindlichen Ausdruck von Daseinsfreudigkeit

auf den wulstigen Lippen und in den schwimmenden Äugelchen, reckte

ihre etwas schwerfällige Figur freundlich im Stuhl in die Höhe, nickte

dreimal mit dem Kopf und gab Perthes die Hand. „Es ist schwül. Glauben

Sie, daß wir ein Unwetter bekommen werden? Ich frage heute jedermann,

ob wir heute ein Gewitter bekommen werden. Ich bin nämlich sehr

ängstlich. Sehr, sehr ängstlich!” Sie bekräftigte ihre Gewitterfurcht

mit einem hohen, kindlichen Lachen. „Wie meinen Sie?” fragte sie dann

dringend, die Hand an ihr schwerhöriges Ohr haltend.

Perthes, etwas betroffen von diesem Willkommgruß, der in seiner

Naivität peinlich war, faßte sich so schnell wie möglich. „Ich glaube

nicht, daß wir ein Gewitter haben werden,” antwortete er höflich.

„Hörst du, Moritz,” wandte sich Frau Hupfeld triumphierend an den

hinter ihrem Sessel stehenden, blutjungen Leutnant, „Doktor Pätel --

hieß er nicht so, Papa?”

„Doktor Perthes,” korrigierte der Geheime Rat mit einer Deutlichkeit,

die zugleich zuvorkommend und entschuldigend klang.

„Na ja -- Doktor Pätel glaubt auch nicht an ein Gewitter, Moritz!”

Der Leutnant, ein zierlicher, hübscher Junge mit harmlosem, frischem

Kindergesicht, zuckte die Achseln. „Willst du mich, bitte, vorstellen,

Papa?” bat er den Geheimen Rat.

„Natürlich -- ich bitte um Verzeihung! Mein Sohn, Leutnant Moritz

Hupfeld. Und hier --” Er winkte nach dem Fenster, wo ein junges

Mädchen ohne Teilnahme für das, was vorging, hinausschaute. „Komm mal

her, Hilla! -- Die Tochter meines Bruders, des Obersten Hupfeld in

Straßburg,” erläuterte Exzellenz.

Das junge Mädchen fand es nicht der Mühe wert, näherzutreten. Sie

erwiderte, sich langsam umwendend, Perthes' Verbeugung mit einem halben

Blick und ziemlich schnippischem Kopfnicken. „Weißt du, Onkel, ihr

müßtet in den ollen, langweiligen Garten da mal 'ne Fontäne oder so was

'reinsetzen,” schloß sie ihre viel wichtigeren Fensterstudien.

„Nein! Um Gottes willen! Wo denkst du hin, Kind? Eine Fontäne?”

jammerte Frau Hupfeld erschrocken. „Das ewige Plätschern kann einen ja

schwermütig machen!”

„Sei ohne Sorge,” legte sich Hupfeld ins Mittel, „ich liebe keine

Wasserkünste!” Er bewahrte inmitten dieser reichlich albernen

Unterhaltung die herablassende Würde seiner Größe.

„Cousine Hilla hat nu mal eine Vorliebe für große silberne Glaskugeln,

Goldfische und Terrakottazwerge, die unter Pilzen sitzen,” hänselte

der Leutnant, während er mit Perthes einen Blick gegenseitigen

Wohlgefallens wechselte.

„Pfui, Moritz!” wehrte sich Hilla entrüstet und geruhte dabei, sich

zu nähern und ihre nichtssagend hübsche Larve mit schmachtendem

Tadel ihrem Vetter zuzuwenden. „Sind Sie der Doktor, der so gut

Tennis spielt?” wandte sie sich dann plötzlich mit der vorlauten

Selbstverständlichkeit eines verzogenen Backfisches an Perthes.

„Woher wissen Sie das, gnädiges Fräulein?” fragte Perthes trocken

zurück, während er auf das schmale Persönchen kühl heruntersah.

„Von Alice natürlich!”

„Alice!” nahm Hupfeld das Wort. „Wo steckt denn Alli? Wir werden uns

ohne sie zu Tisch setzen. Entschuldigen Sie, mein lieber Doktor! Meine

Tochter lebt in einem beständigen Krieg mit unserer Hausordnung,”

ergänzte er halb stolz, halb tadelnd, während er seiner Frau artig den

Arm bot.

„Dem armen Kinde wird doch nichts zugestoßen sein?” meinte Frau Hupfeld

ängstlich.

„I wo, Mama!” lachte der Leutnant. „Das wäre das erstemal. So was

verdirbt nicht!”

„Ich sah sie vor einer Viertelstunde von meinem Zimmer aus in den Park

laufen,” bemerkte Cousine Hilla. Sie hängte sich dabei an den Arm

ihres Vetters, der sie höflich dem Gast hatte überlassen wollen. Mit

Zivilisten ging sie nur in Ermangelung wirklicher Menschen zu Tisch.

Perthes, dem offenbar ursprünglich Alice als Tischnachbarin zugedacht

war, mußte sich seinen Platz allein suchen.

Er ergab sich in sein Los. Kam er sich doch unter diesen fremden

Menschen so gelangweilt und unbehaglich vor, daß er froh war, sitzen

und essen zu dürfen.

Exzellenz hielt bei der Suppe einen kleinen Vortrag über altes

Porzellan, von dem er eine Sammlung anzulegen beabsichtigte. Es

genügte, verständnisvoll zu lächeln, was übrigens nur Perthes tat. Frau

Hupfeld teilte einstweilen ihre ganze Aufmerksamkeit zwischen einem

harmlos-fröhlichen Appetit und der erneuten Sorge um das Wetter, das

zu beobachten sie dem aufwartenden Diener in geheimnisvollem Ton sehr

dringlich einschärfte. Hilla machte ihrem Vetter Leutnant ungeniert den

Hof, ohne der Weisheit ihres großen Onkels die geringste Beachtung zu

schenken.

Der weißbehandschuhte Diener hatte schon den zweiten Gang serviert und

einen Flüsterwein eingegossen, als die Tür zum Saal aufgerissen wurde

und Alice hereinstürmte.

„Denkt euch, Kinder --”

„Meine Nerven! Meine Nerven!” klagte erschrocken die Geheime Rätin.

„Der Gärtner hat in der Raubtierfalle einen richtigen Iltis gefangen!

Ich hab' ihn mir angesehen! Eine Mama, die Junge erwartet!”

Alice reichte dem Doktor während ihres zoologischen Berichts sehr

obenhin die Hand und setzte sich zwischen ihn und ihren Bruder.

„Wie schrecklich!” ließ sich Frau Hupfeld, ihre Nerven vergessend,

neugierig vernehmen. „Was hat er gefangen? einen Tiflis?” Umfassende

Bildung gehörte nicht zu Mama Hupfelds Vorzügen. Sie stammte aus

einfachen Verhältnissen -- aus Hupfelds weniger berühmter Zeit -- und

ihre Impromptus waren das Entsetzen von Exzellenz.

„Einen Iltis!” kicherte Alice. „Und zwar --” wollte sie mit überlauter

Deutlichkeit fortfahren.

„Mein Liebling,” unterbrach sie der Geheime Rat mit einer

Entschiedenheit, die zugleich bestimmt war, Iltis und Tiflis zu

bedecken, „ich schätze die Natürlichkeit. Das weißt du. Aber sie darf

nicht degoutant sein.”

„Auch meine Meinung. Besonders bei Damen!” bekräftigte Leutnant Moritz

die väterlichen Worte.

„Da hab' ich mich ja wieder mal nett in die Nesseln eurer Prüderie

gesetzt!” Alice sah mit verschmitztem Lachen von einem zum anderen.

„Wohin hat sie sich gesetzt?” fragte mit unerschüttertem Wissensdrang

Frau Hupfeld.

„Mich mußt du ausnehmen, Alli,” erklärte voll schwärmender Bewunderung

Cousine Hilla. „Ich finde deine Natürlichkeit furchtbar schick! Ich

wollte, ich wäre auch so vorurteilslos.”

„Das fehlte noch!” brummte der Leutnant.

„Steht nur Ihr Urteil aus, Herr Doktor Perthes!” wandte sich Alice

mit einer Verbeugung an ihren Nachbar. „Dann kann über mich richtig

abgestimmt werden!”

Perthes, obwohl nichts weniger als entzückt von dieser Aufforderung,

begegnete dem spitzbübischen Zwinkern ihrer Augen mit einem ruhigen

Blick. „Wenn Sie darauf Wert legen, gnädiges Fräulein --”

„Und ob!”

„Ich schätze Natürlichkeit. Bei Damen sogar besonders. Sie wird da nur

leicht Manier. Und hebt sich so wieder selbst auf.”

„Sehr gut!” nickte zustimmend der Geheime Rat. „Sehr gut, lieber

Perthes!” wiederholte er noch einmal, nachdem er mit vorgeschobenen

Kennerlippen an seinem Weinglase genippt hatte.

„Das heiß' ich 'ne schlanke Abfuhr -- wie, Allichen?” schmunzelte der

Leutnant vergnügt.

„Mir ist das zu hoch!” meinte mit patziger Geringschätzung Cousine

Hilla.

Alli selbst kniff die Augen zusammen wie beim Tennisspiel, wenn sie

berechnen wollte, wie sie den Ball am besten zurückschlüge. Es lag in

dem halboffenen Blick etwas Lauerndes, das die Freude an gefangenem

Raubzeug, wie einem Iltis, erklärlich machte. Im nächsten Augenblick

lachte sie. Es war dieses helle, kurze, aufreizende Lachen, das Perthes

kannte.

Der Diener hatte eben begonnen, neue Schüsseln zu reichen. Den Schleien

folgten römische Poularden. Alice hatte den Kopf mit dem rötlichen

Haargewirr über die Lehne zurückgeworfen. Die gelenkige Gestalt in

dem eng anliegenden, blauen Foulardkleid schüttelte sich leicht, als

gelte es, ein paar Tropfen von der milchweißen Haut des Halses und der

Arme absprühen zu lassen. Dann bog sie sich blitzschnell ganz nahe an

Perthes heran. „Es ist doch so, daß hinter dem Räubergesicht ein ganz

ehrsamer Philister sitzt, nicht?” tuschelte sie ihm mit boshafter Hast

zu.

Er wollte ihr erwidern. Aber ebenso geschwind hatte sie sich von ihm

weggewandt und drehte ihm halb den Rücken. Sie sprach mit Hilla und

ihrem Bruder. Während des Restes der Mahlzeit behandelte sie ihn als

Luft. Ein Verfahren, das ihn, wie er sich selber vorsagte, höchst kalt

ließ, aber seine Behaglichkeit im Hause Hupfeld nicht erhöhte. Er

wünschte sich über alle Berge. Oder doch zum mindesten einen halben

Kilometer talwärts in die Sägemühle. Die ungewohnte Atmosphäre, die

ihn umgab, bedrückte ihn: dieser „große Mann” mit seiner preziösen

Redeweise und seiner hohlen, posierten Majestät; diese vielleicht

gutmütige und natürliche, aber immer nur mit sich selbst beschäftigte,

rosig-dicke Frau Exzellenz; Fräulein Hilla, die ihre Dummheit durch

die doppelte Portion Hochmut und Dreistigkeit wettzumachen suchte,

und Alice -- wie ihm das alles zuwider war! Samt dem altertümlichen,

schwerfälligen, überstilvollen Luxus! Samt dem tadellosen Diner auf

Wedgwoodporzellan und den Flüsterweinen und dem schleichenden Lakaien

mit den weißen Handschuhen! Er war kein Feind von Reichtum und Geist

und Geschmack; aber er hätte gern einmal laut fluchen oder eins der

hohen Fenster aufreißen und einen Strom noch so heißer Sommerluft

hereinströmen lassen mögen -- um sich selber wiederzuerkennen und

freizumachen!

Man näherte sich dem Dessert.

Der Leutnant brachte, Gott sei Dank, etwas Zug in die Unterhaltung. Er

erzählte von Ballonfahrten, die er von Freiburg aus, wo er in Garnison

stand, unternommen. Besonders von einem Ausflug nach Straßburg, wo sie

kurz vor dem Ziel, in Kehl, die Reißleine ziehen mußten und um ein Haar

im Rhein gelandet wären.

„Wo war das, Moritz?” fragte Frau Hupfeld, die die Hand am Ohr mit

allen Zeichen des Gruselns der halsbrecherischen Schilderung zu folgen

versuchte.

„In Kehl, Mama,” lautete der bereitwillige Bescheid.

„In Kiel?” wiederholte die alte Dame mit Staunen. „Ich wußte gar nicht,

daß Kiel so nahe bei Straßburg liegt. Ich dachte immer --”

Diesmal brach die Heiterkeit über Mama Hupfelds durch keine

Sachkenntnis getrübte Geographie so elementar und laut hervor, daß der

Geheime Rat sie nicht durch eine ableitende Bemerkung aufhalten konnte.

Seine kleine, dicke Frau schloß sich der Fröhlichkeit so unbefangen

an, wie wenn sie nichts anderes beabsichtigt hätte, als ein Bonmot

zum besten zu geben. Zu allem Unheil pflanzte sich eben jetzt der

Diener in steifer Positur hinter ihrem Stuhl auf, offenbar um ihr eine

unaufschiebbare Meldung zu machen.

„Was gibt's, Karl?” fragte sie besorgt, als der Beifall, den sie

unfreiwillig entfesselt hatte, sich legte.

„Exzellenz, im Süden zieht ein Gewitter herauf!” meldete der Diener mit

der Feierlichkeit eines spanischen Granden.

„Allmächtiger!” entfuhr es dem Leutnant in komischer Verzweiflung.

Frau Hupfeld schnellte mit allen Zeichen der Angst von ihrem Sitz in

die Höhe. „Oh -- was Sie sagen, Karl!” stammelte sie. Sie sah wirklich

bemitleidenswert aus.

Cousine Hilla biß auf ihre Serviette, um nicht von neuem

herauszulachen. Alice schnitt eine Grimasse. Perthes fixierte standhaft

den zierlichen Rand seines Tellers, denn wenn er bis jetzt als Gast

des Hauses seinen Lachmuskeln eine peinliche Reserve auferlegt hatte,

diese im Ton einer antiken Schicksalsverkündigung vorgetragene

Gewittermeldung drohte seine Kraft zu übersteigen.

Der Geheime Rat blieb ernst. „Es wird ja so schlimm nicht sein!” redete

er begütigend seiner Frau zu.

Aber für Frau Hupfeld gab es, nachdem sie sich vom ersten Entsetzen

erholt, kein Halten. „Herr Doktor Pätel -- Sie müssen mich

entschuldigen -- ich kann nun mal nichts dafür!” erklärte sie

mit hastiger Verlegenheit. „Nein -- und ich wollte noch von der

wundervollen Ananas essen! Stellen Sie sie für mich zurück, Karl! Und

Annette soll auf mein Zimmer kommen. Sie muß mir die Laden schließen.

Johann auch!”

Schon war sie, ihre beleibte kleine Person mit erstaunlicher

Elastizität vorwärtsschiebend, aus dem Saal geflohen, um in ihrem

Schlafzimmer unter Beihilfe der verfügbaren Dienstboten die nötigen

verdunkelnden Vorbereitungen zu treffen.

Das Gleichgewicht der Tafel war gestört.

Exzellenz -- seine Verstimmung in eine gesteigerte, über die

Kleinigkeiten des Tages erhabene Hoheit hüllend -- hielt es für

angebracht, die Mahlzeit nicht mehr über Gebühr zu verlängern.

Er stand denn auch bald auf und gab so das Zeichen der Befreiung vom

Tischzwang. Die Herren begaben sich in die Bibliothek. Während der

Leutnant den mit Silber eingelegten Zigarrenschrank herbeiholte und

Perthes mit den unterschiedlichen Vorzügen der Importen bekannt machte,

zog Hupfeld sich stillschweigend zu einer kleinen Mittagsruhe zurück.

Alice und Hilla traten unter die Tür der Bibliothek.

„Hilla will mal meine Iltismama besehen. Kommst du mit, Säbelmännchen?”

Alice richtete ihre Aufforderung absichtlich nur an ihren Bruder, als

existierte Perthes gar nicht.

„Das hängt von Herrn Doktor Perthes ab,” erwiderte der Leutnant, den

Zug seiner Zigarre prüfend.

„Bah -- es fragt sich sehr, ob wir Herrn Perthes nach der famosen

‚Abfuhr‛ an Alli überhaupt noch dazu einladen!” erklärte Fräulein Hilla

mit schnippischer Promptheit.

„Dann müßt ihr auf meine Gesellschaft auch verzichten, Hillchen!” gab

Leutnant Moritz ritterlich zurück.

Alice maß Perthes über ihre Schulter weg mit dem ihr eigenen Blick vom

Fuß zum Kopf.

„Bitte sehr, sich durch mich nicht bestimmen zu lassen. Unser Tierpark

im Bakteriologischen Institut war so reichhaltig, und ich bin so froh,

ihn los zu sein, daß ich auf Iltismütter keinen besonderen Wert lege.”

Perthes sprach mit aller ihm zu Gebot stehenden Gelassenheit, ohne

Alices Blick zu vermeiden. Dabei mußte er allerdings die zartgewickelte

Zigarre beinahe zwischen seinen Fingern zerdrücken, so sehr reizte ihn

Alices Benehmen.

„Stolz lieb' ich den Spanier!” bemerkte sie leichthin; aber ihre

Mundwinkel zuckten mehr nervös als spöttisch, und ihre Absätze klappten

stärker auf den Boden, als nötig war. Seine Sprödigkeit machte sie

kampflüstern. Sie wäre jetzt am liebsten dageblieben, um es gleich

darauf ankommen zu lassen, wer Sieger blieb. Doch Hilla zog sie

energisch aus der Tür.

„Hat dein Papa immer so verdrehte Assistenten?” fragte die Cousine laut

genug, daß man es noch in der Bibliothek hören konnte.

„Schweig! Das verstehst du nicht!” herrschte Alice sie an.

Hilla sah ihr ganz betroffen in die funkelnden Augen.

„Er ist ein feiner Junge, sag' ich dir!” Alice wollte hinzusetzen:

Gerade, weil er so widerhaarig tut! Aber sie behielt diesen Nachsatz

für sich und pfiff dafür auf dem Weg zum Park leise vor sich hin -- so

bedeutungsvoll, wie nur junge Damen pfeifen können ...

Nach einigen Minuten gingen Perthes und Leutnant Hupfeld auf eigene

Faust ins Freie.

Sie hatten beide Gefallen aneinander gefunden. Der aufgeweckte junge

Offizier, der nach den besten Eigenschaften seiner Mutter geraten zu

sein schien, traf sich mit Perthes im Interesse für den Luftsport. Der

Leutnant hatte in Berlin und auch in Paris Flugversuche gesehen, von

denen er sehr anschaulich zu plaudern wußte. Nachher erzählte er von

Freiburg und von winterlichen Skitouren im Schwarzwald. --

Sei es, daß die Iltismama an Reiz eingebüßt hatte, sei es, daß Cousine

Hilla Sehnsucht nach Vetter Moritz bekam -- die jungen Damen kehrten

auffallend schnell von ihrer Raubtierbesichtigung zurück.

Man setzte sich in den Schatten unter eine breitästige Eiche.

Der Diener kam mit einem Klapptisch, mit Mokka und einer Batterie von

Likören aus dem Hause.

Alice hatte sich, wie die beiden Herren, einen Curaçao eingießen

lassen. Sie näherte sich Perthes mit der Miene einer frommen Helene.

„Wollen wir uns wieder vertragen, Doktor?” Sie hielt ihm den kleinen

Finger hin, um mit ihm anzustoßen.

„Ich bin mir nicht bewußt, daß --”

„Nun machen Sie gefälligst nicht wieder Geschichten! Wollen Sie -- oder

wollen Sie nicht?”

Perthes gab sich zufrieden, tippte an ihren Finger, und sie tranken

sich zu.

Während Hilla den Leutnant mit Beschlag belegte und entführte, setzte

sich Alice neben Perthes auf die Bank unter der Eiche. Sie stemmte

sich mit den Händen rechts und links gegen den Sitz und ließ die Füße

mit den hübschen, bronzefarbenen Schnallenschuhen und den blauseidenen

durchbrochenen Strümpfen übereinandergleiten.

„Warum sagten Sie das mit der ‚manierierten Natürlichkeit‛, Doktor

Perthes?” fragte sie nach einiger Zeit in nachdenklichem Ton, in die

Betrachtung ihrer Schuhspitzen scheinbar versunken.

„Weil es meine Meinung war und Sie mich darum fragten,” entgegnete er.

„Ich glaube, Sie haben greulich viel an mir auszusetzen!” fuhr sie in

derselben Weise fort.

„Das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit!” Er lehnte den Kopf

gegen den Stamm der Eiche und blies den Rauch seiner Zigarre in

nervösen Zügen über sich. Er vermied es, sie anzusehen.

„Man muß wohl hausbackener sein, um Ihnen zu gefallen?” Sie

streifte ihn mit einem halben Blick. Der gutsitzende, elegante

Gesellschaftsanzug stand in anziehendem Gegensatz zu der naturhaft

gebräunten Farbe seines Gesichts und seiner Hände.

„Ich dachte, wir hätten auf Versöhnung angestoßen,” meinte er. „Aber

Sie --”

„Natürlich, das schließt doch nicht aus, daß ich mich mit Ihnen ein

bißchen kabble. Ich kabble mich immer mit Menschen, die mir gefallen!”

Sie sah ihn jetzt mit dem Schalksgesicht voll an. Ihre Augen flirrten

keck unter der weißen Stirn und dem rötlichen, vorgebauschten Haar,

während die Zungenspitze über die Lippen spielte.

Perthes warf seine Zigarre fort und streckte sich unbehaglich. „Davon

halt' ich nicht viel. Vom Kabbeln nämlich. Ich bin nicht sonderlich

geschickt dazu und gerate leicht vom Hänseln ins Hauen!” Seine Hand,

die er mit dem Rücken vor die Stirn geschoben, schloß und öffnete sich

instinktiv. Ohne daß er sich dessen bewußt war, gab diese Bewegung

seine geteilte Empfindung für Alice wieder, die sich durch dies

Tete-a-tete steigerte: er hätte sie gleichzeitig leidenschaftlich an

sich reißen und von sich stoßen mögen.

„Oho! Das klingt ja ordentlich gefährlich!” lachte sie belustigt.

„Sie überschätzen am Ende doch Ihr Temperament, Doktor!” setzte sie

mit herausforderndem Spott hinzu. Sie hatte gar nicht im Sinn, ihre

„kabbelnde” Taktik ihm gegenüber einzustellen. Im Gegenteil, es machte

ihr Vergnügen, die spröde Zurückhaltung, die er zur Schau trug, den

Philister, wie sie es nannte, mit seiner Reizbarkeit in Widerstreit

zu bringen. Sie tat das ohne Berechnung. Dafür war sie viel zu sehr

ein Geschöpf der Laune. Es war vielmehr die Neugierde: es lockte sie,

herauszubekommen, ob die Reibung zwischen seiner Sprödigkeit und seinem

Temperament kein Feuer geben könnte.

Das Gewitter aus Süden, das Frau Hupfeld von der Tafel aufgeschreckt

hatte, war recht zögernd aufgezogen. Erst jetzt holten seine Wolken die

Sonne ein. Ein greller, silberner Rand schied das Blau und das Grau

des Himmels. Das Licht auf dem langgestreckten, eintönigen Rücken des

Hauses schwand. Die Schatten unter der Eiche wurden beinahe finster.

Der Donner murrte dumpf und nah.

„Das scheint ja doch noch ernst zu werden,” lenkte Perthes das Gespräch

ab.

„Sie sind doch nicht auch gewitterscheu wie Mama?”

„Das müssen Sie mir ja ansehen, gnädiges Fräulein!”

„Wenn Sie wünschen, zeige ich Ihnen mal die Kapelle. Papa würde es

Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie nicht dort gewesen wären!” Alice war

aufgestanden. Sie schlang die Hände hinter ihrem Kopf ineinander und

dehnte sich. „Wollen Sie? Wenn Ihnen die Besichtigung mit mir allein zu

langweilig ist, können wir noch Moritz und Hilla rufen.”

„Ihre Gesellschaft genügt mir.”

„Danke! Ich nehme das für ein mißratenes Kompliment.” Sie neigte

übertrieben-höflich den Kopf und ging dann voraus.

Alice nahm sich Zeit und führte Perthes auf einem Umweg quer durch den

Park. Sie lief, und er blieb trotz seiner großen Schritte immer hinter

ihr.

„Sie haben Bergtouren gemacht?” begann er von sich aus die Unterhaltung

wieder.

„Ach -- es war recht mäßig dieses Jahr!” gab sie gleichgültig zurück.

„Das Wetter war zu unbeständig.”

„Mit wem waren Sie denn zusammen?”

„Mit mir und mit dem Führer!”

„Nur mit dem Führer?”

„Warum denn nicht?” Sie drehte sich flüchtig nach ihm zurück. „Ich

finde das viel aparter und origineller, als wenn Moritz oder sonstwer

mich immer als Dame schont und bemuttert!”

Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hören, aber sie schien dazu

heute nicht aufgelegt. Seine Augen ruhten auf ihrer leichten, schlanken

Gestalt. Durch ständiges Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre

Formen in gefälliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die Arme und

Hüften waren, für sich betrachtet, überschlank; aber ihre Art, sich zu

bewegen, fest und geschmeidig zugleich, gab dem Körper eine reizvolle

Harmonie, die nichts Eckiges oder Spitzes aufkommen ließ. Beim Gehen

schien sie nie mit dem Absatz den Boden zu berühren. Dabei war ihr Gang

weder schwebend noch geziert, sondern von jener kecken Freiheit, die zu

dem spöttelnden Leichtsinn ihres ganzen Wesens paßte. Es war ein und

dasselbe sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen, in

ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das seine Vernunft und

Geradheit sich wehrten, und das doch, ohne daß er es sich gestand, ihn

nicht losließ.

Sie zeigte ihm mit flüchtigen Bemerkungen, die sie über die Schulter

warf, die Sehenswürdigkeiten des Parks. Da war ein Gedenkstein vom

Ende des achtzehnten Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer

Opferschale gekrönte Säule, moosig bezogen und mit einer Inschrift

versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime Rat behauptete fest

und steif, es sei eine Erinnerung an Goethes Besuch auf dem Stift.

Dann brüchiges, efeuüberwuchertes Gemäuer, verfallene Stufen, die in

die Tiefe führten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein halber Turm

aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz, allerdings selbst mit einer

gewissen Skepsis, für den Rest eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten

erklärt hatte. Ein verträumter Teich, über und über mit Wasserlinsen

bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgräberei ermutigte, ein

... Doch da klatschte es schon derb auf das hohe Blätterdach der Bäume

und fuhr mit scharfen, silbernen Fäden durch die Zweige. Der Regen

brach los.

„Wer zuerst an der Kapelle ist!” rief Alice mit ausgelassenem

Gelächter.

Sie raffte leicht ihr Kleid und stürmte vorwärts, ohne den Weg

einzuhalten, quer durch Gras und Gebüsch.

Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch den niederfahrenden

Regen bestimmt, setzte ihr nach. Kurz vor der niederen Bogentür

der Kapelle, die fast märchenhaft hinter den tiefhängenden Ästen

auftauchte, überholte er sie. Alice schoß in vollem Lauf hinterdrein

und prallte mit dem Gewicht ihres Körpers gegen ihn. Die alte morsche

Tür hielt der doppelten Last nicht stand, sondern knarrte aus dem

Schloß. Eins am andern Halt suchend, gelangten sie mehr im Fall als

im Schritt in den dämmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich

verdutzt und lachend an.

Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhängen gedeckt, so daß

es beinahe finster in der Kapelle war. Sie war möglichst als Gotteshaus

erhalten. Ein Hochaltar aus der Kölner Schule -- die süßliche Madonna

in der Mitte, rechts und links auf den Flügeln die knienden Stifter --,

Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor, traten, von einem Streiflicht

getroffen, aus dem Dunkel der kleinen Apsis. Alice zog einen der

Vorhänge auseinander. Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten

Chorstühle an den Wänden, Bilder der Stationen Christi, die blanken

Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rückwärtigen Empore. Das halbe

Gewitterlicht von draußen gab eine fahle, wunderliche Stimmung.

Geschmackvolle Schränke zwischen den Chorstühlen und glasüberbaute

Tische, die an Stelle der Bänke das Kapellenschiff füllten, enthielten

die Sammlung des Geheimen Rats: Meßgewänder und Schmuckstücke aus dem

späten Mittelalter, Gemmen und Münzen aus der Antike, Handschriften

aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert.

Auch wenn sie besser zu sehen gewesen wären -- Perthes hätte jetzt kaum

zu einer näheren Besichtigung Lust gehabt. Er lehnte schweigend an

einem der Pfeiler und begnügte sich, die ruhige Gesamtheit der kleinen

Kirche und ihre Kühle auf sich wirken zu lassen. Der Regen prasselte an

die Scheiben, und der Sturm brauste draußen in den mächtigen Bäumen.

Alices unfromme Stimme weckte ihn schnell. „Als Säulenheiliger sehen

Sie wirklich nicht gut aus, Doktor!” klang es von der Höhe der

Orgelempore hallend zu ihm herunter. „Kommen Sie lieber zu mir herauf

und helfen Sie mir!”

Perthes entdeckte nicht ohne Mühe die schmale Stiege, die sie

emporgeklettert war, und folgte ihr. Sie krachte bedenklich unter

seinen Tritten.

Alice stand hinter der verstaubten Orgel und wirtschaftete an einer

hohen Leiter.

„Wobei soll ich Ihnen helfen?” fragte er mit leisem Argwohn.

Sie deutete über sich.

Man sah über die Dachsparren durch in den engen Turm, in dem zu oberst

ein oder zwei Balken querliefen, die wohl früher eine Glocke getragen

hatten.

„Ich möchte mir von da oben mal das Unwetter ansehen!”

„Aber das ist ja Unsinn!” entfuhr es Perthes. „Da kommen wir nicht

hinauf. Oben an der Leiter fehlen Sprossen, und weiter hinauf sehe ich

überhaupt keine Möglichkeit, hochzukommen. Überdies wackelt das ganze

Ding hier!” Er schüttelte mit seinen Händen die gar nicht einladende

Leiter.

„Das hätte ich mir denken können, daß Sie für so was nicht zu haben

sind! Aber ich will da hinauf, hören Sie! Wenn ich mir den Hals breche,

sind Sie schuld, der Sie mir nicht behilflich sein wollen!” Sie stieg

entschlossen auf die erste Sprosse. „Ich brauche Sie gar nicht!”

„Das erlaub' ich nicht!” Perthes faßte zornig und besorgt ihre Hand.

„Wollen Sie mich loslassen. Mit Ihrem Bärengriff! Erlauben! Was haben

Sie zu erlauben!?”

„Seien sie nicht so eigensinnig, Fräulein Alice.” Zum erstenmal

brauchte er in der Erregung ihren Vornamen.

„Jetzt erst recht! Ich bin nicht so ängstlich um mein bißchen Leben

besorgt wie Sie um Ihren schönen Gehrock, Doktor -- der --”

Mit einem Satz war Perthes neben ihr und drängte sie knirschend

beiseite.

„Sie Barbar!”

Er klomm behend aufwärts und sie mit leisem, befriedigtem Lachen hinter

ihm drein. Sie hatte seinen Mut und seine Entschlossenheit in Frage

gezogen, und er war unbesonnen genug, sich das nicht zweimal sagen zu

lassen. Wie ein großer, bravoursüchtiger Junge kletterte er hoch und

höher. Wo die Sprossen fehlten, streckte er ihr ohne ein Wort befehlend

Hand und Arm zu, um ihr zu helfen, und sie zog sich geschickt an ihm

empor.

Es war eine waghalsige Torheit, wie er richtig vorhergesagt hatte.

Über der Leiter waren eiserne Krampen ins Fachwerk geschlagen, die zur

Not als Stufen dienen konnten.

Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices Wagemut vorstellig

zu werden. Er wußte, daß er sie damit nur um so trotziger machen

würde. Ganz nur mit dem gefährlichen Aufstieg beschäftigt, vergaß er

jede Bedenklichkeit: er schlug seinen Arm hinter ihren Rücken; halb

zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter Körper

schmiegte sich ohne Scheu an den seinen.

Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen das Dach

absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie, gegen die Wand gelehnt,

einen Augenblick Seite an Seite veratmen konnten. Wenn er sich auf die

Fußspitzen erhob, streifte er mit den Händen an das Glockengerüst.

Er suchte es auf seine Festigkeit zu prüfen. Es war stark genug, um

zwei Menschen zu tragen, und saß fest im Gemäuer. Die Balken, einer

etwas höher als der andere, aber in gleicher Richtung, bildeten eine

notdürftige Bank.

Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm hielt er sich, mit dem

anderen half er Alice und setzte sie mit einer letzten, ruckhaften

Anstrengung neben sich -- fast leidenschaftlich-heftig, wie ein

unartiges Kind, das in Teufels Namen seinen Willen haben muß.

„Wenn Sie nicht so grob zufaßten, würden Sie einen ganz guten

Bergführer abgeben!” stieß sie aufatmend hervor.

„Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hände,” spottete er ingrimmig.

„Fassen Sie die Planke da gefälligst fester,” kommandierte er, „sonst

segeln wir in die Tiefe.”

„Sie sind ja ein netter Tyrann!” Alice sah ihn mit einer Mischung

von Schelmerei und fast zärtlicher Bewunderung an. Sie saßen eng

aneinandergedrängt; die Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den

Rücken legen müssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung des

Aufstiegs erglühten Gesichter berührten sich beinahe. Er spürte die

losen Strähnen ihres zerzausten Haares auf seiner Wange.

„Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich die Aussicht

ansehen?” meinte er erregt.

Es war in der Tat schön da oben.

Durch die spinnwebverzierten Gucklöcher des Turmes übersah man

flußaufwärts das Tal. Die Wolken hingen schwer und schwarz über

den Tannenkuppen. Blitz auf Blitz zuckte daraus hervor und riß die

verdunkelte Landschaft in grelles, phantastisches Licht. Der Donner

rollte ferner. Aber der Wind wühlte noch immer in den Baumwipfeln, auf

die man heruntersah, und der Regen fuhr in langen, glitzrigen Strichen

nieder.

Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan, Perthes ruhiger

zu machen. Während er mit vom Staube brennenden Augen hinausstarrte,

fühlte er, wie die warme Nähe von Alices biegsamem Körper seine

Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lähmte. Er vermied es

krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches, scharfes Wesen war die

letzte Schanze, die er zwischen sich und ihr aufwarf und verteidigte.

„War das etwa nicht der Mühe wert, hier heraufzuklettern?” fragte

sie nach einer Weile vorwurfsvoll. „Tun Sie nicht Abbitte, Doktor

Perthes?” Sie beugte ihren Kopf vor, um ihm in das beharrlich geradeaus

gerichtete, finstere Antlitz zu schauen. Die rotblonden Haare

schienen wie kleine, zackige Blitze ihr Gesicht zu umzucken, und die

flackernden, boshaften Augen suchten die seinen.

„Sie werden fallen! Halten Sie sich ruhig!” knirschte er. Mit der

äußersten Anspannung seines Willens wich er ihrem Blick aus. Er

wußte, daß er sie an sich reißen und küssen mußte, wenn sich seine

Augen mit den ihrigen trafen -- küssen wie ein Rasender. Ob sie dabei

beide in Gefahr kamen, in die Tiefe zu stürzen, war ja dann vollends

gleichgültig ...

„Ah -- ich glaube, Sie fixieren da drüben die Sägemühle!” Ärgerlich

glaubte Alice das Ziel seines starren Blicks entdeckt zu haben.

Perthes hatte bisher das rote Ziegeldach an der Krümmung des Flusses,

zwischen windgepeitschten Baumkronen, noch gar nicht beachtet. Jetzt

erkannte er es. Der Bann war gebrochen.

Der Gedanke an Marga stürmte schmerzlich, anklagend, bitter auf ihn ein

und kühlte sein Blut ab.

„Steigen wir ab, gnädiges Fräulein. Es wird lange genug dauern. Halten

Sie sich eine Sekunde fest. Mit beiden Händen. Hier und hier.” Er

bedeutete ihr die beiden Stellen am höheren Glockenbalken. Dann ließ er

sich am anderen auf die Galerie nieder und half ihr folgen.

Er hatte seine nüchterne Überlegung wieder.

Wo der Dachreiter auf dem Dache der Kapelle aufsaß, war eine gähnende

Luke. Sie konnte auf den Dachboden führen. Vielleicht bot sich dort

ein minder halsbrecherischer Weg. Ohne auf Alices Einwände zu hören,

leitete er sie von der Galerie bis an die Luke. Dort kletterte er

voraus und inspizierte das Terrain. Nach wenigen Augenblicken kam er

zurück und hob sie zu sich auf den Boden. Sie tappten Hand in Hand,

vorsichtig und stumm durch den dunklen Raum, wo sie eine Fledermaus

aufscheuchten und Spinngewebe zerrissen. Eine im Vergleich mit der

Leiter, an der sie hochgeklommen, bequeme Holztreppe führte vollends

in die Tiefe. Der Abstieg war ein Kinderspiel gegenüber dem unsinnigen

Aufstieg. In einer engen, völlig kahlen Kammer, die wohl als Sakristei

zwischen Apsis und Schiff der Kapelle eingeklemmt war, gelangten sie

auf ebener Erde an. Durch eine offene Tür kam man von dort hinter den

Hochaltar und zurück in die Kapelle.

„Der Weg wäre einfacher gewesen!” bemerkte Perthes, nicht ohne Vorwurf.

Die große Stille: Roman · 第 10 / 16 题