Dort, wo der Fluß, dem Zug der Waldberge folgend, zum letztenmal
eine mutwillige Schwenkung machte, um sich dann, des spielerischen
Geschlängels überdrüssig, geradeaus und kräftig in die weite Ebene
hinauszuwerfen, stand die „Sägemühle”. Dem Zweck, den ihr Name
andeutete, diente sie längst nicht mehr. Seit vielen Jahren war sie
nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus, rückwärts gegen den
Buchenwald gelehnt, vor sich einen schattigen Wirtsgarten, den nur
ein schmaler Weg von der Uferböschung und dem hurtigen Fluß trennte.
Da die Sägemühle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt lag, war sie
ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und schönen Sommernachmittagen
wurde sie von Bürgern und Professoren, von Kaffeeschwestern und
Studenten zu Fuß, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In der
besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen Fremdenzimmer
ihre Liebhaber; wer anspruchslos an Buchenwald und Wasser, an guter
Verpflegung, an dem belebten Wechsel ländlicher Einsamkeit und
städtischer Ausflüglerfröhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei
den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fühlen. Spaziergänge
gab's in Hülle und Fülle: auf den Bergen durch die stundenweiten
Laub- und Nadelforste; im Tal zwischen wogendem Getreide, oder den
blumenüberwachsenen Uferpfad entlang nach kleinen Dörfern und alten
Städtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten und sich im Fluß
spiegelten.
So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen, in das sie vierzehn Tage
nach Vater Richthoffs und Käthes Abreise übersiedeln sollten.
Stille, fröhliche Tage im Hause am Wenzelsberg gingen vorher.
Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit Käthe gelitten.
Aber Elli mit ihrer frischen, glücklichen Wirbelwindnatur hatte
ihr den Kopf und das Herz lachend reingefegt. Jeden Tag wußte sie
etwas Neues vorzuschlagen, um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte
zwar, nach der Mahnung des alten Herrn, keine „Dummheiten” machen.
Aber -- du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff! Immer gescheit
und sittsam sein, war abscheulich langweilig. Daran war nicht zu
denken. Man war tüchtig spazierengelaufen, hatte sich auf den Straßen
umhergetrieben und die Menschen beobachtet, voran die Fremden, die
um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und von jenseits des
großen Teichs reichlich zuströmten. Dann mußte man baden, Besuche
machen und empfangen, die Wohnung ein paarmal umräumen, mit Therese den
Küchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Gärtner beim Pflücken
der Stachelbeeren und Johannisbeeren helfen, unerlaubte Bücher lesen,
im Vorgarten handarbeiten und die vorübergehenden Leute glossieren.
Und Elli duldete nicht, daß sich Marga von irgend etwas ausschloß. Die
Schwester einmal so recht „mitleben” zu lassen, sie, deren Geheimnis
sie innig teilte, von Herzensgrund schadlos zu halten -- das war Ellis
„Prinzip” für diesen Sommer. Sie stand sonst mit den „Prinzipien” nicht
auf dem besten Fuß. Das waren nach ihrer Ansicht Dinge für alte Tanten,
Backfische, Philosophieprofessoren und Spießer jeder Art, die sich
das Leben partout verekeln wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem
Herzen wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es gewagt
werden. Daß dabei Wilkens nicht zu kurz kommen durfte, verstand sich
von selbst. Er guckte öfters mal ein, wie Perthes auch. Man traf sich
zufällig auf einem Spaziergang. Zweimal sogar -- doch das setzte einen
harten Kampf mit Marga -- abends bei der Musik im Stadtgarten. Das war
so stilwidrig-unakademisch, daß man der Versuchung nicht widerstehen
konnte. Bei allem hielt Elli peinlich darauf, daß Marga „ihrem” Doktor
genau so gerecht wurde wie sie „ihrem” Erich. Die möglichste Gleichheit
beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen. Wenn sich Marga
auch sträubte -- sie war nach der Auseinandersetzung mit Käthe mit
doppelter Vorsicht darauf bedacht, ihr Verhältnis zu Perthes und damit
ihr eigenes Gefühl in strengen Grenzen zu halten --, Elli wußte immer
mit der hinreißenden Dialektik ihrer siebzehnjährigen Verliebtheit und
Lebenslust jedes Bedenken fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum
Ziel, so sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga so
ohnmächtig wie gegen ihre losesitzenden Tränen. Es tat ihr im Grund der
Seele zu wohl, einmal jung mit den Jungen sein zu dürfen.
Dann kam der Umzug nach der Sägemühle und dabei eine
Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden Diskussionen bot.
Elli hatte Wilkens längst und beizeiten verständigt, daß und wohin
man gehen würde. Marga dagegen bewahrte gegen Perthes Stillschweigen
und verbot auch der Schwester, Andeutungen zu machen. Die wachsende
Vertraulichkeit, in die sie sich durch die Gunst der Umstände und
durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah, begann sie
zu ängstigen. Sie war öfter und ungestörter mit Perthes zusammen als
sonst. Er pflegte die Freundschaft mit einer Achtung und Zartheit, die
sie beseligte. Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine
ernstesten Gedanken so gut wie seine alltäglichen Beobachtungen, seine
Stimmungen, die schweren wie die leichten, lud er vertrauensvoll bei
ihr ab. Sie fühlte instinktiv, wie diese schöne Vertraulichkeit, so
viel sie gab, doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre
Gesinnung für ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben wollte, wie
sie mußte, war eine längere Trennung das beste Mittel. Sie wollte
weggehen, ohne daß er wußte, wohin, und ohne daß er den Tag ihres
Aufbruchs kannte. Natürlich würde er sie leicht finden können. Es
gab außer dem Zufall, daß er nach der Sägemühle einen Ausflug
machte, Möglichkeiten genug für ihn, ihren Aufenthaltsort schnell
zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert sein. Vielleicht
zürnte er über ihr Verschwinden. Doch ihr Gefühl ließ sie nicht
anders handeln. Es war freilich kein so klares, einfaches Gefühl wie
die, denen sie sonst folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht
allerlei uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die Liebe
macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die Starken schwächer,
als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht aufgemuntert werden. Wenn er
kommen wollte, mußte er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ...
So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie stellte Marga vor,
wie grausam, rücksichtslos, unfreundschaftlich, ja geradezu unanständig
es sei, so zu handeln. Aber Marga blieb fest. Elli mußte sich fügen. --
An einem Montagnachmittag, nachdem die Möbel verdeckt, die Teppiche
und Gardinen eingekampfert, alle Rouleaus herabgelassen waren, so daß
Therese nur noch abzuschließen brauchte, setzten sich Marga und Elli
mit ihrem Handgepäck in den Lokalzug und fuhren flußaufwärts, zwei
Haltestellen weit. Dann holte sie die Fähre über nach der Sägemühle.
Der große Koffer, eine sehenswürdige Häßlichkeit aus Vater Richthoffs
Junggesellenzeit, stand schon in dem blanken, behaglichen Zimmerchen
mit den weißen Tüllvorhängen und dem braungestrichenen Boden, zu dessen
offenen Fenstern der Buchenwald beinahe seine Zweige hereinstreckte.
Noch am Abend mußten das Haus, der Garten und die nähere Umgebung
besichtigt werden, obwohl sie, längst bekannt, viele Überraschungen
nicht bieten konnten. Elli beschrieb Marga all die Herrlichkeiten
haarklein -- bis auf die Enten und Gänse, über die man stolperte.
Das Abendbrot in einer Laube am Fluß schmeckte königlich.
Die paar Ausflügler, die noch verstreut im Wirtsgarten saßen, reckten
verwundert die Hälse, so laut und ansteckend lustig klang das Lachen zu
ihnen herüber.
Am anderen Morgen begann das Faulenzerleben der Sommerfrische, in
seinen Einzelheiten entworfen und geleitet von Elli. Erst anderthalb
Stunden Frühstück mit Massenvertilgung von Butter und Honig. Nicht
zu spät, aber auch ja nicht zu früh. Dann mit der Hängematte in den
Wald bis Mittag. Nach dem Essen in der Halle, einem luftigen Holzbau
mit großen, zum Teil bunten Glasfenstern und einem Orchestrion, wurde
geschlafen. Die anstrengende Untätigkeit des Vormittags forderte das.
Zum Kaffee setzte man sich in den Garten, an einen versteckten Platz,
zwischen hohe Haselbüsche. Von dort ließen sich die Menschen, die
von der Stadt kamen, trefflich mustern. Elli versah sie einzeln mit
Etiketten, um sie Marga anschaulich zu machen.
Als etwa anderthalb Stunden so vergangen waren, verstummte das Gespräch
eine Weile.
„Weißt du,” legte dann Elli los, „ich hatte bestimmt erwartet, daß
Wilkens käme. Er hat mir's nämlich versprochen.”
„Heute schon? Gleich am zweiten Tag?” fragte Marga, etwas erstaunt.
„Sei du mal ganz ruhig, Margakind! Ich weiß jemand, dem es schon
greulich leid ist, daß er einen gewissen anderen Jemand nicht doch, wie
sich's gehörte, benachrichtigt hat!”
„Da irrst du dich, Kleinchen!” versicherte Marga ernsthaft.
„Na, wenn ich dein Doktor wäre, ich würde mich für so eine Freundschaft
bedanken. Gott, wenn ich denke” -- Elli fädelte eine neue Farbe für
ihre Stickerei ein und sah die Schwester dabei halb kritisch, halb
schelmisch von unten herauf an -- „du müßtest eine schrecklich biedere
und gestrenge Hausfrau abgeben, Marga!”
„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kind!” wehrte Marga, leicht errötend.
„Oh, Gedanken sind zollfrei!” fuhr Elli unbeirrt fort. „Freilich, wenn
du immer so spröde und tugendsam mit deinen Verehrern bist wie in
letzter Zeit mit Perthes, hat's damit gute Weile.”
„So sprich doch nicht so laut!” mahnte Marga. „Und nenne wenigstens
keine Namen! -- Ich bin doch zu ihm wie immer,” setzte sie nach einer
Weile zögernd, fast fragend hinzu. Hatte sie sich in jüngster Zeit
weniger frei und natürlich gegeben, dann war nur der Stachel daran
schuld, der von der Aussprache mit Käthe in ihr zurückgeblieben war ...
Elli erriet ihre Gedanken. „Von Käthe hätte ich mich nun schon gar
nicht ins Bockshorn jagen lassen,” sagte sie überzeugt. „Abgesehen
davon, daß ihr Benehmen gegen dich haarsträubend taktlos war, hat sie
so altertümliche und hausbackene Ansichten, daß --” Elli stockte. Sie
bog einige Zweige des Gebüsches auseinander. Dann fuhr sie geräuschvoll
in ihrem Stuhl zurück. „Da haben wir die Bescherung!” rief sie mit
halblautem, aufgeregtem Kichern.
Ehe sich Marga nach dem Wesen dieser Bescherung erkundigen konnte,
klang ein kräftiges „Guten Abend, die Damen!” zu dem versteckten Tisch.
Im nächsten Augenblick schwenkten sich mit zeremoniellem Gruß zwei Hüte.
Perthes und Wilkens, in traulichem Verein, standen im Bereich der
Haselbüsche.
Elli tat riesig überrascht. „Nein, so was! Denk' mal, Marga, Doktor
Perthes und ein Herr Wilkens überrumpeln uns hier gleich zu zweien! --
Sie kommen natürlich ganz zufällig?”
„Natürlich -- ganz zufällig!” schmunzelte Wilkens, während man sich die
Hände schüttelte.
„Und daß wir ‚gleich zu zweien‛ kommen, Fräulein Elli, wie Sie
liebenswürdig hervorheben, ist erst recht zufällig,” erklärte Perthes.
„Wir kommen auch in sehr verschiedener Sendung. Herr Doktor Wilkens --”
„Pardon! Immer noch Wilkens!” warf Elli mit einem vernichtenden Blick
auf den fälschlich Promovierten dazwischen.
„Ehe ich mich weiter insultieren lasse, bitte ich Platz nehmen zu
dürfen!” parierte Wilkens mit fröhlichem Gleichmut und nahm sich,
ohne die Erlaubnis abzuwarten, einen Stuhl. „Ich rate Ihnen dasselbe,
Herr Doktor Perthes, denn Sie wissen nicht, was die Damen noch für
Liebenswürdigkeiten bereithalten. Ich habe die Erfahrung gemacht --”
„Ums Himmels willen!” unterbrach ihn Elli, sich die Ohren zuhaltend.
„Was der Mensch redet! Und dabei ist man zur Erholung hier!”
„Das Schweigen ist oft viel bedenklicher als das Reden,” nahm Perthes
das Wort, indem er sich Marga gegenübersetzte. „Ich meine nämlich das
Schweigen von Fräulein Marga.”
„Sie haben mich ja noch gar nicht zu Wort kommen lassen!” verteidigte
sich Marga.
„Das hat noch gute Weile. Erst redet der Ankläger, dann der Angeklagte.”
„Sie sind wohl inzwischen zur Juristerei übergegangen?” fragte Elli
naseweis.
„Wollen wir uns nicht vorher ein Glas Bier kommen lassen?” meinte
Wilkens gemütlich zu seinem Nachbar.
„Das können _Sie_! Denn Sie sind hier gewissermaßen eingeladen,” gab
Perthes zurück.
„Eingeladen?” Elli schüttelte entrüstet ihren Blondkopf. „Das muß ich
mir schönstens verbitten. Herr Wilkens hat von mir allerdings erfahren,
wohin ich gehe. Aber eingeladen habe ich ihn nicht! Davor werd' ich
mich hüten!”
„Weil er sowieso kommt,” ergänzte Wilkens, während er dem in der Ferne
vorbeistreifenden Kellner seine Bierwünsche durch Zeichensprache
deutlich machte.
„Das tut Herr Doktor Perthes auch!” entfuhr es Elli übermütig.
„Oho! Dagegen lege ich Verwahrung ein!” protestierte Perthes und schlug
lebhaft mit der großen Hand, die schon so sommersonnengebräunt war
wie das räuberbärtige Gesicht unter dem weißen Panama, auf den Tisch.
„Also, Fräulein Marga! Ich bin nur hier, um Rechenschaft zu fordern.
Wenn mir nicht Ihre Therese begegnet wäre, die auf dem Weg zum Bahnhof
grüßend an mir vorbeischnob, wüßte ich überhaupt nicht, wo Sie sind.
Herr Wilkens ist mein Zeuge, mit dem ich mich eine halbe Stunde später
auf der Landstraße traf. Man hat mich böswillig hintergangen! Man hat
mir kein Sterbenswörtchen von dieser Sommerfrischenidee gesagt. Ist das
freundschaftlich?”
Marga suchte vergeblich nach dem rechten Ton, um auf den
scherzhaft-temperamentvollen Angriff einzugehen.
„Sagte ich es nicht? Dieses Schweigen ist Schuldbewußtsein!”
triumphierte Perthes. „Wenn Sie sich wenigstens auf einen Spaß
hinausreden wollten!”
„Einen Spaß?” kam es jetzt ehrlich, aber leise von Margas Lippen. „Da
müßte ich Sie geradezu anschwindeln, Herr Perthes!”
„Sie wollen mir also einfach zeigen, daß ich durchaus nicht
unentbehrlich bin, Fräulein Marga,” sagte Perthes nach einer kleinen
Pause, aus dem heiteren Ton der Philippika zu gedämpftem Ernst
übergehend.
„Vielleicht,” stammelte Marga zaghaft. Es kostete sie eine schmerzliche
Überwindung, dieses vor der Vernunft wahre, vor ihrem Herzen unwahre
Wort hervorzubringen.
„Sie vergaßen dabei zu überlegen, ob Sie Ihrem Freunde ebenso
unentbehrlich sind,” erwiderte Perthes knapp und mit einem Anflug von
enttäuschter Bitterkeit.
Die Unterhaltung stockte.
Elli ergriff die Gelegenheit, um Wilkens einen Gang nach der
„Menagerie” vorzuschlagen. Die Wirtsleute der Sägemühle hatten im
Wirtschaftshof ein paar Kaninchen, einen Fuchs, allerhand Geflügel und
vor allem ein junges Rehzicklein, das Ellis besondere Gunst genoß und
Wilkens gezeigt werden mußte. Sie hatte nebenher den Gedanken, die
beiden, Marga und Perthes, würden sich allein schneller und besser
„zusammenzanken”. So pflegte das wenigstens immer bei ihr und Wilkens
zu sein.
Diesmal irrte sie sich.
Perthes verstand Margas Verhalten, das ihm plötzlich und willkürlich
verändert erscheinen mußte, nicht. In den letzten Wochen nach dem Bruch
mit Hilde König und der stürmischen Freundschaftskrisis mit Marga hatte
er sich stetig gesünder gefühlt. Dies ungezwungene, vertrauensvolle
Beisammensein gab ihm Ruhe und Gleichgewicht. Es stärkte in ihm den
Glauben an einen gewissen Wert seiner Persönlichkeit. Lebenslust
und Frohsinn kehrten ihm zurück. Er gab sich im einzelnen keine
Rechenschaft über die Fortschritte seiner Genesung. Nur daß er seine
Dankbarkeit ohne Rückhalt zur Schau trug. Ohne es zu wollen und zu
beachten, übertrug er etwas von der Leidenschaftlichkeit, die er in
seine phantastische Neigung für die kleine Ufernixe gelegt hatte, auf
seine Freundschaft. Ein halber Mensch, wie er selbst sich so gern
schalt, mußte er doch immer seine ganze, ungeteilte Person einsetzen,
wenn er, was freilich selten genug geschah, sich einem anderen über
das Maß alltäglichen Bekanntseins näherte. Und er war dann im Fordern
ebenso rücksichtslos, als er im Geben unbedacht war.
Wenn er gewußt hätte, wie seine letzten, verbittert hervorgestoßenen
Worte auf Marga wirken mußten! Welchen Aufruhr sie in ihre Seele warfen!
Was wollte er damit sagen? Wie tief ging dieser Vorwurf ihm selbst? Ob
er, unbewußt, doch angefangen hatte, mehr für sie zu empfinden, als die
Freundschaft schuldig war?
Diese Gedanken wälzten sich quälend in Marga. Sie weckten eben die
Gefühle, die sie so tapfer niederhalten wollte und mußte. Sie
zehrten von neuem, stärker und gefährlicher als je, an der Kraft,
die zu bewahren -- freilich mit halben Mitteln -- sie eine Trennung
herbeizuführen gesucht hatte.
Eine dumpfe, wehvolle Angst arbeitete in ihr.
Sie durfte ihn nicht zurückstoßen. Und durfte doch auch seine
zunehmende Annäherung nicht dulden! Wo war die Grenze? Woher nahm
sie Kraft, immer neue Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht
zu wollen, was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch
Kraft wider Kraft und bäumte sich auf gegen die Zügel, die sie ihm
anlegte. Das trübte die klare Stille ihres Wesens. Das nahm ihr ihre
Unbefangenheit. Sie erschien kälter, gleichgültiger und verschlossener
als sonst. Ihr Schweigen und seine Verstimmung nährten sich gegenseitig
und machten dies erste Alleinsein auf der Sägemühle für beide höchst
unerquicklich.
Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da kamen Wilkens und
Elli zurück und brachten den Vorschlag, im Garten gemütlich Abendbrot
zu essen.
Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gäste vom Nachmittag
waren im Aufbruch begriffen, und Elli wartete gar nicht erst eine lange
Erklärung von Marga oder Doktor Perthes ab, sondern wählte einen Tisch
weiter vorn im Garten, freier und näher dem Fluß, wo sie für vier
Personen decken ließ.
Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte Wilkens und
den Doktor abwechselnd für ihre Dienste. Perthes wollte nicht
zurückbleiben. Im Gegenteil, er überbot die anderen und sprang von
seiner Verstimmung über zu lauter Ausgelassenheit.
Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend, um niemand
die Freude zu verderben. Sie erriet, was in Perthes vorging. Mit einer
gewissen Absichtlichkeit wollte er ihr zeigen, daß er sich aus dem
Vorhergegangenen nichts mache.
Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder zu necken.
„Obwohl Fräulein Marga mich so schlecht behandelt!” -- „Trotzdem
Fräulein Marga gar keinen Wert auf meine Gesellschaft legt!” Solche
und ähnliche Wendungen ließ er ständig mit einfließen. Ohne Bedacht,
nur seiner inneren Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel
jener Koketterie, deren auch Männer fähig sind. Er wollte Marga zu
irgendeiner Äußerung verlocken, mit der sie sich ins Unrecht setzte und
ihre Freude, daß er doch gekommen war, verriet. Sie sollte sich für das
„Verbrechen an der Freundschaft”, das er ihr vorwarf, entschuldigen und
damit seiner Eigenliebe schmeicheln.
Er erreichte von Marga nur ein Lächeln, das matt und traurig aussah,
weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte und ihr an der Seele riß,
wo sie am empfindlichsten war.
Es war um diese Stunde köstlich im Garten am Fluß. Er lag verträumt im
dämmerigen Schatten der mächtigen Linden und Ahornbäume.
Draußen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels überhaucht, Welle
an Welle.
Am jenseitigen Ufer, auf den Wiesenhängen, wurde noch geheut. Der süße
Duft der Mahd flog über den Fluß. Die feinen Ränder der Waldberge
tauchten mit tausend und abertausend scharfen Tannenspitzen in den
letzten Sonnenglanz.
Die wundersame Ruhe des Abends rang groß und beharrlich gegen die
lärmende Lustigkeit des jugendlichen Tisches im Garten.
Ellis jubelndes Lachen, Wilkens' Jodler, die laute, hastige Stimme von
Perthes hielten vergebens dagegen. Die ländliche Mahlzeit, bestehend
aus zwei großen hochgebräunten Eierkuchen, frisch gepflücktem Salat,
Schwarzbrot und Butter, war mit gewaltigem Beifall begrüßt worden. Noch
war sie nicht vertilgt, noch hatten Perthes und Wilkens kaum um neue
„Metkrüge” geklappert, geläutet und gerufen, als schon das feierliche
Schweigen über das Laute seinen Sieg davontrug. Still und stiller, wie
draußen über dem Fluß und Wald, wurde es auch drinnen im Garten. Und
die kleinen, sanften Geräusche des Abends, die nur ebensoviele Lockrufe
der sieghaften Stille sind, machten das Gespräch vollends verstummen:
der späte, hell anhebende und kurz abbrechende Triller einer Lerche
im Feld; das Plätschern eines Fischerkahns im Wasser, der flußabwärts
glitt; ein fernes, gedämpftes Hundegebell aus dem nächsten Dorf.
Elli war schnell für das Lyrische gewonnen.
Als Wilkens wieder an sein geleertes Glas klimperte, flog ihm ein
„Prosaischer Radaumacher!” an den runden, wollig-blonden Kopf. Er wurde
ganz klein und verdrehte sentimental die so gar nicht melancholischen
Augen.
Perthes hatte zu rauchen begonnen. Er stieß ein paar Wolken von sich,
blies Ringel von zartem Dunst und warf die Zigarre hinaus auf den Fluß.
Marga saß in sich gekehrt neben ihm. Sie suchte sich aus der Stille des
Abends zur eigenen zurückzufinden.
„Wir, Marga und ich, machen jetzt unseren Spaziergang über die
Wiesen, nicht wahr, Margakind?” erklärte Elli plötzlich und stand
auf. Marga nickte. Unbekümmert um Perthes und Wilkens, Arm in Arm
aneinandergeschmiegt, traten sie aus dem Garten.
„Wir sind jetzt wohl beurlaubt?” fragte Perthes den mit ihm
zurückbleibenden Wilkens.
Wilkens schüttelte den Kopf. „Nee, so lass' ich mich nicht in den Sand
setzen!” meinte er gleichmütig. „Im übrigen -- Fräulein Marga kenne
ich so genau nicht, aber Elli ist felsenfest überzeugt, daß wir zwei
hinterdreinschlendern. Wetten, daß --?” Er blinzelte den Doktor mit der
listigen Miene des erfahreneren Liebespraktikus an.
„Da mache ich nicht mit!” versetzte Perthes bestimmt.
„Meinen Sie, ich?” warf sich Wilkens in die Brust. „Es dauert keine
fünf Minuten, und die Mädels sind zurück; sowie sie merken, daß wir
streiken.”
Es dauerte aber zehn Minuten und länger.
Wilkens wurde unruhig. Er stand auf und ging ein paarmal halb verlegen
zum nächsten Tisch und wieder zurück. Dann sah er verstohlen über den
niedrigen Lattenzaun des Gartens weg, den Weg hinunter.
„Schlendern wir 'n bißchen auf eigene Faust?” fragte er schon bedeutend
kleinlauter zu Perthes zurück, der sitzen geblieben war.
Widerstrebend erhob sich dieser. Er war jetzt mit seiner Geduld zu Ende.
Die Rücksichtslosigkeit, mit der er von Marga behandelt wurde, empörte
ihn. Am liebsten wäre er ohne Abschied heimgegangen. Er war zum ersten-
und letztenmal auf der Sägemühle. Das war eine ausgemachte Sache. Aber
er wollte es ihr offen sagen. Sie hielt ja so viel von der Offenheit
in der Freundschaft, wenn sie auch mit ihrem heutigen Verhalten das
Gegenteil bewies.
Deshalb blieb er. Deshalb schlenderte er, unlustig genug, mit Wilkens
aus dem Garten in die angrenzenden Wiesen, am Fluß entlang. Er hatte
den Hut vom Kopf gerissen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Der
Unmut, gleich wieder leidenschaftlich wie sein ganzes Temperament, lag
in tiefen Falten auf seiner Stirn und blickte ihm aus den Augen. Er
fuhr sich einmal ums andere durch den schwarzen Haarbusch oder strich
über den krausen Vollbart.
Und dabei lag die Dämmerung so mild und verträglich ringsum.
Das hohe Gras mit seinem Labkraut, seinen Schafgarben und
Kuckucksblumen überwucherte den schmalen Weg, den „Leinpfad”, auf
dem früher die Pferde an strammer Leine die Lastkähne stromaufwärts
geschleppt hatten. Das Wasser in seinem tiefen, stählernen Grau
rauschte und gluckste heimlich, als wollte es den sachten Abendwind,
den tuschelnden Geheimniskrämer, noch an bedeutsamer Wissenschaft
übertreffen. Und drüben, über den Heuhocken, den silberreifen
Kornäckern, dem Berg mit seinem schweren, düsteren Tannenmantel, lag
es wie feiner, rieselnder Taudunst. Auf all das achtete Perthes nicht.
Nicht einmal auf das gefühlvolle Summen von Wilkens, mit dem dieser
seinen zärtlichen Gefühlen Ausdruck verlieh. Nur die eigene Verstimmung
schien ihm der Aufmerksamkeit wert.
Und dann, als der Leinpfad, dem Flußlauf folgend, sich bog und von ein
paar knorrigen Krüppelweiden eingefangen wurde, waren plötzlich Marga
und Elli dicht vor ihnen. Sie kamen langsam und stumm den Weg zurück.
„Ist das auch eine Art, seine Damen ohne Schutz in die Nacht
hinauslaufen zu lassen?” rief Elli, die so ungewohnt lange auf ihren
Wilkens hatte warten müssen, den beiden zürnend entgegen.
„Bitte sehr!” entgegnete Wilkens, „die Damen sagten uns ja gar nicht --”
„Daß sie Wert auf unsere Begleitung legten!” ergänzte Perthes mit
Schärfe.
Elli hing sich statt jeder weiteren Antwort an Wilkens' Arm.
„Na, also!” schmunzelte Wilkens und führte sie wieder flußaufwärts
weiter.
Marga stand vor Perthes.
Unschlüssig blieben sie sich einen Augenblick gegenüber.
Um keinen Preis hätte Perthes das erste Wort gesprochen.
„Wollen Sie mir Ihren Arm geben?” fragte endlich Marga zaghaft. Ihre
Stimme klang weich, bittend, wie er sie den ganzen Nachmittag nicht
gehört hatte.
Perthes tat sofort, wie sie ihn gebeten. Sie gingen in der, Elli und
Wilkens entgegengesetzten Richtung nach der Sägemühle zu. Er hatte sie
mit heftigen Vorwürfen empfangen wollen. Aber jetzt, wie sie so an
seiner Seite schritt, fühlte er sich ruhiger werden. Es war ein und
dieselbe Wirkung ihres Wesens, die sich ihm immer mitteilte, ob er
wollte oder nicht.
„Ich war drauf und dran, heimzugehen, ohne Sie noch einmal gesprochen
zu haben,” begann er mehr traurig als zornig.
Marga sagte nichts. Ihr Kopf war tief vornübergebeugt, als sähe sie auf
den Weg.
Elli hatte mit ihr geredet und ihr ihr Betragen vorgeworfen. Sie wollte
liebenswürdiger sein. Aber es war schwer, so schwer! Irregemacht
an ihrer Zurückhaltung, die ihn kränkte, und doch sich bewußt, daß
jeder Schritt, den sie ihm weiter entgegenkam, sie schwächer und
unglücklicher machte, suchte sie umsonst den immer schmäler werdenden
Weg zwischen ihrem Stolz und ihrer Pflicht auf der einen, ihrer Liebe
auf der anderen Seite.
Perthes fühlte, wie ihre Hand, die zufällig die seine streifte, kalt
war und zitterte. Was war das? Er schaute sie prüfend an. Weinte sie
denn? Es ging eine leise, schütternde Bewegung durch ihren Körper,
die ihm nicht entgehen konnte; aber er sah keine Träne in ihren
blicklosen Augen, als er sich vorbeugte. Und doch hatten ihre Züge den
Ausdruck des Weinens, einen seltsamen, rührenden, ergreifenden Ausdruck
verborgenen, inneren Weinens.
„Was ist Ihnen denn, Fräulein Marga? Warum verstehen wir uns denn
heute nicht? Warum sind Sie so anders als sonst zu mir? Was haben Sie
nur? Habe ich irgend etwas verbrochen? Mißfällt Ihnen etwas an mir? So
reden Sie doch nur! Sagen Sie, was es ist!” Besorgt, dringend, beinahe
verzweifelt stieß er seine Fragen hervor. Es war keine Spur von Ärger
oder Bitterkeit mehr in seinen Worten.
„Ich habe nichts gegen Sie. Gar nichts!” Marga schüttelte energisch
und abwehrend den Kopf. „Nur --” setzte sie flüsternd hinzu, „nur --”
wiederholte sie noch einmal kaum hörbar. Unfähig, sich auszusprechen,
kehrte sie ihr Gesicht von ihm ab.
„Nur?” Er ließ sie los und stellte sich vor ihr auf den Weg. Er zwang
sie, zu ihm aufzusehen.
Ihre leeren Augensterne hasteten scheu an ihm vorbei, hinaus in die
Weite. Als suchte sie die Nacht, die jetzt immer dichter heranzog, um
sich in ihr zu verstecken.
Perthes nahm wieder ihren Arm. Willig ließ sie sich weiterführen.
Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und wieder betrachtete
er sie von der Seite. Nichts Trotziges, Eigensinniges war an ihr zu
entdecken. Aber ihrem Antlitz fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe
und Klarheit, die sie sonst erfüllte. Eher war es Angst, Schwäche,
Hingebung -- eine scheue, hilflose Mädchenhaftigkeit, wie er sie so
nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle Gefühl, ihr
helfen, sie schützen zu wollen, regte sich in ihm. Er hätte sie an
seine Brust ziehen mögen. Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein
Bruder die Schwester. Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal,
länger. Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran, seiner
zärtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben Augenblick ließ Marga
ihn los.
Sie riß sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung, die er machen
wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme hinter sich. Der Wind
ließ das Haar um ihre Schläfen flattern. Gewaltsam trat ein herber,
entschlossener Zug in ihr sonst weiches Gesicht. „Ich will Ihnen sagen,
was es ist,” preßte sie hervor. „Es gibt Zeiten, in denen ich einsam
sein muß. Ganz einsam. Ich brauche dann all meine Kraft nur für mich
allein. Und bin ungesellig und unfreundlich wie jetzt. Vielleicht --
vielleicht --” Sie stockte. Dann kam es mit äußerster Anstrengung:
„Vielleicht wäre es besser, Sie besuchten mich -- in diesen Wochen
hier draußen -- gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch nichts von der
Sägemühle gesagt.”
Perthes sah sie mit bestürzten Augen an. Er wußte nichts zu erwidern
auf dies seltsame, unerwartete Geständnis. Auch keinen Zorn empfand
er gegen sie, daß sie ihn so gewissermaßen vor die Tür setzte. Nichts
von Enttäuschung, von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu hatte er sie
zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade jetzt mehr als je,
obwohl er ihr Reden weniger begriff als ihr Schweigen am Nachmittag. Es
ging eine Traurigkeit von ihr aus, die auch ihn ergriff. Über die ganze
Landschaft schien sie sich auszubreiten -- über die dunklen Wiesen,
den schwarzen Fluß, die finster starrenden Waldberge. Und in dieser
Traurigkeit schritten sie nebeneinander weiter, ohne sich zu führen,
er links, sie rechts am Weg. Er hatte vergessen, daß sie blind war und
er sie führen sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern als
möglich, und nicht geführt sein. So allein, wie sie es ihr ganzes Leben
hätte sein sollen ...
Ehe sie den Garten der Mühle erreicht hatten, wurden sie von Elli und
Wilkens eingeholt.
Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit des Glücks: die glänzte
aus Ellis Augen und glänzte als ein sattes, seliges Lächeln auf
Wilkens' vollen Lippen.
An der Böschung vor dem Garten lag noch ein Kahn. Der Schiffer, dem er
gehörte, lungerte am Zaun. Er hatte gehört, daß noch Fremde aus der
Stadt da seien, und bot nun hutrückend seine Dienste an. „Der Mond
kommt!” setzte er verheißungsvoll hinzu und deutete hinauf nach den
Bergen. Über einer Waldkuppe im Osten war es hell von weißem Licht.
Wilkens wandte sich fragend zu Perthes.
Der nickte zerstreut.
Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten. Dann stiegen die
beiden die Böschung hinunter und in den Nachen.
Marga und Elli traten hinaus auf die Landstraße. Sie folgten eine
Weile dem Boot, das sich flußabwärts in die Mitte des Flusses
hinüberarbeitete. Die Ruderschläge hallten dumpf und gleichmäßig zu
ihnen zurück. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem Schatten.
Dann stieg der Mond über den Berg. Draußen, stadtwärts, flimmerte der
Fluß in mattem, märchenhaftem Silber auf. Langsam breitete sich das
Licht über das schlafende Tal.
Das Boot war jetzt in der Strömung. Schneller schoß es davon und
strebte aus dem Schatten, den die nahen Berge warfen, ins rieselnde
Silber da draußen. Elli winkte mit dem Taschentuch. Marga setzte sich
auf einen der Prellsteine, die die Landstraße säumten.
Erst als sie schon weit von der Mühle waren, schaute Perthes zum
erstenmal zurück.
Jetzt lag auch die Straße weiß im Schein des steigenden Mondes.
Und er meinte Marga zu erkennen, wie sie da saß, die Hände im Schoß
gefaltet, das Gesicht mit den irrenden, suchenden Augen hinaus nach dem
Wasser gerichtet.
Und mit einem Mal zuckte es von der hellen, fernen Gestalt herüber
in seine Seele, geheimnisergründend und rätsellösend, klar wie das
weiß flirrende Mondlicht: sie liebte ihn. Jetzt verstand er sie. Marga
liebte ihn ...
7
„Dieser Perthes hat doch ein Schwein, nicht zu glauben! Finden Sie
nicht auch, Herr Professor?”
„Na ja -- wie man's nimmt. Exzellenz scheint ihm sehr gewogen zu sein.”
„Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat immer das Gegenteil
von dem getan, was ihn bei Hupfeld in gute Meinung bringen konnte!
Ich sagte ihm seinerzeit: ‚Wenn Sie hier was erreichen wollen, müssen
Sie Exzellenz Ihre Aufwartung machen.‛ Was gibt er zur Antwort? ‚Ich
besuche, wen ich will.‛ Ich führe ihn in unseren Sportklub ein. Alice
Hupfeld sagt ihm: ‚Sie müssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von
Ihnen durch Rehbach in Bonn gehört. Er interessiert sich für Sie.‛
Perthes nickt mit dem Kopf und -- bleibt weg. Denkt nicht daran, zu
Hupfelds zu gehen. Was geschieht? Drei Wochen später läßt ihn der
Geheime Rat höflich zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten!
Mir steht der Verstand still.”
„Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel. Hat auch Glück. Aber
ein unsicherer Kantonist. Er hat keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch
-- ~chi lo sa~? Vielleicht ist er Heiratspolitiker!”
Diese freimütige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen Institut
zwischen Professor Hammann, dem Chef, und dem ersten Assistenten
Doktor Markwaldt während der Frühstückspause geführt.
Hammann saß mit übergeschlagenen Beinen in einem für ein Laboratorium
reichlich behaglichen Ruhesessel. Die paar Kaviarbrötchen, die ihm der
Diener mit einem Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr präsentierte,
waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen, wischte
sich apathisch die kurzsichtig-blöden Augen und rieb den Kopf mit dem
millimeterkurz geschorenen, grauschwarzen Haar am Sesselrücken.
Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an seiner Butterstulle.
Nach dem bedeutungsvollen Wort „Heiratspolitiker” hielt er es für
geraten, die Unterhaltung vorsichtiger zu führen. Der Chef schien
da auf Fräulein Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache,
denn man munkelte, daß zwischen ihm selbst und Alice vor einigen
Jahren irgend ein zartes Verhältnis bestanden haben sollte. Genaues
wußte niemand. War es nur eine flüchtige Courmacherei gewesen, wie
die einen behaupteten, oder war es, wie andere mutmaßten, bis zu
einer Art Verlobung gekommen -- etwas hatte gespielt, so viel war
gewiß. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub auf dem
freundschaftlichsten Fuße. Daran erinnerte sich Markwaldt, während er
seine Stulle mit bemerkenswertem Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne
Gefahr auf den Zahn fühlen ließ?
„Heiratspolitiker?” wiederholte Markwaldt nach einer Weile
nachdenklich. „Das traue ich Perthes erst recht nicht zu. Erstlich
ist er, wie ich ihn kenne, überhaupt kein Politiker. Und zweitens
wüßte ich auch nicht, wem die Politik gelten sollte,” ergänzte er sich
unschuldig.
„Na -- Sie sagen doch selbst, daß Fräulein Exzellenz ihn zum
Besuchmachen aufgefordert habe,” ließ sich Hammann gähnend vernehmen.
„Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht --”
„Glauben? -- Ich glaube gar nichts, das heißt -- von den Frauen glaube
ich alles und gar nichts!” Hammann beschäftigte sich jetzt damit, mit
den Fingerspitzen die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen
Beinkleidern wegzuschnellen.
„Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen, Herr Professor!”
„Mich beruhigen? Was heißt das?” fragte Hammann etwas lebhafter,
während er sich im Sessel halb aufrichtete, den Kneifer auf die Nase
drückte und nun seinerseits den Sprecher mit einigem Mißtrauen ansah.
Markwaldt merkte, daß er -- freilich nicht ganz zufällig -- eine
unvorsichtige Wendung gebraucht hatte, und beeilte sich, kein
Mißverständnis aufkommen zu lassen. „Wie ich höre,” erklärte er
mit geheimnisvoller Wichtigkeit, „soll Perthes einer von den
Richthoffstöchtern den Hof machen.”
„Richthoff? Richthoff -- wer ist das?” Hammann besah sich gelangweilt
seine eleganten Fingernägel. Er kannte kaum die Professoren seiner
eigenen Fakultät, geschweige denn die der anderen.
„Richthoff ist, soviel ich weiß, Ordinarius für alte Geschichte oder
einen ähnlichen Klumpatsch,” erläuterte Markwaldt.
„Ach sooo ...”
„Es sind, glaube ich, drei oder vier Mädels. So die richtigen
philosophischen Putchen --”
„Na -- denn man zu!” Hammann erhob sich. Die Sache interessierte ihn
nicht länger. Er reckte seine schlanke, muskulöse Figur, die Figur des
wohltrainierten Vierzigers, die im Gegensatz zu Markwaldts dicker,
praller Stutzererscheinung weltmännisch-elegant im Sportjackett saß. Er
ging nach seinem Arbeitskabinett nebenan. „Hörten Sie übrigens schon
etwas von den Badener Rennen? Wann -- wie -- was?” fragte er unter der
Tür, den Kopf zurückwendend.
„Noch nicht eine Silbe!” versicherte Markwaldt diensteifrig, während er
vom Tisch mit plumper Grazie auf den Boden hüpfte.
Professor Hammann zog die farblosen Brauen über den grauen Augen in
die Höhe, tippte den ebenso farblosen, kurzen Schnurrbart mit den
Fingerspitzen und verschwand. Er zog die Tür hinter sich zu, um völlig
ungestört sein Berliner Sportblatt zu lesen. So lange konnte die Arbeit
ruhig noch warten.
Markwaldt, sich selbst überlassen, machte sich pomadig an sein Präparat.
Mit Neugier erwartete er die Rückkehr seines Kollegen Perthes. Es
dauerte bis gegen zwölf, ehe der Erwartete kam und nach kurzem Gruß,
als wäre nichts vorgefallen, an sein Mikroskop ging.
„Wie hat Ihnen denn das große Tier gefallen? Erzählen Sie!” konnte sich
Markwaldt nicht enthalten, ihn aufzumuntern.
„Sehr liebenswürdig,” erwiderte Perthes einsilbig. Er schien nicht die
mindeste Lust zu irgendwelchen Mitteilungen zu haben.
„Was hat er denn von Ihnen gewollt?”
„Allerhand.”
Markwaldt ließ sich durch die zugeknöpfte Art von Perthes nicht
abschrecken. Und sollte er so viele Fragen tun müssen, als draußen vor
dem Fenster an den langweiligen Hornsträuchern Blätter waren. „Will er
Sie vielleicht zu seinem Assistenten machen?” forschte er unentwegt,
mit einer boshaften Betonung, die der ausweichenden Geheimnistuerei
seines Kollegen galt.
„Und wenn er das wollte?” gab Perthes gleichgültig zurück.
Markwaldt hielt mit der Arbeit ein und stemmte die kurzen, massigen
Arme in die Hüften. „Anzukohlen brauchen Sie mich aber nicht gerade,
Perthes!” sagte er ganz entrüstet. Er hatte die Frage nur aus Ulk
gestellt, und der Gedanke, daß davon auch nur ein Wort wahr sein
könnte, verursachte ihm Kongestionen.
„Fällt mir nicht ein, Sie anzukohlen, Doktor Markwaldt. Hupfeld hat
mir in der Tat eine Assistentenstelle an der Chirurgischen Klinik
angeboten.”
„Ja -- aber -- nu -- nu -- nu, sagen Sie mal!” Markwaldt kam aufgeregt
zu ihm heran und fuchtelte mit den Händen. „Das ist ja Mumpitz! Das
verbitte ich mir! Sie sind ja Bakteriologe! Sie --”
„Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache kam -- nichts ist
einfacher!” erklärte Perthes, ohne von seinem Mikroskop aufzusehen.
„Vor einigen Wochen hatte ich die Bazillenschnüffelei so satt, daß ich
in einem Anfall von Mißmut an Professor Rehbach in Bonn schrieb, ich
hätte Lust, wieder zur Chirurgie zurückzukehren. Ob er etwas für mich
wüßte. Irgendeine Assistentenstelle. Ich hatte bei ihm doktoriert, und
wir verstanden uns immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte
wieder so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld, sein
Schüler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten angefragt, hätte
mich empfohlen. Ob ich Lust hätte. -- Fertig ist die Laube, würden Sie
sagen! Das ist alles.”
„Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als könnte es was
Selbstverständlicheres nicht geben!” zeterte Markwaldt. „Sie sind der
blasierteste Fasan oder das neugeborenste Lamm, das mir je vorgekommen
ist!” Er drehte sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf
den Schenkel. „Wissen Sie denn nicht, daß Hupfelds Assistenten, wenn
sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte Leute sind?”
„Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen, Kollege!”
Perthes streifte ihn über sein Instrument weg mit einem spöttischen
Blick.
„Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den Hals gefallen?
Oder haben ihr die berühmte Hand vor Rührung abgequetscht? Oder --”
„Sieht mir das ähnlich?”
„Nee, nee, ähnlich sieht Ihnen das freilich nicht. Ähnlich sieht Ihnen,
daß Sie sagten: ‚Sehr nett von Ihnen, Herr Hupfeld! Ich hab' das
nicht anders erwartet!‛ Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf
die Schulter geklopft, was? Und dann erklärten Sie wohlwollend oder
zimperlich, so wie 'ne höhere Tochter, die mit Mama'n sprechen muß:
‚Ich werde mir's mal überlegen‛! -- Hab' ich recht?”
Jetzt mußte Perthes wider Willen lachen. Die bissige und doch zugleich
gutmütige Aufregung Markwaldts belustigte ihn. „Ganz so war's ja
nicht. Aber Bedenkzeit mußte ich mir allerdings ausbitten.”
„Wußt' ich 's doch! Ihnen müssen die Tauben nicht bloß gebraten,
sondern auch gleich hübsch tranchiert in den Mund fliegen! Ich sage
Ihnen, ich” -- Markwaldt stellte sich breitbeinig in Positur und
klopfte sich auf die Brust --: „Wenn Sie Glückspilz da nicht mit beiden
Händen zugreifen, sind Sie -- nee, die Zoologie ist dafür zu gut! --
sind Sie reif für 'ne andere Klinik! Für die da drüben -- am Wasser,
wissen Sie -- für die psychiatrische. Aber nicht als Assistent, sondern
in die Isolierzelle! ~Dixi!~” Damit schritt er heftig zurück an seinen
Platz und präparierte seine Mauslungen.
Perthes dachte nicht ganz so gleichgültig von Exzellenz Hupfelds
Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er auch bei dem häufigen
Wechsel, zu dem ihn seine innere Unrast innerhalb der Wissenschaft
schon getrieben hatte, einer neuen Wendung skeptischer gegenüberstand
als ein anderer und ihm Fragen des äußeren Erfolgs unbedeutender
erschienen als die jener inneren Befriedigung, nach der er sich bisher
umsonst abgehastet, so bedeutete doch der Vorschlag des berühmten
Hupfeld, in seinen Assistentenstab zu treten, einen Fortschritt, so
verlockend und aussichtsreich, wie er sich nur wünschen ließ. Er war
weder der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm, zwischen
denen ihm Markwaldt die Wahl ließ. Kam es darauf an, so konnte er sich
freuen, so gut wie irgendeiner. Vielleicht toller als irgendeiner. Nur
durften dann nicht so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein
Inneres beschäftigen wie gerade in den letzten Tagen.
Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nächtlichen, mondbeschienenen
Heimfahrt von der Sägemühle enthüllt hatte, hatte er keine
ruhige Minute mehr. Es war nicht wie vor einigen Wochen jenes
leidenschaftliche Toben und Sichverlieren, das ihn in allen Höllen und
Himmeln umherwarf. Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte
sich zur mitleidslosesten Objektivität gezwungen, deren er fähig war.
Am Tag nach jener letzten Begegnung räsonierte er einfach und nüchtern:
Sie liebt dich. Liebst du sie? Was er bei strenger Untersuchung in
sich fand, war: unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes
Freundschaftsgefühl, wie er es nie für einen Menschen empfunden, und
tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende, himmelstürmende Liebe,
wie er sie sich vorstellte und ersehnte, fand er nicht. Keine
Beschleunigung seines Pulses, kein heißer, wirbliger Kopf, der nur
einen Gegenstand denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner
Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen. Er liebte also
Marga nicht. Folglich gab es für ihn als Mann von Ehre und Takt nur
eine Möglichkeit: er mußte sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten
hatte. Strengste Zurückhaltung mußte er sich auferlegen, um sie nicht
durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglücklicher zu machen. Er
hatte schon gerade genug gesündigt. Nun, da er von ihrer Liebe wußte,
erklärte sich ihm so vieles: ihr Versagen, als er sie wegen seiner
Liebelei mit Hilde König um Rat fragte; ihr Schweigen über den Umzug
nach der Mühle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch da draußen, von
dem ängstlichen, abweisenden Empfang bis zu der gewaltsamen Bitte,
sie dort allein zu lassen. Wie mußte er sie gequält haben! Wenn es
sein mußte, wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein
zweideutiges Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung endigen mußte.
Am Tag danach räsonierte Perthes nicht minder eindringlich.
Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid bei sich fest,
aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe? Gab es denn die Liebe,
die er sich zusammenidealisierte? Er wollte sehr gründlich zu Werk
gehen. War diese „Liebe” nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei
sehr verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er dies
Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es auseinander in
Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte, die er einstweilen mit
~x~ bezeichnete. Weiter kam er für diesmal nicht. Dagegen ertappte er
sich des öftern, wie er in Gedanken Ausflüge nach der Sägemühle machte
und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte. Ob und wie
sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht war es doch nicht
richtig, ihr nicht wenigstens eine Zeile zu schicken, die ihr darlegte,
wie er die Sache ansehe.
Der nächste Tag -- es war der gestrige -- ließ ihn mit dem Gefühl einer
großen, schmerzlichen Leere aufwachen.
Kein Wunder, daß er als gewissenhafter Selbstschauer über diese Leere
Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm? Was oder wen vermißte er? Ohne
Zweifel den Umgang mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine
angenehme Gewohnheit. Seine Gefühle für Marga waren dieselben wie
vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war er doch stehen geblieben? Liebe =
Leidenschaft + ~x~. Besser: ~x~ + Leidenschaft. Die Leidenschaft war
sicher das Nebensächliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber ~x~?
War die große Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit + Mitleid,
eben jene Summe, in der sich die Freundschaft darstellte? Perthes
mißtraute dieser Gleichsetzung. Sie befriedigte ihn nicht. Gewiß nicht.
Nicht annähernd. Sie mußte falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden
Gedanken an die Mühle und Marga fern.
Und heute?
Es war Freitag. War er mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen? Er
war unzufrieden mit seiner ganzen bisherigen, so peinlichen Analyse,
mit der Methode überhaupt.
Was wollte er eigentlich? Das Unmögliche! Das lag so in seiner
verhängnisvollen Natur; er wollte, was er nicht brauchen konnte, und
wollte nicht, was er brauchte. Es genügte ihm offenbar nicht, daß
er sich mit seiner albernen Schwärmerei für Hilde König und deren
kläglichen Nachkrämpfen vor sich selber unsterblich blamiert hatte! Wo
hinaus wollte er mit dem öden Spintisieren der letzten Tage? Es war
doch vollkommen gleichgültig, was „Liebe an sich” war. Es handelte
sich um das, was er als Liebe brauchte. Für sein Glück. Sein Wille
hatte da das entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher,
harmonischer, mehr als er selbst empfunden als in dieser Freundschaft?
Er mußte an ein Gespräch denken, das er einst mit Marga gehabt. Sie
hatte davon gesprochen, daß es viel weniger auf die Meinungen ankomme,
die man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf das, was
man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten: „Was aber
dann, wenn man bald so ist, bald so? Wenn man die bekannten ‚zwei
Seelen‛ in der Brust hat?” -- „Dann kommt es eben darauf an, durch
welche von beiden man glücklicher, man mehr ‚man selber‛ ist. Wenn
man das erst weiß, braucht man bloß zu wollen!” Begriff er jetzt,
was er damals nicht begreifen konnte? Wollte er begreifen? Er war am
Wendepunkt seines Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag
eine Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmögliche
und Überschwengliche, wohl aber Schönheit, Harmonie, die große Stille,
die er ersehnte. Wenn er ein Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die
Wirklichkeit zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine
Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit ist sie's! So
will ich's! ...
So weit war Perthes' Überlegung gediehen, als er am Morgen ins Institut
kam.
Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik zu der
unerwarteten Konferenz mit Hupfeld.
Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags hatte er von dort den
Weg nach der Straße am Wenzelsberg eingeschlagen. Er war so gewohnt,
alles mit Marga zu besprechen, daß er für den Augenblick ihr Fernsein
völlig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein.
Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins Bakteriologische
Institut zurück.
Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwärts.
Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie getrieben, um
an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack zu finden. Es litt ihn
nicht am Untersuchungstisch, und ehe Markwaldt das ihm unerträgliche
Schweigen des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte, war
dieser davongelaufen.
Er bummelte nach der Stadt.
Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften Überlegung, mit der er
seine Gefühle zu zerfasern begonnen hatte, war er jetzt auf dem Punkt
angelangt, wo sein Temperament sein Recht verlangte. Der Anstoß, den
Hupfelds Anerbieten ihm gab, genügte gerade, um ihn den Sprung tun
zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven Grübeleien der
letzten Tage ihn unaufhaltsam zudrängten. Und es war ein Sprung. Vor
ein paar Wochen war er für Hilde König Feuer und Flamme gewesen,
für die leichte, poetische Äußerlichkeit, den „Falter”, den er, das
schwerfällige „Kriechtier”, brauchte um jeden Preis! Und jetzt war
es die tiefe, versonnene Innerlichkeit, die von allem Äußerlichen
abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste Marga, die ihm unentbehrlich
war wie keine andere! In der kürzesten Spanne Zeit hatte sich seine
Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber so sah er, Perthes,
das, was sich vorbereitete, nicht an. Er sah, im Schein seiner
ehrlichen Selbstprüfung, eine gründliche, sein ganzes Wesen wandelnde
Entwicklung. Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf
das Postgebäude zuging, wunderte er sich über die Ewigkeit, die es
gedauert, ehe sein Entschluß gereift war. Er trat ein und ließ sich am
Schalter einen Kartenbrief geben. Mit fliegender Schrift warf er die
Zeilen darauf:
Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen fünf auf die Sägemühle.