Eine Treppe aus Steinen führte an ihr empor. Darüber standen die
Weinstöcke, die Sorgenkinder des alten Herrn. Jahr für Jahr gaben sie
hartnäckig nur wenige Pfund saurer Trauben, aber es blieb trotzdem
ausgemacht, daß hier ~anno Domini~ der großartigste Wein in der ganzen
Umgegend wachsen mußte. Ein zweites Mauerwerk schloß nach oben ab. Auf
seiner Höhe lief eine langgestreckte Laube über die ganze Breite des
Richthoffschen Besitzes. Der Laubengang hieß der Philosophenweg; er lag
schon hoch über der Stadt in der freien, ziehenden Abendluft.
Dort schritt Marga, die Hände auf dem Rücken, langsam auf und ab.
Das Lärmen und Lachen der Spielenden klang nur gedämpft zu ihr
herauf. In vollen Zügen trank sie die Ruhe des späten Abends. Nichts
Weichmütiges durfte in ihr aufkommen. Sie ordnete ihre Gedanken und
ihre Gefühle zu dem mutigen Gleichklang, in dem sie daheim war.
Ihrem festen Willen zum Trotz drängte sich immer noch ein herber Ton
vor. Konnte sie es nicht lassen, auf andere Menschen zu bauen, statt
nur auf sich? Es war ja doch stets dasselbe: ein Suchen, das müde
machte, und ein Finden, das die Enttäuschung war. Zwiespältig und
halb und haltlos waren alle, bei denen sie sich die Mühe machte, in
sie hineinzulauschen. So wie Perthes. Wie die Mücken tanzten sie um
die Sonne, zu schwach, um in sie hineinzufliegen, zu schwach, um sie
zu entbehren. Vertraute sie, Marga, denn nicht genug auf sich allein?
Was horchte sie überhaupt noch nach Gefährten? Ihre Schwingen reichten
aus. Auch wenn sie nur ein Weib war. Sie -- sie wollte und konnte in
die Sonne des inneren Erlebnisses fliegen, wo die Schönheit war, das
Unbedingte und das Unendliche ...
Zwischen den zuhöchst gelegenen Pappeln, wo Margas Lieblingsplatz war,
und dem Philosophenweg lag ein Wiesenhang unter alten Kirschbäumen.
Dort streckte sie sich aus.
Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen, überließ
sie sich ihrem Schauen. Aus dem Schoß ihrer immerwährenden Nacht quoll
ihr Bild auf Bild entgegen. Nicht verschwommene, sondern scharfe und
klare Gesichte, die ihre Phantasie sich schuf, und in denen ihre reiche
Seele sich auslebte und ausruhte. Da war ein fernes, schimmerndes
Tal, über und über von rotblühenden jungen Pfirsichbäumen voll. Ein
tausendfältiger Schwarm von weißen, samtflügeligen Faltern gaukelte
darüber: ein flatterndes Gewölk, das wie eitel Silber gegen den
tiefblauen Himmel stand. -- Ein verschlafener See blitzte auf, inmitten
dunkel wuchtender Tannenberge. Das fahle, magische Licht drang aus
gelben Wolkenstreifen über die Landschaft. Der Wind hob leise die
Wellen, daß die Seerosen schwankten, und ein schwarzer Schwan zog
sanft am Schilf entlang. -- Die Berge rückten auseinander. Der See
verschwand. Lachende, unabsehbar weite Blumenwiesen taten sich auf:
gelbe Königskerzen und weiße Schafgarben und blauer Rittersporn wirrten
sich leuchtend durcheinander, so weit der Blick reichte. Darüber, am
Horizont, erhoben sich kristallene Sommerwolken, überirdische Berge,
himmlische Paläste, in denen die Sonne selbst zu wohnen schien. --
Marga war so entrückt, so selig im Schauen versunken, daß sie nicht
hörte, wie ein behender Schritt die Stufen nach dem Laubengang
heraufkam. Erst als ihr Name gerufen wurde, zuckte sie auf und richtete
sich aus dem Gras empor.
„Fräulein Richthoff!” ertönte es von neuem.
Sie erkannte Perthes' Stimme und gab keine Antwort. Noch war sie nur
halb aus ihrer Traumwelt erwacht, und kein Fremder sollte sie stören.
Sie duckte sich wieder tiefer ins Gras.
Aber seine Augen hatten ihr helles Kleid in der dunklen Wiese erspäht.
„Wo in aller Welt stecken Sie denn? Sie haben sich ja richtig
versteckt!”
„Bei mir selber,” gab sie einsilbig zurück.
„Drunten wird eine Bowle gebraut! Ich soll Sie holen.” Perthes war
vollends zu ihr heraufgeklettert. „Darf ich mich einen Augenblick neben
Sie setzen?” Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, streckte er sich neben
ihr im Gras aus.
Marga strich die Haare aus dem Gesicht und setzte sich, ihren
Haarknoten zurechtsteckend, aufrecht.
Vom tieferen Garten und vom Hof herauf kam der matte Widerschein der
Papierlaternen und gab im Verein mit dem sternklaren Himmel gerade
Licht genug, um Perthes ihre stillen verschlossenen Züge sehen zu
lassen. Nach dem ausgelassenen Spiel mit seiner lauten, übermütigen
Lustigkeit, die er eben verlassen, berührte ihn ihre ruhevolle
Erscheinung hier oben im Garten seltsam.
„Warum sind Sie denn so mir nichts dir nichts ausgerückt, Fräulein
Marga?” fragte er nach einer Weile.
„Was hätte ich denn sonst machen sollen?” entgegnete sie ohne Vorwurf.
Er schwieg. Seine Frage war unbedacht und töricht. Wie konnte sie in
dem abschüssigen Garten „Hasch, hasch!” und derlei Dummheiten spielen!
Er hatte sie ja überdies mit einer gewissen Absichtlichkeit sich selbst
überlassen.
„Sie haben nicht viel versäumt,” fuhr er fort. „Ich alter Esel habe
mich wie ein alberner Junge herumhetzen lassen.” Er trocknete sein
Gesicht mit dem Taschentuch; er ärgerte sich wirklich, daß er sich
wie der krasseste Fuchs in solche Kindereien gestürzt hatte. „Hier
oben ist's schöner!” Er schaute hinaus in die Ebene, die nächtlich
verschattet sich dehnte.
Marga antwortete nicht. Sie legte ihren Rock zurecht und glättete ihre
zerknitterten Ärmel.
„Ich darf ja nicht mehr fragen, was Sie denken,” begann er von neuem,
„sonst würde ich's schon wieder tun, weil Sie ja doch von sich aus mir
nichts erzählen.”
„Ich denke, warum Sie bei Tisch all die häßlichen Dinge sagten.”
Perthes besann sich. „Ach -- Sie meinen über meine Tätigkeit? Die
Geschichte mit den Tierexperimenten, und daß man leider nicht mit
Menschen experimentieren könne? Aber das ist ja wahr!”
„Vor Ihrem Verstande vielleicht, ja, aber nicht nach Ihrem Gefühl.”
„Und woher wollen Sie das wissen? Du lieber Gott! In der Medizin hört
man auf, ein Gemütsmensch zu sein -- woher wollen Sie wissen, daß das
nicht meine volle Meinung ist?”
„Das will ich Ihnen ehrlich sagen: weil Sie vor uns dummen,
gefühlsduseligen Mädels renommieren wollten. Sie hatten ein Bedürfnis,
sich schlechter zu machen, als Sie sind.”
Perthes horchte verwundert auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und
den Kopf auf die Hände gestützt. Marga saß links hinter ihm. Er sah
forschend zu ihr hinüber. „Sie beurteilen mich sehr schmeichelhaft,
Fräulein Marga.” Er lachte gezwungen. „Ich glaube, Sie irren.”
„Wenn ich irre, um so schlimmer für Sie!” erklärte Marga mit jener Ruhe
und Geradheit, in der sie sich selbst wiederfand. „Dann müssen Sie
sich selber sehr niedrig einschätzen und Ihre Mitmenschen auch. -- Und
besonders uns Frauen!” setzte sie nach einer Weile gedankenvoll hinzu.
„Warum gerade die Frauen?”
„Weil Sie meinen, ihnen im Ernst mit so rohen Dingen zu imponieren.”
Wieder trat eine Pause zwischen beiden ein.
Vom Hof herauf drangen einzelne abgerissene Worte, denen lustiges
Gelächter antwortete. Papa Wilmanns hielt bei der Bowle seine
aufgeschobene Rede auf die Damen.
„Ich glaube, wir müssen hinunter,” bemerkte Marga kurz.
Perthes rührte sich nicht. Er trommelte mit der rechten Faust erst
langsam, dann immer leidenschaftlicher auf den Grasboden.
„Was machen Sie denn?” fragte Marga aufhorchend.
„Ich ärgere mich!” gab er knurrend zurück, ohne in seinem Trommeln
aufzuhören.
„Worüber?”
„Über Sie --”
„Über mich?”
„Und noch mehr über mich!”
„Und warum denn?”
„Weil -- weil --” Er führte einen letzten grimmigen Hieb gegen den
unschuldigen Boden. „Weil Sie verwünscht recht haben!” stieß er
knirschend hervor.
Marga mußte unwillkürlich lächeln über das unerwartete, heftige
Bekenntnis, das sich so widerwillig von ihm losrang.
Perthes bemerkte es nicht. Ihm war zumute, als wäre jählings etwas
geborsten, ein Hemmnis, ein Stauwehr, das den Strom seiner Gedanken und
Gefühle aufgehalten. Die offene, stillkräftige Art Margas lockte aus
ihm hervor, was er nie einem anderen mitgeteilt hätte. Der Widerspruch
seines Herzens, das bald in Sehnsucht nach vertiefter Empfindung, nach
einer überlegenen Weltbetrachtung voll Gleichklang und Schönheit sich
verzehrte, bald in Verachtung jeder seelischen Regung zur Oberfläche
trieb, wo es nichts gab, als die nackte Wirklichkeit, und alles
Unbegreifliche unterging in der tristen Biologie des Tiermenschen,
wo nur der Genuß des Alltags Sinn und Berechtigung hatte -- dieser
Widerspruch tat sich in einer Flut von Selbstanklagen auf, die er
rückhaltlos in die dunkle, friedvolle Nacht hinausschleuderte. Heute
war er weich, mitfühlend, empfindsam und wehleidig wie ein Kind; morgen
hart, schroff, roh wie ein zynischer Zweifler, der sich in Kraßheiten
überbot. Sein unseliger Hang zum Extremen -- war er nicht sogar jetzt
lebendig, in dieser Beichte, die er ohne Grund vortrug? die so schamlos
war wie die ganze Komödie, die er mit sich und aller Welt aufführte?
Er war zur Halbheit, zur Maßlosigkeit, zum Unfrieden verdammt. Wertlos
war der ganze Kerl. „Sie irren, Fräulein Marga -- Sie irren, sage ich
Ihnen! Der bessere Kern, den Sie da in mir vermuten, Gemüt oder Seele
oder was es derart geben könnte, der ist bei mir nicht vorhanden!
Schale, nichts als Schale -- im Rechten und im Schlechten!”
Marga war längst ernst geworden. Sie erschrak über die so wilde, alle
Schranken vergessende Entladung, die mit Unreife und Mißklang in
ihre eben noch so köstliche Einsamkeit und Harmonie einbrach. Seine
Bekenntniswut verletzte sie und tat ihr wohl in einem Atem. Nie hatte
ein Mensch, nie zumal ein Mann ihr so sein Innerstes gezeigt. Sollte
sie stolz auf dies Vertrauen sein? War sie nur der zufällige Anlaß,
die zufällige Zeugin dieser selbstvernichtenden Offenheit? Durfte sie
auf ihr Herz hören, das trösten und helfen wollte? Auf ihr Gefühl,
das beinahe mütterlich in ihr aufwallte: Gib von deiner Klarheit
seiner Unklarheit! Schenke von deiner Kraft! Schenke, schenke mit
vollen Händen! -- Lohnte es sich denn? Verlangte er überhaupt danach?
Verschwende dich nicht! warnte es in ihr. Verschwende dich nicht!
Perthes war verstummt. Er warf sich herum und starrte, von ihr
abgewandt, hinaus in die Ebene, aus der schüchtern der Fluß im Licht
des gestirnten Himmels aufleuchtete.
Marga fand noch immer kein Wort.
Jenes Schweigen herrschte zwischen beiden, das zwei Menschen
beschleicht, wenn der eine sich schrankenlos ausgegeben hat und der
andere noch nicht weiß, was er dagegen geben soll. Ein Schweigen, das
zum Anfang oder Ende des Verstehens wird.
Marga zitterte in ihrer Unschlüssigkeit.
Wenn sie ihn jetzt hätte sehen können! Einmal ihm ins Gesicht schauen,
daß dies Gesicht ihr rate, was sie tun oder lassen müsse! Sie strengte
alle Kräfte ihrer Seele an, um den Mangel ihrer Sinne zu ersetzen.
Wie durch einen geheimen Rapport fühlte sie, daß er sich innerlich
langsam von ihr entfernte. Er räusperte sich; er begann sich über seine
Preisgabe zu schämen, zu erzürnen. Ihr Zaudern wich. Sie durfte nicht
in seiner Schuld bleiben. Eben war er im Begriff aufzuspringen und sie
zum Abstieg aufzufordern, als sie die Sprache fand. „Ich glaube doch
an den Kern, den Sie sich absprechen, Doktor Perthes,” sagte sie mit
leiser Bestimmtheit.
„Doch? Immer noch?” erwiderte er nach einer Weile ausdruckslos. „Da
sind Sie eine beneidenswerte Optimistin.” Der spöttische Ton, den er
annehmen wollte, verlor sich in einer bitteren Niedergeschlagenheit.
„All das Leidenschaftliche,” fuhr sie uneingeschüchtert fort, „was
Sie vorhin sagten, sagten Sie ja nur deshalb, und deshalb nur so
leidenschaftlich, weil Sie selber gern an einen solchen Kern glauben
möchten und es nicht immer können.”
Perthes erwiderte nichts. Er hatte das bärtige Kinn auf die Faust
gestützt und sah Marga an. Ihre sanfte, klare Stimme wirkte auf ihn
wie eine Kinderweise, die sich beruhigend ins Ohr schmeichelt. Sein
Verstand sträubte sich gegen die einfache Wahrheit ihrer Worte; das
Herz sog sie dankbar in sich.
„Ich kann natürlich nicht wissenschaftlich mit Ihnen streiten,” hub
Marga nach einer gedankenvollen Pause noch sicherer wieder an. „Ich
habe in allen Dingen nur die Gewißheit meines Gefühls, und die sagt
mir, daß es gar nicht zuerst auf die Meinungen ankommt, die man sich
von der Welt und dem Leben und den Menschen so im allgemeinen macht,
sondern auf das, was man aus sich selbst macht.”
„Meinen Sie? Aber wenn man bald so ist, bald so? Wenn man nach zwei
Seiten gezerrt wird? Wenn man, um recht trivial, aber anschaulich zu
reden, die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?”
„Dann kommt es eben darauf an, durch welche von beiden man glücklicher,
man mehr ‚man selber‛ ist!” erwiderte Marga überzeugt. „Wenn man das
erst weiß, braucht man nur zu wollen.”
„Und dafür sind Sie doch ein Mann! Sagen Sie das ruhig wieder dazu!
Ich kann es ganz gut noch einmal hören!” Es war keine Bitterkeit und
kein Spott mehr in seiner Stimme, sondern nur eine schwermütige, dumpfe
Verzagtheit. Als sein Blick aus verlorener Weite zurückkam, suchte er
Marga.
Ihre Augen hatten einen warmen Glanz angenommen, der sie von innen zu
erleuchten schien und ihre Blindheit vergessen ließ. Sie hatte sich
höher aufgerichtet. Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß; die Haare
über ihrer runden, ebenmäßigen Stirn bewegten sich sacht im Winde, der
über den Berg fuhr. Von ihrem geschlossenen, in sich einigen Wesen
ging eine stille, fast heitere Gewißheit aus, die Perthes mit Achtung
erfüllte, einer Achtung, die er zuvor nicht empfunden hatte.
„Und wenn ich's auf eine Probe ankommen ließe, ob Sie recht haben,
Fräulein Marga?” meinte Perthes zögernd. „Wollten Sie mir ein klein
wenig dazu helfen?”
Sie überlegte. Nur einen Augenblick. „Das wollte ich!” sagte sie kurz
und herzlich.
Perthes stand auf, er reckte seine Arme und streckte die hohe, sehnige
Gestalt. „Also auf gute Kameradschaft!” Es klang eine so ehrliche Wärme
aus seinen Worten, wie er sie den ganzen Abend noch nicht gefunden
hatte.
Margas Gesicht wandte sich arglos und voll Güte zu ihm. Sie bot ihm die
Hand.
Er ergriff sie und, einer ungekünstelten Bewegung folgend, drückte er
einen Kuß darauf.
„Jetzt ist es aber höchste Zeit, daß wir hinuntergehen!” Auch sie war
aufgestanden. Ihre Stimme zitterte von innerer Seligkeit, von frohem
Stolz über diesen Beweis der Achtung.
Sie wagte diesmal nicht, seinen Arm auszuschlagen, sondern ließ sich
von ihm führen.
Schweigend stiegen sie den Weinberg hinunter ...
Von einer Bank im Blumengarten hörten sie lachendes Streiten. Es
waren Elli und Wilkens. Sie waren also nicht die einzigen, die auf
sich warten ließen. Weiter unten stießen sie auf Heddy Wilmanns und
den dicken Burschenschafter. Mit diesen zusammen traten sie in den
Hof, wo Jugend und Alter bei einer unerschöpflichen Erdbeerbowle
durcheinandersaß. Papa Wilmanns hatte den Flanellstorch und die zwei
Corvinen vorgenommen, denen er in der richtigen Bowlenlaune eine
Philippika über die Streberei hielt. Sie hörten ihm mit stumpfsinniger
Andacht zu, ohne sich getroffen zu fühlen. Der Geheimrat saß mit Frau
Achenbach und Professor Borngräber in einer anderen Ecke und plauderte
bei seiner sechsten oder achten Zigarre über Sommerferienpläne.
Marga und Perthes setzten sich zu Käthe und Bertelsdorf, die,
unterstützt von den beiden älteren Wilmannstöchtern, die gesamte
Universität Spießruten laufen ließen.
Es war lange nach Mitternacht, ehe das Gartenfest mit einem fröhlichen,
von Papa Wilmanns inaugurierten und kommandierten Rundgesang sein Ende
fand.
4
Der Alltag war wieder in seine Rechte getreten.
Der heitere Sommerabend im Haus am Wenzelsberg war für alle Beteiligten
eine liebenswürdige Erinnerung geworden. Nur für Marga und Doktor
Perthes spann sich ein Stück Wirklichkeit daran. Die Freundschaft,
zu der sie sich zusammengefunden hatten, gewann an ungezwungener und
vertrauensvoller Herzlichkeit.
Als Perthes vierzehn Tage nach dem Gartenfest am Hause vorbeigekommen
war, hatte er Marga unter den Kastanien im Vorgarten sitzen sehen. Er
war ohne Zaudern hinaufgegangen, um sie zu begrüßen. Sie plauderten wie
zwei gute Kameraden miteinander. Ihm tat es wohl, sich auszusprechen;
Einfälle, Stimmungen, Empfindungen mitzuteilen, die ihn gerade
beschäftigten. Und sie verstand dankbar und still zuzuhören. Nur ab und
zu warf sie ein Wort dazwischen, offen und einfach, wie sie es fühlte
und dachte.
Perthes wiederholte seinen Besuch.
Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf einen Sprung
vorbei, und meist traf er Marga, die an den Ausgängen und Besuchen
der Schwestern in der Stadt selten teilnahm, an ihrem Steintisch im
Vorgarten, handarbeitend oder lesend.
Gleich bei einem der ersten Male fügte es der Zufall, daß der
Geheimrat, von einer Fakultätssitzung heimkehrend, die beiden beisammen
fand. Perthes hatte Marga ein paar Sätze diktiert, die sie punktierte,
und sie waren eben bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten
den alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand.
Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor schoß er bedrohliche Blicke.
„Was wird denn da getrieben?” Richthoff stützte sich mit der einen Hand
auf den Krückstock, mit der andern hatte er sich in den weißen Bart
gefaßt.
„Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr Geheimrat!” Perthes
erhob sich grüßend; sein Auge begegnete ruhig dem scharfen Blick des
alten Herrn.
„Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor Perthes ein wenig
meine Kenntnisse auffrischen helfen,” setzte Marga aufrichtig hinzu.
„Hm!” brummte Papa Richthoff unentschieden. Er überlegte, daß von
Rechts wegen ein junger Mann und ein junges Mädchen sich keinen
Unterricht tete-a-tete zu geben hätten. Aber schon im nächsten Moment
sagte er sich auch, daß er Marga, die so viel entbehren müsse, nicht
um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose Zerstreuung
bringen dürfe. „Sie hat wohl glücklich alles wieder verschwitzt, was
sie konnte?” wandte er sich, dem Tisch näher tretend, an Perthes.
„O -- es geht noch ganz leidlich!” meinte der Doktor.
Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen Punkten, die
nach Zahl und Stellung dem Getast ihren Buchstabensinn vermitteln.
Es entwickelte sich eine Unterhaltung über die Schrift, über
Blindenbibliotheken und ihren Bücherschatz. Perthes, der, was er wußte,
recht wußte, gab allerhand Auskünfte, die den Geheimrat interessierten.
Das Ende war, daß Vater Richthoff Marga huldvoll am Ohr zupfte. „Das
bitte ich mir aber aus, daß in vierzehn Tagen der Prolog zum Faust
fließend gelesen und geschrieben werden kann, hörst du!” Mit einem
jovialen Kopfschütteln verabschiedete er sich und verschwand im Haus.
Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft ungestört pflegen.
Elli und Käthe neckten wohl manchmal die Schwester; aber da sie selber
Perthes nicht ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige
Eroberung nichts einzuwenden. Man gewöhnte sich daran, den Doktor als
Freund des Hauses das eine oder andere Mal am Wenzelsberg zu begrüßen.
Über tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes. Über Großes und
Kleines mit derselben Wichtigkeit der Jugend. Er brachte ein buntes
Allerlei von Eindrücken mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der
Natur, bei seinen Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten
aus einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig und
dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Büchern, durch sich selbst
wußte, bekam Fülle und Zusammenhang. Sein vielseitiges Wissen nährte
das ihre. Daß sie nichts Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafür
sorgte ihre durch die Blindheit geschärfte Spürkraft, ihr klarer,
gesunder Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte. Die
Ruhe und innere Freiheit, die durch frühes Entsagen, durch Einsamkeit
und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe ihrer Freundschaft. Sie
erkannte seine Natur, die ein Ganzes und Einfaches werden wollte und
doch immer wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte,
sich selber komplizierte und zerriß. Perthes seinerseits fühlte die
Überlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit ihrer Seele lag.
Aber sein Verstand sträubte sich mit zahllosen Gründen dagegen, diesem
Gefühl nachzugeben. Daß sie, zehn Jahre jünger als er, ein Weib,
eine Blinde, ihm durch ihre größere Ruhe Achtung abnötigen sollte,
konnte ihm oft plötzlich lächerlich erscheinen, ihn empören, seinen
verbissensten Widerstand erwecken. Dann riß er irgendeine schwierige
Frage herbei, eine von den großen Fragen über den Wert des Daseins, und
zersetzte alle „Schwindsüchteleien”, wie er es nannte, unter vollem
Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je lauter er wurde, um so
stiller wurde sie; je mehr er sich erhitzte, um so gelassener hörte sie
ihm zu.
So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer jungen Freundschaft,
daß es nichts Vernünftiges gebe, als das tierische Werden und Vergehen;
alle vermeintlich „höheren” Gedanken seien nichts als ebensoviele
Illusionen, um über diese nüchterne Wahrheit zu täuschen. „Damit wir
hübsch im Tretrad bleiben und nicht etwa herausspringen, weil uns die
Sache zu albern wird!”
Marga hörte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte, bemerkte er ein
leichtes, heiteres Lächeln in ihren Zügen.
„Sie -- Sie wissen das natürlich viel besser!” rief er empört.
„O, gar nicht! Wissen werden _Sie_ es schon besser. Aber ich _fühle_ es
anders.”
„Fühlen! Fühlen! Mit Ihrem ewigen Fühlen! Das Gefühl ist gar nichts.
Jeder Hund und jede Katze sind uns darin ebenbürtig. Gefühle sind für
Kinder, sind Verschwommenheiten, Torheiten, Halbheiten, die Gedanken
werden möchten und nicht können! Wollen Sie das nicht endlich einsehen?”
„Nein. Ich _will_ es eben nicht einsehen,” meinte Marga ruhig. „Es
gibt Gefühle, die weniger sind als Gedanken, und es gibt Gefühle, die
mehr sind --”
„Und mit welchem Recht?”
„Mit meinem Recht. Ich will, daß das Leben den Sinn hat, dessen
Wahrheit ich fühle -- ob Sie sie beweisen können oder nicht.”
Perthes schüttelte den Kopf. Sein widerspenstiger Verstand war nicht
überzeugt. Trotzdem beugte sich eben das Gefühl, das er so gering
bewertete, vor dem ihrigen. Es war töricht, aber es war so. Und blieb
so, ein Waffenstillstand bis zum nächsten Gefecht. --
Ein Thema gab es, das sie im Gespräch nie berührten: Hilde König.
Aus Äußerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch, der in einer kleinen
Stadt auch nur entfernt bekannte Menschen mehr oder minder verbindet,
wußte Marga, daß ihr Freund seine Verehrung für die kleine Uferschöne
mit den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz und gar nicht
aufgegeben hatte. Man sah ihn häufiger denn je die Uferstraße entlang
pilgern, sei es allein, um sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr
zusammen, wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war und sie
heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er auf. Man sah ihn nicht
selten im „Heiratskarussell”, das ihm anfangs so lächerlich vorgekommen
war, an Hilde Königs Seite.
Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder auf diese
Angelegenheit zurückzukommen, aber je vertrauter sie und Perthes
miteinander verkehrten, desto schwerer wurde ihr diese Zurückhaltung.
Sie kannte ihn jetzt genügend, um zu erraten, daß der augenfällige,
liebliche Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen
Ernst und Kindlichkeit balancierte, seinen empfänglichen Sinn anziehen
mußte. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei. Vielleicht aber --
und das machte ihr sein leidenschaftliches Wesen wahrscheinlicher --
verfing er sich ernsthaft in diesem Spiel. So oder so: sie, Marga,
durfte sich nicht einmischen. Zartgefühl und Stolz geboten ihr dies als
ein Selbstverständliches. So oft ihre Gedanken und Gefühle über die
ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie schroff zurück.
Freilich nicht, ohne daß sie einen leisen Schmerz dabei empfand. Er kam
von der Unklarheit, die zwischen ihnen beiden über dies eine bestehen
bleiben mußte; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefühl, das in ihr
keimte, ohne daß sie es noch fassen und zur Rechenschaft ziehen konnte.
--
Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie über ihn und sich aufklären.
Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder in der Abendstunde
am Ufer spazieren führen zu lassen. Bis der Zufall es wollte, daß
der Geheimrat eines Abends Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes
Buch auszubitten, zu Professor Borngräber schickte, der in einem
verwachsenen, kleinen Häuschen in der äußersten Uferstraße sein
Junggesellenleben führte. Marga hatte ihre Schwester schon ein großes
Stück Wegs begleitet, ehe diese mit dem Ziel ihres Ganges herausrückte.
Als sie nun Einwände erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren
Kobolden über sie her. Es blieb Marga nichts anderes übrig, als gute
Miene zum bösen Spiel zu machen.
Es war ein trüber, bedeckter Abend. Der Regen hatte kaum erst
aufgehört. In der Allee am Fluß war es einsam. Die Sonne lag hinter
dem grauen Gewölk, und der Fluß wälzte sich träg und schmutzig zwischen
seinen Ufern hin.
Elli und Marga beeilten sich, Borngräbers Haus zu erreichen, und
entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der Himmel sah nach neuen
Regengüssen aus, denen sie lieber entgehen wollten. Aber sie hatten
die Allee noch nicht zur Hälfte hinter sich, als die Tropfen
niederklatschten. Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm.
Kurz vor dem Aufgang zur Brücke, am Ende der Allee, kam ihnen ein Paar
entgegen, das sich gleichfalls in einen Schirm teilte.
Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden schon erkannt.
„Perthes mit Hilde König!” flüsterte sie hastig Marga zu.
„Wo denn?” Marga nahm sich zusammen, aber ihr Arm zuckte unwillkürlich
in dem der Schwester.
„Gerade vor uns! Er scheint sie mit seinem Schirm heimzubringen!”
tuschelte Elli.
Im gleichen Augenblick hörte Marga ihre Stimmen. Seine rauhe, hastige;
ihre leichte, etwas gezierte und hüpfende. Dann verstummten beide. Sie
hörte, wie die Schritte an Elli und ihr vorüberknirschten.
„Das ist aber stark! Er hat nicht einmal gegrüßt! Er tut, als kennte
er uns nicht, und dabei schwöre ich, daß er uns erkannte!” Elli
war ganz erregt. Sie ereiferte sich, ohne auf Marga zu achten. So
ein Drückeberger! Einfach beiseitezusehen! Und seine Bekannten zu
verleugnen wegen diesem dummen, aufgeputzten Gör! Das sollte er von ihr
zu hören bekommen!
„Meinst du, daß er uns wirklich nicht sehen wollte?” forschte Marga
nach einer Weile zögernd. Sie mußte alle Kraft aufbieten, um einer
Erregung, die sie selbst bestürzt machte, Herr zu bleiben.
„Schwören will ich darauf!” beteuerte Elli, und sie schilderte sein
Benehmen mit erneuter Lebendigkeit.
„Ich werde ihn fragen, warum er das tat,” erklärte Marga gepreßt.
Der Regen floß jetzt in solchen Strömen, daß sie in der nächsten besten
Haustür Schutz suchen mußten. Elli, die nie zu lange beim gleichen
Thema blieb, erzählte vom bevorstehenden akademischen Ausflug. Marga
hörte ihr krampfhaft zu, auch auf dem weiteren Nachhauseweg. Sie
wollte, was sie bewegte, überdenken, wenn sie erst wieder allein mit
sich war ...
Da Vater Richthoff heute seinen Kegelabend hatte, wurde schneller als
sonst Abendbrot gegessen.
Nachher übten Käthe und Elli am Flügel im Wohnzimmer ein Duett.
Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock hinaufsteigen.
Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange nicht gespielt. Sie
war keine Künstlerin. Ihr Spiel war technisch nicht weit über das
hinausgekommen, was sie, noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung
gelernt hatte. Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade
durch die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck.
Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute nach ihrem
Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast war es: sie wollte ihr
übervolles Gemüt in Tönen erlösen und hatte doch zugleich eine Scheu
vor dem Unbekannten, das die Töne ihr aus der Seele locken wollten.
Ihr blonder, blasser Kopf war tief über die Saiten gebeugt, und die
Hand führte zagend den Bogen. Die Augen hatte sie geschlossen, den
Mund zusammengepreßt. Rauhe, gebrochene Klänge holte sie aus der
Tiefe herauf. Sie verbanden sich zu einer ungefügen, schluchzenden
Weise, gegen die sich nur langsam aus der Höhe die Töne eines weichen,
unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus der Tiefe war es der Schmerz
ihres Lebens, das so tapfer niedergehaltene Weh, jung zu sein und
entsagen zu müssen; aus der Höhe war es die Sehnsucht, die laut und
lauter mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfüllung rief. Und je
lauter dieser Ruf ward, je ungestümer er sich vordrängte und die
Entsagung überbot, um so mehr erbebte und erschrak Margas Seele. Das
Unbekannte, das sie gefürchtet hatte -- da war es! Da brach es hervor,
nicht mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu verkennen und zu mißdeuten:
sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und entsetzt zugleich, wogte
es über die Saiten. Einen Augenblick verlor sie sich dabei. Ein zartes,
fast heiteres Entzücken wollte sich regen. Dann riß sie mit einem
grellen Strich über alle Saiten ihr Spiel ab. Sie ließ die Geige hart
auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben. Sie drückte sich in
die Ecke des Sofas: das Gesicht mit den Händen verdeckend, duckte
sie sich und zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber
verbergen.
Nach einer Weile warf sie die Hände hinter sich und spannte sie um die
Lehne des Sofas. Als sähe sie die Gewißheit ihrer Empfindung außer
sich, richtete sie mit allem Mut, den sie in sich fand, die Augen voll
und fest auf einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte
sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren Max Perthes'
Züge, die sie nie gesehen, die sie nur aus flüchtiger Beschreibung
kannte, und die doch ihr inneres Gesicht so bestimmt gestaltete.
Sie schaute und schaute. Die Augen gingen ihr über vor dem offenen,
klaren Ja, das da _außer_ ihr stand. Aber sie ließ nicht nach und
rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mußte das Nein
_in_ ihr werden. Sie klammerte sich an ihren Stolz. Perthes liebte
sie nicht. Er fühlte sich von einem Mädchen gefesselt, das in allen
Stücken ihr Gegenbild war; für das er sie verleugnete. Und sie sollte
ihre heiligsten Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes
wegwerfen, nachwerfen? Niemals! Und hätte ihr Stolz es ihr erlaubt, so
hätte die Vernunft es verboten. Für sie gab es keine Liebe. Sie, die
Blinde, durfte von keinem Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten,
das Opfer seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht die
Sehnsucht. Wollte sie sich lächerlich und verächtlich machen? Wollte
sie gewissenlos sein?
Marga preßte ihre Hände ineinander und rang sie in ihrem Schoß.
Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer Liebe. Es war, als
müßte sie es erwürgen, und weil es ein Lebendiges war, sträubte es sich
gegen den Tod und klagte und schrie, und ihre Hände taten ihrem Herzen
weh, über alles Sagen und Denken weh.
Unaufhaltsam, wider ihren Willen, löste sich Träne auf Träne aus ihren
Augen.
Dann war es mit einem Mal vorbei.
Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe für sie, und es gab
keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es nicht einmal mehr
Freundschaft zwischen ihr und ihm. Nachdem er sich so benommen wie
heute am Abend.
Marga stand auf und griff wieder nach ihrer Geige.
Aber spielen, sich vollends freispielen -- das konnte sie noch nicht.
Sie schloß die Geige in den Kasten und stellte sie beiseite. Dann ging
sie zu den Schwestern hinunter, die jetzt zu singen aufgehört hatten
und bei der Handarbeit im Wohnzimmer saßen. Sie plauderte mit, so gut
es ging. Und es ging besser, als sie dachte ...
Schon am nächsten Vormittag kam Perthes vorbei.
Es war noch immer regnerisch. Er fand Marga nicht im Vorgarten. Als er
im Haus nach ihr fragte, wies ihn Therese in den Salon.
Er mußte eine gute Weile warten, ehe sie kam. Wie sonst wollte er ihr
die Hand schütteln, doch sie reichte sie ihm nicht zum Gruß. Sie war
durchaus nicht steif und unfreundlich, aber von einer Gemessenheit, die
Zurückhaltung auferlegte.
Perthes hatte ihre äußere Erscheinung meist nur obenhin betrachtet.
Heute fiel ihm die besondere Weiblichkeit ihres Wesens auf, die Züge
und Gebärden beherrschte: eine natürliche, anmutige Würde, die durch
einen Schatten von Trauer noch gehoben wurde.
Sie hatte ihn mit ein paar Worten in die Glasveranda gebeten, die dem
Salon vorgebaut war.
Auf einem Rundtisch von schwarzem Ebenholz mit bunt eingelegter Platte
lag ihre feine Häkelarbeit. Sie setzte sich und ließ ihn gegenüber
Platz nehmen.
Ein Scherz über den feierlichen Empfang schwebte Perthes auf der Zunge.
Er brachte ihn nicht hervor. Ihre schweigsame Ruhe war ihm unbehaglich.
„Warum erzählen Sie mir nichts?” fragte Marga, nachdem sie einige Zeit
gearbeitet hatte.
„Ich dachte, _Sie_ würden mir erzählen. Mein Kopf ist heute schon
ganz dumm vom Mikroskopieren. Ich wollte eine bestimmte Geschichte
herausbekommen -- die Struktur eines Muskelgewebes, in dem -- doch das
kann Sie nicht interessieren! Ich habe mich herumgequält und nichts
gefunden. Um mir wieder guten Mut zu holen, bin ich zu Ihnen gekommen.
Was haben Sie in den letzten Tagen getrieben?” Er sprach hastig und
zerstreut. Seine Finger spielten nervös auf der Tischkante.
„Da werden Sie nichts Interessantes zu hören bekommen! Vorgestern sind
die Schwestern und ich über die Berge gegangen. Das Wetter war zu
schön. Man konnte nicht denken, daß es so wie heute kommen würde. Wir
waren auf dem Schweikhartshof, hin und zurück zu Fuß. Gestern” -- sie
stockte -- „gestern war ein Tag wie alle.”
„Das tut nichts! Erzählen Sie doch! Vom Morgen bis zum Abend! Gerade,
wie Sie so einen Alltag verbringen, will ich wissen!” Es klang etwas
Herrisches in seinen Worten, das Marga aufblicken machte. „Das möchte
ich gern wissen,” verbesserte er sich.
Sie gehorchte. Langsam berichtete sie die Tagesereignisse. „Und gegen
Abend --” Hier stockte sie wieder.
„Was war gegen Abend?”
„Gegen Abend gingen Elli und ich spazieren. Das heißt, Papa schickte
uns zu einem Kollegen, und wir kamen tüchtig in den Regen.”
„Wo denn?” forschte er hartnäckig.
Jetzt hob Marga ihren Kopf mit eigentümlicher Bestimmtheit auf.
Sie antwortete nicht. Mit einem unwilligen Ruck stand Perthes auf.
Beinahe hätte er den Tisch umgeworfen. Er trat an die Scheiben und
blickte hinunter in den Vorgarten, wo der Regen von den Bäumen
tropfte. Ungestüm strich er den krausen schwarzen Bart und blies einen
pfeifenden Laut durch die Lippen. Dann brach er los. „Sie wollen
wissen, warum ich Sie und Fräulein Elli nicht grüßte?” stieß er wütend
hervor.
Marga fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.
„So fragen Sie mich doch!” knirschte er gequält.
Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu kommen, ergriff er den
Stuhl, auf dem er gesessen, mit beiden Händen so heftig an der Lehne,
daß er in den Fugen knackte. „Ich weiß ganz genau, daß das so nicht
geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefähr wie der Vogel Strauß,
der den Kopf in den Sand steckt, damit man ihn nicht sieht. Und so feig
wie ein Mensch, der seine Freunde verleugnet, weil ...” Er vollendete
den Satz nicht und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Sie sind in vollem
Recht, wenn Sie mir dafür den Laufpaß geben!”
Marga hielt in ihrer Häkelei inne. Ihre Züge hatten sich aufgehellt.
„Da Sie so ehrlich sind, braucht es das nicht!” sagte sie einfach.
„Ehrlich! Ehrlich! Ich hätte viel früher ehrlich sein sollen! Ist das
Freundschaft, wenn einer dem anderen das Wichtigste verbirgt, was mit
ihm vorgeht? Ich bin in das Mädchen, mit dem ich Ihnen gestern abend
begegnete, verliebt. Wußten Sie das?”
Marga nickte kaum merklich. Sie wußte es. Und doch meinte sie, es erst
seit diesem Augenblick zu wissen -- so schnitt ihr sein Bekenntnis
in die Seele. Sie sah voraus, daß er ihr jetzt sein ganzes Herz
ausschütten würde, genau wie damals, als sie am Gartenfest auf dem
Weinberg beisammensaßen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte.
Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen, wehrte sich gegen
die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin, der sein Vertrauen galt,
mußte geduldig zuhören. Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden
Fingern. Sie beugte sich tiefer und tiefer über das Gewirr und schien
ganz damit beschäftigt, es zu lösen.
Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts ahnte, begann in
abgerissenen Sätzen, nur von sich und seinen Gefühlen erfüllt, seine
Beichte. Er schilderte, wie das hübsche Ufermädchen ihn gefangen
genommen. Allmählich, ohne daß er es wußte und wollte. Fester und
immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie sie ihm mit
der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus am Ufer entdeckte und immer
wieder dort vorbeiging; wie er sie angesprochen, sie begleitet --
alles schilderte er mit der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen,
dem es wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben
zu dürfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck von Hilde
Königs äußerer Erscheinung. Ihre leichte, frische Kindlichkeit; ihre
mädchenhafte Zurückhaltung neben ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst
als er von ihrem inneren Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser.
Seine Unklarheit über diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich
in allgemeinen Behauptungen. „Sie ist nicht abgründig tief, nicht
problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand als tausend Frauen.
Oh -- Schwersinnigkeit und Schwerlebigkeit, damit kann ich selber
aufwarten! Was ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist
das Leichte, Duftige, Sonnige! Was über die eigenen unzufriedenen
Grübeleien fortträgt! Was das Leben, statt zu Ekel und Last, zum
schönen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn zwei schwere Naturen sich
zusammentun: sie reiben sich wund. Ein Falter muß es sein, der zu einem
Kriechtier, wie ich es bin, paßt. Glauben Sie das nicht auch, Fräulein
Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich bin. Sie als Freundin
-- Sie müssen mir raten! Sie kennen ja mich und meine Unrast und
Verschrobenheit.”
Eine unbeabsichtigte, nervöse Selbstironie klang durch seine mit
Bildern überladene Sprache.
Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Häkelarbeit zu entwirren.
Sie hatte die Arbeit auf ihren Schoß sinken lassen. Bewegungslos
empfing sie das Geständnis seiner Gefühle für eine andere. Zwei bittere
Falten verlängerten die Winkel ihres schmalen, zusammengepreßten
Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, daß man das Blut an den
Schläfen auf- und niedersteigen sah.
Daß er seine Neigung für diese andere so leidenschaftlich aussprach;
daß er das Mädchen mit überschwenglichen Farben malte und gerade vor
ihr, Marga, die lockende, leichte Äußerlichkeit im Gegensatz zur
Innerlichkeit, der sie zugehörte und als Blinde doppelt zugehörte, als
sein weibliches Ideal in den Himmel hob -- das war es nicht, was sie
am schwersten traf. Was ihr für den Augenblick alle Fassung rauben
wollte und was über ihre Kraft ging, war die Gewißheit, daß er sich
täuschte. Er täuschte sich über sich selbst, denn er war der Mann
nicht, der an einem Schmetterling dauerndes Genügen fand. Er brauchte
nicht eine Seele, die die seine über die Schwere der eigenen Natur
und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern eine, die sich mit ihm
zusammen durchkämpfte und darüber emporhob. Er täuschte sich aber auch
über Hilde König. Wenn Marga das nicht schon vorher gewußt hätte: seine
Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darüber lassen. Das Mädchen war
nicht das unschuldige Kind, das er in ihr sah. Das Kind war vielmehr
er, den seine praktische Unkenntnis weiblichen Wesens irreführte. Die
Einfachheit, die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete,
war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte in einem kühlen,
berechnenden Herzen. Und er mußte seine Täuschung behalten. Sie, die
Freundin, durfte nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor
ihm noch vor dem Mädchen, das er liebte. Das war es, was Marga vor
Schmerz und Bitterkeit erstarren machte; sie noch immer schweigen und
bewegungslos dasitzen ließ, als er längst geendigt hatte.
„Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will wissen, wie Sie
darüber denken!” drang Perthes vorwurfsvoll in sie. „Kennen Sie Hilde
König?”
„Nein, ich kenne sie nicht,” kam es leise von Margas Lippen. Sie sagte
nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte nicht anders.
„Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie können sich gewiß ein Bild von ihr
machen, Fräulein Marga.”
„Auch das nicht!” gab sie noch leiser zurück. Sie war fest
entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu lassen. Der
Gedanke, daß sie dem Mädchen unrecht tun und die entfernteste
Eifersucht ihre Meinung trüben könnte, bestärkte sie nur in ihrem
Vorsatz.
„Aber raten können Sie mir doch! Sie kennen mich! Sie müssen
beurteilen können, ob ein Geschöpf, wie ich es Ihnen schilderte, das
ist, was ich brauche. Ob Sie glauben, daß ich auf der rechten Fährte
bin und mein Glück finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll
mich mehr auf mein Gefühl verlassen als auf meinen Verstand!”
Marga hätte ihm antworten können, was sie ihm kürzlich geantwortet
hatte: daß es Gefühle gäbe, die unter den Gedanken, und andere, die
über ihnen stünden; aber sie wollte nicht. „Wenn Sie Ihres Gefühls
so sicher sind, brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,” sagte sie
ausweichend.
„Und das heißen Sie Freundschaft? Verzeihen Sie, Fräulein Marga, aber
jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen mich innerlich genau so, wie ich
es gestern äußerlich tat!” In unwillkürlicher Erregung schlug er mit
dem Absatz mechanisch auf den Fußboden. Seine großen, braunen Augen
schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die verborgene Qual
dieser Stunde trotz aller Beherrschung mehr und mehr ihre Zeichen
grub. Wäre er weniger nur mit sich beschäftigt gewesen, so hätte ihm
ihre Veränderung nicht entgehen können. So wiederholte er nur noch
ingrimmiger: „Und das heißen Sie Freundschaft?!”
Marga straffte sich in ihren Stuhl zurück. Die Härte seines Vorwurfs
gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder. Doch ehe sie antworten konnte,
fuhr er aufgeregt fort: „Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer
Offenheit, wie ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um
mich steht, und Sie, die Freundin --”
„Ich, die Freundin,” unterbrach ihn Marga mit bebender Stimme, „bin
so offen wie Sie. Deshalb sage ich Ihnen: Was Sie von mir fordern,
geht über die Freundschaft. Und wenn Sie mir dafür Ihre Freundschaft
aufsagen wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen, kann keine
Frau einem Mann erfüllen. Über Ihre Liebe müssen Sie selber mit sich
einig werden. So wenig ich Ihr Leben für Sie leben kann, ebensowenig
kann ich mich für diese Liebe verantwortlich machen. Aus Klugheit kann
ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht. Und aus Achtung vor Ihnen
nicht!”
Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert an. Die Gegenwehr,
zu der sich ihr gemartertes Herz aufgerafft, um sich von dem
Unmöglichen zu befreien, mit dem er sie peinigte, gab ihren Worten
einen Ton von so leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, daß er
sie kaum mehr erkannte. Eine stürmische Blutwelle hatte ihr Gesicht mit
jäher Röte übergossen. Ihr Mund, ihre Stirn zuckte von schmerzlichen
Falten. In ihren Augen glomm es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie
erschöpft in ihre frühere Regungslosigkeit zurück.
Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen: für einen
Moment war es ihm, als risse der Blitz eine meilenferne, ungeahnte
Landschaft in sein Gesichtsfeld. Ob diese Blinde mehr für dich
empfindet, als du ahnst? Ob sie dich liebt? -- Eine Sekunde nur, und
die Vermutung, die ihm unsinnig dünkte, war ausgelöscht. Nur der
Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfüllte ihn und dämpfte seinen
Ärger. Seine Verstimmung kehrte sich gegen ihn selbst.
„Lassen wir's gut sein! Ich überspanne die Pflicht der Freundschaft,
wie ich alles überspanne. Ich werde ein andermal anspruchsloser sein,
Fräulein Marga.” Er hatte sich erhoben und verabschiedete sich.
Der Druck seiner Hand kam Marga kühl und abwesend vor. Sie hätte ihn
gern wie sonst nach der Tür begleitet. Aber ihre Kraft reichte nicht
aus.
Als er längst gegangen war, saß sie noch immer reglos und ohne die
Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten Ebenholztisch in der
Glasveranda. Der Regen schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre
Gleichgültigkeit und Öde lähmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte die
Freundschaft zu Ende sein -- was lag ihr noch daran! Sie hatte nicht
anders gekonnt ...
Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser grundsätzlichen
Auseinandersetzung mit der erst vor einigen Wochen geschlossenen
Freundschaft tatsächlich zu Ende. Tag um Tag verging, ohne daß Perthes
sich wieder im Haus am Wenzelsberg sehen ließ. Für Marga war es eine
Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das quälerische Auf und Ab und
Hin und Wider ihres Herzens ermüdete sie so, daß sie bisweilen am
hellen Tag von einem kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde.
Hundertmal wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag
gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt hatten. Jedes seiner
Worte, jedes der ihren wog sie ab und wandte es nach beiden Seiten.
War sie zu schroff gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen
Scheidung von mein und dein die Pflicht der Freundschaft verletzt?
Sie mußte ihm lieblos und egoistisch vorgekommen sein. Er konnte die
Beharrlichkeit nicht verstanden haben, mit der sie ihm ihren Rat
verweigerte. Warum sagte sie nicht ehrlich: Sie irren sich über das,
was Sie brauchen! Sie täuschen sich über sich selbst und über das
Mädchen, das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberfläche,
sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas Gedanken stockten. Es
überfiel sie wie Scham; als hätte sie gesprochen, was sie nicht durfte,
das Geheimnis ihrer Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich
brauchst du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst!
Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine finden helfen --
-- Wie? Sie hätte sich angeboten? Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene
und Einsame! Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort durfte
ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie hatte schweigen müssen.
Die Pflicht, die sie vor sich selbst hatte, war und blieb die höhere,
und wenn sie daran verbluten sollte ...
Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis durchkämpfte -- die
Sorge um Perthes konnte sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem
weiteren Tag, den er fernblieb. Das untrügliche Ferngefühl, das ihre
Seele wie einen Ersatz für die erloschenen Augen in ihr ausgebildet
hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttäuschung über Hilde König
mußte unaufhaltsam über ihn kommen. Vielleicht war sie schon da,
und Perthes war unter den Trümmern seiner hochgestimmten Hoffnungen
niedergebrochen. Maßlos, wie er war, mußte die Ernüchterung alles in
ihm umstürzen. Wohin ihn dann seine Leidenschaftlichkeit trieb -- wer
konnte es ausdenken? Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt.
Sie forschte nach allen Seiten, um unauffällig eine Nachricht über ihn
zu erhaschen.
Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr.
Elli und Käthe lebten und webten in den Vergnügungen des
Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe, zu der die Erlaubnis
dem alten Herrn abgelistet werden mußte, bald ein Stiftungsfest mit
Ausfahrt oder ein verspäteter musikalischer Tee -- eine Neuerung im
gesellschaftlichen Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute.
Begreiflich, daß die beiden jungen Mädchen dabei von ihren Gedanken
und Empfindungen, von „ihren” Herren zu erfüllt waren, als daß sie
auf Doktor Perthes, den man ja doch nirgends traf, geachtet hätten.
Elli wollte ihn in einem weißen Tennisanzug gesehen haben: vielleicht
gehörte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen Mittelpunkt
Fräulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es war dies ein Kreis, der
dem Richthoffschen so fern stand, daß er ihn trotz der akademischen
Beziehungen kaum berührte. Ein andermal berichtete Käthe, Perthes hätte
seine Spaziergänge in der Uferstraße so gut wie ganz aufgegeben. Das
hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehört, die ja dort wohnte. Endlich
war er mit Hilde König eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden.
Lauter Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen
brachten, die sich nicht zusammenreimen ließen, sondern sie nur noch
unruhiger und trauriger machten.
Die dritte Woche war angebrochen.
Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen.
Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf. Käthe bemerkte
gelegentlich zu Marga, die Mediziner wären eben doch „immer”
unzuverlässig. Elli, die aus ihrer Neigung für Wilkens heraus etwas von
Margas Kummer witterte, erklärte, von der altklugen Weisheit Käthes
angesteckt, ein Mann, der sie wegen eines anderen Mädchens nicht
grüßte, wäre ihr so viel wert: sie blies höchst geringschätzig über
ihren Handrücken. Dann schloß sie unvermittelt Marga in die Arme, küßte
sie und versicherte: „Ich, Margakind, ich bin eben doch dein einziger,
getreuester Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht für solche
Bazillengucker!” Der Spaß war harmlos und ehrlich gemeint. Daß er dabei
so herzhaft weh tat, ahnte Elli nicht von ferne.
Und zu guter Letzt ließ sich bei einem Mittagessen sogar der Geheimrat
vernehmen: „Was macht denn dein -- dein -- na, wie heißt er denn? Der
Sparafantel aus Hemsbach, der dich unterrichten wollte?”
Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mußte, fiel dem alten Herrn
glücklicherweise eine Briefschuld an Schlutius in Bonn aufs Herz.
Darüber vergaß er völlig, seine Frage zu erneuern. --
Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte Marga eine
merkwürdige Abneigung bekommen. Als Tag um Tag verstrich, ohne daß
Perthes mit seinem eiligen Schritt die Treppe heraufkam, um sich
neben sie unter die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge
freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung immer aufs
neue trog, unerträglich. Sie zog es vor, die Zeit, in der sie sich
selbst überlassen blieb, in der Geißblattlaube zuzubringen, am Ende des
Blumengartens, dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbäumen führten.
Es war ein besonders warmer, fast schwüler Vormittag, als sie dort, wie
gewöhnlich, saß. Sie hatte eins ihrer Blindenbücher mitgenommen, von
denen sie eine kleine Bibliothek besaß, die zu Weihnachten oder zum
Geburtstag ihre stetige Ergänzung erfuhr. Der große, beleibte Band --
Storms „Schimmelreiter” -- nahm aufgeschlagen beinahe die Hälfte des
Tisches ein. Ihre Finger tasteten von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen
lasen leise mit.
Im Schatten der dichtgewachsenen Blätter, die das Sonnenlicht zu einer
goldgrünen Dämmerung dämpften, saß es sich gut. Die schwermütige
Versonnenheit der Erzählung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele.
Sie war so in ihr Lesen vertieft, daß sie überhörte, wie jemand vom
Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt zurück. Den rosenumrankten
Strohhut, der schief und keck über dem krausen blonden Haar saß, hatte
sie in den Nacken zurückgeschoben, und das erhitzte Gesicht fächelte
sie mit dem Taschentuch.
„Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze --”
Marga sah auf und schob ihr Buch zurück.
„Unausstehlich!” fuhr Elli fort, während sie sich neben sie auf die
Bank setzte. „Du hast's gut hier im Schatten.”
„Wo warst du denn?” fragte Marga.
„Im Bad. Köstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch. Am liebsten hätt'
ich gleich den ganzen Fluß ausgetrunken.”
„Und dann hast du dich so heiß gerannt? Das ist aber töricht,
Kleinchen!” meinte Marga, während sie Ellis Wangen berührte. „Du glühst
ja wie ein Backofen!”
„Ach was, dafür bring' ich dir auch eine Neuigkeit mit! Rate mal, was!”
Marga konnte nichts erraten.
„Es hat sich jemand verlobt,” half Elli. „Schon vor drei Tagen hat es
in der Zeitung gestanden, und wir haben's übersehen. Rate, wer!”
Marga schüttelte den Kopf. „Kenn' ich den ‚Jemand‛ überhaupt?”
„O -- ich glaube wohl!”
„Ist es eine von deinen oder von Käthes Freundinnen?”
„Nein, durchaus nicht. Auch keine von deinen.”
„Wo wohnt sie denn?”
„Am Fluß. In der Uferstraße. Jetzt mußt du doch dahinterkommen!”
Marga schrak unwillkürlich zusammen und erbleichte. „Hilde König?”
fragte sie tonlos.
„Erraten!” rief Elli. „Aber mit wem? Das errätst du noch viel weniger.
Das --” Elli hielt in ihrem lustigen Bericht inne.
Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hände zitterten, und ihr Kopf bog
sich zurück, bis er an der Wand der Laube, zwischen den Blättern einen
Halt fand. Die Augen waren geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft.
Elli war aufgesprungen. Bestürzt schob sie ihr die Arme um die
Schultern.
„Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst du denn? So sei doch
verständig!”
Plötzlich schoß ihr die Erklärung durch den Sinn. Sie erriet, welchen
Namen Marga zu hören fürchtete, und begriff das ganze, ängstlich
behütete, schwere Geheimnis der Schwester.
„Aber nein! nein! nein!” rief Elli und umschlang sie noch fester.
„Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes! Ganz gewiß nicht! Mit einem
Gymnasiallehrer, den du gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben,
Margakind! Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine
Ahnung, daß --” Sie bedeckte sie mit Küssen. Sie war unglücklich, den
Tränen nahe, empört über sich und ihre Plumpheit und verwirrt durch
das Neue, Unerwartete, das ihr die Erschütterung der Schwester zu
verstehen gab.
Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie zitterte noch immer.
Aber sie versuchte zu lächeln. „Wie dumm ich bin!” flüsterte sie.
„So -- schwach zu sein!” Sie richtete sich auf und löste sanft Ellis
Arme von ihrem Nacken. Eine rührende Mischung von Verlegenheit und
Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht.
Elli zog sie aus der Laube. „Komm! Komm! Im Hof ist's jetzt wundervoll
kühl. Da gehen wir auf und ab!” Sie nahm Margas Arm und legte ihn
sich um die Hüfte. Ihr ganzes überströmendes Herz war erwacht. Sie
drängte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an Marga und suchte ihr
teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte Zärtlichkeit auszudrücken.
Obwohl ihr tausend Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrücken
für ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie eine gute
Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga, schweigend im schattigen
Hof auf und ab. Dann drückte sie ihr den Arm. „Ich versteh' dich ganz,
Marga! Du brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen.
Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der Laube sagten
und fühlten, gehört nur uns beiden allein! Ich denke mir nichts und
erinnere dich nie daran. Husch -- ist es fort. Ich weiß nichts mehr
davon!”
Marga schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Elli!” meinte sie ernsthaft.
„Wenn ich mich schon verraten mußte, war's bei dir am besten. Denn zu
dir hab' ich das meiste Vertrauen.” Es war ihr eine Erleichterung, zu
reden. Die Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um gewühlt
hatte, verlangte danach, sich auszuströmen. Erst scheu und zaudernd,
dann tapfer und rückhaltlos enthüllte sie das Geheimnis ihrer Liebe;
wie sie sie entdeckt und niedergekämpft hatte; wie sie sie für immer in
sich verbergen und niederhalten wollte und mußte. Ihr Stolz und ihre
Besonnenheit kräftigten sich wieder, während sie erzählte.
Elli hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glücklich darüber,
Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe zu Wilkens, die ja doch auch,
freilich mit einem größeren Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht
ferne Zukunft baute, wollte die hoffnungslose Entsagung für niemanden
gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer nur angenommen
hatte, Marga müsse ihren Weg durchs Leben allein gehen, so war das
schließlich noch kein unumstößlicher Beweis, daß das Leben es doch
nicht anders wollte. Und als Marga ihr Geständnis beendigt hatte, da
ließ Elli ihrem fröhlichen Optimismus voll die Zügel schießen: nicht
nur aus Mitgefühl, sondern in der ehrlichen Überzeugung und in dem
heißen Wunsch, auch die Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit,
könne und müsse lieben dürfen und geliebt werden. Ihre jugendliche
Phantasie ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und glauben machen
wollte. Und Marga, auch wenn sie ungläubig blieb, hielt sich doch mit
geheimem Entzücken an diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz,
und zumal kein junges, so untröstlich düster, daß es nicht in seinem
verborgensten Winkel mit einem Stäubchen Hoffnung spielte! Mehr und
mehr erschloß sie sich dem Vertrauen, das sich ihr bot. Auch ihre Angst
um Perthes, ihre Sorge, er möchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde
Königs erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli.
Und das Kleinchen riet kühn und praktisch, was Marga selbst sich nicht
zu raten wagte. „Weißt du was? Du mußt ihm einfach schreiben!” platzte
sie siegesgewiß heraus.
„Aber das geht ja nicht!” wandte Marga zaghaft ein.
„Das geht nicht? Warum? Ich -- ich, ja weißt du, ich schreibe natürlich
nie an Wilkens.” Elli wurde ein bißchen rot, weil ihr einfiel, daß sie
doch schon geschrieben. „Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner
soll nun mal nicht an Herren schreiben. Dafür sehen und sprechen wir
uns öfter. Und du -- bei dir ist das überhaupt ein Ausnahmefall! Du
bist ein ganz anderer Mensch als wir. Du kannst dir ruhig das Recht
nehmen. Auch als Freundin! Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du
mußt schreiben, Margakind! Glaub mir, du mußt!”
Vom Eßzimmer klang Händeklatschen. Käthe erschien in der Tür. „Aber wo
steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit! Schnell! Schnell!”
Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch hinterdrein:
„Was ist das für 'ne Wirtschaft! Ich soll wohl die Damen zu Tisch
bitten?”
Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und zu Tisch.
Während des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat zu überlegen. Sie
sah auch den Ausweg, zu schreiben, als den besten an. Die Bedenken, die
ihr Gewissen nicht wegräumen konnte, beschwichtigte Ellis überzeugende
Rabulistik. Überdies streichelte und zupfte das Kleinchen sie heimlich
mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte ihr zu: „Es bleibt dabei.
Du mußt! Gleich nachher!”
Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade bei der
Verschwörung des Parthenius und Stephanus gegen Domitian war,
energisch brummte: „Keine Verschwörungen bei Tisch! Das lieb' ich
nicht, Mamsell Plappertasche!”
Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich Elli und Käthe über
eine selbst zu schneidernde Bluse in die dringendste Unterredung, der
eine weitläufige Anprobe folgen mußte.
Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte Besichtigung auf
Unkraut und Schnecken vorzunehmen, ehe die Sprechstunde begann. Eine
Sprechstunde, die jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde
überging, wovon jedoch niemand etwas wissen durfte.
Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube oben den großen
Schritt zu wagen.
Eine Weile saß sie unschlüssig vor ihrem Briefbogen. Allerhand
Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es war doch immerhin furchtbar
schwer und ungewöhnlich, daß sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann
überwand ihr natürlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten. Was
hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefühls und der peinigenden
Ungewißheit über des Freundes Zustand zu bedeuten! Sie setzte Punkt an
Punkt und schrieb, wie es das Herz ihr eingab:
„Lieber Herr Perthes!
Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit einigen Zeilen zu
Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge um Sie. Wenn Sie ihr noch böse sind,
weil sie Ihnen neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt
Gelegenheit, ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen zu reden.
Mir ist, als könnte ich Ihnen ein ganz klein wenig helfen, wie es die
Freundschaft soll und muß.
Marga Richthoff.”
Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie übernahm es, die Adresse
zu schreiben.
Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte mit dem Hochgefühl,
bei einer Großtat mitgeholfen zu haben, den Brief an der nächsten Ecke
in den Kasten.
5
Fräulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin, war an allerhand
Logiergäste gewöhnt.
In den fünfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie das schmale,
dreistöckige Haus auf der Altstadtseite des Flusses besaß, hatte
sie es längst aufgegeben, an ihre Mieter andere als sehr allgemeine
Anforderungen zu stellen. Sie mußten leidlich pünktlich bezahlen. Sie
durften ihre Möbel nicht kurz und klein schlagen. Sie mußten ihre
Liebschaften vor der Tür lassen. Das waren die goldenen Grundregeln
des langen, dürren Fräuleins mit dem wachsgelben Gesicht unter den
plattgeklebten, grauschwarzen Haarsträhnen und dem Spitzenhäubchen, mit
den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen Matinee,
von der man sich, so sauber sie war, niemals denken konnte, daß sie
neu gewesen. Was über die Grundregeln ging, mochten die Herren mit
sich selber ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr Müller
bis Mittag hinter seiner Tür schnarchte; wenn Herr von Maier, ein
Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder in alkoholischer Benommenheit
auf der Treppe schlief; wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster
hinausbaumeln ließ, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider
und Wäsche wie Kraut und Rüben im Zimmer durcheinanderstreute. All das
ertrug und ordnete sie mit ergebenem Gleichmut. Ihre stille Genugtuung,
ihr sittlicher Halt war das eine, daß sie nicht so, daß sie besser war.
Nicht nur als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen
ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen stereotypen
Frömmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde versäumte.
Es mußte mit einem ihrer Mieter schon seine ganz besondere Bewandtnis
haben, wenn Fräulein Eschborn sich zu wundern oder gar zu beunruhigen
anfing.
Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf Nummer eins -- so hieß
die luftige Stube im dritten Stock mit der wie ein Vogelnest unters
Dach geduckten Veranda -- eingetreten. Er war nämlich seit drei Tagen
nicht zurückgekehrt.
Am ersten Tag hatte das Fräulein gedacht, er schliefe. Es gab welche,
die schliefen vom Abend bis zum Abend und die folgende Nacht durch.
Solche Exemplare kamen vor. Wenn sie kein Frühstück und sonst nichts
begehrten, so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag klopfte
die Eschborn an die Tür. Dreimal hintereinander. Als kein „Herein!”
ertönte, überwand sie ihre jungfräuliche Scheu, klinkte, fand die Tür
offen und steckte den Kopf mit dem Spitzenhäubchen schnüffelnd in die
Stube. Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklärte, drang sie gegen den
Alkoven vor. Das Bett stand unberührt. Fräulein Eschborn schüttelte den
Kopf. Am dritten Tag wiederholte sie dasselbe Manöver mit demselben
Erfolg. Diesmal hielt sie ein kleines Selbstgespräch, öffnete ein
Fenster und sah ziemlich verdutzt auf den Fluß hinunter. Ihr Gleichmut
wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen durch, aber er ließ
sie im Stich. Anno 1903 war einer gewesen, der auf zwei Tage zu
Verwandten gereist war, ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer,
ein russischer Chemiker, vom Laboratorium weg plötzlich in die Klinik
gemußt, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb Tagen
nach Wäsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten ihres Mieters
von Nummer eins überhaupt kannte, war er nicht der Regelmäßigste.
Trotzdem -- das ging über alles Dagewesene -- drei Tage spurlos
verschwunden! Fräulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen an.
Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch. Keine war verletzt. Aber die
erste vom Bezahlen schien jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor
sich französisch verabschiedet haben? Dagegen sprach, daß er sein Hab
und Gut, sogar Mantel, Stock, die nötigsten Dinge, zurückgelassen
hatte. Doch -- mochte es sein, wie es wollte -- sie entschloß sich, an
Aufklärung zu denken.
Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn sie entsann sich,
daß Perthes von dort einmal den Diener gesandt hatte.
Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent, noch Professor
Hammann, wußte etwas von seinem Verbleib. Markwaldt hatte nur die
tröstliche Auskunft: „Das verdrehte Huhn wird wieder mal seinen
Laufkoller gekriegt haben!”
Fräulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf dem Rückweg ins
Café Wagner, wo ihr Mieter zu essen pflegte. Der Doktor war dort seit
vier Tagen nicht gesehen worden.
Die Angelegenheit komplizierte sich.
Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Fräulein mit Perthes'
Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht. Der gab ihr auf Grund
seiner juristischen Kenntnisse den Rat, auf die Polizei zu gehen.
Diesen äußersten Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden
Morgen. Ihr zwar erschütterter, aber noch immer achtungswerter
Gleichmut sträubte sich gegen solche Exzentrizitäten. Auch hielt sie
die Polizei für die natürliche Feindin aller anständigen Menschen.
Und ihr Gleichmut behielt recht.
Am folgenden Morgen, als sie in der Küche die nötigen Liter Wasser mit
einem Aufguß von Kaffeebohnen und reichlicher Zichorie versetzte, wurde
die Tür aufgestoßen, und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der
mehr als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut saß wie ein
Fetzen über den zerzausten Haaren, und das Gesicht starrte blaß und
übernächtig aus dem wirren Bart. Die weißen Sportschuhe waren über
und über mit einer Kruste von Schmutz bedeckt. Der weiße, leichte
Tennisanzug hatte sich grau und braun meliert.
Fräulein Eschborn prallte erschrocken zurück. Sie wollte eben
versichern, daß sie im Lokalwohltätigkeitsverein sei und keinen Pfennig
gebe, als der Doktor rauh und herrisch nach Kaffee verlangte.
Sie faßte sich. Ohne eine Frage zu wagen, goß sie ihm eine Tasse ein.
Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine zweite. Mit einem
barschen „Bin für nichts und niemand zu sprechen!” machte er kehrt und
stieg die Treppe hinauf.
Fräulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen über die
Erscheinung nach. Sie schüttelte auch noch ein letztes Mal den Kopf.
Dann war sie froh, daß keine Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich
in ihre jungfräuliche Selbstgerechtigkeit zurück und legte den Fall zu
den Akten ihrer Erfahrung.
Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem er die Schuhe in eine
Ecke geschleudert, wie er war, auf sein Bett. Völlig erschöpft fiel er
in einen bleischweren Schlaf.
Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender Donnerschlag.
Er richtete sich auf und rieb sich die Augen. Draußen schoß der Regen
in langen, glitzrigen Fäden hernieder. Fahle Wolken schoben sich
träge über und an den Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll
erquickend durchs offene Fenster herein.
Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die letzten Tage zurück.
Er setzte die Geschehnisse, eines ums andere, in seinem Gedächtnis
zusammen. Wie ein wunderseltener, tausendstrahliger Kristall, der
mit jeder Stunde an Wert und Schönheit wuchs und sein Verlangen
steigerte -- so war die Liebe zu Hilde König, der kindlichen,
poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie groß geworden. Alles
außer ihr war vergessen und versunken. Seine sich übersteigernde
Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn nah und näher an das
schimmernde Gebilde. Er streckte die Hände danach aus: da war es eine
buntschillernde Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr.
Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga seine Liebe zu Hilde
König anvertraut, keinen Rat erhalten hatte und ganz auf sich selbst
verwiesen worden war, hatte er einen letzten Versuch gemacht, die
Leidenschaft, die ihn verzehrte, von sich abzuschütteln. Er zerpflückte
seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, daß er sich in einen
Wahn hineingefühlt und hineingeredet hatte. Diese Liebe existierte so
wenig, noch weniger als die Freundschaft, die eben erst so jämmerlich
versagt hatte.
Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst Abend für Abend getan.
Er wich Hilde König aus, wenn er ihr begegnete.
Um die törichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen, gab er
sogar dem bisher erfolglosen Drängen Markwaldts nach und ließ sich in
den akademischen Tennisklub einführen. Der freie, flotte Ton, der da
herrschte -- so recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen
Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises --
bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld. Mit ihrer biegsamen
Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht, das herausfordernd aus einem
leuchtenden Gewirr rotblonder Haare sprang, behexte sie die Herren
und begeisterte die jungen Damen als Ideal eines schicken Mädels.
Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt, bald geärgert.
Er spielte mit Fräulein Exzellenz, wie sie mit ihm und mit aller Welt
spielte. Nichts zu ernst nehmen, war ihre Devise, und diese Devise
schien ihm wie gemacht für seine eigene erzwungene Stimmung ...
Dann kam plötzlich der Rückschlag.
Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Märchen am Flußufer
fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu beglaubigen, hatte
er eines Abends wieder den gewohnten Gang gemacht. Hilde König war
nicht auf ihrem Balkon. Sie plauderte mit einem der Herren des
Ruderklubs unter der Haustür. Bei näherem Zusehen erkannte Perthes den
Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferböschung aus mit der
Schalltube zu kommandieren pflegte. Aller Vernunft zum Trotz wurde er
von plötzlicher toller Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war
seine Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim, zwischen
seinen vier Wänden, tobte er mit erregten Schritten auf und nieder.
Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung herbeiführen um jeden
Preis. Dies Hundeleben von Zweifeln und Kämpfen durfte nicht von vorn
anfangen. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief
von vielen Seiten. Seine nervösen, unverbundenen Buchstaben flogen über
das Papier wie ein Schwarm aufgescheuchter Krähen. Sich selbst, seine
Natur mit ihren Fehlern und Vorzügen, seine Lebensauffassung, seine
Gedanken über die Frau und über die Ehe, seine Aussichten im Beruf
legte er in einem gewichtigen Referat nieder, wie es ein Beamter in
ernstester Sache an seinen Ressortchef schreibt. Seine Gefühle faßte
er volltönend zusammen: es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem
machen konnte, was er sein wollte -- Hilde König. Daß er sie verehrte
und liebte, mußte sie längst erraten haben; daß er ihr nicht völlig
gleichgültig wäre, glaubte er jenem Blick und diesem Wort entnehmen
zu dürfen. In einem kurzen Schlußsatz bat er deshalb allen Rechtens
um ihre Hand. Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern
sprechen ...
Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie erlöst.
Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger
Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens von Post zu Post,
des Hangens und Bangens von Morgen zu Abend und von Abend zu Morgen.
Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches Briefchen
von lila Farbe, das Monogramm H. K. auf dem Rücken.
Er riß es ungestüm auf.
Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier oder fünf mit
Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde kleine Ufermädchen
schrieb, es sei über seinen Antrag außerordentlich betroffen und
erschrocken; es hätte nie an so etwas gedacht und könne, jung wie es
sei, auch heute noch nicht ernstlich daran denken ...
Perthes war starr vor Überraschung.
Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als müßte er die
eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief erst noch finden. Daß er
die ganze Erwiderung auf sein mit der Gründlichkeit eines Psychologen,
dem Ernst eines gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wärme eines
Liebenden geschriebenes Schriftstück in Händen halten sollte, begriff
er erst im Verlauf von Stunden. Als er nicht mehr zweifeln konnte,
zerriß er das Billettchen mechanisch in hundert Schnitzel und ließ sie
aus dem Fenster flattern.
Im Zustand öder Empfindungslosigkeit verbrachte er eine Woche oder mehr.
Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Café Wagner den städtischen
Anzeiger durchblätterte, fiel ihm eine liebevoll umzackte,
schöngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde König und Professor Enderlein
empfahlen sich als Verlobte.
Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der siebenten Lesung
lachte er so laut und schallend, daß die Leute an den Nachbartischen
ihn mißtrauisch anschielten, als hätten sie es mit einem Ausbruch
plötzlicher Verrücktheit zu tun. Er hatte die Situation zu
begreifen begonnen: der ernsthaftere und gediegenere Antrag des
Gymnasialprofessors mit der Schalltube war geahnt worden, aber noch
nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche Lilabriefchen
verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen Zwecke. Und als ...
Perthes zog es vor, das Café zu verlassen, um nicht noch einmal der
Gegenstand bedauernd-ängstlicher Blicke zu werden.
Auf der Straße lachte er von neuem. Es klang dumpfer, härter,
verbissener.
Er schwänzte am Nachmittag das Institut. Gegen fünf warf er sich
in sein Tenniskostüm und schlenderte den Fluß entlang, nach den
Spielplätzen. Noch war er nicht an der Brücke vorbei, als seine
künstliche Haltung zusammenbrach. Ein Sturm von Ekel, Verachtung,
Schmerz und Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen,
ein Haß gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt, gegen das
ganze jämmerliche Erdendasein drohte ihn zu ersticken. Statt nach
den Tennisplätzen lief er bis zum nächsten Dorf in der Ebene. Dann
wieder bergwärts. In irgendeinem Wirtshaus an der Straße nächtigte er.
In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett leihweise
mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich besinnungslos in den
Bergen umher. Durch maßlose Anstrengungen suchte er den Aufruhr in
seinem Innern abzumüden. Sein überreizter Kopf spielte mehr als einmal
mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm ein, die
schöngezackte Verlobungsanzeige. Das Lächerliche, Niedrig-Komische, das
in dieser Lösung einer von ihm bis in den Himmel gesteigerten Liebelei
lag, bewahrte ihn vor der äußersten Torheit. Der „Laufkoller”, wie
Doktor Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes einer
seelischen Unmäßigkeit durch eine körperliche Herr zu werden strebte,
tat seine Schuldigkeit. Bis auf den Tod erschöpft, apathisch, innerlich
und äußerlich abgerissen, kam er in Fräulein Eschborns Mietshaus zurück
...
Jetzt hatte er seine böse Wanderschaft ausgeschlafen wie einen Rausch.
Was nachkam, war auch die grenzenlose Ernüchterung des Rausches.
Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster.
Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der Fluß zwischen
einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor. Die Sonne rang sich mit
dunkelgoldenem Glanz aus dem abziehenden Gewölk, glitzerte sanft auf
den Wellen und leckte die Dächer trocken. Die abendliche Luft in ihrer
wiedergewonnenen Reinheit wehte kräftig gegen ihn.
Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider. Als gelte
es, mit dem körperlichen Menschen auch den seelischen reinzuscheuern,
überschwemmte er sich und die halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich
von Kopf bis zu Fuß umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in den
rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, kühler Klarheit hielt er
Kritik über sich und sein Dasein in den letzten Jahren. Wenn er alles
Drum und Dran an aufgeputzten Gedanken und verstiegenen Gefühlen abtat,
erschien er sich wie ein großer, unreifer Junge, der mit den Gliedern
seines Leibes so wenig anzufangen wußte wie mit den Fähigkeiten seines
Geistes und darum beide mißbrauchte. Er war kein Mann. Mochte er sich
vormachen, was er wollte: dem bißchen Leben, das da auf ihn zugekommen
war, um ihn zu prüfen -- dieser Verliebtheit und ihrer Enttäuschung
hatte er seinen Mann nicht gestellt. Wie ein Junge -- jawohl, wie ein
Junge hatte er in ohnmächtiger Wut den Boden gestampft, geschrien,
geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung
erfaßte ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit, eine zerknirschte
Beschämung, ein hoffnungsloses Gefühl des Verlassenseins. Er wie kein
anderer gehörte zu den Männern, deren Schicksal sich an den Frauen
entscheidet. Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klärung, Halt,
sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu Wissenschaft
galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens und nicht dem Wissen. Er
konnte nicht allein sein, weil er allein nicht mit sich fertig wurde.
An einen Menschen außer sich mußte er sich klammern können, um seiner
eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mußte weiter suchen und würde
doch nur immer irren. Sein zufassendes Temperament, das stets zuerst
das Ziel begehrte, ermattete vor der trostlosen Ziellosigkeit einer
ewigen Irrfahrt. Die Erschlaffung des Herzens löste die des Körpers
ab. So allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt und zur
Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte er gewonnen, und im
gleichen Augenblick, wo sie sich ihm gab, drückte sie ihn zu Boden.
Es hatte an die Tür seines Zimmers gepocht, ohne daß er darauf geachtet.
Das Klopfen wurde wiederholt, und Perthes rührte sich nicht. Er hatte
ja gesagt, daß er nicht gestört sein wollte. Vergeblich drückte der
Einlaßbegehrende die Klinke nieder. Die Tür war verschlossen. Ein
unwilliges Brummen ließ sich von draußen hören. Dann erfolgte ein
Rascheln auf der Schwelle, und durch die Spalte unter der Tür schob
sich ein Brief.
Der Briefbote stapfte laut die Treppe wieder hinunter.
Bei dem raschelnden Geräusch hatte Perthes unwillkürlich den Kopf nach
der Tür gewandt. Er sah den eingeklemmten Brief.
Der konnte warten.
Schließlich erhob er sich doch und nahm ihn auf.
Die Adresse war in einer kecken, schnörkellustigen Damenhandschrift
hingeworfen, die er nicht kannte. Nachlässig öffnete er das Kuvert. Ein
Bogen mit Blindenschrift fiel ihm entgegen.
Marga Richthoff stand mit Bleistift, schief, aber in sicheren Zügen
unter den Punkten.
Halb neugierig, halb mißtrauisch las er die Zeilen.
Er legte das Blatt auf den Tisch, stützte die Arme auf und beugte sich,
den Kopf zwischen die Hände fassend, darüber.
Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kümmerte.
Seltsam!
Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er überlegte. In den letzten
Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht. Wenn sie einmal vor ihm
auftauchte, drängte er sie in dem Mißbehagen über die unerfreuliche
letzte Begegnung beiseite. Vollends in den Tagen seines unsinnigen
Umhertreibens war sie für ihn wie ausgelöscht gewesen.
Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach und gerade waren,
ein eigentümlich beruhigendes, warmes Gefühl auf ihn über. Er verglich
diese Zeilen im Geist mit dem nichtssagenden Billett von Hilde König,
das seine Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor ihm
auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren Sonne verklärte
Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen, ihre sanfte Bestimmtheit
in Wort und Ton. Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem
anspruchslosen zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt zu
sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem Stückchen Papier,
den paar Punkten und den paar Buchstaben des Namenszuges ihre Leitung
gefunden, wirkte ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die große, reife
Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum hatte er sie nicht
früher so klar erkannt wie jetzt? Warum hatte er ihr nicht fester
vertraut? Warum hatte er sich so schnell abkühlen lassen und war
nicht zu ihr gegangen, statt sich närrisch und kindisch auszutoben?
„Ihre Freundin ist in Sorge um Sie” -- das waren die Worte, die er
sich wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm helfen; sie
hatte nicht wissen können, wie schwach er war, als sie ihn auf sich
selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen hatte sie ihm geholfen! Ein
Hauch des Friedens, nach dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war
nicht ganz allein. Der Druck der Einsamkeit wich, und dafür wuchs eine
leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch das Bewußtsein,
Marga unrecht getan, sie verkannt, sie noch nie in ihrem vollen Wert
geschätzt zu haben, zu einer Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er
mußte ihr etwas Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung,
seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war, mußte er es gleich
tun, gleich -- es duldete keinen Aufschub! Er hatte sie lange genug
vernachlässigt!
Eine Minute später stürmte Perthes die Treppe hinunter, die er am
Morgen erschöpft heraufgekrochen war. Im Hausflur hätte er um ein Haar
Fräulein Eschborn umgestoßen, die ihren Augen nicht traute, als der
Doktor mit freundlichem Kopfnicken, vergnügt und tadellos gekleidet,
an ihr vorbeischoß. Kein Zweifel -- der Mieter von Nummer eins gehörte
einer Spezies zu, die ihr doch noch nicht vorgekommen war.
Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nächsten besten
Blumengärtner in den Laden. Er wollte Rosen haben. Rote? Nein. Rote
paßten nicht. Weiße? Die hatten etwas Trauriges. Rote und Weiße, so
ungefähr einen Armvoll.
Mit dieser Bürde eilte er nach der Straße am Wenzelsberg.
Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb nicht, daß
unterschiedliche Spaziergänger, die ihm begegneten, über sein blindes
Rennen und über seinen Arm voll Rosen die Köpfe schüttelten. Er sah
auch Alice Hupfeld nicht, die, vom Sportplatz zurückkehrend, wo man der
Nässe wegen doch nicht hatte spielen können, mit Markwaldt an einer
Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick eine vieldeutige Grimasse
schnitt. Erst in der Nähe des Richthoffschen Hauses verlangsamte er
seinen Lauf.
Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel er sich entsinnen
konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs Abendbrot gegessen wurde. Dann
blickte er auf seine Rosen. Eigentlich -- genau genommen -- das, was er
wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr entgegenkam? Wenn
-- und wenn ... Ein Wenn ums andere verzögerte seinen Schritt.
Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten, über der Mauer, hinter
der geflochtenen Eisenbalustrade. Er ging auf die andere Seite der
Straße. Da saß richtig jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie
hatte sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte den
Kiesboden leidlich getrocknet, und sie genoß die regenfrische Luft. Als
er sie gewahrte, sank ihm erst recht der Mut. Die Scheu, nach dem, was
er eben erst hinter sich hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt
ihn unschlüssig zurück. Sollte er umkehren? Bis morgen warten?
Ratlos wandte er den Blick hinter sich, die Straße hinunter.
Leicht und schnell kam ein junges Mädchen um die Ecke der nächsten
Seitenstraße, in einer duftigen weißen Bluse.
Es war Elli.
Mit ein paar Schritten war Perthes bei ihr. Er grüßte: „Wollen Sie mir
einen großen Gefallen tun, Fräulein Richthoff?” fragte er hastig und
ohne Umschweife.
Elli sah ihn aus schalkhaften Augen verwundert, ein klein wenig
spöttisch an.
„Bitte, geben Sie das Fräulein Marga!” Er reichte ihr seinen Bund von
weißen und roten Rosen.
„Aber, sie sitzt ja dort!” lachte Elli. „Bringen Sie ihr's doch selbst!”
„Das geht nicht! Nein, nein --” wehrte Perthes und drängte ihr den
Strauß in die Hände.
„Und was soll ich bestellen?”
„Gar nichts, oder doch --” Er überlegte. „Doch, sagen Sie -- sagen
Sie, dem Freund sei geholfen! Er danke der Freundin!” Und als fürchte
er irgendwelche Einwände, schwenkte er seinen Hut und machte sich
schnurstracks davon.
Elli besann sich nicht lange. Das Haustor erreichen, die Stufen
hinaufspringen und auf Marga zueilen, war eins.
„Da, Margakind, da!” Sie schob den duftenden Strauß der Schwester so
heftig entgegen, daß diese betroffen zurückfuhr.
„Aber was ist denn nur?” stammelte Marga.
„Von Doktor Perthes!” erklärte Elli außer Atem und triumphierend. Dann
wiederholte sie getreu seine Worte: Dem Freund sei geholfen. Er danke
der Freundin!
Und Marga ergriff das lockere volle Gebinde mit zitternden Händen. Sie
vergrub ihr Gesicht tief, tief in die roten und weißen Rosen ...
6
Es war erst Anfang Juli und noch vier Wochen bis Semesterschluß.
Trotzdem hatte Vater Richthoff, unerwartet und überraschend,
beschlossen, zu reisen. Er brach seine Vorlesungen und Seminarübungen
ab. Als ausgemachte Sache verkündigte er seinen Mädels, daß er nach
Kissingen fahre. Käthe solle ihn begleiten. Es war Mittwoch. Bis
spätestens Montag müsse man fahren können.
Kein Wunder, daß dieser allerhöchste Ukas das Haus am Wenzelsberg von
oben bis unten umkehrte. Die Mädels hatten, zum mindesten in der Idee,
so viel zu tun, daß sie gar nicht wußten, wo anfangen. Es galt nicht
nur tausend Dinge zu besorgen, sondern, was noch viel zeitraubender
war, zu bereden. Nach den Gründen zu forschen, die den jähen Aufbruch
des alten Herrn veranlaßten, getrauten sie sich nicht.
Diese Gründe würde der alte Herr auch keinesfalls verraten haben. Sie
waren ihm selbst erst zwei Tage vor dem Entschluß einleuchtend gemacht
worden. Und zwar vom Arzt. Seine „Bande” brauchte von der fatalen
Vorgeschichte nichts zu wissen.
Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend gewesen. Da pflegten
sich der Geheimrat, Wilmanns, Borngräber und einige Freunde von
verschiedenen Fakultäten gemütlich in einer bejahrten Schenke am
Haspelgraben zu treffen und ihrer wissenschaftlichen Übersättigung
im Kegelschieben Luft zu machen. Außerdem wurde auch das Neueste
vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert und glossiert. Nur
so nebenbei, aber mit vernichtendem Witz. Jede Fakultät hatte dafür
ihren Spezialisten. Den Klatsch der philosophischen bearbeitete Papa
Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller, ein Epikureer mit
ehrwürdigem Faungesicht, sehr pikant zum besten. Der theologische
troff süß und lieblich aus dem sanften Mund des Professors Hegewald,
eines beliebten Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt;
den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte Krausewetter, ein
dicker, sehr cholerischer Herr, der alle Entdeckungen anderer schon
lange vorher gemacht und nur, da sie ihm nebensächlich erschienen
waren, verschwiegen hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit
trockenem, sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nüchternen,
bescheidenen Zurückhaltung der wandelnde Gegensatz seines Kollegen
Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen Exzellenz, die, erhaben
über das kegelnde Banausentum, ihre eigene, nicht minder einflußreiche
Sphäre hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben.
Dafür sorgten gutmütige Brummgeister wie Richthoff und naive
Kindergemüter wie Jakobus Borngräber. Aber man verschonte auch niemand.
Auch sich selber nicht.
Hier ereignete es sich nun, daß Vater Richthoff mitten im Spiel von
einer Unpäßlichkeit befallen wurde. Professor Kreth, der liebenswürdige
Direktor der Universitätsbibliothek, hatte gerade den klassischen
Ausspruch eines norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken
wären herrliche Institute, wenn nur das verdammte Publikum nicht wäre!
Die Heiterkeit war allgemein. Richthoff trat als nächster Spieler
an. Ehe er noch die Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel
befallen, schwankte und mußte von den besorgten Freunden geführt und
niedergesetzt werden.
Geismar sprang sofort bei.
Etwas Äther, ein Glas Kognak genügte, um den alten Herrn wieder zu
ermuntern. Er schlug die Augen auf. Als er sich dann von lauter
verdutzten Gesichtern umgeben sah, lächelte er. „Na, mein lieber
Hegewald,” scherzte er dem Theologieprofessor zu, „mit der schönen
Grabrede ist es diesmal noch nichts!”
„Ein Racheakt, Kollege Richthoff!” erklärte der gleich wieder spaßende
Wilmanns. „Ein ganz infamer Racheakt Ihrer römischen Kaiser, sage ich
Ihnen!”
„Ohne Zweifel,” meinte Geismar ernsthafter, während er Richthoff
forschend beobachtete, „Sie müssen in den letzten Wochen des Guten
zuviel getan haben.”
Borngräber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert aus dem
krausbärtigen Gesicht sah, rezitierte tiefsinnig aus dem Arabischen:
„Keine Krankheit ist schlimmer als Unverstand.”
„Ach was! Diese verwünschten Prätorianer werden mich noch lange nicht
kleinkriegen. Noch weniger als der brave Nerva!” Vater Richthoff
stand auf, reckte sich, zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe,
zum Zeichen, daß er sich pudelwohl fühle, und kommandierte: „An die
Gewehre!”
Mit voller Kraft schob er seine Kugel.
Der Zwischenfall war erledigt.
In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf Uhr, und ging nach
einem letzten Schoppen und einer vorletzten Zigarre angeregt heimwärts.
Geismar, der in der Neustadt wohnte, schloß sich auf dem Nachhauseweg
Richthoff an und begleitete ihn bis vors Haus. Um sich noch
auszulüften, wie er vorgab. „Haben Sie schon öfter mal solche kleinen
Klapse gehabt, Kollege?” forschte er beiläufig vor dem Abschied.
„Nicht daß ich wüßte!” erwiderte der alte Herr. „Hat ja wohl auch
nichts Großes zu bedeuten?” warf er nach einer Weile im Ton der Frage
hin.
„Glaube kaum,” meinte Geismar. „Aber für alle Fälle, lieber Richthoff,
machen Sie mir mal morgen das Vergnügen und kommen Sie zu mir.”
„Womöglich gleich in die Klinik?” scherzte Richthoff abwehrend.
„Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fünf Uhr. Auf einen
Sprung.”
Der alte Herr wollte nichts davon wissen.
Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher Bestimmtheit zu, daß
er, der vorgerückten Stunde wegen, versprach, die Sache in wohlwollende
Erwägung zu ziehen.
Der alte Herr dachte ursprünglich durchaus nicht daran, Geismars
Einladung nachzukommen. Aber er schlief schlecht, und gegen Morgen
stellten sich erneute Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft,
bei seinen Jahren und angesichts der großen Arbeit, die noch vor ihm
lag, möchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten. Er stellte sich
also am Nachmittag bei Geismar ein. Was dieser schon bei dem gestrigen
Anfall vermutet hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich
vorgeschrittene Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff
nichts, sondern empfahl ihm nur für die Zukunft ein bißchen Diät:
weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen. Vor allem aber und
sofort eine mehrwöchige Ausspannung. Womöglich mit einer leichten Kur
in Kissingen. Später Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen natürlich!
Vater Richthoff gehörte zu den Naturen, die sich unangenehme
Aufklärungen, wenn sie ihnen nicht gerade aufgezwungen werden, gern
ersparen. Deshalb interessierte es ihn nicht weiter, auf was Geismar
diagnostiziert hatte. Er gab sich damit zufrieden, daß er, wie alle
älteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren dürfte. Der
erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig. Er fühlte sich
auch geistig etwas erfrischungsbedürftig, zumal da er die ersehnte
Italienreise in diesem Frühjahr sich immer noch nicht vergönnt hatte.
Trotzdem wetterte er über die Ratschläge seines ärztlichen Kollegen.
Doch der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfällen des alten
Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken und sie durch kluges
Zureden in eine ganze zu verwandeln.
Der Erfolg blieb nicht aus.
Am Mittwoch früh, nachdem der Geheimrat die Sache noch einmal
beschlafen, erfolgte der bekannte Frühstückserlaß: „Will am Montag mit
Käthe für ein paar Wochen nach Kissingen. Später vielleicht Schweiz.
Das Erforderliche vorbereiten!” --
Käthe war erfüllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil wurde. Der
alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist allein zu machen. Es waren
vorzugsweise Studienreisen gewesen, aber auch wenn er auf Erholung
reiste, legte er nachdrücklichen Wert darauf, die „Weiberwirtschaft”
los zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte er diesmal
anders entschieden, und Käthe kam denn auch ihrer Aufgabe, „das
Erforderliche vorzubereiten”, mit all dem peinlichen Eifer und der
geschäftigen Wichtigkeit nach, die einen wesentlichen Zug ihres
Charakters ausmachten.
Für Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte, war es
gar nicht so leicht, diese schwesterliche, etwas herbe Überlegenheit
zu ertragen. Marga, glücklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer
Freundschaft mit Perthes, der wie in früheren Tagen ungezwungen im
Hause aus und ein ging, fügte sich geduldig. Aber zwischen Elli und
Käthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen und hochroten
Köpfen.
Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, daß die beiden Jüngeren,
die durch Margas Geheimnis noch besonders verbunden waren, sich um
so enger zusammenschlossen. Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen
Sommerpläne, denn etwas mußte ihnen Papa doch auch zugestehen! Wenn
Käthe eine so „erwachsene” Reise mit ihm machen durfte, erst ins Bad
und dann womöglich noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz
leer ausgehen. Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre
Sommerfrische haben. Sie mußte aber möglichst nahe sein, denn Haus und
Garten mußten überwacht werden können. Und sie sollte so bescheiden und
billig sein, als sie sich nur finden ließ. Das verstand sich von selbst.
Nach längeren parlamentarischen Verhandlungen wurde das von Marga und
Elli ausgearbeitete und höchsten Orts vorgelegte Projekt genehmigt: die
beiden sollten Mitte des Monats für einige Wochen in der „Sägemühle”
Quartier nehmen. So hieß ein bekanntes kleines Gasthaus, eine Stunde
flußaufwärts von der Stadt -- „an Wald und Wasser lieblich gelegen”,
wie es in den Prospekten hieß. Daß sie, vertrauensvoll sich selber
überlassen, keine Dummheiten machen durften, das wollte Vater Richthoff
sich ausgebeten haben! Dafür waren sie seine Töchter und alt genug,
um zu wissen, was sie tun und lassen mußten. Im übrigen wurden für
alle Fälle die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft
betraut.
Bis Sonntag hatte Käthe mit Hilfe der Schwestern alle Vorbereitungen
getroffen.
Die kleinen Zänkereien waren vergessen, die drei Mädchen befanden
sich in einer friedfertigen, durch den Abschied und die lockenden
Sommerpläne teils wehmütig, teils heiter erregten Stimmung: sie
gingen Arm in Arm durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein
warmer, sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken
flutete vom Tal die grünen Berghänge hinauf. Nachmittags -- die
Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer des Geheimrats stand
noch eine Riesenhandtasche, die jederzeit in ihren offenen Schlund
wahllos die unglaublichsten Zettel und Broschüren von dringendster
Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte -- nachmittags gab es noch einen
lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff mit seiner Anwesenheit
auszeichnete. Er war so aufgekratzt wie selten, voll kindlicher Freude
auf die bevorstehende Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er
ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher Munterkeit
am Werfen und Treffen der bunten Holzkugeln, die er vor Jahren aus
Italien mitgebracht hatte. Elli und Marga ließen sich von seiner
Fröhlichkeit anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr oder minder aufs
Geratewohl die Kugeln schleudern mußte, einen Treffer machte, gab es
ein lautes Hallo des Beifalls.
Käthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wälzte in ihrem gründlichen
Köpfchen, unter der dunkelbeschatteten, herrisch-aufrechten Stirn seit
einigen Stunden eine Aufgabe, die sie auf den letzten Tag verschoben
hatte, weil sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden
hatte, sie auszuführen.
Sie mußte nämlich noch mit Marga reden. Aus einem ganz bestimmten
Grund. Es galt, der Schwester gegenüber eine Pflicht zu erfüllen, die
ihr auf dem Gewissen lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des
Hauses. Sie fühlte sich für alles und jeden verantwortlich. Und für
Marga noch im besonderen.
Eine Aussprache -- Käthe war eine Meisterin in „Aussprachen” -- war
unvermeidlich. Sie faßte sich indessen erst nach dem Abendbrot ein Herz.
Während Elli für Vater Richthoff dies und das, was ihm jetzt erst als
Neuestes und Wichtigstes einfiel, herbeiholte, nahm sie Margas Arm und
lud sie zu einem Gang auf den Weinberg ein.
Einträchtig stiegen sie aufwärts, da und dort an den Stachelbeerbüschen
und Johannisbeersträuchern im Vorbeigehen naschend.
Käthe schmiegte sich mit einer Zärtlichkeit an Marga, wie sie ihrer
herberen Art sonst nicht eigen war.
Marga ahnte nichts. In ihrer Seele war, zumal jetzt, wo die Trennung
ihre Empfindungen mit einer zarten Melancholie begleitete, kein Platz
für Argwohn oder Mißtrauen. Noch nie war sie so sicher im Gefühl ihrer
inneren Unendlichkeit und ihrer äußeren Begrenztheit gewesen wie
in diesen Tagen, die ihr die Freundschaft mit Perthes vertieft und
bereichert wiedergeschenkt hatten. Noch nie hatte aber auch ein Mensch,
geschweige ein Mann, sie so in ihrem eigensten Wesen geachtet, wie er
es jetzt tat und in jedem Wort, jeder Handlung ausdrückte. Das gab ihr
eine zufriedene Heiterkeit, die sie wärmte und von innen nach außen
verklärte.
Sie waren jetzt auf dem Philosophenweg angelangt. Atemholend nach der
Steigung, schritten sie langsam in dem Laubengang von einem Ende zum
anderen. Die Sonne lugte noch golden durchs wilde Reblaub. Von weiter
unten im Garten, wo es unmerklich dämmerte, hörte man vorlaute Grillen
zirpen und wieder verstummen.
Käthe fand den Moment gekommen, um ihr Anliegen vorzubringen. Die
Überlegung hatte ihr feinliniges Gesicht etwas verschärft, die Erregung
es leicht gerötet. Sie strich sich über die Stirn und das wohlgeordnete
dunkle Haar. Dann legte sie die freie Hand in die Hüfte, als wollte
sie sich auch äußerlich einen gewissen feierlichen Halt geben.
„Setzen wir uns ein wenig, Margakind.” Sie brauchte diesen
Schmeichelnamen, der von Elli stammte, fast nie; heute drängte er sich
ihr unwillkürlich auf die Lippen. „Ich möchte noch etwas mit dir reden.
Etwas sehr Ernstes, Zartes, was außer uns niemand hören darf.” Sie
führte Marga zu der Bank, die am nächsten Ende des Ganges stand.
Dort ließen sie sich nieder, und Käthe nahm Margas rechte Hand in die
ihrige.
Marga wußte nicht, was diese Vorbereitungen bedeuten sollten. Sie gab
sich geduldig darein und horchte mit einem halb neugierigen, halb
verwunderten Lächeln.
„Du darfst mir aber ja nicht böse sein, hörst du?” hob Käthe lebhafter
wieder an. „Ich meine es nur gut mit dir, und wenn ich mich irgendwie
täusche, so nimm's nicht übel. Es geschieht nur aus Liebe!”
„Aber was gibt's denn nur, Käthe?” fragte Marga mit zunehmendem
Staunen. „So sprich doch geradezu! Was willst du mir sagen?”
„Weißt du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst, ist das nicht.
Ich hab' mir's lange überlegt. Oftmals dacht' ich, ich wollte mich gar
nicht hineinmischen. Aber schließlich sagte ich mir immer wieder: Ich
bin die Ältere! Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als
mir, ist so jung, manchmal so toll und unvernünftig. Sie meint es gewiß
immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest raten kann dir doch das
Kleinchen nicht!”
Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes, enges Gefühl
beschlich sie. Diese Andeutungen drückten sie. Sie spürte, daß jemand
die Tür zum Allerheiligsten ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte
sich dagegen. Unwillkürlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen
und steckte sie hinter ihren Rücken. „Was willst du mir denn raten?”
fragte sie mit einem eigentümlich dunklen, schweren Ton.
„Du sollst nicht meinen, Marga, daß ich mich in dein Vertrauen
eindrängen will,” versicherte Käthe.
Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der Zunge. Doch hielt
sie die Worte zurück.
„Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte. Und ich erwarte ja auch
gar nicht, daß du mir dankbar dafür bist. Das kannst du jetzt noch
nicht. Später wirst du mir's einmal danken, das weiß ich!” Käthe hatte
ganz ihre altkluge, mütterliche Würde gefunden, wie sie sie brauchte.
Die anfänglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine gutgemeinte,
aber etwas lehrhafte Nüchternheit über. „Warum so viel Umschweife
machen? Du hast recht. Ich möchte einmal frei und ehrlich mit dir über
deine Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub' mir, ich
hab' viel darüber nachgedacht. Über die Freundschaft von Mann und Frau
überhaupt. Du darfst mir schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben
draußen so viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht, daß
es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie immer nur ein
Übergang. Und der, der zuerst hinübergeht zu etwas anderem -- verstehst
du mich, Margakind? -- der kann sehr, sehr unglücklich werden, wenn
der andere nicht nachfolgt. -- Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir
sagen!”
Käthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie tröstend an sich
ziehen.
Marga erwiderte die Umarmung nicht.
Schlaff ließ sie ihre Hände niederhängen und bog ihren Kopf zurück, um
sich Käthes Liebkosung zu entziehen. Das Herz war ihr wie zugefroren
bei diesen besonnenen Worten, und die Kälte teilte sich ihrem Körper,
ihrem Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras und von
den Blumen. Der Wind fächelte mild von der Ebene nach den Bergen
herüber, und die Grillen zirpten ringsum in der wachsenden Dämmerung.
Käthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen für ein Bekenntnis. Sie
wurde noch beredter und eindringlicher. Vielleicht, ja gewiß wußte
Marga selber nicht, was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich
nicht täuschen lassen durch Perthes' Liebenswürdigkeit. Die Männer,
und zumal solche Männer, die sie, Käthe, durch und durch kannte,
dachten sich nichts bei einem temperamentvollen Wort, einem Handkuß,
einem Strauß Rosen, den sie in einer Laune ihren Freundinnen in den
Schoß legten. Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie
und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber zu schroff
als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein Gefühl einreden, das
nicht Wahrheit werden konnte. Käthe gab sich ganz nach; sie ließ
sich fortreißen von jener liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen,
und die nur untereinander fähig sind, jenem Gemisch von Güte, Neid,
Hingebung, falscher Mütterlichkeit -- der ganzen Weiblichkeit, wie
sie natürlichste Natur ist -- schön und häßlich in einem. Ihre
Redeflut, die selbstgewiß und selbstgefällig in den weichen Sommerabend
hinausfloß, endigte in einem Appell an Margas Charakter: sie war stark
genug, um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes, die
ihr nun einmal vorenthalten sein mußte? Sie hatte ja Kraft und Liebe
genug in sich und um sich. „Glaub' mir, Margakind, und wenn du's heute
nicht glauben kannst, glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er
sagt ...”
Marga hörte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hörte überhaupt längst
nicht mehr, was Käthe sprach. Sie fühlte nur, daß ein Unberufener
nun doch mitleidslos sich eingedrängt hatte in das zarte Geheimnis
ihres Herzens. Sie hätte aufschreien mögen: Hände weg von meiner
Seele! -- aber dann war es schon zu spät. Diese Hände tappten und
tasteten, suchten und fanden, und legten sich grausam auf die Wunde,
die sie ängstlich behütet, fürsorglich verbunden und verborgen hatte.
Nun brach sie auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und
gleichzeitig empörte es sich in ihr gegen die Entweihung. Wer war
die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden? Woher nahm sie das
Recht, ihr Vorschriften zu machen? Ihr, die längst all das in sich
beraten und durchgekämpft? Die sich nichts, aber auch gar nichts von
dem erlassen und geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast übermütiger
Selbstzufriedenheit vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr geschah: sie
verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung wurde übertäubt von dem einen
leidenschaftlichen Wunsche: Fort! Nichts mehr hören! Nichts antworten!
Laufen -- weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein, allein
mit sich, seinem Leid, seiner Bürde, seinem Geheimnis hoffnungsloser
Liebe!
Mit einem jähen, heftigen Ruck, der Käthes Hände unsanft von ihr löste,
war sie aufgestanden. „Ich danke dir, Käthe!” rang es sich fremd aus
ihrem Mund. „Überlaß das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig
geworden. Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom Leben
erwarten und annehmen darf, was nicht!”
Verdutzt blickte Käthe an ihr empor. So hatte sie Marga, die Sanfte,
Verträgliche, Geduldige, noch nicht sprechen hören. „Aber Marga, du --”
„Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit. Mehr
kann ich dir nicht antworten.”
Käthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im Schatten der Dämmerung
gegen den verblassenden Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend,
die Lippen aufeinandergepreßt, die Augen streng und abweisend in die
Ferne gerichtet, fühlte sie, die Ältere, die Erfahrenere und Sehende,
sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit all ihrer Altklugheit --
gegen die Blinde, die so sicher und stark auf ihren Weg hinaussah.
Nur einen Augenblick.
Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demütigung doppelt
gekränkt, verkannt und erbittert.
Aber ehe sie dafür den rechten Ausdruck fand, hatte sich Marga am
Geländer der Laube entlang getastet. Sie eilte die Steinstufen hinab
und lief den Zickzackweg hinunter -- ohne Hilfe, behend wie ein
Sehender, sicher geleitet von jenem fast übernatürlichen Instinkt, den
die Erregung noch schärfte.
Käthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war Marga verboten,
allein die steile Gartensteige abwärts zu gehen.
Doch sie stieß ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf eigene Gefahr
sich zurechtfinden!
Bei Käthe siegte die Erbitterung über die Besorgnis, die sie sonst
nie für die Blinde außer acht ließ. Sie war zu tief verletzt. Warum
hatte sie nicht geschwiegen? Hatte sie nicht vorausgewußt, daß sie
keinen Dank ernten würde? Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem
guten Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie würde ihre Hilfe nicht mehr
aufdrängen. Gewiß nicht! Nie mehr! Über den Schläfen strich sie ihr
Haar zurück und prüfte die schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden
war und keine Strähne in dem glatten Scheitel oder am Knoten sich
gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element. Maß und Ordnung.
Mochten andere das Ungeordnete, Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur
bei Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht brauchte, nicht litt
...
Mit dem zugleich gemessenen und tänzelnden Schritt, der sich nichts
vergab und doch auch die Gleichgültigkeit gegen das, was vorgefallen
war, zur Schau tragen mußte, machte sich Käthe auf den Weg und kam eine
Viertelstunde nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus.
Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen.
Der Geheimrat wirtschaftete noch geräuschvoll in seinem Arbeitszimmer.
Man hörte ihn oben deutlich ab und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm
neue Unentbehrlichkeiten in sich auf.
Käthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurüstungen für den Reisetag
durch. Dann machte sie gemeinsam mit der schläfrig schlurfenden Therese
den üblichen Rundgang im Erdgeschoß, um den Verschluß von Läden und
Türen zu beaufsichtigen.
Am anderen Morgen, in ziemlicher Frühe, nach einem hastigen Kaffee,
erfolgte der Abschied.
Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitäten, besonders aber die
Begleitung auf den Bahnhof, streng verbeten.
In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er küßte Marga und Elli
barsch auf die Stirn.
„Seid hübsch artig, Mädels; verstanden? Adieu!” Damit eilte er fort,
dem Wagen zu, der vor dem Haus wartete. Therese folgte keuchend mit der
zu unheimlichen Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine
halbe Bibliothek verschlungen haben mußte. Der Hauptkoffer war schon
aufgeladen.
Käthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es nur einen Händedruck.
Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten die beiden
Zurückbleibenden dem Wagen nach. Vater Richthoff salutierte. Käthe
nickte noch einmal und winkte mit dem Taschentuch.