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Da klingelte es schon wieder.
Käthe hatte ihren Posten auf der obersten Treppenstufe gleich gar nicht
verlassen. Elli stürmte mit lachender Neugier aus der Stube und bog
sich so weit über das Geländer, daß die ältere, bedächtigere Schwester
sie leise schalt und zupfte, einmal, weil es leichtsinnig war und man
gesehen werden konnte, dann aber, weil sie selbst, obwohl die größere
von beiden, so nicht auf ihre Kosten kam. Und der neue Ankömmling für
Papas Sprechstunde mußte doch ganz genau gemustert werden. Das war
so Brauch, so oft ein neues Semester begann und die Hörer einer nach
dem andern anrückten, um sich den Namen des Geheimrats ins Kollegbuch
schreiben zu lassen.
Marga war allein in dem gemütlichen Zimmer zurückgeblieben, das ihr
und Ellis Mädchenreich war. Aber auch in ihren Fingern ruhte für einen
Augenblick die feine Knüpfarbeit. Mit vorgebeugtem Kopf lauschte sie
hinaus nach dem Treppenhaus. In der erwartungsvollen Stille war jedes
Geräusch zu hören.
Im Erdgeschoß wurden Schritte laut. Es war Therese, die mit Brummen an
die Glastür schlürfte und öffnete. Elli polterte in der Spannung einige
Stufen hinunter. Ein zürnendes „Bst!” von Käthe wies sie zurecht.
Über Margas Gesicht huschte ein Lächeln. Ihre Blicke suchten die Tür.
Sie ließ sich von der Spannung anstecken, als könnten die lichtlosen
blauen Augen das unerbittliche Dunkel durchdringen, das sie inmitten
der sonnigen Stube einhüllte.
Jetzt mußte der Ankömmling sichtbar sein.
Mit einem unverhohlenen „Oh!” der Enttäuschung fuhr Elli zurück und
glitt von der Treppe ins Zimmer. „Nu mach' ich nicht mehr mit!” ließ
sie sich halb traurig, halb zornig vernehmen, während sie sich in dem
roten Plüschsofa, Margas Korbsessel gegenüber, schmollend zurückwarf.
„Wer war's denn?” forschte die Blinde.
„Ach was! Nicht der Mühe wert! Einfach lächerlich!” lautete die unklare
Antwort, die ein tiefer Seufzer begleitete.
„Trabner, der alte Oberlehrer,” erklärte Käthe, die jetzt, gleichfalls
enttäuscht, zurückkam.
„Ach der!” nickte Marga und nahm die auf den Knien liegende Handarbeit
wieder auf.
„Der Flanellstorch!” ergänzte Elli, die ihren Unwillen an irgendwem
auslassen mußte. „Mit der Glatze und der Stahlbrille, den
Gummimanschetten und dem famosen Trikot-Stehumlegekragen. Ich glaube,
er hört Papa seit fünfzig Jahren, der -- der --”
„Ein sehr netter, vernünftiger Mensch,” meinte Käthe strafend. „Papa
schätzt ihn sehr.” Als Älteste hielt sie es stets für ihre Pflicht,
gerecht zu sein und Ellis vorlauten Urteilen die Spitze abzubrechen.
Aber Elli war heute gar nicht in der Laune, sich schulmeistern zu
lassen. „Sieh mal an!” Sie bog ihren lichtblonden Lockenkopf zur
Seite. „Du schwärmst wohl gar für den guten Flanellstorch?”
„Das ist ehrlich dumm, Kleinchen! Ich kann nur nicht leiden, daß man
jemand in Bausch und Bogen ablehnt. Das weißt du.” Käthe setzte sich
an den kleinen Schreibtisch am Fenster. Sie wollte fortfahren, in ihr
Tagebuch zu schreiben.
„Vergiß das ja nicht gleich mit aufzuschreiben,” neckte Elli weiter.
„Unter ‚Gedankensplitter‛.”
Käthe drehte sich empört nach der Spötterin um. „Das verbitt' ich mir,
hörst du?” Ihre dunklen Augen zürnten, und sie strich sich die Haare
aus der Stirn, zurück nach den schwarzen, wohlgeordneten Flechten. „Ich
kann nicht dafür, daß dein Herr Wilkens ausbleibt,” setzte sie mit
spitzem Vorwurf hinzu.
„Oho!” brauste Elli auf. „Ich kümmere mich wohl um Wilkens? Nicht so
viel! Nicht so viel!” Die Röte, die ihr in die Wangen schoß, ärgerte
sie noch mehr. „Nicht so viel!” erklärte sie zum drittenmal mit vor
Erregung zitternder Stimme.
„Aber Kinder! Ihr seid ja garstig miteinander,” mahnte jetzt Margas
weiche, ruhige Stimme. Ihre Hand tastete über den Tisch weg nach Elli,
als wollte sie ihren Liebling beruhigen. „Er kann ja noch kommen,”
flüsterte sie der jüngeren Schwester zu.
Elli entzog sich ihrer Liebkosung. Trotz und Schmerz kämpften in ihren
hübschen Zügen und preßten ihr Tränen in die Augen. Sie war in dem
seligen siebzehnjährigen Alter, wo Freude und Leid durcheinanderjagen
wie Regen und Sonne an einem Apriltag. Sie kam sich unsagbar verkannt
vor, nicht weil sie sich um den besagten Wilkens „nicht so viel”
kümmerte, sondern gerade weil sie auf ihn gewartet hatte. Ihr kleines
Geheimnis, über das sie mit den Schwestern sonst ganz gern einmal
tuschelte, war nach ihrem Empfinden von Käthe furchtbar verletzt und
entweiht.
Marga erriet diese Stimmung. Sie stand auf, legte die Arbeit auf
den Tisch und setzte sich neben Elli aufs Sofa. Sie nahm sie in den
Arm. Während Käthe mit großen steilen Schriftzügen ein neues Blatt
des Tagebuchs füllte, redete sie in ihrer verständigen, zarten Weise
halblaut dem Kleinchen zu, das nach einigem Widerstreben nicht nur
den Trost in sein wundes Herz aufnahm, sondern auch dieses Herz
auszuschütten begann.
Das Schnarren von Käthes Feder, das Flüstern der beiden auf dem
Sofa waren die einzigen Geräusche, die das Zimmer, ja das ganze in
nachmittägliche Stille versunkene Haus belebten. Kein Ton drang vom
unteren Stockwerk, wo Geheimrat Richthoff arbeitete, herauf in die
Mansardenstube. Der Flanellstorch mußte längst wieder seines Wegs
gezogen sein, ohne daß sein Gehen auch nur ein winziges Teilchen des
Interesses gefunden hätte, das seine Ankunft wachgerufen. Die kräftige,
leuchtende Maisonne kam, zu mattem Gold gedämpft, durch die zugezogenen
gelben Vorhänge an den Fenstern und tauchte die altmodischen Möbel, die
erinnerungsreichen, behaglichen Kleinigkeiten in den Ecken und an den
Wänden in ein wohliges Halbdunkel. Nichts schien mehr den dämmerigen
Frieden dieser Ruhestunde stören zu wollen, die die Schwestern wie
gewöhnlich zwischen Mittag und der Kaffeestunde da oben unter dem Dach
verträumten und verplauderten.
Der Zeiger rückte auf drei Uhr los. Noch zwei Minuten, und der heisere
Kuckuck mußte den Kopf dreimal zur Tür herausstrecken und sie wieder
energisch hinter sich zuklappen. Damit war dann Papas Sprechstunde und
alle Spannung für heute zu Ende.
Ein neues schrilles Klingeln an der Haustür kam dem Kuckuck zuvor.
Marga und Elli hielten in ihrem Flüstern ein. Käthe blickte halb von
ihrem Tagebuch auf.
„Sicher nichts Überwältigendes,” erklärte Elli mit einer
Gleichgültigkeit, der die Neugier aus allen Fugen sah. „Ich stehe schon
gar nicht mehr auf.”
„I wo, Kleinchen! Flugs auf deinen Posten!” ermunterte sie Marga.
Eine ziemlich tiefe, etwas hastige Stimme klang von unten aus dem
Hausflur.
Elli rückte auf ihrem Sitz hin und her. Sie wollte nicht mehr, und
doch wollte sie brennend gern. Käthe hatte die Feder weggelegt. Auch
sie überlegte. Schon stand Elli auf und huschte nach der Tür. Käthe
folgte langsam. Mit vereinten Kräften beugten sie sich draußen über das
Geländer und spähten den heraufsteigenden Schritten entgegen. Marga
lauschte wie zuvor. Es war wieder das alte lustige Spiel, das sie nicht
lassen konnten, heute zum zehntenmal nicht. Die kleine Zänkerei war
längst vergessen. Die Treppen, das Nußbaumgeländer knackten unter der
Last der beiden vornübergebeugten Mädchenkörper verräterischer denn je.
Die Musterung des ahnungslosen Besuchers dauerte lange. Für Marga in
ihrem Alleinsein schienen die Schwestern eine Ewigkeit auszubleiben.
Endlich klappte im ersten Stock die Tür zum Zimmer des Geheimrats ins
Schloß. Käthe und Elli stürmten gleichzeitig zurück ins Zimmer. „Etwas
schrecklich Interessantes!” rief Elli aufgeregt schon von weitem.
„Ein Neuer! Hat noch nie bei Papa gehört!” berichtete auch Käthe mit
ungewohnter Lebhaftigkeit, während sie vorsichtig die Tür nach dem Flur
zuzog.
„Alt? Jung? Groß? Klein? So erzählt doch nur!” forschte Marga mit jener
Neugier, die sie mitunter leidenschaftlich überkam, wenn ihr junger
Sinn sich aufbäumte, als fürchtete sie, die Schwestern möchten ihr ein
Stück Leben vorenthalten, nach dem sie sich in ihrer Dunkelheit nicht
minder sehnte als die anderen mit ihren hellen Augen.
Alle drei rückten an dem runden Tisch ganz nahe zusammen. Fast stießen
sie mit den eifrig aufgestützten Ellbogen aneinander. Käthe und Elli
überstürzten und ergänzten sich in ihren Mitteilungen. Die ganze
ausgelassene Lust der „Bande”, wie Papa Richthoff seine Mädels nannte,
machte sich in dieser halb spaßhaften, halb ernsten Kritik Luft.
„Sehr straffe männliche Erscheinung,” beschrieb Käthe.
„Groß, schlank!” unterbrach Elli. „Schick gekleidet! Jackettanzug --
Pfeffer und Salz! Braune Stiefel!”
„Weißt du, Marga, ähnlich wie der eine Assistent von Professor Lepart,”
erklärte Käthe.
„Doktor Zerweck? Das Gigerl? Ich danke!” ereiferte sich Elli. „Nicht
die Spur, Marga. Viel natürlicher, gar nicht geckenhaft!”
„Nicht wie ein Philologe, weißt du,” nahm Käthe den Bericht wieder auf.
„Mehr weltmännisch.”
„O, das will ich nicht sagen,” widersprach Elli. „Es gibt sehr feine
Philologen.” Sie verstummte plötzlich und wurde wieder rot. Wilkens
war nämlich Philologe, derselbe Wilkens, der vorhin an der kleinen
Tränenszene schuldig geworden war.
Jetzt mußten sie alle drei über Ellis Naivität lachen, sie selber nicht
zum wenigsten.
„Aber wie sieht er denn nun eigentlich aus?” fragte Marga ganz
unglücklich. „So erzählt doch mal ordentlich!”
Käthe und Elli fingen wieder von vorn an. Schwatzend und lachend
lieferten sie eine Charakteristik, so wirr und widerspruchsvoll, daß
Marga sich nach noch so vielen Beschreibungen so klug vorkam wie zuvor.
Was sie mit einiger Bestimmtheit erfuhr, war nur, daß er einen braunen
Vollbart trage und sehr ausdrucksvolle dunkle Augen habe. Über diese
Augen, die keine der beiden Schwestern länger als eine Sekunde in
beträchtlicher Ferne gesehen, drohte es zu neuem Streit zu kommen. Elli
fand sie feurig, Käthe schmelzend.
Marga legte sich ins Mittel. „Wir müssen mal Papa fragen, wer es war,”
sagte sie einfach und entschieden.
Käthe und Elli waren einen Moment sprachlos über diesen verblüffend
klaren und offenen Rat. Dann fielen sie vereint mit ihren Bedenken über
Marga her. Als ob das so einfach wäre, Papa zu fragen! Man würde ja
verraten, daß man Posten gestanden! Papa würde Gott weiß was denken!
Und wenn er erst merkte, daß man gern etwas von ihm wissen wollte,
konnte man sicher sein, daß er schwieg wie ein Löwe. Das mußte fein
eingefädelt werden. Da mußte ein richtiger Feldzugsplan gemacht werden.
Wieder steckten sich die drei Mädchenköpfe wie die Häupter einer
Verschwörung über dem Tisch zusammen. Sie fuhren erst erschrocken
auseinander, als ziemlich laut an die Tür gepocht wurde.
Therese streckte den Kopf herein. „Der Kaffee steht unten,” meldete
ihre mürrische Stimme. „Er wird kalt. Und der Herr Geheimrat hat nach
dem seinen schon gerufen.”
Wie im Nu ging es aus der Stube und die Treppe hinunter. Elli voran,
denn an ihr war die Reihe, Papa den Nachmittagskaffee zu bringen. Das
war eine wöchentlich abwechselnde Ehre.
Käthe und Marga folgten Arm in Arm. Sie hatten am Nachmittag eine
Besorgung zu machen und verabredeten den Stadtbummel. Bis zum Abendbrot
galt es schon zu warten, ehe man gemütlich mit Papa plaudern konnte.
Dann mußte man -- man mußte erfahren, wer der „Neue” war.
* * * * *
Der Geheimrat hatte allerdings nicht die leiseste Ahnung von dem, was
seine Mädels zu seinen Häupten trieben und planten. Wenn er nach dem
Essen seinen Verdauungsgang im Garten gemacht hatte, wobei er mit der
gewissenhaften Liebe von Jahrzehnten die Fortschritte seiner Bäume und
Spaliere feststellte, die Schnecken von den Weinstöcken ablas, das
allzu vordringliche Unkraut mit der Stockspitze aus den Wegen bohrte
und nachbarwärts schleuderte -- dann bildete die Sprechstunde den
Übergang von der beschaulichen Ruhe zur eifrigen Arbeit. Wie ihm seine
Besucher gefielen oder seine Laune es ihm eingab, fertigte er seine
Hörer bald kurz und ohne viele Worte ab, bald verwickelte er sie in ein
Gespräch und stellte -- das war der Schrecken der jungen Semester,
die zum erstenmal sich bei ihm anmeldeten -- ein kleines historisches
Examen an, sein Opfer unvermittelt an einem Rockknopf fassend und
sich an seiner Verwirrung innerlich belustigend. War dann der letzte
glücklich expediert und die Tür endgültig für weitere Besucher
geschlossen, so schlüpfte er in den befreienden grauen Schlafrock, der
schon bedenklich viele Jahre erlebt hatte, aber für unersetzlich galt,
und steckte sich eine Zigarre an. Er verschwand hinter dem gewaltigen
Zylinderbureau aus Nußbaumholz, das vom einen Fenster aus quer in die
Stube stand und mit den mächtigen bändereichen Regalen im Rücken ein
kleines Zimmer im Zimmer bildete. Eine Flut von Zetteln und Zettelchen,
alle beschrieben mit seiner winzigen, mikroskopisch feinen Handschrift,
breitete sich vor ihm und um ihn aus. Es war ein besonderes Kunststück,
das nicht immer gleich gut gelang, den Nachmittagskaffee geräuschlos
hereinzubringen und auf dem blätterbesäten Schreibtisch ein Eckchen zu
erspähen, wo er hingesetzt werden konnte, ohne daß der alte Herr einen
grollenden Sturm losbrechen ließ, weil man ihm alles durcheinanderwerfe
und die peinliche Ordnung seiner Manuskripte, die für jeden andern
einer peinlichen Unordnung zum Verwechseln ähnlich sah, gewissen-
und verständnislos zerstöre. Nur Marga genoß das Vorrecht, daß ihren
suchenden Fingern Nachsicht, sogar etwas Hilfe gewährt wurde. Das war
aber eine Zartheit, die als geheimes und stillschweigendes Abkommen
zwischen Vater und Tochter verborgen blieb.
Heute, wo Elli an der Reihe war, hatte es grimmiges Murren gegeben,
so daß sie den Schwestern verstört berichtete, Papa sei grauenhaft
aufgelegt und müsse wie ein schalloses Ei behandelt werden. Dabei
war der alte Herr bei sich selber ganz zufrieden. Mit Bedacht und
Vorliebe spielte er den Pascha, der unberechenbar seine Gnaden und
Ungnaden verteilt. Nach seiner wohlgemeinten Ansicht gab es kein
besseres Mittel, um die „Bande” einigermaßen in Zaum und Zucht zu
halten. Nachdem ihm seine um fünfzehn Jahre jüngere Frau gestorben,
ehe Elli und Marga auch nur aus den Kinderschuhen waren, hatte er
eine Erzieherin ins Haus genommen. Eine Zeitlang war es auch mit
einer Hausdame versucht worden. Aber aus alledem waren so viel
Unbequemlichkeiten und Mißhelligkeiten entstanden, die seine ihm
notwendige Gelehrtenruhe störten, daß er, als die beiden jüngsten
leidlich herangewachsen waren, das Hauswesen mit seinen drei Töchtern
allein zu führen unternahm. Etliche Kollegen, unterschiedliche
Tanten und Basen hatten erklecklich dazu den Kopf geschüttelt. Eine
Musterwirtschaft war's ja auch nicht gerade geworden. Aber er war
zufrieden, wie es war; er und die drei Mädchen fühlten sich glücklich
in dem alten wohnlichen Haus am Wenzelsberg.
An den Tagen, an denen nicht eine Kolleg- oder Seminarstunde ihn
abrief, saß Geheimrat Richthoff vom Nachmittag bis zum Abend in
seiner Schreibtischecke. Im qualmenden Nebel der Zigarren, die er
eine an der andern ansteckte, verschwand für ihn die Außenwelt. An
ihre Stelle traten die geistigen Gestalten seiner römischen Kaiser,
mit denen er leibhaftig und wie mit seinesgleichen umging. Aus der
Unzahl kleiner Züge, die er mit unermüdlichem Fleiß Tausenden von
Inschriften, spärlichen, unverläßlichen Geschichtschreibern, all den
zwar unermeßlichen, aber noch so unverarbeiteten Quellen abzwang,
formte er mit feiner, geistreicher Kunst seine Kaisergeschichte. Die
Studien eines ganzen Lebens trug er, an der Schwelle des Alters, in
einem darstellenden Werke großen Stils zusammen. Mit eiserner Energie
hatte er von Jahr zu Jahr den Wunsch, das Erforschte und Gesammelte
zum Kunstwerk umzuschaffen, niedergehalten. Jetzt endlich, seit
Jahresfrist, hatte er sich der Haft der Kleinarbeit entlassen. Mit
dem Ungestüm eines Jungen begann er zu gestalten. In der Seligkeit,
das kritisch Erklügelte endlich künstlerisch erleben zu dürfen,
erfüllte sich ihm der Traum seines Daseins. Alle Freuden und Leiden
des Schaffenden erlebte er in der drangvoll-fürchterlichen Enge seines
Schreibtisches. Verzweiflung und Resignation wechselten mit feurigem
Entzücken. Er haderte mit seinen Kaisern; er knirschte, brummte,
schalt vernehmlich und drohte, wenn sie sich spröde zeigten und ihre
glatten, scharfen Cäsarenköpfe in den Schleier der Undurchdringlichkeit
hüllten. Das waren die Tage, wo die Arbeit um zwei, drei Zeilen
vorrückte, von denen die eine wieder gestrichen werden mußte. Dann
wurde er unzugänglich, griesgrämig, unwirsch und konnte mit seinem
Unmut das ganze Haus durcheinanderwerfen. Ein andermal war alles eine
Herrlichkeit: die Kaiser hielten ihm stand; sie traten hervor wie aus
Marmor gemeißelt, klar, formgebietend, lebenheischend; dann verklärte
ein heimliches Lächeln sein Gesicht, heimlich, denn es saß tief drinnen
zwischen dem weißen dichten Vollbart und schoß höchstens einmal wie
ein neckender Blitz unter den scharfen Brillengläsern hervor. Flüssig
und leicht und selbstverständlich sprangen die Worte, die Sätze aus
der Feder, und Blatt um Blatt bedeckte sich mit der minutiösen, schwer
leserlichen Schrift. An solchen Tagen war Vater Richthoff umgänglich,
zu einem Scherz bereit, innerlich von einer kindlichen Heiterkeit. Da
hielt der barsche Pascha nicht vor. Er drückte ein Auge zu, ließ sich
Wünsche und Bitten vortragen, gab Lob und Zustimmung, kurz: Papa hatte
seinen guten Tag und die Bande mit ihm.
Einen guten Tag hatte der alte Herr auch heute hinter sich, als er sich
endlich entschloß, die Feder wegzulegen und den Rest der soundsovielten
Zigarre dem Aschenbecher zu opfern. Er rieb sich befriedigt die
Hände und schob die kleine schwarze Samtkappe, die -- ein würdiges
Seitenstück des betagten Schlafrocks -- den dünnbehaarten, massigen
Schädel schützte, über die Stirn zurück. Dann stand er auf und
öffnete ein Fenster. Vom Vorgarten, der Haus und Straße gleich einer
erhöhten Terrasse trennte, atmeten die in voller Blüte stehenden zwei
Kastanienbäume ihren milden, süßen Duft. Die untergehende Sonne warf
rote Lichtbündel auf den Kiesplatz und sprenkelte die Gartenmöbel,
die um den steinernen Tisch standen. Dort saß Marga, die Hände im
Schoß, den Kopf mit dem schlichten, aschblonden Knoten weit gegen den
Baumstamm zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Vom Kamin eines
Hauses gegenüber schmetterte eine Amsel ihre Triller in die auffallend
weiche, stille Luft des Maiabends. Marga schien angespannt zu lauschen.
Ein Ausdruck, von Wonne und Weh seltsam gemischt, lag auf dem zarten
Gesicht, das im Dämmerschatten des Baumes blasser aussah, als es war.
Der Geheimrat sah ihr einen Augenblick ruhig zu, ehe er sich entschloß,
ihre Träumerei zu unterbrechen. Bei ihr, die sein Sorgenkind war,
bekämpfte er mit einer Strenge, die ihm nicht leicht wurde, den für
ihre zwanzig Jahre und ihre Blindheit begreiflichen Hang, sich in einer
schwärmenden Gemütsstimmung einseitig zu verlieren. Gerade sie, der
das Schicksal ein kärgeres Los zugemessen als den andern, wollte er
davor behüten, ihre Kraft in einem überschwenglichen Gefühlsleben zu
verzehren. Er vergaß darüber, daß die Unendlichkeit ihrer Träume sie
auch wieder mit der verdunkelten Endlichkeit und Beschränkung ihres
Daseins versöhnte.
„Na, Marga, du scheinst nicht so hungrig zu sein wie ich,” klang es
jetzt mit neckendem Vorwurf zu ihr hinunter.
Ein leises Zittern lief über Margas Körper. Sie schrak zusammen, als
kehrte sie plötzlich aus weiter, luftiger Ferne zurück, und die Augen
irrten in die Höhe.
„Wir haben mit dem Abendbrot nur auf dich gewartet. Es ist alles
fertig,” gab sie in leichter Verwirrung zurück; sie stand auf und
eilte mit geübter Sicherheit der Glastür zu, die vom Erdgeschoß in den
Vorgarten führte.
„Langsam, langsam!” mahnte der Geheimrat, während er sich vom Fenster
zurückzog. Fast tat es ihm leid, sie aus ihrem verlorenen Sinnen
geweckt zu haben. Er warf noch einen halb schmeichelnden, halb
wehmütigen Abschiedsblick auf das Wirrsal seiner Manuskriptblätter, ehe
er sein Zimmer verließ und die Treppe hinunterstieg.
Im Eßzimmer war alles seines Erscheinens gewärtig. Die Mädels kamen
ihm entgegen und führten ihn wie im Ehrengeleit zu seinem bequemen
Sessel. Käthe goß ihm den Tee ein. Marga strich seine gerösteten
Butterschnitten. Elli schob ihm noch ein Kissen in den Rücken. Er ließ
sich gern ein bißchen verwöhnen. Doch die Behendigkeit, mit der er
heute bedient wurde, erschien ihm fast verdächtig.
Therese erschien mit den Schüsseln. Unauffällig stellte Käthe eine
Platte mit jungen Spargeln als Sondergericht vor den väterlichen Teller.
Der Geheimrat stutzte. „Kinder, ich habe wohl heute Geburtstag, was?
Frische Spargel! Anfang Mai! Wie komm' ich zu solchen Leckereien?” Er
sah sich fragend im Kreise um. Sein eines Auge zwinkerte unmerklich.
„Marga und ich kamen auf der Hauptstraße bei Testers vorbei,” erklärte
Käthe harmlos. „Wir sahen zufällig, daß er im Schaufenster die ersten
Schwetzinger Spargel ausgestellt hatte, und weil du sie so gern magst
--”
„So wollten sie dir eben eine Freude machen,” schloß Elli mit
wohlgemeinter, aber verlegener Hast.
„Hm! Etwas unverantwortlich, aber nett von euch.” Es war jetzt für den
alten Herrn ausgemacht, daß die Bande etwas von ihm wollte. Entweder
mußten sie neue Frühjahrskleider haben oder sie wollten eine Einladung
annehmen oder weiß Gott was. Es galt also, auf der Hut zu sein.
Käthe und Elli sahen sich mit verzweifelten Blicken an. Sie gaben das
Treffen schon so gut wie verloren. Der etwas spöttische Ton verriet
ihnen, daß Vater Richthoff die Absicht, ihn durch einen Leckerbissen in
seiner guten Laune zu unterstützen, durchschaut habe.
Es entstand ein längeres Schweigen. Marga, der von Natur alle
Diplomatie fremd war, empfand die kritische Situation am
unbehaglichsten. Nur aus schwesterlicher Solidarität hatte sie sich
mit dem Plan befreundet, das Geheimnis des „Neuen”, das zu ergründen
man sich nun einmal in unschuldiger Kinderei verschworen hatte, auf
raffinierten Umwegen herauszulocken. Ihr schien es geraten, jetzt
geradezu aufs Ziel loszugehen.
„Hast du schon viele neue Hörer fürs Sommersemester, Papa?” fragte sie
unbefangen. Und ohne sich durch einen Ellbogenstoß Ellis irremachen zu
lassen, fuhr sie fort: „Bitte, erzähl' uns mal, wer heute alles bei dir
war.”
Käthe und Elli blieb der Bissen im Halse stecken. Diese Kühnheit
war unerhört. Noch ein ungeschicktes Wort, und Papa erriet, daß sie
seine Sprechstunde belauert hatten. Im vorigen Jahr, als Wilkens sich
einschreiben ließ, hatte er Elli einmal auf der Treppe erwischt: es
hatte eine erschreckliche Strafpredigt über Anstand und Manieren
abgesetzt. Und jetzt ...! Käthe trat Marga unter dem Tisch auf den
Fuß. Es war einfach haarsträubend gefährlich, was sie da mit ihrer
unverbesserlichen Offenheit anrichtete.
Der alte Herr liebte allerdings nichts weniger, als wenn man sich in
seine „Amtsangelegenheiten” mischte. Wenn er etwas davon mitzuteilen
für gut fand, war das eine seltene Huld und geschah aus freien Stücken.
Wäre er weniger befriedigt von seinen römischen Kaisern gekommen, eine
barsch ablehnende Antwort hätte nicht ausbleiben können. Aber guter
Dinge, wie er war, begnügte er sich mit der mildesten Form, die er
hatte, wenn es galt, unerwünschte Fragen abzuweisen: er überhörte sie
und blieb eifrig in seine Mahlzeit vertieft.
Die drei Mädels kannten ihn zu genau, um nicht diesen stummen Bescheid
zu verstehen.
Elli und Käthe verständigten sich durch einen Blick: ~Lasciate ogni
speranza!~
Marga hatte aufgehört zu essen. Sie hatte den Kopf gesenkt. Die
Finger der rechten Hand strichen langsam das Tischtuch. Trauer und
Beschämung prägten sich in ihrem Gesicht aus. Bei ihrer gesteigerten
Empfindungsfähigkeit ging dieser stumme Tadel tiefer als eine
entschiedene Zurückweisung. Sie fühlte sich überdies vor den Schwestern
gedemütigt.
Dem alten Herrn entging ihre Stimmung nicht. Er wollte heute fröhliche
Gesichter um sich sehen. „Sag mal, Marga,” begann er, nachdem er die
zweite Tasse Tee in einem Zug geleert hatte, mit gravitätischem Ernst,
„ich höre, du hast heimliche Herrenbekanntschaften!”
Käthe und Elli starrten erst Papa, dann die Schwester mit aufgerissenen
Augen an.
„Ich -- heimliche Herrenbekanntschaften?!” stammelte Marga.
„Na ja!” fuhr der Geheimrat im selben Ton fort, während er sich wie
ein Großinquisitor im Sessel zurücklehnte. „Kennst du vielleicht einen
gewissen Doktor Perthes? Ich glaube -- ja doch -- Max Perthes?”
„Perthes?” wiederholte Marga ungläubig und schüttelte den Kopf.
„Der Herr behauptet aber, dich zu kennen.”
„Davon weiß ich nichts,” beteuerte sie ernsthaft. Eine leichte Röte
belebte ihre matten Farben. Sie erinnerte sich des Namens nicht. Sie
kannte nur _die_ Herren, die als Hörer des Geheimrats ein- oder zweimal
im Jahr zur Abfütterung kamen, und auch diese nur flüchtig, denn solche
offiziellen Gesellschaften pflegten für sie fast immer eine Qual zu
sein, die sie nur auf Papas ausdrücklichen Wunsch ertrug.
„Was ist er denn?” platzte Elli hervor, die ihre Neugier nicht mehr
bemeistern konnte. „Philolog oder Jurist oder --”
„Immer fein geduldig, Kleinchen! Bring mir meine Zigarren!”
Elli beeilte sich, die Kiste vor ihn hinzustellen. Erwartungsvoll blieb
sie neben ihm stehen.
„Wo will er denn Marga kennen gelernt haben?” konnte nun auch die
besonnene Käthe sich nicht enthalten zu fragen. Daß Marga einen Herrn
kennen sollte, den sie und Elli nicht kannten, das war etwas zu
Außergewöhnliches.
„Du hältst mich zum besten, Papa,” erklärte Marga bestimmt.
„Oho! Objektive, geschichtliche Tatsache! Quelle unanfechtbar!” Der
alte Herr hatte sich die lange Holländerin angesteckt und blies den
Rauch von sich. Er weidete sich an der Neugier seiner Mädels und gefiel
sich darin, sie noch höher zu spannen. „Übrigens ein schrecklicher
Modejüngling,” setzte er nach einer Pause seine Mitteilungen fort.
„Ein Modejüngling -- und Marga!” rief Elli lachend. Käthe lachte mit,
und auch Marga schüttelte mit leisem Lächeln von neuem den Kopf.
„Er ist, glaube ich, Mediziner.”
„Mediziner?” klang es dreifach noch ungläubiger zurück.
„Trägt er vielleicht ein Pfeffer-und-Salz-Jackett?” entfuhr es Elli.
„Und --” Sie verstummte jäh, über sich selber erschrocken. In ihrer
übersprudelnden Lebhaftigkeit hatte sie alle Vorsicht vergessen.
Käthe war außer sich über diese Dummheit. Sie stand auf, Marga folgte
ihr. Alle drei umstanden sie den kurulischen Sessel des Geheimrats,
der Gott sei Dank keine Ahnung von so modischen Fachausdrücken wie
„Pfeffer-und-Salz-Jackett” hatte und von seinen Besuchern alles andere
eher denn Einzelheiten ihrer Kleidung im Gedächtnis behielt.
„Pfeffer-und-Salz-Jackett?” wiederholte er kopfschüttelnd. „Woher
kennst denn du ihn, Kleinchen?”
„Nein, nein! Ich meinte nur so; ich kenne ihn so wenig wie irgendwer,”
versicherte Elli krampfhaft.
„Also, kurz und gut,” resümierte der alte Herr, „er behauptet,
Volontärarzt in Hemsbach gewesen zu sein.”
„Volontärarzt? In Hemsbach?” Marga besann sich. Sie war dort einen
Sommer über -- es war vier, fünf Jahre her -- in einer Blindenanstalt
gewesen, um sich in ihren Fertigkeiten zu vervollkommnen. Aus ihrer
Erinnerung an diese schwere Zeit löste sich jetzt eine entfernte
Gestalt. Damals war neben dem Direktor ein jüngerer Arzt dort, der sich
gern mit ihr unterhielt und mit ihr lernte. Jetzt kam ihr auch der Name
zurück. „Ach, der!” setzte sie plötzlich gedankenvoll hinzu.
„Jawohl -- der!” schmunzelte der Geheimrat. „Habe ich nun recht, wenn
ich sage, Marga hat heimliche Herrenbekanntschaften?”
„Natürlich hast du recht!” rief Elli lustig. „Das sind ja nette Sachen,
die man von dir hört, Margakind!” Sie schlang den Arm um Margas Hals
und zupfte sie neckend am Ohr.
„Und gar nie ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen!” sagte Käthe ganz
vorwurfsvoll.
„Aber das war ja nur eine ganz flüchtige Bekanntschaft,” verteidigte
sich Marga. Sie war ordentlich bestürzt. Ihre Augen gingen ratlos auf
die Suche. Sie war rührend in ihrer leichten Erregung und verschämten
Hilflosigkeit. Dazu regte sich etwas wie Stolz in ihr. Daß der Besuch
des „Neuen”, der die Gemüter so beschäftigt hatte und nun unerwartet,
kampflos aus seinem Inkognito hervorgetreten war, gerade mit ihr
zusammenhing, war ein für ihre abgeschlossene Welt ungewöhnliches
Ereignis. „Doktor Perthes war übrigens gar kein solcher Laffe,”
erklärte sie nach einigem Besinnen mit ernsthaftem Nachdruck und unter
allgemeiner Heiterkeit.
Der alte Herr erhob sich jetzt gleichfalls von seinem Sessel und
klopfte ihr auf die Schulter. „Jedenfalls hast du ihn mir auf den Hals
gehetzt, Kind. Er behauptet steif und fest, du hättest ihn eingeladen,
uns zu besuchen, wenn er je einmal hierherkäme. Zugegeben?”
„Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß er damals freundlich zu mir
war und --”
„Närrchen! Natürlich kam er nicht nur deshalb und deinetwegen. Er
hatte an mich eine Empfehlung von meinem Freunde Schlutius in Bonn,
der irgendwie mit ihm verwandt ist. Das genügt! Käthe, setz ihn auf
die Liste. Er wird gelegentlich mal eingeladen. Und damit hat der
Schnack ein Ende.” Er gab Marga einen leichten Backenstreich. Das war
ein Zeichen seiner höchsten Gunst. Dann nahm er seine Abendzeitung vor
und ging durch Wohnzimmer und Salon nach der verglasten Veranda auf
der Vorderseite des Hauses. Dort brannte schon die Lampe, unter deren
Schein er lesend eine halbe Stunde auf und ab ging, ehe er wieder zu
seinen Kaisern hinaufstieg.
Für die drei Mädels aber hatte der Schnack noch kein Ende. Kaum war
Vater Richthoff außer Hörweite, so wurde Marga von Elli und Käthe mit
Fragen über und über bestürmt. Sie wußte nicht halb soviel, als sie
hätte wissen müssen. Elli, die ihren siebzehnjährigen Übermut austoben
mußte, wo immer eine Gelegenheit sich bot, faßte Marga als Herr um die
Taille. Marga mußte jetzt unbedingt tanzen lernen. „Was soll _dein_
Doktor sonst von dir denken? _Dein_ Doktor kann das von dir verlangen.
_Dein_ Doktor wird entsetzt sein, wenn du solche Schritte machst.” So
ging der lose Mund atemlos immerzu, während sie Marga unerbittlich
im Kreise drehte, ob diese wollte oder nicht. Käthe schrieb indessen
feierlich „Doktor Max Perthes” auf die Liste der Einzuladenden, die zu
führen Papa ihr anvertraut hatte, und hielt, unbekümmert, ob sie gehört
wurde oder nicht, sehr weise Reden darüber, daß sie den „Neuen” gleich
für einen Mediziner gehalten hätte; daß Mediziner _immer_ so und so
aussehen und _immer_ solche und solche Menschen seien.
Zum Glück für Marga fiel es den Schwestern plötzlich ein, daß ja
heute der „Akademische Gesangverein” Probe hatte. Wollte man nicht
zu spät kommen und von Professor Külz ein Nasenrümpfen beziehen,
so war es höchste Zeit zum Aufbruch. Im Nu stürmte Elli davon, um
sich fertigzumachen. Ihr feines Stimmchen trällerte die zu probende
Bachkantate durchs Haus. Käthe folgte ihr, nachdem sie Therese zum
Abräumen des Tisches gerufen.
Marga blieb im Eßzimmer zurück. Sie war wie betäubt von der letzten
Viertelstunde. Von Papas neckender Enthüllung und dem Umtrieb, den
Elli mit ihr angestellt hatte. Sie ordnete das zerzauste Haar, dessen
Strähnen von dem unfreiwilligen Tanz sich an den Schläfen und im Nacken
gelöst hatten. Während Therese abzuräumen begann, ging sie auf den
kleinen Hof hinaus, der in gleicher Höhe mit dem ersten Stock hinter
dem Hause lag, und von dem ein steiler Weg bergwärts in den Garten
oder, wie er allgemein hieß, den „Weinberg” führte.
Es war schon kühl geworden. Eine reine, würzige Luft strich vom
Weinberg herunter. Die Dämmerung, deren dunkles Wachsen Marga um
sich fühlte, tat ihr wohl. Sie kreuzte die Arme hinter dem Rücken
und verschränkte die Hände. Das war ihre liebste Haltung, wenn ein
Ungewohntes in ihrem Innern wirkte. So schritt sie langsam im Hof auf
und nieder. So überdachte und verarbeitete sie das Kleinste und das
Größte, bis es in die große und einfache Stille ihrer Seele aufgegangen
war, die nichts Unfertiges und Unklares in sich duldete. Eine um die
andere ging sie ihre Empfindungen durch. Erst war sie erschrocken, als
Papa sie so gravitätisch vornahm und zur Rede stellte. Dann hatte sie
den Scherz herausgemerkt. Freude und Stolz hatte sie gefühlt, daß ein
Mann sich ihrer erinnerte, nach ihr sich erkundigte und ihretwegen
Besuch machte. Jedes andere junge Mädchen hätte an ihrer Stelle
ähnliches empfunden. Für sie war es nur neuer, verwirrender, weil das
Leben da draußen, das Leben der Weltmenschen, wie sie es nannte, sich
immer nur um die beiden Schwestern zu kümmern pflegte, nicht um sie.
Sie wollte ihre heimliche Freude in der Lustigkeit der Schwestern
aufgehen lassen. Willig ließ sie sich ausfragen, sich necken, mit
sich tollen. Aber unvermutet stieg ein anderes Gefühl in ihr auf, ein
bitteres, schmerzliches: hinter der Fröhlichkeit der anderen steckte
etwas, das sie verletzte, ohne daß sie es wußten oder wollten. Daß es
gerade sie war, Marga, die Blinde, die Ausgeschlossene; sie, bei der
die Bekanntschaft mit einem Mann so gar nichts zu bedeuten hatte --
das machte die Sache so besonders spaßhaft. Es war so komisch, weil
es so ganz ungefährlich war. Und im selben Sinne hatte es auch Papa
aufgenommen: „Damit hat der Schnack ein Ende!” -- hinter diesem Wort
fand ihr Grübeln die gleiche Grenze, jenseits deren es für sie keine
Wünsche, keine Hoffnungen, darum auch keinen Ernst geben konnte.
Und an jene Grenze stieß auch jetzt sie selbst, während sie so sicher
und still in dem ihr vertrauten Hofraum auf und ab schritt. Sie hatten
ja recht. Es war in Wirklichkeit so. Dies Jenseits war ihr genommen,
seit in ihrem vierzehnten Jahr, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter,
eine Netzhautablösung ihre ohnehin schon schwachen Augen für immer
gelöscht hatte. Damals hatte sie nur halb begriffen, was sie verloren.
Erst mit den Jahren wuchs auch das Verständnis ihres Verlustes. Die
Schwestern und alle, mit denen sie umging, sprachen nie davon. Aus
ihrem Mitleid erriet sie es. Immer besser, immer bestimmter wußte sie,
daß das höchste Glück, das einem Menschenkind nach irdischem Denken
und Fühlen aufbehalten war, nicht das ihre sein konnte. Sie fühlte
Kraft genug in sich, um zu entsagen. Sie kämpfte, sie rang, sie ruhte
nicht, bis ihre Stille ihr gab, was sie brauchte; bis sie mit sich
allein zufrieden sein und nur in sich selber ihr Glück suchen wollte.
Ihr Stolz kam ihr zu Hilfe; ihr Stolz hielt sie aufrecht, wenn sie zu
verzagen und schwach zu werden drohte.
Und dennoch -- dennoch! Es war noch eine andere Kraft in ihr, die
sich mitunter gegen ihre stille Ergebenheit aufbäumte. Ihre Jugend
ließ und ließ sich nicht auf einmal und für immer niederzwingen. Die
fühlte sie auch jetzt sich auflehnen. Die stürmte in ihr auf, daß sie
die Hände an die heißen, pochenden Schläfen legen mußte. War nicht
dieser Doktor Perthes doch vielleicht um ihretwillen gekommen? Er
konnte ja die Empfehlung, von der Papa sprach, sich haben nur darum
geben lassen, weil er sie wiedersehen wollte. Es brauchte nicht nur
der Wunsch zu sein, Verkehr zu haben oder höflich zu sein oder ihr
seine mitleidsvolle Achtung auszudrücken -- -- Aber das war ja Unsinn!
Sie schwärmte ja! Sie täuschte sich vor, ihn näher zu kennen, als sie
ihn je gekannt. Das Bild, das ihr die Erinnerung gab, bestand kaum
aus ein paar spärlichen Zügen: er hatte manchmal mit ihr geplaudert,
sie belehrt, war auf die Gedanken und Gefühle eines halberwachsenen
Mädchens nachsichtig eingegangen. Sie machte jetzt ihre Erinnerung
mit Gewalt ärmer, als sie war. Sie wollte nicht schwächlich, weich
gegen sich sein, sondern tapfer. Und klar, wie sie es immer von sich
verlangte. Rücksichtslos klar.
Jetzt war sie schon so weit, daß sie lächeln konnte. Lächeln über den
winzigen, eingebildeten Sturm, der ihr Gleichgewicht hatte stören
wollen.
Langsam stieg sie vom Hof in den Weinberg hinauf.
Der Nachtwind rüttelte leise und friedlich in den Büschen und
Baumkronen. Von dem Fliederstrauch bei der ersten Laube nahm er eine
Wolke blühenden Duftes und hauchte sie über Marga aus. Hoch und höher
stieg sie; kaum daß sie an einen Stein anstieß, so vertraut war ihr die
Steige. Bis zu ihrer Pappel, die hinter der zweiten Laube stand, klomm
sie empor.
Dort lehnte sie sich gegen den rissigen Stamm.
Die Nacht war ihre Freundin. Sie wuchs von unten herauf, aus der
Ebene, wo die Stadt einschlummerte; wo draußen ferne Tannensäume
starrten und der Fluß zwischen jungen Feldern sich verlor, in Margas
Träumen so schön wie in keiner Wirklichkeit. Sie senkte sich auf sie
herab, aus der unendlichen Höhe und Tiefe des Himmels, wo die Sterne
blitzen mußten, nein blitzten -- ein einziges, ewiges, königliches
Gewirk von leuchtendem Gold und seliger Bläue. Weit, weit breitete sie
die Arme aus, als könnte sie die Nacht, die friedliche, an sich raffen.
Aus der Ferne und Nähe, von unten, von oben. Und dann schlang sie die
Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander; so frei fühlte sie sich, so
klar, so in sich selber und in der Nacht geborgen.
2
Am Sonnabend war es üblich, das Institut früher als sonst zu verlassen.
Professor Hammann, der Chef, war den ganzen Tag nicht erschienen. Er
war über Sonnabend und Sonntag wieder einmal weggefahren. Nach dem
Rhein. Er pflegte dann Freitagabends seinen beiden Assistenten ~en
passant~ seine „Dienstreise” anzukündigen.
Junggeselle, reich, durch glänzende akademische Beziehungen in seiner
Laufbahn gesichert, ohne Ehrgeiz und ohne tiefere Neigung zu seiner
Wissenschaft, trieb er seine Bakteriologie bestenfalls wie einen
Sport unter den andern. Denn der Sport war seine Lebensaufgabe, er
war die Grundlage seiner Lebensanschauung. Man konnte sicher sein,
daß die „Dienstreise” einem Rennen, einer Regatta, einem Tennis- oder
Hockeymatch galt, bei dem er nicht fehlen durfte. Du lieber Gott!
Die Bazillen nahmen ihm das nicht weiter übel. Mit den zweien, die
er selber früher entdeckt, war das bißchen Gelehrtenruf hergestellt:
die „Jahrbuchunsterblichkeit”, wie er mit unverhohlener Selbstironie
im vertrauten Kreise zu sagen pflegte. Das Weitere besorgten die
Assistenten unter seinem Namen.
Doktor Markwaldt, der erste Assistent, hatte schon gleich nach fünf
Schluß gemacht. Er saß rittlings auf seinem Stuhl und las seine
Berliner Zeitung. Bisweilen schielte er über das Blatt weg nach seinem
Kollegen, der noch immer mikroskopierte, und stellte psychologische
Zwischenbetrachtungen an.
Dieser Perthes war doch ein merkwürdiger Bursche! Markwaldt bildete
sich ein, Menschenkenner von Beruf zu sein -- er beurteilte seine
Fähigkeit nach der Fixigkeit seines Urteils --, aber dieser Junge,
dieser Perthes, trotzte nun bald seit fünf Monaten, seit er überhaupt
zweiter Assistent war, den Markwaldtschen Erfahrungsgrundsätzen. Drei
Wochen lang arbeitete er wie ein Büffel; er verbiß sich in irgendeine
Sache und schien darüber Himmel und Erde zu vergessen. Der Junge war
ein Streber, ein ganz gewöhnlicher Streber. Das stand fest. So lange,
bis die drei nächsten Wochen anfingen. Wie mit einem Schlage war
derselbe Perthes wie ausgewechselt. Er erschien fast nur gastweise im
Institut; er sprach von seiner Wissenschaft in den geringschätzigsten
Ausdrücken, spielte sich als Naturmensch und Krafthuber auf, der in
Wald und Feld herumtobte, wie ein Besessener ruderte und zeitweise
überhaupt vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Keine Frage: der
Junge war ein ausgepichter Faulenzer, der es nie zu etwas bringen
konnte. Alles Laune, Tollheit, Verschrobenheit. Bis das Wetter von
neuem umschlug und der Arbeitsteufel wieder über ihn kam. Aus diesem
Chamäleon mochte ein anderer klug werden!
Inzwischen hatte Perthes mit einem kurzen Entschluß den weißen
Arbeitsmantel in den Kasten gehängt und mit dem schon bekannten
Pfeffer-und-Salz-Jackett vertauscht. „Gehen wir?” fragte er mit knappem
Ton, schon halb in der Tür.
„Höchste Zeit!” Markwaldt sprang auf und steckte die Zeitung in die
Tasche.
Nach einer kurzen Weisung an den Institutsdiener, der aus seiner Stube
im Erdgeschoß getrommelt wurde, verließen die beiden Assistenten das
Haus und schlenderten, die langweilige Enzisheimer Straße vermeidend,
durch die Allee am Fluß aus dem klinischen Viertel stadtwärts.
Es war ein ungleiches Paar. Perthes, hochgewachsen, schlank, brünett,
überragte den rundlichen, weißblonden Markwaldt um fast zwei
Haupteslängen. Auch wenn er, wie jetzt, langsam ging, war er mindestens
um einen Schritt dem anderen voraus. Er hatte den blaubebänderten
Panamahut abgenommen oder vielmehr noch gar nicht aufgesetzt. Lässig
schlenkerte er ihn in der Linken. Den Kopf mit dem dichten, dunklen,
verworrenen Haar, den buschigen Brauen, dem kräftigen braunen Vollbart
neigte er leicht nach rechts zu seinem Gefährten herunter, als hörte er
dessen Reden zu. Doch waren die leicht zugekniffenen Augen geradeaus
ins Weite gerichtet und verrieten das Gegenteil.
Markwaldt erzählte von einem Gartenfest, das Hupfeld, das „große
Tier” der Fakultät, die weitberühmte chirurgische Exzellenz, im
vorigen Sommer gegeben hatte. „Sie müssen dort Besuch machen,
Kollege! Unbedingt. Das einzige Haus großen Stils in unserem
gottbegnadeten Jammerdorf. Tipptopp! Nicht diese ollen, langweiligen
Geheimratsfressereien, wo man sich mit zehn, zwanzig höheren Töchtern
tothupsen muß. Und dann -- Alli! Pardon, Alice!” Er schnalzte statt
aller Charakteristik mit der Zunge. „Na, die kennen Sie ja schon --
Fräulein Exzellenz, was?”
Perthes schüttelte gleichgültig den Kopf. „Keine Ahnung,” antwortete er
zerstreut.
„Nicht die Möglichkeit! Sie sollten unter die Sterngucker gehen,
Perthes. Wahrhaftig!” Markwaldt blieb stehen und klopfte empört mit
dem Stock auf den Boden, daß seine kuglige Figur, die so prall in dem
blauen Anzug mit der buntgestickten Weste steckte, in Erschütterung
geriet. Dann stützte er beide Hände auf den achatenen Stockknopf und
stellte eins seiner kurzen Beine graziös hinter das andere. Er zwang so
Perthes, stehenzubleiben und sich zu ihm umzuwenden. „So was übersieht
man doch nicht -- die einzige schicke Erscheinung im ganzen Nest!
Wetten, daß das Teufelsmädel Sie schon kennt?”
Perthes zuckte ungeduldig die Achseln. Markwaldt langweilte ihn. Er
wollte weiter, aber sein Partner blieb unerbittlich stehen, wo er
stand, und redete drauflos.
„So werden Sie's zu nichts bringen, Verehrtester! Zu gar nichts. Und
Sie wollen akademisch werden?! Die Mädels sind ja doch die Hauptsache,
sag' ich Ihnen. Den ganzen Professorenklumpatsch können Sie, wie
Gott-Vater, in die eine Wagschale legen, Ihre Bakteriologie und was
Sie sonst wissen dazu. In die andere Schale muß das richtige Mädel,
und wuppdich -- sie senkt sich, daß die Professorenperücken und Ihre
Wissenschaft an die Decke fliegen. So liegt die Chose!”
Jetzt mußte Perthes -- unter der Wucht solcher Anschaulichkeit -- wohl
oder übel lachen. Seine starken weißen Zähne leuchteten aus dem dunklen
Barthaar. „Das ist doch wohl die alte Schule, Kollege Markwaldt,”
meinte er leichthin.
„Alte Schule?” ereiferte sich Markwaldt. „Alte Schule? Sie, o Sie --
verzeihen Sie! -- Sie unglaublicher Embryo! Die _ewige_ Schule ist
das!” Er mußte sich jetzt entschließen, dem weiterschreitenden Perthes
zu folgen. „Werden ja sehen. Übrigens, Besuch machen müssen Sie bei
Hupfeld doch. Das ist einfach so Brauch von alters her. Fragen Sie den
Chef!”
„Ich besuche, wen ich will,” gab Perthes mit beinahe unfreundlicher
Bestimmtheit zurück. Ein Angriff auf seine Freiheit bewirkte bei ihm
alles andere eher als Nachgiebigkeit.
„Verdrehtes Huhn!” knirschte Markwaldt in sich hinein, doch immerhin so
vorsichtig, daß sein Gefährte die Schmeichelei nur ahnen konnte. Ihm
konnte es ja schließlich egal sein, wie Perthes die Sache angriff. So
harmlos er sonst war, so sagte ihm doch jetzt der Ärger: Je verkehrter,
desto besser. Seine Verstimmung dauerte indes nicht lange. Schon
strich er wieder mit der Selbstgefälligkeit des guten Jungen, der er
war, den kurzgeschnittenen dürftigen Schnurrbart und pfiff durch die
roten Lippen. An der Brücke, die hinüber nach der Neustadt führte,
verabschiedete er sich.
„Kommen doch zum Klinikerabend heute, was?” fragte Markwaldt.
„Vielleicht,” lautete die ausweichende Antwort.
„Na, denn -- auf Wiedersehen!” Markwaldt schritt seinem Stammcafé zu,
wo er die Zeit bis zum Abendessen mit Billardspielen totschlagen wollte.
Perthes ging auf der Altstadtseite am Fluß weiter. Die Allee wurde
dort belebter. Alte Leute saßen auf den Bänken in der Sonne, die in
ihrem sachten Niedergang seitwärts in die Allee hereinblinkte. Kinder
häufelten Sand und liefen den Fußgängern zwischen die Beine. Auf dem
Fluß schoß ein langes, schmales Ruderboot pfeilschnell dahin. Die
Ruderer mit ihren roten Mützen und weißen Trikotanzügen hoben sich
grell ab von dem dunkelgrünen Wasser. Ihre nackten Arme warfen sie
nach dem lauten, mechanischen Kommando des Steuermanns im Gleichtakt
vor und zurück. Auf dem Graspfad unten an der Uferböschung lief der
Leiter des Klubs, ein jugendfroher Gymnasialprofessor, mit einer
mächtigen Schalltube. Er begleitete das Boot und rief seine Kritik
durch den Trichter dröhnend über das Wasser hin. Zuzeiten selbst ein
leidenschaftlicher Ruderer, sah Perthes dem Boot mit Interesse nach.
Dann ging er über die Straße nach seiner nahen Wohnung und stieg lässig
die Treppe hinauf.
Ein geräumiges Giebelzimmer mit dem freien Blick auf den Fluß und die
gegenüberliegenden Waldberge war sein Quartier. Ein kleiner Alkoven
stieß daran. Eine Veranda, luftig und keck wie ein Vogelnest, war unter
den Dachsparren vorgebaut. Einfach, aber freundlich und sauber war
alles eingerichtet. Es war gut hausen da oben.
Als Perthes eintrat, sah er sich um. Auf dem Tisch lag eine Drucksache.
Er riß sie auf und warf sie beiseite. Ein medizinischer Katalog, weiter
nichts.
Eine Weile stand er unter der offenen Verandatür und starrte hinüber
nach dem anderen Ufer. Unter den Landhäusern in der Neustadt drüben
schien er ein bestimmtes zu fixieren. Dann drehte er sich schroff
zurück ins Zimmer. Er trat vor seine Bibliothek, die auf einem Regal
neben dem Schreibtisch an der Wand stand. Eine seltsame literarische
Auslese, die sich da beisammen fand. Kochs „Reiseberichte über Rinder-
und Bubonenpest in Indien” neben Richard Wagners Werken; einige Bände
der „Medizinischen Wochenschrift” neben Schopenhauer, Haeckel, Zola;
ein Band Kant, Sophokles, Pasteur, Goethe, Czernys Krebsforschungen
nachbarlich beieinander. Nichts aus der bunten Reihe lockte ihn. Mit
leeren Händen setzte er sich in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl.
Ganz so unbegreiflich und kompliziert, wie Doktor Markwaldt sich seinen
Kollegen Max Perthes dachte, war er wahrhaftig nicht. Er gehörte
nur zu den Naturen, die länger und mühevoller als andere nach einem
Ausgleich ihrer inneren Widersprüche suchen, weil diese Widersprüche
tiefer sind und ein unbändiges Temperament sie eher verschärft als
mildert. Väterlicherseits aus einem endlosen Geschlecht wackerer,
nüchterner Landärzte in der Pfalz stammend, mütterlicherseits der
Abkömmling einer einst hochangesehenen Gelehrtenfamilie am Niederrhein,
hatte er sich, früh verwaist, nach seinem Abiturium mit einem beinahe
fanatischen Wirklichkeitsdurst auf die Naturwissenschaften gestürzt.
Auf Chemie und Physik, auf Botanik, Zoologie und Physiologie hatte er
sich wahllos neben- und nacheinander geworfen. Spielend bemächtigte
sich sein beweglicher Geist des Stoffes und wußte ihn zu durchdringen.
Dann trat jäh und heftig die Übersättigung ein. Es war, als trete sein
Herz beiseite und lehne sich auf gegen die trockene und einseitige
Arbeit des Kopfes, die es noch eben freudig zu teilen schien. Mit
einem herzhaften Entschluß ging er zur Medizin über. Die Verbindung
von Wissen und Praxis mußte seinen ursprünglichen und seinen ererbten
Anlagen mehr entsprechen, als die bloß beschreibende Erforschung der
Natur. Mit fünfundzwanzig Jahren machte er sein Examen und baute bald
darauf seinen Doktor in Chirurgie. Mit der Befriedigung war es auch
schon zu Ende. Dieselbe Jagd, in der ein unstetes Herz den Kopf von
einem Gegenstand zum anderen riß, begann von neuem. Von der Chirurgie
ging er zur inneren Medizin, von dort zur Augenheilkunde über. Die
praktische Tätigkeit war so eng, so gleichförmig, so unfruchtbar.
Ein kleines Vermögen, über das er unabhängig verfügen konnte, zehrte
sich in diesem Hin und Wider der Neigungen langsam auf. Er fühlte den
moralischen und wirtschaftlichen Zwang, sich Halt zu gebieten. In der
unwiderruflichen Absicht, sich in einem Fachgebiet festzufahren, hatte
er die Assistentenstelle am Bakteriologischen Institut übernommen. Hier
wollte er aushalten und sich durchsetzen, eine Lebensstellung gründen
um jeden Preis. Wenn er seinem Vorsatz treu blieb und seine Arbeiten
nur einigermaßen von Erfolg begleitet waren, reichten seine Mittel aus,
um sich zu einer Professur durchzuschlagen.
Wenn, ja wenn ... Perthes legte die langen, nervigen Hände mit den
Fingern ineinander und spannte sie vor der Stirn, daß sie in den
Gelenken knackten. So viel Kraft in sich zu fühlen und so wenig Herr
über seinen Willen werden zu können! Seit Wochen fühlte er das
Bohren und Quälen in sich, das einer neuen Krisis vorauszugehen
pflegte. Mit Händen und Füßen wehrte er sich gegen diese Erkenntnis.
Wo hinaus wollte er? Wo gab es noch eine geistige Aufgabe, die er
an sich reißen konnte, um sie wieder von sich zu stoßen? In ihm
wuchsen und wiederholten sich immer häufiger die Stimmungen, die
ihn in allen Wissenschaften nichts mehr sehen ließen, als eine
einzige unselige Verbildung. Er hatte schon früh in der Pflege und
Ausbildung seiner körperlichen Kräfte ein Gegengewicht gegen die
innere Unausgeglichenheit gesucht. Neuerdings übertrieb er, wie er
alles übertrieb, diese physische Abmüdung in jenen oft wochenlangen
Anfällen, in denen er für Markwaldt statt eines Strebers ein
ausbündiger Faulenzer war. Auf die Dauer verfingen solche Radikalkuren
immer weniger. Seine Entwicklung drängte ziemlich spät, aber unfehlbar
auf eine Entscheidung, die nicht in der Wissenschaft, sondern nur im
wirklichen Leben ausgefochten werden konnte. Nicht mehr darauf kam
es für ihn an, ob er für seinen Kopf eine erträglich befriedigende
Lösung für tausend und ein Welträtsel fand; ein unterdrücktes,
vernachlässigtes und verleugnetes Gemütsleben verlangte sein Recht
gegen die nüchterne, materialistische Kultur des Verstandes. Er stand,
ohne sich darüber mehr als ahnungsweise klar zu sein, vor dem Kampfe,
der über den vollen Menschen, seinen Charakter und sein Schicksal
entschied. Es bedurfte nur eines geringen Anlasses von außen, und er
mußte zum Ausbruch kommen.
Perthes' Gedanken nahmen jetzt ihre Richtung wieder nach dem Landhaus
aus rotem Sandstein, jenseits des Flusses, das er zuvor fixiert hatte.
Eigentlich hatte er die Sache vergessen wollen. Vor zehn oder vierzehn
Tagen -- oder war es so lange noch nicht? -- war er am Abend, als er
nicht wußte, was er tun sollte, in den Stadtgarten gegangen, um etwas
Musik zu hören und Menschen zu sehen. Es war Sonntag und sommerlich
warm. Zwei-, dreimal schritt er den Rundweg ab, den boshafte Menschen
das „Heiratskarussell” getauft hatten. Endlos wälzte sich da im
Schein der hellen Bogenlampen ein Strom von geputzten jungen Mädchen
aus der Bürgerschaft und von buntbemützten Studenten im Kreise mit-
und gegeneinander. Die Pärchen suchten und fanden sich in einem
Kreuzfeuer von Blicken. Erst wurde die Angebetete mit feierlich-ernstem
Kappenschwenken begrüßt, dann angesprochen und flirtend begleitet.
Anfangs hatte ihm das Treiben Spaß gemacht. Bald langweilte es ihn,
und er setzte sich vor den Musikpavillon, wo die Stadtkapelle, ein
leidlich braves Orchester, in Ouvertüren, Sinfoniesätzen und Tänzen
sich und anderen gütlich tat. Während er den Tönen nachträumte und
dabei gedankenverloren in das drehende Gewühl der Menschen starrte,
traf sich sein Blick zufällig mit dem eines jungen Mädchens, das im
Gespräch mit einem Burschenschafter, einem kecken, welterobernden
Frankonenfuchs, vorüberging. Die großen vergißmeinnichtblauen Augen
ruhten halb ernst, halb schelmisch eine Sekunde in den seinen. Ohne daß
er sich etwas dabei dachte, wiederholte sich dies flüchtige Blickspiel
ein zweites und drittes Mal. In ihrem duftigen Rosakleidchen mit dem
offenen, auf die Schultern herabfallenden Blondhaar war die Kleine,
halb erwachsen, halb Kind, eine Erscheinung von zartem, poetischem
Reiz. Er hätte sie vergessen, wenn sie ihm nicht am Vormittag darauf,
mit dem Marktkorb unter dem Arm, begegnet wäre, als er zum Institut
ging. Sie trug die Haare aufgesteckt und schritt sehr gesetzt und
geradeausblickend an ihm vorüber. Am Nachmittag des folgenden Tages
sah er sie mit der Musikmappe in der Hauptstraße. Einer scherzhaften
Anwandlung nachgebend, folgte er ihr über die Neue Brücke und entdeckte
ihre Wohnung. An einem der nächsten Abende ging er -- es war dies einer
seiner regelmäßigen Spaziergänge -- am jenseitigen Ufer spazieren.
Sie saß handarbeitend auf dem Balkon. Perthes liebte es, die Sonne
über dem Fluß untergehen zu sehen. Er hatte keinen Grund, von einer
angenehmen Gewohnheit abzuweichen, und tat es jetzt nur insoweit,
als er regelmäßig im Vorbeigehen hinaufsah, während sie heruntersah.
Gestern war sie ihm wieder mit dem Marktkorb begegnet. Sehr würdig und
ernst. Kaum daß ihn die großen, glanzvollen Augen streiften. Aber sie
verlor zufällig ihren Handschuh. Perthes hob ihn auf. Er sprach sie
an. Es ergab sich von selbst, daß er sie ein paar Schritte begleitete.
Mit reizendem Widerstreben ließ sie es geschehen. Einige belanglose
Redensarten wurden ausgetauscht. Sie sprach mit einer allerliebsten
Mischung von Altklugheit und Kindlichkeit. Während der Arbeit im
Institut dachte er bisweilen an sie. Wie man an eine liebenswürdige
Landschaft denkt. Man ruht sich in ihrer Erinnerung aus und mochte
sie wiedersehen. Heute, am frühen Morgen, als er zwischen Veranda und
Zimmer unter der Tür seinen Kaffee hinunterjagte, ertappte er sich zum
erstenmal dabei, wie er das bewußte Sandsteinhaus zwischen den alten
und neuen Giebeln jenseits des Flusses suchte und fand. Jetzt kam er
sich albern vor. Um es nicht noch mehr zu werden, beschloß er, von nun
an die Sonne vom diesseitigen Ufer untergehen zu sehen.
Während er sich noch immer im Schaukelstuhl wiegte, schien ihm der
heldenhafte Entschluß, auf eine freundliche Gewohnheit zu verzichten,
noch lächerlicher als die ganze Geschichte. Das Weibliche hatte in
seinem Leben stets nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Was er von
Frauen kannte, verdiente kaum diesen Namen. Der beliebte medizinische
Zynismus diente ihm als Schild wie gegen alle Empfindsamkeit so gegen
eine seelische Überschätzung des Weibes. So wollte er es wenigstens.
Warum sollte er es nicht auch, wie andere, mit einer harmlosen
Spielerei versuchen, der er in jedem Augenblick ein Ende machen konnte
-- morgen, übermorgen so gut wie heute? War er nicht schon schwerlebig
genug? Das fehlte noch, daß er spröde mit sich tat wie eine alte
Jungfer!
Mit einem entschiedenen Ruck sprang er von seinem Rohrsessel auf,
setzte den Hut auf und war wieder auf der Straße.
Es war später als sonst, als er auf die Brücke kam.
Die Dampfstraßenbahn, die nach den Dörfern in der Ebene fuhr, rollte
lärmend an ihm vorbei. Heimkehrende Spaziergänger, verspätete Arbeiter,
Kinderwagen, eine auswärtige Knabenschulklasse, die zum Bahnhof eilte,
drängten an ihm vorbei.
Perthes war froh, als er die Treppe hinuntersteigen konnte, die nach
der stilleren Uferstraße führte.
Die Platanenallee, die er hinaufschritt, führte zwischen Rasenanlagen
hindurch, am Bootshaus des Ruderklubs vorbei. Es war schon geschlossen.
Die Wiese zwischen der Allee und dem Fluß war sonst gegen Abend der
Tummelplatz eines Fußballklubs. Auch sie war heute schon verödet.
Keine Menschenseele begegnete ihm. Die Villen zur Rechten schienen wie
ausgestorben.
Jetzt war er dicht bei dem bewußten Hause. Zwischen den Bäumen
durch konnte er auf Erker und Balkon des Landhauses sehen. Sein
„Ufermädchen”, wie er sie hieß, saß nicht da, nicht dort.
Enttäuscht schlenderte er weiter, ans Ende der Allee, wo die Anlagen
und die Villenstraße aufhörten und die Obstgärten anfingen. Er bog nach
der Wiese hin ab und näherte sich dem Wasser.
Über blühende Schlehenbüsche weg blickte er hinaus auf den Fluß, der
seine Wellen in die Ebene wälzte. Die Sonne stand, eine feurige Kugel,
darüber, umglüht von violettem, purpurnem und silberweißem Gewölk.
Das Schauspiel, das er liebte, machte ihn heute melancholisch. Er
fühlte eine Leere in sich und kam sich einsamer vor als sonst. Kein
Zweifel: es war, weil er Hilde König, das kleine Mädel mit den losen
Haaren und den lockenden blauen Augen nicht in seiner Nähe wußte. Wie
läppisch das war! Und doch konnte er nicht dagegen an.
Verdrießlich trat er den Rückweg an.
In einem Vorgarten wurde mit Wasser gesprengt. Die Luft war voll von
dem frischen Geruch des genetzten Grases. Die Stadt, die jetzt rechts
vor ihm lag, schmiegte sich im matten, rötlichen Licht der versagenden
Sonnenstrahlen mit ihren zackigen Dächern und steilen Türmen friedlich
gegen die verschwimmenden Berge. Von einer der Kirchen klang die
Abendglocke herüber.
Der Balkon, nach dem Perthes von neuem spähte, blieb leer.
In der Ferne sah er jetzt zwei jugendliche Gestalten die Allee
herunterkommen. Sie gingen Arm in Arm. Er meinte in der einen von
ihnen Hilde König zu erkennen. Es war eine Täuschung. Unweit von ihm,
bei einer Bank, trennten sie sich. Das größere der beiden Mädchen
eilte mit lebhaftem Schritt nach dem nächstgelegenen Landhaus; das
zurückbleibende setzte sich, offenbar um zu warten, auf die Bank.
Sie trug unter dem leichten, offenen Mantel eine beigefarbene Bluse
zum dunklen Rock und über dem hellen Haar einen einfachen englischen
Strohhut mit schwarzem Band.
Gleichgültig ging Perthes vorüber. Kaum mit einem flüchtigen Blick
streifte er das Gesicht der Wartenden.
Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Es durchzuckte ihn plötzlich,
als wäre er diesen zarten und doch festen, ausdrucksvollen Zügen schon
irgendwo und irgendwann begegnet. Wie zufällig wandte er sich um. Das
junge Mädchen hatte jetzt einen Arm mit dem Ellbogen aufs Knie und
den vorgeneigten Kopf mit dem Kinn auf den Handrücken gestützt. Die
Augen, erst zur Erde gesenkt, sahen auf, als hätte sie gehört, daß sein
Schritt innehielt, und suchten die Stelle, wo er stand. Das unsichere
Irren des Blickes verriet ihm ihre Blindheit. Er erkannte jetzt
das mattfarbene Gesicht mit den etwas knochigen Wangen, die runde,
ebenmäßige Stirn, über die das Haar, unter dem Hut vorquellend, mit
einer aschblonden Welle niederfiel. Er konnte sich nicht täuschen, es
mußte Marga Richthoff sein.
Sie schien zu fühlen, daß sie beobachtet wurde. Unruhig wandte sie
den Kopf weg und zurück, in der Richtung des Hauses, in dem ihre
Begleiterin verschwunden war.
Perthes folgte einer impulsiven Regung und ging gerade auf sie zu.
Sie fuhr unwillkürlich etwas zurück.
„Erschrecken Sie nicht, Fräulein Richthoff --”
„Ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind,” kam es zurückhaltend, aber
furchtlos von ihren Lippen.
„Doktor Perthes,” sagte er einfach. „Ich habe Ihrem Herrn Vater dieser
Tage meine Aufwartung gemacht. Als alter Bekannter von Hemsbach her
kann ich nicht so grußlos an Ihnen vorübergehen.”
Marga, obwohl zuerst verdutzt, fand sich schnell zurecht. „Das ist nett
von Ihnen,” erklärte sie offen. Eine sichtliche Freude belebte ihr
Gesicht. Wie einem alten Kameraden bot sie ihm die Hand. „Papa hat von
Ihrem Besuch erzählt. Ich war ganz erstaunt, daß Sie Ihr Versprechen
nicht vergessen hatten.”
„Sie scheinen ja meinem Gedächtnis wenig Gutes zuzutrauen.” Perthes
fühlte sich fast beschämt. Daß er sich an die Empfehlung, die ihm sein
Onkel Schlutius, der Germanist in Bonn, für Richthoff mitgegeben,
erinnert hatte, war ein Zufall und die Ausführung des Besuchs eine
Laune gewesen.
„Es wäre noch nichts Böses gewesen, wenn Sie den dummen, eigensinnigen
Backfisch von damals aus dem Gedächtnis verloren hätten,” meinte Marga.
„Na, na -- so schlimm war die Sache mit Ihnen nicht.”
„O ja!” versetzte sie ernsthaft. „Ich dachte gerade in diesen Tagen
daran, wie trotzig und unleidlich ich damals war. Wissen Sie noch --
der Direktor hatte mich schon halb und halb aufgegeben, nur Sie ließen
sich nicht abschrecken und ruhten nicht, bis ich die Buchstaben doch
noch tasten lernte. -- Ich war damals zu unglücklich, um vernünftiger
und gelehriger zu sein,” setzte sie nachdrücklich hinzu.
„Und jetzt? Wie steht's mit dem Lesen und Punktieren?” forschte Perthes.
„Ganz ordentlich. Wenn Sie einmal zu uns kommen --” Marga stockte einen
Moment. Es fiel ihr ein, sie möchte zu vertraulich sein. Ihrer Natur
nach gab sie sich harmlos oder gar nicht. Aber sie wurde oft von den
Schwestern und sogar von Papa deshalb getadelt.
„Natürlich komme ich einmal. Wenn man mich haben will,” meinte er
munter. „Und dann halte ich eine Prüfung ab. Vollschrift, Kurzschrift!
Lesen und Schreiben!”
„O weh! Da muß ich mich ja vorher richtig vorbereiten. Sonst blamiere
ich mich unbarmherzig,” erwiderte Marga mit leisem Lachen.
„Wir werden ja sehen.” Er hörte Schritte jenseits der Allee. „Ihre
Freundin kommt zurück.”
„Meine Schwester.”
„Also -- auf Wiedersehen!” Er ergriff Margas Hand und schüttelte sie
herzhaft.
Ehe sie seinen Gruß erwidern konnte, setzte Perthes, freundlich den
Hut schwenkend, seinen Weg fort. Die unerwartete, so ungezwungen
freundschaftliche Begegnung hatte ihm wohlgetan. Seine Verstimmung war
gewichen. Mit großen Schritten ging er nach der Brücke und heimwärts.
Er dachte sogar daran, nach dem Abendessen an den Klinikertisch zu
gehen. --
Ganz aufgeregt kam Käthe auf Marga zu. „Wer war denn das?” fragte sie
neugierig und vorwurfsvoll zugleich, während sie dem Davonschreitenden
erstaunt nachblickte.
„Doktor Perthes hat mich begrüßt,” erklärte Marga freimütig. Mit
anschmiegender Zärtlichkeit, in der ihre innere Erregung nachklang,
hängte sie sich an den Arm der Schwester. „Er war reizend. Ganz der
alte.”
„Hat er dich so mir nichts, dir nichts einfach angesprochen?”
„Natürlich! Warum auch nicht?”
Sie gingen langsam die Allee hinunter.
„Aber das tut man doch nicht,” fuhr Käthe kopfschüttelnd fort. „Eine
Dame -- auf offener Straße --”
„Ich hätte es viel unnatürlicher gefunden, wenn er stocksteif
vorbeigegangen wäre,” versicherte Marga überzeugt. Sie war
beglückt von ihrem bescheidenen Erlebnis und wollte sich nicht auf
solche gesellschaftliche Haarspaltereien einlassen, die ihr ein
unverständlicher Greuel waren.
Käthe schwieg. Das war ein Zeichen, daß ihr gesittetes Gewissen Margas
leichtere Auffassung nicht guthieß.
Als sie auf der Brücke anlangten, begann es leise zu dämmern. Die roten
Wolken über dem Fluß verblaßten, und der Ostwind blies aus den Bergen
nach der Ebene. Wenn sie nicht zu spät zum Abendbrot kommen wollten,
mußten sie ihre Schritte beschleunigen.
Marga war es zufrieden und fröhlich ums Herz. Mit ihren leichten,
glücklichen Schritten konnte Käthe fast nicht mitkommen. Sie fühlte
sich unwillkürlich und unbewußt gereizt. Ob sie wollte oder nicht:
sie mußte ein wenig Wasser in Margas fröhlichen Wein gießen. „Weißt
du,” begann sie bedächtig, „Lizzie hat mir erzählt,” -- Lizzie war die
Freundin, bei der sie in der Uferstraße für eine Minute eingeschaut
hatte, um Noten zurückzubringen -- „daß dein Doktor Perthes Abend für
Abend dort herumspaziert.”
„Es wird ihm dort gefallen. Er wird sich an den Sonnenuntergängen über
dem Wasser freuen,” meinte Marga lebhaft.
„Er soll nicht bloß deshalb kommen, sondern --”
„Sondern?” fragte Marga harmlos neugierig.
„Er macht Hilde König den Hof,” entfuhr es Käthe. „Er soll sie öfters
mal ans Haus begleitet haben. Das spricht nicht gerade für seinen
Geschmack. Denn das unschuldige Kind läßt sich ja von jedem jüngsten
Studenten die Cour schneiden.” Es war, ohne daß sie es wollte, ein Ton
von selbstgerechter Schärfe in ihre Worte gekommen.
Marga verlangsamte ihre Schritte. Wenn Käthe sie in diesem Moment
angesehen hätte, hätte sie bemerkt, daß ihre Wangen und ihre Lippen
sich leise verfärbten. Der kleine, mehr weibliche als schwesterliche
Pfeil traf mitten in Margas unschuldige Heiterkeit. Sie schüttelte
betroffen den Kopf. Sie konnte das nicht glauben. Gerade dieses
oberflächliche kleine Mädel, das alle Welt für sein weites Herz kannte,
das sollte ...
„Das ist seine Sache,” sagte sie nach einer Weile ruhig und mit
möglichster Gelassenheit. Sie hatte ihren Arm in dem der Schwester
gelockert, als könnte das Pochen ihres Herzens Käthe verraten, daß ihr
diese Nachricht wehe tat. Aber warum auch? Sie schämte sich schon der
törichten Anwandlung und hakte wieder fester unter. Fast im Laufschritt
ging es jetzt über den Bahndamm weg, die Straße am Wenzelsberg hinauf
und dem väterlichen Hause zu.
3
Anfangs hatte sich der Geheimrat mächtig gesträubt. In diesem Sommer
wollte er von einer größeren Einladung bestimmt nichts hören. Einmal
drängte es nicht, dann war es überhaupt ganz überflüssig.
Käthe, die es wagte, Anfang Juni direkt in die Höhle des Löwen zu gehen
und ihm ein Gartenfest vorzuschlagen, wurde beinahe hinausgeworfen.
Elli, die mitunter Andeutungen in die Unterhaltung warf -- über das
unerwartet schöne Wetter, über die wundervollen warmen Abende, über
die Vorzüge, die es hätte, gerade jetzt, wo noch nicht alle Welt einem
zuvorgekommen, gewisse Verpflichtungen zu erfüllen --, fand taube Ohren
und bekam schließlich eine grimmige Bemerkung über die Vergnügungssucht
junger Mädchen von heute an den Kopf. Marga dachte wohl manchmal daran,
daß sie gern mit Doktor Perthes plaudern möchte. Aber sie schwieg. Es
wäre zu ungewöhnlich gewesen, wenn sie, die stets widerstrebend an
den häuslichen Gesellschaften teilgenommen, die Schwestern plötzlich
unterstützt hätte.
Mitte Juni erklärte Vater Richthoff eines Morgens beim Frühstück, es
sei doch merkwürdig, daß er an alles denken müsse. Warum man denn heuer
die üblichen Einladungen nicht ergehen lasse? Da man ja doch in den
sauren Apfel beißen müßte, wäre es das Netteste, die Jugend mal in den
Garten einzuladen. Seine Mädels wären Schlafmützen.
Die Gescholtenen horchten hoch auf. Natürlich wagte niemand auch nur
mit einer Silbe daran zu erinnern, daß man je selber an so was gedacht
habe.
Elli, der das Herz im Leibe lachte, wandte ein Übermaß von
Selbstbeherrschung auf, um nicht vom Stuhl aufzufahren. Es war
nicht verwunderlich, daß sie Margas halbvolle Tasse umstieß. Käthe,
praktisch wie sie war, wußte, daß eine solche Gelegenheit väterlicher
Herablassung nicht wiederkehrte, und holte ihre Liste. Sie hub an, die
Namen zu verlesen, und über die Morgenzeitung weg brummte der alte Herr
zu den Vorgeschlagenen seine Zustimmung. Jetzt nannte sie Erich Wilkens.
„Hört in diesem Semester nicht bei mir,” erklärte ablehnend der
Geheimrat.
„Aber er hat Besuch gemacht, Papa! Vorigen Sonntag!” fuhr es Elli
heraus.
„Hat er?” gab der alte Herr gutmütig-spöttisch zurück und traf Elli mit
einem scharfen Blick über die Brillengläser weg.
Elli ward rot bis über die Ohren. Sie mußte ihr Schuhband festknüpfen,
um Verlegenheit und Enttäuschung zu verbergen. Marga strich leise
beruhigend ihren Arm.
„Also nicht?” fragte Käthe mitleidig zögernd.
„Meinetwegen,” lautete der erlösende Bescheid.
Elli mußte vor Freude Margas Hand so überkräftig drücken, daß diese um
ein Haar aufgeschrien hätte.
Doktor Perthes kam als letzter. Der Geheimrat hatte keine Ahnung mehr.
Marga zuckte nicht mit den Wimpern, als Käthe ihm den Hemsbacher Arzt
ins Gedächtnis brachte. „Ach der!” meinte er gedehnt. „Na ja -- wenn
Marga es nicht anders tut.”
„Du hast ja selbst gesagt, er soll auf die Liste kommen,” erklärte Elli
kühn, um der Schwester zu Hilfe zu kommen.
Marga rührte sich nicht. Sie schien die Fransen an der Kaffeedecke zu
zählen.
„Aber dann Schluß! Die Mädels dazu wählt gefälligst selber aus. Und
mich laßt mit allem Drum und Dran aus dem Spiel. Kosten darf die Sache
nichts, und stören darf sie mich auch nicht.”
Der Geheimrat erhob sich. Er war jetzt wieder ganz der gestrenge und
unwirsche Herr und Gebieter, der sich nicht länger um solche Läppereien
kümmerte. Fast schien ihm die Sache wieder leid zu tun.
„Nur noch den Tag, Papa!” bat Käthe. „Wir müssen doch wissen, wann
dir's am besten paßt.”
Der Geheimrat war schon aus der Tür und stieg in sein Zimmer hinauf.
Er hatte gestern in seiner Kaisergeschichte den segensvollen Titus
porträtiert. Jetzt kam er zu dem unsympathischen und grausamen
Domitian. Mit der Gnade und Milde war es zu Ende.
Doch zum Glück für das Haus ergaben Richthoffs erneute Forschungen,
daß der böse Flavier unter seiner Großmannssucht und rohen Härte die
besseren Anlagen seines Hauses wenigstens in seinen Anfängen nicht ganz
verleugnete. So wurde es möglich, daß man dem Geheimrat doch auch noch
den Termin für das geplante Gartenfest ablocken konnte.
Was gab es dann aber auch alles am Wenzelsberg zu tun! Die Einladungen
mußten geschrieben werden. Es galt, den Lohndiener und die Kochfrau
zu bestellen. Dann kam das Menü. Das las der alte Herr zwei Tage lang
nicht, obwohl Käthe es ihm mit aller Liebe und Sorgfalt bei jeder
Mahlzeit neben die Serviette legte. Am dritten Tage steckte er es in
die Tasche und schickte es am fünften als völlig unbrauchbar zurück.
Nur mit List konnte er schließlich gezwungen werden, Gegenvorschläge
zu machen. Mit der Bemerkung, daß die Weibsleute nicht einmal von der
Küche etwas verständen, ergriff er selbst das Kochbuch und verlangte
die unmöglichsten Gerichte. Das Ungeheuerlichste war, daß er allen
Einwendungen zum Trotz auf einer Suppe bestand, einer für eine Abend-
und Gartengesellschaft allem Herkommen hohnsprechenden Ouvertüre.
Er wollte in Italien eine Wildsuppe gegessen haben, die unbedingt
ausprobiert werden mußte, ein unheimliches, höchst apartes Gemächte,
von dem er sich für sich und seine Gäste Wunder versprach. Käthe konnte
nicht mehr erreichen als ein Kompromiß: dafür, daß er die übrigen Gänge
genehmigte, mußte ihm die abenteuerliche Suppe zugestanden werden.
Langsam kamen die Zu- und Absagen.
Je größer die Spannung war, mit der seine Mädels die Post erwarteten,
um so weniger eilig hatte es der Geheimrat mit dem Öffnen der
Briefschaften. Für Elli gab es Folteraugenblicke am Frühstückstisch.
Sie hatte schon die Hoffnung aufgegeben, daß Wilkens käme.
Endlich schrieb er zu. Doktor Perthes machte zwar eine korrekte
sonntägliche Aufwartung, bei der er seine Karte abgab, aber zusagende
Antwort schickte er erst am Abend vorher. Er entschuldigte seine
Vergeßlichkeit, wollte aber gern kommen. Käthe konnte es nicht
unterlassen, zu bemerken, daß Mediziner das „immer” so machten.
Marga blieb ihr eine Antwort schuldig. Es waren widersprechende
Gefühle, mit denen sie an Perthes dachte. Sie verschloß das Hin und Her
ihrer Empfindungen nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst.
Es lag in ihrer Art, daß sie das Unklare und Unfertige von sich
schob, weil es sie lähmte und schwächte. Ihre Seele brauchte in ihrer
Einsamkeit ungeteilte Kraft, um gesund zu bleiben. Sie hatte ihn seit
jener flüchtigen Begegnung am Fluß nicht mehr gesehen. Fast regelmäßig
machte sie mit einer der Schwestern, meist mit Elli, gegen Abend einen
Bummel. Früher waren sie oft die Uferstraße entlang gegangen. Marga
ließ sich dann die Sonnenuntergänge bis ins einzelne schildern und
genoß Farbe und Stimmung in ihrer lebendigen Phantasie. Jetzt mied sie
diesen Gang. Die Zurückhaltung kostete sie mehr, als ihrem stillen
Wesen anzumerken war. Es gab Augenblicke, in denen sie sich dabei
überraschte, ein sicheres Bild von ihm zu gewinnen. Die Frage peinigte
sie, ob er nur aus gewöhnlichem Mitleid, aus Zufall oder Laune sich
ihrer erinnert hätte. Oder ob er ein gewisses Verständnis für ihr Wesen
hätte, eine teilnehmende Freundschaft für sie empfände. Und derselbe
Mensch sollte an einem leichtmütigen Geschöpf wie Hilde König Gefallen
finden? Spielte er nur mit seinen Gefühlen? War er von Natur ernst und
gehaltvoll? Oder war er oberflächlich und leer? Ihre Erfahrung gab ihr
keine Auskunft. Und sie wollte keine. Sobald sie sich über unnötigen
Grübeleien ertappte, dachte sie gewaltsam an anderes.
Je näher der große Abend des Gartenfestes kam, um so weniger fehlte
es an Umtrieb und lustiger Geschwätzigkeit. Die Toiletten mußten
zwanzigmal besprochen werden. Es wurde auf Leben und Tod genäht. Die
Tischordnung gab eine Fülle von Stoff zu immer neuen Diskussionen. Bis
endlich auch dieses Ereignis zur Wirklichkeit wurde.
Man hatte an kleinen Tischen im Hof gedeckt.
Das Haus mit seiner Rückwand von Reblaub und Glyzinen auf der
einen, der blumenreiche, sommergrüne Weinberg auf der anderen Seite
stimmten festlich zu den weißen Tafeltüchern. Den Tafelschmuck hatte
Marga ausgedacht. Das war eine besondere Stärke von ihr. Sie gab
ganz bestimmte Weisungen, wie sie jeden Tisch innerlich vor sich
sah, und Elli führte sie unter lautem Beifall aus. Bald war es ein
Gerank von Rosen, das den silbernen Aufsatz umschloß und in duftigen
Ketten zwischen die Teller fiel, bald waren es zierliche Kränze von
Stiefmütterchen, die die Gedecke besäumten, Sträuße von Margueriten
oder blauem Akelei, die in den Servietten steckten. Leuchter mit
winzigen bunten Lichtschirmen standen munter dazwischen, und
Papierlaternen in gekreuzten Zügen überspannten den Hof von einer Ecke
zur anderen. Der Geheimrat, der zufällig einmal während der Anordnung
herunterschneite und den Kopf in den Hof streckte, brummte etwas von
einer „Blumentrödelbude”, klopfte aber dabei Marga so kräftig auf den
Arm, daß sie mit seiner Anerkennung zufrieden sein konnte.
Es war sechs Uhr geworden.
Die Zeit reichte gerade knapp hin, um sich anzuziehen, und die Mädels
flogen nach ihrem Dachstock.
Fünf Minuten vor sieben standen sie fix und fertig im Salon. Marga und
Elli trugen weiße Tüllkleider. Käthe als älteste prangte in leichter
erdbeerfarbener Seide. Das beste war der frische, unschuldige Reiz der
Jugend, der wie ein leichtes, helles Lachen von ihnen ausging, wie sie
so am Flügel beieinanderstanden. Aus Ellis Augen blitzte der Schalk;
in dem ungebärdigen Gewirr ihrer lichten Haare, mit ihrem schlanken,
zierlichen Figürchen sah sie wie der Frühling selber aus. Käthe, ein
Gewinde von Silberfiligran, ein Erbstück der Mutter, über den dunklen
Flechten, gab sich etwas gemessener und selbstbewußter: sie fühlte sich
halb und halb als Dame des Hauses. Zwischen beiden stand Marga: von der
bezaubernden Leichtigkeit Ellis und der etwas herben Sicherheit Käthes
war sie gleichweit entfernt: die weiche Lässigkeit ihrer Bewegungen und
der versonnene Ernst ihrer Züge waren nicht dazu angetan, zu bestechen
oder zu erobern. Sie wirkte wie ein Bild, das man übersehen zu haben
glaubt, um nachher zu finden, daß es kraft eines unbestimmbaren inneren
Reizes lebendiger als alle anderen im Gedächtnis haftet.
Noch immer kam Vater Richthoff nicht. Er hatte sich, natürlich zu spät,
an seine Festtoilette gemacht. Dann war ihm mitten im Anziehen ein
Gedanke gekommen, den er dringend für seine Kaisergeschichte notieren
mußte. In einem mehr antiken als modernen Kostüm eilte er in das an
sein Schlafzimmer anstoßende Arbeitszimmer und setzte sich an den
Schreibtisch.
Die Klingel meldete den ersten Gast. Die Mädels im Salon waren in
heller Bestürzung. Elli wagte es: sie schoß die Treppe hinauf und
pochte an die Tür des alten Herrn.
„Bitte, bitte, Papa! Eil dich! Die Gäste kommen!” rief sie eindringlich
und flehend.
Ein dumpfes Murren antwortete aus dem Arbeitszimmer.
„Es hat schon der erste geklingelt!” setzte Elli beschwörend hinzu.
„Wollt ihr wohl das verwünschte Gehetze lassen. Ich komme ja!” dröhnte
es zürnend zurück.
Elli glitt wieder die Treppe hinunter.
Zum Glück war nur etwas für die Küche abgegeben worden.
Die Gäste ließen auf sich warten.
Als der Geheimrat einige Minuten später in den Salon trat -- im
flatternden Gehrock, die lange goldene Uhrkette auf der von Käthe zu
Weihnachten und Ostern gestickten Weste, die dünnen weißen Haare über
dem Scheitel und an den Schläfen festgestrichen --, erklärte er ganz
empört: „Wo sind denn nun eure Gäste? Natürlich komme ich eine halbe
Ewigkeit zu früh!”
Die halbe Ewigkeit dauerte kurz.
Schon öffnete sich die Tür, um sich nicht so bald wieder zu schließen.
Im Handumdrehen füllte sich der geräumige Salon. Begrüßungen,
Vorstellungen, Freundschaftsbezeugungen schwirrten durcheinander.
Da kam Papa Wilmanns, ein kleiner, lauter, lustiger, hinkender
Altphilologe, und seine Gattin, ein stilles, ewig lächelndes, über
ihren Mann verwundertes Frauchen. Hinter ihnen drei Töchter, alle
flachsgelb von Haar, fast gleich in der Größe, gleich in den Augen und
gleich in den lila- und weißgemusterten Kleidchen. Es ging die Sage,
daß sogar ihre Eltern sie bisweilen verwechselten.
Der nächste war Trabner, der Flanellstorch, wie Elli der neben ihr
stehenden Marga kichernd ins Ohr meldete. Er trug heute übrigens
einwandfreie weiße Wäsche und einen Rock, der ihn nach oben und unten
in die Unendlichkeit verlängerte. Sein pockennarbiges Vogelgesicht mit
den paar Kinnstoppeln zuckte unaufhörlich, man wußte nicht, ob aus
Ehrerbietung oder Nervosität. Der zwerghafte Papa Wilmanns sah staunend
und beneidend an ihm hinauf. Als Trabner vor dem Geheimrat seinen jähen
und tiefen Bückling machte, trat der gute Wilmanns unwillkürlich mit
offenem Mund einen Schritt näher und streckte die Arme vor, als gelte
es, einen Einsturz aufzuhalten.
Zwei Studenten, blauweiße Bänder um die Brust, blaue Mützen in der
Hand, drängten sich nebeneinander zur Tür herein. Sie gehörten der
Verbindung Corvinia an, die böse Zungen das „Betkränzchen” nannten
und in Verruf brachten, Zuckerwasser statt Bier zu trinken. Elli
verbarg sich hinter Margas Rücken und steckte das Taschentuch in
den Mund, um nicht loszuplatzen. Inzwischen schritten die beiden
in feierlich-plumpem Gleichtritt auf Vater Richthoff zu. Ihre
forciert-couleurmäßige Haltung stand in so köstlichem Gegensatz zu
ihrem ungehobelten Bauerntum, daß auch Käthe sich auf die Lippen biß.
Ein dicker, jovialer Burschenschafter, der mit seinem Leibfuchs, einem
geckenhaften und schmächtigen Bengelchen, zufällig hinter den Corvinen
ankam, zog über sein ganzes Gesicht, so rot und zerhauen, wie es
war, eine Grimasse, als die Betkränzler beiseite traten. Mit freier,
dröhnender Bierstimme begrüßte er Richthoff, der selber „alter Herr”
bei einer Marburger Burschenschaft war.
Es trat eine kurze Pause ein. Noch waren nicht alle Geladenen zur
Stelle. Aber der Zufluß zum Salon stockte einen Augenblick.
Es bildeten sich Gruppen. Der Flanellstorch verwickelte pflichtmäßig
Käthe in ein Gespräch.
Elli und Marga plauderten mit den drei Wilmannstöchtern. Die zwei
Burschenschafter traten kühn dazu und erzählten von ihrer nächsten
Damenkneipe. Die zuckerwassersüchtigen Corvinen umstreberten Professor
Wilmanns und den Geheimrat, während Frau Wilmanns sich selbstgenügsam
in ein Familienalbum vertiefte, das auf dem Tisch lag.
Schon tat sich die Tür wieder auf.
Ein derber, struppiger Kopf ward sichtbar, und ein paar runde, graue
Augen rollten zwischen unbändigen Büscheln gelblichweißen Haares heraus
über das menschenvolle Zimmer.
„Sieh da -- Borngräber!” begrüßte Richthoff mit vergnügtem Ruf den
Ankömmling.
In komischer Verzweiflung stürmte Professor Borngräber, ein alter
Hausfreund, Junggeselle und Indolog, auf den Geheimrat los.
„Aber um Gottes willen! Ihr habt ja richtige Gesellschaft! Ich
denke, wir sind drei, vier Personen!” rief er mit hoher, klagender
Fistelstimme, während er dem alten Herrn die Hand schüttelte. „Ich
bin ja gar nicht feierlich angetan!” Er wies auf seinen moosgrünen,
verknitterten Bratenrock, der ihn nicht gerade Lügen strafte.
„Macht ja nichts, alter Freund! So feierlich wird die Sache gar nicht,”
versicherte Richthoff beruhigend.
„Ich drücke mich! Hörst du? Ich zieh' mich um!”
„Dageblieben!” Richthoff hielt lachend seine Hand fest.
„Sie haben ja gar keine andere Toga,” schmunzelte Papa Wilmanns boshaft.
Borngräber überhörte ihn entrüstet. Er schlug die Hand vor den Kopf,
beteuerte seine Unschuld und widerstrebte nicht mehr. Er kam immer so
wie heute. War immer außer sich und wollte fort. Und blieb immer, wenn
man ihm gut zuredete.
Jetzt reckte Elli den Kopf. Sie stellte sich auf die Zehen.
Drüben unter der Tür reckte sich ein anderer Kopf ihr entgegen. Blond
und kraus wie der ihre. Ein lachendes, verschmitztes Gesicht. Zwei
strahlende, siegesgewisse Augen, die in die ihren tauchten. Das war
Wilkens.
Kaum war diese stillschweigende Begrüßung erfolgt, so tuschelte Elli
mit Marga.
„Doktor Perthes! Dein Doktor von Hemsbach!” verkündete sie, noch
aufgeregt von dem Glück, Wilkens gesehen zu haben.
In der Tat zeigte sich Perthes' hochgewachsene Gestalt gleich hinter
Wilkens in der Tür. Sein brauner, bärtiger Kopf ragte über die anderen
hinaus. Nur der Flanellstorch konnte sich mit ihm messen. Mit dem
suchenden Lächeln des Fremdlings überschaute er das Gedränge. Er hatte
sich schnell orientiert. Nach Wilkens trat er auf den Geheimrat zu und
begrüßte ihn mit unbefangener Höflichkeit.
Der alte Herr sah ihn einen Moment fragend an. Dann besann er sich
und schüttelte Perthes die Hand. „Marga erinnert sich Ihrer. Nett,
daß Sie kommen. -- Kleinchen!” Er erwischte die eben vorbeihuschende
Elli an einem Zipfel ihres Ärmels, ehe sie zu dem ersehnten Wilkens
durchschlüpfen konnte. „Herr Doktor Perthes -- meine Jüngste,” stellte
er vor, während er ihr den Arm um die Schulter legte. „Führ' ihn mal
zu Marga!” Er deutete aufgeräumt nach der Seite, wo sie stand. Dann
mußte er neue Gäste begrüßen: Frau Geheimrat Achenbach, die Witwe
eines Kollegen, eine stattliche alte Dame mit gütigen Augen unter
schneeweißen Scheiteln, auf einen Krückstock sich stützend; weiterhin
einen ehemaligen Schüler und jetzigen Privatdozenten, Bertelsdorf
mit Namen, der es kaum erwarten konnte, bis er mit blinzelnder,
katzbuckelnder Höflichkeit an die Reihe kam, seinen Gruß anzubringen.
Inzwischen drängelte sich Elli, gewandt wie ein Wiesel, durch die
einzelnen Gruppen, Perthes mit übermütigen Gebärden hinter sich her
winkend.
Marga stand an der Tür zum Wohnzimmer. Sie hatte sich dorthin
zurückgezogen, weil sie sich in dem Geschwirre der Menschen überflüssig
vorkam. Es fiel niemand auf, daß sie beiseite trat. Die drei
Wilmannsmädchen lachten auch ohne sie über die Aufschneidereien der
beiden Burschenschafter. Einsam, mit einem halben, verlorenen Lächeln
lehnte sie im Rahmen der Tür.
„Da bring' ich dir Herrn Doktor Perthes, Margakind!” rief ihr Elli
schon von weitem entgegen.
Marga richtete sich auf.
„Guten Abend, Fräulein Marga!” begrüßte sie Perthes kameradschaftlich.
„Wir haben uns ja furchtbar lange nicht gesehen. Ich dachte immer, ich
würde Ihnen mal wieder begegnen. In der Stadt, am Ufer oder sonstwo --”
„Wir sind früher oft dort gegangen,” sprudelte Elli naseweis hervor.
„Aber neuerdings -- ich glaube, seit Marga Sie dort getroffen hat, will
sie partout nicht mehr hin.”
„Aber Elli!” wehrte sich Marga. Doch die Missetäterin war schon lachend
davongewischt, um endlich zu ihrem Wilkens zu kommen.
„So, so, Fräulein Marga -- Sie weichen mir also aus!” neckte Perthes.
„Und warum denn, wenn ich fragen darf?”
„Aber das Kleinchen hat Sie ja angeschwindelt,” erklärte sie ernsthaft.
„Und ich komme Ihretwegen in eine richtige Gesellschaft. Obwohl ich mir
vorgenommen hatte, hier gar nichts mitzumachen.”
„Das ist immer noch etwas anderes, als wenn ich Ihretwegen an den
Fluß käme,” erwiderte Marga. Ihr Ton war abweisender, als sie wollte.
Sie fand sich nicht in eine tändelnde Unterhaltung. Aller Scherz
nahm nur schwer den Weg zu ihrer Seele; er machte sie eher scheu und
verschlossen als zutraulich. Sie hatte sich wieder an den Türpfosten
gelehnt und blickte zu Boden. Ihre ruhige Stirn kräuselte sich einen
Moment: ihr offenes Gesicht war nicht darin geübt, ihre Gedanken zu
verbergen.
„Was dachten Sie jetzt eben?” forschte Perthes. „Sicherlich nichts
Gutes über mich.”
„Sie sind aber eingebildet, Herr Doktor!”
„Ich -- wieso?”
„Als ob es nichts anderes zu denken gäbe als --” Marga vollendete den
Satz nicht; sie erschrak über ihre eigenen Worte. Sie kamen ungerufen
aus ihr hervor. Warum war sie so unfreundlich zu ihm? War sie denn
kleinlich? Er hatte von diesem Ufergang gesprochen, von dem sie wußte,
daß er einer anderen galt. Es waren nur liebenswürdige Redensarten,
wenn er _sie_ damit in Verbindung brachte. Weshalb seine Spielerei? Und
doch -- als er nun schwieg -- tat ihr ihre Äußerung leid. Ohne ihn zu
sehen, fühlte sie, daß er sich von ihr weggewandt hatte.
Er schaute in der Tat abgekehrt, mit gekreuzten Armen, auf die vielen
schwatzenden Menschen im Salon.
„Sie sind mir doch nicht böse, Doktor Perthes?” fragte Marga mit
veränderter, bittender Stimme.
„Warum denn? Ich wundere mich nur, daß Sie heute gar nicht nett zu mir
sind.”
„Bin ich das wirklich nicht?”
„Wirklich nicht!” wiederholte er überzeugt.
„Wenn ich Ihnen gesagt hätte, was ich dachte, würden Sie noch
unzufriedener mit mir gewesen sein.”
„Oho! Also war's doch was Schlechtes.” Lachend wandte sich Perthes
wieder zu ihr.
Margas Züge drückten Unruhe und Verwirrung aus. Die erloschenen
Augen mit ihrem sanften blauen Glanz schienen gewaltsam das Dunkel
durchdringen zu wollen, um den Ausweg aus diesem unglücklichen Gespräch
leichter zu finden. Dann nahm sie die Zuflucht zu ihrer natürlichen
Offenheit. „Ich dachte, daß Sie in der Uferstraße jemand anders suchten
als mich. Das war alles,” sagte sie kurz und einfach.
Perthes sah sie erstaunt an. Sie wußte also auch bereits, was Markwaldt
und alle seine Bekannten wußten -- daß er Hilde König nachstieg. Und
er durfte ihr nicht einmal böse sein, daß sie es ihm sagte. Er hatte
ihr ja ihre Gedanken abgezwungen. Wie peinlich und unbequem diese
Mitwisserschaft war! Gerade _hier_. Er griff sich mit der gebräunten,
sehnigen Hand heftig in den Bart. Die Falten auf der Stirn zuckten
nervös zwischen den dichten Brauen.
Zum Glück gab jetzt der Geheimrat das Zeichen zu Tisch, indem er Frau
Wilmanns den Arm bot.
„Darf ich Sie zu Tisch führen?” fragte Perthes Marga mit einer kurzen
Verbeugung.
Sie nickte. Schweigend legte sie ihren Arm in den seinen. Sie wußte
nicht, sollte sie sich freuen, daß er sie führte, oder nicht. Sie
bereute, daß sie sich hatte verleiten lassen, die Wahrheit zu sagen.
Warum hatte er sie gezwungen, und sie sich zwingen lassen?
Plaudernd bewegte sich der Zug der Paare durch das Wohnzimmer und die
Eßstube.
An Richthoff und Frau Wilmanns schlossen sich Professor Borngräber
und Frau Achenbach, ein sehr ungleiches Paar: sie majestätisch und
gemessen, er voll Unbeholfenheit immer einen Schritt voraus oder
zurück. Als langjährige Bekannte waren sie trotzdem beide sehr
zufrieden miteinander.
Papa Wilmanns bat sich ein für allemal, wohin er kam, ein junges
Mädchen zu Tisch aus. Heute, wo man, um der Gemütlichkeit keine
Vorschriften zu machen, von einer festgesetzten Tischordnung abgesehen
hatte, waren die Jungen schneller gewesen als er und hatten sich schon
alle zusammengefunden. Er sah sich verurteilt, Fräulein Grasvogel,
eine dürre, etwas spinöse Cousine des Richthoffschen Hauses, die
man aus Gutmütigkeit bei keiner Einladung überging, für sich zu
erobern. Der kleine lustige Mann, der außerhalb seines Lehramts stets
voller Schnurrpfeifereien steckte, schritt mit weltschmerzlicher
Biedermannsmiene am Arm der Cousine. In dem beweglichen Gesicht,
das sonst so behaglich mit der Hakennase, den Augen einer listigen
Spitzmaus und den rosigen Wangen zwischen dem fröhlichen Backenbart
saß, lag eine so vorwurfsvolle Anklage, daß Elli, die mit Wilkens
hinter ihm kam, nur mühsam ihren Ernst behaupten konnte. Sie nahm
sich nur zusammen, weil Käthe mit dem überhöflichen Privatdozenten
Doktor Bertelsdorf zur Rechten und dem Flanellstorch zur Linken ihr
auf dem Fuße folgte. Käthe war schon durch die in letzter Minute
erfolgte Absage Lizzies, ihrer Musikfreundin, betrübt. Elli wollte
sie nicht noch durch eine Neckerei erzürnen, die sie auf das seltsame
Doppelgestirn ihrer Tischherren beziehen konnte. Der Privatdozent hatte
nämlich Käthe dem Flanellstorch vor der Nase weg engagiert; darüber war
dieser so fassungslos, daß er sich, kurz entschlossen, rechts von ihr
postierte und mit seinem Partner über Käthes Kopf hinweg einen Disput
vom Zaun brach -- über eine neue Textausgabe von Dio Cassius!
Marga mit Doktor Perthes, die Schwestern Wilmanns mit den
Burschenschaftern und Corvinen, einige damen- und couleurlose
Philologen im ersten und zweiten Semester beschlossen die Reihe.
Es war noch taghell im Hof, und man hatte deshalb die Kerzen noch nicht
angebrannt.
Die Heiterkeit der blumengedeckten Tische steckte an. Man stürmte die
Plätze.
Die älteren Herrschaften, die in ihrer engen Auslese als nächste
Hausfreunde der Jugend nur zur Folie dienen sollten, hatten ihren Tisch
für sich gewählt. Eine Ausnahme machte nur Papa Wilmanns, der die
Cousine Grasvogel mitten unter die Jungen hineinschleppte.
Elli mit Wilkens winkte Marga und Doktor Perthes zu sich heran, denen
sie an ihrem Tisch heldenhaft zwei Stühle verteidigte. Perthes hatte
Marga auf der einen, Elli auf der anderen Seite. Außer Wilkens saßen
noch der dicke Burschenschafter mit Heddy, der jüngsten der drei
Wilmannstöchter, und Wilmanns selbst mit Fräulein Grasvogel am gleichen
Tisch.
Käthe und ihr Privatdozent machten einen entschlossenen Versuch, den
Flanellstorch loszuwerden. Sie gerieten dafür mit den Corvinen an eine
Tafel.
Es dauerte eine gute Weile, bis die ganze Gesellschaft ihre Plätze
innehatte.
Endlich war es so weit, daß der Lohndiener unter Beistand einer
Aufwartefrau mit dem Servieren der Speisen beginnen konnte.
Die Wildsuppe, auf der Vater Richthoff so ehern bestanden hatte,
dämpfte mit ihrer grausamen Würze für einen Augenblick die allgemeine
Fröhlichkeit. Jedermann würgte sie zwar tapfer hinunter, aber man sah
doch unterschiedliche Spuren einer gewaltsamen Selbstüberwindung.
Nur der Flanellstorch, der aller Vorsehung zum Trotz einen Stuhl
neben Käthe gezwängt hatte, erklärte mit der Stimme eines Domküsters,
flüsternd und doch allhörbar, er habe nie so etwas Köstliches gegessen.
„Finden Sie das auch?” fragte Elli blinzelnd ihren Nachbar Wilkens.
„Papa hat sie befohlen!”
Wilkens drehte statt der Antwort die Augen gen Himmel und legte die
Hand auf den Magen.
Papa Wilmanns dagegen konnte die lose Zunge nicht im Zaum halten. So
vernehmlich wie der Flanellstorch und mit einer Überzeugungskraft,
die fürs erste alle täuschte, durchschnitt er die schweigende
Beklommenheit. „Kollege Richthoff, ich denke, Sie werden meiner Frau
das Rezept für diese klassische Suppe nicht vorenthalten. Sie kann nur
von der Blutsuppe der Spartaner übertroffen werden!”
Die Verdutztheit auf allen Gesichtern löste sich in einem, von
unterdrücktem Kichern zu lautem und lauterem Gelächter anschwellenden
Heiterkeitsausbruch, dem sich niemand, selbst nicht das entsetzte
Fräulein Grasvogel, entziehen konnte.
„Aber Rudolf!” erklang tadelnd die Stimme von Frau Wilmanns über den
Hof zu ihrem Gatten, der sich, als wüßte er von nichts, in seine
Vatermörder zurückgeduckt hatte.
Geheimrat Richthoff beruhigte seine Tischnachbarin mit einer
gravitätischen Gebärde, erhob sich, strich den weißen Bart, tippte hell
ans Glas und verschaffte sich Gehör.
„Verehrte Gäste und Freunde!” hub er mit grollendem Ton an. „Der
gehässige Vorstoß, den mein Kollege Wilmanns soeben gegen meine Suppe
unternommen hat, zwingt mich zu einer wissenschaftlichen Entgegnung.
Mein Freund Wilmanns” -- er fixierte den Professor durchbohrend --
„ist, wie Sie alle wissen, der Mann der lateinischen und griechischen
Syntax, also der grauesten, leblosesten Grammatik. Daraus entschuldigt
sich seine völlige Unberührtheit in Dingen der Geschichte und des
feineren Lebensgenusses. Nur ihm konnte es passieren, meine feurige
südländische Wildsuppe mit der Blutsuppe der Spartaner in einem Atem
zu nennen. Seine Spartanersuppe ist, wie jetzt männiglich außer ihm
weiß, erstens eine Legende und zweitens eine geschmacklose Wurzel-
und Kräutersuppe. Also genau das Gegenteil von meiner Suppe. Doch
diese historische und kulinarische Zurechtweisung nur nebenher.
Überzeugender als der Angriff des Kollegen Wilmanns ist das Urteil,
das ich Ihnen allen, meine Herrschaften, von den Zügen ablese: es
bedeutet rückhaltlose Anerkennung meiner Suppe! Es schlägt auch den
frevelhaften Widerspruch meiner Töchter zu Boden, die, ihres Vaters
kochkünstlerische Autorität verkennend, die Wahl jeder und erst recht
dieser Suppe verhindern wollten. Um so dankbarer bin ich meinen Gästen
für ihre gerechte und sachliche Würdigung. Stoßen Sie mit mir an auf
das Wohl meiner Gäste!”
Lachender Beifallsruf und lautes Gläserklingen antwortete dem alten
Herrn von allen Tischen. Sein grollender Humor, seine behagliche
Selbstironie hatten die gute Stimmung nicht nur wiederhergestellt,
sondern erhöht. Die Unterhaltung an allen Tischen kam in lauten,
fröhlichen Gang.
Ellis frische Laune war unerschöpflich. Sie und Papa Wilmanns, der sich
über Richthoffs Suppenrede königlich gefreut hatte, waren an ihrem
Tisch abwechselnd die Wortführer. Wilmanns gab ergötzliche Abenteuer
von seiner letzten griechischen Reise zum besten. Er und Borngräber
waren zusammen gereist. Sie lagen sich alle Tage morgens über eine
Fachfrage in den Haaren und abends bei begeisterndem Hellenenwein in
den Armen. Als Wilmanns gerade erzählte, wie sein Gefährte beinahe von
einem griechischen Schergen festgenommen worden wäre, weil er durchaus
auf der Akropolis eine Nacht zubringen wollte, flüsterte Elli Doktor
Perthes zu: „Ich glaube, die ganze griechische Reise hat er nur auf der
Landkarte gemacht.”
„Das wollen wir nicht hoffen!” meinte Perthes lächelnd.
„O, Sie kennen die Philologen nicht! Die flunkern alle!” erklärte
sie überzeugt. „Wenn ich denke, was nur Wilkens” -- sie warf einen
vielsagenden Seitenblick auf ihren Tischherrn --, „was der mich schon
angeführt hat! Schon zehnmal hat er behauptet: ‚Diesmal steig' ich
ins Examen! Diesmal bau' ich bombensicher meinen Doktor!‛ Und zehnmal
war's Schwindel!” Ein ganz leiser Seufzer begleitete unwillkürlich den
zehnfachen Schwindel.
„Und das geht Ihnen so zu Herzen?” fragte Perthes.
„Mir? Zu Herzen? Wie kommen Sie darauf? Mir geht überhaupt nichts zu
Herzen!” verteidigte sich Elli empört. „Von mir aus kann Herr Wilkens
zehnmal durch sein Examen fallen. Nicht wahr, Herr Wilkens?”
Der Angeredete schmunzelte nur und drehte sich herausfordernd zu Heddy
Wilmanns.
„O, und die anderen Fakultäten,” fuhr Elli zu Perthes fort, „die haben
andere Fehler! Die Mediziner zum Beispiel -- die sind boshaft, wie Sie!
Und schrecklich roh und materialistisch!”
„Hören Sie, wie ich beschimpft werde, Fräulein Marga?” wandte sich
Perthes nach rechts, wo Marga geduldig, im Verein mit Cousine
Grasvogel, noch immer Wilmanns' griechische Reise miterlebte.
„Wehren Sie sich nur tüchtig!” gab sie zurück.
„Also Sie verteidigen mich nicht einmal? Sie geben am Ende gar Ihrer
Fräulein Schwester recht?”
„Um Sie zu verteidigen, müßte ich Sie erst besser kennen!” erwiderte
Marga freundlich, aber bestimmt.
„Wie mißtrauisch Sie sind!”
„Mißtrauisch? Marga?” ereiferte sich Elli. „Na, Herr Doktor Perthes, da
gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis! Die ist die Offenste
von uns allen! Aber sie flunkert _auch_! Die schlechte Nachbarschaft
--” Sie zwinkerte nach Wilkens und zu Professor Wilmanns hinüber.
„Ich glaube, du bist beschwipst, Elli!” warf Marga vorwurfsvoll ein.
„Noch nicht! Aber wenn du sagst, Margakind, du kennst Herrn Perthes
nicht, flunkerst du. Sie kennt nämlich die Menschen in- und auswendig,
wenn sie noch nicht zwei Worte mit ihnen gewechselt hat!”
„Fräulein Marga! Wenn das stimmt, sind Sie mir Genugtuung schuldig.
Ich möchte schon immer gern wissen, wer ich bin.” Perthes legte etwas
Spöttisches in seine Rede, das ebensogut Marga als ihm selbst gelten
konnte.
Marga schüttelte leise den Kopf. „Nein, nein -- Sie müssen sich selber
am besten kennen.”
„_Muß_ ich das?” erwiderte er im selben Ton wie zuvor.
„Dafür sind Sie doch ein Mann,” war Margas halblaute, entschiedene
Antwort. Sie zerkrümelte ihr Brot. Ihr Mund war fest geschlossen. Nur
das Zittern ihrer Nasenflügel verriet etwas von innerer Erregung.
Warum quälte er sie mit so merkwürdigen Fragen? Was konnte ihm daran
liegen, wie sie ihn beurteilte? Warum drängte er sich hartnäckig
und eigensinnig in ihr Sinnen und Empfinden, um sich und sie zu
ergründen? Gewiß, er dachte sich dabei nichts. Er mochte sich in dieser
spielerischen Unterhaltung gefallen. Aber sie, Marga, war sich dafür
zu gut! In der Furcht, sich und ihr Innenleben unnötig auszugeben,
verkroch sie sich in sich selbst, wie eine Schnecke in ihr Gehäus.
Perthes schwieg. Er beobachtete Marga länger und ernsthafter als
sonst. „Dafür sind Sie doch ein Mann” -- was hieß das? War das ein
Zweifel an seiner Reife? Oder war es eine Anerkennung? Dieses so
stille und so klare Wesen der Blinden, für die er eine flüchtige,
aus Interesse des Arztes und aus mitleidsvoller Teilnahme gemischte
Sympathie empfand, begann ihn zu fesseln, weil es ihn reizte. Der
Widerspruch zwischen seiner eigenen Zerrissenheit und ihrer ruhigen
Geschlossenheit brachte bei ihm eine zwiespältige Wirkung hervor. Das
Peinliche überwog das Anziehende. Bah -- er würde sich wohl von einem
jungen Mädchen imponieren lassen! Was war rätselhaft an ihr? Höchstens,
was er aus seiner eigenen Phantasie hinzutat. Sie war wie andere
Frauen: nur durch ihren Zustand ein wenig empfindsamer. Es erklärte
sich physiologisch wie alles Weibliche.
Elli hatte es inzwischen für zeitgemäß gehalten, ihren Wilkens, der
um die Wette mit den Burschenschaftern Heddy Wilmanns den Hof machte,
entrüstet zur Rede zu stellen. Wilkens erklärte mit seiner heiteren
Unverwüstlichkeit, da er nach ihrer wohlwollenden Ansicht schon einmal
ein Flunkerer sei, sei es doch völlig gleichgültig, ob er nach rechts
flunkere oder nach links. Elli schmollte eine ganze Minute lang. Dann
fand sie sich mit Wilkens in einem versöhnend-heftigen Händedruck
unter dem Tisch. Nach dem Friedensschluß wandte sie sich wieder zu
Perthes. „Was treiben Sie denn eigentlich hier?” fragte sie in ihrer
übergangslosen, zufahrenden Art, als sie bemerkte, daß das Gespräch
zwischen ihm und Marga bedenklich im Stocken war.
„Wo? Wie? Hier -- wie meinen Sie das?” Perthes richtete sich zerstreut
aus seinen Gedanken auf.
„Na, in Ihrem Laboratorium oder Institut oder wie das Ding heißt!”
erläuterte Elli ihre unbestimmte Frage.
„Wenn Sie das interessiert, müssen Sie mich mal besuchen. Ich habe
einen ganzen Stall Kaninchen und Meerschweinchen. Mitunter auch Mäuse
und Ratten.”
„Wozu denn das?” forschte Elli mit gruseliger, ungläubiger Neugier.
„Ich experimentiere mit ihnen.”
„Hörst du, Marga? Er experimentiert mit Tieren! Was hab' ich gesagt!
Mediziner sind entsetzlich roh und gefühllos! -- Was machen Sie denn
mit den armen Tierchen?”
Für Perthes konnte in seiner gegenwärtigen Stimmung keine Frage
gelegener kommen. Es war ihm eine Genugtuung, sich nüchterner und
gefühlloser zu zeigen, als er war. Auf die Gefahr hin, den Geschmack zu
verletzen, gab er sich als den kühlen, überlegenen Wissenschaftler und
beschrieb rücksichtslos seine Versuche an lebenden Tieren: wie er ihnen
die verschiedenen Gifte einimpfte, Gegengifte erprobte, die Wirkungen
von Stunde zu Stunde beobachtete.
Elli war außer sich vor Mitleid und Empörung. „Sie sind ja ein
gräßlicher Tierquäler! Und so was machen Sie mit ruhigem Blut? Was
müssen Sie für ein Mensch sein!” Ganz erschrocken blickten ihn ihre
strahlenden jungen Augen an.
„Das gehört bei uns zum Handwerk!” versicherte Perthes mit
Achselzucken. „Wir können ja leider nicht mit Menschen unsere
Experimente machen.”
„Leider!” Elli fuhr von ihrem Sitz in die Höhe. „Leider, sagen Sie?
Aber das ist ja abscheulich! Dafür könnte ich Sie --” Sie machte
eine drastische Bewegung und hielt inne. Sie mußte selbst über ihre
Entrüstung lachen. „Und wir sollen Sie besuchen? Ihre Schändlichkeiten
mit ansehen? Was sagst du zu dieser Einladung, Margakind?!”
Marga sagte nichts. Sie fühlte, daß Perthes sich mit Absicht schlecht
machte. Er übertrieb. Er wollte sein objektives Medizinertum
hervorkehren. Er tat sich und anderen mit Bewußtsein wehe. Die
Erkenntnis dieser Zwiespältigkeit, dieser unfertigen Halbheit schmerzte
sie mehr als seine harten Ausdrücke, seine rohen Schilderungen. Mit
unwiderstehlicher Macht überkam sie das Gefühl ihrer Einsamkeit
inmitten all der fremden, geräuschvollen Menschen, die in einer Welt
lebten, die nicht die ihre war. Sie fror. Wie in einen schützenden
Mantel hüllte sie sich in ihre schwere und doch so viel reichere
Einsamkeit. Teilnahmlos lehnte sie sich in ihren Stuhl zurück und
richtete die Augen in die Ferne.
Elli, die einzige, die mit schwesterlicher Liebe Margas Wesen wenn auch
nicht ganz erfaßte, so doch kannte und achtete, drang nicht weiter in
sie.
Auch Perthes verstummte.
„Ihr Wohl, Herr Kollege!” prostete der Burschenschafter mit tadellosem
Komment und unverkennbarer Hochachtung zu ihm herüber. Er hatte
mit halbem Ohr die Unterhaltung gehört und wollte als jüngeres
medizinisches Semester dem älteren seine bewundernde Zustimmung zu dem
Ideal fachmännischer Gesinnungstüchtigkeit ausdrücken.
Perthes dankte. Er stürzte sein Glas Wein in einem Zug hinunter. Seine
Stirn hatte sich verfinstert. Er war verärgert. Er haderte mit sich,
weil er sich hatte fortreißen lassen.
Es war eine Erlösung, daß jetzt gleichzeitig zwei Messer an zwei
verschiedenen Tischen an die Gläser klangen.
Die beiden Redner, die sich zu Wort meldeten, erhoben sich miteinander
und maßen sich mit erstaunten Blicken: es waren Professor Borngräber
und Professor Wilmanns, die in einem und demselben Augenblick um die
oratorische Palme rangen.
Papa Wilmanns war sonst nicht auf den Mund gefallen. Aber gerade
seinen vielverleumdeten griechischen Reisefreund konnte er nicht ohne
Verblüffung als Rivalen auftauchen sehen. Und seine Frau warf ihm
überdies aus der Ferne einen so flehenden Blick zu.
„Dann werd' ich die Herrschaften eben nach Freund Jakobus langweilen!”
murmelte er mit trockener Gutmütigkeit und setzte sich wieder.
Borngräber begann mit seiner hohen, beharrlichen Stimme. Er zitierte
einen indischen Spruch über die Freuden der Häuslichkeit. Man durfte
hoffen, er würde von dort aus in Kürze und ohne Fährlichkeiten auf das
Haus Richthoff kommen. Aber es war anders verhängt. Jakobus Borngräber
war nicht der Mann der geraden Fahrstraßen. Bei einem neuen östlichen
Sprichwort, das mit dem Ziel seines Toastes schon wesentlich loser
zusammenhing, fiel ihm ein, daß er über die Übersetzung gerade dieses
Textes mit einem französischen Kollegen in Kontroverse geraten war.
Das Unheil war da: er vergaß völlig seine ursprüngliche Absicht,
entwickelte mit einer zähen Leidenschaftlichkeit, die im umgekehrten
Verhältnis zu seinen Stimmitteln stand, das Für und Wider beider
Auffassungen und geriet in eine Vorlesung über vergleichende
Textkritik.
Die Gäste sahen sich verwundert an. Da und dort wurde nervös
geräuspert. Ein unterdrücktes Lachen wurde gehört. Einzelne fingen
an, sich leise, dann lauter zu unterhalten. Dies Beispiel fand
jähe, fast allgemeine Nachfolge. Während der Tisch der Alten eine
achtungsvolle Ruhe behauptete, hörten von der Jugend bald nur noch
der Flanellstorch aus Pietät gegen alles Akademische und die beiden
Corvinen aus zuckerwässeriger Wohlerzogenheit dem Redner zu. Sogar
Bertelsdorf, dem Privatdozenten, der für die Ordinarien seiner Fakultät
einen unbegrenzten Fonds von Ehrfurcht besaß, schien der Wein eine
charaktervolle Unabhängigkeit zu geben; er plauderte ungeniert mit
Käthe. Wilmanns unterhielt seinen Tisch damit, daß er unter seinen
Fingern eine Menagerie aus Brot gekneteter Wundertiere hervorgehen
ließ. Wilkens unterstützte den Professor mit ebenbürtigen Kunststücken:
er balancierte Zahnstocher auf der Nasenspitze und ließ Brotstückchen,
die er über die Fingerspitzen legte, durch einen geschickten Schlag auf
seinen Unterarm in den Mund schnellen.
Die Dämmerung hatte begonnen. Die Lichter auf den Tischen und die
farbigen Lampions, die in Ketten über den Hof gespannt waren, waren
schon seit geraumer Weile angezündet. Die weißen Tafeltücher, auf denen
jetzt Kuchen und Früchte vorherrschten, die roten Leuchterschirmchen,
die helldunklen Gesichter setzten sich warm und farbenvoll ab gegen das
wachsende Dunkel im Weinberg und in den benachbarten Gärten. Darüberhin
taumelten ein paar verspätete Käfer. Der Himmel strahlte in einem
zarten, milchigen Blau. An dünnen Wolkenstreifen glomm noch ein später
Schimmer der gesunkenen Sonne.
Endlich hielt Jakobus Borngräber plötzlich im Strom seiner Rede inne.
Die immer ohrenfälligere Unaufmerksamkeit seiner Zuhörer machte ihm nun
doch seine Abirrung mit jähem Schreck klar.
Die majestätische Frau Achenbach, seine Tischdame, hatte Gleichmut und
Humor genug, um ihm beizuspringen. „In diesem Sinne --” soufflierte sie
ihm.
„In diesem Sinne --” stotterte Borngräber und schwang sich mit
einem verzweifelten Überschlag seiner Stimme aus dem Wirrsal seiner
textkritischen Betrachtungen auf die dargebotene, allumfassende
Redewendung: „In diesem Sinne bitte ich Sie, sich zu erheben und zu
rufen: Unser verehrter lieber Richthoff und sein gastliches Haus, sie
leben hoch!”
Ein schallendes dreifaches Hoch und ein allgemeines Gläserklirren
verschlangen Redner und Rede. --
Nach so langer Geduldsprobe wollte sich der frühere Tafelzwang nicht
wiederherstellen lassen. Der Tisch der Alten erkannte die Situation
richtig, und ehe Papa Wilmanns seine unterdrückte Rede auch noch
loslassen konnte, erhoben sich die Herrschaften.
„Ich wünsche gesegnete Mahlzeit!” klang die kräftige Stimme des
Geheimrats über den Hof hin.
Zwanglos verteilten sich die Gruppen.
Die Jugend stieg in ihrer Mehrzahl den Weinberg hinan, dessen Wege weit
hinauf mit Papierlaternen beleuchtet waren.
Die Alten zogen sich in die Zimmer zurück, bis im Hof die Tische
geräumt waren. Die zwei Corvinen und der Flanellstorch hielten jetzt
den Zeitpunkt für gekommen, um bei Vater Richthoffs Zigarren ihre
Professoren zu poussieren.
Marga war mit im Weinberg emporgestiegen. Perthes hatte sich artig
angeboten, sie zu führen. Sie dankte. Darauf gesellte er sich dem
ausgelassenen Schwarm zu, den Elli und Wilkens anführten. Dazu gehörten
die drei Wilmannstöchter, die Burschenschafter und auch Käthe mit
Bertelsdorf.
Auf der Graswiese, wo hinter dem Blumengarten das Obstgelände begann,
war es noch heller als in den tieferen Partien des Weinbergs. Elli
schlug ein Spiel vor. Sie fand laute Zustimmung. „Hasch, hasch!”
wurde nach kurzer Überlegung gewählt, und die Paare traten lachend
in die Reihe. Perthes holte sich Heddy Wilmanns. Das Tollen begann,
und leuchtend stoben die hellen, fliegenden Mädchenkleider durch die
Dämmerung.
Marga stand abseits. Einen Augenblick hatte sie gedacht, es würde
jemand zu ihr treten, um sie zu unterhalten. Aber niemand kam. Wie
es meist ging, wurde sie und ihre Blindheit jetzt in der allgemeinen
Lustigkeit vergessen. Im Grunde war es ihr recht.
Die Geselligkeit solcher Abende ermüdete sie mehr und schneller als
andere. Und ihre innere Einsamkeit hatte sich nach der äußeren gesehnt.
Tastend orientierte sie sich an den Johannisbeersträuchern längs des
Weges. Dann stieg sie sicher bergan.