Er hat die Stadt nicht zehn, sondern noch dreimal zehn Tage gehalten;
aber was nach dem 14. Dezember geschehen, wird schwerlich je in
völlig authentischer Weise bekannt werden. Ohne Zweifel hat er bis
zum letzten Tag seine Notizen niedergeschrieben, aber sein siebentes
Tagebuch ist entweder in die Hand des Mahdi geraten oder in der
allgemeinen Zerstörung zu Grunde gegangen.
Gordon wußte wohl, daß die Besatzung zum äußersten gebracht war.
Allerlei Anzettelungen in der Stadt und geheime Unterhandlungen mit
dem Mahdi nahmen überhand. Es ist bemerkenswert, daß Gordon, selbst
eine redliche Seele wie wenige, sein Leben lang immer wieder die
Erfahrung machen mußte, daß andere ihn im Stich ließen oder gar
mit Treubruch ihm begegneten. Es bringt ihn zu dem Geständnis, daß
der Mensch von Natur ein trügerisches Geschöpf sei. Psalm 116, 11
lautet in der englischen Übersetzung: ›Ich sprach in meiner Eile
(Übereilung): alle Menschen sind Lügner‹; das hätte der Psalmist auch
mit Bedacht sagen können, schrieb Gordon im September 1884. Ob die
Stadt durch direkten Verrat fiel, wie man in der ersten Zeit nach
der Katastrophe allgemein annahm, ist nicht klar erwiesen, so viel
nur ist gewiß, daß die ausgehungerte Besatzung zur Übergabe bereit
war, daß Gordon also allein stand in der großen Not. Der Mahdi war
durch Überläufer aufs genaueste von allem unterrichtet, und es war
seine Absicht, die Stadt zuletzt ohne Schwertstreich durch Hunger zu
bezwingen.
Gordons Tagebuch unterm 14. Dezember enthielt die letzte bestimmte
Nachricht über Khartum. Die Lage der Stadt war schon damals eine
äußerst kritische, »sie kann in zehn Tagen fallen,« schrieb er. Den
noch vorhandenen Mundvorrat giebt er an jenem Tage auf 83525 Oke
Zwieback und 546 Ardeb Durra an. Nach seinen fast wöchentlichen
Angaben der Vorräte läßt sich berechnen, daß bei Einschränkung der
Durra-Rationen die Verabreichung des Zwiebacks an die Truppen bis zum
14. Dezember nicht geschmälert worden war, und daß der an diesem Tag
erwähnte Vorrat allein durch den Bedarf der Truppen in etwa achtzehn
Tagen erschöpft sein würde. Aber schon am 22. November hatte Gordon
den Armen der Stadt 9600 Pfund Zwieback verabreichen müssen. Er
bemerkte dabei: »Ich bin entschlossen, daß wenn die Stadt fällt, der
Mahdi blitzwenig hier zu essen finden soll.« Es unterliegt kaum einem
Zweifel, daß es von da ab nötig war, den ärmeren Einwohnern Rationen
zu bewilligen, und selbst bei größter Sparsamkeit mußte der Vorrat mit
dem 1. Januar 1885 so ziemlich auf der Neige sein.
Man versetze sich in die Lage der von allen Seiten eingeschlossenen
Stadt an jenem 14. Dezember, dem 277sten Tag ihrer Not! Es war
fast auf die Stunde zu berechnen, wie lang die letzten ärmlichen
Nahrungsmittel noch ausreichen konnten, schon jetzt ist Hunger die
tägliche Losung, Entkräftung der Mannschaft und drohender Verrat
sein Gefolge. Keine Nachricht vom Entsatzheer, wie ängstlich man
desselben auch harrt, und täglich schwächer wird die Hoffnung, daß es
rechtzeitig eintreffe, täglich geringer wird der Mut der Mannschaft
und täglich giebt's Überläufer zum Feind.
In all dieser Not, wie ein Fels in der Brandung, steht ~ein~
Mann, äußerlich wohl auch geschwächt, aber innerlich mit stets
wachsendem Mut, mit seinem alten Gottvertrauen, seinem kindlichen
Glauben, die ~eine~ Zuversicht des erliegenden Volks --
~ein~ Mann voll unbesiegbarer Widerstandskraft, allezeit
wachsam, allezeit erfinderisch, voll Hingabe seiner selbst, voll
Mitleid für ›dies Volk‹. »Ich halte aus,« kann er sagen, »aber die
Haare sind mir grau geworden vor übergroßer Sorge und Anstrengung.«
Wie nah ist die Hilfe -- er weiß es nicht. Bis fast zuletzt konnte er
sich retten -- er thut es nicht. Er steht auf seinem Posten, getreu
bis in den Tod.
Etwa am 6. Januar erließ Gordon eine Verkündigung, in welcher er es
den Einwohnern freistellte, zum Mahdi zu gehen. Dieser Erlaubnis wurde
massenhaft Folge geleistet. Der hochherzige Gordon schrieb selbst an
den Mahdi und forderte ihn auf, diesen armen Moslem Schutz und Nahrung
zu gewähren, wie er selbst es seit neun Monaten gethan habe. Es ist
berechnet worden, daß von den im September gezählten 34000 Einwohnern
nur etwa 14000 zurückblieben. Den sinkenden Mut der Besatzung suchte
Gordon durch tägliche Ansprachen zu beleben, er verwies immer wieder
auf den nahenden Entsatzzug, er lobte seine Truppen, daß sie bisher
ausgehalten, und selbst diese armen Menschen mußten sich an seinem
eigenen unerschütterlichen Entschluß aufrichten, die Stadt nicht zu
übergeben.
Am 13. Januar fiel Fort Omderman, ein schwerer Schlag für die
eingeschlossene Besatzung, die ihres Außenwerks auf der Westseite
des Weißen Nils damit verlustig ging; auch konnten die Araber durch
Errichten von Batterien den Weißen Nil jetzt gänzlich für Gordons
Dampfer schließen, während ihre eigene Position durch die gewonnene
Flußverbindung zwischen dem Dorf und Lager Omderman ungleich verstärkt
war. Am 18. Januar, nachdem die feindlichen Außenwerke bist fast an
die Stadt vorgeschoben waren, machten die Belagerten einen Ausfall
und ein verzweifelter Kampf fand statt. Von der Besatzung fielen etwa
zweihundert, und obgleich des Mahdi Verluste beträchtlich gewesen
sein sollen, so ist doch nicht ersichtlich, daß ein Vorteil für die
Belagerten errungen wurde. Nach der Rückkehr der Besatzung in die
Stadt hielt Gordon eine Anrede an die erschöpfte Mannschaft. Er lobte
ihren tapfern Widerstand und redete ihnen eindringlich zu, den Mut
nicht fallen zu lassen, Hilfe sei nahe, die Engländer könnten täglich
kommen und dann sei alles gut! Wie erschöpft mag er selbst gewesen
sein, der große Held, von dem gesagt wurde, daß er um diese Zeit nie
mehr schlief!
Die Zustände innerhalb Khartums waren verzweifelte; alle Esel, Hunde,
Katzen, Ratten waren aufgezehrt, eine kleine Quantität Gummi wurde
täglich an die Truppen verabreicht, und aus der zerriebenen Holzfaser
einer Palmenart wurde Brot bereitet. Gordon berief die namhaftesten
Einwohner mehrmals zum Kriegsrat und ordnete an, daß die Stadt aufs
gründlichste nach Nahrung durchsucht wurde; das Ergebnis war aber ein
geringes, nur vier Ardeb Durra in der ganzen Stadt, und diese wurden
für die Truppen beschlagnahmt.
Mittlerweile gelangte die Nachricht von der Niederlage der Kerntruppen
des Mahdi bei Abu Klea ins feindliche Lager und rief Bestürzung und
Zorn unter den Arabern hervor; auch ist gesagt worden, daß bei dieser
Gelegenheit Unzufriedenheit mit des Mahdi Regiment laut geworden sei.
Die Rebellen verlangten stürmisch einen Angriff auf die Stadt. Das
war am 20. Januar. Am 22. folgte die weitere Nachricht, daß die von
Abu Klea vordringenden Engländer den Nil bei Metammeh erreicht hätten
(wo Gordons Dampfer auf sie warteten), man schloß hieraus, daß dieser
Ort in ihren Händen sei, daß somit nichts am Vorrücken sie hindere,
und dies bestimmte den Mahdi zu einem sofortigen Angriff, ehe die
englische Hilfe Khartum erreichen könne. In Khartum selbst war ein
unklares Gerücht von der Schlacht bei Abu Klea und der Ankunft der
Engländer bei Metammeh laut geworden. Wie nah war die Erlösung, der
Lohn für alle Treue, die ruhmvolle Rechtfertigung des ausharrenden
Heldenmuts!
Es sollte anders kommen. Gordons schwarze Truppen standen unter dem
Befehl von Farragh Pascha, einem freigelassenen Sklaven, der seine
Erhebung Gordon verdankte, und dieser ist's, den die Anklage traf, die
Stadt durch Verrat dem Mahdi überliefert zu haben. Wohl möglich, daß
es sich so verhält, nachgewiesen ist es nicht; nur so viel ist gewiß,
daß der Mahdi mit ihm unterhandelte, ihm Bedingungen zur Übergabe
machte. Es ist bekannt geworden, daß Gordon am 23. einen stürmischen
Auftritt mit Farragh Pascha hatte; ein den Fall Khartums überlebender
Augenzeuge erklärte als die Ursache desselben, daß Gordon ein Fort
am Weißen Nil, das unter Farraghs Befehl stand, ungenügend besetzt
gefunden habe. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Farragh bei dieser
Gelegenheit einen Vorschlag fallen ließ, die Stadt zu übergeben.
Gordon soll ihm mit einer Ohrfeige geantwortet und Farragh den Palast
in hohem Zorn verlassen haben.
Am folgenden Tag berief Gordon abermals einen Kriegsrat. Höchst
wahrscheinlich kamen Farraghs Vorschläge bei dieser Gelegenheit
zur Sprache, und die Meinung, daß die Stadt nicht länger zu halten
sei, scheint die Oberhand gewonnen zu haben. Gordon aber erklärte,
~er~ werde sie halten. Am 25. war Gordon leicht erkrankt, es
war ein Sonntag, er zeigte sich nicht öffentlich, doch hatte er
verschiedene Unterredungen mit namhaften Leuten der Stadt. Er war
sich offenbar über das nahe Ende klar. Es ist gesagt worden, daß er
gegen Abend an Bord der »Ismailia« nach der Insel Tuti übergefahren
sei, um eine Mißhelligkeit der dortigen Besatzung beizulegen. Dadurch
entstand das Gerücht, daß er im letzten Augenblick an Bord seines
Dampfers entkommen sei. Der Umstand aber, daß beide Dampfer den
Siegern in die Hände fielen, ja daß die Ismailia vom Mahdi zu seinem
Einzug in Khartum benutzt wurde, sowie die genaue, von verschiedenen
Zeugen bekräftigte Nachricht von Gordons Tod machte es unmöglich,
jenem Gerücht lange Glauben zu schenken, ganz abgesehen davon, daß
Gordon nicht der Mann war, sich im letzten Augenblick zu retten. »Mit
Gottes Hilfe gedenke ich nicht lebend in ihre Hand zu fallen, somit
bleibt nur der Tod,« hatte er einige Wochen zuvor in sein Tagebuch
geschrieben. Wenn er an jenem Abend nach Tuti überfuhr, dann kehrte er
zu einer späten Stunde in seinen Palast nach Khartum zurück.
In der Nacht vom 25. auf den 26. Januar verließen viele ausgehungerte
Soldaten ihre Posten auf den Wällen, um Nahrung in der Stadt zu
suchen, während andere vom langen Fasten zu schwach waren, für sie
einzutreten. Es wurde dies in der Stadt bekannt, und eine Anzahl der
erschreckten Einwohner bewaffnete sich und ihre Sklaven, um auf den
Wällen Dienst zu thun. Dies war nichts ungewöhnliches, nur daß in
dieser Nacht mehr Freiwillige als zuvor sich einfanden. So nahte der
verhängnisvolle 26. Vor Tagesgrauen geschah der feindliche Überfall.
Das Bourré-Thor am äußersten Ostende der Verteidigungslinie am Blauen
Nil und das Mesalamieh-Thor auf der Westseite gegen den Weißen
Nil waren die Hauptpunkte des Angriffs. An jenem Posten hielt die
Besatzung stand, am Mesalamieh-Thor hingegen gelang es den Arabern
in die Festungswerke einzudringen. Ob Verrat in dieser Stunde im
Werk war, ist nur zu mutmaßen, sicher ist, daß es der ausgehungerten
Mannschaft an aller Widerstandskraft gebrach. Die Feinde füllten den
Graben mit Stroh- und Reisigbündeln u. s. w. und erstiegen den Wall.
Oberst Kitchener vom Entsatzzug, ein durch langen Aufenthalt im Sudan
mit den Arabern und der arabischen Sprache wohlvertrauter Offizier,
dessen Zusammenstellung der spärlichen Berichte obiges entnommen ist,
hält dafür, daß Khartum infolge des plötzlichen Angriffs fiel, als die
hungernde Besatzung zu erschöpft war, um sich hinreichend zur Wehre
setzen zu können.
Nachdem die Araber in die Stadt eingedrungen waren, stürmten sie
tobend und mordend durch die Straßen, jeden niedermachend, der ihnen
in den Weg kam, was den Schrecken der Überfallenen nur erhöhte und
den letzten Versuch Widerstand zu leisten lahmte. Als der Morgen
gespensterbleich am fernen Horizont graute, stand die mordende
Horde in nächster Nähe des Palastes. Jetzt waren sie siegesgewiß.
Das gellende Geschrei, mit welchem die Streiter des Halbmonds dies
bekundeten, weckte Gordon aus dem kurzen Schlaf, den die frühe
Morgenstunde ihm gebracht hatte. Seit Monaten hatte er sich keine
Nachtruhe gegönnt, er der Wächter und Hüter der ihm anvertrauten
Stadt. Welch ein Weckruf! er wird ihm nicht unerwartet gekommen sein.
Er erhob sich, zum letztenmal nahm er eine Waffe zur Hand, er wußte,
daß er sie bald niederlegen werde, der lange Kampf war zu Ende. Gordon
verließ den Regierungspalast mit etlichen seiner Leute und machte den
Versuch, das Arsenal im katholischen Missionshaus zu erreichen; diesen
Ort hatte er längst für den letzten Kampf ausersehen und hergerichtet.
Mit großer Ruhe und den Seinen etwas voraus nahte Gordon der
kleinen Kirche. Das kurze Zwielicht der Wüste wich dem aufdämmernden
Tag, über den hohen Palmen am Blauen Nil erglühte der Osthimmel
im Morgenrot. Noch hingen die Schatten der verhängnisvollen Nacht
über der verlorenen Stadt. Verworrenes Geschrei erscholl auf allen
Seiten von erbarmungslosen Siegern und hilflos Besiegten. Das Schwert
des Islam war aus der Scheide. Auf dem freien Platz zwischen dem
Regierungspalast und der kleinen Missionskirche stand Gordon mit
seiner Schar, als eine Bande von Arabern aus der nächsten Straße
hereinstürzte. Einen kurzen Augenblick standen beide einander
gegenüber, dann krachte ein Musketenfeuer, der aufgehende Tag
erzitterte, und Gordon fiel zum Tod getroffen.
Die Wüste breitete ihr Schweigen über seine sterbliche Hülle, nichts
weiter hat verlautet. Des Mahdi Horden plünderten und mordeten in
der Stadt, das Blut der Besiegten floß in Strömen, und als der
entsetzlichen Arbeit Einhalt geschah, und die Stadt aus hundert Wunden
blutend, den Blick wieder erhob, war ihr Held, ihr Märtyrer, ja selbst
sein Leichnam, ihr entrückt.
Die denkwürdige Belagerung von Khartum währte 317 Tage; nie war einer
erliegenden Besatzung die Hilfe so nahe, und kein Kriegsheld ging je
in einen schönern Tod.