7. Getreu bis in den Tod.

Wer vermag es, die letzten drei Monate in ihrem ganzen Ernst sich

zu vergegenwärtigen, der nicht selbst als Augenzeuge mit in der

eingeschlossenen Stadt war! Das Bild wird sich erst dann völlig

entrollen, die Schlußszene von Gordons Leben wird erst dann mit voller

Klarheit beleuchtet sein, wenn die Bücher aufgethan werden, in denen

aller Menschen Thun verzeichnet steht. Einigermaßen aber sind wir,

weil im Besitz seiner Aufzeichnungen, dennoch wie Augenzeugen.

Kehren wir zu der Zeit zurück, da er mit einem Heldensinn und einer

Großmut, die ihresgleichen sucht, die Gefährten ziehen ließ, um, wenn

möglich, ihr Leben zu retten und allein, der einzige seines Volkes, in

der unseligen Stadt zurückzubleiben. Wie oft hatte Gordon es früher

ausgesprochen, daß er bereit wäre, sein Leben hinzugeben für seine

»armen Schafe«, die Schwarzen im Sudan. Es war nicht bloße Redensart.

Er hat es gethan, sofern ein Mensch für andere sich opfern kann. Es

liegt ein merkwürdiger Brief von ihm vor, den er an die Freunde in

Jaffa richtete, als Khartum ernstlich bedroht war und er nicht wußte,

wie bald die Übermacht von außen, oder der Verrat von innen die Stadt

dem Feind überliefern würde.

»Es ist eine Lage, in des man seine Hoffnung nur noch auf Gott setzen

kann,« schreibt er. »Zwar sollte dies uns genügen, aber wer nicht

selbst in der Lage war, kann kaum verstehen was es heißt: ›Wir wissen

nicht, was wir thun sollen, unsere Augen sehen nach dir‹ (2 Chron.

20, 12). Der Aufruhr an sich wäre nichts, wenn wir nur ordentliche

Truppen hätten, aber die haben wir nicht, und ich muß mich daher ganz

auf Gott verlassen. Es klingt sonderbar, so zu schreiben, als ob Er

nicht genug wäre! Es ist meine Menschennatur, die so schwach ist,

daß der Mangel mich -- zwar nicht immer, aber manchmal -- bedrückt.

Was für veränderliche Geschöpfe sind wir doch und voll Widerspruch;

halb Fleisch, halb Geist. Und doch arbeitet Gott an uns und will uns

zu Bausteinen machen für seinen Tempel. Ich kann Ihnen nicht sagen,

wie ich zwischen zwei Seiten hin und herschwanke. ›Ist meine Hand

verkürzt?‹ heißt's auf der einen, und ›schlechterdings kein Ausweg

aus dieser Lage!‹ auf der andern. Es ist ein fortwährender Kampf.

Ich werde Ruhe finden im Grab. Denkt nicht, daß ich Euer vergesse;

denn als Hiob für seine Freunde bat, da wandte der Herr sein

Gefängnis (Hiob 42, 10). Lassen Sie Ihre Kinder für mich beten, denn

bei Menschen ist keine Hilfe. Wie wunderbar ist das Zurichten der

Bausteine, und wie ungern lassen wir uns behauen! Aber dennoch habe

ich es gewagt, vor Ihn zu treten, und habe es von Ihm begehrt, die

Sünden dieser auf mich zu legen, in Christo. Gott mit Euch. Habt Dank

für Eure Fürbitte.«

Von allem, was wir über Gordon wissen -- und wie reich sind die

Zeugnisse -- ist dieser Brief wohl das Wunderbarste, etwas, das uns

tief ins Herz greift. Wie treu ist der Mann, der sein Leben einsetzt,

der mit der ganzen Bürde eines hilflosen Volkes auf seinen Schultern,

mit der Bitte vor seinen Herrn tritt, ihre Sünden auf ihn zu legen!

Wenn es wahr ist, daß er schließlich durch Verrat fiel, so fehlt nur,

daß er hinzugesetzt hätte: ~sie wissen nicht, was sie thun~!

Noch hatte er das Volk auf seiner Seite, das in ihm seine Schutzmauer

erblickte; aber der Hunger kam, und der Zweifel that sein Werk, wie

aus seinen Worten hervorgeht: »die Leute mußten uns für Lügner

halten.« Die Engländer kommen, war lange der Trost; aber sie verzogen

und kamen nicht. Und dem Volk sank der Mut.

»Während ihr eßt und trinkt und sicher in euren Betten schlaft,«

schreibt er, »wache ich mit meinen Leuten Tag und Nacht, ob es uns

gelingen möchte, uns gegen den falschen Propheten zu halten.«

Und wenn selbst seine Leute schliefen, so wachte er. In der Mitte der

Stadt hatte er sich einen Turm errichtet, von dem er das Land weithin

übersah. Wenn der Tag graute und andere wachen konnten, dann ruhte

er. Den Tag über kämpfte er den Kampf mit dem Nahrungsmangel und dem

Kleinmut in der Stadt; und wenn die Nacht sich senkte, bestieg er

seinen Turm und hielt die Wache, allein unter dem Sternenhimmel mit

seinem Gott um den Sieg ringend, die Hilfe erflehend, die versagt

schien. Wer kann es ermessen, wie die Heldenseele in mancher langen

Nacht im Kampf für »dies Volk« sich erschöpfte und immer wieder zum

Anlauf bereit stand, wie oft auch ein neuer Tag heraufstieg und keine

Rettung brachte!

Nichts tritt in den Tagebüchern klarer zu Tag, als daß Gordon, so

völlig er auch das Ende in eine höhere Hand legte, alles that, was

in seiner Macht stand, daß er die ihm anvertraute Stadt Schritt

um Schritt verteidigte. Nichts unterließ er, was er thun konnte;

sein Auge war überall, und sein heroischer Mut war sozusagen

täglich neu. Es war eine Zähigkeit in der Natur dieses Mannes, die

um so erstaunlicher ist, als er's nicht genug betonen kann, daß

Menschenhilfe kein nütze ist. Bis auf den letzten Blutstropfen ringt

er um das Geschick der Stadt, und doch geht sein Glaube von dem

Gedanken aus, daß eben dieses Geschick vorherbestimmt ist. Für den

einsichtsvollen Leser liegt hier durchaus kein Widerspruch vor. Er

erkennt es als seine Pflicht zu ringen, bis das ihm noch verborgene

Geschick sich erfüllt. Oder um abermals an sein Wort zu erinnern:

»~Wenn das Buch der Dinge, die sich ereignen sollen, einmal

aufgeschlagen ist, dann ist Ergebung für uns das Richtige; vorher

ist es etwas anderes. Und es kann niemand sagen, daß ich bei diesem

Glauben die Hände in den Schoß gelegt habe.~«

Seine Ergebung in den Willen Gottes, wenn die Ereignisse einmal

erfüllt sind, hindert ihn z. B. auch durchaus nicht daran, in seinen

Aufzeichnungen der englischen Regierung ihren Anteil an der Schuld

recht gründlich unter die Augen zu halten.

»Wenn ich nicht dächte, daß alles vorherbestimmt und zwar zum besten

bestimmt ist, so könnte ich ganze Oktavbände voll Zorn loslassen, so

oft ich auf dieses Thema komme. Ich sehe gar nicht ein, warum ich die

Stadt auf halbe Rationen setzen soll, nur um die Belagerung um so

viel zu verlängern; wenn ich es thäte, so hätten wir eine Katastrophe

noch vor der Zeit, wo eine solche bei ganzen Rationen zu erwarten

ist. Ich wäre ja ein Engel (unnötig zu bemerken, daß ich das nicht

bin), wenn ich nicht bitterbös auf unsere Regierung zu sprechen

wäre. Ich will suchen mich über diese Sudan-Wirtschaft und all diese

unentschlossene Politik zu beruhigen; aber wenn mir meine schönen

schwarzen Soldaten draufgehen, so möchte ich doch den sehen, der beim

Gedanken an unsere Machthaber den hellen Zorn unterdrücken könnte!«

Der gutmütige Ausfall auf seine Schaf-Soldaten thut seiner Gesinnung

in diesem Stücke jedenfalls keinen Eintrag. Die Politik der Engländer,

sagte er, lasse sich kurz dahin zusammenfassen: sie weigerten sich,

den Ägyptern in der Sudan-Frage zu helfen, sie verboten den Ägyptern,

sich selbst zu helfen, und sie wollten nichts davon hören, daß

andere ihnen helfen. Er bestritt keineswegs das Recht der englischen

Regierung nach ihrer Einsicht zu handeln, das aber warf er ihr vor,

daß sie selber nicht wußte, was sie wollte, als es an der Zeit war, ja

oder nein zu sagen. Hören wir ihn in seinem Oktober-Tagebuch:

»Was der gegenwärtige Hilfszug an Menschenleben und Geldopfern kosten

kann, ist nicht zu ermessen und wird vollständig zwecklos sein; die

Unschlüssigkeit unserer Regierung ist an allem schuld. Hätte man von

Anfang an gesagt: ›Es geht uns nichts an und wir regen keinen Finger,

wenn die Besatzungen im Sudan umkommen‹, hätte man nichts gethan um

Tokar zu entsetzen, hätte man mir nichts von Entsatz telegraphiert

(s. Telegramm vom 5. Mai, Suakim, und vom 29. April, Massaua), statt

dessen vielmehr die drei Worte: ~Hilf dir selber!~ dann könnte

kein Mensch sich beschweren. (Gordon fügt in Parenthese bei, daß,

während einerseits Baring im Namen der Regierung telegraphierte,

daß britische Truppen zum Entsatz Berbers ~nicht~ bewilligt

würden, der englische General Graham andererseits Befehl erhielt,

den Osman Digna anzugreifen.) Aber die Regierung wollte das nicht

sagen, daß sie die Besatzungen im Stich zu lassen gesonnen sei, und

darum unterblieb das ›Hilf dir selber‹. Das ist's, was uns die Hände

gebunden hat. Hätte ich die Flucht ergriffen, so wäre ich selbst

unserer Regierung gegenüber ein Deserteur gewesen; andererseits

freilich hat mein Bleiben den gegenwärtigen Hilfszug nötig gemacht.

Baring meldete mir klar und deutlich den Befehl, nicht ohne spezielle

Erlaubnis der Regierung an den Äquator zu gehen. (Wenn Gordon sich

nämlich hatte retten wollen, so wäre das sein Ausweg gewesen.) Ich

rechte durchaus nicht darüber mit der Regierung, daß sie den Sudan

hat fahren lassen. Es ist ein erbärmliches Land und nicht wert, daß

man es halte; aber das sage ich: die Regierung hätte im März den Mut

haben sollen zu sagen: ›Hilf dir selber!‹ Damals hätte ich es thun

können; jetzt bin ich Ehren halber an dies Volk gebunden, nachdem

sechs Monate in unnützem Widerstand hingegangen sind ... Ich sage

dies, weil niemand die Geld- und Menschenopfer dieses Hilfszugs

mehr beklagt als ich, und niemand kann die Schwierigkeiten besser

ermessen als ich; nach allem aber was hinter uns liegt und dank der

Unschlüssigkeit unserer Regierung haben wir keine andere Wahl. Es

handelt sich für uns jetzt darum, wie wir mit unserer Ehre und mit

möglichst geringen Opfern am besten davon kommen. Gebt das Land den

Türken, das ist die einzige Lösung der Frage. Hoffentlich denkt

niemand, daß ich aus Eigensinn Schwierigkeiten mache; wollte Gott,

ich wäre glücklich fort von hier, wo ich seit Februar keine ruhige

Stunde gehabt habe! ... Bis vor kurzem waren wir völlig im dunkeln,

ob die Regierung die Besatzungen im Stich lassen will oder nicht.

Hätte ich meinen Posten verlassen, so hätte man mich als Deserteur

darum zur Verantwortung ziehen können, weil ich die Dampfer und

Kriegsvorräte in des Mahdi Hand hätte fallen lassen. Denn wenn ich

Reißaus nehme, so dauerte es keine fünf Tage und der Mahdi wäre hier

... Ich wiederhole, die englische Regierung wäre, sofern es mich

betrifft, aller Verantwortung ledig, hätte man mir nur den Entschluß

übermittelt: ›Hilf dir selber, wir lassen die Besatzungen im Stich.‹

Dann hätte ich gewußt, woran ich bin, hätte den Leuten sagen können,

daß auf Hilfe nicht zu rechnen ist, und hätte keine sechs Wochen

gebraucht, um den Äquator zu erreichen. Und ich hätte das in Ehren

thun können; denn sobald es einmal feststand, daß man uns im Stich

ließ, mußte mein Hierbleiben darauf hinauslaufen, daß ich mit den

Khartumern eingeschlossen würde, was ihre Lage nicht bessern konnte,

im Gegenteil den Mahdi nur um so mehr aufbringen mußte.«

Wir geben diese Stellen gern ausführlich, weil die Anklage damit am

besten widerlegt ist, die hin und wieder gegen Gordon laut geworden,

er habe sich die Folgen seines Bleibens selbst zuzuschreiben.

Weiter sagt er:

»Hätte ich einen Versuch gemacht mich zu retten, so hätten die Leute

hier etwa so geurteilt: ›Sie sind zu uns gekommen, und wir vertrauten

Ihnen; wären Sie nicht gekommen, so hätte wohl mancher von uns sein

Heil in der Flucht versucht, so aber verließen wir uns darauf,

was Sie für uns thun würden. Wir haben seit Monaten Entbehrung

über Entbehrung gelitten, um die Stadt zu halten. Wären Sie nicht

gekommen, so hätten wir uns dem Mahdi ergeben; jetzt aber, nach

unserm langen Widerstand, haben wir keine Barmherzigkeit von ihm zu

erwarten, und er wird das vergossene Blut bitter an uns rächen. Sie

haben unser Geld entlehnt und uns versprochen, es solle uns sicher

wieder gegeben werden; wenn Sie uns verlassen, so ist alles verloren.

Es ist Ihre Pflicht und Schuldigkeit, bei uns zu verharren und unser

Los zu teilen. Wenn die englische Regierung uns im Stich läßt, so

ist das kein Grund, daß Sie uns im Stich lassen, nachdem wir uns

all die Zeit her an Sie gehalten haben.‹ ›Und darum,‹ fügt Gordon

mit Nachdruck hinzu, ›~erkläre ich ein für allemal, daß ich den

Sudan nicht verlasse, bis jeder sich hat retten können, der's nötig

hat~, bis eine Regierung hier aufgerichtet ist, die mich meiner

Pflicht entbindet. Und wenn jetzt ein Befehl kommt, der mich gehen

heißt, ~so werde ich nicht gehorchen, sondern bleibe hier und falle

mit der Stadt und teile ihre Not~.‹«

Er giebt anderswo zu:

»Ich fürchte, ich bin ein allzu selbständiger Offizier, aber so bin

ich und kann's nicht ändern. Ich habe nicht einmal Verstecken mit

meinen Vorgesetzten gespielt! Wenn ich die Regierung wäre, würde ich

so einen, wie ich bin, nie anstellen; denn ich bin unverbesserlich.«

Aber er sagt auch:

»Ich bin mit dem Auftrag abgesandt worden, den Sudan zu räumen, und

nicht um Reißaus zu nehmen und die Besatzungen im Stich zu lassen.«

Mit andern Worten, zu einem ehrlosen Auftrag hätte er sich nicht

bereit finden lassen, und nachdem er einmal abgesandt war, will er

die Hand zu einer Ehrlosigkeit nicht bieten. Sehr richtig macht er

auch darauf aufmerksam, daß, wenn die Regierung mit ihrer langen

Saumseligkeit recht hatte, es dann auch recht gewesen wäre, dabei zu

verharren.

»Das ist mir ein Rätsel,« sagt er, »wenn es jetzt wohl gethan ist,

uns zu Hilfe zu kommen: warum war's nicht recht, das früher zu thun?

Es ist ganz schön von den Schwierigkeiten der Regierung zu reden,

aber das läßt sich nicht leicht wegerklären, daß eine stille Hoffnung

im Hintergrund war, ein Zuhilfekommen könnte durch unsern Fall

erspart werden! Was mich persönlich angeht, so will ich niemanden

Vorwürfe machen; aber es ist mir nicht sehr darum zu thun, mit

Verehrung von Leuten zu reden, seien sie wer sie wollen, die sich

mit solchen Hintergedanken abgeben können ... Ich weiß in der ganzen

Weltgeschichte kein Beispiel von ähnlicher Handlungsweise, wenn ich

nicht etwa auf David mit Uria dem Hethiter Bezug nehmen will, und da

war eine Eva im Spiel -- eine Entschuldigung, die im vorliegenden

Fall meines Wissens nicht existiert. Ich wiederhole, ich habe nichts

dagegen einzuwenden, wenn man den Besatzungen nicht helfen will, ich

verdamme nur die Unschlüssigkeit. Man hatte nicht den Mut ehrlich zu

sagen: wir lassen euch im Stich; man verhinderte es, daß ich an den

Äquator ging, mit dem stillen Vorsatz, mir nicht zu Hilfe zu kommen,

und -- soll ich sagen mit der Hoffnung? ... (›März, April u. s. w.

~sechs Monate~! hält er noch immer aus?‹) ja, das ist's, was ich

der Regierung vorwerfe.«

Es ist schwer, den Machthaber in London ein gerechteres Zeugnis über

ihr Verhalten zum Sudan auszustellen, als Gordon es hier thut, und der

Leser hat hoffentlich genug Beweise davon in diesem Buch, daß Gordon

nicht aus persönlichen Rücksichten so redet; für sich selbst begehrt

er nichts; er will heute sein Leben hingeben, wenn es sein muß, aber

schwarz will er nicht weiß nennen und Unehre nicht für Ehre gelten

lassen, und er wird nur gegen die bitter, die solches von ihm zu

erwarten scheinen. Er ist sich selbst treu geblieben, und das kostete

ihn sein Leben. Daß er nie wieder nach England zurückkehren und keinen

Heller Entschädigung annehmen werde, spricht er mehr denn einmal in

seinen Tagebüchern aus. Er hätte diesen Entschluß ohne Zweifel auch

ausgeführt.

Daß des Mahdi Machtentfaltung auf den Fanatismus des Volks

zurückzuführen sei, giebt Gordon nicht zu; er sagt vielmehr, seiner

Erfahrung nach gebe es selbst in jenen fanatischen Ländern heutzutage

nicht viel reinen Fanatismus mehr. Es handle sich bei den meisten

Leuten vielmehr lediglich um den irdischen Besitz; es sei eher eine

Art Kommunismus unter der Flagge der Religion. Und Gordons alter Humor

macht sich geltend, als er erfährt, daß nicht einmal der Mahdi ein

ehrlicher Fanatiker, sondern ein »Humbug« sei. Ein aus dem feindlichen

Lager entronnener Grieche erzählte ihm nämlich, daß der Mahdi Pfeffer

unter den Fingernägeln habe, damit ihm Thränen zu Gebot stünden, wenn

er Audienz gebe. Auch begnüge er sich, wo er gesehen werde, mit ein

paar Körnlein Durra, in den verborgenen Räumen seiner Wohnung aber

lebe er herrlich und in Freuden und versage sich selbst geistige

Getränke nicht.

»Ich muß gestehen,« sagt Gordon, »seit ich das weiß, habe ich

allen Geschmack am Mahdi verloren; bis jetzt konnte man sich doch

wenigstens damit trösten, daß man es mit einem anständigen Fanatiker

zu thun habe, der an seine Sendung glaubt. Wenn einer sich aber

mit Pfeffer unter den Fingernägeln abgiebt, so ist's wirklich eine

Demütigung, sich ihm ergeben zu sollen! ...«

Da übrigens Thränen doch im allgemeinen als ein Beweis der

Aufrichtigkeit gelten, so setzte Gordon hinzu, das Rezept lasse sich

vielleicht auch Staatsministern empfehlen.

Unter den Mohammedanern seiner nächsten Umgebung, nämlich seinen

Dienstboten, machte er ähnliche Entdeckungen.

»Wenn sie nicht mit Essen beschäftigt sind, dann sind sie am Beten;

und wenn sie nicht beten, dann schlafen sie oder sind krank. Man

hat wirklich Mühe, sie in den Zwischenpausen zu kriegen; es ist

schlechterdings nichts mit ihnen anzufangen, wenn sie auf eine dieser

vier Festungen sich zurückziehen, essen, beten, schlafen oder krank

sein, und sie wissen es. Man wäre ja ein Bengel, wenn man sie daraus

verjagen wollte (was ich übrigens doch manchmal thue). Es gilt einen

Befehl abzufertigen, man sieht sich nach seinem Diener um, und der

Mensch hält seine Andacht. Ich muß sagen, es ist ein prächtiges

Land, um einen Geduld zu lehren! Es ist auch höchst seltsam, aber so

oft ich Ursache habe aufgebracht zu sein, was wohl täglich mehrmals

vorkommt, ist die ganze Dienerschaft mit ihren Gebetsverrichtungen

beschäftigt. Ihre Religion folgt sozusagen der Tonleiter meiner

Stimmungen. Sowie ich guter Laune bin, sind sie Heiden.«

Gordons natürliches hitziges Temperament machte sich bis zuletzt

geltend; aber seine Zornausbrüche sind von so viel Gutmütigkeit

erfüllt, daß ihnen der Stachel genommen ist. Wie er selbst einmal

bemerkte, schienen ihn die Leute gerade dann am liebsten zu haben,

wenn ihm, wie das Sprichwort sagt, der Gaul durchging. So ereignete

es sich zwei Monate vor dem Ende, daß eines Abends spät durch drei

Sklaven die Nachricht nach Omderman gebracht wurde, die Araber

gedächten am folgenden Morgen einen Angriff zu machen. Es wurde

nach Khartum gemeldet, aber der Telegraphist meinte, es wäre auch

am andern Morgen noch Zeit, dem Generalgouverneur die Depesche

vorzulegen. In der Frühe wurde Gordon durch ein heftiges Schießen bei

Omderman geweckt, die Araber hatten in der That einen bedeutenden

Angriff gemacht, und Gordons Dampfer mußten erst noch geheizt werden.

Es folgten mehrere Stunden, die, wie er sagte, ihn um Jahre älter

machten -- es war das heißeste Gefecht, das die Belagerten bis

dahin ausgehalten hatten. Als Gordon vernahm, daß der Telegraphist

eine Hauptschuld trug, dem es oft genug eingeschärft worden war, zu

jeder Stunde Gordon nötigenfalls zu wecken, bestrafte ihn dieser mit

ein paar tüchtigen Ohrfeigen, die ihn aber alsbald reuten und ihn

veranlaßten, dem Geohrfeigten fünf Thaler zu schenken. Er dürfe ihn

totschlagen, erwiderte der Telegraphist, ein schwarzbrauner Jüngling,

denn er sei ja sein Vater! Ein andermal handelte es sich darum, einen

neugebauten Dampfer zu taufen. Die Leute wollten ihn »Gordon« nennen,

was er mit dem Bemerken ablehnte, es sei keine Gefahr vorhanden, daß

die Stadt ihn je vergessen werde, habe er doch die meisten von ihnen

auf alle mögliche Weise seinen Zorn schon fühlen lassen; sie sollten

den Dampfer lieber »Sebehr« heißen!

Daß Gordon durch die ganze schwere Belagerungszeit dem Ausgange

ruhig entgegen sah, wissen wir; daß es nicht ohne viel innerliches

Leiden abging, spiegelt sich wieder und wieder in den Tagebüchern ab.

Merkwürdig ist folgende Stelle:

»Oft, seit wir eingeschlossen sind, haben wir die Frage aufgeworfen,

ob es wirklich unmännlich ist, sich zu fürchten, wie die Welt sagt.

Ich sage offen, daß ich fortwährend in Furcht schwebe und zwar recht

gründlich. Ich fürchte die möglichen Folgen der Gefechte. Todesfurcht

ist's nicht, die habe ich gottlob ja längst überwunden; aber ich

fürchte Niederlagen und was sie bringen. Man spricht von ruhigen

Leuten, die sich durch nichts anfechten lassen -- es giebt keine, d.

h. es giebt Leute, die es äußerlich nicht zeigen, was sie innerlich

fühlen. Daraus folgere ich, daß ein Heerführer nicht in vertrautem

Umgang mit seinen Offizieren leben soll, denn sie beobachten ihn mit

Luchsaugen und nichts ist ansteckender als Furcht. Mich hat es schon

fuchswild gemacht, wenn ich etwa vor Besorgnis nicht essen konnte und

dann merkte, daß es meinen Tischgenossen ebenso ging.«

Wenn Gordon auch nicht Furcht im gewöhnlichen Sinn, so doch Besorgnis

in reichlichem Maße kannte, so ist's kein Wunder. Er hat es öfters

ausgesprochen, daß es eine Art Verhängnis in seinem Leben war, in all

seinen Kriegsunternehmungen es mit mehr oder weniger wertlosen Truppen

zu thun zu haben. Das Jahr in Khartum setzte auch in dieser Hinsicht

seinem Leben die Krone auf; und was die Zivilverwaltung betrifft, so

stand es damit nicht besser. Wenn etwas geschehen sollte, so mußte er

selbst darnach sehen, und die Last eines jeden Departements lag auf

seiner Schulter.

»Einen jeden Befehl, und wo sich's doch um das Interesse der Leute

selbst handelt, muß ich zwei-, dreimal wiederholen. Ich kann wahrlich

sagen, ich bin des Lebens müde; Tag und Nacht, Nacht und Tag ist's

~eine~ fortdauernde Plage.«

Von den Baschi-Bosuks, die ihm ja von jeher ein Dorn im Auge waren,

kann er zuletzt nur noch sagen, er werde sie in Watte einwickeln und

aufheben; all seine übrigen Ägypter, die Offiziere nicht ausgenommen,

ist er bereit, den heranziehenden Engländern zu schenken in der

Hoffnung, daß er sie dann nie wieder sehen möchte. Nachdem der

»Abbas« seine Gefährten davon getragen hatte, war nicht ein Mensch

in der Stadt, auf den er sich verlassen konnte; er nennt es eine

peinliche Lage. Der österreichische Konsul Hansal war zwar noch da;

als Gordon aber hörte, derselbe beabsichtige sich mit seinen sieben

Frauenspersonen zum Mahdi zu schlagen, hatte er nur die eine Antwort:

»Ich hoffe, er wird es thun!«

Noch am 3. Dezember entwirft Gordon ein Programm, wie zu helfen

sei, und wenn auch von zweifelhafter Moral, so wäre es doch für die

Engländer der kürzeste Weg aus der Patsche:

»Die britische Entsatz-Expedition kommt, um britische Unterthanen aus

der Not zu retten, ~lediglich aus diesem Grunde~; man findet,

daß einer dieser Unterthanen hier Befehlshaber ist; man rettet ihn,

und ehe er sich retten läßt, setzt er, an der Genehmigung des Khedive

nicht zweifelnd, Sebehr als seinen Nachfolger ein, dem es zufällig

verstattet worden war, sich als Privatmann in Familienangelegenheiten

nach Khartum zu begeben. Wer kann da der britischen Regierung einen

Vorwurf machen -- kein Mensch. Sie hat den Sebehr nicht eingesetzt,

und des Thewfik Regierung geht sie nichts an; man ist nur gekommen,

um die eigenen Unterthanen zu retten, und Gordon ist der Mann, der

die Ernennung Sebehrs zu verantworten hat! Nicht einmal Thewfik

hat eine Verantwortung in der Sache, denn Gordon hat es auf seine

eigene Verantwortung hin gethan! Ist das nicht ein prächtiger Plan?

Denn erstens reinigt er die britische Regierung von aller Schuld,

zweitens legt er mir die Schuld auf, und in dem Wetter, das über

mich ergehen wird, werde ich so gründlich übergossen werden, daß

man -- ich will nicht schimpfen, noch die Monate zählen -- sagen

wir, daß man den bisherigen Verzug dabei ganz übersehen wird. Ja man

wird am Ende gar die Regierung noch tadeln, einem solchen Subjekt

von britischem Unterthan überhaupt zu Hilfe gekommen zu sein. Das

Ministerium kann sich dann ins Fäustchen lachen, und die Fabel bleibt

aufrecht erhalten, daß der Sudan oder Ägypten uns nichts angeht.

Der Gegenpartei wird's der reine Verdruß sein, wenn die Regierung

auf eine so anständige Weise aus ihrer Patsche kommt, während

die Gesellschaft zur Unterdrückung des Sklavenhandels und alle

Tugendhelden in Europa die Schalen ihres Zorns über mich ausgießen.

Und ich entgehe auf diese Weise allen Ehren und Belohnungen, denn man

wird höhern Orts nur zu gern die Gelegenheit ergreifen und sagen:

›Nach solch niederträchtiger Handlungsweise kann man den Mann ja

nimmer anstellen,‹ als ob sie nicht wüßten, daß er »Belohnungen«

so wie so nicht annähme! Es kann mir überhaupt gleichgültig sein,

was über mich gesagt wird, denn da ich nicht wieder nach England

zurückkehren will, so kann viel in die Zeitungen geschrieben werden,

was ich nicht sehe. Es ist in jeder Hinsicht ein vorzügliches

Programm!«

Und weiter meint er, er wisse wohl, was über ihn gesagt werden würde,

jedenfalls ~einen~ wisse er, der ausrufen werde:

»Mein lieber Gordon, wie kann man so handeln -- ~wären~ Sie doch

lieber gestorben, ehe Sie sich so weit vom Pfad der Rechtlichkeit

verirrten!«

»Vergnügte Weihnachten!« setzte er trocken hinzu.

Am Tag, da er dies schreibt, berichtet er von drei Schlachten, während

die Stadt fortwährend beschossen wird; und abends nach sieben fingen

die Araber noch einmal an, weil die Zinkenisten in der Stadt das

›Salaam Effendina‹ (das ägyptische ›Heil unserm Fürsten, Heil!‹)

aufspielten. Am 5. Dezember beschließt er einen Ausfall, um dem Fort

Omderman zu Hilfe zu kommen, das in bedrohter Lage war.

»Ich habe nun fast alle Hoffnung aufgegeben, die Stadt zu retten,«

sagte er, »dieser Ausfall ist ein letzter Versuch, um die Verbindung

mit Fort Omderman wieder herzustellen.« Am folgenden Tage schrieb

er: »Ich habe den Gedanken aufgegeben, eine Landung bei Omderman

zu bewerkstelligen, wir haben keine Möglichkeit es zu thun.« Am

7. Dezember: »Heute der zweihundertundsiebzigste Tag unseres

Eingeschlossenseins. Die Araber haben von ihren Kanonen bei Guba acht

Bomben abgeschossen, eine fiel in der Nähe des Palastes, richtete

aber keinen Schaden an.«

Daß Gordon am zweihundertundsiebzigsten Tag seiner hoffnungslosen

Verteidigung der Stadt nicht leichten Herzens sein konnte, bedarf

gewiß nicht des Nachweises; dennoch kann er seine Belagerungsnotizen

an jenem Tag mit dem Satz unterbrechen:

»Mein Truthahn hat eines seiner Weiber umgebracht, Grund unbekannt;

wahrscheinlich geheime Korrespondenz mit dem Mahdi, oder sonst eine

Haremstreulosigkeit.«

Es war Gordons Art und Weise, einen unliebsamen Gegenstand mit einem

Gewaltsprung zu verlassen, als ob er einen Scherz machen müßte, um der

Sorge Herr zu werden. Gold aber wird durchs Feuer bewährt; auch Gordon

mußte hindurch. Was mag er innerlich gelitten haben im Blick auf die

ihn umgebende Not einerseits, in Gedanken an seine Landsleute und ihr

Verhalten andererseits! »~Der Allmächtige hilft mir durch!~«

schreibt Gordon. Hätte dies tapfere Herz nur gewußt, wie England, ja,

wie die ganze weite Welt in jenen Tagen um ihn sorgte -- aber es war

ihm versagt. Er stand im Feuer in großer Einsamkeit, der Allmächtige

allein war bei ihm.

Die Belagerung stand nun im zehnten Monat, und nicht nur sah man

der Erschöpfung der Lebensmittel entgegen, sondern, was fast noch

schlimmer war, auch der Schießbedarf ging auf die Neige. Zwar wurde

unter Gordons Aufsicht Pulver bereitet und sein Arsenal lieferte

täglich mehrere tausend Patronen -- der Verbrauch aber war zu groß. Am

11. Dezember bringt sein Tagebuch die Notiz:

»Ich habe der ganzen Besatzung Extralöhnung für einen Monat gegeben,

nachdem sie bereits solche für drei Monate erhalten hat; ja ich würde

nicht zögern, ihnen zwei Millionen Mark zu bewilligen, wenn ich

dächte, es hielte die Stadt.«

Das sind inhaltsschwere Worte, nur noch mit Geld oder

Geldversprechungen war seine Mannschaft bei der Fahne zu halten!

Am 14. Dezember schließen die Tagebücher folgendermaßen -- es ist

Gordons letzte Botschaft an seine Landsleute:

»Die Araber haben heute früh zwei Bomben auf den Palast abgefeuert.

Vorrat: 546 Ardeb Durra und 83525 Oke Zwieback! Halb elf Uhr -- die

Dampfer sind bei Omderman mit den Arabern im Gefecht, und ich sitze

auf Kohlen. Halb zwölf Uhr -- die Dampfer sind zurück; den Bordeen

traf eine Bombe in die Batterie; nur ein Mann der Unsrigen verwundet.

Morgen soll der Bordeen mit diesem Tagebuch abgehen. Hätte ~ich~

zweihundert Mann vom Entsatzzug zu befehligen, mehr sind nicht nötig,

so würde ich gerade unterhalb Halfaja die Araber angreifen und dann

nach Khartum vorrücken. Ich würde mich dann mit dem Nord-Fort in

Verbindung setzen und weiteres Handeln von den Umständen bestimmen

lassen. ~Das merkt euch~, wenn der Entsatz, und ich verlange

nicht mehr als zweihundert Mann, nicht in zehn Tagen hier ist, kann

~die Stadt fallen~; und ich habe gethan, was ich konnte, für die

Ehre unseres Landes. Lebt wohl.

Gordon, der Held von Khartum · 第 20 / 22 题