Es war in der ersten Augustwoche 1884, als Gladstone, dem Drängen des
Volkes nachgebend, sich anschickte, eine Entsatz-Expedition ins Werk
zu setzen; bisher war standhaft erklärt worden, die Notwendigkeit
zu militärischen Operationen liege nicht vor. Das Kriegsministerium
that sein Möglichstes, die verlorene Zeit nachzuholen. Am letzten
August verließ der erwählte Heerführer, Lord Wolseley, London unter
den Zurufen und Glückwünschen einer Menge Volks, die sich am Bahnhof
versammelt hatte.
Wolseleys Instruktionen sind beachtenswert. Es gelte, Gordon zu
retten, sagte die Regierung, ihrer Politik getreu bleibend, daß der
Sudan England nichts angehe. Das Entsatzheer solle sich daher aller
und jeder offensiven Operationen enthalten. Der Auftrag erstreckte
sich nicht auf die Besatzungen von Kassala und Sennar, noch weniger
auf die Bahr el Ghasal oder die Äquator-Provinzen. Die Regierung
setzte sogar Zweifel darein, daß es sich als nötig erweisen werde, bis
Khartum vorzurücken; jedenfalls sollten die britischen Operationen
möglichst beschränkt werden. Einigermaßen in Widerspruch mit dieser
Vorschrift folgte die weitere Anordnung, daß, nachdem ein sicherer
Rückzug für General Gordon und Oberst Stewart, sowie für die
ägyptischen Truppen und Zivilbeamten in Khartum gewonnen sei, General
Wolseley Vorkehrungen treffen solle, um dem Sudan, insbesondere
aber der Stadt Khartum, eine geordnete Regierung für die Zukunft zu
sichern. Bezeichnender Weise erhielt dieser Sudan-Entsatzzug den Namen
»Expedition zur Rettung Gordons«.
Der Held in Khartum erfuhr davon auf eigentümliche Weise. Er erzählt
in seinem Novembertagebuch, daß eine Post ihn erreicht habe. Die
Briefe waren in alte Zeitungen gewickelt, darunter war der »Standard«
vom 1. September, und »nicht mit Gold aufzuwiegen,« sagt Gordon,
»waren wir doch seit dem 24. Februar ohne alle und jede Nachricht!«
Dieses Zeitungsblatt aber beschreibt die Abreise Lord Wolseleys, um
Gordon zu befreien. »Nichts dergleichen,« erklärt Gordon, »sondern um
die eingeschlossenen Truppen zu entsetzen!« Anderswo spricht er sich
so aus:
»Nicht energisch genug kann ich es ablehnen, daß dieser Zug
meinetwegen ins Werk gesetzt wird. Es geschieht lediglich, ~um
die Ehre Englands zu retten~, um die Besatzungen und andere aus
einer Lage zu befreien, in welche die englische Politik in Ägypten
sie gebracht hat. Ich unternahm den ersten Zug zum Entsatz, was
jetzt kommt, ist der zweite. Was mich betrifft, so könnte ich mich
ja jederzeit davon machen, wenn das alles wäre. Überlegt euch aber
einmal, was es auf sich hätte, wenn die erste Expedition davon liefe
und ihre Dampfer in des Mahdi Hände fallen ließe, wäre das nicht eine
böse Vorarbeit für die zweite Expedition, welche Englands Ehre retten
will, indem sie die Besatzungen befreit? ~Beide~ Expeditionen
gelten der Ehre Englands, das liegt auf der Hand. Ich bin gekommen,
um die Besatzungen zu retten und es ist mir nicht gelungen. Nun
kommt Earle (der mit Wolseley kam); hoffen wir, es gelingt ihm. Zu
~meiner~ Befreiung kommt er aber nicht! Mit dem Entsatz der
Garnison, das gab von Anfang an jeder zu, stand unsere nationale
Ehre auf dem Spiel. Wenn Earle nun das gewünschte Resultat erreicht,
so verpflichtet er sich die »nationale Ehre«, die ihn hoffentlich
auch belohnen wird; mich geht das nichts an, ich bin höchstens zu
tadeln, daß es mir nicht gelungen ist. Jedenfalls bin ich nicht das
~gerettete Lamm~ und wills's nicht sein.«
Gordon baute überhaupt nicht auf die Erfolge des Feldzugs, der vier
Monate früher hätte unternommen werden sollen. Es ist auch nicht
leicht zu erklären, warum man sich im April nicht zu den Maßregeln
verstehen konnte, die man im August doch ergriff!
»Die Möglichkeit liegt natürlich auf der Hand,« schrieb Gordon, »daß
Khartum der Expedition noch vor der Nase weggeschnappt wird; man wird
gerade noch dazu kommen, d. h. zu spät. Vielleicht hält man es dann
für nötig, die Stadt zurückzuerobern, aber das wäre ganz nutzlose
Mühe und würde auf beiden Seiten nur unnötig viel Blut kosten. Wenn
es so weit kommt, dann kann das Entsatzheer nichts besseres thun,
als den Schwanz einziehen und ganz still wieder umkehren. Denn wenn
Khartum einmal gefallen ist, dann ist die Sonne untergegangen und
die Leute werden sich nicht viel um die Planeten (d. h. die andern
Garnisonsstädte) kümmern.«
Der Leser weiß, daß, wie Gordon ahnte, Wolseleys Truppen »gerade noch
dazu kamen«; man weiß auch, daß sie unverrichteter Dinge umgekehrt
sind. Und zwar trifft Offiziere und Mannschaft kein Tadel; manch
Tapferer hat sein Leben gelassen, und die Geldopfer berechnen sich
nach Millionen. Der Fehler war der, daß es von Anfang an ~zu
spät~ war.
Von Kairo nach Assiut wurden die Truppen per Bahn befördert und von
dort per Nildampfer nach Assuan, wo die Schwierigkeiten der Expedition
ihren Anfang nahmen. Ende September trafen die Flußboote von England
dort ein, mit welchen man die Mannschaft und den Kriegsbedarf nach
Dongola zu verbringen beabsichtigte, und vierhundert kanadische
Bootsleute waren ihrer besonderen Tüchtigkeit halber auf Wolseleys
Wunsch dazu verschrieben worden. Die Boote durch die Nilschnellen
oberhalb Wady Halfa zu bringen, bot fast unübersteigliche Hindernisse
und die Beförderung durch die Wüste mit Kamelen nicht minder; und
als die Truppen endlich in Dongola angelangt waren, lag schon eine
Riesenarbeit hinter ihnen, obgleich sie vom Feinde selbst noch nichts
gesehen hatten.
Dongola wurde anfangs November erreicht, und am 14. dieses Monats
erhielt Wolseley Nachricht von Gordon vom 4., die ihm abermals zu
wissen that, daß keine Zeit zu verlieren sei. Er benachrichtigt den
britischen Heerführer, daß in Metammeh fünf Dampfer mit neun Kanonen
seiner Befehle harren. Mit andern Worten, sobald er hört, daß der
Hilfszug im Anmarsch ist, kommt er selbst seinen angeblichen Rettern
zu Hilfe!
»~Noch vierzig Tage können wir aushalten~,« berichtet er,
»darnach wird's schwer sein ... Der Mahdi ist etwa acht Meilen von
hier ... Sennar ist ruhig, und man weiß dort, daß Ihr kommt ...«
Wolseley that sein möglichstes, das Vorrücken zu beschleunigen,
auch bedurfte es kaum seiner packenden Proklamation, die Truppen
anzufeuern. Daß Gordon die Stadt bis zu ihrem Kommen halte, das war
Offizieren wie Gemeinen genug. Durch den Mudir von Dongola hörte man
ferner aus der belagerten Stadt, daß, als der Bote Khartum verließ,
dreißig Barken voll Korn vom Blauen Nil eingebracht worden seien,
und daß die Leute all ihre Hoffnung auf Gordon setzten; daß sogar
aus des Mahdi Lager Überläufer zu ihm kämen; daß er seinen Bedarf
an Schießpulver selbst fabriziere, daß er zwölf Dampfer auf dem
Fluß habe, und daß das Volk anfange, sein Regiment dem des Mahdi
vorzuziehen. Was letztere Behauptung und die Nachricht von Überläufern
aus des Mahdis Lager betrifft, so erklärt Gordon in seinem Tagebuch
dies damit, daß es überall an Nahrung gebreche und der Glaube im
Umlauf sei, in Khartum leide man nicht Mangel; der Bauch regiere die
Welt.
So viel war sicher, daß der Mahdi Obeid verlassen und bei Omderman
angesichts der belagerten Stadt seine Stellung genommen hatte. Es war
der 21. Oktober, das Neujahr der Moslem, als Gordon das Geschick der
Abbas, den Tod Stewarts und Powers erfuhr; es bekümmerte ihn tief.
Nach Omderman aber, woher ihm die Nachricht gekommen, telegraphierte
er: »Ich lasse dem Mahdi sagen, daß es mir nichts ausmacht und wenn
er mir den Untergang von zwanzigtausend Dampfern wie die Abbas, den
Tod von zwanzigtausend Offizieren wie Stewart Pascha meldet. Ich hoffe
den englischen Entsatzzug bald hier zu sehen, wenn der Mahdi mir aber
zu wissen thut, daß die Engländer den Schwierigkeiten erlegen sind, so
ist mir auch das einerlei. ~Ich~ bin hier wie Eisen!«
Der Mahdi machte einen Angriff auf die Stadt. Gordon begegnete
ihm mit seinen Dampfern und achthundert Schwarzen; es kostete
einen achtstündigen heißen Kampf, aber es gelang ihm, die Araber
zurückzuwerfen und sie durch seine Sprengminen aus ihrer Stellung
zu vertreiben. Der geschlagene Mahdi hat hierauf für gut gehalten,
sein Angesicht eine Zeit lang zu verbergen und sich in eine Höhle
zurückzuziehen. In dieser weissagte er, man werde sich sechzig Tage
lang ruhig verhalten, darnach aber werde das Blut in Strömen fließen.
Diese »Weissagung« ist so ziemlich auf den Tag in Erfüllung gegangen.
Weihnachten und Neujahr ging vorüber, da schien es endlich Ernst
werden zu wollen. Das englische Heer rückte in zwei Kolonnen, die
eine unter Earle, die andere unter Sir Herbert Stewart durch die
Bajuda-Wüste vor. Das Ziel Stewarts waren die Gakdul-Brunnen, die
auch erreicht wurden; hier wurde eine feste Stellung gewonnen. Am 15.
Januar 1885 bewegte sich der Zug weiter nach den Abu Klea-Quellen,
etwa hundertundzwanzig Kilometer von Metammeh und Shendi am Nil. Dort
kam es zur Schlacht. Hoffnungsvoll waren die Truppen vorgerückt;
einzelne Araber, auf die sie unterwegs stießen, rissen des Mahdi
Abzeichen von ihren Gewändern und erklärten, sie würden den falschen
Propheten nie anerkannt haben, hätten sie gewußt, daß die Engländer
kämen. Bei Abu Klea war der Feind zehntausend Mann stark. Die
englische Kolonne zählte nicht viel über tausend. Es gab eine heiße
Arbeit, aber den Briten blieb der Sieg; doch kostete er schwere
Opfer. Sir Herbert Stewart selbst wurde tödlich verwundet; neun
andere Offiziere fielen, darunter etliche der tapfersten, die England
aufzuweisen hatte, außerdem gab es an Toten fünfundsechzig Gemeine,
und fünfundachtzig Verwundete. Über tausend Araber bedeckten das
Schlachtfeld. Unter Sir Charles Wilson, dem nach Stewarts Verwundung
der Oberbefehl zufiel, erreichte die britische Abteilung den Nil,
wo Gordons Dampfer der Befreier mit der frappanten Meldung harrten:
»Alles wohl in Khartum; wir können uns noch jahrelang halten! -- C.
G. G. 29. Dez. 84.« Hart auf die Siegesbotschaft von Abu Klea trug
der Telegraph diese Kunde nach England, und alle Welt jubelte, daß
die Hilfe doch nicht zu spät gekommen sei, daß der tapfere Held sich
gehalten habe, und daß seine eigenen Dampfer in wenigen Tagen die
englischen Landsleute ihm zuführen würden. Daß Gordons Meldung darauf
abgesehen war, den Feind zu täuschen, daß sie das gerade Gegenteil
von dem bedeuteten, was ihr Wortlaut besagte, das mutmaßte man vor
übergroßer Freude nicht.
Und doch war es so! Schon am 14. Dezember hatte ein Geheimbote die
(ebenfalls für den Feind bestimmte) Nachricht gebracht: »Alles
wohl in Khartum.« Aber eben derselbe Bote brachte dem britischen
Oberbefehlshaber eine Privatmeldung ganz anderer Art:
»Wir sind auf drei Seiten belagert -- bei Omderman, Halfaja und Hoggi
Ali droht Angriff. Kampf ununterbrochen Tag und Nacht. Der Feind
kann uns nur aushungern. Haltet eure Truppen zusammen, der Feind ist
zahlreich. Bringt möglichst viel Truppen. Noch halten wir Omderman
und die Verschanzung gegenüber.
Der Mahdi hat Erdwälle in Schußweite von Omderman aufwerfen lassen;
er selbst aber bleibt außerhalb der Schußweite.
Vor ungefähr vier Wochen haben des Mahdi Truppen Omderman angegriffen
und einen Dampfer außer stand gesetzt. Wir haben dafür eine der
feindlichen Kanonen demontiert.
Drei Tage später haben sie uns wieder auf der Südseite angegriffen;
wir haben sie zurückgeworfen.
Saleh Bey und Slaten Bey sind gefangen in des Mahdi Lager.
Unsere Truppen hier leiden Mangel. Was noch an Proviant da ist, ist
wenig; etwas Korn und Zwieback.
Kommt sobald wie möglich; am besten über Metammeh oder Berber. Rückt
auf diesen beiden Linien vor. Versichert euch der Stadt Berber, ehe
ihr vorrückt. Hütet euch, den Feind euch im Rücken zu lassen, und
wenn ihr Berber habt, dann laßt mich's wissen.
Haltet den Feind möglichst in Unwissenheit über eure Bewegungen.
In Khartum giebt's weder Butter noch Datteln und sehr wenig Fleisch,
alle Lebensmittel sehr teuer.«
Das klang anders, als »wir können noch jahrelang aushalten!«
Aber diese Meldung wurde nicht nach England telegraphiert;
oder, wahrscheinlich richtiger, man hielt für gut, sie in den
Regierungsbureaus zurückzuhalten. Wie ein Donnerschlag aus klarem
Himmel fiel daher am 5. Februar 1885 die Botschaft ins Land: Khartum
ist gefallen!
Sir Charles Wilson war in guter Zuversicht mit zwei von Gordons
eigenen Dampfern von Metammeh abgefahren. Er erreichte das Ziel am 28.
Januar, zwei Tage zu spät; des Mahdi Geschütze begrüßten ihn bei der
Ankunft, er konnte sich nur wieder zurückziehen -- am 26. war Khartum
gefallen!