Gordon verlor keine Zeit, die Verteidigung Khartums ins Werk zu
setzen. Seine erste Sorge war der Proviant. Es ergab sich, daß die
Stadt eine fünfmonatliche Belagerung würde aushalten können. Den Armen
wurde eine tägliche Ration bewilligt. Der leeren Kasse half er durch
Papiergeld auf, und es beweist das Vertrauen der Leute, daß ihnen sein
Wort für Zahlung galt. Auf diese Weise hielt er sein unzuverlässiges
Militär zusammen und verhinderte wenigstens um jene Zeit das
Desertieren. Um die Stadt her legte er Sprengminen, und in Erwartung
der unbeschuhten Füße etwaiger Sturmläufer war der Boden weithin mit
Glasscherben und zu ähnlichen Zwecken angefertigten Stachelnüssen
bestreut, nämlich mit eisernen Nüssen, die, wie sie auch fallen, eine
oder mehrere ihrer Spitzen nach oben kehren. Zwischen den Minen waren
Drahtangeln angebracht, um den anlaufenden Feind zu Fall zu bringen.
Gordon war entschlossen, sich und die Stadt so teuer als möglich zu
verkaufen. An Schießbedarf fehlte es glücklicherweise nicht. Auch ließ
die Gesundheit der Stadt nichts zu wünschen übrig, und der Nil war im
Steigen; letzteres war ein Hauptfaktor in Gordons Berechnung, welcher
sich bei dem Angriff auf die Rebellen hauptsächlich auf seine Dampfer
verließ.
Keine Woche verging, ehe er die Scharte der Dünen-Niederlage
auswetzte, und zwar eben durch einen der Dampfer, der mit einer
Kruppkanone unter den Rebellen aufräumte. Es war Gordons Genie,
das aus gewöhnlichen Nilbooten Kriegsschiffe schuf, die ihrem
Zweck vollkommen genügten. Manchen heißen Arbeitstag verwandte
er selbst darauf, diese Schiffe mit Eisenplatten und mehrfach
übereinandergelegten Holzdielen zu panzern und zum Spießrutenlaufen
zwischen den von den Rebellen besetzten Ufern kugelfest zu machen.
Seine Dampfer begleiteten sechs Barken, auf denen er zwanzig Fuß hohe
Türme errichtete, die seine Schützen trugen. Die Flotte muß einen
seltsamen Anblick gewährt haben, Gordon war aber offenbar stolz auf
ihre Tüchtigkeit.
Saati Bey war Flottenführer. Fast täglich wagte das kleine Geschwader
den Ausfall aus der blockierten Stadt und kehrte öfters mit Beute
-- Vieh und Getreide -- zurück, was nicht mit Geld aufzuwiegen war.
Überhaupt konnte Gordon nur auf die Schiffe rechnen, wie aus seiner
nicht ohne bitteren Humor abgefaßten Notiz hervorgeht:
»Unsere Dampfer halten sich prächtig; das ist ein Vorteil zu Wasser,
daß die Mannschaft nicht davonlaufen kann, sondern wohl oder übel
stand halten muß!«
Es fehlte auch nicht an kleinen Gefechten, wodurch wenigstens das
erreicht wurde, daß man sich die Rebellen auf Armslänge vom Leibe
hielt; einen Angriff auf die Stadt selbst wagten dieselben nicht
mehr, nachdem sie mit den Sprengminen Bekanntschaft gemacht hatten.
Als Berber gefallen war, schlossen sich an den Mahdi auch die
Schaggyeh-Beduinen an, die das Land nordwärts von Khartum inne hatten.
Damit war die Isolierung der Stadt eine vollständige.
Die Spannung in England nahm mit den Sommermonaten zu. Bei dem
Ausbleiben aller glaubwürdigen Nachrichten malte man sich die Lage der
Stadt noch schlimmer aus, als sie damals in Wirklichkeit war; man sah
sie dem hohläugigen Hunger einerseits, den fanatischen Horden des
Mahdi andererseits in die Arme fallen, man sah den heroischen Gordon
mit seinen tapferen Gefährten, wie sie, von aller Welt verlassen,
den sinkenden Mut von Tausenden aufrecht erhielten, obschon ihnen
selbst kein Hoffnungsstern leuchtete. Und als endlich verlautete, der
Regierung habe das Gewissen geschlagen und Entsatzungstruppen würden
abgehen, da hielt mancher dafür, wie es sich ja leider auch als wahr
erwiesen hat, daß das Ministerium der Verspätungsmaßregeln auch hier
wieder mit dem guten Willen hinterdrein kommen werde.
Am 29. September, nach fünfmonatelangem Schweigen brachte die Times
Nachrichten von Khartum. Die Aufzeichnungen Powers[15] waren am Abend
vorher angelangt, und das englische Volk las mit klopfendem Herzen,
wie es den drei Söhnen Englands in der belagerten Nilstadt erging;
hatte man doch die Hoffnung aufgegeben, je wieder Beruhigendes von
ihnen zu vernehmen. Die hier folgenden Notizen zeigen mit der Kürze
von Depeschen, wie Gordon, Stewart und Power zwischen dem ersten Mai
und letzten Juli mannhaft auf ihrem Posten standen und Khartum bis
dahin gehalten hatten.
»1. Mai. -- Der befehlende Offizier der Sappeurs legte eine Sprengmine
mit achtundsiebzig Pfund Pulver, trat aber unglücklicherweise selbst
darauf und wurde mit sechs seiner Leute zerschmettert.
»3. Mai. -- Ein Mann berichtet von einer englischen Armee in Berber.
»6. Mai. -- Energischer Angriff seitens der Araber auf die
Befestigungen am Blauen Nil; die Minen, die wir bei Buri legten,
brachten ihnen große Verluste.
»7. Mai. -- Starker Angriff von einem gegenüberliegenden Dorf;
neun Minen explodierten und wir hörten nachher, daß es die
Rebellen einhundertundfünfzehn Tote kostete. Die Araber schossen
ununterbrochen. Oberst Stewart vertrieb sie mit zwei prächtigen Salven
aus einem vor dem Palast aufgestellten Kruppschen Zwanzigpfünder
aus ihrer wichtigsten Stellung. Während der Nacht brachen sie
Schießscharten in die Mauern, aber am 9. verjagten wir sie, nachdem
sie das Dorf drei Tage innegehabt hatten.
»25. Mai. -- Oberst Stewart, durch eine feindliche Kugel verwundet,
während er eine Mitrailleuse vor dem Palast leitete, ist jetzt wieder
hergestellt.
»26. Mai. -- Bei einem Manöver auf dem Weißen Nil schoß Saati Bey eine
Bombe in ein arabisches Pulvermagazin. Gewaltige Explosion, an sechzig
Bomben platzten.
»Während der Monate Mai und Juni tägliche Dampferexpeditionen unter
Saati Bey. Unsere Verluste unerheblich. Viel Vieh eingebracht.
»25. Juni. -- Cuzzi, der englische Konsul von Berber, der bei den
Rebellen ist, brachte unsern Linien Bericht vom Fall Berbers. Er ist
auf dem Weg nach Kordofan.
»30. Juni. -- Saati Bey hat den Rebellen vierzig Ardeb Korn abgejagt,
und zweihundert Araber sind dabei gefallen.
»10. Juli. -- Saati Bey machte einen Angriff auf Gatareeb, nachdem er
Kalkala und drei andere Dörfer in Brand gesteckt hatte; er und drei
seiner Offiziere fielen. Saatis Verlust ist keine Kleinigkeit.
»29. Juli. -- Wir haben die Rebellen aus Buri am Blauen Nil verjagt;
es hat sie viel Tote gekostet, uns ziemlich Munition und achtzig
Gewehre eingetragen. Die Dampfer rückten bis El-Efan vor, säuberten
dreizehn Schanzen und zerschmetterten zwei Kanonen. Die ganze
Belagerung bisher hat uns keine siebenhundert Mann gekostet.
»31. Juli. -- Mit dem heutigen schließt der fünfte Monat der
Belagerung. Gestern schickte ich über Kassala einen übersichtlichen
Bericht über unsere Lage und die hauptsächlichsten Ereignisse seit dem
25. März. Bis 23. April ging wöchentlich mehrmals Nachricht ab; nach
diesem Datum war's unmöglich Botschaft nach Berber zu bringen. Wir
sind jetzt seit fünf Monaten eng belagert, die arabischen Geschosse
erreichen den Palast von allen Seiten.
»Seit 17. März ist kein Tag ohne Beschießung vergangen, trotzdem
berechnen sich unsere Toten von Anfang an höchstens auf siebenhundert.
Verwundungen, die im ganzen leicht sind, gab's viele. Seit die Stadt
eingeschlossen ist, läßt General Gordon den Armen Zwieback und Korn
verabreichen, und bis jetzt hat niemand ernstlich Not gelitten. Aber
Teuerung herrscht, und die Lebensmittel sind enorm im Preis gestiegen;
Fleisch, wenn man's überhaupt kriegen kann, kostet acht oder neun
Schilling per Ober. Die Klassen, die sich nicht unterstützen lassen
können, leiden am meisten.
»Mit der Nachricht, die uns vorgestern erreichte, ist unsere letzte
Hoffnung dahin, daß unsere Regierung uns zu Hilfe kommen werde. Wir
haben noch Mundvorrat auf zwei Monate, und dann bleibt uns nicht
übrig als zu fallen. Mit den Truppen, die uns zu Gebot stehen, und
den vielen Weibern und Kindern ist es ganz unmöglich daran zu denken,
sich durch die Araber durchzuschlagen. Wir haben nicht genug Dampfer,
um alle fortzuschaffen, und nur mit Hilfe der Dampfer können wir den
Rebellen begegnen.
»Ein berittener Araber genügt, um zweihundert von unserer Mannschaft
in die Flucht zu schlagen. Als Saati Bey fiel, hatten ihrer acht mit
Speeren zweihundert der unsern angegriffen, deren jeder sein Gewehr
trug. Die Kerle nahmen sofort Reißaus und kümmerten sich nicht darum,
daß Saati und sein Vakil erschlagen wurde. Ein schwarzer Offizier hieb
drei jener Araber zusammen, und die anderen fünf genügten, die ganze
Truppe der unsern davonzujagen. Ein Berittener, der dazu kam, sprengte
durch die flüchtige Schar und schlug sieben zu Boden. Oberst Stewart,
der keine Waffen trug, kam wie durch ein Wunder davon; die Araber
hatten ihn nicht gesehen. Was kann man mit solchen Truppen anfangen?
Die Neger sind die einzigen, auf die wir uns verlassen können.
»Der Ausfall der schwarzen Mannschaft unter Mehemet Ali Pascha am
28. dieses war glänzend; die Araber müssen schwere Verluste gehabt
haben. General Gordon hat es den Soldaten verboten, die Köpfe der
erschlagenen Rebellen einzubringen, die Zahl läßt sich daher nur
mutmaßen. Wir eroberten bei dieser Gelegenheit sechzehn Bomben,
ziemlich viel Kartätschen und Patronen, eine schöne Anzahl Gewehre, an
zweihundert Lanzen, sechzig Schwerter und einige Pferde. Wir hatten
vier Tote und etliche Leichtverwundete. Dieser Sieg hat uns die
Rebellen eine Zeit lang vom Hals geschafft, die unsere Linien bei Buri
am Blauen Nil unablässig, selbst nachts, beschossen.
»Den folgenden Tag, am 29. dieses, rückte unser Geschwader, d. h. fünf
Kriegsdampfer und vier mit Türmchen und Geschütz versehene Barken,
nach Giraffa am Blauen Nil vor. Ich ging mit. Wir säuberten dreizehn
kleine Forts, stießen aber bei Giraffa auf zwei beträchtlichere
Verschanzungen -- Erdwälle mit starken Palissaden aus Palmstämmen.
Die eine trug zwei Kanonen. Wir beschossen diese Verschanzungen acht
Stunden lang, bis wir die beiden Kanonen mit unserem Kruppschen
Zwanzigpfünder endlich zum Schweigen brachten. Die Gewehre der
Araber knatterten unaufhörlich; unsere Panzerboote aber können einen
Kugelregen aushalten, und so hatten wir nur drei Tote bei zwölf oder
dreizehn Verwundeten. Gegen Abend verjagten wir die Rebellen, die
ziemlich zahlreich waren.
»In etwa drei Tagen beabsichtigt General Gordon zwei Dampfer gegen
Sennar zu schicken. Wir hoffen, daß sie den Dampfer »Mehemet Ali«
wieder kapern, den die Rebellen dem Saleh Bey neulich abjagten.
General Gordon ist wohl auf, und Oberst Stewarts Wunde ist wieder
heil. Auch ich bin wohl und guter Dinge.«
Man atmete auf in England bei dieser Nachricht und war stolz auf
die drei Tapferen, die sich so rühmlich hielten. Und ob der Freude
vergaß man im ersten Augenblick, wie lange die Botschaft unterwegs
war! »~Wir haben noch Mundvorrat auf zwei Monate und dann bleibt
uns nichts übrig, als zu fallen~,« so schrieb man am 31. Juli in
Khartum, und am 29. September wiederhallten diese Worte in England.
Noch ein Tag fehlte an der gesteckten Frist. Wie stand es jetzt um
Khartum?
Am 30. Juli schrieb Gordon an Sir E. Baring:
»Besten Dank für Ihre guten Wünsche. Der Nil ist jetzt hoch, und wir
hoffen, in wenigen Tagen offene Route nach Sennar zu haben. Unsere
Verluste bis jetzt sind nicht ernstlicher Art. Stewart war leicht
verwundet, ist aber wieder hergestellt. Seien Sie überzeugt, daß
wir diese Gefechte nicht suchen, aber wir haben keine andere Wahl,
denn der Rückzug wäre nur dann möglich, wenn wir die Zivilbeamten
und ihre Familien im Stich ließen, wogegen die allgemeine Stimmung
der Truppen sich auflehnt. Ich habe keinen Rat zu geben. Wenn wir
Sennar entsetzen und den Blauen Nil säubern können, wären wir stark
genug, Berber zurückzuerobern, d. h. wenn Dongola sich halten kann.
Nicht ein Pfund von Ihren Hilfsgeldern ist hier angelangt; es ist
dem Feind in Berber in die Hände gefallen. Und ich mißgönne es
den Arabern nicht, denn es ist doch nur ein Teil von dem, was die
ägyptischen Pascha dem Land erpreßt haben. Es sollten vier Millionen
Mark nach Kassala geschickt werden; man muß diesen Besatzungen
wenigstens mit Geld zu Hilfe kommen. Khartum kostet zehntausend Mark
per Tag. Wenn der Weg nach Berber frei wird, werde ich Stewart mit
dem Tagebuch hinschicken, d. h. wenn er einwilligt. Das dürfen Sie
glauben, wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses erbärmliche
Scharmützeln einzustellen, so würde ich sie ergreifen, denn mir ist
der ganze Krieg verhaßt. Die Leute sind dagegen, daß ich die Stadt
verlasse, aus Furcht, daß alles noch schlimmer würde, wenn mir
etwas zustieße; so sitze ich immer auf Sohlen, wenn die Mannschaft
draußen ist. Wenn ich irgend jemand hier ans Ruder stellen könnte,
so würde ich es thun, aber es ist niemand da; alle tüchtigen Kräfte
zogen mit Hicks aus und sind geblieben. Als Beweis, wie gut die
Araber schießen, hat der eine Dampfer neunhundertundsiebzig und der
andere achthundertundsechzig Verletzungen im Rumpf. Seit unserer
Niederlage am 16. März haben wir nur etwa dreißig Tote und fünfzig
oder sechzig Verwundete gehabt, was sehr wenig ist. Wir haben wohl
eine halbe Million Patronen verschossen. Die Leute halten sich
im ganzen gut ... Es mag taktlos klingen, aber wenn wir je davon
kommen, so geben Sie dem Stewart einen Orden, aber nur mir nicht.
Ersparen Sie mir die Unannehmlichkeit es abzulehnen, aber ich hasse
solches Zeug. ~Wenn~ wir davonkommen, so ist es lediglich durch
Gebetserhörung und nicht aus eigener Kraft; fürs übrige ist's dann
eine Genugthuung, hier gewesen zu sein, so trostlos es manchmal ist.
Stewarts Tagebuch ist sehr ausführlich. Ich will nur hoffen, daß es
Sie erreicht, wenn ich's schicken kann. Landminen werden künftig
unsere beste Verteidigung sein; wir haben die Außenwerke damit
bedeckt, bis jetzt haben sie allen Angriff abgehalten und tüchtig
aufgeräumt ... Wir haben einen Khartum-Orden von drei Graden --
Silber mit Vergoldung, Silber und Zinn -- eingeführt, eine Granate
mit der Umschrift »die Belagerung von Khartum«. Sogar Frauen und
Schulkinder haben ihn schon erhalten; ich bin daher sehr populär bei
den schwarzen Damen. Wir haben Papiergeld im Wert von einer halben
Million Mark in Umlauf gesetzt, und von Kaufleuten habe ich eine
Million geliehen, beides auf ~Ihren~ Kredit hin! Auch habe ich
einhundertundsechzigtausend Mark Papiergeld nach Sennar geschickt.
Was die Steuern betrifft, so zahlt man uns nur in Blei, woraus Sie
abnehmen mögen, daß Sie eine schöne Rechnung hier zusammenkriegen.
Die Truppen und die Leute im ganzen sind gutes Muts ... Ich glaube,
daß eine schreckliche Hungersnot durchs ganze Land das Finale sein
wird. Ein Spion brachte gestern die Nachricht, die ›Königin von
England‹ sei in Korosko -- vielleicht ist es ein Schiff. Sieben Mann,
ich mitgerechnet, sind die ganze Verstärkung, deren der Sudan seit
der Hicks-Niederlage sich rühmen kann! während wir euch sechshundert
Mann Militär und zweitausend Mann Zivil zugeschickt haben -- wir
lachen manchmal darüber. Ich werde Khartum nicht verlassen, ehe ich
jemand an meine Stelle setzen kann. Wenn die Europäer, die hier sind,
suchen wollen, den Äquator zu erreichen, so will ich ihnen mit den
Dampfern dazu behilflich sein; aber nach all dem, was hinter uns
liegt, kann ich die Leute nicht im Stich lassen. -- Ich habe Ihnen ja
gesagt, daß der Weg über Wady Halfa am rechten Nilufer hin der beste
wäre; hätte Berber sich gehalten, so wäre es eine Vergnügungsfahrt.
Eine andere Möglichkeit wäre, von Senheit nach Kassala und von da
nach Abu Haraz am Blauen Nil; jedenfalls sicher bis Kassala, aber ich
fürchte, es ist ~zu spät~. Wir müssen uns selber durchhelfen, so
gut wir können. Wenn Gott uns seinen Segen dazu giebt, so wird uns
der Sieg; wenn es nicht sein Wille ist, so ist es auch recht ...
»Warum benutzen Sie die Geheimschrift? Ist ganz unnötig, die Araber
haben ja keine Dolmetscher. Sie sagen, es sei Ihr Ziel, den Sudan zu
räumen; gut, aber die Araber haben auch ein Wort dreinzureden, ehe
sie die Ägypter ziehen lassen. Es wird alles zum besten dienen. Ich
wiederhole zum Schluß, wir verteidigen uns so lang wir können, und
ich lasse Khartum nicht im Stich. Noch hoffe ich, wenn ich auch bis
jetzt kein Wie sehe, daß Gott uns einen Ausweg zeigen wird.«
#/
In einer Nachschrift heißt es:
/#
»Sie fragen in Ihrem Telegramm vom 5. Mai: warum ich darauf bestehe,
hier zu bleiben, wenn doch England sich zurückziehe? Antwort: ich
bleibe hier, weil die Araber uns eingeschlossen haben und niemand
durchlassen. Überdies würden mich die Leute festhalten, wenn ich
ihnen nicht vorher zu einer Regierung verhälfe oder sie mitnähme, was
nicht möglich ist. Niemand verließe das Land lieber als ich, wenn es
sein könnte.«
Im Laufe des August schreibt er an einen Offizier der königlichen
Marine zu Massaua:
».... Eine ganze Reihe kleiner Gefechte mit den Arabern, die wir
gottlob zurückgeschlagen haben. Der Weg nach Sennar ist jetzt offen,
und wir haben im Augenblick nichts von den Arabern zu befürchten.
Wir beabsichtigen morgen einen Angriff und wollen einen Ausfall auf
Berber machen; Stewart und die beiden Konsuln (der Engländer Power
und der Franzose Herbin) wollen den Versuch wagen, nach Dongola
zu entkommen. Wir würden Berber zerstören und wieder auf unser
Piratennest zurückfallen ... Ich denke, wir halten Khartum in alle
Ewigkeit, wir sind dem Mahdi gewachsen. Hat er Reiterei, so haben wir
Dampfer. Wir sind sehr bös auf euch zu sprechen, denn seit dem 29.
März hat kein Sterbenswort von der Außenwelt uns erreicht. Ich habe
schon zweitausendachthundert Mark für einen Spion hingelegt, und ihr
habt dem armen Teufel zwanzig Thaler gegeben (wenigstens behauptet
er das), um von Massaua nach Khartum zurückzugelangen. Ich habe ihm
vierhundert Mark draufgelegt ... Wir haben wieder Mundvorrat auf fünf
Monate und hoffen noch mehr wegzufangen ... Unser Vaterland spielt
keine sehr edle Rolle, weder Ägypten noch dem Sudan gegenüber. Ich
wollte, ich hätte ein paar von euren Artilleristen hier, denn unsere
Kanonade ist erbärmlich. Meine Empfehlung an die Offiziere.«
Und weiter am 26.: »Ich schrieb Ihnen vorgestern, daß wir einen
Ausfall auf die Araber machen wollten. Es ist uns gottlob gelungen,
das feindliche Lager einzunehmen. Der arabische Befehlshaber ist
gefallen (+R. I. P.+). Unsere Verluste noch unbekannt. Der
Sieg hat uns auf drei Seiten, wenigstens in nächster Nähe, Luft
verschafft. Übrigens können die Araber ihre Niederlage teilweise den
Deserteuren zuschreiben, die im Augenblick des Angriffs in ziemlich
großer Anzahl zu uns überliefen. Meine Flotte hat sich glänzend
gehalten, worauf meine Freunde von der königl. britischen Marine
stolz sein können ... Wir und die hiesigen Truppen haben wenigstens
~ein~ Band, das uns zusammenhält; sie wissen, daß sie in die
Sklaverei verkauft werden, wenn die Stadt fällt, und wir wissen,
daß wir nur durch eine Verleugnung unseres Herrn unser Leben retten
könnten. Und ich glaube, uns ist diese Alternative noch verhaßter
als den Soldaten jene. So Gott will, wollen wir den Sieg erringen
ohne Hilfe von außen. Spione von Kordofan melden, daß der Mahdi mit
sechsundzwanzig Kanonen auf Khartum loszieht. Das ist nicht mehr
als ich erwartete; ich habe von Anfang an gedacht, daß es hier zur
Entscheidung kommen wird. Will's Gott, ist der Erfolg nicht auf
seiner Seite; wir haben gethan, was wir konnten, um Khartum wohl zu
befestigen. Mißglückt es ihm, dann ist es auch mit ihm zu Ende.«
Daß Gordons tapferer Mut aufrecht blieb, ergiebt sich aus diesen
Briefen. Sie zeigen auch, daß er sich entschlossen hatte, seine
beiden Gefährten Stewart und Power ziehen zu lassen und allein
zurückzubleiben; es hatte dies einen doppelten Grund. Zum ersten war
Gordon wohl schon damals zur Gewißheit gelangt, daß es einen harten
Kampf ums Leben gelten würde, und er wollte seinen Waffengefährten
Gelegenheit geben, dem fast sichern Tod zu entgehen; zum andern aber
hoffte er, durch ihre Berichte die saumselige Regierung zum Handeln zu
bringen. Denn daß man in London zu einem Entschluß in dieser Richtung
gekommen war, davon hatte er damals noch keine Kenntnis. Warum er sich
seinen Gefährten nicht anschloß, bedarf keiner weiteren Erklärung.
Er blieb zurück in reinster Selbstaufopferung. Daß er sich solchen
Edelsinn nicht selbst beimaß, erhöht nur die Größe seines Handelns. Er
selbst spricht sich in seiner Weise so darüber aus:
»Was man auch sagen mag über unser hiesiges Aushalten, es ist bares
Geschwätz, wir hatten ja keine andere Wahl; und wenn man wissen
will, warum ich mich nicht mit Stewart aus dem Staub gemacht habe, so
ist die Antwort einfach die, daß die Leute hier nicht so dumm gewesen
wären, mich gehen zu lassen, also was hat sich's da mit Großthaten
und Selbstaufopferung!«
Dennoch war's ein vollkommenes Opfer in jeder Hinsicht, ja ein
Opfer im eigentlichsten Sinn, und Gordon wußte das! Während seines
Aufenthaltes in Jerusalem hatte er hinsichtlich der englischen
Beamtenwirtschaft in Ägypten geschrieben: »Mir ist, als ob dies
Unrecht nur mit Blut zu sühnen wäre.« Und im März schrieb er von
Khartum: »Wolle Gott diese Sünde nicht an unserem Volk heimsuchen,
möge die Strafe auf mich fallen, geborgen in Christo. Das ist meine
Bitte! Und möge Er sich des Volkes hier erbarmen, ihnen Friede
schenken.« Übrigens konnte Gordon nur ~hoffen~, daß der Dampfer
»Abbas« die kleine Schar sicher durch die feindlichen Linien tragen
würde, er weigerte sich daher ihre Abreise anzubefehlen; er setzte
ihnen auseinander, daß sie durch ihr Bleiben die Lage von Khartum
nicht zu bessern vermöchten, während sie möglicherweise durch ihr
Gehen der belagerten Stadt einen großen Dienst erweisen könnten. Beide
Genossen entschlossen sich unter der Bedingung zu gehen, daß Gordon
ihnen nicht nachsagen würde, sie hätten ihn in der Not verlassen. Es
war ein Wettstreit der Großmut. Stewart wollte absolut nicht ohne den
direkten Befehl seines Vorgesetzten gehen. »Nein,« sagte dieser, »zwar
fürchte ich die Verantwortlichkeit nicht, aber ich will Sie nicht in
eine mögliche Gefahr schicken, die ich nicht mit Ihnen teile.« Bei
der Abreise von London hatte er den ihn an den Bahnhof begleitenden
Freunden gesagt:
»So viel ist sicher, daß wo er in Gefahr sein wird, ich sie teilen
werde; und wo ich in Gefahr gerate, wird er nicht weit davon sein.«
Aber alles war so ganz anders gegangen, als man es damals hoffte
und erwartete, und die Kampfgenossen trennten sich. Gordon that zu
ihrer Sicherheit, was er konnte, indem sein Geschwader ihnen über
Berber hinaus das Geleite gab; auch ermahnte er sie, sich in der
Mitte des Stromes zu halten und wegen Holzbedarf nur an einsamen
Orten zu landen. Am 10. September verließ seine Mannschaft die Stadt
und kehrte nach einem Siege über die Rebellen dahin zurück, während
der Dampfer »Abbas« Stewart und Power mit noch etwa vierzig anderen
stromabwärts trug.
Schon anfangs Oktober gelangte die Unglückspost nach England, daß
der »Abbas« im Nil gestrandet und seine Mannschaft dem Feind in die
Hände gefallen sei. Man hoffte eine Zeit lang, Stewart sei mit dem
Leben davon gekommen, aber nach wenigen Wochen war's auch mit dieser
Hoffnung zu Ende. Monate vergingen jedoch, ehe man die Einzelheiten
mit Gewißheit erfuhr, und zwar durch den Heizer des Dampfers, der aus
der arabischen Gefangenschaft entkam und folgendes berichtete:
Nachdem das Geschwader Berber bombardiert hatte, kehrte die kleine
Flotte nach Khartum zurück, und der »Abbas« setzte seine Reise fort,
gelangte auch sicher bis über Abu Hamed. Am 18. September aber stieß
der Dampfer auf den Grund. Es war in des Scheik Wad Gamrs Land,
und man hatte seit einiger Zeit bemerkt, daß die Leute auf beiden
Seiten landeinwärts den Hügeln zu liefen. Als es sich ergab, daß der
»Abbas« festsaß, wurde ein Rettungsboot mit dem Nötigsten beladen
und als Landungsplatz eine nahe Insel in Aussicht genommen; das Boot
ging viermal hin und her. Darnach vernagelte Oberst Stewart selbst
die Kanonen und ließ sie über Bord werfen; ebenso die Kisten mit
Schießbedarf. Die Eingeborenen hatten sich mittlerweile in großer
Anzahl auf dem rechten Ufer versammelt und schrieen: »Gebt uns Frieden
und Korn!« »Friede,« riefen die Gestrandeten zurück. Soliman Wad Gamr,
der Scheik, war in einem kleinen Haus in der Nähe; auch er fand sich
am Ufer ein und rief den Schiffbrüchigen zu, sie sollten nur furchtlos
herüber kommen, die Soldaten müßten aber ihre Waffen niederlegen,
sonst würden seine Leute sich fürchten. Und nachdem Oberst Stewart
mit seinen Gefährten beraten hatte, setzte er mit den beiden Konsuln
(Power und Herbin) und einigen andern über und betrat das Haus eines
blinden Fakirs Namens Etman, um daselbst mit dem Scheik über den
Ankauf von Kamelen zu unterhandeln. Er gedachte den Weg nach Dongola
durch die Wüste fortzusetzen. Außer Stewart, der einen Revolver trug,
hatte niemand Waffen. Und während er und seine Begleiter mit dem
Scheik verhandelten, beschäftigten sich die übrigen mit der Landung.
Es dauerte nicht lange, da bemerkten diese, daß Soliman aus dem Hause
stürzte und seinen Stammesangehörigen, die in einem Haufen beisammen
standen, mit einem Wassereimer, den er hin und her schwenkte, ein
Zeichen gab. Da warfen sich diese mit ihren Speeren teils auf die
Mannschaft am Ufer, teils auf das Haus. Der Heizer versteckte sich mit
einigen anderen und wurde später gefangen genommen. Oberst Stewart
und seine Gefährten aber wurden unbarmherzig niedergemacht und ihre
Leichen in den Fluß geworfen. Dann teilten sich die Mörder in die
Beute. Es war selbst nach arabischen Begriffen ein schändlicher
Verrat. Stewarts Tagebuch über den bisherigen Verlauf der Belagerung
Khartums, das Gordon als einen Schatz bezeichnete, wurde mit allen
übrigen Schriftstücken, Briefen u. s. w., die der »Abbas« trug, dem
Mahdi ausgeliefert.
Gordons »Tagebücher« beginnen mit dem Tag, an dem er sich von seinen
Gefährten trennte. Die vier ersten sind an Stewart gerichtet, die
beiden letzten an den befehlenden General des Entsatzheeres. Es
sind diese Tagebücher einfach die niedergeschriebenen Gedanken
eines Menschen, der niemand mehr hat, gegen den er sich aussprechen
kann. Er bespricht darin die Sachlage von allen Seiten, keinen
möglichen Einwurf läßt er unbeantwortet; er bringt die militärische
Stellung zu Papier und arbeitet die zu verfolgende Taktik aus. Er
macht Aufzeichnungen der täglichen Nebendinge, die nicht selten
humoristischer Art sind -- z. B. seine Gewohnheit, schwarze Überläufer
mit den Spiegeln im Palast Bekanntschaft machen zu lassen, damit die
Leute sich doch auch einmal selbst zu Gesicht bekämen. Die Tagebücher
sind daher umfangreich, obschon sie nur einen Zeitraum von drei
Monaten umschließen. Er stellt darin auch das Verfahren der Regierung
in ein helles Licht, aber er thut es mit der Ruhe eines Menschen,
der sich in einer höheren Hand weiß, als in der der irdischen
Machthaber und dem Ausgang, so oder so, ohne viel Aufregung entgegen
sieht. Nichts steht deutlicher in diesen Aufzeichnungen, als daß der
Schreiber bis zuletzt an dem seltenen Gottvertrauen festhielt, das
manche nur als Fatalismus zu belächeln wissen, das er selbst aber
treffend dahin kennzeichnet:
»Wenn das Buch unseres Geschickes einmal aufgeschlagen ist, dann ist
Ergebung unsere Pflicht, in der Zuversicht, daß uns alles zum besten
dienen soll. So lang dieses Buch noch mit Siegeln versiegelt ist,
ist es etwas anderes. Und es kann mir niemand nachsagen, daß ich
mit diesem Glauben die Hände in den Schoß legte und alles über mich
ergehen ließ.«
Es war sein Gottvertrauen und nichts anderes, das ihn dazu befähigte,
die Gefährten ziehen zu lassen und allein weiterzukämpfen, und wie
er überhaupt immer mehr an alles andere als sich selbst dachte,
so erwähnte er dieses Alleinseins mit keinem Wort. Wohl mag er's
empfunden haben! Wenn er aber schreibt: »Eine Maus hat jetzt bei Tisch
Stewarts Platz eingenommen, sie scheint sich nicht zu fürchten, denn
sie holt sich kecklich aus meinem Teller, was ihr gefällt,« so meinen
wir, er hätte nicht leicht mit wenig Worten mehr sagen können.
Ja, Gordon war allein, aber die Stadt will er halten, ob Hilfe noch
komme.