Wenn eine Bombe aus blauem Himmel in die englische Welt gefallen
wäre, es hätte kein größeres Erstaunen verursacht, als die über Kairo
in London eingelaufene Nachricht, daß Gordon als beste Lösung der
Frage, wie der Sudan zu Ruhe und Ordnung zurückzubringen sei, der
britischen Regierung vorgeschlagen habe, den alten Sklavenhändler
Sebehr ins Land zu setzen, damit er es gegen den Mahdi halte. Gordons
Rat, dessen Ausführung er bis zuletzt für den richtigen, weil einzig
möglichen Ausweg hielt, ging dahin, daß England dem schwarzen Pascha
einen moralischen Halt gewähren sollte -- wie es beim Amir von
Afghanistan geschieht -- und dazu auf zwei Jahre einen jährlichen
Beitrag von zwei Millionen Mark. Zwar könne man den Türken das Land
überlassen, aber diese müßten dann noch ganz anders unterstützt
werden, abgesehen davon, daß man damit wieder eine Fremdherrschaft
aufrichte. Sebehr sei der eine Mann aus den Sudanländern selbst, der
dem Mahdi gewachsen sei; dieser könne dann immerhin als »Papst« sich
geltend machen, wenn jener als Sultan die weltliche Herrschaft in
fester Hand halte. Die Sudanesen würden ihn als ihren Landsmann mit
Freuden anerkennen und seiner Überlegenheit sich fügen, wodurch eine
einigermaßen ordnungsmäßige Regierung möglich werde, während sonst
alles in Anarchie versinke. Was die Sklavenjagd betreffe, so sei sie
einst schlimm genug unter dem schwarzen Pascha gewesen, sie würde aber
zehnmal schlimmer werden unter dem Mahdi; Sebehr sei also auch in
diesem Stück das geringere Übel von zweien. Fürs übrige wollte Gordon
den Sebehr teilweise durch Vertrauen gewonnen haben. Sebehr sollte
die ihm zugedachte Würde unter der Bedingung annehmen, daß er als
Beherrscher des Sudans kein Sklavenjäger sein werde, und Gordon wollte
es selbst übernehmen, daß diese Bedingung darum jenem nicht allzuviel
freie Wahl ließe, weil er, Gordon, die eigentlichen Jagdreviere
am Äquator seine eigene Sorge hätte sein lassen, indem er dort im
Auftrag des Königs von Belgien den Kongostaat weiter ausgestaltet und
die hilflosen Negerstämme um sich gesammelt hätte. Es war die alte
Politik Gordons, wo anderes fehlschlug, durch seine Feinde selbst das
gesteckte Ziel zu erreichen; diese Politik mag den wenigsten Leuten
einleuchten, man kann aber nur daran erinnern, daß es in Gordons
Leben an Belegen nicht fehlt, wie gerade diese Taktik zu glänzenden
Erfolgen geführt hat. Gordon war der letzte, der Sebehrs früheres
Leben guthieß, und besser als sonst jemand kannte er die Geschichte
verübter Greuel, die dieser zu verantworten hatte, ja, die er durch
den Tod seines Sohnes und seine eigene zehnjährige Gefangenschaft
hatte büßen müssen; dies aber hinderte ihn nicht, die politische
Tüchtigkeit des Mannes anzuerkennen, und da seine Energie, seine
Umsicht und sein Organisationsvermögen jetzt zu Besserem zu gebrauchen
waren als zu Aufwiegelungen und Sklavenrazzien, so riet er, diese
Eigenschaften zum Besten des Landes zu verwenden. Daß Sebehr ihn als
seinen Züchtiger haßte und unter Umständen mit eigener Hand erstochen
hätte, das kümmerte ihn keinen Augenblick, ja er ging so weit, den
Vorschlag zu machen, er und Sebehr miteinander wollten die gewünschte
Ordnung im Sudan aufrichten und miteinander würde es ihnen gelingen.
Nur ein Mann wie Gordon konnte auf solche Pläne geraten, und hätte
man ihm freie Hand gelassen, er hätte sie sicherlich ausgeführt! Daß
die überklugen Diplomaten, die seinen Antrag im Kabinettsrat mit der
Lupe der Staatswissenschaft untersuchten, sich nicht mit ihm einigen
konnten, ist begreiflich; man kann sie auch aus Gründen der Theorie
nicht tadeln, man kann aber darauf hinweisen, daß ihre Klugheit in
der Folge zu Schanden geworden ist. Freilich hätte auch Gordon eine
Täuschung erleben können, wenn man ihm Sebehr bewilligt haben würde,
aber selbst dann hätten die Resultate kaum so sein können, wie sie
jetzt geworden sind. Welche Ströme Blutes sind nicht geflossen, seit
die staatsmännische Vorsicht ihr Verdikt gesprochen hat, und wie sehr
ist der Sudan zur Zeit ein Chaos der Anarchie und Sklavenräuberei!
Der schwarze Pascha war hiernach der Punkt, wo die Meinungen
auseinandergingen, und von da ab entwickelte sich die Haltung der
englischen Politik, welche Gordon im Stich ließ.
Wie wenig Gordon bei seinen Ratschlägen der Blindheit beschuldigt
werden kann, geht aus seinem Hinweis hervor, daß die von ihm
befürwortete Ernennung Sebehrs zum Beherrscher des Sudan die reinste
Ironie des Schicksals wäre. Hatte doch Sebehr von jeher gegen die
ägyptische Regierung agiert und Aufstände angezettelt, um seine
Rücksendung zu erzwingen.
In Gordons Tagebüchern vom September und Oktober heißt es:
»Hätte man uns den Sebehr Pascha geschickt, als ich es beantragte,
so wäre Berber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gefallen, und man
stünde jetzt mit einer Regierung im Sudan dem Mahdi gegenüber. Man
hielt für gut, es wegen seiner Vorgeschichte als Sklavenhändler zu
verweigern. Angenommen, der Grund sei ein triftiger, so ist er in
solange trotzdem ein ganz thörichter, als wir keine Schritte thun,
den Sklavenhandel künftighin in diesen Ländern zu hindern. Es kommt
einfach darauf hinaus: Ich schicke den A. nicht hin, weil er das
und das thun könnte, aber ich lasse den B. dort, der ebenfalls so
handelt.«
»Ich bin nicht dafür, den Sudan zu halten, es ist ein ganz nutzloses
Land, das wir nicht verwalten könnten, und die Ägypter nach den
neuesten Ereignissen noch weniger. Ich suche nur den Weg, ~wie
man sich mit Ehren und mit möglichst geringen Unkosten daraus
zurückziehen kann~ (wir dürfen nicht vergessen, daß wir an all
diesem Wirrsal schuld sind) ... es ist für mich lediglich die Frage,
sich mit ~Anstand zurückzuziehen~. Sebehr würde die Schaggyeh
(einen Beduinen-Stamm) und die Khartumer beruhigen und er würde mit
dem Mahdi ins reine kommen. Dann könnten wir das Land verlassen ...
Soviel ist sicher, daß ihr nur mit Hilfe Sebehrs (oder der Türken)
vor dem November 85 auf Rückzug rechnen könnt!! Die Türken wären
unter den jetzigen Umständen die beste, wenn auch kostspieligste
Lösung. ~Die könnten den Sudan halten~; gebt ihnen vierzig
Millionen. Nach den Türken ist Sebehr mit zehn Millionen das Beste;
er würde den Sudan ~eine Zeit lang~ halten. In beiden Fällen
giebt's hier Sklavenhandel. Aber Ägypten wäre gesichert und ihr
könntet bis Januar 85 hier fertig sein. Ist euch keiner dieser
Auswege recht, dann seid darauf gefaßt, daß es hier noch gerade genug
Plackerei geben und euer Feldzug schließlich ~ein völlig zweck- und
glanzloser sein wird~.«
Hat je ein Prophet den Ausgang eines Unternehmens bestimmter
vorhergesagt?
Unterm 8. November heißt es in dem Tagebuch weiter:
»Es liegt auf der Hand, daß wenn Sebehr mit euch käme und in quasi
unabhängiger Stellung zum Regenten ernannt würde ... ihm die Leute
massenhaft zufielen, die den Mahdi und seine Derwische herzlich satt
haben, sich aber an ihn halten müssen, weil ihr das Land räumen
wollt; sogar unsere Anhänger werfen wir dem Mahdi in die Arme.
Sebehrs Einsetzung würde euch auch die Arbeit in der Sennar-Gegend
sparen ... Mit den Booten, die ihr habt, hätte er die Nil-Verbindung
bald hergestellt. Und was den Sklavenhandel betrifft, so ist der
Mahdi zehnmal schlimmer als Sebehr, auf den man durch Hilfsgelder
einwirken könnte, daß er in Schranken bliebe. Sebehr wäre für uns
eine Art Vermittelung zwischen dem Davonlaufen und der fortwährenden
Gegenwart von Truppen im Land. Der Mahdi wäre nie im stand, das Volk
gegen Sebehr aufzuhetzen. Nur weil man den Leuten keinen Mittelpunkt
bietet, ~müssen~ sie sich an jenen halten. Hätte man den Sebehr
kommen lassen, der Mahdi hätte lange nicht so viel Anhang; und wäre
er hier gewesen, so wäre Berber nicht gefallen.«
Wir haben vorgegriffen, doch ist aus diesen Mitteilungen ersichtlich,
daß Gordons Vorschlag keine plötzliche Eingebung, keine Unüberlegtheit
war; es war vielmehr ein Gedanke, der durch jede neue Erfahrung bei
ihm sich vertiefte. Es folgt hier eine frühere Depesche an Sir E.
Baring, den Vertreter Englands in Kairo, die in gedrängten Sätzen
Gordons Ansicht in der Sebehrfrage klar und eingehend darlegt.
Khartum, den 8. März 1884.
»Die Ernennung Sebehrs ist gleichbedeutend mit der Möglichkeit
des Rückzugs der ägyptischen Angestellten von Khartum, sowie der
Besatzungen von Sennar und Kassala.
Ich sehe keine andere Möglichkeit, dies ins Werk zu setzen, als eben
durch ihn, der als ein Eingeborner dieses Landes ein Mittelpunkt für
die Bessergesinnten werden wird, die sich um so eher ihm anschließen
werden, weil sie wissen, daß er sich hier in seiner Heimat
niederlassen wird.
Ich bin nicht der Ansicht, daß die Thatsache, dem Sebehr auf
zwei Jahre Hilfsgelder zu bewilligen, mit der Räumungspolitik
unverträglich wäre.
Was das Halten von Sklaven betrifft, so könnten wir es auch dann
nicht unterdrücken, wenn wir selbst im Sudan blieben. Ich habe immer
gesagt, daß der Vertrag vom Jahre 1877 unausführbar ist, also würde
Sebehrs Ernennung in dieser Hinsicht durchaus keinen Unterschied
machen.
Mit der Sklavenjagd hätte es nach Räumung der Bahr el Ghasal und der
Äquator-Provinzen von selbst ein Ende.
Sollte Sebehr nach Ablauf von zwei Jahren und nachdem er Hilfsgelder
eingesteckt hat, sich jener Gegenden zu bemächtigen suchen, so
könnten wir leicht von Suakim her einen Druck auf ihn ausüben,
welcher Ort nach wie vor in unserer Hand bliebe.
Ich halte dafür, daß Sebehr mit dem Sudan selbst und mit der
Befestigung seiner Stellung zu viel zu thun haben wird, als daß ihm
Zeit bliebe, sich um jene Gegenden zu kümmern.
Was die Sicherheit Ägyptens betrifft, so war Sebehr lange genug in
Kairo, um unsere Macht kennen gelernt zu haben; er würde es sich
nicht leicht beikommen lassen, etwas gegen Ägypten zu unternehmen.
Ich glaube im Gegenteil, daß er Handelsvorteile in einem Bündnis
suchen würde, denn er ist ein geborener Krämer.
Das Zurückziehen der Besatzungen anlangend, so habe ich bis jetzt
nur das erreicht, daß die Invaliden, die Witwen und Kinder der in
Kordofan Gebliebenen flußabwärts geschickt werden.
Nach heutigem Bericht ist Sennar ruhig.
Auch Kassala wird sich infolge von Grahams Sieg ohne Mühe halten,
aber die Verbindung ist abgeschnitten, sowie auch die Verbindung mit
Sennar.
Es wird unmöglich sein, der Straße nach Kassala und Sennar Herr zu
werden oder die ägyptischen Truppen von hier weg zu befördern, wenn
Sebehr nicht kommt. Sein Kommen würde die ganze Sachlage ändern.
Die Äquator-Provinzen und die Bahr el Ghasal sind soweit sicher, aber
ich kann die dortigen Besatzungen nicht zurückziehen, ehe der Nil
steigt, was in zwei Monaten zu erwarten ist.
Dongola und Berber sind ruhig, aber ich fürchte, daß der Weg zwischen
Berber und Khartum nicht lange mehr offen sein wird, denn auf der
ganzen Strecke treiben des Mahdi Anhänger ihr Wesen.
Am Blauen Nil ist eine Besatzung von tausend Mann von den Rebellen
eingeschlossen, doch fehlt es ihnen nicht an Proviant; ehe der Nil
steigt, kann ich ihnen nicht zu Hilfe kommen.
Auch Darfur, soweit ich Nachricht habe, ist ruhig; der neueingesetzte
Sultan läßt sich hoffentlich angelegen sein, Anhang unter den Stämmen
zu gewinnen.
Es ist ganz unmöglich, einen andern Mann als Sebehr mit Erfolg hier
einsetzen zu wollen. Kein anderer hat soviel Einfluß wie er. Hussein
Pascha Khalifa könnte nur mit Dongola und Berber fertig werden.
Wird Sebehr nicht hierher geschickt, dann fehlt alle Aussicht, die
Besatzung zu retten; das fällt schwer ins Gewicht zu seinen Gunsten.
Auch ist es unmöglich, das Land zwischen Sebehr und anderen
Häuptlingen zu teilen; keiner der andern könnte sich auch nur einen
Tag gegen die Helfershelfer des Mahdi halten; auch Hussein Pascha
Khalifa würde fallen.
Die Häuptlinge weigern sich, gemeinsame Sache zu machen; Loyale und
Rebellen stehen einander gegenüber.
Es ist durchaus nicht zu fürchten, daß Sebehr sich je mit dem Mahdi
unter eine Decke stecken werde. Sebehr wird hier weit größere
Macht besitzen als der Mahdi und wird sich nicht scheuen, ihm dies
begreiflich zu machen.
Der Mahdi ist mit dem Papst zu vergleichen, Sebehr aber würde Sultan
sein; da ist keine Gefahr, daß die zwei sich einigen.
Sebehr ist dem Mahdi fünfzigmal gewachsen. Er ist auch aus guter
Familie (ein direkter Abkömmling der Abassiden), genießt Ansehen und
würde die Sultanwürde gut bekleiden; der Mahdi ist von all dem das
Gegenteil und ein Fanatiker dazu.
Ich zweifle gar nicht, daß Sebehr, dem die Stämme verhaßt sind, die
Aufruhrsaat gesäet hat und zwar in der Hoffnung, daß man ihn dann
hier nötig haben würde, um Ordnung zu schaffen.
Es ist die Ironie des Schicksals, die ihm seinen Wunsch erfüllt, wenn
er hierher geschickt wird.«
Gordon predigte mit dieser klaren Auseinandersetzung tauben Ohren, die
Minister im fernen England und außer Zusammenhang mit Land und Leuten,
erklärten Sebehrs Ernennung für eine Unmöglichkeit; die öffentliche
Meinung würde sich dagegen auflehnen, hieß es. Und als Berber von
den Rebellen bedroht wurde, zog man sich auf den Standpunkt der
Friedenspolitik zurück und verweigerte eine Truppensendung.
Schon im März 1884 war die Lage Khartums eine bedenkliche geworden.
Etliche Kilometer nördlich von der Stadt befindet sich das kleine
Halfaja, woselbst eine Truppenabteilung von achthundert Mann,
welche Gordon mit Waffen versehen hatte, von viertausend Rebellen
eingeschlossen war. Der Ort liegt am Fluß, aber neuerdings war auch
die Schiffahrt abgeschnitten. Die Besatzung hielt mutig aus und
Gordon beschloß, ihr zu Hilfe zu kommen. Die Rebellen wurden täglich
kühner und waren der Stadt selbst schon so nahe gerückt, daß ihre
Kugeln den Palast erreichten. Es schien, als ob man sich auf die
Verteidigung Khartums beschränken müsse, allein der Versuch, jene
Getreuen zu entsetzen, sollte gemacht werden. Gordon hatte drei
Dampfer kriegstüchtig gemacht und mit Geschütz versehen; mit diesen
und zwölftausend Mann zog er aus. Nach zwei Tagen hatte er mit
Verlust von zwei Mann die Belagerten entsetzt, und mit der Besatzung
von Halfaja, ihren Kamelen und Pferden und einem beträchtlichen
Vorrat von Kriegsbedarf kehrte er nach Khartum zurück. Der Jubel in
der Stadt soll keine Grenzen gekannt haben, aber nur zu bald stand
der öffentlichen Freude die Unglückspost gegenüber, daß Schendi den
Rebellen erlegen und Berber bedroht sei. Die Khartumer selbst erlebten
auf ihren Sieg eine böse Niederlage. Denn als die Rebellen fortfuhren,
sich in der Nähe der Stadt zu postieren und den Palast zu beschießen,
beschloß Gordon einen zweiten Ausfall, den er den ägyptischen Truppen
unter ihren eigenen Offizieren übertrug. Er selbst beobachtete die
Bewegungen vom Dach des Palastes aus. Die feindliche Linie erstreckte
sich mehrere Kilometer weit am Blauen Nil hin. Die Ägypter drangen
stetig vor und der Feind zog sich hinter die Dünen zurück, die,
teilweise mit Bäumen und Strauchwerk bewachsen, eine natürliche
Schutzwehr bilden. Es schien, als ob die Rebellen den Kampf weigern
wollten, und die andern rückten ihnen nach, ihre Anführer voraus,
bis diese wie von einem plötzlichen Schrecken ergriffen unversehens
kehrt machten und auf ihre eigene Mannschaft eindrangen. Es entstand
Unordnung; in die gebrochenen Reihen stürzten sich die berittenen
Rebellen und die Flucht der Ägypter war die Folge. Ein Rebell
durchrannte mit seinem Speere sieben Flüchtlinge in sieben Minunten.
Das fürchterlichste Gemetzel zog sich bis in die Nähe von Khartum. Es
war in jeder Hinsicht eine schimpfliche Niederlage. Die überbleibende
Mannschaft aber war laut in der Anklage gegen ihre beiden Anführer,
welche den ganzen Reißaus ins Werk gesetzt hatten. Es wurden sogar
Beweise beigebracht, daß einer derselben einen Kanonier zu Boden
schlug, der sein Geschütz gegen den Feind richten wollte. Sieben
Stunden nach dem Gefecht lagen noch Verwundete umher; zum Glück waren
es nur zwanzig, denn die Araber machten den Verwundeten den Garaus wo
sie konnten. Oberst Stewart holte sie heim mit einem der Dampfer und
brachte sie ins Lazaret. Weithin lagen die Erschlagenen, zweihundert
an der Zahl, während der Feind nur vier Mann eingebüßt hatte.
Den beiden Anführern wurde übrigens ihr Lohn zu teil; die Leute
brandmarkten sie einstimmig als Verräter, welche absichtlich
gegen ihre Mannschaft kehrt gemacht hatten, um für den Feind eine
Öffnung zu gewinnen. Beide Pascha, Said und Hassan, wurden vor ein
Kriegsgericht gestellt und erschossen. In Hassans Wohnung fand sich
ein beträchtlicher Waffenvorrat vor, und es ergab sich überdies, daß
beide den Truppen ihre Löhnung vorenthalten und selbst eingesteckt
hatten. Sie hatten es offenbar darauf abgesehen, früher oder später
zum Feinde überzugehen. Die Stimmung Khartums litt übrigens nicht
durch diese Niederlage. Die Bevölkerung war voll guter Zuversicht zu
ihrem Statthalter und es fehlte nicht an handgreiflichen Beweisen
der Opferwilligkeit. Ein wohlhabender Araber bot Gordon ein
unverzinsliches Darlehen von siebentausend Thaler an, ein anderer war
erbötig, zweihundert Mann auf eigene Kosten zu bewaffnen. Die Stadt
war bereit, sich an Gordon zu halten, der sie seinerseits nicht im
Stich lassen würde. Die Rebellen schickten täglich ihre Grüße über die
Mauern und schienen es besonders auf den Regierungspalast abgesehen zu
haben, der nach kurzer Zeit mit Kugeln gespickt war. Den Statthalter
selbst, der viele Stunden auf seinem Dach verbrachte, traf keine;
sie fielen zu seiner Rechten, sie fielen zu seiner Linken, er selbst
schien gefeit wie früher.
Dem falschen Propheten hatte Gordon anbieten lassen, er wolle ihn zum
Sultan von Kordofan ernennen, wenn er zu unterhandeln bereit sei.
»Ich bin der Mahdi,« lautete die großartige Antwort. Drei bewaffnete
Derwische erschienen eines Tages vor Khartum und begehrten Audienz.
Sie wurden vor Gordon gebracht. Ihr Auftrag war, die Feierkleider
zurückzubringen, die dieser dem Mahdi als Friedensgeschenk übersandt
hatte. Darauf produzierte sie ein Derwischgewand, das Gordon anlegen
sollte, um sich damit als Muselman und Anhänger des Propheten Mohammed
Achmet, des Mahdi, zu bekennen. Es läßt sich denken, daß jener mit
nicht allzuviel Zeremonie für die zugedachte Ehre sich bedankt hat.
Von Stund an war es klar, daß von einer Räumung des Landes keine
Rede sein konnte, wenn nicht der Mahdi wie einst Pharao mit Gewalt,
im gegenwärtigen Falle mit Waffengewalt, belehrt wurde, daß er diese
Leute müsse ziehen lassen. Auf britische Truppen aber war nicht
zu rechnen und Gordon sah, daß ihm nichts weiter übrig blieb, als
selbst zu handeln; auch war er rasch entschlossen und erließ an alle
ägyptischen Truppen, welche durch die Wüste nordwärts zogen, den
telegraphischen Befehl zurückzukehren.
Es läßt sich hier passender Weise Gordons Ansicht über den Abfall vom
Glauben einschalten. Vorausgeschickt sei die Bemerkung, daß der Mahdi
nicht alle Europäer in diesem Stück so fest fand wie unsern Helden.
Als Obeid in die Hände des falschen Propheten fiel, soll nur einer
der dortigen römischen Missionspriester Treue gehalten haben, alle
andern mitsamt den Nonnen trieb die Angst dem Mohammedanismus in die
Arme. Die letzteren gingen sogar noch weiter, und traten mit dortigen
Griechen in ein nominelles Ehebündnis, um sich vor Gewalt zu schützen.
Da wird der Papst einen schönen Lärm schlagen, meinte Gordon, das ist
ja eine Union der katholischen Kirchen. Es ist übrigens nicht dieser
Scherz, worauf wir hinweisen wollten, sondern auf folgende Stelle in
seinem Septembertagebuch:
»Was die an den Mahdi und an verschiedene Araber-Häuptlinge
geschriebenen Briefe anlangt, so gebe ich zu, daß sie scharf waren,
aber es ist keine Kleinigkeit, wenn ein Europäer aus Furcht vor dem
Tod seinem Glauben abschwört; es war nicht so vor alters, und sollte
auch heute nicht so leicht von statten gehen, wie das Vertauschen
eines Rockes mit einem andern. Wenn der christliche Glaube auf
Einbildung beruht, dann werft ihn immerhin ab; aber es ist niedrig
und ehrlos das zu thun, um sein Leben zu retten, wenn man ihn für
den wahren Glauben hält. Was kann stärker sein als diese Worte: ›Wer
mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen
vor meinem himmlischen Vater!‹ Die alten Märtyrer betrachteten solche
als ihre Feinde, die sie davon abzuhalten suchten, ihren Glauben frei
zu bekennen. Und was für Männer hatten wir in England zur Zeit der
Glaubensverfolgungen, als die Reformation sich Bahn brach, und damals
galt es nicht um das, um was es hier gilt; es handelte sich dort nur
um die Messe, während es sich hier um unsern Herrn und sein Leiden
handelt.... In politischer wie moralischer Hinsicht ist es besser für
uns, nichts mit den abtrünnigen Europäern im arabischen Feldlager zu
thun zu haben. Verrat führt nie zu gutem Ende, und mag es uns gehen
wie es will, so ist es besser wir fallen mit reinen Händen ..... Mit
Ehren zu erliegen, ist besser als ein Sieg mit Unehren, und auch die
Ulema in der Stadt sind dieser Meinung. Sie wollen nichts mit Verrat
zu thun haben.«
Wo im obigen Punkte stehen, hatte Gordon angemerkt, wenn die
Tagebücher je gedruckt würden, sei es vielleicht gut, die ganze Stelle
zu unterdrücken, denn kein Mensch habe das Recht, einen andern zu
richten.
Es mag eine schwere Zeit inneren Kampfes für Gordon gewesen sein, als
es ihm aus den englischen Depeschen immer klarer wurde, daß man ihm
nicht nur die Hilfe Sebehrs verweigerte, sondern überhaupt gesonnen
war, ihn sich selbst zu überlassen -- Krieg sollte vermieden werden;
und das Schlimmste war noch, daß die Hälfte der abgesandten Depeschen
ihn gar nicht erreichte. Es fehlte nicht an dringenden Vorstellungen
seinerseits, und wochenlang schien Schweigen die Antwort zu sein. Wohl
war er mit dem Gedanken ausgezogen, daß er als ein Friedensapostel
kraft seines persönlichen Einflusses die ihm übertragene Mission
erfüllen solle. Daß seine Regierung ihm aber gegebenen Falls unter die
Arme greifen, daß sie ihn mindestens nicht im Stich lassen würde, das
sollte keiner Vorversprechungen bedurft haben! Gordon hatte wieder und
wieder erklärt, daß es ganz unmöglich wäre, die ägyptische Besatzung
von Khartum zurückzuziehen, ohne die Stadt dem Mahdi zu überantworten
und, was noch schlimmer wäre, die ägyptischen Besatzungen von Kassala,
Sennar, Berber, Dongola und weiterhin in der Bahr el Ghasal ihrem
Schicksal zu überlassen; dies aber erschien ihm als eine Feigheit,
zu der er die Hand nicht bieten wollte. Was den Aufstand an sich
betrifft, so war Gordon der Ansicht, daß es zu jener Zeit noch
nicht tausend Mann englischer Truppen bedurft hätte, um gründlich
aufzuräumen. Und als es klar war, daß englisches Militär zu diesem
Zweck nicht vorhanden sei, kam er um die Erlaubnis ein, an die Türken
zu appellieren; auch dies wurde ihm verweigert. Es war um diese Zeit,
im März, daß der verlassene Held in einer eigentümlichen Depesche der
englischen Regierung wie den ägyptischen Behörden seinen Dank für
alle bisherige Beihilfe aussprach und die Erklärung beifügte, die
betreffenden Machthaber hätten alles gethan, was von ihnen zu erwarten
sei. Gordons englischer Biograph, Hake, macht darauf aufmerksam, daß
diese Worte, so satirisch sie auf den ersten Blick erscheinen, auch
nicht die Spur von Hohn enthalten, daß sich vielmehr die einfache
und männliche Haltung des Mannes darin auspräge, von Stund an die
Verantwortung der Lage auf ~seine~ Schultern zu nehmen als einer,
der sich gezwungen sieht, der Übermacht der Umstände nach bestem
Ermessen in eigener Kraft entgegen zu treten. In der Freiheit des
Handelns aber lag die eine Hoffnung, die Tausende zu retten, deren
Ankerpunkt er war. Es liegt etwas unendlich Rührendes darin, daß
Gordon sich, abgesehen von seinem Pflichtgefühl überhaupt, für die
ägyptischen Besatzungen aufopferte, für Menschen, die er im besten
Fall immer nur als »Schafe« kennen gelernt hatte und von denen er
nie viel Gutes sagen konnte. Diese Thatsache ist nicht der geringste
Edelstein in der Krone des unvergleichlichen Mannes. Ein schönes
Streiflicht hiezu giebt uns sein Tagebuch unterm 27. Oktober:
»Nicht weil ich dieses Volk hochachte, befürworte ich es, ihnen
zu helfen, sondern weil sie ein so kraftloses, selbstsüchtiges
Geschlecht sind, und weil dies die Frage unserer Pflicht ihnen
gegenüber nicht beeinflussen kann. Die Erlösung der Menschen hätte
nicht stattgefunden, käme unser Verdienst dabei in Betracht.« Und
anderswo: »es ist ja gerade, ~weil~ wir so unwert sind, daß der
Herr uns erlöst hat.«
Selbst im eigenen Lager war Gordon vor Verrat nicht sicher, und die
Wohlgesinnten waren ein verzagtes Volk. Hake vergleicht ihn treffend
mit dem kühnen Schiffsführer, der mit fester Hand ans Steuer tritt,
um, so es möglich ist, die ihm anvertrauten Seelen in der Sturmnot
zu retten. Ein Segel am Horizont war in Sicht gewesen, ja die eigene
englische Flagge, aber trotz seiner Notsignale beharrte der ferne
Segler auf seiner Bahn. Man hatte ihm nur zurücksignalisiert: »Ihr
habt Boote und könnt euch davonmachen; laßt das Schiff sinken, es
ist doch nicht zu retten.« Nicht so der Tapfere; trug sein Schiff
doch kostbare Dinge, Schätze, die er nicht gering achtete, als da
sind die Ehre des Mannes und die des Volkes, dem er angehört, und
Gerechtigkeit, ja Erbarmung gegen die Hilflosen, die an ihn sich
halten. Ist sein Schiff anderen nicht so viel wert, daß sie es retten,
so will er thun was er kann, und lieber mit versinken, als ehrlos
davongehen. Er ruft sein Schiffsvolk zusammen und sagt ihnen: »Selbst
ist der Mann!« Er heißt sie die nutzlose Notflagge einziehen und zeigt
ihnen, wie das lecke Schiff noch flott zu halten ist. Er beseelt sie
mit einem Heldenmut und die Verzagenden legen Hand an, seiner Führung
vertrauend. Wohl hätten sie Rettungsboote, sagt er ihnen, aber nicht
für alle, und wer die eigene Haut retten wolle, der könne es immerhin
versuchen. Die Sturmflut steigt, Wellen türmen sich auf Wellen, und
zwischen den Wogen gähnt das Grab. Das ferne Segel, die ihm teure
Flagge verschwindet am Horizont. Wohl kostet es ihn bitteren Schmerz,
doch wächst der Mut ihm mit der Not. Noch ist es Tag, er will thun,
was er kann als Schiffsherr und Steuermann; und kommt die Nacht, so
ist Gott über ihm und ist auch dann noch da, wenn kein Polarstern mehr
leuchtet.
Und Gordon blieb in Khartum, als englische Saumseligkeit sich
zurückzog. Wer will es ihm verargen, daß die Haltung der Regierung,
auf die er sich verlassen hatte, ihn mit Entrüstung erfüllte? Mit
nackten Worten meldete er derselben, daß, möchten sie thun, was sie
verantworten könnten, er nie und nimmer eine Besatzung verlassen
werde, die an ihn sich klammere, daß er allen und jeden Versuch machen
werde sie zu retten, ob solche Versuche auf den Leisten der Diplomatie
paßten oder nicht. Die Khartumer hätten ihm ihr Geld geliehen, er
hätte sie veranlaßt ihr Getreide billig zu verkaufen, er könne sein
Schicksal von dem ihren nicht trennen.
»Soweit ich die Lage beurteilen kann,« telegraphierte er am 5. Mai
an Sir E. Baring, der für ihn die englische Regierung vertrat, »ist
sie einfach die: Sie erklären es als Ihre Absicht, weder Khartum
noch Berber mit Truppen zu Hilfe zu kommen, und Sie verweigern mir
Sebehr. Ich betrachte mich unter diesen Umständen frei, zu handeln
wie die Lage gebietet. So lange es möglich ist, werde ich hier
feststehen, und wenn ich den Aufruhr unterdrücken kann, werde ich
es thun. Vermag ich es nicht, dann ziehe ich mich an den Äquator
zurück und ~überlasse Ihnen den unauslöschlichen Schimpf, die
Besatzungen von Sennar, Kassala, Berber und Dongola im Stich gelassen
zu haben, mit der Gewißheit obendrein, daß Sie den Mahdi früher oder
später doch noch werden vernichten müssen -- und dann unter größeren
Schwierigkeiten als jetzt -- wenn Sie anders Ägypten nicht auch
fahren lassen wollen.~«
Dieses Telegramm war sozusagen Gordons letzter Hilferuf an die
englischen Minister; er verhallte ungehört. Die Stimme des Volkes
zwar erhob sich und wollte den Helden nicht verlassen sehen. Auch im
Parlament kam die Sache wieder und wieder zur Sprache. Lord Granville
erklärte, daß wenn Gordon sich verlassen fühle, es nur deshalb
sein könne, weil die englischen Telegramme ihn nicht erreichten;
und Gladstone gab die keiner Auslegung bedürfende Erklärung ab,
daß es Gordon jederzeit frei stünde, seinen Auftrag niederzulegen
und nach England zurückzukehren! Die öffentliche Meinung in jenen
Tagen glich einer wogenden See; Gordons Telegramm konnte nichts
anderes als Teilnahme hervorrufen. In einer Versammlung englischer
Bürger wurde einstimmig erklärt: »Wir verwerfen die Politik, die im
Begriff ist, Gordon im Stich zu lassen, als eine unwürdige und das
Land entehrende.« Und sowohl in dieser Versammlung als anderwärts
wurde darauf hingewiesen, daß Gordons eigenartige Mission selbst den
Ministern gegenüber von der Voraussetzung nicht zu trennen wäre, daß
er nach seiner Einsicht handeln müsse, und daß man ihm, als er die
Sendung übernahm, zu verstehen gegeben hätte, Unterstützung würde
ihm nötigenfalls werden. Es seien leere Versprechungen gewesen; er
habe um Geldmittel telegraphiert, man habe sie ihm verweigert; er
habe nachgewiesen, daß Sebehr die beste Lösung der Frage sei, man sei
ihm entgegengetreten; er habe um Truppen nachgesucht, man habe ihn
benachrichtigt: er dürfe nicht darauf rechnen.
Selbst Privatpersonen erklärten sich bereit, für die Regierung
in die Bresche zu treten. Eine wohlhabende Dame bot in der Times
hunderttausend Mark an, in der Hoffnung, daß durch freiwillige
Beiträge eine genügende Summe zusammenkommen würde; anderthalb
Millionen Mark wurden gezeichnet, eine Schar Freiwilliger sollte
ausziehen, um England die Schande zu ersparen, den Helden und seine
beiden opferwilligen Gefährten umkommen zu lassen, es wurde nicht
genehmigt. Der Horizont wurde täglich dunkler. Dringende Mahnrufe
ergingen an die Regierung von dem belagerten Berber; man könne nicht
helfen, hieß es. Hilfe thue dort in sechzehn Stunden not, und ein
Zuzug brauche ebenso viele Wochen. Daher unterblieb er. Das letzte,
was man von Berber hörte, war die Botschaft, daß Hussein Khalifa
die Stadt nur noch mit der Hoffnung halte, daß englischer Entsatz
auf dem Wege sei; und als sich die Hoffnung als eine leere erwies,
hieß es auch dort: Wir sind verlassen, wenn Gott uns nicht hilft.
Von Kairo war Nachricht nach London gekommen, daß in Berber ein
panischer Schrecken den Rebellen in die Hände arbeite, und wenn die
telegraphische Verbindung nach Khartum noch einmal benutzt werden
solle, dann sei keine Zeit zu verlieren.
Und Berber fiel, unter Greuelszenen, wie sie den Sudan-Krieg
kennzeichnen. Es war das Vorspiel für Khartum. Es war die Brandglocke.
Noch wäre es Zeit gewesen, um dort zu löschen, allein man schlief
ruhig weiter, ob nicht ein Regenguß vom Himmel, oder sonst was zu
Hilfe käme und eigene Anstrengung ersparte. Und Schweigen fiel auf
die verlassene Stadt. Depeschen blieben aus, man wußte nicht mehr
wie es dort ging. Fünf Monate lang keine Nachricht oder doch nur
unzuverlässige Gerüchte. Doch das wußte, wer es wissen wollte -- sein
vergangenes Leben bürgte dafür -- daß Gordon die Pflicht für sein Volk
wie ein Held erfüllte. Hatten die Seinen ihn verlassen, so war Gott
mit ihm, und er wagte den Kampf.