2. Der Kriegsheld als Friedensbote.

Noch während Gordon in Jaffa weilte, waren Stimmen in England laut

geworden, daß er der Mann sei, der allein im stande wäre, der Lage im

Sudan Herr zu werden. Auf Engelrat könne man zwar heutzutage nicht

warten, meinte eine dieser Stimmen, allein es wäre wünschenswert,

daß die öffentliche Meinung zu Gladstone spreche: »So sende nun

hin gen Joppen und laß herrufen einen Gordon, mit dem Zunamen der

Chinese; der wird dir sagen, was du thun sollst.« Und als Gordon nach

seiner Brüsseler Audienz in der ersten Januarwoche 1884 in England

eintraf und es bestimmt schien, daß er nach wenigen Tagen nach dem

Kongo abreisen werde, da ging ein Sturm durch die Zeitungen, daß man

diesen Mann verlieren könne; er habe sich zwar dem König von Belgien

verbindlich gemacht, allein das sei kein Hindernis, König Leopold

werde jedenfalls zurücktreten, wenn England seines Sohnes bedürfe. Auf

diesen Wink der Presse hin antwortete die Regierung vorläufig damit,

daß sie es nicht für nötig fand, Gordon aus dem englischen Dienste

zu entlassen, wenn er als Bevollmächtigter des Königs von Belgien an

den Kongo gehen sollte; fürs übrige ließ man ihn am 16. Januar nach

Brüssel abreisen. Keine zwölf Stunden aber vergingen, da berief man

ihn telegraphisch zurück, und frühmorgens am 18. war er wieder in

London. Außer den Ministern wußte kein Mensch davon. Nachmittags um 3

Uhr hatte er Audienz, die er selbst folgendermaßen beschrieb:

»Wolseley (der bekannte General) brachte mich ins Ministerium und

ließ mich im Vorzimmer warten; dann kam er zurück und sagte: ›Es ist

beschlossen, den Sudan zu räumen, und England will für die künftige

Regierung der Sudanländer keinerlei Gewähr leisten. Wollen Sie

gehen?‹ ›Ja,‹ sagte ich. Da hieß er mich eintreten, und ich sah die

Minister. ›Hat Wolseley Ihnen unsere Wünsche mitgeteilt?‹ fragten

sie. ›Ja,‹ entgegnete ich, ›England will für die künftige Regierung

des Sudans keine Gewähr bieten, und ich soll gehen und das Land

räumen.‹ -- ›Das ist's,‹ sagten sie; ›wie bald können Sie gehen?‹ --

›Sofort,‹ entgegnete ich und reiste am selben Abend ab.«

Das war eine frohe Stunde am andern Morgen, als es hieß: »Gordon

ist nach Khartum abgereist!« Die Zeitungen überboten einander mit

Glückwünschen, und wie die Times sagte, war es unmöglich, das Gefühl

der Erleichterung zu beschreiben, welches das Land auf und nieder

bei der Nachricht erfüllte, daß Gordon es übernommen habe, als

Friedensbote nach dem Sudan zu gehen. Mit diesen Worten ist auch

die diesem übertragene eigenartige Mission charakterisiert. Die

englische Regierung, die keine Truppen senden wollte, um dem Mahdi

zu begegnen, war wissentlich oder unwissentlich von dem allgemeinen

Glauben angesteckt, daß Gordon an sich ein Heer sei, und so schickte

man ihn, um durch seinen persönlichen Einfluß ein Ziel zu erreichen,

wozu man sonst Armeen und Millionen braucht. Nicht um einen Krieg zu

führen, zog der Held aus, sondern um auf seine Weise den Sudan aus dem

Aufruhr zu retten; er sollte den ägyptischen Unterthanen den Rückzug

ermöglichen, mit dem Mahdi unterhandeln und das Land sozusagen an

die Sudanesen zurückgeben. Es lag etwas so Romantisches in diesem

Ausziehen eines für viele, daß das Herz des Volkes davon ergriffen

wurde und die Wünsche aller ihn begleiteten. Gordon selbst soll gesagt

haben: »Ich soll dem Hund den Schwanz abschneiden, und ich will es

thun, es mag kosten was es will.« Einen einzigen Kampfgenossen hatte

er, Oberst Stewart, den er sich zum Begleiter ausgebeten hatte,

derselbe, der früher schon von Regierungswegen im Sudan gewesen war.

Nur wer Gordon nicht kannte, mochte sich wundern, wie er so schnell

zur Abreise bereit sein konnte; der Leser aber versteht es wohl jetzt,

daß dieser Mann allezeit und in allen Lagen reisefertig war. Auf Erden

angewachsen war er nirgend und seine persönliche Ausrüstung kümmerte

ihn wenig. Es hat ihn an jenem Nachmittag des 18. Januar einer

gefragt: »Haben Sie denn auch alles, was Sie brauchen?« Die Antwort

lautete: »Ich habe, was ich immer habe, dieser Anzug ist gut genug.

Ich gehe wie ich bin.« »Ja, aber haben Sie auch Reisegeld?« »Das hätte

ich beinahe vergessen. Der König von Belgien hat mir vierhundert Mark

geliehen; die muß er wieder haben, und ohne Geld kann ich natürlich

nicht fort.« Als man ihm aber vierzigtausend Mark mitgeben wollte,

meinte er, das brauche er nicht, viertausend thäten es auch.

Daß es keine leichte Mission war, die er übernommen, daß Gefahren

aller Art vor ihm lagen, wußte niemand besser als Gordon selbst, aber

das focht ihn nicht an. Sein letztes Wort auf englischer Erde war ein

Telegramm an seinen Freund, jenen Geistlichen, welchen er in Lausanne

kennen gelernt hatte:

»Ich gehe nach Khartum; wenn er mit mir geht, ist alles wohl.«

Der Telegraphist hatte er und nicht Er gesetzt; aber der Empfänger

dieser Botschaft sagte mit Recht, daß in diesen kurzen Worten Gordons

Lebensgeschichte niedergelegt sei. Gordon ging allein und nicht

allein; »der Herr der Heerscharen geht mit mir,« schrieb er unterwegs.

Unterwegs, an Bord der Tanjore, zwischen Brindisi und Port Said,

brachte er den Zweck seiner Sendung im Licht des ministeriellen

Auftrags zu Papier, in welchem Schriftstücke er betonte, daß es

seitens des englischen Kabinets ausgemacht sei, für die künftige

Regierung des Sudan keinerlei Gewähr zu leisten, daß England es

aber unternommen habe, dem Land seine Unabhängigkeit zurückzugeben

und ägyptische Unterdrückung nicht länger zu dulden; daß bei dieser

Absicht sein Auftrag darin bestehe, einen sicheren Rückzug der

Garnisonen und anderer ägyptischen Unterthanen zu bewerkstelligen und

daß die Art und Weise dieses Rückzuges von den Umständen abhängen

werde. Nachdem er damit seine Mission gekennzeichnet hatte, zeigte

er weiter, wie sich dieselbe am besten ausführen lasse. Er schlug

vor, daß man das Land den Erben der verschiedenen Sultane übergeben

könne, die vor der ägyptischen Eroberung die Sudan-Provinzen

beherrschten, und daß es diesen überlassen bleiben müsse, den Mahdi

anzuerkennen oder nicht. Ferner machte er darauf aufmerksam, daß die

Rückzugskolonnen eines Angriffs seitens des Mahdi wohl gewärtig sein

müßten, in welchem Fall er voraussetzte, daß die Regierung es billigen

würde, wenn er zu den Waffen griffe.

Es war Gordons Absicht, sich direkt durch den Suezkanal nach Suakim

zu begeben und von dort durch die Wüste und über Berber nach Khartum

zu gelangen. Er glaubte seiner Sendung als Friedensbote an das

unglückliche Land besser genügen zu können, wenn er direkt hinkomme,

ohne sich erst mit Ägypten ins Einvernehmen zu setzen. Als er aber

in Port Said eintraf, war Sir E. Baring mit noch anderen von Kairo

gekommen, um ihn aufzufordern, sich dahin zu begeben. Auch war die

Nachricht angelangt, daß die Suakim-Route nun vollständig in den

Händen der Rebellen und somit abgeschnitten sei. Er fügte sich den

Umständen und hielt sich zwei Tage in Kairo auf. Großer Freundlichkeit

seitens des Khedive hatte er sich nicht versehen, denn mit seiner

Meinung über dessen Politik hatte er nie und nirgend hinter dem Berg

gehalten; trotzdem sprach jener ihm seine volle Befriedigung darüber

aus, daß er die Beruhigung des Sudan übernommen habe, und verlieh ihm

zu diesem Zweck seine alte Oberstatthalterwürde. Allerdings war dies

unter den vorliegenden Umständen mehr Form als Inhalt; des Khedive

Firman aber beauftragte ihn nicht nur mit der Räumung des Landes,

sondern mit der Reorganisation desselben, wenn es möglich wäre, die

Provinzen der Anarchie zu entreißen. Gordon ging also einerseits als

englischer Friedensbote nach Khartum, andererseits aber kehrte er in

diese Hauptstadt als der Generalgouverneur der Provinz zurück, um sie

so lange zu halten, bis man den Sudan sich selbst überlassen könne.

Es lag kein Widerspruch in dieser doppelten Sendung, war doch der

Zweck beider derselbe. Die englische Regierung billigte die Haltung

des Khedive, und Sir E. Baring versicherte Gordon, daß der völlige

Beistand beider, der englischen wie der ägyptischen, Behörden zu Kairo

ihm gewiß sei.

Ehe Gordon die ägyptische Hauptstadt verließ, empfahl er die

Wiederernennung eines Sultans von Darfur als ein Stück richtiger

Taktik gegenüber dem Mahdi. Infolge dieses Rates wurde Emir Abdel

Schakur, der rechtmäßige Erbe, vom Khedive als Beherrscher der Provinz

anerkannt, die seinem Vater vor Jahren entrissen worden war. Der junge

in Ägypten aufgewachsene Sultan verließ Kairo unter Gordons Schutz,

entpuppte sich unterwegs aber als ein unfähiger Weichling. Am 26.

Januar wurde die Reise nach Khartum angetreten. Der Weg sollte über

Assuan nach Wady Halfa gehen, von wo aus Gordon durch die nubische

Wüste nach Abu Hamed zu ziehen gedachte, um von da aus Khartum mit

einem Nilboot zu erreichen.

Ob Gordon aber die bedrängte Stadt je sehen werde, das wurde nicht

nur in England, sondern alsbald durch die ganze Welt zur Tagesfrage;

der Held auf seinem Ritt durch die Wüste war ein Gegenstand der

lebhafteren Teilnahme. Wußte man doch, daß der Feind in allen

Richtungen streifte, daß aufrührerische Scheiks mit ihren Stämmen den

Friedensboten stündlich überfallen konnten. Es war eine Wüstenstrecke

von vierhundert Kilometer, die der furchtlose Gordon mit seinem

Geleitsmann Stewart und einem geringen Gefolge von nicht zehn Mann

auf raschen Kamelen zu durcheilen gedachte. Khartum war von Kairo aus

benachrichtigt worden, daß Gordon in drei Wochen daselbst einzutreffen

gedenke. »Es ist erstaunlich,« rief der junge Power, der ihn dort

sehnlichst erwartete; »es hat noch nie einer diese Reise unter einem

Monat gemacht. Gordon aber mit Schwert und Bibel fährt wie ein Wirbel

durchs Land.«

Kein Feind belästigte ihn, der alte Zauber zog vor ihm her, oder wie

er es nannte, ihn geleitete die Wolke bei Tag, die Feuersäule bei

Nacht, und er war sicher in Feindesland. Eine friedliche Begegnung

hatte er auf dem halben Wege, nämlich den letzten Flüchtling von

Khartum, dem es gelang Kairo zu erreichen; es war dies ein Deutscher,

Namens Bohndorff, der mit +Dr.+ Junker im Njamnjamlande

wissenschaftliches Forschungen obgelegen hatte, bis es fast zu spät

war zu entkommen. Sie waren alte Bekannte; Gordon hatte mit diesem

Deutschen früher schon am Weißen Nil verkehrt. Bohndorff beschrieb

die Begegnung: eine Staubwolke am Horizont und ein sich daraus

loslösender Reitertrupp, der Anführer voraus, und man erkannte von

weitem den ernsten Eifer, der ihn seinem Ziele entgegentrug. Von

Bohndorff erfuhr Gordon, wie es in Khartum stehe, daß außer den beiden

Engländern Power und Coëtlogon nur ein Europäer noch dort sei, nämlich

der österreichische Konsul Hansal, welche Bemerkung übrigens eine

Anzahl ansässiger Griechen außer acht ließ. An sechzigtausend Seelen,

worunter zahlreiche Flüchtlinge aus der Umgegend, wären in der Stadt

-- ein Bild der Sorge und Niedergeschlagenheit -- doch werde die Ruhe

aufrecht erhalten, und Oberst Coëtlogon lasse sich die Befestigung

angelegen sein.

Wenn man in England und anderwärts um Gordon sorgte, so war dies

nicht ohne Grund, denn die Nachrichten aus dem östlichen Sudan

waren nichts weniger als beruhigend. Am 4. Februar erlitt Baker

Pascha mit seinen vierthalbtausend Ägyptern und etlichen englischen

Offizieren eine gründliche Niederlage bei Trinkitat, als er einen

Versuch machte, Tokar und Sinkat zu entsetzen. Er hatte sein Bestes

gethan, die erbärmliche Mannschaft, welche ihm zu Gebote stand,

einen zusammengeworfenen Haufen ägyptischer Gendarmerie, türkischer

Baschi-Bosuks und Schwarzer aus dem Sudan, annähernd kriegstüchtig zu

machen; aber gleich beim ersten Zusammenstoß mit des Mahdi Heerführer,

Osman Digna, überfiel die Helden eine Todesangst, und sie machten

nicht einmal den Versuch Stand zu halten. Die einen schossen ihre

Flinten ab und schrieen um Gnade, während die anderen ihre Waffen von

sich warfen und in wilder Flucht davon stürzten. An hundert Offiziere,

darunter die Mehrzahl der englischen Offiziere, kamen um, und nur ein

kleiner Teil der Truppen gelangte nach der Uferstadt Trinkitat zurück,

von wo sie ausgezogen waren. Baker selbst kam nur wie durch ein Wunder

davon, nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, seine flüchtigen

Helden zum Stehen zu bringen.

Osman Digna war der Mann, diesen Sieg auszubeuten. Man erwartete,

daß er sich auf Suakim werfen werde. Ringsumher hatte er die Stämme

gewonnen, und selbst in dieser Hafenstadt brachte der Schrecken viele

dazu, sich für den Mahdi zu erklären. Sinkat fiel; die Besatzung hatte

sich gehalten, bis der letzte Hund verzehrt war. Man schlachtete die

Pferde; noch ein Sack voll Korn war übrig, und der tapfere Kommandant

Thewsik Bey hatte erklärt, daß wenn bis zum achten Februar keine Hilfe

komme, er den letzten verzweifelten Ausfall machen müsse, um einen

besseren Tod zu finden, als das Verhungern innerhalb der Mauern. Er

erfuhr nichts von Baker Paschas Niederlage, und nachdem auch sein

letzter Hilferuf ungehört verhallt war, vernahm die Welt, daß die

Belagerung von Sinkat mit einem todesmutigen Ausfall der Besatzung

geendet habe, der ägyptischen Truppen ein weit rühmlicheres Zeugnis

ausstellte, als man seither zu hören gewohnt war.

Das war Wasser auf die Mühle der Opposition in England; es gab eine

heiße Debatte im Parlament. Gladstone erklärte, man sei deshalb der

Besatzung von Sinkat nicht zu Hilfe gekommen, weil man nichts thun

wolle, was irgendwie von Folgen für jene anderen Besatzungen sein

könne, die Gordon zu retten versuche. Es sei geboten, sich ruhig zu

verhalten. Angesichts dieser Erklärung jedoch und unter dem Drucke der

öffentlichen Meinung wurde der britische General Graham, zur Zeit in

Kairo, damit beauftragt, Tokar zu entsetzen. Noch ehe derselbe aber

mit seiner Mannschaft in Trinkitat gelandet war, hatte Tokar sich

ergeben, und die Besatzung war zum Feind übergegangen. Der Fall von

Kassala wurde als das nächste erwartet, und auch die Ufer-Distrikte

um Massaua her schienen dem Mahdi zuzufallen; es blieb nichts übrig,

als die Araber unter Osman Digna bei Suakim zu erwarten und von dort

zurückzuwerfen.

Osman Digna war ein tüchtiger Soldat; er war Sklavenhändler gewesen

und jetzt die rechte Hand des falschen Propheten. Dieser hatte ihn auf

dem Sklavenmarkt zu Obeid kennen gelernt und mit großem Scharfblick

seine Brauchbarkeit erkannt; er hatte ihn für seine Pläne gewonnen,

worauf er ihm den Ost-Sudan übertrug, damit er dort Land und Leute

für seine angebliche Mission gewinne. Mit siegreichen Waffen hatte

Osman Digna des Propheten Werk seither ausgerichtet; jetzt aber galt

es einem englischen General und englischen Linientruppen stand zu

halten; er erlitt seine erste Niederlage und wurde ins Innere des

Landes zurückgeworfen. Keineswegs aber streckte er die Waffen, und so

spann sich ein englischer Separatkrieg im Ost-Sudan hin, während die

Räumung des Landes auf friedlichem Weg ins Werk gesetzt werden sollte!

Osman Digna bekämpfte man, den Mahdi wollte man nicht bekämpfen, und

die Parteien stritten sich im Parlament.

Und Gordon? Er wußte von all dem nichts. In felsenfestem Vertrauen

eilte er durch die Wüste, unbesorgt um seine eigene Sicherheit,

während man auf Kanzeln und Rednerbühnen seiner gedachte, während viel

tausend Herzen ihm ein Engelgeleit in den Gefahren wünschten, die ihn

umgaben. Gefahren? Er sah sie nicht! Einem Scheik, der ihm quer kam,

sagte er: »Wenn ihr Frieden wollt, ich bringe ihn; sucht ihr Krieg,

so bin ich bereit.« Und der verzagenden Khartumer Garnison meldete er

telegraphisch seine Nähe mit den Worten: »Ihr seid Männer und nicht

Weiber. Seid guten Muts, ich komme.«

Gordon, der Held von Khartum · 第 15 / 22 题