1. Der Mahdi.

Während Gordon sein stilles Jahr in Palästina verlebte, gelangte man

daheim zur Erkenntnis, daß der Zustand in den Armenquartieren der

reichen »City« ein Schandfleck für England sei. Es war das Jahr,

in dem »der bittere Notschrei Londons« in allen Ohren wiederklang.

Es wurden Untersuchungen eingeleitet, und die Enthüllungen, die

es gab, entsetzten die feine Welt. Wohl war es teilweise ein

Sensationsinteresse, es lag ein gewisser Kitzel darin, die sogenannten

untersten Schichten aufzuwühlen, aber man fing doch ernstlich an, auf

Besserung der Zustände zu drängen. Es wurden Komitees ernannt und

Sitzungen gehalten, auch in der Folge mancherlei gethan. Ob das Los

der Armen seither ein merklich gebessertes ist, bleibe dahingestellt;

dergleichen wird wohl weniger durch Komitees, als durch einzelne

Menschen erreicht, denen die Liebe gegeben ist, unter den Elenden zu

leben. Es giebt solche, aber ihrer sind wenig. Der Notschrei drang

bis ins heilige Land, und Gordon lieh ihm ein williges Ohr; ja er

fing an, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob es in Whitechapel

und Spitalfields nicht eine ähnliche Arbeit für ihn gebe, wie s. Z.

zu Gravesend, ob ein Leben der Samariterliebe im Herzen von London

nicht die Lösung für seine Zukunft wäre, die ihn nur um so völliger in

Anspruch nehmen würde, als der Jammer in jenen Höhlen der krassesten

Armut und Verkommenheit weit über dem steht, was in der kleinen

Themsestadt zu finden ist, deren Gassenjungen seine »Prinzen« waren.

Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Während Gordon sich in Gedanken

mit seinen armen Brüdern und Schwestern in der englischen Hauptstadt

beschäftigte und die Aussicht ihm eine liebe wurde, sich dieser

»Innern Mission« zu widmen, brachte anderswo ein König ganz andere

Pläne zu Papier und versah sich des Träumers in Palästina, als des

Mannes, der sie ihm verwirklichen sollte.

Es war der König von Belgien, der in Gordon den Mann erblickte,

welcher als Stanleys Nachfolger die Hoffnungen des »freien

Kongostaats« ihrem Ziel entgegen führen sollte. Wahrscheinlich

hat Stanley selbst auf Gordon hingewiesen; und dieser war zu

allem bereit, was dazu dienen konnte, dem Sklavenhandel im Innern

von Afrika entgegen zu arbeiten und den umnachteten Weltteil den

Einflüssen christlicher Zivilisation zu erschließen. Der Plan war kein

geringerer, als vom Kongo aus dem Njamnjamlande und den Gebieten

der Rituellen beizukommen und auf diese Weise die verschiedensten

Negerstämme zu einem Bund gegen die Sklavenwirtschaft im Sudan zu

vereinigen. Es war gegen Ende des Jahres 1883, daß die belgische

Aufforderung Gordon erreichte. Schon drei Jahre vorher, als er sein

Amt im Sudan niederlegte, hatte er bei Gelegenheit einer Audienz in

Brüssel seine Bereitwilligkeit ausgesprochen, dem König in dieser

Sache zu dienen, wenn es sich so fügen sollte, daß man seiner

bedürfe. Und als dieser ihn nun an sein Versprechen mit dem Bemerken

erinnerte, daß der Zeitpunkt gekommen sei, der unter Gordons Leitung

zu den schönsten Hoffnungen am Kongo berechtige, war es die gewohnte

Schlagfertigkeit des Mannes, die stehenden Fußes die palästinischen

Studien abbrach und die Pläne hinsichtlich der Armen Londons auf

eine künftige Zeit verschob. Er wartete nicht einmal ein richtiges

Passagierboot ab, sondern verließ Jaffa bei erster bester Gelegenheit

mit einem Frachtschiff, das ihn um ein kleines mit samt der Ladung

auf den Meeresboden gebettet hätte. Am letzten Abend des Jahres 1883

erreichte er Genua und nahm den Schnellzug durch die Neujahrsnacht

nach Brüssel. Es war der Anfang des für ihn so verhängnisvollen Jahres

1884, aber noch ahnte er nicht, daß Khartum sein Ziel war. Er gedachte

der Kongo-Arbeit, die seiner harrte, und seine Seele war stille zu

Gott.

»Ich war allein in meinem Koupé,« schrieb er den Freunden in Jaffa,

»und habe auch ~an euch alle gedacht~!«

Und die Freunde in Jaffa wußten, was er damit sagen wollte. Sie

gehörten mit zu der Liste von etlichen hundert ihm Nahestehender,

deren er vor Gott gedachte. Wer diese Liste hätte durchsehen können

-- ein König hier, ein alter Netzstricker dort, die seine Fürbitte

brauchten!

Der belgische König war entzückt, einen so trefflichen

Bevollmächtigten gewonnen zu haben, und Gordon ging nach England, um

sich von den Seinen zu verabschieden. Sein Entlassungsgesuch aus dem

englischen Dienst hatte er eingesandt. Noch vor Ende Januar wollte

er wieder in Brüssel sein, um von dort die Reise nach dem Kongo

anzutreten. Wie ganz anders sollte es kommen!

Daß im Sudan alles drunter und drüber ging, wußte er. Kein Jahr war

vergangen, nachdem er seine Statthalterschaft niedergelegt hatte,

da kamen Hilferufe genug von Khartum her, welche den guten Pascha

zurückverlangten, der allein im stande war, dem geknechteten Volk

eine Schutzmauer gegen seine Unterdrücker zu sein. Der Sklavenhandel

war neu aufgeblüht und von Ägypten war keine Rettung zu erwarten. Die

englische Bevormundung der ägyptischen Frage, die sich kurzer Hand als

eine Koupon-Politik bezeichnen läßt, hatte nicht viel Gutes erreicht;

und sowohl die englischen als die ägyptischen Minister waren viel zu

sehr von dem Arabi-Aufstand in Anspruch genommen, als daß man Zeit

gehabt hätte, im Sudan zum Rechten zu sehen. Dort war unter Gordons

Nachfolger in der Statthalterschaft, jenem berüchtigten Rauf Pascha,

eine böse Zeit angebrochen. Die Erpressung seitens der Beamten war

ärger denn je, und als im Mahdi ein angeblicher Befreier sich erhob,

war der Zündstoff im Lande in einer Weise angehäuft, daß der Aufruhr

wild empor loderte.

Wie es mit der Gelderpressung durch übermäßige Besteuerung aussah,

beschrieb der Times-Korrespondent Power, den Gordon in Khartum

vorfand, und der einer der drei Engländer war (Gordon und Stewart die

beiden andern), die des Landes Märtyrer wurden.

»Wenn die Leute hier ihre Acker bebauen wollen,« lautete der Bericht,

»so müssen sie eine Steuer zahlen; und um Wasser aus dem Nil auf

ihre Äcker zu leiten, ohne welches das Land nutzlos ist, müssen sie

eine zweite Steuer zahlen. Wenn das Korn dann geerntet ist, kommt

die dritte Steuer, ehe sie es verkaufen dürfen. Ist die Ernte gut,

so wird die Steuer verdoppelt, damit neben der Regierungskasse

der Privatbeutel des Pascha nicht zu kurz komme. Lassen die Leute

unter diesen Umständen den Ackerbau liegen, dann kriegen sie die

Karbatsche aus guter Rhinozeroshaut. Wenn der Bauer für Weib oder

Kind ein armseliges Kleidungsstück kauft oder seine Lotterfalle von

Haus wetterfest zu machen sich getraut, dann heißt's, er müsse Geld

versteckt haben, das noch nicht besteuert sei. Kurz, die Leute müssen

zahlen und zahlen und wieder zahlen, ob sie wollen oder nicht, ob sie

können oder nicht; und wer nicht arbeitet, wird bis aufs Blut gequält,

bis er mithilft, die Beamten zu bereichern. Wer ein Boot auf dem Nil

hat, muß achtzig Mark zahlen, wenn er nicht unter ägyptischer Flagge

fährt, und die Erlaubnis, die Flagge zu führen, kostet ebenfalls

achtzig Mark. Dies ist's, was in erster Linie am Aufruhr schuld ist,

nicht der Mahdi; und ich wünsche aus tiefster Seele, daß jeder Ägypter

aus dem Land gejagt werde. Die Zustände der Sklavenwirtschaft, so

beklagenswert sie sind, sind immerhin noch besser, als solch ein

Regiment ägyptischer Blutsauger.«

Zwischen dem Mahdi des Sudan und jenem Schulmeisterkönig des großen

Friedens in China ist eine gewisse Ähnlichkeit unverkennbar; der

Aufstand war beidemal der eines falschen Propheten, welcher eine

himmlische Sendung vorgiebt, um ein im Elend verkommenes Volk für

seine Zwecke zu gewinnen. Beiden gelang es in erstaunlicher Weise, mit

ihren Horden das Land zu verheeren und Träume einer goldenen Zukunft

auszustreuen.

Der Mahdi wollte nichts Geringeres sein, als der Messias der

moslemitischen Völker.

Die zum Islam »Bekehrten« sind in Zentral-Afrika nach Millionen zu

rechnen, und mit der Lehre Mohammeds hatte sich in jenen Ländern

auch die Erwartung verbreitet, daß in der Fülle der Zeit ein Mahdi,

d. h. Führer, erscheinen werde, dem es vorbehalten sei, das Werk des

Propheten mit Schwerteskraft zu vollenden, um die Gottlosigkeit von

der Erde zu vertilgen, das unschuldig vergossene Blut der Imams zu

rächen und ein Reich der Gerechtigkeit aufzurichten.

Es hat zu verschiedenen Zeiten Mahdi gegeben, und der, dem es

neuerdings gelang, die Messiashoffnungen seiner Glaubensgenossen zu

seinen Gunsten auszubeuten und die unterdrückten Stämme bis zu seinem

im Sommer 1885 erfolgten Tode um sich zu scharen, war ein Eingeborner

der Provinz Dongola, ein noch nicht vierzigjähriger Mann von hoher

geschmeidiger Gestalt, schwarzem Bart und hellbrauner Gesichtsfarbe.

Er hieß Mohammed Achmet und war der Sohn eines Schiffszimmermanns

Namens Abdallah. Mohammed war der jüngere von mehreren Brüdern

und wurde in seiner Jugend gleich diesen zum väterlichen Handwerk

angehalten. Eine Abneigung dagegen machte sich jedoch früh bei ihm

bemerkbar; er zog sich gern von den Menschen zurück und beschäftigte

sich stundenlang mit dem Koran. Als junger Mensch entlief er der

Heimat infolge einer Tracht Prügel; ging nach Khartum und schloß sich

der »Medressu« oder freien Schule eines Fakir an, der zu Hoghali,

einem Dorfe östlich von Khartum, dem Lehrwesen oblag. Diese Schule

gehörte zum Grab des Scheik Hoghali, des hochverehrten Schutzheiligen

von Khartum; und der Hüter des Schreins, obschon er für die freie

Schule aufkommt und die Armen speist, erfreut sich einer schönen

Einnahme seitens der andächtigen Wallfahrer. Er giebt vor, ein

Abkömmling des ursprünglichen Hoghali und durch diesen Mohammeds

selbst zu sein. Hier also ließ Mohammed Achmet sich nieder und

befleißigte sich des Studiums der Religion. Nach einiger Zeit begab

er sich nach Berber und besuchte die Schule des Scheik Ghubusch,

der ebenfalls eines Heiligenschreins wartete. Im Jahr 1870 schloß

er sich einem andern Fakir an, dem Scheik Nur el Daim (das ewige

Licht). Dieser fand ihn soweit vorgerückt in der Religion, daß er ihn

selbst zum Scheik oder Fakir bestellte, worauf der neue Lehrer sich

auf die Insel Abba im Weißen Nil zurückzog. Dort lebte er eine Zeit

lang in beschaulicher Stille, indem er sich in einer Höhle verbarg

und stundenlang den Namen Gottes hersagte, viel fastete und Weihrauch

verbrannte. Bald stand er im Geruch absonderlicher Heiligkeit; es

sammelten sich Derwische um ihn, er wurde reich und heiratete eine

Menge Weiber, die er sich umsichtigerweise unter den Töchtern der

angesehensten Scheiks erwählte. Allerdings soll der wahre Moslem mit

vier Weibern sich begnügen, und der kluge Heilige that dies auch,

indem er, so oft er aufs neue Hochzeit hielt, eine der überzähligen

älteren Gattinnen der Ehre seines Harems verlustig erklärte.

Im Frühjahr 1881 schrieb er an alle übrigen Fakire und offenbarte sich

ihnen als den vom Propheten verheißenen Mahdi: er habe göttlichen

Befehl erhalten, den Islam zu erneuern, derselbe müsse die Religion

der Welt werden, ~ein~ Gesetz, ~eine~ Freiheit müsse die

Gläubigen verbinden, und wer nicht gesonnen sei ihn anzuerkennen,

sei er Christ, Heide oder Mohammedaner, müsse von der Erde vertilgt

werden. Dieses Manifest richtete er u. a. auch an Mohammed Saleh,

den gelehrten und einflußreichen Fakir von Dongola, indem er ihn

aufforderte, mit seinen Derwischen in Abba zu ihm zu stoßen. Dieser

aber benachrichtigte die Regierung von dem Vorhaben Mohammed Achmets

und fügte als sein Privaturteil die Anmerkung bei, der Mensch müsse

geistig gestört sein. Auch die Ulema von Khartum erklärten sich gegen

ihn, ebenso wurde er in Kairo und Konstantinopel verworfen und als

falscher Prophet gebrandmarkt. Gleichwohl fand der Mahdi Anhänger

genug; ihm schlossen sich alle an, die das ägyptische Regiment

haßten, vorab die Sklavenhändler, die wohl wußten, daß sie unter einem

Aufruhrregiment ihr Raubwesen nur um so besser würden treiben können.

Ja Gordon war der Ansicht, daß Sebehr von Anfang an die Hand mit im

Spiel hatte, daß er den Mahdi, wenn er ihn nicht förmlich anstiftete,

so doch jedenfalls bestärkte, alles, um durch Aufruhr und Anarchie

in den Sudanländern seine Freilassung und Rücksendung zu erzwingen.

Jedenfalls gehörte ein Verwandter Sebehrs von Anfang an zu des Mahdi

Helfershelfern.

So viel ist sicher, daß der Glaube an die wahre Mission des Mahdi

rasch um sich griff. Rauf Pascha konnte das bedenkliche Wachstum

seiner Macht kaum unbeachtet lassen und schickte einen Botschafter

nach der Insel Abba. »Als ich dieselbe erreichte,« berichtete dieser,

»empfing mich Mohammed Achmet inmitten von mehreren Hunderten seiner

Getreuen; in der Rechten hielt jeder ein Schwert. Der Mahdi saß auf

einem erhöhten Thron, mit dem Stab des Propheten in der Hand. Auf

meine Frage, was er beabsichtige, beschrieb er mir seine angebliche

Sendung. Ich erwiderte ihm, daß wir alle so gut Muselmänner wären,

als er selber. Das bestritt er, weil wir den Christen gestatteten,

auf ihre Weise Gottesdienst zu halten, und weil unsere Regierung

Steuern erhebe. Ich riet ihm, seine Pläne ruhen zu lassen, denn er

könne doch nichts gegen eine Regierung ausrichten, die über Truppen

und Schießbedarf und Dampfer verfüge. Darauf entgegnete er: ›Wenn eure

Soldaten auf uns schießen, so werden ihre Kugeln uns nicht treffen;

und wenn ihr mit euren Dampfern kommt, so werden diese untergehen.‹«

Die Kriegs- und Eroberungszüge des Mahdi während der Jahre 1881-83 zu

verfolgen würde zu weit führen. Es genüge zu sagen, daß eine Provinz

nach der andern, eine Stadt nach der andern ihm zufiel. Es war die

Zeit der Arabi-Wirren in Ägypten; man war dort kaum in der Lage, sich

viel um den Mahdi zu kümmern. Die wichtige Stadt Obeid ergab sich ihm

im Anfang des Jahres 1883.

Erst nachdem Arabi mit Hilfe der Engländer nach Ceylon verschifft war,

konnte man sich ägyptischerseits gegen den Mahdi wenden. Derselbe

hatte verkündigt, daß er mit der Zeit auch berufen sei, Kairo und

Konstantinopel zu seiner Sendung zu bekehren. Was die Statthalter

im Sudan bisher gegen ihn unternommen hatten, war meist mißglückt

und schon im August 1882 hatte Khartum in Belagerungszustand erklärt

werden müssen. In diesem Jahr wurde das ägyptische Militär der Provinz

unter die Anführerschaft des englischen Obersten Hicks gestellt,

der mit noch andern Briten und verschiedenen sonstigen Europäern,

darunter auch ein Deutscher, Major von Seckendorff, in des Khedive

Dienste trat; denn da der Mahdi an alle wahren Moslemin appellierte,

so hielt man es für geraten, ihm mit nichtmohammedanischen Kräften

entgegenzutreten. Hicks Pascha war ein tüchtiger Offizier, der in

Indien gedient hatte. Nach verschiedenen erfolgreichen Voroperationen

verließ Hicks Khartum im September 1883 an der Spitze von zehntausend

Mann mit der Absicht, den Mahdi aus Obeid zu vertreiben. Es war der

unglücklichste Kriegszug, der je unternommen wurde. Ob und inwieweit

Hicks der Unvorsichtigkeit zu beschuldigen war, ist nicht zu sagen,

denn die näheren Einzelheiten der furchtbaren Katastrophe werden wohl

nie ans Tageslicht treten. Das einzige, was verlautete, waren die

Worte eines Zeitungskorrespondenten: »Wir wagen kein Geringes, indem

wir unsere Verbindungslinien verlassen und über dreihundert Kilometer

weit in ein unbekanntes Land vordringen. Die Brücke hinter uns ist

sozusagen abgebrochen. Der Feind zieht sich vor uns zurück und das

Land ist ausgeplündert. Wassermangel ist unsere große Sorge; die

Kamele halten's nicht aus.« Und Schweigen umhüllte die Unternehmung,

bis nach Wochen die Schreckensnachricht in Khartum einlief, daß Hicks

Pascha mit seinen Zehntausend bis auf den letzten Mann aufgerieben

sei. Der Mahdi hatte sie in eine wasserlose Wüste gelockt. Es soll

eine dreitägige Schlacht stattgefunden, Hicks selber, als einer der

letzten, seinen Tod gefunden haben. Gordon war der Ansicht, daß die

Armee großenteils verdurstet sei. So viel ist sicher, daß nicht

~ein~ Europäer entkam und daß die ägyptischen Truppen bis auf

wenige Mann aufgerieben wurden; oder wahrscheinlich richtiger -- denn

es war ägyptisches Militär von der »unbeschreiblichen« Sorte -- was

von den Truppen überblieb, schloß sich dem Mahdi an. Es war eine

Niederlage wie im Teutoburger Wald, und ein Schrei des Entsetzens

hallte durch England. Der 1., 2. und 3. November 1883 ist das

mutmaßliche Datum der verhängnisvollen Schlacht.

Nach dieser Unglückspost waren noch zwei Engländer im Sudan: der

bereits erwähnte Times-Korrespondent Power und Oberst Coëtlogon,

der krank in Khartum zurückgeblieben war, als Hicks den unseligen

Marsch unternahm. Die Folgen des Sieges für den Mahdi waren kaum zu

überschätzen. Darfur war für den Khedive verloren; was an Provinzen

oder Stämmen bis jetzt noch loyal war, ging zu den Rebellen über. Ein

panischer Schrecken hatte das Land befallen; er machte sich in Kairo

geltend, und im fernen England erlitten die ägyptischen Papiere aufs

neue eine bedenkliche Baisse.

Ägypten wird nicht in Kairo, sondern in London regiert. Das Kabinet

Gladstone hatte sich bis jetzt geweigert, dem Mahdi mit englischer

Macht zu begegnen, und als nach Hicks Niederlage der Sudan einem

unentwirrbaren Knäuel von Schwierigkeiten glich, erging seitens des

britischen Ministeriums der einem Befehl gleichkommende gute Rat nach

Kairo, die Sudan-Provinzen fahren zu lassen. Sir Evelyn Baring, der

englische Agent in Ägypten, sollte den Khedive dahin beeinflussen, daß

eine feste Stellung auf der Suakimlinie vorläufig das Beste wäre. Wenn

der Mahdi erst einmal diese Linie überschritten hätte, dann wäre es

den Friedensministern an der Themse immerhin noch früh genug gewesen,

ihm mit Heeresmacht zu begegnen. Die englischen Interessen in Ägypten

freilich mußten sicher gestellt werden; der Kontre-Admiral Hewett im

Roten Meer und Baker Pascha zu Land sollten dieselben wahren.

Die Macht des Mahdi wuchs unterdessen lawinenartig, und nicht nur

in Ägypten wurde die Meinung laut, daß eine Räumungspolitik nicht

das Beste wäre. Daß des Khedive Grenztruppen den fanatischen Horden

des falschen Propheten gewachsen sein würden, glaubte niemand;

englisches oder türkisches Militär allein konnte sein Vordringen

hindern. Aber auf englische Truppen sollte nicht gerechnet werden,

und was die Türken beträfe, meinten die Ratgeber, wie sollte man es

dem Beherrscher der Gläubigen selbst zumuten, einen heiligen Krieg

mit Waffen zu unterdrücken? Denn daß es ein heiliger Krieg sei, das

glaubten Tausende; und die Begeisterung in den Sudanländern nahm

überhand, nun der längstverheißene Befreier gekommen schien. Die

plötzliche Machtentfaltung des Mahdi hatte den Unterdrückten Thür

und Thor geöffnet; er sprach von Freiheit und das seufzende Land

erhob sich gegen das Joch der verhaßten Ägypter. Gordon hatte dies

vorausgesehen. Hatte er nicht vor Jahren gesagt, daß ein beherzter

Anführer jederzeit die Sudan-Völker zu einem gewaltigen Aufstand

würde vereinigen können? Er hatte damals auch gesagt, daß gewisse

Leute schlafen würden, bis es zu spät sei. Es waren nicht nur die

Sklavenhändler, sondern vielmehr noch die zahllosen bewaffneten

Araberstämme, in denen Gordon das Brandmaterial erblickte. Ein

Anführer war erschienen, und allem nach einer, dem es an Mut nicht

fehlte.

In England also war beschlossen worden, die Sudan-Provinzen zu räumen;

welche Anarchie alsdann daselbst herrschen würde, das fragte man sich

vorläufig nicht. Ein lebhafter Depeschen-Wechsel zwischen London

und Kairo fand statt. In Ägypten nämlich stieß die Räumungspolitik

auf Widerstand. Das Ministerium Cherif erklärte, die Verwaltung des

Sudan sei ihnen von der Pforte anvertraut, und die Räumung lasse

sich deshalb nicht so ohne weiteres vollziehen. Cherif Pascha fügte

seinerseits hinzu: »Wir haben Tausende von getreuen Unterthanen im

Sudan, und nichts auf der Welt soll mich dazu bringen, diese Leute dem

Mahdi zu überantworten. Ich bin überzeugt, daß ich recht habe; die

Zukunft wird zwischen mir und dem Kabinet Gladstone in dieser Sache

richten.«

Damit legte das Ministerium Cherif sein Amt nieder und ein

neues Kabinet unter Nubar Pascha trat ans Ruder. Als man diesem

glückwünschend die Meinung aussprach, daß das neue Ministerium

im Hinblick auf die vorhandene Krisis ein von der Klugheit

zusammengerufenes zu sein scheine, entgegnete er trocken, dem sei

ohne Zweifel so, das Wort Minister werde in Ägypten zur Zeit nur

leider von dem lateinischen Wort +minus+ hergeleitet, das weniger

als nichts bedeute. So viel war aber sicher, daß, obschon das neue

Ministerium bereit war, sich seine Aufgabe von England diktieren zu

lassen, damit noch keineswegs Mittel und Wege gefunden waren, die

ägyptischen Besatzungen, um die es sich handelte, aus den dem Aufruhr

überladenen Sudanländern zurückzuziehen. An Vorschlägen fehlte es

nicht, aber der eine war so unausführbar wie der andere.

Zwischen Dongola und Gondokoro standen etwa zwanzigtausend Mann

ägyptischer Truppen mit Weib und Kind, und in allen Bezirken gab's

Beamte, die das Brot der Regierung aßen und deren Lage täglich

kritischer wurde. Unter den verschiedenen Garnisonsplätzen war Khartum

selbst der Hauptort, dessen elftausend ägyptische Unterthanen einen

Hilferuf nach dem andern ergehen ließen -- inständige Bitten, einen

Rückzug ins Werk zu setzen. Khartum war damals schon wie eine von

allem Verkehr abgeschnittene Insel; jene elftausend Menschen hätten

sich unmöglich selbst nach Ägypten durchschlagen können. Das Land

umher war dem Mahdi zugefallen, und fürs übrige benutzten die zum

Feind sich schlagenden Stämme gern die Gelegenheit, den Ägyptern alle

bisherige Unterdrückung mit Zinsen heimzugeben. Daß damit manchem sein

verdienter Lohn geworden, unterliegt keinem Zweifel; aber, wie es

immer geht, leiden mit einem Schuldigen zehn Unschuldige.

Übrigens war nicht einmal das Nubar-Ministerium bereit, Khartum ohne

weiteres fahren zu lassen; man hoffte diese Stadt für den Khedive

halten zu können, selbst wenn man das Land dem Mahdi überließe --

eine thörichte Hoffnung, welche die Schritte für den Rückzug der

Besatzungen so lange verzögerte, bis es zu spät war.

Daß England eine Verantwortung in der Sache hatte, liegt auf der

Hand; die Räumungspolitik war britischer guter Rat; und es gab in

England Leute genug, die sich für die Besatzungen ereiferten und es

für schmählich erklärten, diese im Stich zu lassen. In jenen Tagen

sprach Gladstone selbst das Wort aus: »Darin sind wir alle einig,

daß Maßregeln getroffen werden müssen, um den sichern Rückzug der

Besatzungen zu ermöglichen.« Die einzige Maßregel, zu welcher das

britische Kabinet sich bis dahin aber verstehen konnte, war die

Grenzverteidigung unter Baker Pascha, ein klägliches Auskunftsmittel

angesichts der Sachlage. Denn auch im östlichen Sudan griff der

Aufruhr mit Riesenschritten um sich. Die Küstendistrikte des Roten

Meeres fielen nacheinander der Rebellion anheim, während die

Besatzungen von Suakim, Tokar, Trinkitat und Sinkat täglich in

schlimmere Not gerieten. Jede Post brachte bedenklichere Nachrichten.

Das englische Volk wurde ungeduldig und erklärte, die britische Ehre

stehe auf dem Spiel. Da fiel wie ein Blitzstrahl eines Morgens die

Nachricht ins Land -- ~Gordon geht nach Khartum~!

Gordon, der Held von Khartum · 第 14 / 22 题