Auf dem Rückweg nach Khartum erfuhr Gordon in Fodja, daß Gessi den
Soliman und seine Genossen überwältigt und erschossen hatte. Er
selbst hatte dem Sklavenhandel in Darfur mehr wie einen empfindlichen
Schlag versetzt. Zwar war er zu der Überzeugung gekommen, daß eine
völlige Vernichtung des Unwesens ein Ding der Unmöglichkeit war,
insolange nämlich als die ägyptische Regierung nicht von Grund aus
eine andere würde; aber für den Augenblick lag der Greuel am Boden
und das gequälte Land atmete auf. In Fodja erreichte ihn auch die
zweite Nachricht, daß die seit Monaten drohende Umwälzung in Kairo
stattgefunden und daß Ismail zu Gunsten seines Sohnes Thewfik
abgedankt hatte. Es lag ihm ob, den Regierungsantritt des neuen
Khedive in den Sudanländern zu verkündigen.
»Es ließ mich kühl,« sagte Gordon, »ich telegraphierte an die
verschiedenen Unterstatthalter und quittierte dem Cherif Pascha den
Empfang der Anzeige -- damit begnügte ich mich.«
Ismails Glückswechsel ließ ihn übrigens nicht kalt, er nahm
aufrichtigen Anteil an seiner Demütigung, obschon er seine Politik
öfters beklagt, ja getadelt hatte. Die Veränderungen in Kairo, welche
mit dem neuen Khedive die dem Sklavenhandel freundlichen Pascha wieder
ans Ruder brachten, bestärkten ihn aber ohne Zweifel in seinem bereits
gefaßten Vorsatz, sein Amt niederzulegen. Er hatte das übernommene
Werk vollbracht, so weit es ihm möglich schien; die Würde an sich
hatte keinen Reiz für ihn. Mit diesen Gedanken kehrte er nach Khartum
zurück.
Um diese Zeit erhielt er einen Brief von seinem alten Freunde, dem
Gouverneur Li in China, folgenden Inhalts:
»Sehr freute es mich von Ihnen zu hören. Es sind vierzehn Jahre, seit
wir uns trennten, und wenn ich Ihnen auch bisher nicht geschrieben
habe, so spreche ich doch oft von Ihnen und gedenke Ihrer mit
großer Teilnahme. Die Wohlthaten, die Sie China erwiesen haben,
verschwanden nicht mit Ihrer Person, sondern sind jetzt noch in den
Gegenden fühlbar, in denen Sie eine so wichtige und thatkräftige
Rolle spielten. Das Volk segnet Sie um des Friedens und des Gedeihens
willen, dessen es sich seither erfreute. Ihre Erfolge in Ägypten
sind durch die Welt erschollen; ich lese oft in den Zeitungen von
Ihrem edlen Werk am obern Nil. Sie sind ein Mann, der sich stets zu
helfen weiß, in was für Lagen Sie sich auch befinden. Ich hoffe, daß
Ihnen ein langes Leben geschenkt werde, denn Sie verbreiten Segen
um sich her, wohin auch immer Ihr Beruf Sie führt. Ich lasse es mir
ernstlich angelegen sein, mein Volk auf eine höhere Stufe zu bringen
und dieses Land mit andern Ländern innerhalb der »vier Meere« in einem
Bruderbündnis zu vereinigen. Ich beantworte Ihre Fragen: -- Kwoh Sung
Ling hat sich vom öffentlichen Leben zurückgezogen und erfreut sich
der Ruhe. Jang Ta Jen ist schon lang gestorben. Dem Sohn des Na Wang
geht es gut, er ist Regimentsoberst mit fünfhundert Leuten unter ihm.
Die Pataschau-Brücke, die Sie teilweise zerstörten, ist bald nach
Ihrer Abreise wieder aufgebaut worden und ist in recht gutem Zustand.
-- Kwoh Ta Jen, der chinesische Minister, schrieb mir, daß er die
Freude hatte, Sie in London zu sehen. Ich wollte, ich wäre auch dabei
gewesen; aber die Pflichten dieses Lebens führen die verschiedenen
Menschen in verschiedene Teile der Welt und es ist eine weise
Einrichtung der Vorsehung, daß wir nicht alle am selben Orte sind.
Ihnen Glück und Segen wünschend meinen Gruß.«
An diesem Brief des alten Chinesen kann man nur seine Freude haben;
steht es doch nicht bloß ~zwischen~ den Zeilen zu lesen, daß
Gordons Werk dort ein bleibendes war.
Gordon verließ Khartum Ende Juli und erreichte Kairo am 23. August.
Acht Tage später begab er sich als außerordentlicher Gesandter zum
König von Abessinien. Thewfik setzte offenbar Vertrauen in ihn,
obschon er halb und halb gefürchtet hatte, daß Gordon beabsichtige,
sich als Sultan im Sudan aufzuwerfen. »Das würde unser einem aber doch
nicht passen,« meinte Gordon. Seine abessinische Reise bezog sich auf
die alten Wirren. Mit ihm ging sein schwarzer Schreiber Berzati Bey,
der in seinem Dienst stand seit er jenen anderen der Bestechlichkeit
wegen entlassen hatte und dem er nachrühmte, daß er die unschätzbare
Eigenschaft besessen habe, es ihn wissen zu lassen, wenn er
anderer Meinung war als er. Dieser Berzati stammte aus einer alten
muselmännischen, in Khartum ansässigen Familie. Als Schüler eines
namhaften Gelehrten dieser Stadt erlangte er eine tüchtige Bildung.
Die Geschichte des Landes kannte er von Grund aus und verstand sich
auf verschiedene Geheimschriften. »Er war in diesen drei Jahren mein
bester Freund,« sagt Gordon, »obwohl wir manchmal hintereinander
gerieten. Ich verdanke ihm viel; denn ob er zwar ein guter Patriot und
fester Muselman war, riet er mir doch stets ehrlich zum Besten des
Volkes .... Er hat übrigens seine Last -- vier Weiber; hat mancher
doch an ~einer~ genug. Ein paar Männer wie Berzati Bey könnten
Ägypten aufhelfen; aber solche sind selten. Spötter nennen ihn den
›schwarzen Gnomen.‹«
Die Abessinier hatten das Grenzland Bogos inne. Am 11. September 1879
machte sich Gordon von Massaua zu einer Zusammenkunft mit dem in Gura
lagernden Alula auf den Weg. Unterwegs schrieb Gordon:
»Wir sind einer Karawane begegnet, die von Gura kommt ... Sie brachte
die Bestätigung der Nachricht, daß Alula auf des Königs Befehl den
Walad el Michael und alle seine Offiziere gefangen genommen habe, und
daß Walads Sohn, Metfin, erschlagen sei. In Massaua traf mich die
Kunde, daß Abdulgassin, der letzte der Anführer von Sebehrs Banditen,
eingefangen und auf meinen Befehl erschossen worden sei. Er war
jener Schurke, der einen Negerknaben umbrachte und in dessen Blut
seine Flagge tauchte. (Bei der Einnahme von Dem Idris, um den Himmel
günstig zu stimmen!) So giebt's immer mehr Lücken in meiner Fürbitte
für die Feinde. Sebehrs Anführer und Walads Sohn, sie waren alle in
mein Gebet eingeschlossen. Ich gestehe, ich bin dieses Leben müde, es
wäre mir kein Kummer, wenn Walads Bande mir unterwegs auflauerte.«
Wie charakteristisch ist dieser Brief für den Schreiber! Als Soldat
giebt er den Schurken ihren verdienten Lohn, er läßt sie erschießen;
als Christ hat er es nie unterlassen, sie mit Namen in seiner Fürbitte
vor Gott zu bringen!
Gordon litt auf dieser Reise viel von der Hitze. Er nennt sich einen
Hiob voll Schwären. Aber wenn auch der Körper schwach ist, seine
Aufgabe führt er durch und entwirft sich seine Pläne auf dem Ritt
durch die Wüste.
»Ich bin entschlossen, entweder mit oder ohne des Königs Hilfe mit
Walad und seinen Leuten fertig zu werden und dann mit Johannes selbst
ins reine zu kommen.«
Unter Hilfe verstand er nicht Waffen, sondern ein Versprechen, daß
Walads Truppen, wenn sie Bogos räumten, eine Zuflucht gewährt werde.
Wo Barmherzigkeit am Platze war, unterließ er es gewiß nicht, darauf
hinzuarbeiten! Er erreichte Gura halbtot von seinem Wüstenritt und
vernahm, daß Alulas Lager auf einem steilen Berg sich befand, und weil
sein Lasttier erschöpft war, so erstieg er die Höhe mühsam zu Fuß. Er
fand den abessinischen Befehlshaber in einem niedern, langen Gezelt
von Baumzweigen, an dessen oberem Ende Alula auf einem Diwan saß, wie
eine Mumie in weiße Tücher gewickelt, die nur die Nase sichtbar ließen.
»Feierliche Stille herrschte; und alle Anwesenden waren gleich ihm
vermummt, als ob meine Nähe sie vergiften könnte. Die Figur auf dem
Diwan regte sich nicht, und war wirklich so eingewickelt, daß mich
ein Verlangen ankam, dem Mann nach dem Puls zu fühlen. Der Mensch muß
krank sein, dachte ich. Durchaus nicht -- es war Freund Alula!«
Und Gordon sah, als Alula nach einiger Zeit die weiße Hülle etwas
fallen ließ, daß er ein ganz kräftiger, sogar hübscher junger Mann
von etwa dreißig Jahren war. Auch den andern schien nach und nach die
Furcht vor Gift zu vergehen. Gordon fand die Audienz aber tödlich
langweilig, denn Alula schien ihm durch Schweigen imponieren zu
wollen. Nach langer Pause gestattete er ihm zu rauchen, was eine
besondere Vergünstigung war, indem der König einen Befehl erlassen
hatte, allen Rauchern die Nase abzuschneiden. Gordon lehnte es ab
und betrachtete sich einstweilen die Priester, die den Hofstaat
vervollständigten. Viel erreicht wurde bei dieser Gelegenheit darum
nicht, weil Alula vorläufig nur den einen Zweck verfolgte, dem
Gesandten mit wenig Höflichkeit zu begegnen. Ägypten hatte Abessinien
schlecht behandelt, Gordon wußte sich daher über den unmanierlichen
Empfang zu trösten.
»Bei der nächsten Audienz aber werde ich meinen sudanischen
Thronsessel mitbringen, sowie einen geeigneten Sitz für den schwarzen
Gnomen.«
Als Alula jedoch verlangte, daß der Gesandte am Fuße des Berges
kampiere und täglich zu ihm hinaufklettere, schlug ihm Gordon dies
rundweg ab; das wisse er im voraus, daß er in diesem Falle dann stets
schlechter Laune zur Audienz kommen würde, was den Verhandlungen
gewiß schädlich wäre. Alula gab dies zu und ließ ihm ein Zelt neben
sich aufschlagen. Als ägyptischer Gesandter war Gordon in der
Feldmarschallsuniform. Die Audienzen führten zu dem Beschluß, daß
Gordon zum König Johannes selbst reisen sollte und daß Alula bis auf
weiteres sich der Feindseligkeiten zu enthalten versprach.
Der König befand sich in Debra Tabor bei Gondar, zwölf Tagereisen von
Gura entfernt. Aber geduldig wie immer, wenn's Arbeit gab, machte
Gordon sich auf den Weg durch ein entsetzliches Land und über die
steilsten Berge »über die Kruste des Erdballs hinschleichend.« Bei
Adowa kam er an der Bergeinöde vorüber, in der Walad el Michael
festgehalten wurde.
»Die Abessinier setzen ihre Staatsgefangenen nämlich auf
unzugängliche Berge, die Amba genannt werden. Es giebt deren drei
verschiedene Arten: erstens solche, die so steil sind, daß der
Gefangene in einem Korb durch einen Flaschenzug hinaufgeschafft wird;
zweitens, andere, die durch einen einzigen Fußweg zugänglich sind;
und drittens solche, deren Höhe auf zwei oder drei Wegen erreicht
werden kann. Auf diesen Amba befindet sich kultivierbares Feld und
auch Wasser. Ein Gefangener kann da existieren und in Vergessenheit
seine Sünden bereuen, bis eine neue Revolution ihn vielleicht auf den
Thron setzt.«
Unterwegs vernahm Gordon, daß ein aufrührerischer Häuptling ihn zu
überfallen gedenke, aber trotzdem gelangte er ungefährdet nach Debra
Tabor. Der König selbst gab zu, daß er auf den denkbar schlechtesten
Wegen zu ihm geführt worden war. Gordon schloß daraus, daß Alula
den Gesandten auf diese liebenswürdige Weise von der Unwegsamkeit
des Landes zu überzeugen hoffte, damit dieser Ägypten von etwaigen
Kriegsgedanken zu heilen vermöchte.
Als er den abessinischen Hof erreichte, wurde er alsbald vorgelassen.
Der König saß auf seinem Thron, neben ihm stand Ras Arya, sein Vater,
der Itagé oder Hohepriester, und ein Stuhl war für den Gesandten
hingestellt. Da ertönten Kanonenschüsse, »das ist Ihnen zu Ehren,«
erklärte der König und bedeutete ihm alsbald, er sei entlassen. Ein
paar erbärmliche, halbfertige Hütten waren das Gesandtschaftsquartier.
Bei Tagesanbruch erscholl das Psalmensingen, das Gordon in Alulas
Lager früher schon vernommen hatte.
Von dieser Audienz hat außerdem folgendes verlautet. Der König saß auf
seinem Thronsessel, und der für den Gesandten bestimmte Stuhl stand
auf niederer Stufe in ziemlicher Entfernung; Gordon hatte den Stuhl
genommen und sich in die Nähe des Königs gesetzt, um ihm begreiflich
zu machen, daß er als Ägyptens Vertreter von der abessinischen
Majestät nicht allzu geringschätzig zu behandeln sei. Da fuhr der
König ihn an: »Wissen Sie nicht, Gordon Pascha, daß ich Sie dafür auf
der Stelle hinrichten lassen kann?« »Gewiß,« sagte Gordon, »ich bin
auch bereit dazu, wenn es des Königs Wille ist.« »Was -- bereit zu
sterben?« rief Johannes entsetzt. »Ich bin immer bereit,« entgegnete
der Pascha ruhig; »der König würde mir durch einen gewaltsamen Tod
sogar einen Dienst erweisen, den meine Religion mir selbst nicht
gestattet, indem ich dadurch von aller Not erlöst würde, welche die
Zukunft mir noch bringen kann.« Da erblaßte Johannes vor Entsetzen.
»Dann hat meine Gewalt keine Schrecken für Sie?!« stammelte er.
»Durchaus keine,« war die kurze Antwort. Worauf der König: »Sie sind
entlassen!«
Die Verhandlungen waren ganz unbefriedigender Natur und mitten darin
erklärte Johannes, er müsse sie abbrechen und Gesundbrunnen trinken,
»ganz +à la mode+,« sagt Gordon; »der Brunnen sprudelt durch
ein Bambusrohr in einer alten Hütte.« Auch dort wurde nichts weiter
erreicht. Johannes hatte vielerlei Begehren: Bogos, Massaua und andere
Städte, dann einen Abuna[13] (Erzbischof) und zwanzig bis vierzig
Millionen Mark, wollte aber seinerseits lediglich nichts einräumen.
Gordon versprach den Abuna, indem er seinen Privateinfluß geltend
machen wolle, aber Bogos und sonstige Ländereien werde Ägypten nicht
abtreten. Er wahrte die ihm anvertrauten Interessen und betrachtete
sich lediglich als des Khedive Sendboten. Johannes glaubte ihm in
persönlicher Weise beikommen zu können. »Sie sind ein Engländer und
ein Christ,« sagte er, worauf ihm Gordon rasch entgegnete: »Hier
bin ich ein Ägypter und Muselmann.« Als der Gesandte seine Bitten
zu Gunsten der Soldaten vorbrachte, wurde Johannes zornig und hieß
ihn seiner Wege gehen. Einen Brief an den Khedive werde er ihm
nachschicken.
Und so begab sich Gordon auf den Rückweg. Der Brief wurde ihm auch
nachgesandt; er lautete folgendermaßen: »Ich habe das Schreiben
erhalten, das Sie mir durch ~jenen Menschen~ sandten; ich will
keinen geheimen Frieden mit Ihnen schließen. Wollen Sie Frieden, so
wenden Sie sich an die Sultane von Europa.« Auf dem Rückweg wurde
Gordon, sei es mit, sei es ohne des Königs besonderen Befehl, von
dessen Vater mit hundert und zwanzig Abessiniern überfallen und
gefangen genommen. Mehrere Tage lang wurde er im Lande hin- und
hergeschleppt und mußte sich viel Widerwärtigkeiten gefallen lassen.
Geld erwies sich als den Schlüssel, der ihn schließlich durchließ; es
kostete ihn achtundzwanzigtausend Mark, Massaua zu erreichen.
»Das durchgemachte Elend lasse ich unbeschrieben,« sagt Gordon,
»Gottlob, es ist vorüber. Zwischen zwei Abessiniern zu schlafen, ist
kein Vergnügen, und so verbrachte ich meine letzte Nacht in diesem
Land.«
Den König Johannes schildert Gordon als einen grausamen,
halbverrückten Menschen.
So endete diese ganz nutzlose Mission, und Gordon kehrte nach
Ägypten zurück. Auch in diesem Jahre (1879) lagen über dreitausend
Kilometer Kamelritt hinter ihm und zwölfhundert hatte er in
Abessinien auf Maultieren zurückgelegt. In den drei Jahren seiner
Oberstatthalterschaft beliefen sich seine Kamelreisen auf etwa
vierzehntausend Kilometer. Abgesehen von den Schwierigkeiten, dem
neuen Khedive zu dienen, war es Zeit, daß er sein Amt niederlegte; der
britische Konsulatsarzt in Kairo fand seine Nervenkraft erschöpft und
ihn auch sonst leidend; die körperliche Übermüdung, die vielen Sorgen
und die ungenügende Nahrung der letzten drei Jahre hatten selbst
einer eisernen Gesundheit, wie der seinigen zugesetzt. Er sollte
nach England zurückkehren und ruhen. Der Abschied von Kairo war kein
angenehmer; es gab noch Verhandlungen mit den Pascha, denen er stets
die Wahrheit sagte. Aber er konnte Ägypten nicht anders machen als es
war; einem der Pascha schickte er zu guterletzt noch telegraphisch
das Wort: »Mene Mene Tekel Upharsin«, und dann schiffte er sich nach
England ein. Mochten die Pascha denken was sie wollten, die Wünsche
von Tausenden geleiteten ihn. Im Sudan blieb er dem Volk in dankbarer
Erinnerung als ~der gute~ Pascha. So lang er da war, waltete
Gerechtigkeit im Land; als er fort war, wußten es die Unterdrückten
nur zu gut, was sie an ihm verloren hatten.
Sechstes Buch.
Zwischenzeit.
Gordon sollte in England der Ruhe pflegen. Das war leichter gesagt,
als gethan. Energischen Naturen ist oft nichts eine größere Last als
das Nichtsthun. Gordons Erholungszeit war eine kurze. England empfing
seinen Helden mit Genugthuung, die Presse sprach von ihm als dem
»ungekrönten König«. Man wußte von seinem heroischen Kampf gegen den
Sklavenhandel, man bewunderte den unscheinbaren bescheidenen Mann,
der waffenlos das Werk einer Armee vollbracht, den Held von Gottes
Gnaden; man ärgerte sich über den Khedive, der seinen besten Diener
so wenig zu schätzen wußte, und man sagte sich, daß wenn ausländische
Einflüsse sich nicht geltend machten, der Sklavenhandel alsbald aufs
neue erblühen werde, da Gordon Afrika den Rücken gewandt habe. Daß
nicht viele Jahre vergingen, ehe das Land in schlimmerer Lage war als
vorher, ist eine bekannte Thatsache.
Im Grunde aber kannte England seinen Helden doch nicht; erst seit
es ihn verloren, hat das Land ihn wirklich schätzen lernen. Daß
man seiner in englischen Diensten nicht zu bedürfen schien, ist
erklärlich, wenn man bedenkt, was für ein Mann er war. Seine Stärke
lag in dem Glauben, der Berge versetzt; höheren Orts mochte er als
eine Art Fanatiker gelten, der nicht überall zu brauchen war: Paule,
du rasest! Auch bei seiner diesmaligen Anwesenheit in England ging
Gordon geflissentlich allen Ehren aus dem Wege; mit wahrer Kriegslist
soll er die Leute umgangen haben, die ihn gern eingeladen und zum
großen Mann gemacht hätten. Er verbrachte mehrere Wochen mit den
Seinen und zog sich dann (im Winter 1880) nach Lausanne zurück. Einen
Sohn seines kurz vorher verstorbenen Bruders nahm er mit sich.
Ein englischer Geistlicher, der ihn daselbst kennen lernte, beschreibt
ihn folgendermaßen: »Der Fremde war von nur mittlerer Größe und
wohl gebaut; sein Gesicht von tiefen Linien durchfurcht; seine
schöne breite Stirn und ein sehr entschlossener Mund schienen auf
ungewöhnlichen Ernst des Denkens, sowie auf praktischen Verstand zu
deuten. Er schien beides, sanft und stark; eine gewisse Weichheit
lag in seiner wohllautenden kraftvollen Stimme und sprach aus seinen
ausdrucksvollen blauen Augen. Nach einiger Zeit redete er mich an,
und da ich leidend war, so erbot er sich mir zur Begleitung auf
kurzen Spaziergängen. Unsere Unterhaltung wandte sich bald auf Dinge
des Glaubens, und die Unmittelbarkeit, die Einfachheit und der tiefe
Ernst, mit dem er sich darüber aussprach, machte einen großen Eindruck
auf mich.« Mehrere Tage vergingen und sein neuer Freund erfuhr zwar
seinen Namen, hatte aber keine Ahnung, daß er es mit dem Gordon Chinas
und des Sudans zu thun habe. Weder sein Gespräch, noch sein Aussehen
verriet es. Als der Geistliche eines Tages in sein Zimmer trat, fand
er ihn über arabischen Dokumenten. »Das sind Todesurteile,« sagte
Gordon aufsehend. »Todesurteile! ei, wer sind Sie denn?« rief der
Geistliche fast entsetzt. »Wissen Sie das nicht?« entgegnete er ruhig;
»ich war Generalgouverneur vom Sudan, und bin es noch dem Namen nach;
indem ich nun diese Schriftstücke unterzeichne, ist's damit zu Ende.«
Gordon stand damals in seinem achtundvierzigsten Jahr.
Nach London zurückgekehrt bot sich ihm neue Arbeit an. Die
Leute trauten ihren Ohren nicht, als sie hörten, der gewesene
Generalgouverneur vom Sudan hätte die Stelle eines Privatsekretärs
unter dem neuernannten Generalgouverneur von Indien, Lord Ripon,
angenommen. Daß er damit sozusagen vom Herrn zum Diener wurde, das
war, sofern es Gordon betraf, nicht das Erstaunliche, denn er schätzte
eine Stellung überhaupt nur, insoweit sie ihm einen Wirkungskreis bot,
Gutes zu schaffen; aber es war ein verfehlter Schritt, und bald genug
sollte er das selbst einsehen.
»In einer schwachen Stunde,« schrieb er, »hatte ich die Stelle
angenommen. Aber kaum war ich in Bombay gelandet, so sah ich auch,
daß ich auf einem solchen unverantwortlichen Posten nicht hoffen
konnte, einen guten Zweck zu erreichen. Überdies war es mir alsbald
klar, daß meine Ansichten mit denen der übrigen Beamten durchaus
nicht harmonierten, und so legte ich die Stelle nieder ... Es war
besser, die Sache rasch vom Zaun zu brechen, noch ehe ich von
Staatsgeheimnissen Kenntnis erhielt, die mich unter diesen Umständen
nichts angingen. Ich hätte ja freilich ein paar Monate bleiben können
und dann einen bösen Finger oder sonst was kriegen, was meinen
Abschied motiviert hätte. Aber die übernommene Arbeit war mir eine so
verhaßte, daß es besser war, sie sofort niederzulegen, um so mehr,
als das Urteil der Welt mir ganz gleichgültig ist ... Es gehört mit
zu den Geheimnissen der Vorsehung, daß wir Menschen manchmal (in
gutem Glauben) Schritte thun und sie alsbald bereuen; so ging es mir,
indem ich diese Stelle annahm.«
Die wahre Erklärung ist die, daß ihm klar wurde, er werde sich nie mit
einer Verwaltung einigen können, die dem reichen Indien große Schätze
entzieht, ja fürstliche Gehälter für englische Beamten, während über
Millionen Hindu ein übers anderemal Hungersnot hereinbricht. Mit
derlei Regierungsresultaten konnte er »durchaus nicht harmonieren«.
Er hat übrigens mit dem ihm eigenen Humor folgendes als Grund seines
Rücktritts angegeben: »Wie kann ich einen Posten bekleiden, auf dem
fortwährend Toilette zu machen ist -- Frack zu Festessen, Frack zu
Soireen, Frack zu Bällen, Frack und Orden, Orden und Frack -- kein
Wunder, daß ich davonlief!«
Er beschäftigte sich als nächstes mit dem Gedanken, sich nach Sansibar
einzuschiffen, um den dortigen Sultan zu einem Unternehmen gegen die
Sklavenhändler zu bewegen, als ihm eine Aufforderung von seinen alten
Freunden in China zuging, sie zu besuchen. Das Telegramm lautete:
»Bitte, kommen Sie und urteilen Sie selbst. Es ist eine Gelegenheit
Gutes zu thun, die benutzt werden sollte. Arbeit, Stellung,
Bedingungen lassen sich gewiß zu Ihrer Befriedigung ordnen, wenn Sie
hier sind. Nehmen Sie sechs Monate Urlaub und kommen Sie!« Die Antwort
des »ungekrönten Königs« war seiner würdig:
»Gordon kommt mit erster Gelegenheit nach Shanghai -- Bedingungen
ihm gleichgültig.«
Seine Regierung zögerte mit dem Urlaub, da man nicht recht wußte,
was zu Grunde lag. Hierauf erklärte er dem Kriegsministerium seinen
Wunsch, aus englischen Diensten entlassen zu werden, und schiffte
sich nach Hongkong ein. Er wußte selbst nicht, was er in China etwa
für Arbeit finden würde -- es war eine Zeit drohender Feindseligkeiten
zwischen den Chinesen und Russen -- das aber wußte er und hatte
es auch seiner Eingabe beigefügt, daß er Friede und nicht Krieg
zu befürworten gedachte. Endlich gewährte man ihm den gewünschten
Urlaub und gab ihm sein Entlassungsgesuch zurück. In Petersburg
war die Aufregung nicht gering, als es bekannt wurde, daß der
»Chinesen-Gordon« nach China unterwegs sei. ~Der~ Mann war ja
eine bedenkliche Verstärkung des Feindes.
In China traf Gordon mit seinem alten Kampfgenossen, dem Staatsmann
Li, zusammen und ließ sich die Sachlage von ihm erklären. Da schien
es ihm abermals das allein Richtige, seine Stellung als englischer
Offizier niederzulegen, um zu Rat und That freie Hand zu haben. Er
telegraphierte nach London:
»Nach Unterredung mit Li-Hung-Tschang wünscht derselbe mein
Hierbleiben. Ich kann China in dieser Krisis nicht im Stich lassen
und wünsche Freiheit, nach Gutdünken zu handeln. Ich bitte daher mein
Abschiedsgesuch zu gewähren.«
Sein Aufenthalt in China war zwar ein kurzer, aber lang genug,
um nicht nur jenem Land, sondern einem ganzen Weltteil einen
unschätzbaren Dienst zu leisten; denn ihm ist es zu verdanken, daß
ein Völkerkrieg zwischen Rußland und China nicht zum Ausbruch kam. Er
war ein Militärgenie, wie es wenige giebt; er hatte es aber längst
gelernt, kriegerische Ehren für nichts zu achten, und freute sich,
einen Einfluß zu besitzen, der einem großen Land den Frieden erhielt.
Er hinterließ außerdem den Chinesen allerlei guten Rat; man hatte dort
nicht vergessen, was man diesem Manne verdankte, und hörte ihn gern.
An Li hatte er jetzt seine Freude. Dieser hatte seit der Taipingszeit
Gordons gute Meinung gerechtfertigt und sich als einen der tüchtigsten
Berater der Regierung im blumigen Land erwiesen. Und was China seither
an Fortschritt erreicht hat, ist sein Werk. Als er den Mann wieder
sah, von dem er so viel gelernt hatte, fiel er ihm um den Hals und
küßte ihn. Der stets siegreiche General ist seither aus dem Kampf
dieser Welt in den »großen Frieden« hinübergegangen, in China aber
ist sein Einfluß, wie Li in jenem Brief sagte, mit seiner Person nicht
verschwunden.
Siebentes Buch.
Bei den Basuto.
Im Winter 1881 finden wir Gordon wieder in England. Die
Zeitungsschreiber fingen an sich zu wundern, was man wohl als nächstes
von ihm hören werde. Das Kriegsministerium hatte auch sein zweites
Entlassungsgesuch nicht angenommen. Er hätte am liebsten schon damals
einen langgehegten Plan ausgeführt und sich im heiligen Lande eine
Zeit der Ruhe gegönnt, aber noch lagen andere Dinge dazwischen. Es
war das Jahr der irischen Wirren. Er machte einen Besuch auf der
Schwesterinsel und fand, daß die niederen Volksschichten daselbst --
aus was für Ursache war ihm gleichgültig -- elender und verkommener
sind als die Armen irgend eines andern ihm bekannten Landes. Der
hoffnungslose Zustand Irlands schnitt ihm ins Herz. Mit seiner
gewohnten Freimütigkeit veröffentlichte er seine Ansichten in der
Times, die von dem Gedanken ausgingen, daß eine Nation, die s. Z.
vierhundert Millionen Mark für die westindischen Neger erübrigen
konnte, ein ähnliches für die Irländer zu thun im stande sein dürfte.
Seine an sich höchst beachtenswerten Vorschläge waren aber viel zu
opferwillig, als daß sie den maßgebenden Kreisen eingeleuchtet hätten.
In gewohnter Weise leerte er seinen eigenen Beutel in Irland und mußte
sich von einem Bekannten in Dublin zur Rückreise nach London aushelfen
lassen.
Um diese Zeit erreichte eine Todesnachricht England, die ihn tief
betrübte: am 30. April 1881 war Romulus ~Gessi~ im französischen
Spital zu Suez nach längerem Leiden gestorben. Der tapfere Italiener
war ein Opfer des Landes geworden, für das er mit Gordon sein Leben
eingesetzt hatte. Kehren wir für einen Augenblick in die Bahr el
Ghasal zurück. Nachdem Gessi dort den Sklavenhändlern den Garaus
gemacht hatte, blieb er daselbst als Statthalter. Nun das Greuelwesen
unterdrückt war, konnte er das fruchtbare Land einen Garten nennen.
Die Schwarzen hielten sich zu ihm und Land und Leute schienen sich
von dem Jammer zu erholen. Gordons Nachfolger in Khartum aber, kein
anderer als jener berüchtigte Rauf, den Gordon früher wegen Tyrannei
zweimal gezüchtigt hatte und in welchem die ägyptische Regierung
ihren Ersatzmann zu erblicken schien, als sie Gordon verlor, machte
es ihm unmöglich, in seiner Stellung zu verbleiben. Am 25. September
1880 legte er sie nieder, als gerade ein Dampfer die Reise nilabwärts
unternahm. Lassen wir ihn das entsetzliche Ende selbst erzählen:
»Zu spät sah ich meine Thorheit ein. Die Grasverstopfungen im Nil
hatten sich aufs neue angehäuft, und das Boot war der schweren Arbeit,
sich durch den Ssett zu ringen, nicht gewachsen. Die Maschine war
eine schwache, nur vierzig Pferdekraft, und durch die Nachlässigkeit
des Kapitäns war sowohl der Holzvorrat als die Zahl der Matrosen
viel zu gering. Die vorhandene Nahrung war für fünfundzwanzig Tage
berechnet, wir waren drei Monate unterwegs; fünfhundertsechzig Seelen
waren an Bord, und obgleich wir Tag und Nacht arbeiteten, war an kein
Vorwärtskommen zu denken. Die Nahrung ging zu Ende. Meine Soldaten
wurden mutlos; weithin nichts als Sümpfe, und Hungersnot in der
schrecklichsten Lage war unser Los. Es waren einige Sklavenhändler
an Bord, die ich sehr gegen ihren Willen nach Khartum mitnahm; diese
verbreiteten die Nachricht, daß ich sechzig Säcke voll Korn versteckt
hielte; ich konnte die Soldaten nur heißen, das Schiff durchsuchen
und essen was sie fänden. Dann behaupteten die Händler, ich hätte
das Korn (vor der Abfahrt) verkauft; Drohungen wurden laut, und von
da an ging ich nur mit geladener Pistole umher. Die Hungersnot nahm
zu. Zuerst wurden die Lederüberzüge der Betten gegessen und dann
das Schuhwerk. Im Fluß fand sich hie und da eine nahrungshaltige
Pflanze, aber leider in geringer Menge. Und zuletzt nährten sich die
Lebendigen von den Toten. Was mich am Leben erhielt, war zuweilen
ein Fisch, den meine Diener mit einem gebogenen Draht fingen. Ein
Nugger begleitete uns, und so lange der Besitzer desselben Nahrung
hatte, teilte er sie großmütig mit mir. Gern wären wir zurückgekehrt,
aber vor uns und hinter uns hatte der Wind die entsetzlichen Massen
zusammengetrieben, und weithin war durch heftigen Regen das Land ein
See. Das Holz gebrach und wir verbrannten ein Boot. Der Tod lichtete
unsere Reihen täglich; zuerst starben die Kinder, dann die Weiber. Der
Truppenbefehlshaber schloß sich in seine Kajüte ein und erwartete sein
Schicksal. Niemand wollte mehr arbeiten; nur der Kapitän, zwei Heizer,
vier Matrosen und der Steuermann unterstützten mich noch. Langsam
brachten wir das Schiff vorwärts, aber es war wenig genug, was wir mit
ausgehungertem Körper leisten konnten. Soweit das Auge reichte, saß
das Boot wie in einer dichten Wiese fest. Überall um uns her lagen die
Toten; niemand rührte einen Finger, die Leichen zu entfernen. Die Luft
war verpestet und das Wasser auch. Aasvögel waren unsere Gäste. Von
den fünfhundertfünfzig Seelen, welche die Reise antraten, waren nach
zwei Monaten noch hundert übrig -- hundert Skelette, nicht menschliche
Körper. Am letzten Tag des Jahres machte ich mein Testament und
legte es auf den Tisch in meiner Kajüte. Nach zwei Tagen hörte ich
Schüsse, es war ein Signal des Dampfers »Bordeen« von Khartum.
Unsere Abreise dorthin war telegraphisch gemeldet worden; aber der
Generalgouverneur besann sich lang, bis er uns Hilfe entgegenschickte.
Der »Bordeen« hatte eine tüchtige Maschine und schleppte uns bald
durch den Ssett. Auf dem uns erlösenden Dampfer fanden wir eine Bande
von Sklavenhändlern, die landaufwärts wollten, um aufs neue ihre
Menschenjagd zu beginnen: neues Elend, Raub, Mord und Qualen jeder Art
erwartete die armen Stämme, die kaum angefangen hatten, aufzuatmen.
Um ein bißchen Elfenbein zu erlangen, sollte wieder Blut in Strömen
fließen. An einer Station fanden wir eine Herde gestohlener Ochsen
und tausend Sklaven. Die Händler, die sich wie Heuschrecken von allen
Seiten her einfanden, kauften die Armen und trieben sie vor sich her.«
Gordon wußte nur zu gut, daß menschlich geredet sowohl er als Gessi
vergeblich gearbeitet hatte. Auf seinem Weg nach Mauritius kehrte er
in Suez ein und besuchte das Grab seines Kampfgenossen.
Gordons nächster Aufenthaltsort nämlich war die Insel Mauritius; er
begab sich dahin als Ingenieur-Kommandant. Einer seiner Mitoffiziere
war zu dem Posten ausersehen, fand sich aber aus Familienrücksichten
bewogen, einen Ersatzmann zu suchen, was nicht gegen die englische
Militäreinrichtung verstößt. Jeder andere hätte sich mit der auf diese
Weise übernommenen Stelle einer schönen Geldentschädigung erfreut.
Gordon machte hiervon eine Ausnahme; ihm genügte es, einem andern
einen Gefallen zu erweisen. Die zehn Monate, die er auf der schönen
Insel verbrachte, waren äußerlich eine stille und friedliche Zeit für
ihn. Berufsmäßig machte er verschiedene Vorlagen zur Beherrschung des
indischen Ozeans. Er besuchte die Seyschellen, deren Schönheit ihn so
entzückte, daß er schrieb: »Ich habe den Ort gefunden, wo einst der
Paradiesgarten war!« Seines Erachtens sind diese Inseln die Überreste
eines versunkenen Landes. Im März 1882 wurde er Generalmajor, und im
folgenden Monat begab er sich ans Kap.
Die Verbindung zwischen der Insel Mauritius und der Kapstadt ist
keine sehr rege, aufs nächste Passagierboot hätte er wochenlang
warten müssen, das paßte nicht in Gordons Plan, er benutzte deshalb
ein kleines Frachtsegelschiff, das zufällig in Mauritius vor Anker
lag. Von dieser Reise, die einen vollen Monat in Anspruch nahm,
liegt ein hübscher Bericht vor. Der Kapitän, ein Schotte, führte ein
Tagebuch, in welchem allerlei Charakteristisches über Gordon seine
Stelle fand. So z. B. war Gordon, der sich auf vier Uhr nachmittags
angesagt hatte, erst um Mitternacht erschienen; er habe erfahren,
sagte er, daß man ihm in der Stadt ein Abschiedsfest zugedacht
hatte, er hasse dergleichen, habe daher am Morgen einen heimlichen
Ausflug aufs Land unternommen und sei erst bei Nacht und Nebel
zurückgekehrt. Am andern Vormittag war der zur Abfahrt sich richtende
Schoner nichtsdestoweniger von Gordons Freunden umlagert, die ihn
nicht fortließen, ohne ihm Lebewohl zu wünschen, und zwar waren diese
»Freunde« keineswegs nur seine Mitoffiziere oder Notabilitäten
der Stadt, vielmehr Arme, denen er gewohntermaßen Gutes gethan,
und Kinder! Unter den Kleinen, die ihm da ihre Anhänglichkeit
bekundeten, war ein Büblein, das Gordon der Schiffsmannschaft
als »mein Lieblingsschäfchen« vorführte. Das Bübchen brachte dem
berühmten Mann als Abschiedsgabe zwei Flaschen Wein, die Gordon mit
dem freundlichsten Lächeln von der Welt annahm, aber nicht selbst
trank; er soll selten ein Glas Wein getrunken haben. Kindern und
großen Kindern, d. h. Eingebornen, hat er allem nach seine beste Liebe
zugewandt. Der Generalgouverneur von Sudan hat sich mehr denn einmal
unter seine Schwarzen auf den Boden gesetzt und mit Thränen in den
Augen angehört, was sie ihm aus ihrem Leben erzählten. Kein Wunder,
hatte er solche Macht über sie! Einer englischen Dame, die er einst
in ihrer Kinderstube traf, sagte er: »Sie können wohl nichts im Leben
schwer nehmen mit diesen kleinen Geschöpfen um Sie her.« Man fragt
unwillkürlich, warum ging dieser Mann ~allein~ durchs Leben? Die
Gattin des Kapitäns auf jener Reise, die ihren Mann auf seinen Fahrten
begleitete, wagte eines Tages die Frage an ihren Gast, warum er sich
denn nicht verheiratet habe. Gordon schwieg ein paar Augenblicke,
dann sagte er langsam: »Ich habe nie eine kennen gelernt, die aus
Liebe zu mir bereit gewesen wäre, die Annehmlichkeiten des heimischen
Herdes und vielleicht liebe Verwandte zu verlassen, um mich dahin
zu begleiten, wohin die Pflicht mich ruft, vielleicht mit raschem
Entschluß ans Ende der Welt, eine, die bereit gewesen wäre, Gefahren
und Schwierigkeiten mit mir zu teilen, vielleicht mich zu stärken in
Stunden der Not. Solch eine habe ich nie kennen gelernt, und nur eine
solche könnte mein Weib sein!«
Darauf ist nichts weiter zu sagen.
Gordon litt sehr an Seekrankheit auf dieser Reise, und wollte
mehrmals ans Land gesetzt sein. Der Kapitän schreibt darüber in sein
Tagebuch: »Wie viel verschiedene Arten von Mut muß es doch geben!«
Ihn wunderte, daß den tapfern Gordon, doch gewiß ein mutvoller Mann
sondergleichen, die Seekrankheit so anfocht. Nach überstandenem Jammer
war es aber wieder Gordon, welcher aller Herzen auf dem Schiff gewann,
der kranken Matrosen wartete (es gab allerlei Krankheit an Bord)
ihnen vorlas und Stückchen aus seinem Leben erzählte. Dem Kapitän
gestand er eines Tags, tausend Mark sei zur Zeit sein ganzer irdischer
Besitz, und diese Summe hatte er dem Schotten angeboten, wenn er den
Kurs ändere und ihn ans Land setze. Unter seiner »fahrenden Habe«
befand sich eine Kiste, über deren Inhalt der Kapitän und seine Frau
vergeblich sich den Kopf zerbrachen: sie war voll Holz »vom Baum der
Erkenntnis des Guten und Bösen«, wie Gordon gelegentlich versicherte;
auf den Seychellen-Inseln wachse nämlich ein merkwürdiger Baum,
der sonst auf der ganzen Welt nicht anzutreffen sei, das müsse der
Baum des Paradieses sein. Die Stücke Holz, die er mit sich führte,
schätzte Gordon darum über alles! Diese zuversichtliche Idee wird
seinem »wahren Gottesdienst« keinen Eintrag gethan haben. Die
Schiffsmannschaft, die an jener Kiste ungläubig vorüberging, sah
Gordon auch mit seiner Bibel auf Deck, oft stundenlang in Gedanken
versunken, den Blick wie träumend aufs weite Meer geheftet. In solchen
Stunden wird das in ihm gewachsen sein, was ihn zum mutvollen Mann und
Helden von Khartum gemacht hat.
Das südafrikanische Stück seiner Laufbahn ist als ein fruchtloses
bezeichnet worden, aber mit Unrecht; es sind nicht immer die äußeren
Erfolge, die den Wert einer Sache ausmachen. Der selbständige und
selten großmütige Charakter des Mannes tritt nie klarer zu Tag, als in
diesen kurzen Monaten seines sogenannten Mißlingens.
Es ist bekannt, daß die Engländer seit einer Reihe von Jahren sich
sowohl mit den Boeren als auch mit den Eingebornen von Südafrika
überworfen hatten; verschiedene Kriege sind die Folge gewesen. Es
war besonders einer derselben, der Gordons Interesse erregte. Schon
im Frühjahr 1881 telegraphierte er an den Minister des Kaplandes:
»Der ›Chinesen-Gordon‹ bietet seine Dienste auf zwei Jahre an, um
Basutoland zu beruhigen,« d. h. den Krieg zu beendigen und die Basuto
im Wege der Verwaltung zu friedlichen Verhältnissen zurückzubringen.
Dieses Anerbieten blieb vorläufig unbeantwortet. Ein Jahr vorher
hatte die Regierung ihm die Befehlshaberschaft der Kaptruppen mit
einem Gehalt von dreißigtausend Mark angeboten, welchen Posten er
als einen rein militärischen abgelehnt hatte. Im Frühjahr 1882 nun,
als die Lage im Basutoland zu einer ernsten sich gestaltet hatte,
sprach man ihm telegraphisch den Wunsch aus, sein Anerbieten annehmen
zu wollen. Lediglich im Gedanken, daß er Gutes wirken könnte,
war er alsbald bereit, sich den Basuto zu widmen, und setzte mit
charakteristischer Selbstlosigkeit seinen Gehalt auf etwa die Hälfte
der angebotenen Summe herunter, »weil die Verhältnisse des Kaplandes
mehr nicht rechtfertigten!« Als er aber nach seiner unerquicklichen
Segelschiffreise die Kapstadt betrat, übertrug man ihm gerade jenen
Oberbefehlshaberposten über die Kolonialtruppen, den er zwei Jahre
vorher von England aus abgelehnt hatte, während er doch gekommen war,
sich der Basutofrage anzunehmen. Es scheint, daß ein anderer damit
beschäftigt war, die Angelegenheiten der Basuto zu verwalten oder
mißzuverwalten, und daß die Regierung den Mut nicht hatte, jenen
andern zu entfernen. Gordon ließ sich's in der Hoffnung gefallen, daß
die Umstände ihm den Weg bahnen würden. Es dauerte auch nicht lange,
so gestaltete sich die Grenzlage zu einer so drohenden, daß man ihn
beauftragte, sich durch eigene Anschauung hinsichtlich der Überfälle
der Boeren und der Unruhen im Basutoland zu orientieren. Das war im
Juni.
Die Basuto sind ein interessanter Zweig der Kafferrasse, und zwar
der volkreichste und vorgeschrittenste, letzteres aus dem einfachen
Grund, weil das Christentum bei ihnen Eingang gefunden hat. Vor etwa
fünfzig Jahren hatte der Stamm einen Oberhäuptling Namens Moschesch,
auch »Herr des Berges« genannt, weil er einen Berg mit einer kleinen
Festung versehen hatte, die ihm und seinen Getreuen als Zuflucht
im Krieg dienen sollte. Die andern Stämme und selbst seine eigenen
Häuptlinge verwickelten ihn oft in Kämpfe; er selbst aber, obschon
tapfer und furchtlos, war ein friedliebender Mann. Er hatte von
+Dr.+ Moffat und anderen Missionaren gehört, die in benachbarten
Gegenden und besonders unter den Korannas arbeiteten, welcher Stamm,
von Natur ein kriegerischer, sich neuerdings friedlich verhielt.
Da schickte er dem Häuptling der Korannas eine Anzahl Ochsen zum
Geschenk mit der Bitte, ihm dafür »einen Beter zu senden, der die
Basuto in der Religion unterrichten könne, welche die Leute friedlich
stimme.« Evangelische Missionare aus Paris, die nicht lange vorher in
Südafrika angekommen waren und einen Wirkungskreis suchten, hörten
davon und besetzten das neue Arbeitsfeld. Moschesch empfing sie mit
Freuden und bestimmte selbst den Platz für ihre erste Station, am Fuß
seines Festungsberges. Moschesch lebte bis 1870. Vor seinem Scheiden
glaubte er Anzeichen einer besseren Zukunft für sein Land und Volk zu
erblicken. Eins seiner letzten Worte an die Missionare war: »Lasset
mich zu meinem Vater gehen, ich bin schon ganz bereit dazu!« Sein
letzter Wille lautete: »Laßt die Missionare nicht müde werden, mein
Volk zu unterrichten, besonders aber meine Söhne.«[14]
Schon vorher hatten sich die Basuto im Pitso (jährliche
Volksversammlung) mit Begeisterung für »unsere Mutter die Königin
von England erklärt.« Man kann es nur bedauern, daß die britische
Kolonialpolitik dieses Volk gegen seinen Willen von der Kapstadt
aus regiert haben will. Sie hatten sich freiwillig der englischen
Regierung unterstellt unter Vorbehalt ihrer Rechte. Sie entrichteten
eine Kraalsteuer und waren es zufrieden, daß britische Beamten im
Land weilten. Indem aber ihr Wohlstand wuchs und ihre Zahl zunahm,
verdoppelte und verdreifachte sich die Steuer; anstatt nun den
Ertrag derselben zum Besten des Landes zu verwenden, bereicherte
derselbe vertragswidrig den Säckel der Kapregierung. Aber das allein
war's nicht, was die Basuto aufbrachte. Bekanntlich sind vor etwa
zwanzig Jahren ergiebige Diamantenfelder in Südafrika entdeckt
worden. Die Basuto strömten herzu, um als Taglöhner in den Gruben
zu arbeiten; statt in Geld bestand ihre Löhnung aber in Flinten
und Schießbedarf, ohne Zweifel ausgediente Militärwaffen, welche
die Eigentümer der Felder billig gekauft hatten. Die Kapregierung
wußte um diese Waffenverbreitung, ja sie hatte dieselbe genehmigt.
Auf diese Weise erlangten die Basuto beträchtlichen Kriegsbedarf.
Nach zehn oder zwölf Jahren entdeckte die Kapregierung das Mißliche
dieser Sache und erließ ein Entwaffnungsgesetz, die Basuto sollten
die Waffen ausliefern, welche sie durch ihrer Hände Arbeit und mit
dem Vorwissen der Regierung redlich erworben hatten! Es war eine
Ungerechtigkeit sondergleichen, und die Basuto verweigerten den
Gehorsam. So verwickelte sich die Kapregierung in einen Krieg, an
dem sie allein die Schuld trug und in welchem sie einen Vorteil
fürs nächste nicht erringen konnte. Das war die Sachlage, als sie
Gordon berief, der wie überall so auch hier mit seinem gerechten Sinn
alsbald auf den Grund sah. Er verfaßte einen Bericht, in welchem er
es unumwunden als seine Meinung erklärte, daß die Basuto weniger zu
tadeln wären als die Kapregierung; diese habe vor allen Dingen ihr
Unrecht gut zu machen und dann erst könne sie die Basuto zum Frieden
mahnen; übrigens liege der Hauptfehler darin, daß man die Basuto gegen
ihren Willen der unmittelbaren Regierung Englands entzogen und sie
der mittelbaren der Kapregierung unterstellt habe. Er schlug vor,
diesen Fehler dadurch gut zu machen, daß man die Basuto-Häuptlinge
zusammenberufe und die Bedingungen ihrer Unterwerfung unter die
Kapregierung mit ihnen berate. Außerdem riet er dringend, die loyale
Gesinnung der Basuto dadurch zu ehren, daß man ihnen das Bewußtsein
der unmittelbaren Verbindung mit England zu erhalten suche, indem
man einen Bevollmächtigten der britischen Krone in Basutoland wohnen
lasse. Man gab ihm keine Antwort.
Die Mißhelligkeiten zogen sich hin, aber Gordons wärmste Teilnahme war
auf Seite der »feindlichen« Eingebornen, wie aus folgender Depesche
ersichtlich ist:
»Es ist mir unmöglich, gegen Stämme zu kämpfen, gegen die
meines Erachtens ungerecht verfahren wird. Der Sekretär für die
Angelegenheiten der Eingebornen hat das Unrecht zugestanden, aber
ein solches Zugeständnis allein genügt meinem Gewissen nicht.«
Es kann hiernach nicht wunder nehmen, daß Gordon nach wenigen
Monaten seine Stelle niederlegte. Ehe er jedoch vollständig mit der
Kapregierung brach, wurde er aufgefordert, als ~Privatmann~ nach
Basutoland zu gehen und mit dem Häuptling Masupha zu verhandeln. Er
nahm die Sendung an und ging allein und unbewaffnet. Daß er unversehrt
zurückkam, ist ein Wunder; denn während Gordon als Friedensbote bei
den Basuto verweilte, benutzte ein Kapminister die Gelegenheit,
einen andern Häuptling gegen Masupha aufzuhetzen. Es ist lediglich
Gordons persönlichem Einfluß zuzuschreiben, mit dem er stets das volle
Vertrauen der Eingebornen zu gewinnen wußte, daß er aus dieser Lage
unversehrt hervorging. Masupha sah, daß sein Gast an diesem Verrat
keinen Anteil hatte, und ließ es ihn nur mit verdoppelter Hochachtung
entgelten. Wenn solche Dinge in Südafrika seitens der Regierung
vorfallen, dann kann man sich nur mit Gordon auf Seite der Eingebornen
schlagen. Daß er daraufhin seinen Abschied einsandte und bei seiner
Abreise nach England die Kapstadt links liegen ließ, ist nicht mehr,
als von ihm zu erwarten war.
Als Beweis, wie wichtig es ihm erschien, die Basuto auf
freundschaftlichem Wege bei ihrer Loyalität zu erhalten, bot er sich
selbst an und war willens, sich zwei Jahre lang um den geringen Gehalt
von sechstausend Mark bei dem Häuptling Masupha niederzulassen. Es war
ein Opfer der Uneigennützigkeit, dessen man jedoch entbehren zu können
glaubte. Zum Schluß noch seine Abschiedsrede an die Basuto, die ihn
durchaus als den gebornen Beherrscher von Eingebornen, ja als einen
Hirten der schwarzen Herde kennzeichnet:
»Als ein Freund der Basuto bin ich hier; ich habe mich als ihr Freund
erwiesen, denn als man mich als Feind schicken wollte, um sie zu
bekämpfen, weigerte ich mich zu kommen. Nun ich aber hier bin, möchte
ich den Basuto Gutes thun. Die Basuto sind zum Rechten geneigt. Ich
frage den Häuptling und sein Volk: Wie kann Basutoland für die Basuto
erhalten bleiben? Und ich sage, daß die (britische) Regierung es
wohl meint mit dem Land. Die Königin wünscht nicht, daß die Kolonie
den Basuto ihr Land nehme; aber sowohl die Kolonie, als die Königin
fürchten, daß die Basuto von den Boeren aufgegessen werden, wenn sie
sich von ihnen zurückzieht. Ich mag die Boeren gut leiden, sie sind
tapfer und wollen unabhängig sein; als sie kämpften, war es für ihre
Freiheit. England hätte sie schlagen können, aber es wäre unrecht
gewesen. Was aber glauben die Basuto, daß den Boeren lieber ist --
die Basuto oder ihr Land? Ihr Land meine ich wohl. Wenn nun die
Kolonie dieses Land sich selbst überließe, so hätten die Basuto bald
Not mit den Boeren und es gäbe Krieg. Ich blicke zehn Jahre voraus
und sehe boerische Anpflanzungen hier: das gefällt mir nicht, es
gefällt der Kolonie nicht, und der Königin nicht, und dem Basuto gar
nicht. Deshalb sage ich zu den Basuto: haltet euch an die Regierung.
Sagen die Basuto: Wir sind stark und können uns wehren und brauchen
niemand über uns, und wollen keine Steuern zahlen, so antworte ich:
mir persönlich ist es einerlei, ob sie Steuern zahlen oder nicht. Ich
kann sie nicht dazu zwingen. Aber mein Herz ist betrübt, wenn ich
an die Basuto denke. Ich sehe die Boeren hier, wie sie das Land an
sich reißen. Ich versetze mich in Masuphas Lage und frage mich: was
ist das Beste für mein Land und mein Volk. Ich weiß wohl, daß es in
Basutoland Leute giebt mit zwei Zungen. Ich aber denke, daß einer mit
~einer~ Zunge die Wahrheit spricht. Ich glaube, daß Gott euch
zu Christen gemacht hat. Ihr seid Schafe unseres Herrn Jesu und Er
hat euch lieb. Wenn die Boeren euch aus eurem Lande verdrängen, so
ist es mir kein Verlust und kann uns allen gleichgültig sein, sobald
wir einmal begraben sind. Darin aber wünsche ich, daß die Basuto mir
folgen. Habt alle nur ~eine~ Zunge. Ich kann mich nicht schwarz
machen; ich kann den Masupha und sein Volk nicht zwingen zu thun,
was mir gut scheint, ich überlasse es dem Herrn Jesus, der alles
recht macht. Das ist's, was ich euch sagen wollte: thut, was euch
gut dünkt, aber überlegt es wohl, und bittet Jesus um Rat.«
Achtes Buch.
Gordons Christentum.
Eine Zeit der Ruhe war endlich für Gordon gekommen: er verbrachte sie
nicht »im Bett bis Mittag« und dann mit »Austernessen«, wie er's im
Sudan einmal scherzweise als sein Ideal hingestellt hatte, sondern er
nahm seine Bibel und seine Meßinstrumente und ging nach Jerusalem, um
die Topographie der heiligen Stätten zu erforschen. Und zwar that er
dies ebenso sehr mit dem geschulten Auge des Ingenieurs, als mit dem
gläubigen Herzen des Christen. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen
waren originell, wie alles an diesem Mann. Seinen eigentümlichen
Ideen über Dinge, die er in Jerusalem gesehen, kann zwar nicht jeder
folgen; sie sind zum Teil absonderlich; der lebendige Glaube aber, der
dabei sein Herz erfüllt, ist ein leuchtendes Vorbild für uns alle.
Der Bischof von Derry sagt schön: »Gordon ist zwar kein berufsmäßiger
Theologe, aber er ist etwas viel Besseres; und ich meinesteils würde
mich scheuen, einen zu kritisieren, an dem ich in jeder Hinsicht nur
hinaufsehen kann, selbst wenn ich seiner Beweisführung nicht immer
vernunftmäßig beizutreten im stande bin. Er ist uns allen ein Vorbild
des Glaubens an den lebendigen Gott.«
Vier Punkte waren es hauptsächlich, die Gordon beschäftigten; erstens
der wirkliche Ort der Kreuzigung; zweitens die Grenzlinie zwischen
den Stämmen Benjamin und Juda; drittens die Frage, wo die Hebroniter
wohnten, und viertens die Lage des Gartens Eden. Wie einer von Gordons
englischen Biographen treffend bemerkt, ist's der gläubige Christ
und der Mann vom Sappeur-Korps, den wir hier in einer eigentümlichen
Verschmelzung von Mystizismus und mathematischem Vermessungstrieb
begegnen; für den einsichtsvollen Kritiker ist es interessant, Gordons
originellen, wenn gleich etwas seltsamen Gedanken zu folgen. Wir
begnügen uns mit nachgehendem von mehr allgemeinem Wert.
Gordon hat in Palästina fleißig mit der Feder hantiert und im Laufe
eines Jahres mehrere Tausend Briefseiten nach England geschickt.
Etliche seiner Freunde, insbesondere jener Geistliche, den er in
Lausanne kennen gelernt hatte, stellten dann aus diesen Briefen ein
Büchlein: »Betrachtungen in Palästina« (London 1884) zusammen, das
mit seinem Wissen und Willen bald nach seiner Abreise nach Khartum
veröffentlicht wurde. Die Herausgabe des kleinen Buches war eine Art
Vermächtnis, denn es ist bekannt geworden, daß Gordon die letzte
Reise nach Khartum mit dem bestimmten Vorgefühl antrat, er werde
England nicht wieder sehen. Von dem Büchlein hoffte er, es möchte
»manchen Gläubigen zu neuen Gedanken anregen und dazu beitragen,
daß Gottes Wohnungmachen in uns mit mehr Klarheit erfaßt werde.
Das ist das große Geheimnis (Ps. 25). Er schuf uns, um ein Haus --
einen Tempel -- zu haben, in dem Er wohnen kann. Ohne uns ist er
wohnungslos. Er bedarf unser, und wie sehr bedürfen wir seiner! Es ist
mir ein Trost in meiner Schwachheit hier (in Khartum 3. März 1884)
zu wissen, daß Er alles leitet, und es ist die reinste Meuterei, im
Herzen oder gar mit der That gegen Seine Führung sich aufzulehnen.
Möge Sein Name verherrlicht werden; möge dieses arme Volk hier
gesegnet und getröstet werden; möge ich selbst gedemütigt werden,
damit ich die Gegenwart Seines Geistes in meinem Herzen um so gewisser
erfahren darf! Das ist mein ernstliches Gebet.«
Gordon ging weiter als die meisten Christen, die sozusagen damit
zufrieden sind, daß Christus für sie genug gethan hat. Er suchte
Wachstum und fand die Heiligung in der Gemeinschaft mit Gott in
und durch Jesus. Daher erkannte er in den Sakramenten den von Gott
verordneten Weg, dieses große Ziel zu erreichen. Nicht, daß er in
der heiligen Taufe und im heiligen Abendmahl den ~einzigen~ Weg
erblickte, auf dem Gottes Gnade dem Sünder zu teil werden kann, aber
er verkündet ihren hohen Wert als wesentliche Bestandteile des Heiles
und des christlichen Glaubenslebens. Ihm steht es fest, daß jeder
Christ, Mann, Weib oder Kind, zur Priesterschaft Gottes berufen ist,
und daß die Glieder der wahren Gemeinde selbst vor den Engeln durch
die Gegenwart des heiligen Geistes ausgezeichnet sind, ja, daß sie wie
beim Pfingstfeste des heiligen Geistes voll werden können.
Was die nachfolgende Übersetzung von Gordons Ansicht über die
Sakramente anlangt, so machen wir nochmals darauf aufmerksam, daß
wir es mit einem Teil der aus seinen Briefen zusammengestellten
»Betrachtungen« zu thun haben, also mit seinen eigenen von Freunden
zusammengetragenen Worten. Er ist daher nicht gerade für die
Zusammenstellung verantwortlich, doch hat er von Khartum aus die
ihm mitgeteilten Korrekturbogen gebilligt. Aus diesem Grund ist das
Nachstehende auch nicht als eine erschöpfende Betrachtung anzusehen,
wohl aber sind es tiefe Gedanken, die für den deutschen Leser um so
merkwürdiger sind, als weder die Wiedergeburt in der heiligen Taufe,
noch die wirkliche Gegenwart des Leibes und Blutes Jesu Christi im
heiligen Abendmahl im allgemeinen von den englischen Christen geglaubt
wird.
Die heilige Taufe.
Die Taufe geht dem heiligen Abendmahl voraus; ihr Vorbild muß daher
auch in der Geschichte der ersten Menschen dem Essen der verbotenen
Frucht voraus gehen.
Das Essen des Leibes und Blutes (Brot und Wein) im Sakrament dient
zur Ernährung und Belebung des neuen Menschen. Es bedingt sichtbare
Gestalt und äußerliche Handlung. Es schließt ein die Handlung eines
Wiedergeborenen. Die Taufe wird Wiedergeburt genannt. Sie ist das
Siegel der Einverleibung in den Leib Christi, die Kirche; sie wird
auch ein Begrabenwerden und Auferstehen genannt, ein Ablegen des
fleischlichen Leibes (Kol. 2, 11-12).
Adams Geschichte besteht aus Geschaffenwerden, Essen, Tod. Die
heilenden Sakramente, Taufe und Abendmahl, sind die Fortsetzung dieser
Geschichte. Nach dem Genuß der verbotenen Frucht war der Mensch tot in
Übertretung und Sünde, von Gott getrennt und daher der innewohnenden
Gegenwart des heiligen Geistes verlustig. Die Taufe ist das Sakrament,
das den toten Menschen belebt -- seine Auferweckung; der Genuß des
Abendmahls erhält ihn am Leben.
Durch das verbotene Essen verfiel der Mensch dem Tode; die Taufe
erweckt ihn aus dem Tode und das heilige Abendmahl nährt ihn vom Baum
des Lebens.
In der Taufe wird ein Element -- Wasser -- eine materielle Substanz
mit des Menschen Leib in äußerliche Berührung gebracht; im Abendmahl
werden die Elemente, Brot und Wein, in des Menschen Leib aufgenommen.
Im Essen liegt die Verbindung des heiligen Abendmahls mit dem Baum der
Erkenntnis des Guten und Bösen.
Im Wasser liegt die Verbindung der Taufe mit einem vorsündlichen
Ereignis, und dieses Ereignis ist die Schöpfung. Die Geschichte
des Menschen ist Geschaffenwerden, Essen, Tod; Auferstehung oder
Neuschaffung oder Wiedergeburt, Essen und ewiges Leben. In der
Schöpfung müssen wir daher die Erklärung der Taufe suchen. »Im Anfang
schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer und der
Geist Gottes schwebete auf den Wassern.«
Durch das Wort Gottes wurde die Erde aus den Wassern gerufen. Das ist
die Schöpfung, und wie des Menschen Leib aus Erde gemacht ist, so darf
man sagen, daß er aus den Wassern hervorgerufen worden ist durch das
Wort Gottes, durch den heiligen Geist.
Hierin liegt die Analogie zwischen der Schöpfung, dem Ruf ins Leben,
und der Taufe. Die Erde war tot sozusagen bis sie ins Leben gerufen
wurde. So ist der Mensch tot sozusagen bis er wiedergeboren wird.
Der Zustand der Erde vor der Schöpfung war ein ~toter~. Der
fleischliche Mensch ist ~tot~. Der Zustand der Erde vor der
Schöpfung war gleich dem Zustand des Menschen, als der Engel ihn aus
dem Garten trieb.
Was Gottes Wort durch den heiligen Geist an der Erde vollbrachte, als
es wüste, leer und finster auf der Tiefe war, das muß am fleischlichen
Menschen vollbracht werden, ehe er leben kann. Durch den Ruf Christi
und die Arbeit des Geistes kommt er zur Erkenntnis, daß er in einem
Zustand der Sünde und Finsternis tot ist; und das äußere Zeichen
solcher Erkenntnis ist, daß er getauft, bildlich untergetaucht wird
ins Wasser, das seine Rückkehr ins Nichtssein bedeutet und somit die
Neuschaffung ermöglicht.
Und wie die Erde einst mit Wasser bedeckt und tot war, so bedeckt die
Taufe den Menschen bildlich mit Wasser, um seinen Tod anzudeuten, um
öffentlich zu bezeugen, daß er den Tod als seinen Lohn anerkennt; und
wie die Erde als eine neue Schöpfung aus dem Wasser hervorging, so ist
der Mensch nach der Taufe eine neue Kreatur und dazu geschickt, vom
Baum des Lebens im heiligen Abendmahl sich zu nähren.
Ich sage damit nicht, daß die Taufe als äußerliche Handlung den
Menschen vom Tod errettet, wie ich auch nicht sage, daß das Abendmahl
einem andern als dem gläubigen Empfänger ein Genuß zum Leben ist. Die
Taufe ist ein Auferstehen vom Tod, und das Abendmahl ist ein Genuß
zum ewigen Leben. Die Taufe an sich macht den Menschen nicht zum
Christen. Wer nicht vorher ein Christ ist, der wird es nicht durch
die Taufhandlung. Nach Röm. 4, 10. 11 war die Beschneidung das Siegel
eines Bundes, dem Abraham durch den Glauben schon angehörte; ebenso
ist die Taufe das Siegel eines bereits bestehenden Bundes, welcher ist
ein Bund des Glaubens und des Innewohnens des heiligen Geistes.
Und wie der Gläubige im Abendmahl des Leibes und Blutes Christi
teilhaftig wird, so wird der Gläubige in der Taufe aus dem Tod
erweckt, er empfängt im Wasserbad die Vergebung der Sünde und die
Einwohnung des heiligen Geistes, der schon an ihm gearbeitet hat; denn
wie könnte er glauben, wenn der heilige Geist seine Seele nicht in den
Stand setzte, zu bekennen, daß Jesus der Herr ist!
Ich hebe es noch einmal hervor, daß 1) in der heiligen Taufe das
Element des Wassers mit dem Körper in äußerliche Berührung gebracht
wird; daß 2) im heiligen Abendmahl Brot und Wein in den Körper
aufgenommen werden; daß 3) das heilige Abendmahl in dem ersten Essen
(der verbotenen Frucht) sein Gegen- und Vorbild hat und daß es 4)
höchst wahrscheinlich ist, daß das andere Sakrament, die Taufe, in
analoger Weise auf ein vorsündliches Ereignis sich bezieht. Mir ist
schon lange der Gedanke gegeben worden, daß das dritte Kapitel des
Evangeliums Johannes so zu verstehen ist, daß zwischen der natürlichen
und der neuen Geburt ein Sterben liegt. Nikodemus verstand das nicht
(V. 4), so klar es scheint. Er meinte, daß das Fleisch geheilt und für
den Himmel geschickt gemacht werden könnte. Es war ihm unverständlich,
daß der natürliche Mensch, weil getrennt von Gott, wirklich tot ist.
Die Taufe ist also ein offenes Bekenntnis, daß der natürliche Mensch
hoffnungslos schlecht und tot ist und nichts Gutes zu thun vermag; und
daß sie bildlich ein Begrabenwerden des natürlichen Menschen und eine
Neuschaffung oder Auferstehung vom Tod enthält. Im Abendmahl verkünden
wir Christi Tod; die Taufe verkündet, daß der Mensch im natürlichen
Zustand tot ist und vom Tod erstehen muß. Ein neugeborenes Kind ist
tot in Gottes Augen, die Eltern aber, die es im Glauben zur Taufe
bringen, empfangen (an seiner Statt) die Verheißung.
Ich kann nicht umhin, dafür zu halten, daß beide, die Taufe und
das heilige Abendmahl, mit des Menschen Leib zu thun haben, denn
die Elemente in beiden Fällen sind von dem Leib nicht zu trennen.
Die Elemente werden in der Taufe äußerlich, im Abendmahl innerlich
angewandt.
Der aber ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist, auch ist das
nicht eine Beschneidung, die auswendig im Fleische geschieht (Röm.
2, 28. 29). Und ebenso bei der Taufe: der Mensch ist nicht darum ein
Christ, weil er getauft ist. Kann einer nicht glauben ohne getauft
zu sein, und kann in diesem Fall sein Nichtgetauftsein nicht als
Getauftsein angesehen werden? Es giebt viele Stellen in der Schrift,
die es klar zeigen, daß die Taufe an sich ohne Glaube kein nütze ist;
und daraus erkennen wir, warum viele, die getauft sind, den heiligen
Geist nicht haben.
Meiner Meinung nach hätten sich die Ausleger, welche über Taufe und
Abendmahl geschrieben haben, manchen Irrweg gespart, wenn sie die
drei ersten Kapitel des ersten Buches Mose besser erwogen hätten. Mir
hat es seit Jahren Gedanken gemacht, was von der Taufe zu halten ist,
doch ist es mir schon vor etlichen Jahren klar geworden, daß zwischen
zwei Geburten ein Tod liegen muß (Joh. 3). Ich halte dafür, daß im
Taufwasser die Sündenschuld zurückbleibt, so wie natürliches Wasser
die Unreinigkeit der Gegenstände zurückbehält, die darin gewaschen
werden. Es scheint mir aber nicht, daß der heilige Geist das Wasser
in anderer Weise als Träger benutzt, als indem er es wirksam macht,
die Sünde abzuwaschen. Als Jesus (der, obgleich ohne Sünde, sich
als Mensch der Taufe unterzog) aus dem Wasser heraufstieg, kam der
heilige Geist über ihn. Gott ist aber nicht an die Taufe gebunden,
denn Johannes war voll des heiligen Geistes von Mutterleibe an, und
Kornelius hatte den heiligen Geist empfangen vor der Taufe. Die
Gläubigen gehen als Kinder Adams ins Taufwasser und gehen als Kinder
Gottes daraus hervor.
Die Unterlassung der Taufe in gewissen Fällen anlangend, so fiel
der heilige Geist auf Kornelius, ehe er getauft war (Apostelgesch.
10, 44). Mag auch jemand das Wasser wehren, daß dieser nicht
getauft werde? Als Petrus und Johannes hinunter nach Samaria gingen
(Apostelgesch. 8, 15-16), fanden sie, daß auf des Philippus Predigt
hin die Leute glaubten und sich taufen ließen, sie empfingen den
heiligen Geist aber erst durch der Apostel Handauflegung.
Aus diesen beiden Stellen ersehen wir, daß der heilige Geist nicht
notwendigerweise mit der Taufe dem Täufling gegeben wurde, daß er aber
auch nicht dem gläubigen Ungetauften versagt war. Paulus beschnitt
Timotheus um der Juden willen (Apostelgesch. 16, 3). Die Beschneidung
ist nichts und die Vorhaut ist nichts, sondern Gottes Gebot halten
(1 Kor. 7, 19). Um der Juden willen beschneidet Paulus zwar den
Timotheus, den Titus aber (Gal. 2, 3) will er nicht beschneiden.
Dies zeigt, daß er nach der jedesmal von Gott ihm gegebenen Einsicht
handelte. Indem er den Timotheus beschnitt, fügte er sich dem Urteil
der Juden, gegen welches zu verstoßen er sich gewissermaßen fürchtete;
oder warum hätte er sonst diesen jüdischen Gebrauch vollzogen? Wenn
ich sage, daß er fürchtete, den Juden Anstoß zu geben, so meine ich
damit, daß Gott ihm die Einsicht verlieh, daß es, um weiser Absichten
willen und zur Vermeidung der Uneinigkeit recht sei, sich zu fügen.
Ich glaube daher, daß wir z. B. gerechtfertigt wären, die Taufe bis
auf weiteres zu unterlassen, wo der öffentliche Fanatismus sich
dagegen auflehnt. Denn die Taufe macht einen nicht zum Christen,
so wenig wie die Beschneidung einen zum Juden macht. Das bildliche
Ausziehen des Fleisches durch die äußerliche Taufe ist nicht mehr
nütze, als das bildliche Abthun der Unreinigkeit des Fleisches durch
die äußerliche Beschneidung.
Wie bereitwillig gewährte Paulus dem Kerkermeister die Taufe
(Apostelgesch. 16, 33). In derselben Stunde der Nacht, als dieser
ihm die Striemen abwusch, verkündete ihm Paulus das Wort des Herrn
und taufte ihn alsbald. Der Kerkermeister wusch des Apostels
Striemen, und der Apostel wäscht ihm im Wasserbad die Sünden ab. Die
Apostelgeschichte ist in erster Linie ein Missionslehrbuch; warum
sind wir denn so vorsichtig mit der Taufe unter den Heiden? Fehlt uns
selber der rechte Glaube? Paulus taufte in jener Nacht nicht nur den
Kerkermeister, sondern alle, die in seinem Hause waren. Zu Philippi,
der Hauptstadt des Landes (Apostelgesch. 16, 12), war das Gefängnis
gewiß groß und es waren ohne Zweifel viel Leute in des Kerkermeisters
Haus. Da drängt sich einem wohl die Frage auf, ob der Kerkermeister
und alle, die in seinem Hause waren, alle die Katechismusfragen
unserer heutigen Missionare hätten beantworten können!
Was hat der Mensch durch jenes erste verbotene Essen verloren? (Ich
brauche nicht gern das Wort »Sündenfall« -- die Schrift nennt es
nicht so.) Er verlor den heiligen Geist. Was gewinnt der Mensch im
andern Essen? Er gewinnt den heiligen Geist. Es ist von Wert hierüber
nachzudenken.
Der Verlust des heiligen Geistes ist Trennung von Gott, Tod; so sind
wir in Gottes Augen von Natur tot, und wenn wir in das Taufwasser
untergetaucht werden, so bekennen wir uns bildlich tot bei dem
Begräbnis im Wasser.
Adam, der erste Mensch, entstieg dem Wasser der ersten Schöpfung. Er
sündigte, das ganze menschliche Geschlecht war in ihm und starb in
ihm, somit sind wir alle tot in den Augen Christi und verfallen damit
der Gemeinstatt aller, dem Grab, dem Orte der Toten. Wir bekennen, daß
wir beim Hineingehen ins Wasser der Taufe dasselbe sind, was Adam war.
Wir gehen mit dem neuen Adam, Christus, als neue Kreatur aus der Taufe
hervor. In ihm sind wir nicht länger tot; wir leben. Unser Hervorgehen
aus der Taufe ist unser Auferstehen, und in Ihm erhalten wir (was wir
vorher verloren hatten) den heiligen Geist, welcher unser Leben ist.
In Adam sind alle Menschen geschaffen, sie sterben mit ihm, werden
zu Staub und gelangen an einen Ort, aus welchem sie alle kamen. Was
ist der Sammelplatz aller Menschen? -- Das Grab. Christus aber, der
zweite Adam, versammelt uns aus dem Grab in ihm selber, in der neuen
Geburt. Indem wir im Taufwasser untertauchen, verbildlichen wir
unsern Zustand; und indem wir uns so bildlich ins Grab des Wassers
legen, können wir daraus als neuer Mensch zu Christus gesammelt
werden. (Im Griechischen steht das Wort [Greek: synagôgê] [Sammlung],
gebraucht von dem Sammeln der Wasser ebenso wie [Joh. 11, 52] für das
~Zusammenbringen~ der Kinder Gottes, die zerstreut waren.) Die
Taufe besagt im Bild, daß wir im Taufwasser in den ersten Zustand 1
Mos. 1 zurückkehren, und im neuen Adam, Christus, gehen wir daraus
hervor. Wir kosten vom Baum des Lebens. Wir gelangen zur Auferstehung,
die sich im 22. Kapitel der Offenbarung abspiegelt, wo von einem Strom
die Rede ist und vom Baum (Holz) des Lebens, von Gott und dem Lamme.
Ehe der heilige Geist in uns erneut wird (es ist auf dieses Wort zu
achten, denn es deutet an, daß der Mensch ihn einmal besessen und dann
verloren hat), müssen wir im Bild begraben werden, müssen unsern Tod
und unsern hoffnungslosen Zustand erkennen. Denn wie das Salböl nicht
aus das Fleisch gegossen werden kann, so kann der Fleischlichgesinnte
den heiligen Geist nicht empfangen. Fleischlichgesinntsein ist eine
Feindschaft wider Gott und kann den heiligen Geist nicht empfangen
(Röm. 8, 7 und 9, ein gar ernstes Wort!).
In der Taufe wird der natürliche Leib in der Erwartung gesäet, daß
der geistliche Leib auferstehe. In der Taufe bekennen wir uns zur
Notwendigkeit solchen Säens; wir bekennen, daß wir in natürlichem
Zustand zu nichts nütze sind als (mit dem verweslichen Körper) gesäet
und begraben zu werden.
Der erste Adam wurde ins Leben gerufen und starb und ist bildlich
in der Taufe begraben. Der zweite oder letzte Adam, Christus, ist
der lebendigmachende Geist (der Herr vom Himmel), der von den Toten
auferweckt.
Die Taufe ist eine Auferstehung aus der Verwesung.
Die Taufe ist eine Auferstehung aus der Unehre.
Die Taufe ist eine Auferstehung aus der Schwachheit.
(1 Kor. 15.)
Wir ersehen hieraus, daß die Taufe eine wichtige Sache ist. Denn die
wahre Taufe, sei es bei unmündigen Kindern durch ihre Stellvertreter,
die Paten, so diese gläubig sind, sei es bei Erwachsenen, ist der
Bedeutung nach ~nichts anderes als ein Bekenntnis, daß das Fleisch
nichts Gutes zu vollbringen vermag~. Und mir scheint, daß diese
Ansicht eine Stütze für die Kindertaufe ist, denn es handelt sich
darum, etwas das tot ist und das sich nicht selbst helfen kann zu
begraben. Ein kleines Kind ist tot hinsichtlich des eigenen Willens u.
s. w.; indem es nun bildlich durch seine gläubigen Stellvertreter in
der Taufe begraben wird, ergiebt sich hieraus die Hoffnung, daß es in
Christo auferstehen wird -- ja unser Glaube an Gott kann nicht anders
als dies glauben.
Wenn es sich um einen Erwachsenen handelt, der von seiner
fleischlichen Natur frei werden möchte, an Christus glaubt und
getauft wird, so glaube ich, daß ein solcher den heiligen Geist in
seinem ~Leibe~ empfängt. Die Elemente des Segens, dessen er in
seinem ~Leibe~ teilhaftig wird, sind in dem einen Falle Brot und
Wein, in dem andern ist es Wasser, in welchem er den fleischlichen
~Leib~ ablegt. In beiden Sakramenten sind die Elemente stofflich,
und beide sind geheiligt für den Leib durch den heiligen Geist:
das eine zur Erhaltung des neuen Lebens in Christo, das andere zur
Auferstehung von den Toten in Christo, welcher ist der neue Adam.
War nicht das Essen der verbotenen Frucht ein Zerreißen der Einheit
mit Gott und, infolge davon, die Bildung einer Einheit mit dem Satan?
Und was ist der Glaube anderes als eine Fähigkeit, die unmittelbar
aus der Gegenwart des heiligen Geistes kommt? »Niemand kann Christus
einen Herrn heißen, ohne durch den heiligen Geist,« auch andere
Stellen beweisen dies. Der Glaube ist eine unmittelbare Wirkung der
Einwohnung des heiligen Geistes. Da kann kein Glaube sein, wo der
heilige Geist nicht seine Wohnung hat. Einer der sagt, er glaube an
Christus, aber nicht an die Gegenwart des heiligen Geistes in ihm
selber, ist entweder ein Lügner und Ungläubiger, oder er macht Gott
zum Lügner.
Daraus folgere ich, daß jedes Wort, jede That, jeder Gedanke, der
nicht aus der Gemeinschaft mit Christus durch den heiligen Geist
entspringt, genau dasselbe ist, was das Essen der verbotenen Frucht
war. Andererseits ist jedes Wort, jede That, jeder Gedanke, der durch
den heiligen Geist in der Gemeinschaft mit Christus wurzelt, ein Essen
vom Baum des Lebens.
Ferner, gleichwie das Essen der verbotenen Frucht sowohl durch Wort
oder Gedanken, als durch die That geschehen kann (im verbotenen Essen
im Paradies gipfelten Gedanke und Wort in der That), so kann das
Essen von dem Baum des Lebens, Christus, auch durch Wort und Gedanke
geschehen, ist aber wesentlich eine That. Das Einssein mit Christus
durch die Einwohnung des heiligen Geistes ist das A und O alles
Lebens, und diese Anschauung empfiehlt sich selbst unserer Vernunft.
Das Ergebnis dieses Einsseins ist ein Fruchtbringen. Es bedarf keiner
Anstrengung; wenn wir das Einssein suchen und pflegen, so müssen die
Früchte des heiligen Geistes die natürliche Folge sein.
Nur durch den heiligen Geist ist Leben oder Gemeinschaft mit Christo
möglich. Die Erlösung oder die Wohlthat des Sühnopfers unseres Herrn
kann nur dann von uns erfaßt werden oder uns zu gute kommen, wenn der
heilige Geist in uns wohnt. »Wer aber Christi Geist nicht hat, der
ist nicht sein.« Röm. 8, 9. Wer das nicht hat, was die Gemeinschaft
ausmacht, kann nicht mit Christo vereinigt sein. Und es ist klar, daß
die Ausgießung des heiligen Geistes erst die Folge von Christi Leiden
war; er konnte nicht eher herkommen, als bis Christus aufgefahren war.
Nach Christi Himmelfahrt kam der heilige Geist hernieder, nicht vorher.
Wie mancher bekümmerten Seele wäre es ein unaussprechlicher Segen
zu wissen, daß der einzige Weg, um heilig oder Christus ähnlich zu
werden, der ist, die Gegenwart des heiligen Geistes in uns zu suchen
und zu pflegen. Die Früchte leugnen, welche der heilige Geist bringt,
hieße die Gottheit des heiligen Geistes leugnen. Wenn ich daran denke,
wie lange ich in der Irre ging und wie nutzlos ich mich abmühte am
alten Menschen zu flicken, so kann ich nicht genug Nachdruck hierauf
legen. Menschlich geredet, was für ein Segen wäre es für mich gewesen,
wenn einer mir mit dem Wort zu Hilfe gekommen wäre (es steht übrigens
deutlich genug in der Bibel): ›~Suche du des heiligen Geistes in
dir selbst gewiß zu werden und kümmere dich sonst um nichts!~‹ Wer
an Christum glaubt, der hat Gott den heiligen Geist lebendig in sich.
Diese Wahrheit im täglichen Leben zu pflegen ist alles was wir nötig
haben, und Er nährt uns durch die Schrift. Alles übrige kommt dann von
selbst.
Über die Verbindung zwischen dem Sündenfall und dem heiligen Abendmahl.
In einem jüdischen Schulbuch fand ich die Geschichte des sog.
Sündenfalles ausgelassen, und als ich einen Rabbiner darüber
fragte, sagte er mir, daß die Juden dieselbe nicht als etwas
Wirkliches anerkennen, sondern alle ihre Gebrechen aufs goldene
Kalb zurückführen. Das ist begreiflich, denn sie meinen, sie können
durchs Gesetz gerecht werden, indem sie aber das goldene Kalb als
den Grund ihres Sündenfalles ansehen, ist ihnen der Sündenfall ein
jüdisch-nationales Ereignis.
Betrachten wir den Sündenfall.
Der Baum des Erkenntnisses des Guten und Bösen war ein Baum, an dem
man lernen konnte, was gut und was böse ist. Indem der Mensch von
diesem Baum aß, wurde er wie Gott, denn Gott der Herr sprach: Siehe
Adam ist geworden wie unser einer und weiß, was gut und böse ist.
Auch ist zu bemerken, daß das Verbot, von dem Baum zu essen, gegeben
wurde, ~ehe~ das Weib aus Adams Rippe gebaut war; so daß Eva
~im~ Garten erschaffen wurde und Adam ~außerhalb~ desselben.
Und ~Adam~ wurde aus dem Garten getrieben; der Eva geschieht
dabei keine besondere Erwähnung. Dem Weib wurde kein Grund angegeben.
Zu Adam sprach Gott: »dieweil du gegessen hast.« Die Strafe des
Essens, der Tod, »du mußt sterben,« muß in Beziehung gebracht werden
zu dem Worte »weil du gegessen hast, verflucht ist der Acker, bis daß
du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde
und sollst zu Erde werden.«
Eph. 2, 2. »In welchen (Sünden) ihr weiland gehandelt habt, nach dem
Lauf dieser Welt, nach dem Fürsten, der in der Luft herrschet, nämlich
nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des
Unglaubens.« Der Fürst, der in der Luft herrschet, der Satan, hat also
sein Werk in den Kindern des Unglaubens (Ungehorsams), und er begann
dieses Werk im Menschen, als der Mensch im Ungehorsam gegen Gott von
der verbotenen Frucht aß.
Wir dürfen annehmen, daß wenn Gott dem Menschen mit einer einzigen
Ausnahme alles gewährte, eben diese Ausnahme ihren Grund in dem
dem Menschen drohenden Schaden hatte. Hätte Eva nicht von dem, was
verboten war, gegessen, dann hätte der Geist des Ungehorsams, Satan,
sein Werk in ihr nicht beginnen können. Und wir mögen es betrachten
wie wir wollen, so viel ist klar, daß sie durch die Thatsache ihres
Essens dem Satan die Thür öffnete und er in ihrem Herzen Eingang fand.
1 Kor. 10, 20 zeigt, daß den Götzen opfern einer Gemeinschaft mit
den Teufeln gleichkommt: »was die Heiden opfern, das opfern sie den
Teufeln und nicht Gott. Nun will ich nicht, daß ihr in der Teufel
Gemeinschaft sein sollt«.
Der gesegnete Kelch aber ist die Gemeinschaft oder das
Teilhaftigwerden des Blutes Christi. Das Brot, das wir brechen, ist
die Gemeinschaft oder das Teilhaftigwerden des Leibes Christi, 1 Kor.
10, 16.
Das Trinken vom Kelch des Herrn ist die Anteilnahme an des Herrn
Tisch; und das Trinken von der Teufel Kelch ist die Anteilnahme
an der Teufel Tisch. Durch dieses ganze Kapitel zieht sich die
Gegenüberstellung von zweierlei Essen, von zweierlei Opfern, und von
zweierlei Folgen solchen Essens (d. i. solcher Anteilnahme), von
zwei Genossenschaften, zwei Gemeinschaften, welche in der Thatsache
von zweierlei Essen und den Folgen solchen Essens gipfeln, nämlich
die Gemeinschaft mit dem Wesen, an dessen Tisch der Mensch sozusagen
sich setzt, welche Gemeinschaft ein Teilhaftigwerden der Eigenschaften
dieses Wesens bedeutet.
Mögen wir nun über die Bedeutung der Worte streiten wie wir wollen,
so läßt sich's nicht hinwegerklären, daß nach Joh. 6, 56 Christus in
~dem~ Menschen wohnet, der sein Fleisch ißt und sein Blut trinkt;
und nach dem 53. Vers dieses Kapitels haben wir kein Leben in uns,
so wir das nicht thun. Darnach ist es klar, daß dieses Essen sein
Wohnungmachen in uns bedeutet; während nach 1 Kor. 10 ebenfalls klar
ist, daß solche, die den Teufeln opfern (oder mit ihnen Gemeinschaft
haben, was nach V. 20 dasselbe ist), auch den Teufeln in sich Wohnung
verstatten. Nun kann darüber kein Zweifel sein, daß Evas Essen
vom verbotenen Baum eine Gemeinschaft mit dem Teufel war, erstens
darum, weil der Satan wirklich mit ihr verkehrte, zweitens weil es
nicht eine Gemeinschaft mit Gott war, und drittens weil es im Geist
des Ungehorsams geschah. Dabei lasse ich alle Opfer des mosaischen
Ceremonialgesetzes außer Frage und beschäftige mich nur mit dem
Sündenfall und der Wiederherstellung des Zustandes vor dem Fall, in
welcher der Hauptpunkt das Sakrament ist, durch welches wir des Herrn
Tod verkünden, bis daß Er kommt.
Wir glauben, daß Brot und Wein kraft göttlicher Einsetzung die
werkzeugliche Ursache des geheimnisvollen Teilhaftigwerdens Christi
ist, wodurch Er ganz unser wird und wir so eng mit ihm verbunden
werden, als sein Fleisch ~sein~ Fleisch und sein Blut ~sein~
Blut ist. Durch Brot und Wein, durch das Essen und Trinken seines
Leibes und Blutes, d. h. durch die thatsächliche Handlung solcher
Nießung wird das feste Band geknüpft. Dabei glauben wir nicht, daß das
Brot Fleisch wird und der Wein Blut, so wenig als die verbotene Frucht
verwandelt worden ist.
Ich denke, es steht fest, daß der Fürst, der in der Luft herrschet,
darum Eingang in uns fand und in den Kindern des Unglaubens sein Werk
hat, weil Eva und Adam von der verbotenen Frucht aßen. Sie traten
aus der Gemeinschaft mit Gott und wurden der Gegenwart des heiligen
Geistes verlustig, durch den wir Gemeinschaft mit Gott haben. Dies
führt zur Wiederherstellung in Christo, wenn er uns die Gemeinschaft
mit dem heiligen Geist wiederherstellt, »die Verheißung des Vaters«
und ein Unterpfand des Erbes. Nach Rom. 8, 11 wird der Geist des,
der Jesum von den Toten auferwecket hat, unsere sterblichen Leiber
lebendig machen durch den Geist, der in uns wohnet. Ich denke mir, daß
der heilige Geist zuerst mit der Seele in Gemeinschaft ist, und daß
Er dann durch die erweckte Seele den sterblichen Leib auferweckt. Da
der heilige Geist nur in geistiger Weise an der Seele arbeiten kann,
die geistiger Natur ist, so fragen wir, auf welche Weise kann der Leib
erfaßt werden, der durch eine thatsächliche Handlung (durch Essen)
der Gewalt des Bösen anheimfiel? Ich beantworte diese Frage mit aller
Vorsicht, aber es erscheint mir sowohl vernunft- als schriftgemäß,
daß er durch dasselbe Mittel auch wieder geheilt wird, das den Fall
bewirkte und dem Teufel den Zugang verstattete, nämlich ~durch
Essen~.
Das Sakrament von des Herrn Nachtmahl steht in enger Verbindung mit
der Auferstehung des Leibes. »Wer mein Fleisch isset und trinket mein
Blut, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am jüngsten Tage
auferwecken.« Und wir wissen, daß, so wir würdig zu seinem Sakrament
kommen, wir seinen Leib in unsern Leib und sein Blut in unser Blut
empfangen zur Reinigung von aller Sünde. Wäre es denkbar, daß unsere
Leiber je umkommen könnten, nachdem sie einer so engen Gemeinschaft
mit der Gottheit teilhaftig geworden sind, als das Essen seines Leibes
und das Trinken seines Blutes in sich schließt?
Wir müssen annehmen, daß der Leib beim Sündenfall in vorzüglichem Maße
thätig war, denn er genoß thatsächlich, was verboten war, und hier bei
diesem zweiten Essen ist ebenfalls der Leib in demselben Maße thätig.
Beim ersten Essen brachte der Leib die Seele zum Opfer (denn der Seele
konnte es an sich nichts verschlagen, ob gegessen wurde oder nicht);
beim zweiten Essen bringt die Seele den Leib zum Opfer. Beim ersten
Essen trug der Leib den Sieg davon; beim zweiten Essen bleibt der
Seele der Sieg.
Warum sind wir alle so tot? Warum wird unser Fleisch nicht belebt?
Viele unter uns sind wahre, ernste Christen. Warum sind sie so
trübselig? Sie haben die Barmherzigkeit Gottes in Christo erfahren,
aber es ist, als ob die Seele bei ihnen an einen Leichnam gefesselt
wäre -- an ihren Leib. Sie glauben oder hoffen, daß sie ihrer
Seligkeit gewiß sind, aber sie werden dieser Gewißheit nicht froh.
Warum schleppen sie den toten Leib mit sich herum? Er atmet den Geruch
des Verderbens aus, er ist träge und beschwerlich. Kann er nicht zum
Leben gebracht werden? Wahrlich ich glaube, ~der Grund des Übels
liegt in der Mißachtung des heiligen Abendmahls~. Wenn er auch
ein toter Leib ist, so kann er doch essen; und wenn die Seele durch
den heiligen Geist zum Leben erweckt ist, warum sollte sie den toten
Leichnam nicht zu bewegen suchen, den Leib und das Blut Christi in
sich aufzunehmen, woraus ihm Leben zu teil werden wird. Es mag zuerst
nur ein schwaches Fünklein sein, ja es mag scheinen, als ob er nur um
so mehr Verwesung von sich ausscheide, aber er wird bald voll Leben
sein und dieses Leben wird das ewige Leben sein. Er wird den Tod nicht
schauen, sondern die Auferstehung des Lebens.
Was für Vorbereitung ist nötig um zu essen? Ich meine, wenn ~ein~
Baum mit einem Zaun zu umgeben ist, so ist es der Baum der Erkenntnis
des Guten und Bösen, denn dieser Baum existiert noch immer. Aber
hüten wir uns, den Baum des Lebens einhegen zu wollen! Gott selbst
hat uns den Weg dazu in Christo bereitet. Es ist gar nichts nötig
als das eine: »Ich bin krank; ich möchte gesund werden; ich hasse
und verabscheue mich selbst; ich habe nur schwache Hoffnung, daß es
mir Segen bringen wird, aber ich will Ihm vertrauen, und zu seinem
Gedächtnis will ich thun, was Er mich thun heißt.« Kann jemand am
Erfolg zweifeln? In Summa -- nichts ist nötig als erstens Kranksein,
zweitens Verlangen nach Gesundheit und drittens Gehorsam gegen des
Herrn Gebot.
Ich glaube, die meisten geben das erste und das zweite zu. Warum nicht
auch das dritte? Es ist so gar wenig, und wie unendlich ist der Segen.
Zweifelst du, so laß mich dich an die verbotene Frucht erinnern; wie
gering schien die Übertretung, und die Folgen waren derartige, daß der
allmächtige Gott selbst ins Fleisch kommen und den Tod leiden mußte,
um den Schaden zu heilen.
Du solltst nicht davon essen. -- Nehmet, esset.
Was für Anstrengungen machen die Menschen, um körperliche Leiden
zu heilen, was für Summen läßt man es sich kosten. Welche
Krankheitsdiagnosen werden gemacht und doch -- selbst die wirksamsten
Arzneien können das sichere unausbleibliche Ende nur um ein kurzes
hinausschieben. Wahrlich, wenn man es sich so angelegen sein läßt,
körperliche Leiden zu untersuchen, wie viel mehr sollte man die
Ursache und das Heilmittel der geistlichen Krankheit erforschen. Denn
daß wir geistlich krank und nicht so sind, wie wir sein sollten, daran
zweifelt wohl keiner.
Wenn im natürlichen Leben ein Gift in den menschlichen Körper geraten
ist und ihn mit seiner schädlichen Wirkung durchdringt, so muß in
denselben Körper ein Gegengift aufgenommen werden, um mit seinen
heilenden Kräften jene bösen Folgen zu vernichten.
Einer, der vergiftet ist, fragt nicht lange, auf welche Weise das
Gegengift wirkt; er versteht die gute Wirkung des Gegengiftes
vielleicht so wenig, als er die schädliche Wirkung des Giftes zu
erklären weiß; er weiß nur, daß er leidet und geheilt werden möchte.
Er nimmt das Gegengift in gutem Glauben; vielleicht hat er auch das
Gift sozusagen in gutem Glauben genommen, denn im allgemeinen sucht
der Mensch sich nicht selbst zu vergiften. Der Mensch sucht auch nie
das Böse, weil es böse ist; er sucht vielmehr etwas (vermeintlich)
Gutes im Bösen. Es genügt dem Menschen also zu wissen, daß er
geistlich vergiftet ist, um Heilung zu begehren.
Ist es ein Zufall, daß das erste Gebot Gottes, das Er dem Menschen
gab, und eines der letzten Gebote Christi an seine Jünger, und durch
sie an die ganze Welt, beides von einem Essen handelt? Gott sprach:
»~Du sollst nicht davon essen~« -- Jesus spricht: »~Nehmet,
esset, das ist mein Leib!~«
Eine wirkliche Substanz (Brot) soll in den vergifteten Körper
aufgenommen werden, und zwar nach dem ~Gebot~ des Herrn, und sie
ist der Träger, durch welchen Christus dem vergifteten Körper seine
göttlichen Eigenschaften mitteilt; gerade so, wie die ~verbotene~
Frucht der Träger war, durch welchen der Teufel dem Körper seine bösen
Eigenschaften mitteilte und ihn vergiftete.
Der Mensch aß in völliger Unwissenheit hinsichtlich der Folgen des
Essens von der verbotenen Frucht, denn er konnte nicht wissen,
~was~ der Tod sei; ebenso kann der Mensch in völliger Unwissenheit
hinsichtlich der Folgen vom Brot des Sakraments essen.
In jenem Fall aß er im Vertrauen auf sich selbst und im Mißtrauen
gegen Gott und in Gemeinschaft mit dem Teufel.
In diesem Fall soll er im Vertrauen auf Gott und im Mißtrauen gegen
sich selbst essen und in Gemeinschaft mit Gott.
Der Welt ist dieses wie jenes eine Thorheit, aber es ist Weisheit bei
Gott.
Wir sagten vorhin, der Mensch sucht nie Böses, weil er böse ist,
sondern er sucht (vermeintlich) Gutes im Bösen. Eva suchte Gutes in
der verbotenen Frucht, aber sie suchte es im Vertrauen auf sich selbst
und im Mißtrauen gegen Gott.
Ein kleines Kind kann verstehen, daß es ein Heilmittel braucht,
wenn es krank ist, und nimmt selbst eine widrige Arznei von seiner
Mutter, weil es ihr vertraut. Der Mensch kann deshalb das sakramentale
Gegengift verstehen, wenn er weiß, daß er geistlich vergiftet ist;
aber der höchste Verstand kann weder ergründen die Tiefe des ersten
Bundes mit Satan, noch die des zweiten Bundes mit Christus.
Ich frage nun, ~was ist nötig, damit der Mensch esse von diesem
Sakrament~? Nichts, als daß er seine geistliche Krankheit erkenne
und geheilt werden möchte. Die meisten Menschen wissen es auch wohl,
daß sie krank sind, und wären auch gern gesund.
Warum wird das Gegengift im Sakrament so vernachlässigt? weil es so
einfach ist, darum hält es die Welt für Thorheit und des Herrn Tisch
ist verachtet. (Mal. 1, 7.)
Zum Schluß noch die Frage: ist nicht das Abendmahl des Herrn das
einzige aus der sichtbaren Kirche, was auch im Himmel bleiben wird?
(Luk. 22, 18.) Es ist wesentlich das Hochzeitsmahl der Kirche; es ist
das äußerliche Pfand des gegenseitigen Einwohnens des Menschen in Gott
und Gottes im Menschen. (Offenb. 3, 20.)
* * * * *
Mit solchen Gedanken beschäftigte sich Gordon während jenes Ruhejahres
im heiligen Land. Im Juli schrieb er seinem Freund: »Es ist ein Gefühl
der Ermattung über mich gekommen, ~nicht der Unzufriedenheit~,
aber ein Verlangen, die Bürde abzuwerfen. Ich glaube, daß es gut für
mich ist, hier zu sein, sonst wäre ich ja nicht hier, und Gott schenkt
mir tröstliche Gedanken, aber der Körper ermattet, und es scheint
mir ein selbstsüchtiges Leben. Doch sind alle Forschungen, die ich
hier mache, interessant, und mein gottgeschenkter Glaube verhindert
mich, es für ein nutzloses Leben zu halten.« Es ist die Energie des
Mannes, die hier zum Vorschein kommt; er will nicht nur glauben, er
will seinen Glauben auch bethätigen. Bei den Londoner Maiversammlungen
1885 hat Missionar Hall aus Jaffa einer großen Versammlung unter
atemloser Stille von seinem acht Monate langen Umgang mit Gordon
erzählt. In den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft sagte Gordon zu ihm:
»Ich habe keine rechte Ruhe, ich bin in dieses Land gekommen, um eine
Zeit lang in der Stille zu sein, mich mehr mit dem Wort Gottes zu
beschädigen und nebenher die heiligen Stätten zu untersuchen. Aber
es befriedigt mich nicht; ich bin unruhig, ich muß etwas für Gott
thun. Glauben Sie, wenn ich nach Jaffa käme, daß ich dort Arbeit
finden könnte?« Die Folge der bejahenden Antwort des Missionars
war, daß Gordon sich in Jaffa einmietete. »Eines Tages,« erzählte
Hall, »erhielt ich ein Schreiben von dem Komitee des Inhalts, daß
ein Missionshaus in Nablus (Sichem) errichtet werden sollte und daß
Baupläne einzusenden seien. Ich schrieb an den Missionar Fallscheer
in Nablus, worauf dieser mich in Jaffa besuchte und es beklagte, daß
er nichts vom Baufach verstehe. In Jaffa gebe es keinen Baumeister,
und sich bei einem Baumeister in Jerusalem Rats zu holen, sei eine
kostspielige Sache. Ich gab das zu und entgegnete: »Es ist eben ein
Mann hier, der sich aufs Planzeichnen versteht; ich weiß zwar nicht,
ob man ihn damit belästigen darf -- wir wollen es aber versuchen.«
Und so begaben wir uns in Gordons Wohnung. Wir hatten uns nicht den
günstigsten Augenblick gewählt, denn es war vormittags, welche Zeit
Gordon der Betrachtung des Wortes Gottes widmete. Wir fanden ihn in
Hemdärmeln an seinem Tisch sitzen. Er erkundigte sich nach unserm
Begehren. »Wir möchten Ihren Rat holen wegen eines Missionshauses,
das in Nablus gebaut werden soll,« sagte ich, und um unserm Bedürfnis
nach Bauplänen näher zu kommen, fügte ich dies und jenes hinzu. Da
unterbrach er mich: ›Ich weiß, was Sie wollen -- Sie brauchen nicht so
vorsichtig mit mir zu reden; Sie möchten einen Beitrag haben.‹ Darauf
erwiderte ich, daß wir keinen Beitrag von ihm wollten, wohl aber etwas
Besseres als Geld, nämlich die Baupläne, wenn er sie uns entwerfen
wolle. ›Baupläne,‹ rief er, ›ei gern!‹ und nahm sofort Papier und
Bleistift zur Hand, notierte sich wie viel Zimmer nötig seien, was
für Fenster und Thüren, was die Lage des Bauplatzes sei u. s. w. Noch
am Abend desselben Tages brachte er uns die schönsten Pläne, die man
sich denken konnte. Am andern Tage bestellten wir Handwerksleute,
und Gordon machte einen Kostenüberschlag für jeden. Das Missionshaus
steht jetzt in Nablus. Einige Zeit später sagte ich ihm, daß ich
mich fast gefürchtet hätte, ihn um die Baupläne zu bitten. ›Meinen
Sie, ich hätte Ihre Bitte übel genommen,‹ sagte er. ›Wozu bin ich
denn nach Jaffa gekommen, habe ich Ihnen nicht gesagt, daß, wenn Sie
mir etwas für das Reich Gottes zu thun geben könnten, Sie mir einen
Dienst erweisen würden? Ich war nicht recht mit mir zufrieden, weil
ich mich ins heilige Land zurückgezogen hatte, anstatt mit meinen
Kräften mich in Gottes Arbeit zu stellen.‹ In diesem Sinn hatte er
die Pläne entworfen.« Missionar Hall fügte dem bei, daß er von Gordon
mehr Aufschluß über geistliche Dinge erhalten habe, als sonst von
irgend einem Menschen, mit dem er je in seinem Leben zu thun gehabt.
Gordon fand auch sonst in Jaffa Arbeit von der Art, wie er sie in
Gravesend gefunden hatte. Ein bekannter schottischer Geistlicher, der
kürzlich in Palästina reiste, kam mit einem armen Dragoman zusammen,
der ihm nicht genug davon sagen konnte, wie Gordon ihn und seine Frau
in Krankheit besucht und in Ermangelung eines Stuhles sich mit seinem
neuen Testament auf den Boden gesetzt habe, um ihnen von Christus
zu erzählen. Dabei hatte er ausfindig gemacht, daß sie eine große
Doktorrechnung hätten, und diese in aller Stille bezahlt. In Jerusalem
und den Dörfern umher habe er den Armen viel Gutes gethan, und diese
trauerten um ihn, wie um ihren Vater.
Überall wo Gordon hinkam, dasselbe Urteil über ihn! Er aber sagt: »Wie
wenig Christus-ähnliche Menschen giebt es doch -- wer unter uns ist
Ihm gleich? Keiner, bis alles von uns genommen ist; dann erst können
wir werden wie Er und eins sein mit Ihm. ›Selig sind die geistlich
Armen, denn das Himmelreich ist ihr,‹ heißt es; und nur die Armen ohne
Geld und ohne Ansehen im vollen Sinne des Wortes können durch die
dunkle Grabesthüre zu der Ruhe eingehen, die uns behalten ist .... Ich
wollte, daß alle die Gewißheit des ewigen Lebens hätten! Es ist ja
gerade, ~weil~ wir arm und unwert sind, daß wir Eingang finden.
So lange wir uns für besser halten als andere, sind wir weit vom
Himmelreich entfernt. Wir müssen den Gedanken fahren lassen, daß wir
im geringsten bei Gott etwas zu gut haben könnten, wir sind ja ~alle
und nur~ seine Schuldner. Nach Ephes. 2, 10 sind wir zu guten
Werken geschaffen, in denen wir wandeln sollen. Wenn uns Gott also
vorher dazu bereitet hat, daß wir dies oder jenes Gute vollbringen,
wo bleibt da noch Ehre für uns?« Nicht genug kann er es betonen, daß
man alles, im großen wie im kleinen, Gott anheimstellen soll; es gäbe
nicht so viel unzufriedene Gesichter in der Welt, meint er, wenn die
Leute das lernten. Der Glaube, daß Gott im Regiment sitzt, sei ihm
sein lebenlang eine unversiegbare Quelle der Kraft gewesen, die ihn
nicht nur für die Gegenwart und Zukunft stark mache, sondern die ihm
selbst das Vergangene zurecht bringe. Das sei es ja, was der Herr
von uns haben möchte, daß wir ›seine Freunde‹ seien, und nicht seine
Knechte. Und wenn Er uns in eine schmerzliche Lage geraten lasse, so
geschehe dies darum, damit wir Ihn um so besser kennen lernten und
an uns selber erführen, wie stark Er ist, zu helfen. Gordons völlige
Gleichgültigkeit gegen das Urteil der Menschen ist die Kehrseite
dieser Gotteszuversicht, und Menschenlob nennt er eine Trennungswand
zwischen der Seele und ihrem Gott (Joh. 12, 43).
Aus einem Briefe vom 4. Juli 1876:
»Das menschliche Leben ist eine Rückreise zu unserm Urquell, Gott,
der sich uns als die ewige Wahrheit, Liebe, Weisheit und Allmacht
offenbart hat. Als Begriffe erkennen wir diese seine Eigenschaften
bereitwillig an; das ist aber kein Herzensglaube. Wir stoßen auf
Widersprüche, wir sind blind. Er öffnet uns die Augen nach und nach,
und hilft uns durch manches sogenannte Unglück ihn immer besser kennen
lernen. Er offenbart sich verschiedenen Menschen in verschiedener
Weise, aber das Endziel aller ist, ~Ihn zu erkennen~. So wie der
Mensch in diese Welt geboren ist, hängt ein Schleier vor seinen Augen,
der ihm Gott verhüllt. Dem in der Christenheit aufwachsenden Menschen
tritt Gott in beidem, im geschriebenen und im Mensch gewordenen Wort
nahe, aber wenn er dies auch mit seinem Verstand erfaßt, so ist in
diesem Leben doch vieles unverständlich, und der Schleier bleibt. Jede
schmerzliche Erfahrung aber und jede Prüfung macht einen Riß in die
Hülle und er ~sieht~ dann, was er vorher nur als toten Buchstaben
geglaubt hatte ... Ein Samenkorn göttlichen Wesens ist in unser Herz
gelegt; und dieses Gottgeborene in uns sollte dem Ausgang des Kampfes
zwischen Fleisch und Geist ruhig entgegensehen können. So oft der
Geist über das Fleisch Herr wird, so oft giebt es einen weiteren Riß
in der Hülle und wir erkennen Gott immer besser. Wenn dem Fleisch der
Sieg bleibt, so verdichtet sich der Schleier. Zuletzt aber, wenn das
Unausbleibliche, der Tod eintritt, dann reißt der Schleier mitten
entzwei und das völlige Schauen beginnt. Das Fleisch ist überwunden,
der Geist aber lebt.«
Geben wir noch ein Schlußwort Gordons. Es ist ein Wort, das er vor
einer Reihe von Jahren geschrieben hat, er hätte es in jenen letzten
Monaten schreiben können, als er von seinem Volk verlassen, mit seinem
nie wankenden Heldenmut in Khartum eingeschlossen war:
»Die Welt ist ein weites Gefängnis mit grausamen Hütern. Einsam und
verlassen sitzen wir in unseren Zellen und warten auf Erlösung. An den
Wassern der irdischen Freude und vollen Genüge weilen wir -- so denkt
das Fleisch und der Irdischgesinnte; aber es sind die Wasser zu Babel
voll Jammer für unsere Seele, und wir sitzen und weinen, wenn wir der
Heimat gedenken, von der ein so schmaler Strom, der Tod, uns trennt.
»Unsere Harfen hängen an den Weiden, und unsere Widersacher heißen uns
fröhlich sein, wir sollen ihnen ein Lied singen, als wären wir daheim.
Wie aber sollen wir des Lammes Lied singen im fremden Lande, die wir
in der Wildnis sind, wo niemand uns kennt?
»O wären wir doch daheim, wo die Gottlosen aufhören mit ihrem Toben,
und ~die~ ruhen, die viele Mühe gehabt haben; wo der Kampf zu
Ende ist und die heiße Arbeit vorüber, wo die Krone des Lebens uns
werden wird; wo wir Ihn schauen werden, der all unsere Not kannte,
der unser Elend mit uns trug, der unserer müden Seele Trost gab. Und
siehe, es ist kein neuer Freund, es ist der alte!
»Bist du müde? Er war es auch. Bist du betrübt? Er war es auch.
Findest du dich in deiner Liebe unverstanden und begegnet man dir mit
Kälte? Ihm ging es nicht besser.
»In Seinem großen Erbarmen hat Er sich unter all Seine Brüder
erniedrigt. Wie müde, wie einsam, wie betrübt war Er auf dieser Erde;
ein Mann der Schmerzen, der Leid trug mit Geschrei und Thränen. Und
sollten wir über unser Elend murren, das doch bald vorüber ist? Bringt
nicht jeder Tag uns der Heimat näher? Kein dunkler Fluß, sondern
zerteilte Wasser liegen vor uns; und der Welt bleibt ihr Lohn. Sie ist
Erde, und wir schütteln ihren Staub von den Füßen.
»Ich hörte eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe, selig sind
die Toten, die in dem Herrn sterben. Ja der Geist spricht, daß sie
ruhen von ihrer Arbeit -- ruhen von Trübsal, von Mühe und Last, von
Herzweh, Thränen, Hunger, von all dem Jammer seufzender Seelen, die
hier im Gefängnis, ohne Frieden sind, von Krieg und Kriegsgeschrei und
allem Hader.
»Es ist eine lange, mühselige Reise, aber schon sehen wir das Ziel.
Die Meilenzeiger unserer Jahre fliegen dahin, und für die Last jedes
Tages wird uns die Kraft gegeben, die uns not ist (5 Mos. 33, 25.
englische Übersetzung). Wer weiß wie nahe das Ende, wie bald der
Pilger daheim sein wird im schönen Lande, wo Ströme lebendigen Wassers
fließen, wo keine Not mehr sein wird, noch Leid, noch Schmerzen, und
wo er ewig ruhen darf bei seinem himmlischen Freund.
»Der Sand verrinnt -- Tag und Nacht, Nacht und Tag -- schüttle du
nicht das Glas. Trage deine Last, leide wie Er litt.«
Neuntes Buch.
Khartum.