3. Weitere Kämpfe und der Aufstand in der Bahr el Ghasal.

Am 14. Oktober 1877 war Gordon nach Khartum zurückgekehrt und schon

am 23. begab er sich auf eine neue Reise. Die Arbeitslast, die er

vorfand, hatte er in einer Woche bewältigt. Er sei nur noch ein

Schatten seiner selbst, schreibt er; und jene Woche nennt sogar er

eine harte Zeit. Auf Schritt und Tritt belagerten ihn die Leute mit

Bittschriften, ihn mit Geschrei verfolgend. Sich ihrer mit Gewalt

entledigen, das brachte er nicht über sich.

»Ich lasse sie eben schreien, denn wie kann ich jedem seinen

Willen thun oder jeden Gefangenen frei geben? Hätte ich nicht

meinen Gott zum Trost,« fährt er fort, »und das Bewußtsein, daß Er

Generalgouverneur ist, wie sollte ich's weiter führen?«

Nachdem er seine Regierungsgeschäfte in Khartum erledigt und einen

Mörder hatte hinrichten lassen, machte er sich über Berber nach Hellal

auf den Weg, um daselbst mit Walad el Michael zu verhandeln. Die Reise

den Nil hinunter war die erste wirkliche Ruhezeit, die ihm seit dem

Vorfrühling 1874 im Sudan zu teil wurde. Und während er so mit stillem

Gemüt den Nil hinabsegelt, spricht er sich brieflich über seinen

Beruf aus. Sein englischer Biograph bemerkt hierzu, man höre da zum

erstenmal ein Wort von ihm, das für Selbstüberhebung gelten könnte.

»Wie köstlich war die Ruhe heute auf dem Nilboot. Voriges Jahr um

diese Zeit war ich auf meiner Heimreise vom Äquator her. Wieviel

ist seither geschehen, bei Dir, bei mir, und in Europa! Mir ist so

wohl zu Mut. Wenn ein Stern seine Höhe erreicht, so sagt man: er

kulminiert; nun, mir ist auch, als ob ich kulminiert hätte -- ich

möchte weiter und höher hinauf. Doch weiß ich, daß ich hier bin, so

lange es Gottes Wille ist; mit diesem Bewußtsein fuße ich wie auf

einem Felsen und bin zufrieden. Mancher andere möchte wohl auch hoch

steigen, aber ohne die damit verbundene Last; mir macht umgekehrt die

Last die Ehre lieb und ich danke Gott dafür. Er hat mir's gelingen

lassen, und wenn's auch kein sehr glänzender Erfolg ist, so ist's ein

handgreiflicher, der bleibenden Wert hat. ~Jene Stelle im Propheten

Jesaia habe ich mir zugeeignet, und soweit es in meiner Macht steht,

suche ich sie zu bewahrheiten.~«

Er meinte die Stelle Jesaia 19, 20:

»Welcher wird ein Zeichen und Zeugnis sein dem Herrn Zebaoth in

Ägyptenland. Denn sie werden zum Herrn schreien vor den Beleidigern;

so wird er ihnen senden einen Heiland und Meister, der sie errette.«

Warum aber soll das Selbstüberhebung sein? Ist es nicht vielmehr

die Rede eines Menschen, der mit Paulus sagen kann: »Ich habe mehr

gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die

mit mir ist?«

In Berber wurde zu seiner Ankunft die Stadt festlich erleuchtet,

und der Generalgouverneur, »der Beklagenswerte, mußte zwei Stunden

umherlaufen und den Leuten zulieb ihre trüb brennenden Ampeln

bewundern -- ein wahres Opfer!« Darein fügte er sich, die acht oder

zehn Hofschranzen aber, mit denen man ihn umgab, hieß er ihrer Wege

gehen. Sich bewachen lassen, war nicht seine Art. Auch in Berber

war an Arbeit kein Mangel -- Bittschriften, Briefe, Telegramme zu

Dutzenden. Im ganzen Land meinten die Leute, er sei nur dazu da,

ihre Privatangelegenheiten zu erledigen. Von fünfzig Stunden her

telegraphiert einer, es sei ihm ein Sklave entlaufen; ein anderer, er

habe Händel mit seiner Frau und ein Nachbar hätte sich drein gelegt

-- als ob es nirgends Bezirksgouverneure gäbe. Jenem flüchtigen

Sklaven wird der Generalgouverneur nicht nachgegangen sein, auch jene

Ehehändel nicht geschlichtet haben; Spital und Gefängnis aber ließ er

nicht unbesucht.

Auf der Weiterreise nach Dongola mußte er sich über schlechte

Kamele beklagen, die Ruhe und Stille der Wüste mit ihren klaren

taulosen Nächten war ihm indessen eine wahre Erquickung nach der

langen Kampfzeit und nach der feuchten Hitze in Darfur. In Meraui,

dem angeblich südlichsten Grenzpunkt altägyptischer Zivilisation,

erreichte er den Fluß wieder. Hier hatten die Leute seit Jahren keinen

Statthalter zu Gesicht bekommen und verfolgten ihn mit Klaggeschrei.

In Dongola hörte er, daß Walad el Michael Senheit bedrohe, und Gordon

hatte keine Truppen. Auch ein Telegramm vom Khedive fand er vor, in

welchem seine Anwesenheit in Kairo begehrt wurde. Er machte sich daher

nach Ägypten auf den Weg, aber schon nach einer Tagreise bestürmten

ihn Telegramme vom Sudan mit der Nachricht eines abessinischen

Einfalls. Ras Arya, ein Heerführer des Johannes, bedrohte Sennaar

und Fazolie, südlich von Khartum. Es schien ihm unglaublich; aber

in Khartum war auch nicht ein Mensch, auf den er sich nötigenfalls

hätte verlassen können; so eilte er denn nach Dongola zurück und von

dort durch die Bajuda-Wüste in fünftägigem Ritt nach Khartum. Es war

blinder Lärm gewesen; man hatte ein paar abessinische Grenzmänner

gesehen und sie auch zurückgeworfen.

Drei Tage hielt er sich in Khartum auf, dann bestieg er abermals

sein Kamel, um über Abu Haras, Kedaref und Kassala nun doch erst den

Walad el Michael aufzusuchen, ehe er nach Kairo ging. Gordon hätte

gewünscht, den König Johannes zu einem Einverständnis mit Walad zu

bringen, wonach der König dem unruhigen Häuptling Hamasen überließe,

das überdies sein angestammtes Erbe war, allein Johannes war ein

Starrkopf. Walad war für die Ägypter ein böser Grenznachbar; man war

seiner nie sicher. Das einfachste wäre gewesen, ihn dem abessinischen

König in die Hände zu liefern, aber selbst ägyptische Politik hätte

nach dem Vorausgegangenen dies für schmählich gehalten. Man hoffte,

Gordon würde es zu stande bringen, die ägyptische Ehre mit möglichstem

Gewinn zu retten. Somit war er denn auf dem Wege nach Senheit, wo

Walad lag.

Unterwegs fand er wie gewöhnlich Ursache, sich über sein Gefolge zu

beschweren; er hatte es zu eilig für seine gemächlichen Araber, und wo

sie konnten, erwiesen sie sich hinderlich.

In Kassala sah er den Heiligen, Scherief Seid Hakim, einen Abkömmling

Mohammeds, mit dem er schon einmal zusammengetroffen war, und der

sich damals in seiner Würde verletzt fand, weil sein unwissender

europäischer Gast sich neben ihn auf den Ehrendivan setzte. Diesmal

war der Heilige etwas herablassender und ließ sich sogar eine

Zwanzigpfundnote (400 Mark) schenken. Als Gegengeschenk that er Gordon

die Ehre an, ihn zu bitten, sich zum Turban zu bekehren und ein

Muselmann zu werden. Er war nicht der erste, der dem Generalgouverneur

diese Bitte vortrug!

Als er Senheit erreichte, fand er, daß Walad sich in seinem Lager zu

Hellal befand, und mußte zwei hohe Berge übersteigen, um dasselbe zu

erreichen. Es war ein ähnliches Unternehmen wie sein Besuch in der

Räuberhöhle zu Schekka.

»Die Leute in Senheit waren so furchtsam, daß ich beschloß, mich

in Gottes Hand zu stellen und hierher zu reiten. Der Weg über zwei

Berge war über alle Beschreibung; den zweiten zu übersteigen war eine

entsetzliche Arbeit. Walad el Michael und seine Banditen lagen auf

einem hohen Berg. Er hat volle siebentausend Mann bei sich, die alle

bewehrt sind. Sie standen in Reih und Glied, um mich zu empfangen,

und sein Sohn kam mir entgegen. Michael, hieß es, sei krank, oder gab

vor es zu sein. Darnach begrüßte mich ein Trupp Priester mit heiligen

Bildern. Michael empfing mich liegend -- er habe ein böses Knie;

aber die Leute zu Senheit sagen, es wäre nicht wahr. Dann führte man

mich in mein Zelt, und ich muß sagen, ich gedachte der Löwengrube.

Wir waren miteinander in einer zehn Fuß hohen Umzäunung eingesperrt.

Ich wurde zornig, denn ich sah wohl, was meine Leute (zehn Soldaten)

davon hielten. Ich wandte mich an den Dolmetscher und sagte ihm, daß

wenn Michael vorhabe, mich als Gefangenen zu betrachten, es ihm frei

stünde, daß er es aber würde büßen müssen. Das war Kleinglaube von

mir, dies zu sagen! Der Dolmetscher und Michaels Sohn waren indessen

so überaus höflich und voller Entschuldigungen, daß ich vorläufig

wohl noch kein Gefangener bin. Ich erläuterte meine Bemerkung dahin,

daß wenn es in Senheit bekannt würde, wie man mich hier logiere,

man dort allerdings für meine Sicherheit fürchten müßte, und der

Telegraph würde solches nach Kairo melden.«

Die Nacht verlief ungestört, abgesehen von quälenden Flöhen, welches

Ungeziefer in jenen Himmelsstrichen nur in hoher Bergluft gedeiht. In

der Morgenfrühe sammelten sich die Priester um des Gastes Gefängnis

her und sangen ihre Hymnen -- »wahrscheinlich um den bösen Geist zu

bannen,« meinte Gordon. In einem späteren Brief heißt es übrigens:

»Die Priester (in Abessinien) versammeln sich morgens um drei Uhr und

singen eine Stunde lang in eigentümlich melodischer Weise davidische

Psalmen. Es hat für den aus dem Schlaf erwachenden Hörer etwas tief

Ergreifendes.«

Am folgenden Tag hatte er eine Unterredung mit Walad und machte ihm

den Vorschlag, beim König von Abessinien um Pardon einzukommen. Der

»Patient« wies dies energisch von sich und meinte im Gegenteil,

die ägyptische Regierung thäte wohl daran, ihm weitere Distrikte

(zum Plündern) zu überlassen; auch erklärte er sich bereit, die

abessinische Stadt Adowa zu überfallen. Zwar wußte Gordon, daß er den

listigen Verbündeten auf diese Weise leicht dem Johannes in die Hände

spielen könnte, aber Verrat war nicht seine Sache, und er brachte

Walad durch eine beträchtliche Geldsumme fürs nächste zur Ruhe.

»Wie verhaßt mir diese Abessinier sind,« schreibt er, »den Walad

mitgerechnet; sie haben auch gar nichts Anziehendes. Ihr Christentum

ist ein totes; und was ihre Zivilisation betrifft, so sind sie nicht

viel besser als die Stämme am Äquator. Wäre es nicht der europäischen

Regierungen wegen, ich kümmerte mich nicht um diesen Johannes.

Meine Beduinen von Darfur und hier herum sind andere Leute. Manche

der jüngeren Leute haben eine Haltung, die man ordentlich beneiden

möchte. Ich könnte nie durch mein Äußeres imponieren, aber diese

jungen Ismaels sind lauter Prinzen.«

Den König Johannes nennt er anderswo »einen richtigen Pharisäer«,

und sagt von ihm, er führe eine Sprache wie das alte Testament,

abends betrinke er sich und am frühen Morgen singe er Psalmen; wenn

er in England wäre, ginge er zu den Methodisten und hätte eine

Bibel so groß wie ein Handkoffer. Gordon war offenbar froh, den

Abessiniern den Rücken kehren zu können und begab sich nach Massaua

am Roten Meer, um dort eine Antwort von Ras Barin, dem abessinischen

Grenzgeneral, abzuwarten. Er hatte nämlich dem Könige den Vorschlag

gemacht, wenigstens Walad el Michaels Truppen Pardon zu gewähren,

damit sie sich nach Abessinien flüchten könnten, wenn er sich etwa

zu einem Angriff genötigt sehen sollte. Die Antwort aber blieb aus.

Johannes lag zu Feld gegen Menelek, den König von Schoa, und so wenig

umfangreich das Land ist, wußte niemand genau zu sagen, wo das wäre.

Gordon wartete eine Zeit lang und trat dann über Suakim und Berber

den Rückweg nach Khartum an. Unterwegs erhielt er einen zweiten

Befehl vom Khedive, sich in Kairo einzufinden, um an Finanzberatungen

teilzunehmen. Der bloße Gedanke daran war ihm verhaßt; überdies meinte

er, nach seinem Nomadenleben im Sudan sei er weniger als je dazu

geeignet, an höfischem Leben Gefallen zu finden. Es war Ende Dezember;

über sechstausend Kilometer Wüstenritt lagen hinter ihm in diesem

Jahr, und leider hatte er unterlassen, die Binde um Brust und Hüfte

zu tragen, die beim Kamelreiten der fortwährenden Erschütterung wegen

nötig ist. Die schlimmen Folgen zeigten sich nun.

»Ich habe mir das Herz oder die Lungen verrüttelt und habe ein

Gefühl in der Brust als ob alles verrenkt wäre ... Wahrlich, obwohl

ich lieber hier bin, als sonstwo auf der Welt, es wäre besser tot

sein, als dies Leben führen. Ich habe meinem Schreiber mit der Bitte

Entsetzen verursacht, mich zu begraben wo ich sterbe und jeden Araber

einen Stein auf mein Grab werfen zu lassen, damit ich doch auch

ein Denkmal hätte. Es ist sonderbar, so gute Fatalisten die Leute

hier sind, eine solche Anspielung ist ihnen doch ein Greuel; sie

meinen, es hieße den Tod mit Namen rufen, obschon sie zugeben, daß es

vorherbestimmt ist, wann einer sterben soll.«

Gordon begab sich nach Kairo. Mit Dampf und Segel ging's nilabwärts

und die Residenz wurde anfangs März erreicht. Der Khedive hatte seinem

Oberstatthalter eine Aufforderung zur Hoftafel entgegentelegraphiert,

aber der Zug hatte Verspätung, und als Gordon den vizeköniglichen

Palast erreichte, fand sich's, daß die Hoheit anderthalb Stunden auf

ihren Gast gewartet hatte. Staubig wie er war, mußte Gordon sich

zu Tisch setzen, und alle Auszeichnung wurde ihm zu teil. Er wurde

aufgefordert, als Präsident der Finanzkommission zu figurieren. Sein

Platz bei der Tafel war zur Rechten des Khedive, und sein Quartier

war ein Palast, in dem sonst nur fürstliche Gäste untergebracht

werden. Aber die Pracht seiner Umgebung und die glänzende Bedienung

waren für Gordon verlorene Liebesmüh.

»Meine Leute wissen sich nicht zu helfen vor Verwunderung, und ich

auch nicht. Ich wollte, ich wäre wieder glücklich auf meinem Kamel.«

Einem Engländer, der ihn besuchte, erklärte er, er komme sich vor

wie eine Fliege in diesem großen Haus. Und seiner Schwester schrieb

er, es sei die helle Quälerei; er lege sich um acht Uhr schlafen,

das sei noch das beste, denn er gehe abends nicht in Gesellschaft.

Ismail hoffte, Gordon werde ihm aus seiner bedrängten Lage helfen.

»Ich kenne keinen, zu dem ich größeres Vertrauen hätte,« schrieb

der Khedive, allein die Geldangelegenheiten Ägyptens sind in den

Händen europäischer Kapitalisten; englische und französische

Koupon-Abschneider hatten mitzureden; wie hätte der ehrliche Gordon

da mit seinem Rat durchdringen können, der kurz und gut der war, die

Zinsen der europäischen Anleihen von 7 auf 4 Prozent herabzusetzen!?

Kein Wunder, daß er die ganze Bande von Diplomaten und Juden

gegen sich hatte, die in Kairo mitregieren. Nein, Gordon war kein

Finanzrat[10] und war froh, wieder seine Wege zu gehen.

»Ich verließ Kairo wie ein gewöhnlicher Sterblicher, ohne Extrazug,

und bezahlte mein Billet. Die Sonne, die so glanzvoll aufging, hatte

einen ganz bescheidenen Untergang ... Die Last ist groß -- ich

wünsche, die Zeit der Ruhe wäre da; aber die kommt nicht, bis ich

~sein~ Werk vollbracht habe. Hier bin ich -- sende mich!«

Die Reise ging über Suez, Aden, Zeila nach Harrar; er wollte den Raouf

Pascha, der als grausamer Tyrann dort schaltete, abermals seines Amtes

entsetzen; es war derselbe, dem er vier Jahre vorher eine Züchtigung

hatte zu teil werden lassen. In Harrar blieb er nur so lang als nötig

war, um Ordnung zu schaffen; dann kehrte er nach Zeila zurück, wo er

nach »achttägigem fürchterlichem Marsch« am 9. Mai 1878 anlangte.

Müde wie er war, ging's alsbald weiter nach Massaua und Berber. Ihn

verlangte nach Khartum zurück, wo ein Berg von Arbeit seiner harrte.

Das Volk freute sich seiner Rückkehr und treulose Beamte zitterten;

nicht weniger als acht seiner hochgestellten Untergebenen entsetzte

er ihren Würden. Aber nur zu gut wußte er, daß er mit eingefleischter

Veruntreuung im ungleichen Kampf stand, weil Ägypten wie die Türkei

im Regierungswesen von oben bis unten durch und durch faul ist; und

Menschenkraft, selbst die eines Gordon, reicht da nicht aus, auf die

Dauer zu bessern.

Die erste Nachricht von außen, die ihn in Khartum erreichte, war die,

daß Walad el Michael in Abessinien eingefallen sei und sich des Ras

Bariu bemächtigt habe. Somit waren Gordons Briefe an Johannes jetzt in

Walads Hand, was dem Schreiber übrigens kein großer Kummer war. Walad

wußte nun, wessen er sich zu versehen hatte, und daß Gordon, obschon

er sich von ihm lossagte, bei Johannes um sein Leben eingekommen war.

Die zweite ungleich bedenklichere Nachricht war ein erneuter und

verstärkter Aufstand der Sklavenjäger. Soliman hatte sich in die Bahr

el Ghasal zurückgezogen, wo die ganze Bande der aus ihren Nestern

verjagten Sklavenhändler sich zur letzten verzweifelten Gegenwehr um

ihn scharte. Während Gordon den Menschenhandel im Norden im Schach

hielt und die Verbindungen der Räuber mit ihren Märkten abschnitt,

erhob sich Soliman im Süden, und seine Horden überfluteten die Bahr el

Ghasal.

»Ich habe den ganzen Besitz der Sebehrfamilie konfisziert,« schrieb

Gordon, als er dies vernommen, »und sende eine Truppenabteilung gegen

den Sohn.«

Diese Unterwerfung persönlich zu leiten war ihm schon deshalb nicht

möglich, weil durch Anhäufung des Ssett in den Flüssen und Seen die

Verbindung der Bahr el Ghasal mit Khartum oft monatelang abgeschnitten

ist. Der Generalgouverneur durfte seine Provinz auf eine solche

Möglichkeit hin nicht verlassen. Aber außerdem war eine Zeit der

Schwierigkeiten angebrochen, der selbst seine Energie oft manchmal

erliegen wollte. Die Paschas in Ägypten arbeiteten ihm geradezu

entgegen.

»Ich stehe so ziemlich mit ganz Kairo auf dem Kriegsfuß, und Dornen

sind mein Teil. Aber diese Arbeit ist mir nun einmal übertragen, ich

will sie durchführen, und Gott wird mich von allem Übel erlösen. Wenn

man sich von den irdischen Dingen nur immer innerlich frei halten und

sie dem göttlichen Walten überlassen könnte, wie viel leichter wäre

dann alles! Ich verzweifle nicht, aber wenn ich sehe, daß trotz aller

Anstrengung kein wirklicher Fortschritt erreicht wird, dann überfällt

mich ein Überdruß und ich wollte ich wäre daheim ... Seit die

einsamen Kamelritte hinter mir liegen, habe ich keine erquicklichen

Gedanken mehr ... Die fortwährenden Händel sind sehr niederdrückend

und täglich möchte ich rufen: Wie lang, Herr, wie lang! Ich habe nie

einen ruhigen Tag ... Aber so schwer es auf mir liegt, so ist es doch

besser hier arbeiten, als anderwärts ein nutzloses Leben führen.«

Man sieht hieraus und aus ähnlichen Stellen, daß selbst ein

Glaubensheld wie Gordon seine Stunden hat, wo er innerlich gebrochen

ist und wie David und Hiob und andere Gottesknechte zu Zeiten meint,

daß das Böse siegen werde. Auch körperlich hatte er zu leiden.

»Ich war mehrere Tage recht unwohl und so allein in meinem großen

einsamen Haus. Und dann schleppte ich mich von einem Zimmer ins

andere, weil die Gedanken mir keine Ruhe ließen. Bei all dem habe

ich den großen Trost, mich nie vor dem Tod zu fürchten.« Und einige

Wochen später: »Gottlob ich bin fast wieder wohl, aber ich war zwei

Tage recht elend. Die ganze Stadt ist krank dieses Jahr. Aber so

krank ich war (und zwar gleichzeitig mit meiner Dienerschaft --

alles lag darnieder), war es mir doch lieb, in meinem großen Haus

allein zu sein und niemand zur Last zu fallen ... Ich glaube, mein

armer Kopf hat nie mehr nutzlose Arbeit vollbracht als in jenen

beiden Nächten. Bittschriften verfolgten mich und wenn ich meinte sie

erledigt zu haben, so waren sie von neuem da; es war entsetzlich.«

Und hieran knüpft er die nicht leicht zu beantwortende Frage an

seine Schwester: »Was möchtest du lieber, nach einem kampflosen

Leben die ewige Seligkeit in geringerem Maße erreichen, oder durch

ein Heer von Prüfungen hier durch müssen, um die ewige Seligkeit in

größerem Umfang zu gewinnen? Merke, die ewige Seligkeit, als eine

vollständige, in beiden Fällen! Ich weiß nicht, was ich wählen würde,

ich möchte lieber nicht wählen, obschon ich ein abgehärteter Mann

bin, denn dies Leben ist eine ~fürchterliche~ Schule.«

Unter den äußeren Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, war

der trostlose Zustand der Finanzen nicht die geringste: das Volk war

über und über besteuert, aber mehr als zwei Drittel der Schatzung

ging nie ein. Die Steuereinnehmer waren wie die weiland römischen

Zöllner, die nebenher ihre eigenen Geschäfte machten. Gebt uns ein

Sechstel als »Bakschisch«, sagten sie den Leuten, dann stellen wir

euch ein Zeugnis aus, daß ihr nicht mehr zahlen könnt. Als Gordon

die Verwaltung antrat, fand er, daß es vorher allgemein üblich war,

den Gouverneur zu bestechen, um z.B. eine Stelle zu erhalten, und

zwar so, daß ein Bewerber zwölftausend Mark »Bakschisch« für eine

Anstellung zahlte, die ihm kaum mehr als ein Drittel dieser Summe

an Jahresgehalt eintrug. Natürlich lag der Schluß nahe, daß die

Beamten auf ganz andere Einkünfte als ihren Gehalt ihr Augenmerk

richteten. Gordons Wachsamkeit legte manchem das Handwerk; das System

war aber so eingerissen, daß er sich anfänglich der ihm zukommenden

»Bakschisch«-Gelder gar nicht erwehren konnte; er legte sie in die

Verwaltungskasse. Aber Ägypten selber betrachtete das abhängige

Land nur als eine Geldquelle, und nicht zufrieden mit rechtmäßigen

Einkünften, wie z. B. dem Ertrag des Elfenbeins, war es unter den

ägyptischen Paschas ganz üblich, ihr eigenes Defizit aus dem Sudan zu

decken. Selbst der Khedive telegraphierte seinem Statthalter Gordon,

so oft er sich in Geldverlegenheit befand.

»Ich bin hinter den Büchern gewesen,« schreibt dieser, »und habe

einen guten Streich geführt. Die Finanzverwaltung von Kairo

telegraphierte um eine halbe Million Mark, die der Sudan dorthin

schulde. Ich habe die (alten) Abrechnungen nachgesehen und finde, das

umgekehrt Kairo dem Sudan hundertachtzigtausend Mark schuldet!«

Er ließ sich nie dran kriegen, von keinem Vizekönig und keinem

Minister. Im ersten Jahr seiner Verwaltung fand er ein Defizit von

über fünf Millionen Mark in seinen Finanzen, im zweiten Jahr hatte

er's auf eine Million heruntergebracht, und mit der Zeit hoffte er der

Schulden ganz Herr zu werden und rechtmäßige Überschüsse nach Kairo zu

schicken. Er hatte oft Ebbe in der Kasse und dabei die fortwährenden

Schwierigkeiten mit dem Sklavenhandel -- »wahrlich, man ist hier nicht

auf Rosen gebettet!« rief er aus.

Denn bei aller übrigen Not hatte er ein wachsames Auge auf die

Sklavenwirtschaft. Im Juli z. B. meldete er:

»Wir haben in diesen zwei Monaten zwölf Sklaventransporte abgefangen;

auch ist mir ein Brief von einem Händler in der Bahr el Ghasal in die

Hände gefallen, worin dieser seinen Abnehmern schreibt, er habe eine

Menge Sklaven bereit, wisse aber nicht, wie sie landabwärts bringen.

Er wird sich wundern, die Antwort von ~mir~ zu erhalten ... So

weit es in meiner Macht steht, soll dieser Handel aufhören.«

Einige Wochen später wurde von seinen Leuten eine Karawane von

neunzig Sklaven aufgefangen, die Überbleibsel von einer viermal

größeren Anzahl, die über achthundert Kilometer weit durch die Wüste

hergeschleppt worden waren; die wenigsten davon waren über sechzehn

Jahre alt, die meisten ganz junge Kinder.

»Es fällt mir schwer, die Händler nicht nach Verdienst zu züchtigen

(ihm selbst waren ja die Hände über ein gewisses Maß hinaus

gebunden); aber ich darf nicht vergessen, daß Gott es zuläßt, und ich

muß nach dem Gesetz handeln. Ich thue mein Bestes, und fürs übrige

ist Er Generalgouverneur.«

In der Bahr el Ghasal waren, wie bereits gemeldet, die Sklavenjäger in

erneutem Aufstand, und zwar abermals infolge eines geheimen Aufruhrs

Sebehrs, jener Geißel Zentral-Afrikas, von welchem der ganze Greuel

ausging. Der schwarze Pascha hoffte seiner Gefangenschaft in Kairo

dadurch ledig zu werden, daß man ihn als den einen Mann, der die Bahr

el Ghasal zu beschwichtigen vermöchte, nach dem Sitz des von ihm

selbst hervorgerufenen Aufruhrs schicken würde. Sein Sohn Soliman

war sein Stellvertreter. Und daß er so rechnete, war keineswegs

weit vom Ziel geschossen; Gordon erlebte es in den nächsten Monaten,

daß rücksichtlich des Sudaner Budgets Nubar Pascha ihm von Kairo

aus den Vorschlag machte, ihm den Sebehr als eine Art Finanzbeirat

zu schicken. Derselbe hoffte den Sudan so zur Blüte zu bringen, daß

Ägypten in kurzer Zeit auf eine halbe Million Mark Einkünfte von

dorther werde rechnen können. Gordon meldete zurück: ja, eine halbe

Million aus Sklaventransporten, er begehre solcher Hilfe nicht.

Der Umfang des Aufstandes war anfänglich weder in Kairo noch

in Khartum bekannt; später stellte es sich heraus, daß die

Hauptsklavenhändler die Provinzen des Sudan von vornherein unter

sich verlost hatten und sich mit der Hoffnung trugen, ihre Fahnen

auf den Mauern Kairos wehen zu lassen. Keineswegs ein unmöglicher

Traum! Auch als jener Aufstand unterdrückt war, erklärte es Gordon

als seine Meinung, daß irgend ein entschlossener Anführer den Sudan

gegen Ägypten aufwiegeln könne, wie das ja auch durch den Mahdi

seither geschehen ist. Es sind nicht nur die Sklavenjäger, die das

Brandmaterial in jenen unglücklichen Ländereien ausmachen, obschon

diese an sich zu jener Zeit mächtig genug waren, um Ägypten in Atem

zu erhalten, ein weiterer Zündstoff ist in den arabischen Stämmen

vorhanden, die vor Hunderten von Jahren übers Rote Meer herüberkamen

und sich im Innern von Afrika festsetzten. Diese Araber sind

kriegstüchtige Leute, stolz auf ihre Abkunft und nach moslemischen

Begriffen von sittlicher Lebensart. Diese sind es hauptsächlich, die

sich dem Mahdi anschlossen, um die verhaßten Ägypter zu vertreiben,

und sie waren es, die in jenem Aufstand Solimans Horden verdoppelten

und verdreifachten. Fürs übrige stehen sie den Negern näher als den

Ägyptern; sie selbst aber treiben Sklavenhandel, und Solimans Banditen

waren zum Teil Angehörige dieser Stämme. »Unser ist das Land,« war der

Schlachtruf jener Araber, »wir brauchen keinen Effendina (Khedive)

hier!« »Wären Sebehr und seine Leute nicht so verruchte Sklavenjäger,«

schrieb Gordon, »und hätten sie sich nicht solch furchtbare

Grausamkeiten zu schulden kommen lassen, es wäre für den Sudan

vielleicht besser gewesen, die Aufrührer hätten ihren Zweck erreicht.

Und -- fügte er fernsichtig bei, -- wenn England und Frankreich sich

nicht besser vorsehen und für eine gerechte Verwaltung sorgen, so ist

ein Sichlosreißen des Sudan von Ägypten nur noch eine Frage der Zeit.«

Gordon verlor keinen Augenblick, den Aufruhr zu dämpfen, und da

er nicht selbst den Rebellen entgegenziehen konnte, so entsandte

er ~Gessi~, seine rechte Hand, einen tüchtigen Soldaten, der

uns schon vom Äquator her bekannt ist und den Gordon bei dieser

Gelegenheit folgendermaßen beschreibt:

»Romulus Gessi, Italiener, neunundvierzig Jahre alt; kurz, von

gedrungener Gestalt; ein kaltblütiger, entschlossener Mann, und in

praktischen Dingen ein geborenes Genie.«

Auf seinem Wege nilaufwärts stieß dieser tapfere Soldat auf reichliche

Beweise, daß die ägyptischen Beamten eigenen Gewinnes halber mit den

Händlern unter ~einer~ Decke steckten. Nicht nur begegneten ihm

bei jeder Wendung mit Menschenware beladene Boote, sondern sogar

Dampfer, die unter der Flagge der Regierung dem Sklaventransport

Vorschub leisteten. Auf einem der Boote fand er an dreihundert

Schwarze und unter diesen einige Lastträger, die als freie Menschen

mit Ladungen von Elfenbein und Getreide nach Lado gekommen waren.

Ibrahim Fansi aber, der dortige Statthalter, bemächtigte sich ihrer

und verschiffte sie auf seine Rechnung in die Sklaverei. Zum Glück

begegneten sie einem handfesten Befreier. Gessi war auf dem Wege nach

den Äquatorialdistrikten, um auf den verschiedenen Stationen seine

Streitmacht zu vervollständigen. Auf dem Rückwege landete er seine

Mannschaft in Gaba Schambil, aber erst mit Anfang September konnte

er durch das überschwemmte Land westwärts ziehen und infolge der

Regenzeit mußte er wochenlang in Rumbehk am Bahr el Rohl bleiben. Dort

erreichte ihn die Nachricht, daß der Sohn Sebehrs sich zum Herrn der

Bahr el Ghasal aufgeworfen habe, daß er in Dem Idris die ägyptische

Besatzung überfallen und vernichtet habe, wodurch ein beträchtlicher

Vorrat von Kriegsbedarf in seine Hände gefallen sei. Die Häuptlinge

der Araber in der Umgegend wandten sich ihm auf diesen Erfolg hin

massenweise zu, und solche, die es nicht thaten, metzelte er nieder.

Weiber und Kinder erlagen entweder seiner Grausamkeit oder wurden

in die Sklaverei geschickt. Rings umher hatte er die Leute ihrer

Kornvorräte beraubt, so daß sie zu Hunderten Hungers starben.

Soliman hatte sechstausend Mann, und es verlautete, er beabsichtige

einen Überfall auf Rumbehk; Gessi hatte nur dreihundert reguläre

Truppen mit zwei Feldstücken und etwa siebenhundert schlechtbewaffnete

Irreguläre. Er erwartete noch bis dreihundert Mann Verstärkung

und machte sich alsbald daran, Rumbehk zu befestigen. Seine von

Gordon erwartete Hilfe blieb aber aus, weil sein Schreiben an den

Generalgouverneur fünf Monate lang nach Khartum unterwegs war!

Hilfe von den benachbarten Bezirksstatthaltern erhielt er nicht.

An Beamten scheint die Provinz keinen Mangel gelitten zu haben.

In Dem Idris hatte sich eine »fabelhafte Anzahl« derselben die

Langeweile mit Tricktrackspielen vertrieben, während Jussuf Bey,

der Bezirksgouverneur, ein ruchloses Leben führte, worin seine

Untergebenen, sämtlich seine Neffen und Vettern, ihn nach Kräften

unterstützten. Ägyptische Wirtschaft! Am 17. November verließ Gessi

seine feste Stellung, und das war der Anfang eines Kriegs- und

Siegesmarsches, das Ergebnis einer Energie, wie sie nur aus Gordons

Schule hervorgehen konnte. Unaufhaltsam durch das Land der Ströme

vorwärtsdringend und auf Flößen übersetzend -- einmal inmitten von

Krokodilen -- verschanzte er sich in dem am gleichnamigen Fluß

gelegenen Dorfe Wau. Dort kamen ihm die Eingebornen Hilfe suchend von

allen Seiten entgegen. Über zehntausend Menschen hatte Soliman aus

den Dörfern der Bahr el Ghasal geraubt. Ein Araberhäuptling schloß

sich ihm mit siebenhundert Bewaffneten an und nun warf er sich auf

Dem Idris, welche Stadt er befestigte, eines Überfalls von Soliman

gewärtig.

Der Sohn Sebehrs aber hatte sich überraschen lassen; bei dem

überschwemmten Lande wähnte er Gessi noch in weiter Ferne und war

selbst im Begriff, in seine Höhle zu Schekka zurückzukehren. Als

ihm aber die Nachricht von der Nähe des Feindes kam, sammelte er

rasch seine Streitkräfte, über zehntausend Mann, und warf sich auf

Dem Idris. So sicher war er seiner Sache, daß er schon die Stricke

in Bereitschaft hielt, um Gessi und seine Handvoll Leute zu binden.

Viermal kam es zum Angriff, und viermal wurde er zurückgeschlagen, das

erstemal am 27. Dezember, wobei er tausend Tote und fünf Standarten

zurückließ. Aus Mangel an Munition konnte Gessi den zurückgeworfenen

Feind nicht verfolgen. Dieser machte vierzehn Tage später einen

neuen Angriff und wurde abermals zurückgeschlagen. Soliman und seine

Häuptlinge hatten sich vorher im Kriegsrat mit einem Eidschwur auf

den Koran zu Sieg oder Tod verbündet. Durch Überläufer wußte Gessi

davon und verband sich seinerseits mit seinen Leuten, ihr Leben so

teuer als möglich zu verkaufen. So wenig Kriegsbedarf hatte Gessi,

daß er nach dem ersten Angriff die Kugeln des Feindes sammeln und

wieder gießen lassen mußte. Er sah aber, daß den schwarzen Soldaten

der Sklavenhändler der Mut gebrach, daß die Araber mit gezückten

Schwertern hinter ihnen standen und den Zagenden den Garaus machten.

Am folgenden Morgen kam es zum dritten Angriff und sieben Stunden

lang wütete der Kampf. Endlich wichen die Horden Solimans. Dieser

war in verzweifelter Wut von seinem Pferd gesprungen und weigerte

sich zu fliehen; wenn der Tod ihn nicht finde, wolle er ihn suchen,

schrie er, aber seine Leute schleppten ihn mit Gewalt davon. Abermals

nach vierzehn Tagen, in der Nacht des 28. Januar 1879, stürmte der

Feind heran. Eine von Solimans Bomben setzte ein Strohdach in Brand,

und das Lager stand in Flammen. Gessi war dadurch gezwungen, den

Kampf im offenen Feld zu wagen, aber nach drei Stunden hatte er die

Sklavenhändler in die Flucht geschlagen.

Im März erhielt er Zufuhr von Pulver und Blei und konnte es wagen, den

Feind in seiner Verschanzung anzugreifen. Solimans Lager bestand aus

einem Verhau von Baumstämmen, im Zentrum war eine feste Verschanzung,

die sechs- bis achttausend Mann deckte, und darum her standen statt

der Zelte Reisighütten. Eine Rakete der Angreifenden fiel ins Lager,

und im Augenblick brannte alles lichterloh. Die Rebellen suchten mit

verzweifelten Anstrengungen des Feuers Herr zu werden, aber bald

stand auch die äußere Einpfählung in Flammen, und den Banditen blieb

keine Wahl als einen Ausfall zu machen. Sie wurden auf ihr brennendes

Lager zurückgeworfen und retteten sich zuletzt in wilder Flucht. Ihr

Verlust war ein beträchtlicher. Die Nacht senkte sich auf Gessis müde

Schar, die seit dreizehn Stunden der Nahrung ermangelte. Am andern

Morgen bemächtigten sie sich des halbverbrannten Lagers; verkohlte

Leichen bedeckten die Stätte und weithin lagen die auf der Flucht

Umgekommenen. Mangel an Schießbedarf verhinderte Gessi abermals,

seinen Sieg auszubeuten. Der Statthalter von Schekka, als der nächste,

der Zufuhr hätte verschaffen können, ließ ihn im Stich, und als die

Pocken in Dem Idris ausbrachen, war seine Lage in der That eine

traurige.

Während der tapfere Italiener den Sohn Sebehrs auf diese Weise im

Schach hielt, war Gordon, wie wir gesehen haben, an der Arbeit

in Khartum. Der Anfang 1879 brachte ihm nicht weniger als drei

Einladungen nach Kairo; er umging sie mit der Antwort, daß der

Zeitpunkt ein kritischer und eine Folgeleistung für ihn mit der

Niederlegung seines Amtes gleichbedeutend sei. Während er täglich

seine wirkliche Rückberufung erwartete, erhielt er die Nachricht vom

Fall seines Gegners, des Nubar Pascha selbst. Gordon hatte dem Gessi

deshalb keine Verstärkung schicken können, weil Nubar ihm das Militär

verweigert hatte. Es war bei dieser Gelegenheit, daß dieser ihm statt

eines dringend nötigen Regiments Soldaten den Sebehr anbot! Gordons

Sorge um Gessi nahm täglich zu, und wiederholt telegraphierte er dem

Khedive um Genehmigung eines Zuges seinerseits nach Kordofan und

Darfur. Mitte März machte er sich dann nach Schekka auf den Weg.

Den Zweck seines die Unterstützung Gessis bezweckenden Unternehmens

beschreibt Gordon folgendermaßen:

»Erstens galt es, die Anhänger des Sohnes Sebehrs in Kordofan zu

verhindern, den Sklavenhändlern Hilfe zuzuführen; zweitens, dem

Feind den Rückzug abzuschneiden und Sebehrs Horden zu verhindern, in

Darfur einzufallen und sich daselbst mit dem angeblichen Sultan zu

vereinigen, der im Hügelland noch sein aufrührerisches Wesen trieb;

und drittens, Gessi moralischen Beistand zu gewähren sowie ihm den

nötigen Kriegsbedarf zukommen zu lassen.«

In größter Eile drang Gordon vorwärts nach Schekka. Durch Gluthitze

bei Tag und empfindliche Kälte bei Nacht, über sandige Strecken und

verdorrtes Gras trug sein Kamel ihn durch die wasserlose Wüste. Der

Weg ging über Obeid, wo die Leute »sauer sahen, weil er Handel und

Gewerbe durch Unterdrückung der Sklavenjagd beeinträchtigte.« Da und

dort faßte er unterwegs Sklavenkarawanen ab, konnte die Händler aber

nur durchpeitschen und ihnen die verbotene Ware abnehmen.

Persönlich hatte er »keinen sehnlicheren Wunsch, als sie zu

erschießen,« -- es war lediglich das Gesetz,[11] das ihn daran

verhinderte.

Auf einem nächtlichen Ritt in jener Zeit aber sah er einen Ausweg, den

Greuel besser als bisher zu unterdrücken.

»Von gestern abend halb sieben bis halb vier diesen Morgen habe ich

auf meinem Kamel gesessen. Und auf diesem langen Ritt zeigte sich mir

eine Möglichkeit den Sklavenhandel zu vernichten, dadurch nämlich: 1)

~wer im Lande Darfur wohnt, muß eine Aufenthaltskarte haben~; 2)

~niemand darf das Land betreten oder es verlassen ohne Paß für sich

und sein Gefolge~. Auf diese Weise kann niemand im Land verweilen,

ohne seine Erwerbsquelle nachzuweisen, und niemand kann ohne

Kenntnisnahme der Regierung darin umherreisen. Ein Zuwiderhandeln

dieser Verordnung wird mit Gefängnis oder durch Beschlagnahme des

Besitzes der Schuldigen bestraft.«

Er berichtete dies der Schwester als einen guten Nachtgedanken, den

er aber nicht seinem eigenen klugen Kopf zuschrieb, denn es steht

in Klammern daneben: »So aber jemand unter euch Weisheit mangelt,

der bitte von Gott, der da giebt einfältiglich jedermann, und

rückt es niemand auf.« Allerdings sieht er nur zu bald ein, daß

sein Nachtgedanke zwar theoretisch gut, aber praktisch unausführbar

ist; denn wer sollte der Paßanwendung Nachdruck verleihen? Am 8.

April erreichte er Schekka, »diese Sündenhöhle.« »Das Entsetzen der

Sklavenhändler« -- es waren ihrer mehrere hundert beisammen -- »war

groß«.

Am Tage vorher hatte ihn die Nachricht von Gessis Erfolgen erreicht,

dem um diese Zeit auch die ersehnte Verstärkung geworden war. Während

Gordon in Schekka dem Greuel den Boden sozusagen unter den Füßen

wegzog, errang Gessi in der Bahr el Ghasal neue Siege. Die armen

Schwarzen wußten sich nicht zu fassen vor Glück! Ein Dorf ums andere

wurde ihnen zurückerobert, und ihre grausamen Unterdrücker fanden die

verdiente Strafe. Mehr als zehntausend jener Unglücklichen schenkte er

ihre Heimat wieder. Einmal brachten seine Späher ihm acht Sklavenjäger

ins Lager und mit ihnen achtundzwanzig zusammengekoppelte Kinder. Er

ließ die Schurken sofort erschießen. Ein paar Tage später hängte er

eine ganze Reihe derselben im Wald auf. Kein Tag verging, daß nicht

ein Negerhäuptling kam und sich ihm mit Dankesthränen zu Füßen warf;

jetzt endlich konnten sie's glauben, daß es eine Regierung gebe, der

es obliege, sie zu schützen.

Am 1. Mai verließ er Dem Idris und suchte den Sohn Sebehrs in seinem

eigenen Nest auf, das seinen Namen trug -- Dem (d. h. Stadt) Soliman.

Der Überfall war in Plan und Ausführung ein so glänzender, daß der

junge Bandit ums Haar in seine Hände gefallen wäre. Die Stadt wurde

erobert, und die reichen Vorräte kamen Gessis Truppen sehr zu statten.

Der Sohn Sebehrs aber war zu einem andern Sklavenjäger, einem der

mächtigsten Rebellen, Namens Rabi, entkommen. Mit sechshundert Mann

machte sich Gessi auf den Weg, ihn zu verfolgen. Durch das verwüstete

Land, das nach Rache gegen den Feind schrie, drängte der Rächer.

Der Hunger folgte ihm auf den Fersen, zog vor ihm her, er achtete

es nicht. Er erreichte ein Dorf, das noch die Spuren der vor kurzem

verschwundenen Einwohner trug; es war spät am Abend, er fand Obdach

vor dem strömenden Regen, aber nicht eine Handvoll Durra. Da ging

seinen Leuten der Mut aus. Mit Tagesanbruch rief er sie zusammen

und sagte ihnen, daß er keine Nahrung für sie habe, daß aber der

Feind nicht weit sei, und was sie ihm abjagen könnten, gehöre

ihnen. Da feuerte der Hunger die Mannschaft an und weiter ging's im

Sturmschritt. Sie kamen an Gräbern vorüber und scheuchten Raubvögel

von ihrem Fraß auf, fanden unbeerdigte Leichen und frische Fußstapfen,

dann Häuser und ein ausgestorbenes Dorf. Da stürzte ihnen ein weißes

Weib mit aufgelöstem Haar und fast ohne Kleidung entgegen, sie

trug ein Kind an der Brust, und ihr abgehärmtes Gesicht sprach von

Schrecken und Jammer. Mit strömenden Thränen sank sie dem Anführer zu

Füßen. Ihr Mann, ein ägyptischer Offizier, war bei dem Überfall von

Dem Idris niedergemetzelt und sie als Beute entführt worden. Von ihr

erfuhr Gessi auch, daß der Feind nicht weit war.

In den Häusern gab's wenigstens genug Durra, die ausgehungerten

Soldaten zu sättigen. In der folgenden Nacht lagerten sie in einem

dichten Wald; Kundschafter wurden ausgeschickt. Die brachten nach

zwei Stunden Nachricht von weithin leuchtenden Wachtfeuern. Gessi

hielt dafür, daß er auf eine Sklavenkarawane gestoßen sei, denn die

Hauptbande vermutete er in einem noch entfernteren Dorfe. Er teilte

seine Mannschaft in der Absicht, die Karawane zu umgehen und sich

zuerst der Rebellen zu versichern; aber die eine Abteilung verfehlte

ihren Weg und kam mit Sklavenhändlern ins Gemenge. Schüsse fielen,

und in wenig Augenblicken war die Bande auseinandergesprengt. Einige

Händler fielen ihnen in die Hände, und diesen wurden nun dieselben

Ketten angelegt, unter denen eben noch ihre Opfer geseufzt hatten.

Ihr Anführer war Abu Snep, einer der berüchtigtsten Sklavenhändler in

der ganzen Bahr el Ghasal. Aber der Rebellenhaufe hatte die Schüsse

vernommen, und plötzlich -- es war noch dunkle Nacht -- erleuchtete

eine Feuersbrunst den Himmel; die flüchtigen Banditen hatten das Dorf

angezündet, und als Gessi es in der Morgenfrühe erreichte, fand er

einen rauchenden Trümmerhaufen. Nirgends eine Menschenseele, nur ein

kleines Sklavenbübchen, das sich in der Verwirrung versteckt hatte.

Das Kind berichtete, daß Soliman selbst keine vierundzwanzig Stunden

vorher im Dorf gelagert hatte.

In der folgenden Nacht stellten sich sieben Männer in Gessis

absichtlich nicht erleuchtetem Verhau ein, seine Truppen für die Bande

Rabis haltend, die sie in der Nähe wußten; sie sagten, sie seien vom

~Sultan Idris~ entsandt, der alsbald hinterdrein käme und Rabi

möchte ihn zum Anschluß erwarten. Gessi schickte durch einen der

sieben die Antwort, daß er den Sultan da und da zu sehen hoffe. Die

anderen sechs wurden zu Gast gebeten und sahen sich in kurzem als

Gefangene.

Gessis Plan war alsbald entworfen; er beabsichtigte sich Rabis zu

versichern und dann den nachkommenden Sultan Idris zu empfangen. In

größter Eile ging's vorwärts. Mit Tagesanbruch überfiel er jenen in

seinem Lager, vernichtete seine Horde, bemächtigte sich aller seiner

Vorräte und seiner Flagge, und nur der Häuptling selber entkam durch

die Schnelligkeit seines Pferdes. Dann, in der Richtung zurückfallend,

wo er seinen »Verbündeten« wußte, ließ er sein Zelt aufschlagen und

Rabis Standarte daneben pflanzen. Seine Leute legte er im Umkreis in

Hinterhalt; darnach schickte er ein halb Dutzend Schwarzer aus, die

wie von ungefähr dem Sultan in die Hände gerieten. Wem sie gehörten?

war die Frage. Dem Rabi, lautete die Antwort, und sie wären auf der

Jagd. Da sandte Idris sie zurück, um seine Ankunft binnen einer Stunde

zu melden. Ein plötzlicher Sturmwind und Regenguß trieb ihn und seine

Leute vorwärts, und Schutz suchend, lief die Bande im Durcheinander in

die Falle. Da krachte ein Signalschuß und Musketenfeuer knatterte um

sie her. So groß war ihre Verwirrung, daß nicht einer die Gegenwehr

versuchte. Idris und etliche seiner Araber waren die einzigen, die

entkamen, und das nur, weil sie sich im Wetter unter einen Baum

geflüchtet hatten und dadurch etwas zurückgeblieben waren. Reiche

Beute fiel in Gessis Hand. Er kehrte nach Dem Soliman zurück, das er

vor neun Tagen verlassen hatte, seine Rückkehr glich einem Triumphzug.

Die Sklavenhändler in der Umgegend schienen in alle Winde zerstreut.

Das Volk hatte sich erhoben und die Flüchtigen mit Pfeil und Speer

verfolgt. Die gefangenen Anführer brachte Gessi in Ketten mit sich,

während die besiegte Mannschaft Lasten von erbeutetem Elfenbein hinter

ihm herschleppte. In Dem Soliman fanden die Rächer eine wohlverdiente

Ruhe.

Indessen hatte Gordon in Schekka mit den fast unbezwingbaren

Schwierigkeiten seiner Verwaltung ritterlich weiter gekämpft.

Auch um diese Zeit schrieb man ihm wieder von Kairo und begehrte

zweihundertundvierzigtausend Mark aus dem Sudan. Er meldete zurück:

»Wenn die zerlumpten Truppen hier Kleidung und Löhnung haben, dann

kann man wieder davon reden.«

In Darfur fand er die alte Mißwirtschaft: »Ich verzweifle am

ägyptischen Regiment!«[12] Immer wieder ist's ihm sonnenklar, daß das

Hauptelend des Landes von der Gewinnsucht der Beamten ausgeht.

»Ich habe dem Khedive telegraphiert, den Sohn des Sultans Ibrahim

herzuschicken (der in Kairo festgehalten wurde) und mit ihm die

rechtmäßige Sultansfamilie hier wieder einzusetzen, denn mit diesem

Diebspersonal von Beamten ist eine gerechte Regierung unmöglich....

Mich kennen die Leute von Darfur und haben Vertrauen zu mir ... ich

werde dann dem Harun, der noch immer seine Ansprüche behauptet,

schreiben, daß es ihn nichts nützt, länger gegen Ägypten und den

rechtmäßigen Sultan aufkommen zu wollen, daß ich ihn angreifen

könnte, daß das aber nur neues Elend übers Land bringen würde und ich

ihn deshalb auffordere, mir zu helfen, Land und Leute für den jungen

Sultan zu gewinnen.«

Es war immer wieder Gordons Politik, mit Großmut den Feind zu

gewinnen, dem geschlagenen Feinde voran zum nächsten Siege zu eilen

und den noch gegen ihn ankämpfenden aufzufordern, ~ihm zu helfen, zu

thun, was recht ist~! Oft ist ihm diese wunderbare Taktik gelungen,

manchmal auch nicht. Harun wollte nichts davon wissen. Wir werden

später sehen, wie gerade an dieser hochherzigen Gewohnheit Gordons,

Feinde zu seinen Mitarbeitern zu machen, die ihm entgegentretende

Politik ihre Handhabe fand, ihn dem Verderben zu überlassen. Seine

Großmut war oft zu gut für die Welt und darum ihr unverständlich;

Krämerseelen nannten ihn einen Enthusiasten. Ja, es war der göttliche

Enthusiasmus, der den Sünder für seine Sünde züchtigt, ihn selbst aber

wieder aufrichtet, der den Saulus zu Boden schlägt und im Paulus sein

Rüstzeug gewinnt.

Und wieder der Sklavenhandel:

»Gott ist mein Zeuge, wenn ich diesen Greuel vernichten könnte, ich

ließe mich heute nacht noch erschießen; dies beweist wenigstens mein

heißes Verlangen, aber ich mag kämpfen wie ich will, ich sehe wenig

Hoffnung, dieses Übel zu bewältigen.«

In Stunden des Kleinmuts war ihm in dieser Zeit der erste Gedanke

gekommen, sein Amt als Generalgouverneur niederzulegen, weil er

fühlte, daß er das Land nicht so regieren konnte, wie es seinem

eigenen Herzen genügte. Daran knüpfte sich für ihn die Frage: soll

er, wenn er die glänzendere Würde niederlegt, sich nach Darfur

zurückziehen und sein Leben dort opfern? Durch dauernde Anwesenheit in

jenem Land, in dem das ganze Greuelwesen wurzelt, könnte er vielleicht

das ersehnte Ziel erreichen. Manch einer (besonders wenn die Frage ihm

nicht selbst gilt) möchte hier sagen, das ist ja ein schöner Beruf,

für den man gern sterben könnte! Es ist auch nicht der Tod, den Gordon

fürchtet, sondern die »lange Kreuzigung in diesem fürchterlichen

Land.« Seine Körperkräfte sind geschwächt und der physische Mut

gebricht ihm, solch ein Kreuz auf sich zu nehmen.

»In den Tod gehen, ja, aber ach! es wäre ein langes, langes

Hinsterben, und ich vermag es nicht!«

Mittlerweile ist er rüstig wie immer, wenigstens das Beste zu thun,

was in seiner Kraft steht.

»Diesen Abend wurden sieben eingefangene Händler mit dreiundzwanzig

Sklaven vor mich gebracht; das Elend dieser letzteren war unsäglich

-- es waren Kinder von kaum drei Jahren darunter, die durch diese

Wüste hergetrieben worden sind, vor der es mir auf meinem Kamel

bangt ... Ich höre, daß andere auf dem Weg sind, und manche von den

armen Weibern haben nicht einen Fetzen, um sich zu decken. Wir haben

in diesen neun Monaten wenigstens zweitausend abgefangen, und das

ist wohl nicht der fünfte Teil der Karawanen, die hier durch sind.

Und wie viele sind unterwegs umgekommen? ... Ich habe mit einigen

Häuptlingen gesprochen, es ist trostlos zu hören, daß mehr als ein

Drittel der Bewohner dieses Landes in die Sklaverei geschleppt worden

ist ... Ich höre, daß Kalaka in großer Aufregung ist, seit mein

Kommen in Aussicht steht. Ein Sklavenhändler dort soll einen Mann

erschossen haben; ich werde ihn dafür erschießen lassen, wenn ich

hinkomme. Ich werde wohl eine beträchtliche Anzahl dort wegfangen.

Sie wissen sich nicht zu helfen, kein Schlupfwinkel ist mehr übrig,

denn die Beduinen helfen mit.«

Diese notgedrungenen Freunde fingen eine Menge Händler weg, und

die Sklaven liefen umher wie herrenlose Schafe, wurden auch immer

wieder von Händlern aufgeschnappt, die sie gern als ihr Eigentum

betrachteten. Die aufgegriffenen Sklavenhändler züchtigte Gordon stets

nach dem -- zwar ungenügenden -- Gesetz; er ließ sie durchpeitschen

und setzte sie, wo er konnte, hinter Schloß und Riegel.

Ehe er Schekka verließ, um nach Kalaka weiter zu ziehen, hörte er

noch von Gessis namhaften Erfolgen. Die Straße nach Kalaka trug

überall Spuren, daß die Händler des Weges gezogen waren. An manchen

Orten bleichten Schädel und Menschenskelette zu Hunderten; hier

und dort lagen die Schädel aufgehäuft, ein grauenhaftes Denkmal

des entsetzlichen Handels. Wie viele Tausende von armen Schwarzen

mochten da vorbeigetrieben worden sein! Man fragt sich, wohin

sie nur alle geschleppt werden? Ein Teil wird als Dienstsklaven

verwendet, besonders in den Küstenländern des Roten Meeres; die

ganze mohammedanische Welt aber ist, teils offenkundig, teils

heimlich, eine Empfangsstätte für Sklaven, meist Weiber und Kinder.

Das Haremswesen verschlingt alljährlich eine große Anzahl. Im Blick

auf dieses Endziel des schändlichen Handels möchte man fast sagen:

es ist ein Glück, daß die meisten unterwegs erliegen! In Kalaka hob

er ein ganzes Nest von Händlern aus und wenigstens tausend Sklaven,

welch letztere er den eingebornen Stämmen überlassen mußte. Und

weiter ging's durch die Wüste nach Darra, nach Fascher und Kobeh an

der obersten Grenze des Landes. Was für Reisen! Er sagte einmal in

jener Zeit: nur kraft seines Kamels sei er einigermaßen Herr im Land.

Auf dem Weg nach Kolkol an der äußersten Nordwestgrenze wurde er

mit seiner Schar von etwa hundertundfünfzig Banditen überfallen und

mehrere Stunden lang ging es ihm mit seinen Leuten »hinderlich«, wie

er sagte; aber schließlich zogen die Räuber, die »seine Kamele und

seine Sachen« wollten, den kürzeren. In Kolkol angekommen, hatte er

die Länge und Breite der ägyptischen Herrschaft durchreist. Er faßt

seine Eindrücke in die Worte zusammen: »Das Elend dieser verkommenen

Länder ist unsäglich -- die Regierung selbst hat sie in eine Wüstenei

verwandelt.« Kolkol nannte er ein Gefängnis; es hatte seit zwei Jahren

niemand den Weg dahin gefunden. Die Garnison war in entsetzlichem

Zustand. Aus diesem verlassenen Nest sandte er eine ganze Bande

hilfloser Besatzung nach Khartum, vierhundert Araber mit Weibern und

Kindern. Von dieser äußersten Grenze des Elends trat er den Rückweg

nach Khartum an, zunächst über Fascher, Omschanga und Tuescha. Während

seiner kurzen Abwesenheit hatten sich die Banditen wieder in Schekka

gesammelt und von dort sich ins Innere des Landes geschlagen. Obschon

er auf diesem Zuge mehrere tausend Sklaven weggefangen und viele

Händler bestraft hatte, so stand der greuliche Betrieb doch alsbald

wieder in Blüte.

»Es ist anzunehmen, daß in diesen zwei Jahren allwöchentlich etwa 600

Sklaven hier durch sind! Während meiner Amtszeit! Habe ich da Ursache

stolz zu sein?«

Bei dem vorhandenen Wassermangel war das Elend der Ärmsten oft über

alle Beschreibung; und meist konnte er mit den Befreiten nichts

anfangen, als sie den Eingebornen überlassen. So ging's auch mit ein

paar hundert Sklaven, die er in und um Tuescha aufgegriffen hatte. Er

ließ sie vor sich kommen und sagte ihnen, daß er keine Möglichkeit

hätte, sie in ihre Heimat zurückzuschaffen, daß sie aber jetzt frei

wären. Sie waren alle damit einverstanden, sich den Leuten dort

anzuschließen. Drei schwarze Weiber wurden vor ihn gebracht, um über

die Händler ausgefragt zu werden, und als Beweis, daß selbst im

größten Elend die Eitelkeit oft oben auf ist, erzählt er, daß eine

derselben sorgfältig eine Ecke des schmutzigen Fetzens aufknöpfte, den

sie als Kleidungsstück um sich gewickelt hatte, und etliche Glasperlen

daraus zum Vorschein brachte; die hing sie sich um den Hals und guckte

dann um so zufriedener in die Welt. Aber von anderen, besonders von

einem kaum vierjährigen Bübchen sagt er, daß das Lachen ein Ding sei,

das ihn nie ankäme, die Bitterkeit seines jungen Lebens sei zu groß!

In Tuescha sah er Gessi wieder, der ihm um Jahre gealtert schien;

vielleicht konnte Gessi dasselbe von ihm sagen. Wie wir gesehen

haben, hatte Gessi dem Räubervolk in der Bahr el Ghasal tüchtige

Schläge versetzt und nebenbei reiche Ladungen an Elfenbein erobert.

Nur Soliman selbst war ihm bis jetzt noch immer entkommen; doch waren

seine Tage gezählt! Gordon belohnte den heldenmütigen Italiener,

indem er ihn zum Pascha der Osmanlie zweiter Klasse ernannte und

ihm vierzigtausend Mark dazu schenkte. Während er selbst nach

Khartum zurückkehrte, wandte sich der neue Pascha wieder seinem

Kampfgebiet zu. Schon nach wenigen Tagen brachte ein Überläufer

ihm die Nachricht, daß Soliman im Schild führe, sich mit Harun zu

vereinigen. Alsbald machte er sich auf, dies zu verhindern. Der Sohn

Sebehrs versuchte sein Heil in der Flucht in der Richtung von Gebel

Marah, einem schwierigen und wenig bekannten Hügelland. Neunhundert

seines Gesindels waren mit ihm: Rabi mit siebenhundert entrann auf

andern Wegen. Gessi, der seine Streitkräfte noch nicht zusammengezogen

hatte, konnte mit nur zweihundertundneunzig Mann zur Verfolgung sich

aufmachen; aber diese waren wohlbewaffnet und durch die unlängst

errungenen Siege innerlich gehoben. Durch einen mit bewundernswerter

Kühnheit ausgeführten Eilmarsch überraschte er Soliman und die Seinen

in einem Dorf Namens Gara zu früher Morgenstunde im Schlaf. Drei Tage

und drei Nächte hatte der unaufhaltsame Pascha sich und seiner Schar

kaum Ruhe gegönnt und dem Feind auf Querpfaden den Weg abgeschnitten.

Wie manches friedliche Dorf hatte die ruchlose Horde Solimans auf

ähnliche Weise zur Nachtzeit überfallen! Wie manche Wohnstätte hatten

sie mit Feuer verwüstet und die nichts ahnenden Bewohner mit sich

geschleppt! Das Blut war in Strömen geflossen, und viele Tausende von

Menschen waren durch sie dem Elend der Sklaverei verfallen. Jetzt war

die Stunde der Rache gekommen.

Mit seiner geringen Streitmacht wagte Gessi es nicht, das Dorf zu

umstellen. Er wagte es nicht einmal, sie dem Feind zu zeigen, sondern

hielt sie im Wald zurück, um jenen über die Anzahl zu täuschen. Dem

Soliman gab er zehn Minuten Bedenkzeit, die Waffen zu strecken; ergebe

er sich in der kurzen Frist nicht, so habe er keine Gnade zu erwarten.

Die schlaftrunkene Bande glaubte sich von Gessis ganzer Streitkraft

umringt und ergab sich im Schrecken der Überraschung. Einige der

Sklavenhändler hatten sich beim ersten Alarm in den Wald geflüchtet,

die meisten aber, unter ihnen Soliman selbst, gehorchten dem Befehl

und legten ihre Waffen nieder. Als der Sohn Sebehrs entdeckte, mit

wie wenig Leuten Gessi ihn überwältigt hatte, erfaßte ihn ein wilder

Ingrimm. »War das eure ganze Anzahl?« schrie er. »Sie genügte!«

entgegnete ihm Gessi kaltblütig. Da brach jener in Zornesthränen aus

-- »wäre mein Vater hier gewesen, wir wären nie erlegen! Es sind

ihrer nur dreihundert, und ihr (seine Häuptlinge) meintet, es wären

dreitausend!«

Den Tag über ließ Gessi sie im Dorf bewachen und sie verhielten sich

ruhig; als es aber dunkel wurde, schien Leben über sie zu kommen,

und er vermutete, daß Botschaft zwischen ihnen und ihren entlaufenen

Gefährten hin- und hergehe. Sie planten ein Entkommen in der Nacht,

in der Hoffnung, ihren Verbündeten Abdulgassin zu erreichen, der mit

seiner Bande nicht allzuweit entfernt war. Gessi entdeckte die Pferde

seiner Gefangenen, die gesattelt bereit standen. »Nun,« schrieb er,

»sah ich, daß die Zeit gekommen war, diese Schurken ein für allemal

unschädlich zu machen.« Er traf eine Auswahl. Ihren bewaffneten

Sklaven war er erbötig Leben und Freiheit zu schenken, wenn sie zu

ihren Stämmen zurückkehren wollten. Dazu waren sie mehr als bereit

und er ließ sie unter dem Geleite seiner Mannschaft ziehen. Die

kleineren Sklavenhändler, etwa hundertfünfzig an der Zahl, machte

er zu Gefangenen. Die Haupträdelsführer aber, d. h. Soliman und zehn

andere, wurden erschossen. Dazu hatte er Gordons Vollmacht. Zwei Jahre

vorher in der »Höhle Adullam« hatte dieser sie gewarnt, daß sie die

Sklavenjagd mit ihrem Leben würden büßen müssen, sofern sie nicht

davon abließen. Sie hatten die Warnung in den Wind geschlagen, und nun

war das Maß ihrer Bosheit voll. Keiner zeigte Reue. Dem Sohn Sebehrs

schien der Mut zu entfallen, denn er sank vor dem Schuß zu Boden; ein

anderer vergoß Thränen; die übrigen aber gingen ohne Spur von Rührung

in den Tod. Auf diese Nachricht versprengte der Schrecken Abdulgassins

Horde und auch Rabi mit den Seinen floh.

Damit war der Sklavenhandel für den Augenblick aufs Haupt geschlagen,

und da die Eingebornen sich nun auch allerwärts gegen ihre

Bedrücker erhoben, so fanden die flüchtigen Händler nirgends einen

Schlupfwinkel. Abdulgassin, die Hyäne dieses Landes, der ganze Dörfer

entvölkert hatte, wurde später eingefangen und erschossen. Rabi entkam

-- wohin wußte niemand. Nun war Friede und eine Zeit der Ruhe kam über

die gequälten Neger, die sich in ihren Heimstätten wieder ansiedeln

konnten; sie wußten ihrer Freude kein Ende, schrieb Gessi.

So wurde die Macht Sebehrs in seinem Sohne gebrochen, aber noch war

er selber unbestraft. Der schwarze Pascha war ein König gewesen, der

mächtigste aller Sklavenhändler in der Welt. Weithin, bis ins Innere

von Afrika hinein, hatte er seine festen Plätze und Raubhöhlen;

ganze Länder hatte er verwüstet, wo vorher die schwarzen Stämme in

verhältnismäßigem Wohlstand ihr Naturleben führten. Mit fürstlichem

Glanz hatte der greuliche Menschenräuber im Lande geherrscht; aus

einem Strom von Thränen und Blut war sein Reichtum gewonnen worden,

und nun war der Strom versiegt. Ihm selbst schien der verdiente Lohn

zu werden; denn unter dem Nachlaß seines Sohnes fanden sich Briefe

von seiner Hand, die ihn als den Anstifter des ganzen Aufstandes

verrieten. Er wurde in Kairo vor Gericht gestellt und zum Tode

verurteilt. »Es wird ihm nichts geschehen,« sagte Gordon, als er's

vernahm; und so war es! Er blieb nicht nur am Leben, sondern wurde

sogar eines Gnadengehaltes für würdig erachtet. Warum? muß ein Rätsel

bleiben. Der abgesetzte König der Sklavenhändler wurde nach wie

vor in Kairo festgehalten und hat seine zweitausend Mark monatlich

aus der vizeköniglichen Kasse bezogen! Die verkehrte Schwäche, die

ihm das Leben schenkte, hat viel dazu beigetragen, daß Gordons und

Gessis glänzende Erfolge den greulichen Menschenhandel im Sudan zwar

zu unterdrücken, aber nicht auszurotten vermochten. Sebehr war und

blieb eine Macht der Finsternis, und die Schlußszene von Gordons

Lebensdrama, die tieftragische, ist zweifelsohne mit sein Werk.

Gordon, der Held von Khartum · 第 12 / 22 题