Die Leute von Darra waren nicht wenig erstaunt, den Generalgouverneur
in ihrer Mitte zu erblicken; sie wußten sich seit einem halben Jahre
von der Außenwelt abgeschnitten. Die Stämme umher waren im Aufstand;
Harun, der als Anverwandter des gefallenen Sultans von Darfur die
Herrschaft beanspruchte, bedrohte die Stadt, und in Schekka saß
der Sohn Sebehrs mit sechstausend bewaffneten Sklaven. Gegen Harun
schickte Gordon eine ziemlich starke Truppenabteilung, die auch
ins Gefecht geriet und Beute machte, sonst aber keine Heldenthaten
verrichtete. Ein Offizier war damit beauftragt, eine zweite Abteilung
gegen die Stämme zu führen, und Gordon selbst blieb vorläufig in
Darra, um den schlimmsten der Feinde, Soliman, im Auge zu behalten.
Den Einwohnern der Stadt war seine Anwesenheit eine Schutzmauer,
aber sie fanden auch sonst noch Ursache, derselben froh zu sein.
So gab er ihnen z. B. ihre Moschee zurück, die von den Ägyptern in
ein Pulvermagazin verwandelt worden war; freute es ihn doch, wenn
die Muselmänner Gottesdienst hielten, sofern sie es nur redlich
meinten. Das Land weithin war nach dreijähriger Anarchie im Elend der
Hungersnot. Er beschreibt die Kinder als »nur Bäuche mit Gliedmaßen
wie Fühlfäden« -- eine Folge des Grasessens.
Um Solimans habhaft zu werden, tauchten verschiedene Vorschläge auf.
Gordons schwarzer Schreiber z. B. ersann einen Plan, wie man ihn nach
Darra locken könne, um ihn daselbst, sofern er sich nicht ergeben
wolle, zu ermorden. Statt dieses »asiatischen« Einfalls, wie Gordon
sich ausdrückt, kam ihm selbst ein anderer, wie nur ~seine~
Großmut ihn ersinnen konnte: er wollte den Sohn Sebehrs durch
Vertrauen entwaffnen.
»Es ist mir der gute Gedanke gekommen, den Soliman zum Statthalter
von Darra zu machen und ihn damit von dem Räubernest Schekka zu
entfernen. Das wird ihn auch an fernerer Sklavenjagd hindern, denn
seine sechstausend werden genug zu thun haben, das Land gegen die
Stämme zu halten.«
Der Plan war nicht ausführbar; dennoch hoffte er Soliman ohne Waffen
zu besiegen. Aus der »Höhle Adullam« erhielt er mittlerweile durch
die Häuptlinge El Nur, Awad und Idris Kenntnis, die zwar Sebehrs
Herrschaft anerkannten, sich aber die Regierung geneigt zu machen
suchten, indem sie dem Statthalter verrieten, was dort vorging. So
wußte er z. B., daß Soliman beständige Verbindung mit seinem Vater
in Kairo unterhielt und daß der Aufruhr in Darfur aus Gehorsam gegen
Sebehr ins Werk gesetzt wurde, als dieser seinen Anhängern sagen ließ,
sie sollten »das jetzt ausführen, was unter dem Baum beschlossen
worden sei.« Der schwarze Pascha regierte selbst als Gefangener noch
das unglückliche Land.
Ehe Sebehr nämlich mit seinen zwei Millionen »Bakschisch« (Trinkgeld)
nach Kairo ging, um die Pascha zu bestechen, hatte er alle
sklavenhandeltreibenden Häuptlinge seines Gebietes unter einem großen
Baum an der Straße zwischen Schekka und Obeid versammelt und ihnen
einen Eid auf den Koran abgenommen, daß sie sich allerorts gegen
die Regierung erheben sollten, wenn er ihnen das Wort sende. Als
nun Gordon nach seiner Arbeit am Äquator die Statthalterschaft des
Sudan übernahm und sich nach kurzem Aufenthalt in Khartum aufmachte,
um die Sklavenhändler in ihrem bis jetzt sichersten Schlupfwinkel zu
bekämpfen, wo die Bande sich um Soliman geschart hatte, da wußte der
alte Menschenräuber, daß es damit seiner Hoffnung ans Leben ging, den
Handel, von dem er seine Macht und seinen Reichtum hatte, je wieder
zur alten Blüte zu bringen. So erging sein Mandat an die Raubgesellen
in Schekka.
El Nur und Idris hatten sich beide mit Hinterlegung einer Strafsumme
aus Schekka fortgemacht. Von ihnen erfuhr Gordon, daß Soliman festsäße
bis nach der Regenzeit und sich in seiner »Höhle« vor einem Überfall
gesichert erachte. Daraus ergab sich indessen keine Ruhezeit für
unseren Helden. Er war noch nicht vierzehn Tage in Darra, als er
schrieb:
»Heute haben sich sechshundert der Nazagats mit ihrem Scheik zu mir
geflüchtet.«
Dieser Stamm hatte seinen Wohnsitz in der Nähe von Schekka und war
einer der gewaltigsten im Land, der siebentausend Krieger ins Feld
bringen konnte. Aber infolge der fortwährenden Plünderungen von
Sebehrs Bande fingen sie an, sich zu Gordon zu schlagen; und er hörte,
daß es nur der Anfang einer Einwanderung sei, indem noch andere Stämme
ähnliches beabsichtigten. Sie konnten über Nacht kommen, denn »Gepäck
haben sie keines und reiten wie der Blitz, ohne Bügel.« Der Vorteil
einer solchen Verstärkung war aber ein zweifelhafter -- wo Nahrung
hernehmen für so viele in dem ausgeplünderten Land?
Eine weitere Schwierigkeit, die sich ihm um diese Zeit darbot,
verstattet einen Einblick in die Ratlosigkeit, die ihn angesichts des
von ihm bekämpften Greuelwesens mehr wie einmal befiel. Eine seiner
Streifkolonnen hatte ihm zweihundertundzehn Sklaven in die Stadt
gebracht, ausgehungerte Menschen, die ihn so flehentlich anblickten,
daß ihm die Augen übergingen. Was soll er mit ihnen anfangen? wem
soll er sie überlassen? Selber behalten kann er sie nicht und füttern
kann er sie auch nicht. Selbstverständlich läßt er ihnen für den
Augenblick etwas Durra reichen, denn sie haben seit sechsunddreißig
Stunden nichts gegessen. »Ich wollte heute mein Leben hinlegen,« ruft
er aus, »um das Elend dieser Menschen zu lindern; wie viel mehr muß
Gott sich ihrer erbarmen!« Und immer mehr wird es ihm zur Klarheit,
daß das Schwerste des von ihm unternommenen Kampfes nicht sowohl die
Unterdrückung der Händler selbst sei, als die Versorgung der hilflosen
Sklaven.
Es ist ihm öfters zur Last gelegt worden, daß er selbst Sklaven, als
solche, seinen Truppen einverleibe, ja sie gegebenenfalls sogar kaufe.
Er, der sein Leben für nichts achtete in dem großen Kampf gegen das
Unrecht, konnte es ruhig der Zeit überlassen, sein Thun ins rechte
Licht zu setzen. Er braucht Truppen gegen die Sklavenhändler; woher
soll er sie nehmen? Wenn er es unterläßt, Sklaven zu nehmen und
ihre Eigentümer zu entschädigen, so gehören sie nach wie vor, d. h.
vertragsmäßig noch zwölf Jahre lang ihren jeweiligen Herren. Sie mit
Gewalt frei machen, hieß den Aufruhr verallgemeinern. Es schien ihm
der beste Weg, die Banden bewaffneter Sklaven im Land möglichst unter
seine Disziplin zu bringen. Das Urteil der Leute hatte ihn nie viel
angefochten. Seiner Schwester formuliert er Anklage und Entschuldigung
mit den kurzen Worten:
»Ich möchte, daß Du es richtig verstehst -- ›Oberst Gordon kauft
Sklaven an von Regierungs wegen und läßt die Gellaba nach wie vor
ihr Wesen treiben‹, heißt's in den Zeitungen. Ja, er thut's, denn
nur mit Hilfe von Sklaven kann er die Sklavenhändler bekämpfen
und die bewaffneten Banden unter sich bringen. Die Sklaven, die
ich kaufe, sind längst ihrer Heimat entrissen, ich kann sie nicht
zurückschicken, selbst wenn ich wollte. Es ist nicht, als ob ich dem
Handel dadurch Vorschub leistete, nicht einmal indirekt, denn gerade
dadurch gewinne ich ein Mittel, ihn zu unterdrücken.«
Die Gellaba -- er nennt sie selbst Geier -- sind die kleinen Händler,
welche die Ware im einzelnen den Jägern abkaufen.
»Wenn wir mit Rußland im Krieg sind,« sagt er, »benutzen wir diesen
Zeitpunkt nicht, um in Indien Mißstände zu unterdrücken? Ich wäre
tollkühn, wollte ich mir die kleinen Leute verfeinden, ehe ich mit
den Hauptsündern fertig bin.«
Er weiß, daß in Schekka an viertausend Sklaven liegen, die ihm in die
Hände fallen werden, sobald er jenes Nest aushebt.
»Was soll ich mit ihnen anfangen, mit Weibern und Kindern? Ich
kann sie nicht in ihre Heimat zurückschicken (weithin ins Innere
von Afrika, selbst wenn er im einzelnen Fall immer wüßte, wo die
Geraubten zu Hause sind!) ich kann sie nicht erhalten. Ich muß sie
entweder den Stämmen überlassen, oder meinen Truppen, oder den
kleinen Händlern. Ich habe keine andere Wahl. Wenn ich sie freigebe,
so überlaufen sie das Land, und ein herrenloser Sklave ist wie ein
verlorenes Schaf -- das Eigentum dessen, der ihn findet. Ich muß
suchen den Ausweg zu ergreifen, der für die armen Sklaven der beste
ist. Was Europa dazu sagt, ist nicht die Hauptsache: es ist der
Sklave, der leidet, nicht der Europäer. Das weiß ich wohl, daß wenn
ich jene viertausend Sklaven den Stämmen oder den Gellaba, oder auch
meinen Truppen überlasse, man in den nächsten Monaten um so viel mehr
von Sklaventransport hören wird; aber dann ist wenigstens das damit
gewonnen, daß die Ärmsten auf die beste Art ihre Bestimmung erreichen
und nicht hier Hungers sterben.«
Als ihre Bestimmung kann man neben dem Orient überhaupt auch Ägypten
betrachten, wo merkwürdigerweise der Ankauf von Sklaven auch dann noch
gestattet war, als der Handel im Sudan unterdrückt werden sollte.
»Ich könnte die Verantwortung von mir abwälzen, und die Sache sich
selbst überlassen -- das hieße die Sklaven dem sichern Elend und dem
Hungerstod preisgeben. Soll ich ein solcher Feigling sein, aus Furcht
vor der Meinung des besser unterrichteten Europa? Nein, ich werde
dem Transport fürs nächste Vorschub leisten. Die Leute sollen in die
Zeitungen schreiben, was sie wollen. Hier sind die Sklaven, um sie
her die Geier, und hier bin ich, der eine Mann, der keine Nahrung für
sie hat und keine Möglichkeit, sie in ihre Heimat zurückzuschicken.
Hätte ich einen tüchtigen Mann mit starkem Arm, der mir helfen
könnte, jeden einzelnen Sklaven nach seinem Wunsche zu behandeln --
es wäre mir lieber. Denn merkwürdigerweise haben selbst diese elenden
Sklaven noch Wünsche in dieser Hinsicht -- manche vertrauen sich
lieber den Gellaba an, manche den Stämmen, manche meinen Truppen;
nach ihrer verwüsteten Heimat verlangen sie indessen nicht zurück,
denn sie wissen, daß sie dann nur anderen Stämmen zum Opfer fallen
und wieder Sklaven werden. Ihre Dörfer sind zerstört; es würde
lange dauern, ehe sie nur wieder auf eine Ernte hoffen könnten....
Angesichts dieser Thatsachen steht man hilflos dem Erlaß gegenüber,
daß alle Sklaven nach zwölf Jahren frei sein sollen. Wer will sie
frei machen? Man könnte gerade so gut erwarten, daß Steine und Bäume
das Gesetz erfüllen, als daß die Stämme unter sich ihre Sklaven
aufgeben. Man kann lediglich nichts thun, als sie an der Jagd auf
neue Sklaven hindern ... Ich habe so wenig Korn hier, daß ich nicht
weiß, was anfangen. Bei solcher Sorge vergeht einem der hohe Mut.
Aber das weiß ich, daß ich um keinen Gewinn der Welt die übernommene
Arbeit jetzt aufgebe; es wäre eine Feigheit ... Ich höre von Fascher,
daß nach einem Ausfall auf Harun das Volk zu Hunderten Hungers starb
oder den Pocken erlag -- arme Kinder und Weiber, deren jedes sein
Leben lieb hat wie wir! Schön war, daß meine Araber ihre Gefangenen
freiließen -- es seien ihrer zweihundertfünfunddreißig gewesen, die
Arm in Arm in einer langen Kette davonwankten. Es geschah in der
Hoffnung, sie vor den Gellabas zu retten, was hoffentlich gelungen
ist ...
»Eine Truppe ausgehungerter Menschen ist in meinen Hof eingebrochen,
ich habe sie fortschicken müssen bis morgen, in der Hoffnung, bis
dahin etwas Durra aufzutreiben.«
Mittlerweile verhielt sich der von Darra abgesandte Offizier ganz
unthätig, ja Gordon hörte, daß er sich vom Feind habe bestechen
lassen. Kein Wunder, daß Gordon allen Mut verlor, sich auf seine
Truppen zu verlassen. Er beugt sich unter diese Thatsache als unter
eine Fügung Gottes. Dies hindert ihn aber nicht, sich vorzunehmen,
den Mann im Betretungsfalle kriegsrechtlich erschießen zu lassen. Wie
seine Truppen sich ferner verhielten, ergiebt sich aus folgendem.
Die ~Leparden~, ein zahlreicher Stamm, hatten sich gegen
ihn aufgeworfen und die Verbindung zwischen Darra und Tuescha
abgeschnitten. Er beschloß daher, seinen Besuch in der Räuberhöhle
Schekka noch hinauszuschieben und mit einer Abteilung seiner
»Unbeschreiblichen« und einer Anzahl verbündeter Mascharins den
Leparden entgegenzuziehen. Es war eine schlimme Nacht, voll Sturm und
Regen.
»Ich zog meinen Mantel an und setzte mich unter meinen Schirm und
wünschte, es wäre Tag. Angenehm war die Lage nicht, aber ich wickelte
mich ein und konnte schlafen.«
Es war ein Regen, der einem die halbe Kraft aus dem Körper spülte,
sagt Gordon, aber nichtsdestoweniger führt er seine Leute am
folgenden Tage in den Kampf -- den Teil wenigstens, der bei der Hand
war, und das waren ~nicht~ seine »Unbeschreiblichen«, die langsam
hinterdrein kamen. Seine Verbündeten, die Mascharins, waren es, die,
obgleich geringzählig, sich nicht halten ließen und die Leparden, d.
h. ihre einhundertsechzig Mann starke Vorhut, gänzlich aufrieben.
Als seine Truppen herankamen, besetzten sie das gewonnene Lager
des feindlichen Stammes, und während Gordon mit dem Häuptling der
Mascharins Kriegsrat hielt, stürmten die Leparden in zwei Abteilungen
von je dreihundertfünfzig Mann daher. Sie wurden zurückgeworfen, aber
wieder nicht von seinen Truppen, sondern von den tapfern Mascharins,
deren Anführer Ahmed Nurra tödlich verwundet wurde. Seine Helden
hielten das Palissadenwerk von der sichern Seite! Gordon befand sich
in einem Zustand der peinlichsten Entrüstung. Das Einzige, was ihn
zurückhielt, sich selbst unter die anstürmenden Leparden zu werfen,
war der Gedanke, daß seine elenden Truppen dann gar nicht mehr wüßten,
was thun. Aber gründlich verhaßt wurden ihm die Baschi-Bosuks mit
ihrem Waffengeklirr, wenn der Feind nicht da war, und ihrer maßlosen
Feigheit, wo's Ernst galt.
»Kein Mensch hat eine Vorstellung davon, was meine Offiziere und
Soldaten für Kerle sind -- ihr bloßer Anblick regt mir die Galle
auf!«
Der kurze Feldzug endete damit, daß er die Leparden von drei
Wasserstationen abschnitt, so daß nur eine einzige, vierte Quelle
ihnen blieb. Den Feind in jenen Wüstenländern vom Wasser abschneiden,
heißt ihn besiegen. Die Brunnen liegen stundenweit auseinander.
»Gern hätte ich's den Frauen und Kindern und dem armen Vieh erspart,
aber ich habe keine andere Wahl, wenn ich den Stamm bewältigen will.«
In der glühenden Hitze kamen sie denn auch bald mit hängenden Zungen
und verdorrten Lippen und baten um Gnade. Gordon nahm ihnen die Speere
ab, ließ sie auf den Koran Treue schwören und schickte sie dann
allesamt an die nächste Quelle.
»Sie waren einen Tag ohne Wasser, ich kann's nicht ändern. Der Krieg
ist ein grausames brutales Geschäft. Wie oft lesen wir in den Kriegen
Israels, dass das Volk ohne Wasser war. Es ging damals nicht anders
zu als jetzt.... Meine Berittenen fingen einen Scheik ein, er war
über die Maßen durstig; wie gern hab ich ihm Pardon gewährt und
ihn mit seinen Leuten ans Wasser geschickt ... er sagte, der Stamm
sei auseinandergesprengt. Auch des Häuptlings Sohn war dabei, ein
fünfzehnjähriger Junge, und wie sie gebunden in meinem Zelt hockten,
sah ich, wie der arme Bursche nach Wasser lechzte. Was für eine
Freude war's, ihn sich satt trinken zu lassen!«
Aber auch Streitigkeiten mußte er beilegen. Der Zankapfel war oft nur
eine Handvoll Korn, oder ein irdener Topf. Ob solcher Beute gerieten
zwei hintereinander, die verschiedenen Stämmen angehörten, und der
eine erschoß den andern!
»Ich ließ die Stammesangehörigen des Getöteten vortreten und auch den
Gefangenen; und dann fragte ich sie, ob ich ihn erschießen sollte,
oder ob sie ihn haben wollten, damit er für die Hinterbliebenen des
Ermordeten arbeite. Und ich war froh, zu finden, daß sie auf den
letztgenannten Vorschlag eingingen. Der Mann war vorher schon der
Sklave eines der Soldaten (das Wort ist mir entschlüpft, ich wollte
ihn nicht so nennen!) ich habe ihn daher nur einem andern Herrn
gegeben. Das Entsetzen der Leute war unbeschreiblich, als ich mich
mit meinem Gewehr vor den schwarzen Mörder stellte und den Hahn
spannte -- es war gar nicht geladen. Ich wußte auch, daß sie seinen
Tod nicht verlangen würden, denn selbst in diesen armen wilden
Menschenherzen wohnt Gutes. Sie glaubten aber fest, ich würde ihn
erschießen, wenn sie nicht um sein Leben einkämen, und so thaten
sie's einstimmig.«
Die Leparden hielten nicht lange Frieden, kaum länger als bis ihr
Durst gestillt war, und dann entführten sie Gordons Verbündeten eine
Anzahl Sklaven, wofür er ihnen tausend Stück Vieh wegnahm und einen
weiteren Teil des Stammes entwaffnete. Er rückte durchs Lepardenland
nach Duggam vor, wo ein Gemisch von Stämmen hauste. Die Leparden
gingen nach Gebel Heres zurück; er zog ihnen nach und hörte, daß
Harun sie unterstützte, indem er ihnen vierzig Berittene nach Gebel
Heres zur Verstärkung geschickt habe, während er selbst das Land
weiter nördlich verwüstete. Seinem Truppenteil, den er in jener
Gegend vorfand, kann Gordon das gewohnte Lob gänzlicher Untüchtigkeit
ausstellen. Eine ganze Menge Fragen hinsichtlich eingebrachter Sklaven
harrten seiner Erledigung.
»Ich wollte, die Gesellschaft zur Unterdrückung der Sklaverei wäre
hier,« ruft er nicht ohne Ironie, »und sagte mir, was ich thun soll!«
Während er seine erbärmlichen Streitkräfte beklagt, gab's Meuterei;
sein Leben war nicht sicher in ihrer Mitte. Fascher war so nahe,
daß man seine Wachtfeuer von der Stadt aus sehen mußte; dort waren
achttausend Mann ihm dienstpflichtiger Truppen eingesperrt -- oder
sollten doch dort sein. Er machte sich auf den Weg, um ihnen das
Gewehr zu visitieren, und erreichte mit etlichen hundert Mann die
Stadt gegen Abend nach einem »schmählichen Ritt« durch Sumpfland. Man
hatte keine Ahnung von seinem Kommen und war »angenehm überrascht«.
In der Stadt selbst waren viermal so viel Truppen, als er bei sich
hatte, und zehnmal so viel kampierten unter Hassan Pascha Helmi
drei Tagmärsche entfernt; aber von diesem Militär war nicht der
geringste Versuch gemacht worden, sich nach Darra oder sonst wohin
durchzuschlagen, während der Feind noch vor kurzem bis in die Nähe von
Fascher Streifzüge unternommen hatte. Hassan Pascha, der die Besatzung
befehligte, hatte sich schon vor Wochen in aller Gemütsruhe mit dem
Hauptteil der Truppen davon gemacht. Gordon verschrieb sich den Mann.
Mittlerweile konnte er von einem anderen seiner Offiziere folgenden
Streich erzählen.
»Ein Muezzin oder Gebetsrufer in der Stadt war gewohnt, die
Gebetsstunde nah bei der Stelle auszurufen, wo jetzt mein Zelt steht.
Mein Oberstlieutenant hieß ihn schweigen, weil es mich störte; zum
Glück erfuhr mein schwarzer Schreiber die Sache. Es lag nichts
anderes zu Grunde als der Wunsch, den Fanatismus der Leute gegen mich
aufzustacheln. Ich schenkte dem Ausrufer 40 Mark, meinen gefälligen
Freund, den Oberstlieutenant, aber schickte ich nach Kedaref in die
Verbannung, wo er Zeit finden wird, ähnliche Pläne auszuhecken. Ich
besinne mich nie einen Augenblick, solche Kerle zu züchtigen. Der
Gebetsrufer schreit jetzt noch einmal so laut, eben während ich dies
schreibe.... Ich gebe mir alle Mühe, jenen anderen Tapfern, der sich
bestechen ließ, um den Feind nicht anzugreifen, und mich neunzehn
Tage in Darra hinhielt, seiner Thaten zu überführen; aber die Zeugen
sind nicht besser als er selber, so wird mir nichts übrig bleiben,
als meine despotische Gewalt in Anwendung zu bringen. Er nahm
viertausend Mark in Geld, den Wert von tausend Mark in Straußenfedern
und zehn Kamelladungen Durra als Geschenk hin, um den Stamm nicht
anzugreifen.... Sebehrs Sohn ist jetzt bereit, sich mir anzuschließen
in der Hoffnung, das Land um so besser zu plündern; und Harun
plündert auf seine Rechnung im Norden. Ich sitze mitten zwischen
diesen beiden, und um mich her sind die Stämme, die jenem feindlich
sind und teilweise auch mir feindlich, während sie dem Harun günstig
sind und von mir erwarten, daß ich ihnen gegen Sebehrs Sohn beistehe
-- das nennt man einen dreiseitigen Zweikampf.«
Es war in der That eine unerquickliche Lage, die täglich schwieriger
wurde. Von den drei Feinden, mit denen er im Zweikampf stand, wäre
der selbstgekrönte Sultan ohne Zweifel am leichtesten zu unterwerfen
gewesen, wenn er ihn nur im offenen Felde hätte stellen können; aber
abgesehen von seinem Mangel an tüchtiger Mannschaft, war er anderwärts
zu sehr in Anspruch genommen, und Hassan Pascha mit seinen fünftausend
Unthätigen hatte nicht den Mut, ohne die Gegenwart Gordons den Angriff
zu wagen.
Es waren die eingebornen Stämme, die dem Feldherrn so hinderlich
waren. Manche in nächster Nähe verhielten sich noch feindlich, und
die entfernteren thaten ihr Bestes, die von ihm zur Ruhe gebrachten
wieder aufzustacheln. Außerdem wurde sein Schreiber krank und für
alle Einzelheiten der Verwaltung mußte er selbst einstehen. Wegen
jeder Kleinigkeit drängten sich die Leute unangemeldet in des
Generalgouverneurs Zelt und meinten, er könne sich ihrer nicht schnell
genug annehmen. Erteilte er aber einen Befehl, so erfüllte man
denselben im Leichenschritt. Seine Diener waren nicht besser als seine
Soldaten. »Ich erledige täglich einen Berg von Geschäften,« schreibt
er, trotz der furchtbaren Hitze, die so sengt und brennt, daß er »alle
vierzehn Tage eine neue Haut im Gesicht hat.« Und wenn er von einem
Ausritt müde heimkommt, so findet er Skorpione in seinem Zelt, oder
dasselbe von einem Sturmwind umgeblasen, während seine Diener dabei
sitzen, als ob es sich von selbst wieder aufrichten müsse. Dann ist er
wohl manchmal niedergeschlagen und meint, es helfe alles nichts, er
müsse dieses verzweifelte Land sich selbst überlassen, aber sein hoher
Mut gewinnt auch in solcher Lage die Oberhand und er sieht durch den
Wolkenhimmel doch wieder die Sonne scheinen.
Er hatte sein Hauptaugenmerk zur Zeit auf Harun gerichtet, denn
der Verdacht war ihm gekommen, ob Hassan mit seinen fünftausend
nicht ähnlichen Verrat treibe, wie jener andere, der sich hatte
bestechen lassen. Und obschon es fast täglich Unternehmungen gegen
die feindlichen Stämme oder Streifzüge auf höchstnötigen Proviant zu
leiten gab, so traf er doch energische Vorbereitungen, einer etwaigen
Krisis zuvorzukommen. Da hieß es mit einemmal, der »Sultan« sei
verschwunden und niemand wisse wohin. Somit hatte er neben verlorener
Mühe vorläufig das Nachsehen.
Während er so sein Bestes thut, der kleinen wie der großen
Mühseligkeiten Herr zu werden, kommt ihm die Nachricht, daß sein
schlimmster Feind ausgebrochen ist und sich anschickt, Darra zu
belagern. Gordon weiß, daß Soliman sechstausend bewaffnete Sklaven mit
sich führt, während er selbst zwar seine »unbeschreiblichen« Helden
hat, sich aber nicht im geringsten auf sie verlassen kann, -- eine
Wendung der Dinge, vor der alle bisherigen Schwierigkeiten erblaßten.
Gordons Genie aber erweist sich nie glänzender als in einer Lage, die
völlig hilflos erscheint. Da gürtet sich der Held zum Einzelkampf und
erringt einen Sieg, der durch Waffen allein nicht zu gewinnen wäre.
Schrieben wir einen Roman, es ließe sich nichts Romantischeres denken,
als solche Siege über große Bedrängnis; da es sich aber um Thatsachen
handelt, so ist es eben die großartige Kindeseinfalt des heroischen
Mannes, die stets mitten ins Feuer geht, den Umstand vergessend, daß
er einer ist gegen viele. Gordon verlor keinen Augenblick. Seine
Armee und alles zurücklassend, bestieg er sein Kamel und ritt allein
und unbewaffnet nach Darra. Von diesem gewaltigen Ritt, eine der
wunderbarsten Leistungen in seiner ganzen wunderbaren Laufbahn, lassen
wir ihn selbst an seine Schwester berichten. Es ist hierbei nur zu
bemerken, was übrigens von allen seinen Briefen gilt, daß er stets
frisch nach der That schrieb und nicht im entfernteren daran dachte,
daß je ein größerer Leserkreis an seinen Berichten sich erfreuen würde.
»Etwa um vier Uhr nachmittags erreichte ich Darra, lang vor meinem
Gefolge, nachdem ich in anderthalb Tagen 140 Kilometer zurückgelegt
hatte. Etwa zwei Stunden vor Darra geriet ich in einen Schwarm von
Fliegen, die mich und mein Kamel so quälten, daß wir mit immer
größerer Eile vorwärts drängten. Ich denke mir, die Königin des
Geschmeißes muß darunter gewesen sein. Wenigstens dreihundert
umschwärmten den Kopf des Kamels und ich ritt einfach in einer
Wolke. So hatte ich doch wenigstens ein Gefolge von Fliegen, wenn
sonst keines. Die Leute in Darra waren sprachlos, ich überfiel
sie wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Als sie sich erholt hatten,
feuerten sie eine Salve ab. Mein armes Gefolge! wo das war, wußte
kein Mensch. Denke Dir Deinen Bruder, einen einzelnen, staubigen,
sonnverbrannten Menschen auf seinem Kamel und über und über mit
Fliegen bedeckt, wie er so ganz unerwartet im Divan erscheint. Die
Leute starrten mich an wie gelähmt. Zu essen gab's nicht viel nach
meinem langen Ritt, aber eine ruhige Nacht, in der ich alles Elend
vergessen konnte. Bei Tagesgrauen stand ich auf, zog die goldene
Uniform an, die der Khedive mir geschenkt hatte, und ging hinaus, um
meine Truppen zu besichtigen. Darnach bestieg ich mein Pferd, und
mit einem Geleit von ~meinen~ Räubern von Baschi-Bosuks ritt
ich hinaus in das Lager der anderen Räuber, das ich in einer halben
Stunde erreichte. Der Sohn Sebehrs kam mir entgegen -- ein ganz
hübscher Junge, etwa zwanzigjährig -- und ich ritt mit ihm durch das
Räuberlager. Ich schätzte, es waren ihrer dreitausend, Männer und
Burschen, die er bei sich hatte. Ich ritt mit ihm bis an sein Zelt;
dort waren die Häuptlinge versammelt und nicht wenig überrascht,
mich in ihrer Mitte zu sehen. Ich ließ mir ein Glas Wasser geben
und kehrte dann zurück, indem ich den Sohn Sebehrs einlud, mich mit
seinen Angehörigen in meinem Divan zu besuchen. Sie kamen denn auch
richtig und hockten im Halbkreis um mich her, während ich ihnen in
gewähltem Arabisch meine Meinung beibrachte: erstens, daß ich wohl
wüßte, daß sie neuen Aufruhr gegen die Regierung im Schild führten,
und zweitens, daß sie mir glauben dürften, daß ich lediglich dazu
gekommen sei, sie zu entwaffnen und zu vernichten. Diesen Bescheid
nahmen sie stillschweigend entgegen und entfernten sich dann, um
sich's zu überlegen. Es dauerte nicht lange, so erhielt ich ein
Schreiben mit der Zusicherung ihrer Unterwerfung und dankte Gott
dafür! Rings umher haben sie das Land verwüstet, und ich konnte es
nicht ändern. Mich dauern nur die armen Leute, die es traf, darunter
die mir Verbündeten, die mit mir nach Wadar (gegen die Leparden)
zogen und ihr Eigentum unbeschützt zurückließen. Was für Jammer
überall! Aber der Allerhöchste sieht es, und er kann helfen. Ich
kann's nicht. Die verblümten Gesichter der Schurken, als sie meine
Anklagen vernahmen, und die merkwürdige Gebärdensprache bei meinem
ungenügenden Arabisch hättest Du mit ansehen sollen! Es ist noch
keine drei Tage her, daß Sebehrs Sohn seine Pistole dreimal auf
meinen Kavaß (eine Art Polizeisoldat) abfeuerte, weil der Ärmste
krank war und ihm nicht entgegenkommen konnte ... Du hättest sein
Gesicht sehen sollen und seine Versicherungen der Treue mit anhören,
als ich ihm dies vorrückte. Schließlich habe ich ihm verziehen.
Maduppa Bey hat mir seither erzählt, daß der Sohn Sebehrs sich nach
der Unterredung mit mir hingelegt und kein Wort gesprochen hätte,
so daß die Araber meinten, ich hätte ihn mit Kaffee vergiftet! ...
Man sieht ihm an, daß er ein verwöhntes Kind ist, dem die Rute nicht
schaden würde. Ich habe mir Mühe gegeben, freundlich mit ihm zu
reden, aber er wirft mir nur wütende Blicke zu. Armer Junge! er wird
noch manch bittere Erfahrung machen müssen, ehe er die Nichtigkeit
des Irdischen erkennt; bisher war er Herr inmitten einer kriechenden
Schar von Sklaven, konnte thun was er wollte, Leute umbringen, wann
es ihm einfiel, und soll nun auf einmal ~nichts~ sein! Indessen
-- ›fahret mir säuberlich mit dem Knaben Absalom‹ -- ich will suchen,
nach diesem Wort zu handeln. Es ist ein zierlicher Bursche in einer
Jockei-Jacke von blauem Sammet. Die ganze Sippschaft kam bis an die
Zähne bewaffnet, als sie sich in meinem Divan einstellten.«
Nachdem Gordon Soliman und seiner Horde den Standpunkt klargemacht,
beschloß er, die »Höhle Adullam« auszufegen, und sandte eine Abteilung
seiner Truppen ab, um Schekka zu besetzen. Im feindlichen Lager
war man übrigens keineswegs ~einer~ Meinung: ein Teil der
Sklavenjäger war für Unterwerfung, der andere für Krieg. Soliman
selber war in einem Zustand unbändigster Wut, und wenn er nur die
Scheiks zu gemeinsamem Handeln hätte bringen können, so wäre ein neuer
Aufstand erfolgt. Die Leute waren aber moralisch überwältigt: einer
nach dem andern erklärte dem Generalgouverneur seine Unterwerfung, und
dem Sohne Sebehrs blieb zuletzt nichts übrig, als sich Gordons Befehl
zu fügen, der ihn nach Schekka zurückkehren hieß. Er wolle das thun,
sagte der Bursche, wenn Gordon ihm zuerst Feierkleider schenke nach
dem herkömmlichen Brauch und als Beweis, daß er mit ihm zufrieden sei.
»Ich habe keine Feierkleider,« erwiderte jener und fügte hinzu, daß
sein Betragen ein viel zu anmaßendes sei; er wisse ja nicht einmal,
was sich des Khedive Statthalter gegenüber schicke, der ihn -- einen
eingebildeten Jungen -- mit ganz unverdienter Milde behandle. Das war
dem Sohne Sebehrs eine bittere Pille, aber er mußte sie schlucken.
Von Schekka aus sandte er dann einen Brief, in dem er sich Gordons
getreuen Sohn nannte und eine Statthalterschaft begehrte. Darauf wurde
ihm die Antwort, daß ehe er in Kairo gewesen sei, um sich dem Khedive
persönlich zu unterwerfen oder sonst eine nicht mißzuverstehende Probe
der Treue abgelegt habe, der General-Gouverneur ihm keinen Posten
anvertrauen werde, und wenn es ihn sein Leben koste. Diesen Bescheid
schickte ihm Gordon durch die Scheiks. Ehe diese sich verabschiedeten,
fragte Gordon einen derselben, ob er Kinder habe; der Mann bejahte
es. »Nun,« rief Gordon, »sagen Sie selber, ob eine Tracht Schläge dem
Burschen nicht heilsam wäre!« Und der Scheik gab es zu.
Während er so mit den Sklavenhändlern fertig wurde, hörte er, daß
sein schwarzer Schreiber, dem er bis dahin vollkommen getraut hatte,
ebensowenig »bakschischfest« war, als die meisten seiner Untergebenen:
er hatte sechstausend Mark Bestechungsgelder angenommen. Dergleichen
Erfahrungen waren Gordon ein wahrer Schmerz. Dann kam ein Eilbote
von Fascher, wo er doch über fünftausend Mann Militär wußte, mit der
Nachricht, daß ein panischer Schrecken die Stadt befallen habe; Harun
hatte nämlich von weither von sich hören lassen. Da verlor Gordon ob
solcher bodenloser Feigheit die Geduld. Er ließ ihnen zurücksagen,
sie sollten nicht sterben vor Angst, die Sklavenhändler würden ihnen
demnächst zu Hilfe kommen.
In der zweiten Septemberwoche machte er sich selber nach Schekka auf
den Weg. Als Soliman von seinem Kommen hörte, lud er ihn ein, in
seinem Hause abzusteigen, was Gordon auch ohne weiteres annahm. Er und
die anderen Raubgesellen empfingen ihn mit aller Unterwürfigkeit, ja
sie kamen ihm wie ihrem König entgegen. Sebehrs Sohn war sogar ganz
bescheiden und trug diesmal keine Sammetjacke; seinen Wunsch nach
einer Statthalterschaft konnte er jedoch nicht unterdrücken. Gordon
ließ sich aber nicht durch Unterthänigkeit bestechen, sondern erklärte
dem Bittsteller, er müsse vor allen Dingen Vertrauen zu verdienen
suchen. Doch war er persönlich freundlich gegen diesen »Absalom«, wie
er ihn nannte, und schenkte ihm sogar sein eigenes Gewehr.
Übrigens blieb er nur zwei Tage in dem Räubernest, und das war gut,
denn er hatte keine Schutzwache bei sich, und, wie sich später
herausstellte, wurde während seiner Anwesenheit Kriegsrat gehalten, ob
es thunlich und ratsam sei, sich an ihm zu vergreifen! Daß es nicht
geschah, ist ein Wunder, das sich nur damit erklären läßt, daß seine
vollständige Gleichgültigkeit gegen persönliche Gefahr wie lähmend auf
seine Feinde wirkte; es war die Großartigkeit seines Wesens, die sie
entwaffnete. Und wie Daniel aus der Löwengrube, so ging er aus dem
Nest der Sklavenräuber hervor.
Es war auf dem Weg nach Schekka, daß er folgenden Brief schrieb:
»Weiterhin im Land hausen noch an sechstausend Sklavenhändler,
die sich wohl ergeben werden, nun ich den Sohn Sebehrs und seine
Häuptlinge überwältigt habe. Es ist nicht zu sagen, wie groß die
Schwierigkeit ist, mit all diesen bewaffneten Horden das Rechte zu
treffen. Ich trenne sie in einzelne Haufen und hoffe sie so mit der
Zeit zu bewältigen. Man kann sie doch nicht alle totschießen! Haben
sie nicht auch ihre Rechte, die man berücksichtigen muß? Hatten die
Pflanzer (in Amerika) keine Rechte? Hat nicht selbst unsere Regierung
einst Sklavenhandel gestattet? Ich hätte viel darum gegeben, Sie und
die Herren von der Gesellschaft zur Unterdrückung des Sklavenhandels
in jenen drei Tagen in Darra zu haben, als man nicht wußte, ob
die Sklavenhändler sich zur Wehre setzen würden oder nicht. Eine
schlechtbefestigte Stadt, eine feige Besatzung, unter der nicht einer
war, der nicht vor Angst zitterte; und auf der andern Seite eine
handfeste entschlossene Bande, die sich aufs Kriegshandwerk versteht,
gut schießen kann und zwei Feldstücke bei sich hat. Ich hätte gern
gehört, was Sie und die anderen dazu gesagt hätten! Ich sage dies
nicht, um mich zu rühmen, denn Gott weiß, wie groß meine Sorge war
-- nicht um ~mein~ Leben, denn ich bin längst dem abgestorben,
was einem das Leben lieb macht, den Annehmlichkeiten und der Ehre
und Pracht dieser Welt -- sondern meiner armen Schafe wegen hier
in Darfur und anderwärts. Ihr sagt dies und das und handelt nicht
darnach; ihr gebt Beiträge und meint, ihr habt eure Pflicht gethan;
ihr lobt einander u. s. w. Es ist auch natürlich. Gott hat euch Dinge
gegeben, die euch an diese Welt binden, ihr habt Frauen und Kinder.
Ich habe keine und bin frei -- gottlob. Verstehen Sie mich recht:
wo es mir nötig erscheint, da kaufe ich Sklaven und ich hindere es
nicht, wenn gefangene Sklaven nach Ägypten verbracht werden; und
im Punkte der dienstpflichtigen Sklaven will ich Freiheit haben,
das zu thun, was mir recht scheint und was Gott selbst in seiner
Barmherzigkeit mir nahe legt; aber den Sklavenjägern will ich das
Genick brechen, und wenn es mich mein Leben kostet. Ich kaufe Sklaven
für meine Armee und mache sie zu Soldaten gegen ihren Willen, damit
sie mir helfen die Sklavenjagd unterdrücken. Ich thue dies am hellen
Tag aller Welt gegenüber, und trotz all euren Beschlüssen. Meint ihr,
es würde mir das Herz brechen, meiner Würden entsetzt zu werden? ich
würde mich zurücksehnen nach der entsetzlichen Ermüdung des ewigen
Kamelreitens, nach all dem Elend, das ich mit ansehen muß, nach der
Hitze, und nach der Plackerei meines persönlichen Lebens? Stellt
euch einmal meine Reisen vor in diesen sieben Monaten! Tausende von
Kilometer zu Kamel, und es wird so fortgehen, wenigstens noch ein
Jahr lang. Sie finden es nur hie und da nötig, sich auf Gott zu
verlassen -- ich fortwährend, Tag und Nacht. Ich will damit sagen,
daß Sie nur hie und da eine schwere Prüfung haben -- etwa wenn Ihnen
ein Kind krank ist -- die Sie erkennen läßt, wie völlig schwach und
hilflos Sie sind. Ich bin fortwährend in solcher Lage. Der Körper
lehnt sich dagegen auf -- es ist oft mehr als man tragen kann.
Zeigen Sie mir den Mann -- und ich will mir von ihm helfen lassen
-- der Geld, Ruhm, Ehre verachtet, dem es einerlei ist, ob er je
seine Heimat wieder sieht, der sich allein auf Gott verläßt als die
Quelle alles Guten und den Machthaber über alles Böse, einen, der bei
gesundem Körper und mit thatkräftigem Geist dem Tod entgegensieht,
der ihn einst von allem erlösen wird. -- Sie sagen, Sie wissen
keinen? nun dann lassen Sie mich in Ruhe. Ich habe wahrlich genug an
meinem Leben zu tragen und brauche keine weitere Last.
»Auf einen Unterschied zwischen hier und Amerika muß ich Sie
aufmerksam machen: man hört hier nie davon, daß Eigentümer ihre
Sklaven zu harter Feldarbeit benutzen. Sie sind entweder Dienstboten
oder im Truppendienst der Händler; es sind meist muntere flinke
Kerle, gewandt wie Antilopen, auch wieder wild und schonungslos,
ein Schrecken dieser Länder, und mit einem Prestige weit über das
Militär der Regierung hinaus. Sie sind die Stärke der Sklavenhändler.
-- In Kedaref sollen sich ein paar Griechen niedergelassen haben,
die eine Menge Sklaven auf Plantagen beschäftigen. Ich habe vor, sie
aufzugreifen. Kurz, der Zustand der Neger hier ist weit besser, als
er je in Westindien war, und ich behaupte, daß die Leute hier nicht
so herzlos sind, als einst die Pflanzer mit all ihrer Bildung und
ihrem Christentum.
»Ihre Ansicht über den Mohammedanismus teile ich nicht. Nach meiner
Ansicht giebt es Muselmänner, die christlicher sind als manche
Christen. Wir alle sind mehr oder weniger Heiden. Haben Sie je das
Buch gelesen »Das moderne Christentum ein zivilisiertes Heidentum«?
Ich war dieser Ansicht lange, ehe ich es las. Ich mag einen rechten
Muselmann wohl leiden; er schämt sich seines Gottes nicht und sein
Privatleben ist ein ziemlich reines; allerdings erlaubt er sich
viele Weiber, auf der anderen Seite aber begnügt er sich mit seinen
eigenen. Kann man das immer von den Christen sagen?
»Was geht mich das Ministerium des Äußeren an, oder ich das
Ministerium? Ich brauche seine Hilfe nicht; es wäre unrecht gegen
den Khedive, wollte ich sie annehmen. Außerdem »derer ist mehr, die
bei mir sind, denn derer, die bei ihnen sind.« Ich brauche keine
Helfer außer dem Allmächtigen ... Nein, mein Lieber -- richten Sie
Ihr Leben in Wahrheit nach dem Christentum ein, dann erst wird es
Sie befriedigen. Das Christentum der meisten Leute ist ein schales,
kraftloses Ding und führt zu gar nichts. Ein gutes Mittagessen ist
ihnen wichtiger; es giebt nur einige wenige, die Gott dazu antreibt,
sich wirklich um ihre schwarzen Brüder zu kümmern. ›Ach die armen
Sklaven!‹ und ›darf ich Ihnen noch ein Stückchen Salm anbieten?‹
heißt es da in einem Atem.«
Mitte September zog er nach Obeid, weil sein Diener das feuchte Klima
bei Schekka nicht ertragen konnte. Da kam es ihm vor, als erhielte
seine Karawane einen ungewöhnlichen Zuwachs und es dauerte nicht
lange, so entdeckte er den Sachverhalt -- etwa achtzig Männer und
Weiber und Kinder in Ketten. Natürlich packte er den Sklavenhändler;
es war einer jener Geier. Und da hieß es denn, es sei dessen eigene
Familie! Hätte Gordon sie befreit, so wären sie liegen geblieben und
Hungers gestorben. So blieb nichts übrig, als einem Sklaventransport
den oberstatthalterlichen Schutz zu gewähren! nur daß den armen
Geschöpfen die Ketten abgenommen wurden.
Diese Reise scheint besonders ermüdend gewesen zu sein.
»Keine Sonntage für mich,« schreibt er, »es ist Last und Hitze jeden
Tag, ob ich auf meinem Kamel bin oder im Zelt.«
Und überall Sklaven; manche kauft er, andere, die in der Glut fast
verdursten, schickt er ans Wasser. Ihr Elend bekümmert ihn, und er
hätte sein Leben gelassen, nicht ~einmal~, sondern wieder und
wieder, um den Handel mit Menschenware von der Erde zu vertilgen. Und
doch weiß es niemand besser als er, daß er nichts thun kann, als neue
Einfuhr möglichst verhindern. Daß er mit dem Räubernest in Schekka
fertig geworden war, leuchtete wie ein Stern am Horizont seines Lebens
und gab ihm die Hoffnung, daß bessere Tage kommen würden.
Ende September gelangte er nach Obeid und war vierzehn Tage später in
Khartum. Der Ruhm seines Siegeszugs war vor ihm hergegangen. Die Leute
konnten sich nicht genug über seine Kühnheit wundern; solcher Mut,
solche Willenskraft, solche unwiderstehliche Energie war den schlaffen
Menschen in diesem schlaffen Land unfaßlich. Und die Geschwindigkeit,
mit der er seine riesengroße Provinz bereiste, wäre jedem andern als
eine Unmöglichkeit erschienen. Seine Beamten fühlten sich ordentlich
ihrer Trägheit nicht mehr sicher. »Der Pascha kommt!« war ihnen ein
Schreckschuß, der besser wirkte, als Aussicht auf die Peitsche. So
beherrschte der freundliche, wohlwollende Mann mit seinem felsenfesten
Willen das Land.