1. Als Ritter ohne Furcht.

»Man wirft mir vor, den Engländern nicht zu trauen,« sagte der

alte Khedive Ismail, als es sich um seine Absetzung handelte,

»habe ich nicht noch immer dem Gordon Pascha vertraut? Der ist ein

ehrlicher Mann, ein guter Landverwalter und kein Diplomat!« Ismail

war darum auch keineswegs damit einverstanden, einen so tüchtigen

Mann zu verlieren. Gordon aber hatte erklärt, daß er nur dann

zurückkehren werde, wenn ihm die gesamte Statthalterschaft der

Sudanländer übertragen würde. Seine drei Jahre am Äquator waren

ja keineswegs verlorene Zeit gewesen, er hatte die Sklavenjagd

in seinem Bezirk geschwächt, wenn nicht unterdrückt, aber von der

Hauptstadt Khartum aus hatte der General-Gouverneur Ismail Jakub

Pascha seinen Bestrebungen stets entgegengearbeitet. Er mußte in

Zukunft ganz freie Hand haben. Daß man ihm so weit entgegenkommen

werde, erwartete er keineswegs, als er sich zu einer Besprechung

nach Kairo begab; der Khedive aber war zu allem bereit. Jakub wurde

beseitigt, und Gordon verließ die Residenz als Oberstatthalter einer

von Südägypten bis zum Äquator, und vom Roten Meer bis Darfur sich

erstreckenden Provinz. Er sollte drei Vakile oder Unterstatthalter

haben, einen im eigentlichen Sudan, einen in Darfur, und einen am

Roten Meere. Als die beiden Hauptzwecke seiner Verwaltung war »die

Vervollkommnung der Verkehrsmittel und eine völlige Unterdrückung

des Sklavenhandels« in Aussicht genommen. Außerdem hieß es im neuen

königlichen Bestallungsschreiben: »An der abessinischen Grenze giebt

es Streitigkeiten; ich trage Ihnen auf, dieselben zu schlichten«.

Am 18. Februar 1877 machte sich Gordon zum zweitenmal nach dem Sudan

auf den Weg, nicht auf sich selbst vertrauend, wohl aber stark in der

Kraft seines Herrn.

»Ich ziehe allein hinauf mit dem allmächtigen Gott, der mich führen

und leiten wird; wie gut ist's, sich so völlig auf Ihn zu verlassen

und nichts zu fürchten, ja und des Gelingens gewiß zu sein!«

Nach des Khedive Erklärung gab es Grenzstreitigkeiten mit

~Abessinien~. Die Lage war kurz die: nach König Theodors Tod

hatte ein gewisser Kasa, unter dem Namen Johannes, sich zum Herrscher

aufgeworfen, allein Johannes war, wie Gordon treffend bemerkte, nur

da König, wo er sich gerade befand, anderwärts galt er nichts. Im

Trüben fischend hatten die Ägypter darauf Bogos annektiert, während

der rechtmäßige Regent, Walad el Michael, von Johannes gefangen

gehalten, aber aus Furcht vor dem allzunah heranrückenden Nachbar

unter der Bedingung freigelassen wurde, daß auch er sich gegen den

gemeinsamen Feind zur Wehre setzen werde. Die Abessinier hatten

zuerst die Oberhand. Walad aber ersah seine Gelegenheit, den Ägyptern

sich anzuschließen und andere abessinische Häuptlinge aufzuwiegeln.

Als nun Johannes sich von Anarchie umgeben sah, schickte er einen

Gesandten nach Kairo und bot das südlich von Bogos gelegene Hamasen

als Friedensopfer an. In Kairo aber nahm man gar keine Notiz von

diesem Botschafter, ja man gestattete dem Pöbel, ihn auf offener

Straße zu beleidigen, dann schickte man ihn zurück! Natürlich war

Johannes voll Ingrimm, und im Bewußtsein, nicht zum besten gehandelt

zu haben, sandte der Khedive nun Gordon als Bevollmächtigten, die

Mißhelligkeiten beizulegen.

In der Wüste zwischen Massaua am Roten Meer und Keren (Senheit)

spricht sich Gordon über seine Lage so aus:

»Nun ich wieder in dieser weiten Einsamkeit auf meinem Kamel

bin, überdenke ich meine Lage. Dem Johannes habe ich annehmbare

Bedingungen geschickt und hoffe, mit seinem einflußreichen General

Alula in Senheit zusammenzutreffen. Gelingt es mir, die Sache

abzuwickeln, dann gehe ich alsbald nach Khartum und von dort nach

kurzem Aufenthalt nach Darfur, das in Aufruhr sein soll, doch glaube

ich das nicht recht ... Die Wohlgeneigtheit des Khedive ist über

alle Begriffe. Er hat Zeila, Berbera und Harrar meiner Provinz

beigefügt. »Was du wirst von mir bitten, will ich dir geben, bis

an die Hälfte meines Königreichs.« Was aber ist die Kehrseite? Das

Opfer eines Lebens, das man erst selbst durchkämpfen muß. Sein Leben

zu sofortigem Tod hingeben, ist nicht das schwerste! Aber ich habe

den Kampf übernommen und will mein Leben nicht in Anschlag bringen.

Und es ist mir dabei, als ob ich mit dem Khedive nichts mehr zu

thun hätte. Gott der Herr muß den Kampf selbst unternehmen, ich

bin zur Zeit sein Werkzeug. Die Ehre, die der Khedive mir erzeigt,

hat mich gar nicht, oder richtiger nur sehr wenig bewegt; ich bin

doch wohl ein bißchen stolz auf das Vertrauen, das er mir schenkt.

Mancher möchte die große Verantwortung scheuen, aus Furcht, ihr nicht

gewachsen zu sein; ich habe nicht daran gedacht. Ich weiß gewiß, daß

mir's gelingen wird, denn ich verlasse mich nicht auf meinen Verstand

-- Er leitet meine Wege. Sind doch alle zukünftigen Ereignisse für

einen jeden von uns vorherbestimmt. Des Negers, des Arabers, des

Beduinen Laufbahn, ihr Zusammentreffen mit mir u. s. w. ist längst

beschlossen. Wie kann da einer sich viel darauf einbilden, wenn er

etwas zu stande bringt!« ...

Er hatte eine Zusammenkunft mit Walad, und kam durch Alula zu einem

Einverständnis mit Johannes, der mittlerweile von Menelek, dem König

von Schoa, im Süden bedrängt war; eigentliche Erfolge konnte er aber

nicht abwarten. Seine Anwesenheit in Khartum war dringend notwendig,

denn die Sklavenjäger im Sudan thaten ihr möglichstes, die noch

verstattete Frist auszunützen. Er beeilte sich daher. Schon auf dem

Wege verschaffte er den Leuten Recht, wo er konnte. Die Thatsache,

daß der neue Gouverneur einen jeden anhöre, der etwas zu klagen habe,

ging wie ein Lauffeuer durchs Land. Er mußte zuletzt einen wandernden

Briefkasten einführen, in welchen die Bittsteller ihr Anliegen an ihn

sozusagen zur Post geben konnten. Auch das Unangenehme der Würde eines

»großen Herrn« erfuhr er.

»Wenn ich absteigen will, so sind gleich acht oder zehn Mann bei der

Hand, mich vom Kamel zu heben, als ob ich ein Todkranker wäre. Und

wenn ich eine Zeit lang zu Fuß gehen möchte, so steigt die ganze

Karawane ab; dann werde ich ärgerlich und sitze wieder auf!«

In ~Khartum~ wurde er gleich einem Könige mit Kanonenschüssen

empfangen und eine feierliche Installierung fand statt. Anstatt aber

eine Thronrede zu halten, sagte er nur: »Mit Gottes Hilfe will ich

die Waage gerecht halten!« und das gefiel den Leuten besser als die

glänzendste Rede, war doch Gerechtigkeit das, was dem armen Lande am

meisten not that. Nach der Feier ließ er Geld an die Armen austeilen:

in drei Tagen hatte er an zwanzigtausend Mark aus seiner eigenen Kasse

verschenkt.

Als Stellvertreter des Khedive hatte er einen überaus stattlichen

Palast mit einem Schwarm von Dienern, die ihn »hüteten wie einen

Klumpen Gold«; das verdroß ihn. Auch hier war es den Leuten etwas

ganz Neues, daß man den Statthalter sprechen konnte, ohne erst eine

Menge von Schranzen zu bestechen. Bald war er so von Hilfesuchenden

belagert, daß er auch hier einen Briefkasten einführen mußte, und

zwar an seiner eigenen Hausthüre, wo jeder sein Begehren schriftlich

einreichen konnte. Das erste, was er abschaffte, war die Peitsche

(Karbatsche), mittels welcher seine Vorgänger regiert hatten.

Gewaltherrschaft war nicht seine Sache. Übrigens war er nicht

allgemein populär; sein Vorgänger Ismail Jakub hatte Verwandte in

Khartum, auch eine zornmütige Schwester, die zur Begrüßung des ihr

verhaßten neuen Statthalters an den Fenstern des Regierungspalastes

die Scheiben einschlug und in den Gemächern die Diwane durchlöcherte!

Auch sein Vakil, Halid Pascha, war von Anfang an widerspenstig. Mit

dem machte Gordon aber kurzen Prozeß, er telegraphierte nach Kairo und

verlangte, daß er entfernt werde; der Wunsch wurde gewährt.

Die Aufgabe, den Sklavenhandel in einem Lande zu unterdrücken,

wo Menschenware seit Jahrhunderten als ein erlaubtes Mittel zum

Reichwerden galt, war in der That eine große; Gordon weiß das und

setzt hinzu:

»Wie Salomo bitte ich Gott um Weisheit, dies Land zu regieren; und

nicht nur sie wird er mir geben, sondern alles übrige dazu. Und

warum? Weil mir an dem übrigen nichts gelegen ist.«

Aber er weiß auch, daß er die Sache nicht übers Knie abbrechen

läßt. Selbst Sklaven sind Besitz, der sich nicht ohne weiteres

antasten läßt. Ihre Freiheit soll mit der Zeit gesichert werden,

und mittlerweile sind's die Sklavenjäger, welche immer neue Zufuhr

bringen, denen er Krieg auf Tod und Leben ankündigt, er, der eine

Mann, kann man sagen, denn sein Militär ist fast wertlos. Sechstausend

türkische Baschi-Bosuks, seine Grenzwächter, beschließt er abzudanken;

denn er sieht, daß sie mit den Händlern unter ~einer~ Decke

stecken. Sechstausend Soldaten aber den Laufpaß geben, in einem Lande,

wo sie sich alsbald wieder als Banditen zusammenrotten können --

»Wer dürfte es wagen, der nicht den Allmächtigen auf seiner Seite

hat? Ich will es thun, denn mein Leben achte ich für nichts, ich

würde nur eine große Last mit der ewigen Ruhe vertauschen ... Ich

bin an des Khedive Statt hier, mit unumschränkter Gewalt, und weiß

es jetzt, wie machtlos er in Kairo dem Sklavenhandel gegenüber ist.

Aber mit Gottes Hilfe will ich's vollbringen und habe das Bewußtsein,

daß er mich dazu bestimmt hat ... Die Arbeit ist riesengroß, aber das

ficht mich nicht an ... ich kenne meine Schwäche und verlasse mich

auf Den, der stark ist. Ich kann nur gradaus meinen Weg gehen, den

Erfolg überlasse ich Ihm ... Es ist in der That eine Riesenprovinz,

die ich zu verwalten habe; wie froh bin ich zu wissen, daß Gott

der Herr Verwalter ist; es ist sein Geschäft, nicht meines. Wenn

ich unterliege, so ist's sein Wille; gelingt es mir, so gebührt

Ihm die Ehre. Jedenfalls hat Er mir's gegeben, die Ehre der Welt

für nichts zu achten, und die Gemeinschaft mit Ihm über alle Dinge

hochzuschätzen. Möge mir alles mißlingen und ich in den Staub

gedemütigt werden, wenn nur Er verherrlicht wird. Die hohe Stellung,

die ich bekleide, will mich manchmal drücken, und ich kann mich nach

der Zeit sehnen, wo Er mich beiseite legen wird und einen andern Wurm

dies Werk thun läßt. Ich wollte, die Kampfhitze meines Lebens wäre

vorüber; aber Er hält mich aufrecht und wird mich davor bewahren, je

wieder an Irdisches mein Herz zu hängen.«

Wer so denkt, wie kann der anders als große Thaten thun! Ein an Gott

sich haltender Mensch ist immer ein Held.

Wir haben Gordon den Ritter ohne Furcht genannt. Wie ein Recke in

den alten Heldensagen zieht er aus, mit dem starken Arm seines

Gottvertrauens ein Beschützer seiner Herde zu werden, und das Los der

Armen in diesem traurigen Land zu mildern. Eine Armee hat er nicht, er

muß sie sich erst schaffen, und zwar aus erbärmlichem Material, und

einen Hauptsieg erringt er, wie wir sehen werden, ohne Armee. Er soll

die Bahr el Ghasal der Macht Sebehrs, des schwarzen Pascha, entreißen;

er soll einem Lande Frieden bringen und ehrlichen Handel einführen, wo

die Menschen durch Unterdrückung fast vertiert sind und die Religion

in Fanatismus besteht.

Er war noch keine drei Wochen in Khartum, da konnte er bereits seiner

Schwester schreiben:

»Ich glaube, die Leute haben mich gern; es ist auch schön, daß, wo

früher täglich zehn bis fünfzehn Menschen durchgepeitscht wurden,

jetzt dies nicht bei einem mehr vorkommt.«

Damit ist nicht gesagt, daß er nicht strenge Ordnung hielt und Herr

war im Amt. Die erste äußere Wohlthat, die er der Stadt erwies, war

die Errichtung einer Wasserleitung; vorher mußte das Wasser aus

dem Fluß herauf getragen werden. Dabei geriet er mit katholischen

Missionaren in Konflikt, die flüchtigen Sklaven Versteck gewährten.

Als Gordon ihnen sagte, er brauche dieselben zur Arbeit, begegneten

sie ihm mit Anmaßung. Da schrieb er einen Brief an den Papst mit

der Bitte, dieser möge seinen Dienern begreiflich machen, daß

Angelegenheiten der vizeköniglichen Regierung außerhalb ihres

Bereiches lägen. Als der Brief fort war, sagte er den Missionaren, er

habe nach Rom geschrieben, was sie zwar aufbrachte, die gewünschte

Wirkung aber nicht verfehlte.

Ende Mai verließ er Khartum. Es war der Anfang eines fünfmonatlichen

Kamelrittes. Seine Anwesenheit in Darfur war dringend notwendig.

~Darfur~ hat eine in die graue Vorzeit zurückreichende

Geschichte. Es gab längst Sultane von Darfur, ehe es Kurfürsten

von Brandenburg gab. Auch einen alten Handel hat das Land --

Sklavenhandel. Jetzt aber war Darfur in Aufruhr, und die ägyptischen

Besatzungen der Städte Fascher, Darra, Kolkol u. a. von den Rebellen

eingeschlossen. Eine Heeresabteilung war schon im März nach Fascher

geschickt worden, von Erfolgen hatte aber noch nichts verlautet.

»Ich rechne darauf, im Lauf dieses Jahres meine achttausend Kilometer

zu reiten,« schreibt Gordon. »Ich bin ganz allein, und das ist mir

lieb. Ich bin ein Fatalist geworden, wie die Leute es nennen; d. h.

ich überlasse es dem lieben Gott mir durchzuhelfen. ~Die großartige

Einsamkeit der Wüste läßt einen fühlen, wie schwach der Mensch ist.

Alles Gott anheimzustellen giebt allein Kraft~, und ich kann den

Tod als eine Erlösung erwarten, wenn es sein Wille ist. In meiner

gegenwärtigen Lage, auf manch langem, heißem Ritt kann ich meine

Gedanken um so besser ausdenken, weil ich allein bin. Ich gewöhne

mich nach und nach ans Kamel, es ist ein wunderbares Tier, das weich

und still geht wie auf Teppichen, recht angenehm.«

Natürlich folgte ihm die statthalterliche Leibgarde von zweihundert

Berittenen. Sein Kamel, ein besonders schnelllaufendes Tier, trug ihn

aber öfters weit voraus, so z. B. ganz gegen seinen Willen wie im

Sturmlauf in die Grenzstadt Fodja, was ihn auf die Vermutung bringt,

daß die Kamele und die Gordons als eigensinnige Geschöpfe verwandter

Rasse sein möchten.

»Ich habe ein prächtiges Tier, so giebt's keines mehr; es fliegt nur

so dahin, selbst zur Verwunderung der Araber. Wie ein Blitz fuhr

ich in die Stadt hinein, und ehe die Besatzung sich recht besinnen

konnte, wie ich zu empfangen sei, war ich da. Nur ein Araber hatte

Schritt mit mir gehalten, und der sagte, es wäre der Telegraph! Die

andern kamen anderthalb Stunden später.«

Gordon hatte im Gedanken an einen der Erwartung der Leute

entsprechenden Einzug seine Marschallsuniform angelegt.

»Welch tolles Bild,« ruft er scherzend aus, »wenn die goldbetreßte

Exzellenz so im Sturm anlangt, als wären alle Feinde hinter ihr her!

Der Mudir war sprachlos!«

Das Land nennt er eine elende, sandige, strauchbewachsene Wüste. Den

Aufruhr schreibt er lediglich schlechter Verwaltung zu. Wo vorher

~ein~ Mann den Weg nach Fascher allein zurücklegen konnte,

genügten bei der jetzigen Unsicherheit kaum zweitausend Mann Militär

von der Art, wie es ihm zu Gebot stand. In Omschanga findet er die

erste Nachricht von der Heeresabteilung vor, mit der er das Land

erobern soll. Die Truppen lagen hier und dort zerstreut, alles in

allem keine dreitausend Mann -- Soldaten von der »unbeschreiblichen«

Sorte, mit denen er schließlich auch nichts ausrichten konnte. Doch

tröstet er sich.

»Ich denke, ~Gott~ wird mir's ermöglichen, die Stämme zu

gewinnen, und mit ~seiner~ Hilfe werde ich dann mit den

Häuptlingen nach Fascher ziehen, die jetzt noch Rebellen sind.«

Wo in der ganzen Weltgeschichte findet sich ein ähnliches Beispiel,

daß ein Feldherr auf seine Feinde rechnet, um mit ihnen Thaten zu

thun! Bei ihm ist das von jeher so gewesen; es ist der Sieg des

Rechts über das Unrecht, des Guten über das Böse. Und wie er in China

öfters mit überwundenen Taipings die Taipings besiegte, so verläßt er

sich mit seinem großartigen Vertrauen auch in Darfur auf die erst zu

überwältigenden aufrührerischen Stämme.

»Nichts giebt mir größere Kraft,« sagt er, »als für die Leute zu

beten; und es ist wunderbar: ~wenn ich dann mit einem Häuptling

zusammenkomme, für den ich vorher gebetet habe, so ist es immer,

als ob er schon gewonnen wäre~. ~Darauf~ gründe ich meine

Hoffnung auf einen siegreichen Zug nach Fascher. Truppen habe ich

lediglich keine, aber der Allerhöchste geht mit mir, und ich

verlasse mich so viel lieber auf Ihn allein. Solches Vertrauen könnte

ich ja nicht haben, wenn er mir's nicht gäbe und mich nicht dazu

ermutigte; ich erachte daher, daß gerade dieses Vertrauen eine Art

Angeld auf Sieg ist.«

Und bezüglich seines Vorhabens, mit gewonnenen Rebellen nach Fascher

zu ziehen, sagt er weiter:

»Vielleicht läßt Er's auch nicht gelingen, und Kampf mag bevorstehen.

Die Herzen der Menschen sind in seiner Hand, und er lenkt sie wie

er will. Er ~kann~ es aber thun, so es ihm wohlgefällt; und

wer möchte etwas anderes wünschen, als daß er nach Seiner Weisheit

alles leite. Die Gefahr für mich dabei ist die, daß es mich aufblasen

möchte, so er's thut. Aber auch das kann und wird er verhindern.

Ich mag meine Laufbahn überdenken wie ich will, so finde ich

nirgends besonderen Verstand, oder Geschicklichkeit, oder Weisheit

meinerseits. Meine Erfolge bisher waren eigentlich immer, was man

im gewöhnlichen Leben Glücksschüsse nennt ... Ich bin nichts, gar

nichts, als einer, der von Gott Almosen empfängt. Ein Sack voll Reis,

den ein Kamel durch die Wüste schleppt, kann soviel vollbringen als

ich oft meine, daß ich vollbringe. Aber wie verschieden urteilt die

Welt!! Ich meinesteils danke Gott, daß Er mich als ein Werkzeug

benutzt, und freue mich auf die vorbehaltene Ruhe. Und ich kann mich

freuen mit seiner Freude, wenn den armen Menschen Hilfe wird -- durch

Ihn, nicht durch mich, obwohl Er sich meiner bedient.«

Und so zog er durch die Wüste als ein unverwundbarer Glaubensheld, der

wie David mit seinem Gott über Mauern springt, der Völker besiegt und

Städte einnimmt und dabei meint, er vollbringe gar nichts, das ihm

selbst zur Ehre gereiche! Er war noch in Fodja, als ihn ein Telegramm

erreichte: man brauche in Kairo sofort eine halbe Million Mark

Einkünfte aus seiner Provinz! Über diese Erwartung seines irdischen

Oberherrn schreibt er in die Heimat:

»Soviel ist sicher, daß ich vor der Hand in einem Sumpfe bin mit

dem Sudan, aber wenn ich bedenke, wer als mein Oberschatzmeister,

mein Heerführer, mein Landverwalter im Regiment sitzt, so wäre

es merkwürdig, wenn ich darin stecken bliebe. Ja, hätte ich den

Allmächtigen nicht zur Seite mit seiner Weisheit, ich wüßte mir

wahrlich keinen Rat!«

Dabei legt er aber nicht die Hände in den Schoß, sondern gürtet auch

in dieser Hinsicht seine Lenden zu dem ungleichen Kampfe.

»Mit unsäglicher Anstrengung kann es mir gelingen, in zwei bis drei

Jahren aus diesem Lande eine ordentliche Provinz zu schaffen mit

einer tüchtigen Armee und regelmäßigen Einkünften, mit hergestelltem

Frieden und aufblühendem Handel, und vor allem mit unterdrückter

Sklavenjagd; und dann -- ja dann gehe ich heim und lege mich ins Bett

und stehe nie auf bis Mittag, und marschiere nie mehr als höchstens

eine Meile per Tag. Und esse Austern zu Mittag!«

Diese scherzenden Zeilen an seine Schwester beweisen nur, daß er eine

fast unübersteigliche Arbeitslast vor sich sieht.

Während er noch in Omschanga durch seine »Unbeschreiblichen«

hingehalten war -- keine geringe Geduldsprobe für den energischen Mann

-- hatte er Zeit, sich die endlose Schwierigkeit der Sklavenbefreiung

weiter zu überdenken. Die Wüstenstrecken von Darfur und Kordofan

sind von Beduinenstämmen durchzogen, von denen mancher mehrere

tausend Krieger ins Feld stellen kann, die unter ihren kampfgeübten

Scheiks keine verächtliche Macht bilden. Diese Stämme haben von jeher

Streifzüge auf die Neger im Süden unternommen, oder sich Sklaven im

Tauschhandel mit anderen Stämmen verschafft. Zu Gordons Zeit wurden

die Sklaven selten in großen Karawanen, wohl aber von den Händlern in

vielen kleinen Trupps durchs Land getrieben. So begegnete er eines

Tages einem Manne, der sieben schwarze Weiber vor sich hertrieb und

sie samt und sonders für seine Eheweiber ausgab; die Kinder, die

nebenherliefen, nannte er seine Nachkommenschaft. Wer sollte ihm

das widerlegen! Vor der Hand aber war's fast noch mehr das von den

türkischen Grenzsoldaten übers Land gebrachte Elend, das Gordon

Tag und Nacht beschäftigte. Und als die unterdrückten Landbewohner

kamen und ihm demütig ihre Unterwerfung zu Füßen legten, sagte er

ihnen, wie's ihm ums Herz war, daß sie vielmehr erwarten könnten,

er, als Statthalter des Khedive, bäte sie um Verzeihung. Des Khedive

Grenzwächter, die Baschi-Bosuks, dankte er seinem Vorhaben gemäß ab.

»Ich habe mich auf einen Felsen gestellt und thue was recht ist, ohne

mich um die Folgen zu kümmern ... Wenn Angestellte ihre Pflicht nicht

thun, so besinne ich mich keinen Augenblick, sie ihrer Wege gehen zu

heißen, mag man in Kairo denken was man will. Es ist jedenfalls ein

großer Vorteil, ganz furchtlos zu sein. Und wenn ich selbst abgesetzt

würde, so wäre es ja keine Strafe, denn ich opfere mein Leben in

diesem Land.«

An vierzehn Tagen wartet er auf seine saumselige Mannschaft, ohne nur

zu wissen, wo die Helden sind. Er nennt's ein trostloses Geschäft,

und bei der furchtbaren Hitze in dem jammervollen Land ist's kein

Wunder, wenn er ausruft: »Wollte Gott, ich wäre in der andern Welt!«

Er meint, mehr als andere Menschen hätte er immer wieder durch die

Mangelhaftigkeit seiner Streit- und Arbeitskräfte zu leiden; so sei's

in China gewesen, und so sei's hier. Das unnötige Wartenmüssen ist es,

was dem thatkräftigen Mann so schwer fällt.

»Aber es ist nicht recht, es hat jeder sein Kreuz zu tragen. Wir

sind alle Knechte; heute giebt der Herr uns Arbeit, und morgen will

er, daß wir warten können. Dieses Hinliegen ist mir aber sehr gegen

die Natur. Und ich kann auch gar nicht sehen, was in diesem Lande

schließlich zu gewinnen ist!«

Endlich kamen fünfhundert seiner Helden. Fascher hatte er aber bereits

auf seine Weise ohne Schwertstreich gewonnen; die Stämme hatten sich

ihm einer nach dem andern ergeben. Nun machte er sich nach Tuescha

auf den Weg, von wo er eine Garnison von dreihundert mitnehmen will.

In Darra warten weitere zwölfhundert. Auf diese Art kann er ein Heer

von zweitausend Mann zusammenbringen. Unterwegs findet er allerwärts

Arbeit, das aufrührerische Banditenvolk aus seinen Schlupfwinkeln

zu vertreiben. Zuletzt beabsichtigt er, sich auf Schekka zu werfen,

das er die »Höhle von Adullam« nennt, wo Räuber und Mörder hausen,

nämlich die Horden Sebehr Paschas, des großen Sklavenhändlers, unter

dessen Sohn Soliman. Auch diesem gegenüber, der ihm mit elftausend

Mann begegnen kann, rechnet er auf keinen andern, als einen

~innerlichen~ Sieg.

»Ich bin gar nicht unruhig,« schreibt er, »und hoffe, es wird ohne

Blutvergießen abgehen.«

Ins Gefecht geriet er nun allerdings; aber nicht sowohl seinen Waffen,

als seinem gewaltigen Geist und seiner demutstarken Seele wurde der

Sieg.

In Tuescha fand er die dreihundertfünfzig Mann Garnison, welchen

seit drei Jahren kein Sold bezahlt worden, beinahe ausgehungert.

Das war nicht sehr ermutigend, aber Gordon war dergleichen gewohnt.

War's ihm doch gegeben, seine glänzendsten Thaten einem Chaos von

Unmöglichkeiten abzugewinnen. Der Aberglaube der Chinesen erblickte

in seiner Hand einen Zauberstab und nannte seine Erfolge Wunder. Wohl

hatte er einen Zauberstab: es war derselbe, mit dem einst Moses aus

dem Felsen Wasser schlug. Die Besatzung von Tuescha war in der That

so erbärmlich, daß er beschloß, ihrer Beihilfe zu entbehren, sie nach

Kordofan zu schicken und mit seinen ursprünglichen Fünfhundert samt

ihren schlechten Steinschloßgewehren weiterzuziehen. Ein Scheik, der

versprochen hatte zu ihm zu stoßen, ließ ihn im Stich, während die

Umgegend voll von kampflustigen Schwarzen war, die recht gut wußten,

daß der General-Gouverneur nur mit einer Handvoll Leute des Weges

komme, und ihn ernstlich bedrohten. Aber zu einem Angriff kam es

nicht. »Gottlob, die Gefahr ist vorüber,« kann er schreiben. Wie groß

sie war, weiß er nicht einmal; aber das weiß er, daß nur wenige es

begreifen können, was es heißt Truppen anführen, in die man keine Spur

von Vertrauen setzt.

»Ich habe von ganzer Seele um einen Ausweg gebetet; es gab mir

ordentlich einen Stich ins Herz, wie damals, als ich mich bei

Massindi (S. 116 f.) verraten fand. Nicht, daß ich den Tod fürchte,

aber aus Kleinglauben fürchte ich die Folgen meines Todes; das ganze

Land stünde wieder in Aufruhr. In solcher Lage zu sein, kommt einem

wirklichen Schmerz gleich, es macht mich in einer Stunde um ein Jahr

älter ... Auch ist es eine Demütigung. Aber gottlob! es ist vorüber

... wohl sage ich mir, daß alles zum guten Ende führen wird, aber

das macht dergleichen nicht weniger peinlich. Ich glaube, ich habe

in dieser Hinsicht in meinem Leben mehr gelitten als die meisten

Menschen. Heute morgen z. B. (nach der überstandenen Gefahr) kam mir

ein Wild schußgerecht und ich ließ mir meine Flinte reichen. Der

Kerl, der sie trug, hatte sie mittlerweile zerbrochen; also hätte

ich in einem Überfall nicht einmal meine Waffe gehabt!«

Die Charakterzeichnung Gordons wäre eine unvollständige, wenn man zu

bemerken vergäße, wie er oft gerade in der schwierigsten Lage auch

eine komische Lichtseite erblickte, deren er gerne Erwähnung that. So

schließt der Brief, der von der vorübergegangenen Gefahr berichtet,

mit folgenden Worten:

»Wir hatten auch dreißig oder vierzig Esel bei uns. Und wenn einer

anfing, dann wußte ich, daß sie alle schreien mußten; es war

ordentlich eine Wohlthat, den vierzigsten endlich zu hören. Da fing

der erste die Reihe wieder an, und so ging's die Nacht durch! Der

Darfur-Esel brummt aber nur ganz tief in der Tonleiter; die hohen

Töne, die sein englischer Bruder aus frohem Herzen ausstößt, kennt er

offenbar nicht.«

Als Gordon nach Darra kam, gab's auch dort Enttäuschung. Die

Hilfstruppe, auf die er gerechnet hatte, war ihm entgegen gezogen und

hatte den Weg verfehlt!

Gordon, der Held von Khartum · 第 10 / 22 题