C. G. G.«

Nach Kuinsan zurückgekehrt, fand er daselbst die Nachricht vor, daß

die Kabinetsordre, die es einem britischen Offizier verstattete,

unter der chinesischen Regierung zu dienen, aufgehoben war. Es war

ein Glück für China, daß Gordons rasche Züge das Werk in der kurzen

Zeit vollbrachten; die letzte morsche Stütze des Taipingtums konnte

ohne ihn zusammenbrechen. Mehrere feste Plätze der Rebellen ergaben

sich ohne weiteres auf die Kunde hin, daß Tschantschufu gefallen sei.

Nanking allein hielt noch aus, trotz Hungersnot. Aber Gordon konnte

dem endlichen Sieg dort nicht ohne Besorgnis entgegensehen, galt es

doch den Bestand seiner errungenen Erfolge. Er machte sich daher

selbst nach Nanking auf den Weg, wo Tseng Kwo-fan kommandierte. Von

einer Anhöhe oberhalb des Porzellanturmes besichtigte er die Stadt.

Die Mauer war vierzig Fuß hoch und dreißig Fuß breit. Er sah, wie

einige Taipings sich an Stricken herunterließen, um außerhalb Linsen

zu sammeln; man wehrte es ihnen nicht. Innerhalb der Stadt waren große

leere Plätze, und an vielen Stellen waren die Wälle ganz verlassen.

Die kaiserliche Belagerungslinie erstreckte sich weithin mit einer

doppelten Reihe von Schanzen und einhundertvierzig Lehmforts, je

achtzehnhundert Fuß von einander entfernt und mit je fünfhundert Mann

Besatzung.

Seine »stets siegreiche Armee« verabschiedete nun Gordon auf eigene

Verantwortung, jedoch im Einverständnis mit Li. Er entledigte

sich dieser seiner letzten Pflicht mit derselben Festigkeit und

Selbstlosigkeit, die ihn durchweg gekennzeichnet hat. Er behielt

sich vor, Offiziere wie Gemeine nach Verdienst zu belohnen, und die

chinesische Regierung gestattete ihm dies um so bereitwilliger, als er

für sich selbst auf allen Lohn verzichtete. Jeder Offizier, der eine

Verwundung davongetragen hatte, erhielt die Summe von achtzehntausend

Mark; die andern je nach Verhältnis. Ein Preuße, Namens Schamroffel,

der bei Sutschau um beide Augen kam, erhielt zweiunddreißigtausend

Mark. Die nicht verwundeten Gemeinen erhielten je einen Monat

Löhnung und Reisegeld in ihre Heimat. So wurde die stets siegreiche

Armee aufgelöst, die während der sechzehn Monate unter Gordons

Oberbefehl vier Hauptfestungen und ein Dutzend befestigte Plätze

eingenommen und in einer Reihe von Gefechten eine Anzahl von Feinden

außer Kampf gesetzt hatte, die, gering gerechnet, fünfzehnmal ihre

eigene Streitkraft überstieg. Und der Aufruhr, dem sie in voller

Blüte entgegengetreten, lag nun in den letzten Zügen: die hungernde

Hauptstadt des Usurpators konnte sich nicht mehr lange halten.

Die kaiserliche Regierung hatte Gordon eine stattliche Belohnung

zugedacht -- zweimalhunderttausend Mark; allein er wies sie zurück wie

vorher die siebzigtausend Mark. Und selbst von seiner während der 16

Monate bezogenen Besoldung hatte er den größten Teil nicht für sich,

sondern für seine Soldaten ausgegeben. Mit Recht konnte er sagen: ich

verlasse China so arm wie ich es betreten!

Li that was er konnte, seinem scheidenden Freunde mit Auszeichnung

zu begegnen. Nie war ihm ein solcher Mann in seinem eigenen Volke

vorgekommen, und die Ausländer, mit denen er zu thun gehabt, waren

immer Leute gewesen, die sich für etwaige Dienste gut hatten bezahlen

lassen. Nun lernte er die menschliche Natur von einer ganz neuen

Seite kennen -- daß es die vom Christentum durchdrungene, erneute

menschliche Natur war, verstand der Chinese nicht -- und eine

lebenslängliche Bewunderung und Liebe für unseren Helden war das

Ergebnis. Li hat es bis heute nicht vergessen, daß Gordon ihn einst

im höchsten Zorn mit der Pistole verfolgte, weil er sich durch

Wortbrüchigkeit eine That hatte zu Schulden kommen lassen, die der

edle Sinn des Briten nicht verwinden konnte.

Es bereitete der kaiserlichen Regierung einen ordentlichen Kummer,

daß Gordon sich nicht lohnen lassen wollte; ihn nach Möglichkeit zu

ehren, war ihr deshalb ein Anliegen. Er wurde zum Range eines Ti-tu

erhoben, d. h. zur obersten Mandarinenwürde, auch erhielt er die gelbe

Jacke mit der Pfauenfeder, was den höchsten Orden im europäischen

Sinne gleichkommt. »Mir liegt nichts an diesen Dingen,« schreibt er

an seine Eltern, »aber ich weiß, daß sie Euch Freude machen,« und er

nahm sie an, wie auch eine goldene Kette, die Prinz Kung von seinem

eigenen Halse löste mit den Worten: »Dies wenigstens sollen Sie mir

nicht abschlagen!« Gordon ließ sich die Kette umhängen, aber es

erging dieser Kostbarkeit nicht besser als manchen anderen, die er

erhalten hat. Auf der Heimreise nämlich begab es sich, daß für eine

arme Soldatenwitwe gesammelt wurde. Gordon ging in seine Kajüte,

und da er fand, daß seine Barschaft ihm nur eben bis in die Heimat

reichen würde, kam er mit jener Ehrenkette zurück und legte sie

stillschweigend auf den Teller der Witwe. Ja, selbst eine Medaille,

welche die Kaiserin-Mutter von China ihm mit ihrem besonderen Dank

übersandte und die er werthielt, verschwand nach einiger Zeit aus

seinem Besitz. Nicht einmal seine nächsten Angehörigen wußten,

was daraus geworden. Nach Jahren verriet es ein Zufall. Bei einer

Hungersnot unter den Fabrikarbeitern in Manchester, welche infolge

der Baumwollenkrisis während des amerikanischen Krieges ausgebrochen

war, hatte Gordon, dessen Kasse oft durch Liebeswerke erschöpft

war, sich seiner Medaille erinnert. Er vertilgte die Inschrift und

sandte die schwere Goldmünze als Beitrag an einen Geistlichen jener

Stadt. Einer, der ihn persönlich kannte, sagt von ihm, daß er sich

stets grundsätzlich von Dingen trennte, die ihm wert waren oder die

irgendwie der Eigenliebe Vorschub leisten konnten. »Man muß sich auch

von seinen Medaillen trennen können,« war späterhin in Freundeskreisen

eine Redensart von ihm. In einem seiner Sudanbriefe aus dem Jahr

1874 findet sich folgende Stelle: »Wie ist mir's gelohnt worden, daß

ich damals die Inschrift (jener Medaille) vertilgte, tausendfältig

gelohnt! Es giebt jetzt nichts mehr auf der Welt, woran mein Herz

hängt. Ihre Ehren? sie sind hohl. Ihr sonstiger Tand? mir ganz

gleichgültig. So lang ich lebe, schätze ich die Gottesgabe Gesundheit,

das ist Reichtum genug.«

Prinz Kung ließ Gordon nicht ziehen, ohne ein chinesisches Zeugnis

seiner Tüchtigkeit an die englische Regierung zu senden. »Wir wissen

uns nicht zu helfen,« sagte dieser Fürst zum britischen Botschafter,

»er nimmt kein Geld an, und was wir an Ehren ihm verleihen können,

ist geschehen; aber auch dies schlägt er gering an, und deshalb

habe ich Ihnen dies Schreiben an die Königin von England gebracht,

damit sie ihm einen Lohn gebe, der vielleicht mehr gilt in seinen

Augen.« Des Lobes und der Dankbarkeit in diesem Schreiben war in der

That kein Ende, und die Zuschrift an die britische Majestät schloß

mit den Worten: »Der Titel Ti-tu verleiht ihm den höchsten Rang in

der chinesischen Armee; der Prinz möchte aber hiermit die Hoffnung

aussprechen, daß wenn die englische Regierung dem Heimkehrenden irgend

welche Ehrenbeförderung kann zukommen lassen, der britische Minister

es nicht unterlassen möge, solche zu befürworten, damit alle Welt

erkenne, daß seine Heldenthaten und seine persönlichen Eigenschaften

nicht hoch genug zu schätzen sind.«

Der chinesische Brief soll irgendwo »zu den Akten« gelegt worden

sein, ohne seine Bestimmung zu erreichen. Die Anerkennung seitens

der englischen Regierung war jedenfalls eine sehr langsame. Dem

damaligen Kriegsminister soll sogar der Name des Oberstleutnant

Gordon ganz unbekannt gewesen sein! Dafür ließ die Stimme des

Volkes sich hören, und »Chinesen-Gordon« lautet der aus jener Zeit

stammende Ehrentitel, der unserem Helden im Volksmund noch immer

anhängt. »Nie,« sagte die Times in jenen Tagen, »hat ein sogenannter

Glückssoldat[4] ein feineres Verständnis für die militärische

Ehre an den Tag gelegt, als der Mann, der nach einer Reihe von

glänzenden Siegen soeben sein Schwert niedergelegt hat. Sein Heldenmut

gegenüber den Widerstandleistenden, seine Barmherzigkeit gegen die

Überwundenen werden nur durch sein selbstloses Außerachtlassen alles

dessen überboten, was ihm persönlichen Gewinn hätte bringen können

... Das Ergebnis seines chinesischen Feldzugs läßt sich kurz dahin

zusammenfassen: er fand die fruchtbarsten Distrikte Chinas verwüstet

und in den Händen von räuberischen Rebellen. Die reichen Gegenden der

Seidenzucht waren eine Stätte barbarischer Greuel; den altberühmten

Städten Hangtschau und Sutschau drohte das Los Nankings, sie waren

nahe daran, im Besitze der Rebellen zu Grunde zu gehen. Gordon hat

den Aufstand mitten entzweigeschnitten, die Städte erobert, die

Räuberhorden aufgelöst; und all dies nicht nur durch die Macht seines

Schwertes, sondern vielfach durch die bloße Wirkung seines Namens.«

Sein Tagebuch hatte er vor seiner Abreise nach Hause gesandt.

»Ich wünsche aber keine Veröffentlichung,« schreibt er dazu, »je

bälder diese Geschichte vergessen ist, desto besser; ich weiß

nämlich durchaus nicht, ob wir (die Engländer) ein Recht hatten uns

einzumischen. Meinesteils bin ich ruhig im Gedanken, ein Werk der

Menschlichkeit vollbracht zu haben, doch kann ich nicht erwarten, daß

Fernstehende es eben so ansehen und billigen.« --

Gordon war dringend nach Peking eingeladen worden, aber er lehnte die

Aufforderung ab, wohl wissend, daß man ihn dort mit fürstlichen Ehren

empfangen würde. In Schanghai aber hielt er sich vor der Abreise noch

eine Zeit lang auf, um den Chinesen einigermaßen zu einer Armee nach

europäischem Begriff zu verhelfen.

»Ich mache hübsche Fortschritte, die chinesischen Offiziere

einzuüben,« heißt es in seinem letzten Brief aus China, »es geht

leichter, als ich dachte!«

Und in eben jenen Tagen, während er als einfacher Exerziermeister

sich bestrebte, Nützliches zu hinterlassen, fiel Nanking. Jeden Fuß

breit, bis in den Palast des himmlischen Königs, verteidigten die

Taipings mit verzweifeltem Mut. Hung hatte seit Monaten in seiner

Teilnahmlosigkeit verharrt, die man nur als eine Phase seines

Wahnsinns betrachten kann. Es durfte ihm niemand sagen, daß die Stadt

sich nicht werde halten können; und bis zuletzt bestand er auf seiner

göttlichen Herkunft. »Ich bin der Herr von zehntausend Völkern,

wen sollte ich fürchten?« rief er. »Ich habe Befehl von Schang-ti

(Gott) und von Jesus selbst, dies Reich zu regieren.« Als der Getreue

ihm einst dringend zur Flucht riet, entgegnete er: »Fürchtest du

den Tod? Ich, der wahre Herr, kann ohne Truppen bestimmen, daß

das Reich des großen Friedens sich bis an die äußersten Grenzen

erstrecke.« Die Berge, die Ströme, die Völker seien sein, sagte

er; und ließ die andern Wangs für sich kämpfen und seine Minister

schalten und walten, wie sie wollten. Nur in ~einem~ war er

unerbittlich: nie durfte man ihn anders als in religiösen Phrasen

und mit kriechender Unterwürfigkeit anreden. Einem die Haut bei

lebendigem Körper abziehen, war von Anfang an seine Lieblingsstrafe

gewesen; jetzt wollte er jeden dazu noch gevierteilt sehen, der es

unterließ, von ihm anders als von dem »Himmlischen« zu reden. Die

letzten Monate seines unglücklichen Daseins verbrachte er unter seinen

Weibern mit religiösen Andachten. Als man ihm mitteilte, daß nur die

allerwohlhabendsten Leute der Stadt noch zu essen hätten, erließ er

eine Verordnung, daß die anderen sich von »duftenden Kräutern« nähren

sollten, wozu er selbst ein gutes Beispiel zu geben wähnte, indem er

Gemüse aus dem königlichen Garten zur Tafel befahl.

Der getreue Wang wußte wohl, wie es stand, aber Untreue gegen seinen

Herrn scheint ihm nie als eine Möglichkeit vorgeschwebt zu haben. Nach

dem Fall von Sutschau war er zum letztenmal nach Nanking zurückgekehrt

in der Hoffnung, diese Stadt abermals zu entsetzen. Ihm selbst gelang

es, Eingang zu finden, aber seine Truppen hatte er eingebüßt, weil

es weithin an allem Proviant gebrach. Zu Ehren dieses Mannes sei's

gesagt, daß er sich mit Aufbietung all seiner Kräfte und Mittel nun

bestrebte, die Eingeschlossenen vor dem Verhungern zu schützen. Er

erzählt in seinem Tagebuch, daß man sich täglich dem Himmlischen zu

Füßen werfe, aber dieser gestattete keinem, das Wort Übergabe auch

nur in den Mund zu nehmen. Den Rat des Getreuen, die Weiber und

Kinder fortzulassen, verachtete er und wandte sich dem Schildkönig

zu. Der Getreue aber that heimlich was er konnte, und zu tausenden

verließen Weiber und Kinder die Stadt. Der kaiserliche General Tseng

nahm alle auf und ließ ihnen Nahrung reichen. Der Schildkönig war ein

Banditenanführer, und täglich gab es Mord und Totschlag unter den

unglücklichen Taipings.

Die Tage des großen Friedens waren gezählt. Ob der tolle Schulmeister

wohl je an seine Jugend zurückdachte, da er noch von keinem anderen

Ehrgeiz beseelt war, als im Examen zu bestehen? Ob er sich sein

bisheriges Leben vergegenwärtigte? Ströme von Blut bezeichneten seine

Laufbahn durch die Länge und Breite des blumigen Landes. Friedliche

Städte hatte er in Räuberhöhlen verwandelt, fruchttragende Felder in

Wüsteneien. Und nun das Maß voll war und er inmitten seiner wilden

Horden dem sicheren Tod ins Auge sah, krönte er sein entsetzliches

Leben damit, daß er eigenhändig seine Weiber aufhängte und dann Gift

nahm.

Nach seinem Tod bestieg sein ältester Sohn, Hung Fu-tien, als der

»junge Herr« den angeblichen Thron; der aber war ein sechzehnjähriger

Jüngling, in vollständiger Unwissenheit aufgewachsen. Die Belagerer

bedrängten die Stadt mehr und mehr. Am 8. Juli wagte der Getreue einen

Ausfall, wurde aber zurückgeschlagen; am 19. gelang es den Belagerern,

mittelst einer Riesenmine, die vierzigtausend Pfund Pulver enthalten

haben soll, die Mauer zu sprengen; sie drangen unaufhaltsam in die

Stadt. Der Getreue leistete zum letztenmal Widerstand, aber die Stunde

der Taipings war gekommen; bis Mitternacht hatte er noch den Palast

des Tien Wang verteidigt, um den »jungen Herrn« und seine weinenden

Angehörigen zu schützen, und als alles zu Ende ging, hatte er den

Palast und seine eigene stattliche Wohnung in Brand gesteckt. In der

allgemeinen Verwirrung, zwischen Feuer, Totschlag und Fluchtversuchen,

legte er eine letzte Probe seiner seltenen Treue ab, indem er den

»jungen Herrn«, der mit zwei seiner Geschwister ihn flehentlich um

Rettung bat, auf sein eigenes tüchtiges Pferd setzte, während er

selbst auf einem ausgehungerten Klepper zu entfliehen versuchte.

»Obgleich der Tien Wang dahin war und alles verloren,« heißt's

in seinem Tagebuch, »so konnte ich doch als einer, dem er einst

wohlwollte, nicht anders, als wenigstens den Versuch machen, seinen

Sohn zu retten.« Daß der Tien Wang ihm schließlich nur mit Undank

gelohnt hatte, schien dieser Edelste der Taipings in seiner schönen

Hingabe vergessen zu haben.

Es gelang dem »jungen Herrn« sowie auch dem Getreuen und dem

Schildkönig, mit etwa tausend anderen zu entkommen; sie wurden aber

bald von einander getrennt. Als der Getreue fand, daß sein Tier ihn

nicht mehr tragen konnte, suchte er Schutz in einem Tempel; dort

wurde er von Landleuten erkannt, die ihn knieend baten, sich den

Kopf rasieren zu lassen und verkleidet zu entfliehen. »Ich bin der

Diener eines Königs, der nicht mehr ist,« entgegnete er, »es wäre ein

Unrecht an den Gefallenen, ließe ich mir das Haar scheren.« Er fiel

in die Gefangenschaft der Kaiserlichen und wurde samt dem Schildkönig

enthauptet. Während der letzten Tage seines Lebens schrieb er seine

Erinnerungen, die in gedrängter, klarer und durchaus glaubhafter

Darstellung den ganzen Aufstand schildern.

Was den »jungen Herrn« betrifft, so brachte des Getreuen Pferd ihn

in vorläufige Sicherheit. Aber weder seine Erziehung noch sein

genußsüchtiges Leben in der Gesellschaft seiner jungen Königinnen

hatten ihn dazu geschickt gemacht, mit dem Unglück zu kämpfen. Nachdem

er sich etliche Wochen im Gebirg herumgetrieben und angefangen, im

Hunger sich den Tod zu wünschen, fiel auch er den Kaiserlichen in die

Hände. Trotz seiner inständigen Bitte, ihn am Leben zu lassen, »damit

er noch etwas lernen könne und sein Examen mache,« wurde er alsbald

hingerichtet.

Im November des Jahres 1864 schickte sich Gordon zur Heimreise an.

Die Kaufleute von Schanghai faßten seine Verdienste um China in einer

äußerst anerkennenden Denkschrift zusammen, die besonders auch darauf

Wert legt, daß seine edle Selbstlosigkeit viel dazu beitragen werde,

die Chinesen von ihrem Mißtrauen gegen alle Ausländer zu heilen. Als

Gordons Tod bekannt wurde, kamen Zeugnisse aus dem fernen China, daß

man seiner dort in Liebe gedenke; und als Gordon in Khartum gefallen

war, da schickten der Kaiser und Li und andere, die ihm ihren Dank

bewahrt hatten, erhebliche Beiträge zu dem Gedächtnisfonds, damit ein

würdiges Denkmal für den Helden erstehe.

Aber das schönste Zeugnis stellt ihm ein Taipingführer aus, der nach

dem Fall von Sutschau geschrieben hat: »Fern sei es zu behaupten, daß

Gordon um die Greuelthaten wußte. Bei aller Kenntnis des brutalen

Verfahrens, dessen mancher, den Namen Engländer entehrend sich

schuldig macht, glauben wir doch keinen Augenblick, daß der ehrenwerte

Anführer der Armee, die sich die siegreiche nennt, jene mörderischen

Greuel guthieß ... Wir wissen, daß Gordon es stets bitter beklagte,

wenn Grausamkeiten verübt wurden, die er nicht verhindern konnte, und

daß in seinem Herzen der Gedanke brennen muß, wie in seinem Heimatland

solche Greuel vielleicht ihm zur Last gelegt werden. Möge es ihm eine

Genugthuung sein zu wissen, daß unter seinen Feinden, die lieber seine

Freunde wären, jene Thaten ihm nicht zugerechnet werden. Gefiele es

doch dem Himmel, daß irgend ein unwürdiger Abenteurer seine Stelle

einnähme, einer, den man nicht betrauern müßte, wenn er erschlagen

würde! Statt dessen kann ich es bezeugen und habe es mehrmals mit

eigenen Augen gesehen, wie im Schlachtgetümmel einem niederträchtigen

Engländer, den Geldgier in unsere Reihen führte, die Flinte aus der

Hand geschlagen wurde, wenn er von gedecktem Standpunkt aus auf den

stets furchtlos sich bloßstellenden Gordon zu zielen sich unterstand.

Und der solchem Meuchelmord wehrte, war immer einer unserer Anführer,

ja einmal kein anderer als der Schildkönig selbst!«

Drittes Buch.

In der Stille.

»Es ist einer auf dem Heimweg,« schreibt Gordon an seine Mutter im

November 1864, »aber es ist ihm nicht darum zu thun, daß es bekannt

werde.« Gefeiert zu werden war, wie wir wissen, nicht nach seinem

Geschmack; wozu auch? meinte er, er habe nur seine Pflicht gethan.

Der Geschichtschreiber der stets siegreichen Armee sagt, daß er über

die Persönlichkeit Gordons von ihm selbst wenig Auskunft erhalten

und daß der Leser, in dem die Berichte von Krieg und Sieg mit der

Verherrlichung Gordons unwillkürlich zusammenfließen, sich ohne

Zweifel wundern würde, wenn er den jungen Mann und seine ruhige,

zurückgezogene Art sehen könnte. Freude an energischer Thätigkeit,

Selbstaufopferung und Pflichtbewußtsein seien offenbar die Triebfedern

seines Wesens. Äußerlich aber habe der tief fromme Soldat nichts von

all dem an sich, was sonst den kühnen Anführer einer irregulären

Soldateska kennzeichne.

Kaum war Gordon im Kreise der Seinigen in Southampton angelangt, da

regnete es auch schon Einladungen aus der vornehmen Welt. Er hatte

den Mut, sie alle abzulehnen. Im engen Familienkreise nur ließ er

sich herbei, seine chinesischen Erlebnisse zu beschreiben; und die

so glücklich waren, es mit anzuhören, fanden die Berichte fast

märchenhaft, fast wie eine Heldensage aus vergangener Zeit. Mit

Ingrimm konnte er da wohl die Greuel des Rebellentums beschreiben,

aber seine Stimme wurde stets leise, wenn von Sieg die Rede war, denn

dann gewann neben der Bescheidenheit des Erzählers Mitleid mit den

Überwundenen die Oberhand. Niedergeschrieben wurde nichts von all dem,

außer was bewunderndes Interesse in die Herzen der Hörer eingrub.

Selbst das Tagebuch, das Gordon aus China nach Hause gesandt hatte,

fiel seiner Demut zum Opfer. Er wünschte keine Veröffentlichung, wie

er bei der Übersendung schrieb. Leihweise fand es indessen seinen Weg

in die Hände eines der Minister, und dieser war daran, es privatim

drucken zu lassen, damit seine Kollegen es auch lesen könnten. Eines

Abends hörte Gordon zufällig davon und begab sich stehenden Fußes nach

der Wohnung des betreffenden Herrn, traf ihn aber nicht zu Hause; doch

erfuhr er den Namen des Druckers, eilte zu diesem und verlangte sein

Manuskript zurück mit dem Befehl, das bereits Gesetzte zu zerstören.

Was jenes Tagebuch betrifft, so hat es niemand je wieder gesehen.

»Ich besitze wenig auf der Welt,« pflegte er zu sagen, »meinen Namen

könnten die Leute mir jedoch als Privateigentum lassen«. Von wie viel

tausend Zungen ist der Name Gordon seither mit Bewunderung genannt

worden!

Im folgenden Jahre wurde ihm die Ernennung als königlicher

Ingenieur-Kommandant zu Gravesend, wo in Aussicht auf einen möglichen

Krieg mit Frankreich neue Forts an der Themse aufgeführt werden

sollten. In Anerkennung seiner Verdienste erhielt er um diese Zeit

den Ritterorden +of the Bath+.[5] Er war mittlerweile zum

Oberst-Leutnant avanciert.

In Gravesend war er sechs Jahre, die schönste Zeit seines Lebens

-- arm nach außen in den Augen der Welt, reich nach innen an den

christlichen Früchten der Hingabe und zwar unbewußter Hingabe und der

edelsten reinsten Menschenliebe. Er selbst hat es ausgesprochen, daß

es die glücklichsten, friedlichsten Tage seiner Wallfahrt waren, und

damit giebt er sich selbst ein hohes Zeugnis. Wie ergreifend, wie

herrlich ist das Bild des Mannes, der Thaten vollbracht wie wenige und

der nun seine ganze Freude darin findet, in der Stille an den Armen,

den Kranken, den Verlassenen, den leiblich und geistig Darbenden Gutes

zu thun. Als eine Art Heiliger soll der Mann keineswegs gezeichnet

werden; das wäre eine Übertreibung, die er selbst am meisten beklagt

hätte. Er hatte seine Gebrechen wie alle Menschen, so unterlag er z.

B. hin und wieder seiner Heftigkeit; seine Gleichgültigkeit gegen das

Urteil der Leute grenzte zuweilen ans Rücksichtslose, und wenn er sich

eine Meinung in den Kopf gesetzt hatte, so war es nicht immer leicht,

ihn eines anderen, vielleicht besseren, zu belehren; trotzdem aber

kann der Leser aus folgenden Zügen reichlich erkennen, daß Christus in

diesem Manne eine Gestalt gewonnen hatte, die den meisten Menschen,

ja den meisten Christen ein beschämendes, aber andererseits auch

aufmunterndes Beispiel sein kann.

Gordon war ein ideal angelegter Mensch, aber das Ideale wurde in ihm

sofort real, praktisch. Sein Christentum war kein enges, frömmelndes,

sondern eine große, tiefe, treue Liebe zu seinem Heiland, die alle

Menschen als Brüder umschloß, ein rechter Israeliter, in welchem kein

Falsch ist! Ob und wann es in seiner Lebensentwicklung einen Zeitpunkt

gab, den man seine »Bekehrung« nennen könnte, ist nicht ersichtlich

-- ernste Eindrücke empfing er schon in Pembroke; das aber ist nicht

zu verkennen, daß ihm Gravesend zum Patmos wurde, wo sein Glaube sich

höher schwang und seine Liebe sich vertiefte, wo er nach dem Worte

lebte: »Simon Johanna, hast du mich lieb? Weide meine Schafe.«

Er lebte nur für andere. Sein Haus -- und es war ein großes, viel zu

groß für seine bescheidenen Junggesellenbedürfnisse -- war Schule,

Kranken- und Armenhaus in einem; ein zufälliger Besucher hätte es

eher für die Behausung eines Stadtmissionars gehalten als für die

Dienstwohnung eines Offiziers. Kein Notleidender klopfte je vergebens

an seine Thür; alle Hilfsbedürftigen hatten ein Anrecht an ihn, aber

am meisten zog sein Herz ihn zu den sogenannten Straßenjungen. Nie

ging er an einem vorüber ohne ihn anzureden. Er lud sie ein, zu ihm

zu kommen, und versammelte sie bei sich in Klassen, wozu mehr als

ein Zimmer seines Hauses herhalten mußte. Die ganz verkommenen und

heimatlosen behielt er eine Zeit lang bei sich, kleidete und reinigte

sie, um sie dann, am liebsten als Schiffsjungen, unterzubringen. Er

nannte sie seine »Könige« -- als Deutscher hätte er wohl »Prinzen«

gesagt. Einer seiner Bekannten, der ihn einmal besuchte, wunderte

sich, warum auf der Weltkarte in seinem Arbeitszimmer so viel

Stecknadeln mit Fähnchen angebracht waren, und erfuhr dann, daß

Gordon auf diese Weise seine »Prinzen« auf ihren Fahrten begleite;

und er vergaß keinen in seiner täglichen Fürbitte. Seine Prinzen

vergalten ihm die Liebe aber auch mit begeisterter Anhänglichkeit. Sie

vertrauten ihm und lernten von ihm mit der Wahrheit umgehen; und wenn

einer Unrecht that, so wußten sie, daß sein Mitleid immer größer war

als sein Mißfallen. Drei der Jungen hatten einmal das Scharlachfieber

in seinem Hause; er pflegte sie und verbrachte mehrere Stunden der

Nacht an ihrem Bette.

Auch die Armenschule besuchte er; an den Sonntag-Nachmittagen konnte

man ihn sicher daselbst antreffen, und die es mit Augen gesehen

haben, sagen, kein erhebenderes Bild lasse sich denken als den Helden

Chinas, der den armen Kindern mit heiliger Wärme biblische Geschichten

erzählte, ja mit einer Begeisterung, als führe er sie durch Kampf zum

Sieg. Für jedes einzelne interessierte er sich persönlich, kannte ihre

Lage, ihre Sorgen, suchte sie in ihrer Armut auf und ließ sie zu sich

kommen. Der Armenschule in Gravesend hat er auch seine chinesischen

Trophäen geschenkt, nämlich die seidenen Fahnen, die seine Siege

bekundeten. Ein anderer hätte sie allenfalls einem Monarchen zu Füßen

gelegt; ihn freute es, daß seine Armenschüler damit eine Auszeichnung

gewannen. Mehr als einer jener armen Jungen, der jetzt ein gemachter

Mann ist, und, was besser ist, ein Christ, dürfte ein schöneres

Denkmal für den gefallenen Helden sein, als irgend eines, das seine

Nation ihm zu errichten vermöchte.

Einer seiner »Prinzen« schreibt unterm 12. März 1885: »Nichts freut

mich mehr, als es bezeugen zu dürfen, was der liebe gute General

für mich und andere gethan hat, während er in Gravesend lebte. Zu

der Zeit, als ich in seinem Hause Aufnahme fand, traf ich dort noch

eine Anzahl anderer Jungen, die alle gleich mir kränklich waren;

unsere Eltern hatten nicht die Mittel, uns hinreichende Nahrung

zu gewähren. Der General aber hatte uns fast täglich bei sich zum

Mittag- und Abendbrot, und wir durften mit ihm am selben Tisch essen.

Drei von uns (darunter ich), die es am nötigsten hatten, schickte

er in das Seebad-Krankenhaus nach Margate, wo er je 16 und 18 Mark

wöchentlich Kostgeld für uns zahlte. Ich war ein volles halbes Jahr

dort, die beiden anderen, ein Junge und ein Mädchen, jedes drei

Monate. Ich danke jetzt noch dem lieben Gott dafür; denn von jener

Zeit datiert meine Gesundheit ... Später hat er mich auch auf einem

Schiff untergebracht und die Lehre bezahlt; ich kann ihm nie genug

danken. Ein anderer Junge, der mit mir dort war, ist jetzt Lotse, und

das verdankt er auch dem General ... Es drängt mich, dies bekannt zu

machen als ein Beispiel von dem, was der liebe General an vielen that.

»Seine Jungen« nannte er uns. Kaum ein Abend verging, daß er nicht

ein Dutzend von uns bei sich hatte, meist Fischerjungen, die nicht

zur Schule gehen konnten; er unterrichtete uns, und wenn das Lernen

vorbei war, durften wir Domino oder Schach spielen, und im Sommer

gab es Cricket. Wenn die Jungen alt genug waren, brachte er sie auf

Kauffahrteischiffen unter, manchmal auch in der Marine. Keinen ließ er

gehen, ohne ihn mit der nötigen Kleidung zu versorgen.«

Auch später, als Gordon selbst wieder in weite Ferne zog, verlor

er keineswegs das Interesse an seinen »Prinzen«. Mit manchen

korrespondierte er, nach anderen erkundigte er sich, und wo Hilfe not

that, schickte er auch Geld. Hier sind einige Sätze aus einem der

vielen Briefe, die er an einen Freund in Gravesend richtete:

Galatz, 27. Februar 1872.

»Es freut mich zu hören, daß Georg P. verheiratet ist und daß Billy

Arbeit gefunden hat ... Ich habe meinen Wagen und die Pferde verkauft

-- ganz unnötiger Luxus ... Meine Grüße an Birls und Ridley; diese

beiden Jungen könnten manchen aus den besseren Ständen zum Muster

dienen. Was den M. betrifft, so sollte er als Junggeselle bei 25

Mark wöchentlichem Verdienst etwas zurücklegen können; ich lasse ihm

weniger Trunk und mehr Fleiß empfehlen. Ich bedaure, daß Sie, wie Sie

sagen, beinahe angeschwindelt worden sind. Weisheit in Geldsachen

geht uns beiden ab; doch ist es ein Trost, zu wissen, daß Gott uns

immer wieder durchhilft, und wenn wir nicht selbst manchmal Mangel

empfänden, so wüßten wir nicht, was ~Geben~ ist; von unserem

Reichtum geben ist keine Kunst. Ich lasse dem Harry A. für seinen

Brief danken, es freute mich von ihm zu hören. Auch der Frau K.

meinen Dank -- hat Karl Arbeit? Sie ist ein braves Frauchen, und es

würde ihr wohlthun, wenn Sie sie besuchen wollten. Auch nach dem

jungen Fordham könnten Sie sehen, erkundigen Sie sich doch, was er

vorhat; in seiner Schule wird es zu erfragen sein. Das Kunstwerk von

Brief ohne Unterschrift ist wohl von dem kleinen Arthur W..., sagen

Sie ihm, er müsse vor allen Dingen wachsen, bis er über den Tisch

sehen kann, und danken Sie ihm für den Brief. Sagen Sie der Frau M.

ein tröstliches Wort ...; es thut mir sehr leid, zu hören, daß E..

seine Stelle verloren hat; sagen Sie es ihm mit einem herzlichen

Gruße ....«

Es erhellt schon aus diesem Briefe, daß er sich nicht nur der Jungen

annahm. An Sonntagen hielt er regelmäßig eine Bibelstunde für alle

Armen, die kommen wollten. Gepredigt im eigentlichen Sinne hat er

dabei nicht, aber wie er ihnen die Bibel auslegte und was er ihnen

von der Liebe Gottes sagte, das kam vom Herzen und ging zum Herzen.

Als er Gravesend verließ, haben die Armen, denen er auf diese Weise

Gutes gethan, aus eigenem Antrieb ihre Scherflein zusammengelegt und

ihm eine schöne Bibel geschenkt; es war eine Gabe dankbarer Liebe wie

selten etwas.

Auch der Kranken nahm er sich an. Furcht vor Ansteckung kannte er

nicht; er besuchte Häuser in den Armenquartieren, wohin andere zu

gehen sich scheuten. Wenigstens einmal wöchentlich erschien er im

Armenspital, und nie kam er mit leeren Händen. Was seine Freunde

etwa ihm zuschickten, schöne Trauben oder Erdbeeren zu früher

Jahreszeit, das wanderte zu den Kranken. Und die Liebe, die aus seinen

Augen strahlte, und die liebliche Art seines Wesens war den Leuten

erquicklicher noch als seine Gaben. Da las er denn auch ein paar

Bibelworte und betete mit ihnen und verließ sie getröstet. Und sie

zählten die Tage bis er wieder kam, sie richteten sich auf an seiner

wahren Teilnahme, ja manches geprüfte Herz sah da den Himmel offen und

lernte an den Heiland glauben, der alle Schmerzen auf sich genommen

hat.

Seine einzelnen Samariterdienste sind nicht zu zählen. Er hatte eine

leidenschaftliche Freude an Blumen, hatte auch einen schönen Garten

zu Gravesend, wo er sie pflegen konnte, aber wenn sie erblüht waren,

trug er sie in die Krankenzimmer der Armenquartiere. Er hört von

einer kranken Frau und geht hin, findet sie in Kälte und Elend, da

zündet er eigenhändig ein Feuer an und macht ihr eine Tasse Thee. Dann

schickt er ihr eine Wärterin und bezahlt den Doktor. Die Frau lebt

heute noch, voll Lobes über seine Liebesthat. Ein andermal hörte er,

daß eine Familie in Gefahr ist, aus ihrer Wohnung gewiesen zu werden;

er zahlt die rückständige Miete und entzieht sich dem Danke. Unter

seinen besonderen Schützlingen war ein alter Mann, der seit Jahren

gelähmt war: nur die linke Hand konnte er noch bewegen, auch konnte

er liegend lesen. Gordon sorgte dafür, daß ihm täglich eine Zeitung

zukam. Derselbe gelähmte Mann klagte ihm einst, daß die Fliegen ihn so

quälten, weil er sich ihrer nicht erwehren könne. Gordon sagte nichts,

aber am andern Tage erschien ein den Leuten anfänglich unerklärliches,

mit Schleierstoff überzogenes Gestell. Es war eine Vorrichtung, den

Kopf des Mannes vor den Fliegen zu schützen, ohne ihn am Lesen zu

hindern.

Ja die Armen und Kranken zu Gravesend, denen er nie vorpredigte, ihr

Elend sei der Wille Gottes, erinnern sich seiner mit lebenslänglicher

Dankbarkeit. Ein alter Mann erzählt, seiner damals leidenden Frau

seien kräftige Suppen und Wein verordnet worden, die er aus seinen

Mitteln nicht bezahlen konnte, aber der gute Oberst habe, als er davon

gehört, täglich eigenhändig Suppe oder Wein gebracht, und als es ihr

wieder besser ging hätte er ihnen aus der Bibel vorgelesen, und das

sei schön gewesen. Niemand beklagte seinen Tod aufrichtiger als dieser

alte Mann, wenn es nicht jene alte Frau war, an deren Jungen er Gutes

gethan hatte. Diese hatte schwer mit Armut zu kämpfen gehabt. Als es

bekannt wurde, Gordon sei tot, meinte die fromme Einfalt, sicherlich

würde er in London begraben werden, und schickte sich an, ihren ganzen

Besitz, ein paar Fischernetze, zu verkaufen, um die Mittel zu einer

Reise nach London aufzutreiben. »Ich muß sein liebes Gesicht noch

einmal sehen,« sagte sie, »es mag kosten was es will, und wenn ich

nachher Hungers sterbe.«

Gordon war lange in Gravesend, ehe die Leute dahinter kamen, daß der

freundliche Oberst im Forthaus und der »Chinesen-Gordon« ein und

derselbe waren. Äußerst bezeichnend, sowohl für ihn als für gewisse

Leute, ist folgende kleine Thatsache. Er hatte von Anfang an Sonntags

seinen Sitz auf der Emporkirche unter den Armen genommen. Niemand

kümmerte sich darum; als es aber nach und nach bekannt wurde, was

für einen berühmten Mann man in der Gemeinde habe, würdigten die

Kirchenältesten ihn einer feierlichen Aufwartung und baten ihn,

er möge doch herunterkommen und sich eines der gepolsterten Sitze

bedienen, die für die Vornehmeren bestimmt sind. Er dankte für die

Rücksicht, zog es aber vor, unter den Armen auf hölzerner Bank sitzen

zu bleiben.

Es ließen sich leicht noch Dutzende von Beispielen beibringen, die

sein Leben in der Stille kennzeichnen, doch dürfte das Vorstehende

genügen. Was eine zu Gravesend wohnende Dame, die ihn kannte, über ihn

schrieb, sei jedoch nicht unterdrückt:

»Seine barmherzige Liebe umschloß alle; daß einer elend und arm

war, war ihm genug, er erkundigte sich nie, ob man seine Hilfe auch

verdiene. Wenn er dabei auch einmal hintergangen wurde, so war's nur

selten[6], denn er hatte ein Auge, das die Leute zu durchschauen

schien, es schien nutzlos, ihn belügen zu wollen. Ich habe mich

oft gefragt, ob es seinem natürlichen Scharfblick zuzuschreiben

ist oder vielmehr der ihm eigenen Einfalt und Selbstlosigkeit, daß

er Menschen und Dinge meist in ihrem wahren Licht sah. Im Armen-

und Krankenhaus war er ein ständiger Gast, und Empfänger für seine

Liebesthaten gab's unzählige in der ganzen Umgegend. Mancher Sterbende

schickte lieber nach ihm als nach dem Pfarrer, und weder Entfernung

noch Wetter hielten ihn je ab, einem solchen Rufe zu folgen. Einen

Armengottesdienst zu leiten, dazu war er immer bereit, und wo man

die Hungernden zum Sichsattessen versammelte, ließ er sich nie

zweimal bitten, ihnen biblische Geschichten zu erzählen. Aber in

Versammlungen religiöser oder philanthropischer Art sah man ihn nie

als Vorsitzenden, und öffentliches Redenhalten haßte er, besonders

wenn es dazu dienen sollte, ihn persönlich zu verherrlichen. Und

nichts war ihm gleichgültiger, als Essen und Trinken, sofern es ihn

selbst betraf. Wir begegneten ihm einmal gegen Abend, und er nahm

uns mit nach Hause, wo der Tisch für ihn gedeckt stand -- eine Kanne

Thee und ein trockenes Laibchen Brot. Ich machte eine scherzende

Bemerkung, ob er auf trockenes Brot reduziert sei; da nahm er das

Laibchen (kein großes), drückte es in ein Schüsselchen und goß den

Thee darüber. ›So, nun wird es bald weich sein,‹ sagte er, ›und nach

einer halben Stunde ist es einerlei, was ich gegessen habe.‹ Um ein

humoristisches oder witziges Wort war er nie verlegen, und noch

seh' ich ihn mit den Augen zwinkern, als er mir erzählte, was für

enttäuschte Gesichter es manchmal unter seinen Jungen gebe, die, von

ihm aufgenommen, sich einbildeten, künftig herrlich und in Freuden

zu leben, und dann die Entdeckung machen mußten, daß Pöckelfleisch

und Kartoffeln auch ein gutes Mittagessen abgebe. Zu seinem Garten

überließ er uns freundlicher Weise den Schlüssel, damit unsere Kinder

darin spielen könnten. Als wir zum erstenmal davon Gebrauch machten,

bewunderten wir die frühen Erbsen und andere leckere Gemüse, die darin

wuchsen, und da eben seine Haushälterin hinzu trat, machten wir eine

darauf bezügliche Bemerkung. Sie erklärte uns alsbald, daß der Oberst

nie dergleichen auf seinem Tisch hätte; er überlasse fast den ganzen

Garten armen Leuten, die ihn anpflanzen und den Ertrag dann verkaufen

dürften. So kam es, daß es bei uns zu einer Redensart wurde, »der

Oberst hat kein Ich.« All sein Thun war selbstlos, und darin folgte er

seinem Herrn. Nie oder selten konnte man ihn dazu bringen, von sich

zu reden. In jener Zeit wurde das erste Buch über ihn geschrieben.

Er lud den Verfasser zu sich ein und half ihm nach Kräften, sofern

es die Einzelheiten über den Taiping-Krieg betraf, wozu er ihm seine

eigenen Aufzeichnungen gab. Als er aber, durch irgend eine Bemerkung,

die gemacht wurde, auf den Verdacht kam, daß in dem Buche von ihm

selbst und seinen Thaten viel die Rede sein könne, da bat er sich

das Manuskript aus und zerriß eine Seite nach der andern zu des

Verfassers nicht geringem Entsetzen. Es war mir ein Anliegen, den Mann

und seine ungewöhnliche Abneigung gegen alles Lob zu verstehen, und

so befragte ich ihn einmal darüber, indem ich hinzufügte, er habe ja

alles Recht, auf diese Dinge stolz zu sein. Da entgegnete er, niemand

habe ein Recht, auf irgend etwas stolz zu sein, da wir alles empfangen

hätten und von Natur in keinem Menschen Gutes wohne. Er setzte

hinzu, daß jeder nur immer alle Ursache habe, sich zu demütigen,

daß alles Medaillentragen, aller äußere Schmuck des Körpers, wie

überhaupt alle Selbstverherrlichung ganz übel angebracht sei. Auch

hätte keiner ein Recht, irgend etwas sein zu nennen, der sich ein

für allemal dem Herrn als Eigentum ergeben habe. Was sollte er da

zurückbehalten? ›Des lieben Gottes Eigentum zu sein,‹ sagte er zu

mir, ›sollte auch Sie hindern, diese goldene Kette da zu tragen; sie

sollte für die Armen verkauft werden.' Indessen gab er zu, daß nicht

alle Menschen je nach ihrer verschiedenen Lage es so leicht finden

möchten wie er, irdischen Besitz in solchem Licht zu betrachten.

~Sein~ Geldbeutel war immer leer infolge seiner Freigebigkeit.

Ein silbernes Theeservice, das Geschenk seines Verwandten Sir William

Gordon, bewahre er auf, sagte er einmal; der Wert desselben werde

ausreichen, früher oder später seine Begräbniskosten zu bestreiten,

ohne anderen zur Last zu fallen. So verhaßt es ihm war, von seinen

Thaten zu reden, so freigebig war er mit seinen Gedanken, und manche

interessante Unterhaltung führten wir mit ihm. Ein gewisser mystischer

Zug, der ihm eigen war, verlieh seiner Rede einen eigenen Reiz; wir

haben viel von ihm gelernt. Er besuchte uns oft, aber es war eine

ausgemachte Sache, ohne daß je ein Wort darüber verloren worden wäre,

daß man ihn nie auffordern dürfe, länger zu bleiben, wenn er sich zum

Gehen anschickte. Ihn je zu Tisch zu bitten, wäre ordentlich eine

Beleidigung gewesen: ›Ladet die Armen und Kranken ein,‹ hätte man da

zur Antwort erhalten, ›ich kann zu Haus essen.‹«

Daß er neben seinen Berufsarbeiten und täglicher fleißiger

Beschäftigung mit Gottes Wort so viel Zeit fand, Gutes zu thun,

verdankte er einerseits seiner Gewohnheit früh aufzustehen,

andererseits seinem methodischen Fleiß, der nie auf einen andern

Tag verschob, was sofort geschehen konnte. »Warum sollte man etwas

hängen lassen, was man gleich erledigen kann,« pflegte er zu sagen.

Immer beschäftigt sein, war offenbar die äußere Bedingung seiner

Zufriedenheit. Einer Dame, die sich bei ihm über die Langeweile des

Mode-Lebens beschwerte, gab er den guten Rat, sich doch einmal am

Waschzuber ordentlich müde zu schaffen. Einer seiner Untergebenen, der

über die Arbeiten seines Berufes in Gravesend berichtet hat, schreibt

unter anderem: »Wenn Gordon an der Arbeit war, dann ~war's~

Arbeit, und keiner von uns hätte es sich beikommen lassen, ihn auf

irgend etwas einen Augenblick länger warten zu lassen als absolut

nötig war. ›Schon wieder fünf Minuten verloren, die wir nie wieder

haben werden!‹ konnte er ausrufen. Er hielt strenge Ordnung, aber das

hinderte keinen, mit völliger Liebe und Verehrung an ihm zu hängen.«

Gordons äußere Erscheinung soll durchaus nichts Überwältigendes

gehabt haben. Er war nicht groß, hatte kein stattliches Auftreten;

man sah ihm den Soldaten nicht an. Wer ihm zum erstenmale begegnete,

konnte aus seinem bescheidenen Äußeren nicht schließen, daß er

es mit einem der tüchtigsten Offiziere zu thun habe. Daß er der

»Chinesen-Gordon« war, stand ihm nicht auf der Stirn geschrieben,

obgleich er der denkbar offenherzigste Mensch war. Ein gewisses

jugendliches Aussehen soll er bis ins mittlere Alter bewahrt haben.

Die ihn kannten, stimmten darin überein, daß seine Macht über die

Menschen von seinen blauen Augen ausging -- »sein Gesichtsausdruck

hatte nichts bedeutendes, war aber von der Art, die es ›einem

anthut,‹« sagt einer seiner Mitoffiziere, ein langjähriger Freund,

»und im Umgang hatte er etwas unaussprechlich bezauberndes.« Man

habe sich mit unwiderstehlichem Vertrauen zu ihm hingezogen gefühlt

als zu einem Mann, der es gut mit einem meine; man habe ihm nur ins

Auge zu sehen brauchen um zu wissen, daß man sich felsenfest auf ihn

verlassen könne, selbst wenn alle andern einen im Stich ließen. Neben

der Sanftmut und Güte seines Wesens, die alle rühmen, die je mit ihm

zu thun hatten, konnte er aber auch herzhaft zornig werden, wie schon

angedeutet wurde. Er kannte diese seine schwache Seite wohl, und wenn

einer seiner Untergebenen einen Verweis verdiente, so suchte er für

den zu erlassenden Tadel gern einen Stellvertreter, aus Furcht, von

der Hitze mit fortgerissen zu werden.

Wohl der schönste Zug seines Wesens war seine wunderbare Demut, die

nie heller leuchtete als im Umgang mit den Armen und Niedrigen.

Solchen erzählte er auch mit größter Bereitwilligkeit aus seinem

Leben in China und anderwärts, worüber seinesgleichen ihn nie reden

hörten. Er war höflich gegen den Geringsten und konnte einen Bettler

um Verzeihung bitten, wenn er ihm eine Münze hastig hingeworfen. Wer

zu jener Zeit in Gravesend wohnte, der konnte hin und wieder sehen,

wie er auf der Straße plötzlich stehen blieb, um vielleicht einem

armen Waschweib ihre Last abzunehmen, sei's Bündel oder Korb, und ihr

tragen zu helfen, und war einer seiner Freunde in der Nähe, vornehm

oder gering, so konnte er gewärtig sein, auch aufgefordert zu werden,

mit Hand anzulegen.

Gordon war ein Christ in des Wortes vollster Bedeutung, aber einer

besonderen Gemeinschaft im englischen Sinn hat er nicht angehört. Dies

ist schon durch seine Lebensführung begreiflich. Auch darf man wohl

sagen, daß einer, der so in der Allgegenwart, ja Gemeinschaft Gottes

wandelt, über die Unterschiede hinaus ist, die uns andere, die wir

noch Schüler sind, in Klassen abteilen. Er hat sein Leben, wie wir

gesehen haben, nach dem Wort eingerichtet: Ein reiner und unbefleckter

Gottesdienst vor Gott dem Vater ist der, die Waisen und Witwen in

ihrer Trübsal besuchen und sich von der Welt unbefleckt erhalten.

Übrigens hielt er dafür, daß das Christentum eines Menschen sich vor

allen Dingen in der gewöhnlichen Berufs- und Pflichterfüllung des

Lebens bethätigen müsse. Das ist's, was der seltenen Energie zu Grunde

liegt, die ihn zum großen Manne gemacht hat; das auch, was in der

Gerechtigkeit, Festigkeit, Milde und Umsicht seinen Ausdruck fand, die

seine Verwaltung des Sudan so rühmlich kennzeichneten. Er war überall

und in allen Dingen ein Christ. Sich selbst für besser halten als

andere, war nicht seine Sache. »Wir sind alle voll Schwären,« konnte

er sagen, »manche verdecken ihre Schäden mit seidenen Lappen, andere

haben nur Lumpen; reißt beides weg, und die Krankheit ist dieselbe.«

Auf sein inneres Leben und seine Stellung zur christlichen Lehre

werden wir später zurückkommen. Die Früchte, die aus seinem Glauben

erblühten, sind mit der kurzen Schilderung aus Gravesend wohl zur

Genüge dargethan.

Im Jahr 1871 wurde Gordon nach Galatz geschickt, in eine ihm nicht

unbekannte Gegend, wo er an der Donau-Mündung eine ähnliche Arbeit

ausführen sollte wie daheim an der Themse. Die »öffentliche Meinung«

aber fing an sich zu wundern, warum die Kräfte eines so eminent zum

Kriegführen geschaffenen Mannes wie Gordon an eine Arbeit verschwendet

würden, die jeder andere Ingenieuroffizier auch erledigen könne.

Es war die Zeit der Asante-Sorgen, und die Zeitungen fingen an sich

zu erkundigen, wo der »Chinesen-Gordon« stecke und warum man nicht

ihn absende, um dem König Kofi das Handwerk zu legen. Unter den

vielen Zuschriften an die öffentlichen Blätter in jener Zeit verdient

ein »Mandarin« unterzeichneter Brief, den die Times brachte, hier

wenigstens im Auszug wiedergegeben zu werden.

»Es ist zum Verwundern,« sagt der Schreiber, ein ehemaliger Offizier

der stets siegreichen Armee, »wie wenig die erstaunlichen Thaten

des Mannes, der als »Chinesen-Gordon« öfters genannt worden ist,

in diesem Land bekannt geworden sind. Als einer, der in der stets

siegreichen Armee unter ihm diente -- welche Bezeichnung ganz gewiß

nicht aus seinem Munde stammt -- könnte ich lange Spalten füllen mit

den Beweisen seiner unglaublichen Thatkraft, seiner über alles Lob

erhabenen Um- und Vorsicht, seiner anspruchslosen Bescheidenheit,

seiner Ausdauer und Herzensgüte, seines überlegenen Mutes, ja

Heldenmutes. Es ist die einfache Wahrheit, daß alle, die je unter ihm

gedient haben, seine militärische Tüchtigkeit, um nicht zu sagen sein

Kriegsgenie, in alle Himmel erheben. Es giebt nicht viele Heerführer,

denen ein ganzes Offizierkorps solch einstimmiges, begeistertes Lob

zollt. Und noch wunderbarer ist die völlige Hingabe, mit der die

chinesischen Truppen ihm anhingen, das unbedingte Vertrauen, das sie

in irgend welches Unternehmen setzten, wenn nur er es persönlich

leitete. In ihren Augen war er einfach ein Zauberer, dem alles möglich

war .... In ihrem Glauben an seine gefeite Unverwundbarkeit bestärkte

sie seine Gewohnheit plötzlich zu erscheinen, wenn die Truppen unter

Feuer waren, wo er dann im dichtesten Kugelregen ganz ruhig dastand.

Außer seinem spanischen Rohr, das die Soldaten seinen Zauberstab

nannten, trug er ein kurzes Fernrohr, nie Waffen; oder richtiger,

was er an Waffen trug, war unsichtbar.... Einmal nur erinnere ich

mich Zeuge gewesen zu sein, wie Gordon einen Revolver zog. Es war

bei Kuinsan, nachdem die Truppen ein Vierteljahr lang während der

Sommerhitze im Quartier gelegen hatten. Man benutzte diese Zeit,

sie einzuexerzieren, mit dem Gedanken an die geplante Einnahme von

Sutschau. Die Hitze war entsetzlich. Ruhr und Cholera lichteten die

Reihen, und die Disziplin war nicht ganz so stramm wie sonst..... Als

gegen Ende September Befehl zum Abmarsch gegeben wurde -- es galt

die Forts und Schanzenwerke zwischen Kuinsan und Sutschau -- war's

besonders die Artillerie, die den Gehorsam weigerte. Eine Kompagnie

wurde störrig und wollte sich nicht einschiffen ... da erschien Gordon

mit seinem Dolmetscher. Er war zu Fuß, dem Anschein nach unbewaffnet

und wie gewöhnlich sehr gefaßt. Sobald er zur Stelle war, erließ er

durch den Dolmetscher die Ordre, daß jeder Soldat, der gesonnen sei,

sich nicht einzuschiffen, vortreten solle. Nur einer trat vor. Da zog

Gordon eine Pistole aus seiner Brusttasche, richtete sie gegen des

Mannes Kopf und ließ ihm durch den Dolmetscher zurufen: »Marsch!« Der

Mann gehorchte auf der Stelle und die ganze Kompagnie ihm nach. Sage

einer -- das hätte jeder andere kaltblütige und entschlossene Offizier

auch erreicht! Durchaus nicht! Wenigstens gab's unter uns damals nur

~eine~ Meinung, daß der Gehorsam in diesem Fall lediglich der

grenzenlosen Achtung, ja Ehrfurcht zuzuschreiben war, mit welcher

das ganze Korps zu Gordon aufsah. In der That war die Stimmung der

Truppen damals eine solche, daß wenn irgend ein anderer Offizier es

gewagt hätte, zu handeln wie Gordon handelte, offene Meuterei und

die Ermordung der Offiziere die Folge gewesen wäre .... Die wahre

Ursache der beispiellosen Erfolge des Korps ist einerseits wohl in

der militärischen Tüchtigkeit des Anführers zu suchen, andererseits

aber in seinem Charakter und seinem ganzen Wesen, welches der Art

war, daß alle, die mit ihm in Berührung kamen, unbegrenztes Vertrauen

in seine Fähigkeit setzten neben dem festen Glauben, daß er mit

den besten ihm zu Gebot stehenden Mitteln die besten Resultate zu

gewinnen der Mann war.[7] Wer Gordon kennt mit seiner anspruchslosen

Persönlichkeit, seiner ruhigen zurückhaltenden Art, kann von seinem

wunderbaren Einfluß über ein Heer von unwissenden Soldaten und aus

aller Herren Länder zusammengelaufenen Offizieren nur auf die höchsten

Eigenschaften seines Charakters schließen. Um einen Vergleich zu

ziehen, so möchte es scheinen, daß die unwissenden Chinesen den Mann

besser zu würdigen verstanden, als gewisse wohl unterrichtete Leute

hierzulande.«

Allein die Regierung hatte taube Ohren; einer aus dem Ingenieurkorps,

und wäre er selbst der »stets siegreiche General«, wie das Volk

ihn neuerdings nannte, sei nicht fürs Kommando bestimmt, war die

Entschuldigung. Als der Khedive aber nach einiger Zeit einen

Kommandanten nötig hatte und sich dazu den Oberst Gordon ausersah,

hatte die englische Regierung nichts dagegen einzuwenden.

Viertes Buch.

Im Lande der Schwarzen.

Die Sudanländer sind insbesondere durch deutsche Reisende allgemeiner

bekannt geworden. Der Name »Sudan« bedeutet nichts anderes als das

~Land der Schwarzen~ und stimmt also mit der alten Bezeichnung

»Äthiopien« überein, woraus sich ergiebt, daß der Sudan, heutzutage

ein Land des Elends und der Knechtschaft, schon eine bessere

Vergangenheit gekannt hat. Wir erblicken in ihm das Mohrenland der

Bibel, das Land der Königin Kandaze. Im Propheten Jeremia ist zu

lesen: Lasset die Helden ausziehen, die Mohren! Memnon, ein König von

Äthiopien, zog mit zehntausend Mann den Trojanern zu Hilfe. Und auch

neuerdings haben sich die Sudanesen als Soldaten bewährt, mit denen

nicht zu spassen ist. Aber der Fluch Hams liegt auf dem Lande.

Sudan ist ein Gemeinname, er umfaßt die ungeheuren mittelafrikanischen

Ländergebiete zwischen Ägypten im Norden und den Seen (Njansa) im

Süden, zwischen dem Roten Meer im Osten und dem Lande Darfur im

Westen. Khartum am Zusammenfluß des Blauen und Weißen Nils liegt

so ziemlich in der Mitte zwischen dem Mittelländischen Meer und

dem Viktoria Njansa, von Meer und See je sechzehnhundert Kilometer

entfernt. Von Khartum nach der Ostgrenze des Sudans, nämlich bis

zu den Hafenstädten Suakim und Massaua am Roten Meer, beträgt die

Entfernung etwa sechshundert Kilometer, nach der Westgrenze bis

Darfur sind es zwölfhundert. Die Hauptstationen zwischen Khartum und

Ägypten sind Berber und Dongola, beide am Nil. In Berber mündet die

Wüstenstraße von Suakim her, und zwischen diesen beiden Orten ist die

Eisenbahnlinie projektiert, die den Sudan vom Roten Meer aus leichter

zugänglich machen soll. Um die Entfernungen durch einen Vergleich zu

veranschaulichen, so ist es von Kairo nicht weiter nach Petersburg

als nach Gondokoro, der Hauptstadt der ägyptischen Äquatorialprovinz,

während es von Khartum nach Gondokoro etwa so weit ist, als von

Berlin nach Rom. Khartum und Gondokoro sind durch den Nil verbunden,

durch den »Ssett« aber, eine Massenanhäufung von schwimmenden

Wassergewächsen, sind diese Städte trotz aller Dampfer oft monatelang

außer Verbindung.

Ägypten hat sich während der letzten sechzig Jahre in den Sudanländern

ausgebreitet. Mehemet Ali mochte es redlich meinen oder nicht, als

er sich anschickte, an die Stelle der herrschenden Anarchie im

Sudan eine geregelte Regierung zu setzen, und seinen Sohn Ismail

mit einem Soldatenhaufen und etlichen Gelehrten hinsandte, um von

dem Lande Besitz zu nehmen. Dieser aber wurde mit samt seinem

Gefolge von einem Häuptling verbrannt. Man wußte sich furchtbar zu

rächen, und die ägyptische Gewaltherrschaft wurde aufgerichtet. Die

geregelte Regierung bekundete sich in Unterdrückung und Aufstand,

und die eingeführte Zivilisation beschränkte sich hauptsächlich

auf Elfenbeinhandel, wogegen nichts zu erinnern gewesen wäre, wenn

nicht auch das »schwarze Elfenbein«, der Negerhandel, zur Goldquelle

geworden wäre. Der Sklavenhandel nahm nach und nach so zu, daß er

zum offenkundigen Skandal wurde. Die arabischen Händler zahlten

eine beträchtliche Abgabe an die ägyptische Regierung, die deshalb

ein Auge zudrückte. Das Elend im Land spottete aller Beschreibung;

ein ehrliches Gewerbe konnte neben dem Menschenraub nirgends

aufkommen. Europäische Händler waren die Urheber des Unfugs. Um

das Jahr 1860 mußten sich diese aber angesichts der öffentlichen

Meinung zurückziehen. Seither haben die Araber die Negerjagd und

den Negerhandel ins Unglaubliche getrieben. Die Einwohnerschaft der

Sudanländer besteht nämlich aus zwei Hauptklassen, von welchen die

eine, die eingewanderten Araberstämme, die natürliche Unterdrückerin

der andern, der Neger, ist. ~Schweinfurth~ beobachtete die

Sklavenhändler mehrere Jahre lang. Vor zwanzig Jahren, schreibt

er, gab es Hunderte von Denka-Dörfern auf der östlichen Seite des

Flusses, jetzt ist die ganze Strecke zur Einöde geworden. Man stößt

allenthalben auf Spuren, daß Dörfer und angebaute Gegenden da zu

finden waren, wo jetzt alles verwüstet ist; die Bevölkerung muß

wenigstens um zwei Drittel abgenommen haben. Sir ~Samuel Baker~

ist der Ansicht, daß niemand anders als die ägyptischen Pascha an der

Verwüstung des Denka-Landes schuld seien. »Das Land ist vollständig

entvölkert infolge der Razzien der vom Statthalter von Faschoda

begünstigten Sklavenjäger.« Er durchreiste das Land nach allen

Richtungen und kam allerwärts auf Spuren zerstörter Dörfer. Im Jahre

1864 sah er die Gegend des Viktoria-Nils zum erstenmal; das Jahr

1872 brachte ihn wieder dahin. »Die in diesen Jahren stattgefundene

Veränderung ist nicht zu beschreiben; damals war die Landschaft ein

Garten, dicht bevölkert und voll reicher Produkte. Jetzt ist alles

zur Wüstenei geworden! Niemand ist schuld daran, als die Khartumer

Händler, welche Weiber und Kinder in die Sklaverei führen und plündern

und zerstören, wo sie hinkommen.« »Man sieht meilenweit keine

Menschenseele,« schreibt Gordon, als er den Sobat hinaufdampfte: »die

Sklavenhändler haben die ganze Bevölkerung aufgerieben und die Gegend

zur vollständigen Wildnis gemacht.«

Während einer Reihe von Jahren geschah nichts, um dem schändlichen

Handel zu steuern. Zwar wurden Proklamationen erlassen, aber,

wie Schweinfurth sagt, schien eine unüberwindliche Neigung zum

Sklavenhandel jedem Türken oder Ägypter angeboren, der im Dienste

der Regierung den Sudan verwalten half. Und als der Greuel dem

Khedive endlich zu arg wurde, war dies nicht sowohl eine Regung von

Mitleid mit den armen Negern, als vielmehr Furcht vor einem sich

erhebenden Machthaber, der seine Oberherrschaft im Sudan bedrohte. Die

Sklavenhändler zählten nach Tausenden; mit bewaffneten Horden zogen

sie durchs Land, ja so mächtig wurden sie, daß sie die Abgaben an die

Regierung nicht länger zu entrichten für nötig fanden. Auch das war

ein Grund, ihnen das Handwerk zu legen. Unter den Sklavenhändlern

war besonders einer, der durch seinen unglaublichen Reichtum, seine

aus Sklaven rekrutierten Truppen, sowie durch die beträchtliche

Anzahl seiner befestigten Stationen fast die Stellung eines Königs

einnahm. Es war dies der berüchtigte Sebehr Rachama, der schwarze

Pascha. Schweinfurth fand ihn von fürstlichem Hofstaat umgeben. Seine

Gäste wurden von reichgekleideten Sklaven in mit kostbaren Teppichen

behangene Vorzimmer geführt, und um den königlichen Glanz seiner

Umgebung zu erhöhen, wurden Löwen herbeigebracht. Sein Reichtum und

sein Aberglaube schienen einander die Waage zu halten, wenigstens wird

erzählt, daß er einmal fünfundzwanzigtausend Maria-Theresia-Thaler

einschmelzen ließ, um Kugeln aus Silber zu gießen, mit denen ein

Feind beschossen werden sollte, der angeblich gegen Blei gefeit

war. Ursprünglich ein Elfenbeinhändler, hatte er sich auf das

»schwarze Elfenbein« verlegt. Er war Herr von nicht weniger als

dreißig Stationen, die sich bis ins Innere von Afrika erstreckten,

und sein Name verbreitete Schrecken durch den ganzen Sudan. Von den

einzelnen Stationen aus wurden Streifzüge auf die Neger unternommen;

auf den Stationen fanden sich die Kleinhändler ein, welche ihm die

Sklaven abkauften und durch die Wüste an die Grenze schleppten. Als

Schweinfurth im Jahre 1871 die Raubhöhle Schekka, Sebehrs Hauptstation

an der Südgrenze Darfurs, besuchte, fand er daselbst nicht weniger

als zweitausendsiebenhundert solcher Händler, die gekommen waren,

um sich mit Sklaven zu versehen. Schon 1869 hatte es die ägyptische

Regierung versucht, Sebehrs großer Macht einen Zügel anzulegen. Eine

Truppenabteilung unter einem Anführer Namens Bellal folgte dem

Sklavenräuber in die Bahr el Ghasal. Es kam auch zu einem Gefecht,

in welchem Bellal, sowie die meisten seiner Soldaten umkamen.

Sebehr selbst trug eine Fußwunde davon. Der Khedive war nicht wenig

entrüstet, mußte sich aber vorläufig damit zufrieden geben, daß nicht

er, sondern Sebehr Herr im Sudan war, den Tausende von Sklavenhändlern

als solchen anerkannten. Zwar dem Namen nach war Sebehr ägyptischer

Unterthan, aber in Wirklichkeit souveräner Herr.

Die Eroberung Darfurs war eines der mit Bellals Unternehmen in

Aussicht genommenen Projekte. Dieses Land war damals noch frei. Es

hatte seit vierhundert Jahren seine eigenen Sultane. Darfur ist der

Kornspeicher für den westlichen Sudan, und der regierende Sultan hatte

dem drohenden Überfall Bellals eine Ausfuhrsperre entgegengesetzt,

was nicht nur seinem offenen Feinde, sondern auch den Sklavenhändlern

ungelegen kam. Sebehr war Manns genug, einen Gegenschlag zu führen.

Er plante seinerseits eine Einnahme Darfurs. Das konnte dem Khedive

nicht einerlei sein. Fiel Darfur in Sebehrs Hand, dann war nichts

wahrscheinlicher, als daß der ganze Sudan sich ihm ergeben würde. Der

Khedive nahm zur Politik der Feigheit seine Zuflucht und beschloß,

lieber mit als gegen Sebehr zu handeln, worauf ägyptische Truppen

unter Ismail Pascha Jakub vom Norden her in Darfur einfielen, während

die Sklavenhändler es im Süden bedrängten.

In einer Schlacht wurde der Sultan von Darfur erschossen, und als

seine beiden Söhne den Leichnam decken wollten, fielen auch sie. Ihr

jüngerer Bruder war ein Kind, und ein entfernterer Verwandter Namens

Harun beanspruchte die Thronfolge. Darfur aber wurde unterjocht und

Sebehr zum Pascha gemacht. Diese Ehre war ihm keineswegs genügend; er

und seine Horden hätten das Land erobert, sagte er, ihm komme es daher

zu, als Generalgouverneur die neue Provinz zu verwalten. Er hatte

sogar die Kühnheit, selbst nach Kairo zu gehen, um seine Ansprüche

dort geltend zu machen. Zwei Millionen Mark soll er mit sich genommen

haben, um die Pascha zu bestechen. Es nützte ihm nichts, er wurde in

Kairo festgehalten. Soliman, Sebehrs Sohn, beunruhigte an seines

Vaters Statt das Land und war die Seele eines gewaltigen Aufstandes.

Wie derselbe von Gordon und seinem kühnen Stellvertreter Gessi

unterdrückt wurde, werden wir später hören.

Der Khedive, der den Sklavenhandel geduldet, wo nicht geschützt hatte,

so lange er ihm eine Rente abwarf, verfiel auf philanthropische

Motive, sobald seine Oberherrschaft gefährdet war. Durch ganz Europa

posaunte er die Nachricht, daß er gesonnen sei, den greulichen

Handel auszurotten. Nur zu diesem Ende habe er Sir Samuel Baker an

den Äquator geschickt und nun auch den genialen Gordon berufen. Das

ganze Nilbecken bis zu den Seen am Äquator wurde zu einem Teile von

Ägypten erklärt. Selbst an jenen äußersten Grenzen -- so lautete das

vielverheißende Manifest -- müßten Leib, Leben und Freiheit fürderhin

als heilige Dinge gelten. Unter dieser Maske der Menschenliebe wurde

Gordon, der als einer der aufrichtigsten Menschenfreunde, als einer

der kühnsten Heerführer bekannt war, für den neuen Gouverneurposten in

Aussicht genommen. Oberägypten sollte einen Regierungsbezirk für sich

bilden, und der Elfenbeinhandel innerhalb seiner Grenzen wurde zum

Staatsmonopol erklärt.

Gordon war noch in Galatz, als ihm die neue Thätigkeit angeboten

wurde. Im Jahre 1872 war er in Konstantinopel mit dem ägyptischen

Minister Nubar Pascha zusammengetroffen, und dieser, von seiner

Tüchtigkeit überzeugt, hatte ihn gefragt, ob er nicht einen Nachfolger

für Baker zu empfehlen wisse. Gordon erblickte in dem sich eröffnenden

Wirkungskreise eine Möglichkeit, den geknechteten Schwarzen zu dienen,

und bot im folgenden Jahr seine Dienste an, vorausgesetzt, daß der

Khedive bei der englischen Regierung um ihn einkommen wolle und diese

nichts dawider habe. In England schien man seiner nicht zu bedürfen,

und so machte er sich auf den Weg zur Ausrichtung eines großen Berufs

im Innern des schwarzen Weltteils. Es war der Tag, der die Nachricht

vom Tode Livingstones nach England brachte, an welchem Gordon von

London aufbrach! Jener war mit dem Gebete auf den Lippen gestorben,

daß der Herr sich Afrikas erbarmen und einen Befreier senden möge.

War es nicht wie eine Antwort auf diese Bitte, daß Gordon sich

rüstete, um den Kampf mit dem großen Unrecht aufzunehmen, das jener

ans Licht gebracht hatte? Die Namen Livingstone und Gordon sind wie

zwei Sterne an Nachthimmel Afrikas; beide sind untergegangen; wann

wird der Tag anbrechen?

Der Khedive setzte seinem neuen Statthalter denselben Jahresgehalt

aus, den Baker bezogen hatte, nämlich zweimalhunderttausend Mark,

Gordon selbst aber bestimmte nur vierzigtausend. Das war dem Khedive

und noch andern Leuten ein Rätsel. Wer den Mann aber kannte und

überdies wußte, auf welche Weise Ismail seine Schatzkammer füllte, dem

war die Handlungsweise erklärlich. Gordon verabscheute einen Gewinn,

der, wie er wohl wußte, dem Schweiß der Fellahs erpreßt wurde; es

wäre ihm wie Blutgeld vorgekommen; er nahm daher nur so viel, als er

durchaus nötig hatte. »Wie Mose, so verachte auch ich den Reichtum

Ägyptens,« schreibt er. »Wir haben einen König, der mächtiger ist,

denn diese alle, und bessere Güter in ihm, als die Welt uns bieten

könnte. Ich beuge mich keinem Haman.«

Gordons Auftrag bestand darin, eine fast unbekannte Provinz zu ordnen,

in der bewaffnete Händler ihr Wesen trieben und durch Elfenbein

und Schwarze sich bereicherten. Die eingeborenen Stämme hatten sie

grausam unterdrückt und gezwungen, mit ihnen Handel zu treiben, ob

sie wollten oder nicht. Einige dieser Tyrannen hatten Erlaubnis,

im Lande zu wohnen, vorausgesetzt, daß sie sich des Sklavenhandels

enthielten; man hatte sie dem Gouverneur vom Sudan unterstellt. Dieser

aber war von Khartum aus nicht im stande gewesen, seine Autorität

geltend zu machen, und aus diesem Grunde hatte der Khedive die neue

Äquatorialprovinz gebildet. Wenn der Sklavenhandel und das Raubwesen

erst einmal abgeschafft wäre, dann sollte aller rechtmäßige Handel

frei sein. Gordon sollte eine Kette von Stationen errichten, sollte

versuchen, das Vertrauen der Stämme zu gewinnen und der Sklavenjagd

auf alle mögliche Weise entgegenarbeiten.

Aber bei seinem kurzen Aufenthalte in Kairo hatte er mit dem ihm

eigenen Scharfblick den Khedive und seine Pläne durchschaut. »Ich

glaube, den wahren Beweggrund entdeckt zu haben,« schreibt er,

»man hofft, uns Engländern Sand in die Augen zu streuen.« Trotzdem

schwankte er keinen Augenblick. Er wußte, daß er in eines Höheren

Dienst stand, und das gab ihm Kraft. So schreibt er einmal:

»Wer dürfte es wagen, der nicht den allmächtigen Gott auf seiner

Seite hat? Ich kann es und will es thun, ~denn mein Leben achte

ich für nichts~ -- ich würde nur viel zeitlichen Verdruß mit dem

ewigen Frieden vertauschen!« Und weiter: »~Wer doch den Tod immer

als Erlöser vor Augen hätte!~ Welche Ruhe ist des Menschen Teil,

der so denkt, und was für Thaten kann er vollbringen -- nichts kann

ihn mehr beunruhigen, in welchem Amt er auch stehe!«

Es war Gordons Wunsch, als gewöhnlicher Passagier sich nach Suakim zu

begeben; allein Nubar Pascha erklärte, der Gouverneur von Oberägypten

müsse mit Gepränge reisen. Ein Gefolge wurde ernannt, und, von einem

Adjutanten des Khedive begleitet, sollte Gordon mit einem Extrazug

nach Suez fahren. Aber unterwegs versagte die Lokomotive, und die

Reise mußte mit dem gewöhnlichen Zug fortgesetzt werden -- ein

Hauptspaß für Gordon. »Wir haben groß angefangen und dürfen klein

aufhören,« berichtet er darüber. Von Suakim ging's durch die Wüste

nach Berber; etwa zweihundertundzwanzig Mann Militär, die mit ihm

an Bord waren, bildeten die Eskorte für den vierzehntägigen Marsch,

dessen Länge Gordon keineswegs beklagte, denn es war ihm vor allen

Dingen darum zu thun, seinen Soldaten, die von Mannszucht nichts

wußten, Gelegenheit zu geben, ihn kennen zu lernen. Was persönlicher

Einfluß vermag, das wußte er von China her.

Sein Generalstab bestand aus einem kühnen und in jeder Beziehung

tüchtigen Italiener, dem nachmals so rühmlich bekannt gewordenen

~Romulus Gessi~, den er als Dolmetscher schon in der Krim kennen

gelernt hatte; ferner aus mehreren anderen Europäern, Namens Kemp,

Russell, Anson und zwei Brüdern Linant, dem Amerikaner Long und Abu

Saud, einem gewesenen Sklavenhändler und niederträchtigen Menschen,

den er in Kairo als Gefangenen vorfand und dem er mit einem gewissen

Eigensinn zutraute, daß er sich künftighin der Redlichkeit befleißigen

und sich nützlich erweisen werde. Der Khedive wußte nicht recht, was

mit diesem Gefangenen anfangen, der am oberen Nil als »Sultan« bekannt

war, aber nichts weniger als einen guten Namen dort hinterlassen

hatte. Gordons Vorschlag, sich seiner Kenntnis des Landes zu bedienen,

hielt der Khedive für sehr gewagt; Gordon aber ließ sich in diesem

Vertrauen nicht irre machen, und der ehemalige Sklavenjäger wurde

seinem Stabe einverleibt. Die Gewohnheit Gordons, Feinde durch gutes

Zutrauen zu Freunden zu machen, hat sich in seinem Leben zwar oft

bewährt; Abu Saud aber hat die ihm entgegengebrachte gute Meinung

~nicht~ gerechtfertigt und Gordon viel zu schaffen gemacht, bis

dieser sich durch einen Machtspruch seiner wieder entledigte.

Über Gordons Zeit im Sudan liegt ein umfangreicher Band seiner,

hauptsächlich an seine Schwester gerichteten Briefe vor; wir folgen

ihm ins Land der Schwarzen an der Hand dieser Briefe. Am 13. März 1874

wurde Khartum erreicht.

»Der Generalgouverneur kam in voller Uniform Deinem unter dem Donner

der Geschütze landenden Bruder entgegen. Gestern stand dieser noch

mit nackten Beinen im Nil und half das Boot flott machen -- trotz

der Krokodile, die einem nichts thun, so lange man in Bewegung ist

-- heute salutiert ihn die Garde, so oft er sich blicken läßt ...

Ich habe seit meiner Ankunft schon Musterung gehalten und das Spital

und die Schulen besucht; die kleinen Schwarzen lachten, als sie mich

sahen. Ich wollte, die Fliegen suchten sich ein anderes Quartier, als

die Augenwinkel dieser Kinder! Khartum ist eine schöne Stadt, was die

Lage betrifft. Die Häuser sind von Lehm und haben flache Dächer ...

Ich bin wohlauf bei ruhiger Zeit, trotz vieler Arbeit. Übrigens ist

es wahr, Herr Selbst ist der beste Diener, den man haben kann.«

In Khartum scheint er seinen neuen Titel ausfindig gemacht zu

haben, und zwar keinen geringeren als »Se. Exzellenz General Oberst

Gordon, Generalgouverneur am Äquator«, ein Titel, den er mit Recht

ein sonderbares Gemisch nennt. Von Khartum aus erging auch sein

Erlaß an die neue Provinz, worin er den Elfenbeinhandel als Monopol

der Regierung erklärte, die Einfuhr von Waffen und Pulver, sowie

unbefugtes Waffentragen überhaupt verbot und außerdem ankündigte, daß

in Zukunft niemand ohne Paß die Provinz bereisen dürfe.

Am 22. März trat er die Reise nach seiner Hauptstadt ~Gondokoro~

an. Er erwähnt der großen glitzernden Krokodile, die allabendlich

mit weitoffenem Rachen auf dem Ufersand liegen, der vielen Zugvögel,

die sich anschickten, den brennenden Süden mit dem Norden zu

vertauschen. Hier gab es Störche, schwarze und weiße, zu Tausenden,

dort Pelikane und Flamingos, auch große Nilpferde -- doch sieht

er vorläufig nur ihre Nasen, denn sie stehen mitten im Fluß. Die

Affen kommen herdenweise und tragen ihre kerzengerade in die Höhe

gerichteten Schwänze wie Speere hinter sich; die Giraffen erscheinen

ihm wie wandernde Türme. Offenbar hatte er seine Freude an all dem

Neuen, Ungewohnten, und beschreibt es gern der fernen Schwester.

Eines Abends, als er beim stillen Mondlicht die vor ihm liegenden

Schwierigkeiten zu vergessen sucht und halb träumerisch der Heimat

gedenkt, erschreckt ihn ein lautes Gelächter.

»Ich war nahe daran, es für eine Beleidigung zu halten,« erklärt

er spaßhaft, »aber es waren nur ein paar überschlaue Vögel, die

guterdinge schienen und es gar zu lächerlich fanden, daß unsereiner

den Weg nach Gondokoro unternimmt in der Meinung, dort etwas Gutes zu

schaffen.«

Nicht weit davon, in einer Felsenhöhle auf der Insel Abba, hielt sich

damals ein Derwisch auf, Namens Muhamed Achmet, der im Geruch der

Heiligkeit stand. Wie ahnungslos fuhr Gordon an ihm vorüber! Zehn

Jahre später ist dieser »Heilige«, der Mahdi, das Werkzeug seines

Todes geworden.

An den ersten Wilden, die Gordon sieht, bemerkt er die Folgen der

Mißhandlung.

»Wir kamen an einem Dorfe der Schilluk vorüber, die sich über unsern

Anblick wunderten und erschreckt davonliefen, wenn man ein Fernrohr

auf sie richtete.«

Am 22. April lief er in den Sobat ein, der oberhalb Faschoda in den

Weißen Nil mündet. Hier präsentierten sich ihm die ersten seiner

Unterthanen -- ein Stamm der Denka. Es waren harmlose Leute, ein

Hirtenvolk, deren Häuptling nur schwer dazu zu bringen war, an Bord zu

kommen.

»Dann aber erschien er in seinem ganzen und besten Staat -- einer

Halskette von Glasperlen. Wir machten ihm einige Geschenke. Darauf

trat er auf mich zu, nahm erst meine rechte Hand und dann meine

linke, leckte sie tüchtig, packte mein Gesicht und that, als ob er

mich anspeien wollte.«[8]

Man trug zu essen auf; als Häuptling verzehrte er außer seinem auch

seines Nebenmannes Teil. Zum Dank wollte er Gordon die Füße küssen,

aber das wurde ihm nicht gestattet; er brüllte daher mit seinem

Gefolge einen Lobgesang und trug sein Geschenk, eine Kette Glasperlen,

vergnügt davon; d. h. der gewandlose Herrscher war viel zu erhaben, um

sie eigenhändig zu tragen, er überließ sie einem Geringeren, der sie

vor ihm hertrug.

Wo der Bahr el Ghasal in den Weißen Nil einmündet, bildet das

Gewässer einen See und Sümpfe. Gordons Dampfer drang stetig vor.

Die Eingebornen, die er jetzt sah, hatten sich die Gesichter mit

eingeriebener Holzasche grau gefärbt, elende Menschen, die offenbar

kaum zu leben hatten.

»Es ist ein Rätsel, warum sie erschaffen sind! ... ihr Leben schwankt

zwischen Furcht und Not. Kein Wunder, daß sie den Tod nicht fürchten

... Ich freue mich auf meine Arbeit, denn ich glaube, ich werde

manche Gelegenheit finden, das Elend der armen Leute zu lindern.«

Er fuhr an einer verlassenen österreichischen Missionsstation

vorüber, wo innerhalb dreizehn Jahren fünfzehn Missionare dem Klima

erlegen waren, ohne auch nur ~einen~ Schwarzen gewonnen zu

haben; »die Sklavenhändler hatten den Teufel hingebracht,« sagt ein

Berichterstatter. Die nächste Station war Bohr, ein Sklavenjägernest,

»wo man uns nicht allzu höflich empfing.« Am 16. April, also nach

einer Fahrt von dreiundzwanzig Tagen, ankerte das Boot bei Gondokoro

zum Erstaunen der Leute, die von ihrem neuernannten Gouverneur noch

gar nichts gehört hatten. Seine Residenzstadt fand er in verwahrlostem

Zustand, und unbewaffnet hätte er sich anfänglich in der nächsten

Umgebung nicht zeigen können; die Eingebornen waren durch lange

Mißhandlung allerwärts voll Mißtrauen. Gordon aber war der Hoffnung,

sie mit der Zeit zu gewinnen und bessere Zustände einzuführen.

Man sieht aus seinen Briefen, wie er fleißig von Ort zu Ort zieht,

vorab darauf bedacht, sich die Herzen seiner schwarzen Unterthanen

geneigt zu machen. Hier schenkt er den Leuten Korn, dort bringt er sie

dazu, selbst Mais anzupflanzen.

»Sie verstehen es ganz gut und thaten es nur deshalb nicht, weil der

Ertrag ihnen gewaltsam entrissen wurde; sie pflanzen nur so viel,

daß sie nicht geradezu Hungers sterben, und dies nur in entfernt

liegenden versteckten Plätzen.«

Die Schwarzen erkannten bald einen Helfer in ihm, und einer der ersten

Beweise des ihm entgegengebrachten Vertrauens war das Verlangen eines

Vaters, seine Kinder, die er nicht ernähren konnte, um eine Handvoll

Durra (eine Art Hirse) zu übernehmen! Gordon nahm die Kinder an und

kleidete sie. Der Vater aber kümmerte sich von Stund an nicht mehr um

dieselben und erkundigte sich nicht einmal nach ihnen, als er wieder

in die Nähe kam. Ein anderes Beispiel von elterlicher Gleichgültigkeit

erzählt Gordon so:

»Ein Mann mit seiner Frau und zwei Kindern (unsere ersten

Kolonisten!) haben sich nahe bei der Station niedergelassen. Ich

verabreiche ihnen täglich etwas Durra, bis das von ihnen gesäete Korn

zur Ernte reift. Ich hoffe, ihr Vertrauen zu gewinnen« ....

Nach einiger Zeit lautet der weitere Bericht:

»Es scheint, daß der Mann, ehe er hierherkam, eine Kuh gestohlen

hatte und deshalb seinen Wohnsitz veränderte. Allein der Eigentümer

der Milchspenderin machte ihn ausfindig und verlangte die längst

geschlachtete und verzehrte Kuh zurück. Auf meiner Runde kam ich bei

der Hütte vorüber und sah nur eins der Kinder. Das andere, erzählte

mir die Mutter mit befriedigtem Lächeln, hätten sie dem Mann gegeben,

dem sie die Kuh gestohlen hatten. Es wäre ihnen auch gar nicht leid,

sagte sie, die Kuh wäre besser!«

Wenn die Mutter eine Spur von Verlangen nach ihrem Kind an den Tag

gelegt hätte, so würde Gordon es ihr wieder verschafft haben; aber

sie war nichts weniger als betrübt, der Verlust einer Handvoll Durra

wäre schmerzlicher gewesen. Um dieselbe Zeit kaufte Gordon einen

Jungen, dessen Bruder ihn um ein Körbchen voll Korn feilbot. Die

schwarzen Jünglinge hatten es offenbar mit einander ausgemacht, denn

der eine lächelte so vergnügt wie der andere. Gordon nennt derartige

Vorkommnisse Experimente; er wollte vor allen Dingen Land und Leute

kennen lernen.

Die Sklaverei hat die Stämme so heruntergebracht, daß, wie es Gordon

scheinen will, die Eltern- und Kindesliebe bei ihnen wie ausgestorben

ist. »Organisierte Auswanderung wäre das Beste für dieses Land.« Aber

so elend das Leben jener Schwarzen ist, so hält Gordon doch mit Recht

dafür, daß es anderwärts trotz der gepriesenen Zivilisation im Grunde

oft nicht besser ist.

»Für junge Leute ist dieses Klima ein äußerst niederdrückendes; wer

aber einmal über die Mittagshöhe hinaus ist und gelernt hat, das

Leben lediglich als eine Prüfungszeit zu würdigen, der erträgt es

und freut sich sogar der Einförmigkeit. Wir sind immer selbst daran

schuld, wenn wir unglücklich sind. Wir verlieren die besten Jahre

unseres Lebens, indem wir nach einem Glück jagen, das auf Erden

nicht zu finden ist. Das Geheimnis des Glücklichseins liegt darin,

daß wir lernen, mit dem zufrieden zu sein, was uns beschert ist ...

Die Schwarzen sind mit einer Handvoll Mais zufrieden; Wohlleben ist

ihnen ein unbekannter Zustand; sie haben kaum einen Fetzen, ihre

Blöße zu decken, und sind trotzdem glücklicher zu nennen als Hunderte

von unzufriedenen Menschen bei uns zu Lande mit ihrer erbärmlichen

Vergnügungssucht, wo alles hohl ist ... Heutzutage wäre niemand

weniger willkommen in der Welt als unser Heiland. Man würde ihn für

altmodisch erklären ... Wahres Glück besteht darin, daß man den

Willen Gottes annimmt, was dieser auch sei. Wer so weit kommt,

hat die Welt und ihre Trübsal überwunden ... Der stille Friede im

Leben unseres Herrn wurzelte lediglich in seiner völligen Ergebung

in den Willen Gottes. Allerdings giebt es Zeiten, die uns Kampf

bringen, aber je nach der Größe des Kampfes ist dann auch das Maß der

verliehenen Kraft ... Ich habe kürzlich ein elendes klapperdürres

Weib aufgenommen und sie seither gefüttert; gestern hat der Tod sie

ganz still geholt, und jetzt weiß sie alle Dinge. Sie hatte ihren

Tabak bis zuletzt und starb sehr leicht. Welch ein Wechsel aus ihrem

Elend! Ich denke, sie genügte ihrem Lebensberuf so gut, wie eine

Königin Elisabeth.«

Ein andermal erzählt er der Schwester:

»Es schwankt eine Gestalt die Straße herauf -- so dünn, daß der Wind

nicht viel Mühe hat sie umzuwerfen; es ist eine Deiner schwarzen

Schwestern, ich sehe, sie bleibt stehen und läßt den Regen über sich

ergehen. Ich schicke ihr etwas Durra, das wird ihrem abgezehrten

Leichnam eine Freude sein. Sie hat nicht einmal einen baumwollenen

Rock an, ja ihre ganze Kleidung ist keinen halben Heller wert.«

Am folgenden Tag heißt's weiter:

»Ich muß Dir doch schreiben, wie's der schwarzen Dame ferner erging,

der ich gestern in Wind und Wetter zu helfen versuchte. Ich schickte

meinen Diener hinaus, daß er sie in einer der Hütten unterbringe,

und dachte nicht anders, als es wäre geschehen. Die Nacht war naß

und kalt und ich hörte mehrmals ein Kind schreien, stand deshalb

auf und ging hinaus; da lag Deine und meine Schwester tot in einer

Pfütze. Ihre schwarzen Brüder waren hin- und hergegangen und hatten

keine Notiz von ihr genommen. Ich ordnete an, daß sie begraben werde,

und ging weiter; fand ein etwa einjähriges Kind im Gras, das wohl

die ganze Nacht in der Nässe gelegen hatte, ohne Zweifel von seiner

eigenen Mutter ausgesetzt -- Kinder sind hier immer eine Last! Ich

trug's zurück, und da die Leiche noch immer in der Pfütze lag,

machte ich mich selber daran, sie mit Hilfe einiger meiner Leute

zu beerdigen. Zu meiner Verwunderung fand ich das Geschöpf lebend,

brachte ihre schwarzen Brüder aber nur mit großem Mühe dazu, mit

Hand anzulegen, um sie aus der Pfütze aufzunehmen. Ich ließ sie in

eine Hütte tragen, ein Feuer anzünden, gab ihr etwas Branntwein ein

und wusch ihr den Sand aus ihren lebensmüden Augen. Nun liegt sie

da, kaum sechzehn Jahre alt! Ich kann nicht anders als hoffen, ihr

Schiffchen schwimmt dem Hafen der Ruhe entgegen. Das Kind ist um

eine tägliche Portion Durra von einer Familie angenommen worden.

Ich zweifle nicht, bin sogar gewiß, daß Du Deine schwarze Schwester

einmal finden und dann von ihr hören wirst, daß die ewige Weisheit

alles wohl gemacht hat. Ich weiß, daß das nicht leicht zu glauben

ist, ~aber es ist doch wahr~! Ich meinesteils ziehe ein Leben

unter den Elenden einem Leben trägen Genusses vor. Und es giebt

überall Elend. Mancher ist in seinem Reichtum ganz so beklagenswert,

wie diese arme Sterbliche. Wie schlecht ist dieser Senf angemacht,

sagte einer meiner Offiziere neulich, während unsere schwarzen Brüder

um uns herumlaufen und man ihnen alle Rippen zählen kann!« ...

Vierundzwanzig Stunden später:

»Laß Dir's nicht zu nahe gehen. Deine schwarze Schwester ist heute

nachmittag aus diesem Leben erlöst worden, nur von mir betrauert;

ihre schwarzen Brüder sind froh, sie los zu sein.«

Neben solchen Erlebnissen finden wir aber den Gouverneur alles

Ernstes damit beschäftigt, den Sklavenhändlern hinderlich zu sein;

bald macht er jedoch die Entdeckung, daß den Schurken durch die

Regierungsbeamten Vorschub geleistet wird. Ein seinem Dolmetscher in

die Hände gefallener Brief von einer Bande Menschenjäger an den Mudir

(Bezirksstatthalter) von Faschoda lautete folgendermaßen: »Wir sind

auf dem Weg mit zweitausend Kühen und allem anderen nach Wunsch.« Die

Kühe waren von verschiedenen Stämmen gestohlen, und das ›alles andere‹

bedeutete eine Anzahl Sklaven. Die ganze Sendung wurde abgefangen,

und die Sklaven soweit es möglich war in ihre Heimat zurückgeschickt;

einen Teil derselben behielt er. Die Sklavenhändler erhielten

Gefängnisstrafe; nach einiger Zeit aber nahm er die brauchbaren unter

ihnen in seine Dienste, so z. B. einen gewissen Nassar, der ein

Haupttyrann in jener Gegend war. Diesem jagte er eine Karawane von

mehreren hundert Sklaven ab, die derselbe mit einer Bande bewaffneter

Schwarzer nach Faschoda zu bringen hoffte; ihn selbst setzte er

vierzehn Tage hinter Schloß und Riegel und schrieb dann:

»Ich habe dem Hauptsklavenhändler Nassar verziehen und ihn in meinen

Dienst genommen; er ist nicht schlimmer als die andern, und die Leute

sind bisher nur in ihrem Thun bestärkt worden. Er ist ein tüchtiger

Mensch und kann was leisten.«

Als er nach einiger Zeit seine Station an einen gesünderen Ort

verlegte, berichtete er:

»Nicht ich hab's zu stande gebracht, sondern die gewesenen

Sklavenhändler, die ich in meinen Dienst genommen.«

Wie mit den Taipings in China, so verfuhr er hier: zuerst überwältigte

er den Feind und dann benutzte er ihn.

Im Mai hatte er den ganzen Weg nach Berber zurückmachen müssen, um

seine dort liegengebliebene Ausrüstung flott zu machen. Und dann

ging's wieder zurück nach dem Sobat. Es dauerte lange, bis seine

Dampfer ihm nachkamen. Mittlerweile aber ist er nicht müßig, gewinnt

mehr und mehr das Vertrauen der Schilluk und weiß sich in allen

Lagen zu helfen, von der Verfertigung einer Rattenfalle an bis zum

eigenhändigen Nähen einer Hose für einen seiner Schwarzen, an welchem

wohlgelungenen Kunstwerk er seinen Spaß hat. Und wenn alle anderen

in der trostlosen Wildnis mutlos werden, so bewahrt er die gute

Stimmung. »Ich bin längst über den Graben des Mißmuts hinaus,« kann er

sagen, denn sein Herz hat einen festen Ankerpunkt. Als er einst nach

viertägiger Abwesenheit auf seine Station zurückkam, umdrängten ihn

die Schwarzen, die er den Sklavenhändlern abgejagt hatte: sie wollten

ihm alle die Hand geben. Das freute ihn. »Ich kann jetzt allein

umhergehen und alle grüßen mich.« Kein Araber durfte das wagen, so

fürchteten sie die von ihnen unterdrückten Neger. Daß die Scheiks um

Gondokoro her sich ihm zuneigten, verdankte er übrigens teilweise dem

Einfluß Abu Sauds. Er machte ihn zu seinem Vakil oder Unterstatthalter.

In Gondokoro geriet Gordon mit Rauf Bey in Konflikt; derselbe war

Statthalter gewesen, aber, nur auf seinen Gewinn bedacht, hatte er

nichts gethan, das Gordon ihm nachrühmen konnte. Zwischen ihm und

Abu Saud entspannen sich alsbald Eifersüchteleien und Zwistigkeiten.

Gordon fand es rätlich, ihn mit Briefen nach Kairo zu senden, d. h.

sich seiner zu entledigen. Und mit Abu Saud mußte er bald ähnlich

verfahren. Dieser hatte sich allerlei Betrügereien zu schulden

kommen lassen, hatte Elfenbein unterschlagen, das für die Regierung

bestimmt war. Außerdem gebärdete er sich den andern Offizieren

gegenüber, als ob er Statthalter wäre. Gordon sah, daß er sich in

seinem Vertrauen getäuscht hatte. Er gab ihm den Laufpaß, nicht zu

früh, denn es stellte sich heraus, daß Abu Saud eine Meuterei unter

den von ihm befehligten schwarzen Truppen anzuzetteln im Begriff

war. Diese erklärten, sie würden ohne ihn nicht nach Dufile gehen,

wohin sie das Dampfboot in Teilen tragen sollten, damit es dort

wieder zusammengestellt werde. Gordon, der unlängst erklärt hatte,

daß die Losung der Provinz »Hurryat«, d. i. Freiheit, sei, erwiderte,

sie könnten bleiben wo sie wären, aber keine Macht der Welt würde

ihn zwingen, Abu Saud mit ihnen zu schicken, denn das würde seine

»Hurryat« beeinträchtigen. Da sie übrigens von der Regierung Sold

nähmen, so versähe er sich ihres Gehorsams. Seine feste Haltung

stellte die Ruhe her, und Abu Saud ging seiner Wege, ohne jedoch

sofort die Provinz zu verlassen. Nach einigen Wochen kamen Gessi

und einer der anderen Offiziere um seine Begnadigung ein, weil die

Kenntnisse des Schurken eben doch dienlich waren. Gordon gab nach;

»braucht doch jeder selbst Gnade,« schreibt er, »und kriegt sie auch,

so er darum einkommt.« Die Zurückberufung des Menschen war aber ein

Fehler; bald darauf mußte er doch nach Kairo geschickt werden.

Auch mit Krankheit hatte Gordon zu kämpfen. Er selbst, zwar zu

einem Schatten abgemagert, war der einzige Gesunde unter all seinen

Offizieren. Sein Zelt nannte er ein Lazaret, und Tag und Nacht wartete

er der Siechen. Der eine der beiden Linant und zwei andere starben,

mehrere mußten zurückgeschickt werden. »Ich bin wohl, aber sehr

überreizt,« erklärte er, »was schlimm ist, wenn mir etwas quer kommt.«

Damit meinte er die kleinen Widerwärtigkeiten, die immer wieder einen

Teil seiner Last ausmachten. Er mußte sich um alles selbst kümmern.

»Die Hauptsache ist, immer gerecht und gradaus zu verfahren; keinen

Menschen zu fürchten; alle Winkelzüge zu vermeiden, selbst wenn man

für den Augenblick dabei verlieren sollte, und allen, die nicht

parieren wollen, mit vollster Strenge zu begegnen. Es ist nicht immer

leicht!«

Auf dem Wege nach Rigaf oberhalb Gondokoros wurde er von einem Scheik

aufgefordert, bei ihm Quartier zu nehmen; er lehnte es ab und fand in

der Nacht sein Zelt von diesem Häuptling und seiner Gruppe umstellt.

Mit dem Gewehr in der Hand hieß er sie ihrer Wege gehen, und die

beträchtliche Anzahl gehorchte dem »zum Schatten abgemagerten« Mann.

Ein großer Fortschritt bei den Eingebornen war, daß er ihnen den

Gebrauch des Geldes beibrachte. Vorher hatte nur Tauschhandel

existiert; und wenn ein Stamm zum Lasttragen bestellt war, so

beanspruchte der Häuptling den Lohn, Glasperlen oder Kattun, stets für

sich. Gordon entdeckte, daß die Leute schlecht dabei wegkamen, und

nahm sich vor, die Vorrechte des Scheiks in etwas zu verringern. Bei

nächster Gelegenheit gab er jedem Lastträger selbst einige Glasperlen;

am folgenden Tage lohnte er sie mit Kupfergeld ab -- jeder erhielt

einen halben Piaster. Darnach bot er ihnen Glasperlen zum Verkauf an.

Sie merkten den Witz auch alsbald und erklärten, sie wollten erst noch

mehr Kupfer verdienen und sich dann eine größere Anzahl Perlen dafür

geben lassen. Er richtete einen förmlichen Laden ein, wo allerlei zu

haben war, was den Eingebornen begehrlich erschien; wie bei allen

Neuerungen ging es auch hier keineswegs ohne Widerspruch ab.

Unter viel Krankheit der Stabsmannschaft ging das erste Jahr zu Ende.

Gordon beschloß, das Hauptquartier auf die andere Seite des Flusses

nach Lado zu verlegen, um der Sumpfluft bei Gondokoro zu entgehen.

Um diese Zeit kam sein Ingenieur Kemp, der in Dufile, zweihundert

Kilometer weiter oben am Nil, damit beschäftigt war, den Dampfer

zusammenzufügen, mit dem der Albert Njansa erreicht werden sollte, mit

der Nachricht zurück, daß von dem Unternehmen vorläufig abgestanden

werden müsse. Die Stämme waren mit seiner moralisch ganz ungenügenden

Mannschaft ins Treffen geraten. Doch brachte Long, der Amerikaner,

bessere Kunde, der mittlerweile bei dem König Mtesa von Uganda gewesen

war und sich einer guten Aufnahme bei der schwarzen Majestät erfreut

hatte. Außerdem hatte er die Wasserverbindung zwischen Urondogani und

Foweira entdeckt, wofür ihm Gordon großes Lob zollte.

Die eignen Erfolge Gordons faßt ein Sachverständiger mit folgenden

Worten zusammen: »Gordon hat Wunder vollbracht in der kurzen Zeit. Bei

seiner Ankunft fand er siebenhundert Mann Soldaten in Gondokoro vor,

die sich nur truppweise und bewaffnet in die nächste Umgebung wagten;

mit diesen hat er nicht weniger als acht Stationen besetzt. Sir Samuel

Bakers Äquatorzug hat die ägyptische Regierung über 20 Millionen Mark

gekostet, während Gordon bereits Geld genug nach Kairo geschickt

hat, um alle Unkosten seines Unternehmens nicht nur für dieses Jahr,

sondern auch für das kommende zu decken.« Es war dies lediglich ein

Resultat seiner getreuen und umsichtigen Verwaltung der rechtmäßigen

Einkünfte, hauptsächlich des Elfenbeinmonopols. Ein schönerer Erfolg

aber war der, daß trotz seiner Strenge gegen die Araber, oder vielmehr

gerade wegen dieser Strenge, die Schwarzen landauf landab angefangen

hatten, in ihm ihren einzigen Helfer gegen die Unterdrücker zu

erblicken. Er hatte ihr Vertrauen gewonnen, so unmöglich es anfangs

schien.

Der Hauptplan für das Jahr 1875 war die Verbindung Gondokoros mit

dem südlicheren Foweira, die durch eine Reihe von befestigten, je

eine Tagereise von einander entfernten Stationen hergestellt werden

sollte. Foweira konnte zur Zeit nur durch eine beschwerliche, sechs

Monate in Anspruch nehmende Reise erreicht werden und eine Karawane

mußte mindestens hundert Mann stark sein. Später waren zehn Mann

ausreichend, um den Weg in Sicherheit zurückzulegen, und statt der

Monate genügten Wochen. Außerdem hoffte Gordon, den Äquatorbezirk von

einer neuen Richtung her zugänglich zu machen, hatte er doch selbst

die Schwierigkeiten der Verbindung mit Ägypten über Khartum reichlich

erfahren. Nach seinem Plan sollte die Mombasbay am indischen Ozean zur

Kopfstation werden, von wo aus eine Karawanenstraße durch Mtesas Land

an die großen Seen führen sollte. Dem Khedive war der Vorschlag nicht

unwillkommen, denn es stand mit auf seinem Programm, die ägyptische

Flagge auf dem Albert Njansa wehen zu lassen. Es wurde auch ein Anfang

gemacht, nämlich ein Pascha entsandt, um den Plan zu verwirklichen;

zur Ausführung kam er aber nicht.

Gordons nächste Briefe erzählen von einem König und einem Häuptling,

die ihm zu schaffen machten. Von Foweira war Nachricht gekommen,

daß Kaba Rega, der König von Unyoro, sich mit den Sklavenhändlern

verbündet hatte und einen Überfall auf jene Stadt beabsichtigte.

Er beschloß diesen Kaba Rega seines »Stuhls«[9] zu entsetzen, und

einen gewissen Rionga zum König zu machen; es war dies aber schon

der Entfernung wegen leichter geplant als ausgeführt und blieb

einstweilen ein Vorhaben. Der unruhige Häuptling, Scheik Bidden, war

näher bei der Hand; diesem hatte Gordon im Herbst einen Boten mit

Geschenken zugeschickt. Den nächsten Boten werde er umbringen, hatte

der schwarze Machthaber zurückmelden lassen. Bidden beherrschte einen

Distrikt in der Nähe von Rigaf, und Gordon sah, daß er nicht weit

würde vordringen können, ehe er sich Bidden botmäßig gemacht hätte,

der überdies ganz kürzlich einen dem Statthalter freundlich gesinnten

Häuptling überfallen hatte. Das einzige Mittel, ihn Respekt zu lehren,

bestand darin, ihm sein Vieh abzujagen. Gordon beschreibt diese Razzia

folgendermaßen:

»Ich ließ sechzig Mann auf der Ostseite des Flusses vordringen

und hundert Mann auf der Westseite, während ich selbst mit einem

Offizier und zehn Mann ein Boot bestieg in der Absicht, nach den

Inseln zu rudern, wo die Umzäunungen für das Vieh sich befanden. Um

zehn Uhr abends stießen wir ab, es war eine wunderschöne Mondnacht.

Die Entfernung bis zu Biddens Inseln betrug etwa fünf Wegstunden;

und dort fangen die Stromschnellen an. Nach einiger Zeit geriet das

Boot in eine Untiefe und mußte zurückbleiben. Der Offizier mit acht

Soldaten marschierte voraus, mich zurücklassend ... Wir waren nicht

weit von einer der Inseln und man konnte Stimmen unterscheiden. Ich

war allein mit nur zwei Mann und einem Dolmetscher! Wir gingen eine

Strecke weiter und setzten uns dann nieder ...«

Sowohl die westliche als östliche Abteilung seiner Leute sollte hier

mit ihm zusammenstoßen; die sudanische Mannschaft war aber nicht sehr

zuverlässig. Es war vier Uhr, und in weniger als zwei Stunden mußte

es tagen. Gordon sagt, militärisch sei die Lage eine ganz schlimme

gewesen, aber sie war nicht zu ändern. Er legte sich daher ruhig hin

und schlief eine Weile; als er aufwachte, stand das Morgenrot am

Himmel und man hörte eine Trommel, das Signal zum Melken.

»Das Vieh ist nur nachts in der Umzäunung; diese hat einen einzigen

Eingang, und die Krieger schlafen in der Mitte. Für den Angriff

empfiehlt sich folgende Methode; man postiert ein paar Mann am

Eingange, die bei Tagesanbruch, ehe die Herde hinausgetrieben wird,

mit drei Schüssen ein Zeichen geben. Wartete man, bis das Vieh im

Freien ist, so kriegte man nicht leicht ein Stück. Die Helden von

Herdenwächtern suchen das Weite, sobald sie schießen hören, geben

aber den Alarm mit der Kriegstrommel, wenn die Flucht keine zu eilige

ist. Die Umzäunung zu verteidigen, fällt ihnen nicht ein; und es

ist immer am besten, sie laufen zu lassen, denn die Kühe sind die

Hauptsache. Während ich also die rote Glut im Osten aufsteigen sah,

ertönten uns gegenüber drei Signalschüsse, und alsbald wirbelte die

Trommel. Es war aber ein schwacher Wirbel, und die anderen Trommeln

schwiegen dazu ... Nach einiger Zeit erschienen unsere Verbündeten,

der Scheik und seine Leute. Biddens Krieger, meldeten diese, hielten

stand inmitten ihrer Kühe und schossen ihre Pfeile ab. Bald aber

liefen sie doch davon, und die Herde war gewonnen. Ich entschädigte

den Scheik mit dem, was keineswegs unser Eigentum war« ...

Die andere Abteilung hatte ähnlichen Erfolg, und so wurde der

widerspenstige Bidden ohne Blutvergießen oder Dorfverbrennen durch

einen Verlust von zweitausendsechshundert Stück Vieh gezüchtigt.

Etwa vierzehn Tage später machte Gordon einen Ausritt und, auf einen

Trupp Eingeborner stoßend, fragte er sie, ob sie Biddens Leute wären.

Da wiesen sie auf einen alten Mann, der unter einem Baume saß, und

sagten bedeutungsvoll: »Bidden!« Der gefürchtete Scheik war ein

blinder Greis! Gordon ging sofort auf ihn zu und schenkte ihm seine

Pfeife (übrigens ein Blas-, kein Rauchwerkzeug) und eine Portion

Tabak. Das freute den Alten, und er versprach dem Gouverneur einen

freundschaftlichen Gegenbesuch. Als er sich einfand, gab Gordon

ihm eine Anzahl seiner Kühe zurück, welche Großmut den günstigsten

Eindruck auf die Stämme machte. Bidden, der Greis, war indessen nur

dem Namen nach Scheik; der wirkliche Machthaber war sein Sohn.

Seine Arbeit während der nächsten Monate faßt Gordon so zusammen:

»Um es kurz zu sagen, ist's wenig genug -- an einem Fluß hin

befestigte Stationen errichten und Bote durchzwingen, wo die

Schifffahrt fast unmöglich ist -- das ist so ziemlich alles, und die

Mühe ist größer als der Erfolg.«

Aber ob es auch wenig scheint, so weiß Gordon doch, daß durch

anscheinend geringe Dinge oft Großes erreicht wird. Zwar weiß er

nicht, daß er in der Vorbereitung auf Größeres steht, aber im Glauben,

daß Gott ihn an jenen Posten gestellt hat, dringt er vorwärts, und als

sein Motto für diese Zeit kann das Wort des Predigers gelten: »Alles,

was dir zu thun vorkommt, das thue frisch!« Der Held von China, der

Mann von Gravesend, thut überall sein Bestes, mag die übernommene

Arbeit äußerlich eine glanzvolle sein oder nicht.

Die Nilbarken, »Nuggers« genannt, durch die Stromschnellen und

zwischen Felsen flußaufwärts zu bringen, scheint eine Riesenarbeit

gewesen zu sein; er spricht von sechzig bis achtzig kohlschwarzen,

atlashäutigen Eingebornen, die jedem Boot vorgespannt sind. Die Stämme

sahen es erstaunt mit an und ließen ihre Zauberer das Wasser schlagen,

teils freundlich, teils feindlich gesinnt. Und wenn die Lage oft eine

verzweifelte zu sein schien, so war sie doch so, daß Gordon in seiner

eigentümlichen Weise schreiben konnte:

»Ich wußte mir selbst oft nur damit zu helfen, daß ich mir die

Nuggers herbetete, wie einst die Truppen in China, wenn sie nicht mir

nach in die Bresche wollten.«

Thatkraft und Glaube waren bei ihm eng verschwistert! Er hat in

jenen Tagen und Wochen lange Briefe geschrieben, die eine Kette von

Schwierigkeiten berichten, aber er bewältigte sie, und nacheinander

wurden die Stationen Kirri, Muggi, Labore und Dufile erreicht. Ob der

Khedive mit ihm zufrieden ist oder nicht, darnach fragt er nicht.

»Ich danke Gott, daß ich's längst aufgegeben habe, mich um die Gunst

oder Ungunst von Menschen zu kümmern. Ich kann ehrlich sagen, ich

weiß keinen, der die Verbannung und Quälerei meines gegenwärtigen

Lebens ertrüge ... Ich thue mein Bestes, soweit mein Verstand mir's

zeigt, und suche gegen alle gerecht zu sein ... Was würde ich hier

zurücklassen, wenn es Gottes Wille wäre, daß man mich zurückriefe --

ein Zelt, Hitze bei Tag und feuchte Kälte bei Nacht, die geringste

Nahrung, die sich denken läßt: trockenen Zwieback, gedörrtes Fleisch,

etwas Maccaroni, das ist alles. Mit Tagesanbruch an die Arbeit

und früh zu Bett (ich lege mich schon um sieben oder acht Uhr der

Moskitos wegen, und wollte: sich legen hieße schlafen!) Nichts zu

lesen, ~ein~ Buch ausgenommen, und dieses nicht so oft als

man wünschte, weil die Ruhe fehlt, die zu andächtiger Betrachtung

der göttlichen Geheimnisse nötig ist; den lieben langen Tag nichts

als Plackerei, an alles selbst denken, alles selbst thun, wenn's

geschehen soll, das ist zur Zeit mein Leben ... Die arme Exzellenz

ist der Hauptsklave.«

Und während der ganzen Zeit lassen seine von Khartum ihm folgenden

Dampfer auf sich warten. Zuletzt kann er aber doch schreiben:

»Wie froh bin ich, daß die Verbindung hergestellt ist! Gestern kam

ein Mann allein von Bidden her; vor einiger Zeit wagten die Leute nur

zu zwanzig und dreißig den Weg. Die Schwarzen würden sich im hohen

Gras versteckt haben und hätten den Hintermann angespießt. Jetzt

sind sie ganz freundlich. Ein Bari in meinem Dienst hat dieser Tage

ein Schaf gestohlen, und alsbald kamen die Beschädigten zu mir, um

Recht und Gerechtigkeit zu erlangen, und sie kamen nicht umsonst.

Ist das nicht schön? Auch unter meinen Leuten hat eine Veränderung

stattgefunden; sie fürchten die Schwarzen nicht mehr wie früher,

es herrscht ein besseres Einverständnis ... Die Stämme haben viel

Verkehr miteinander, und auch solche, die uns nicht kennen, wissen es

jetzt, daß sie uns nicht zu fürchten brauchen.«

Allerdings hatte er die Eingebornen auch von der feindlichen Seite

kennen zu lernen, so z. B. schreibt er zwischen Muggi und Labore:

»Es herrscht große Aufregung auf der anderen Seite des Flusses; ein

Scheik in einem roten Hemd mit zwanzig Bewaffneten läuft hin und her

und Zauberfeuer sind zu sehen. Sonderbar, daß all dies Entsetzen

dadurch hervorgerufen scheint, daß ich in einem Nachen überfuhr. So

viel Vorstellung mußte der Anblick der Nuggers ihnen doch geben, daß

wir überfahren können, wenn wir wollen ... Mein Fernglas zeigte mir

eine Anzahl Eingeborne, die unter einem Baume saßen. Nach einiger

Zeit stand einer auf und wandte sich gegen Norden, pflückte einige

Kräuter und schwenkte sie fortwährend gegen unser Lager; darnach

lief er südwärts und machte eine ähnliche Bewegung, als ob er Hilfe

herbeiwinke. Ohne Zweifel war er ein Prophet, der Israel verfluchen

sollte. Sie waren etwa dritthalbtausend Fuß von uns entfernt. Um

ihnen ein bißchen Schrecken einzujagen, schoß ich eine Kugel so ab,

daß sie etwa fünfzig Schritte zu ihrer Rechten in den Boden schlug.

Da hörte das Zaubern sofort auf, und sie wunderten sich offenbar,

dabei ertappt zu sein.«

Linant, der Bruder des in Gondokoro dem Fieber Erlegenen, kam um

diese Zeit von einem Streifzug nach Makade zurück. Vorher war er bei

Mtesa gewesen und hatte Stanley, den bekannten Afrikareisenden, dort

getroffen. Gordon sollte nun abermals erfahren, was seine Araber

wert waren. Er hatte an vierzig Mann über den Fluß geschickt, weil

Nachricht eingetroffen war, daß einer der längst erwarteten Dampfer

in einiger Entfernung fest säße. Kaum waren aber die Leute gelandet,

als sie von einem Trupp Eingeborner, die sich im hohen Grase verborgen

gehalten hatten, überfallen und zurückgeworfen wurden. Gordon fuhr

alsbald selbst über und versuchte, durch seinen Dolmetscher eine

Unterhandlung anzuknüpfen. Die Schwarzen wollten aber nichts davon

wissen. Als den »Häuptling« glaubten sie ihn an seinem Schirm zu

erkennen und suchten ihn zu umringen. Er ließ sie ruhig näher kommen

und schickte dann eine Ladung Kugeln unter sie. Zu treffen waren sie

übrigens nicht leicht, denn sobald sie den Feind schußfertig sahen,

lagen sie auch schon auf dem Leib. Am folgenden Morgen schlug Linant

vor, mit einem Teil der Mannschaft überzusetzen und den Eingebornen

ein paar Häuser in Brand zu stecken. Gordon gab es zu, denn es war zu

fürchten, die kampflustigen Gesellen möchten den Dampfer überfallen.

Er selbst blieb zurück. Gegen Mittag hörte er schießen und erblickte

Linant, den er an seinem roten Hemd erkannte. Er konnte auch seine

Mannschaft beobachten, es waren gegen vierzig Mann. Mit einemmale

aber waren sie verschwunden, und sein Fernrohr zeigte ihm ungefähr

dreißig Schwarze, die eiligst flußabwärts liefen. Er vermutete, sie

suchten den Dampfer, und schickte einige Kugeln unter sie. Nach

einiger Zeit erblickt er einen einzelnen Mann von seinen Leuten, der

ohne Waffen daherkam; er sandte alsbald einen Nachen über den Fluß

und ließ ihn holen. Die Eingebornen hätten ihn entwaffnet, erklärte

er, und die andern wären alle tot. Gordon hatte nur noch dreißig Mann

bei sich, und diese waren hilflos vor Angst. Trotzdem beschloß er zu

handeln. Die Station war unbefestigt und es galt Weiber und Kinder

in Sicherheit zu bringen; er mußte sich nach der nächsten Station

durchschlagen. Dies ließen die Eingebornen ruhig geschehen, nur daß

ihr Zauberer von einem Felsen herunterschrie: »Ha ha! ta ta a!« soviel

als »Geschieht euch recht!« Gordon belehrte aber den Hexenmeister

mit einer Kugel, daß es unklug sei, den Feind in Schußweite zu

verwünschen. Leider stellte es sich heraus, daß nicht nur fast die

ganze Mannschaft, sondern Linant selbst dem Überfall erlegen war; und

zwar war dieser offenbar ein Opfer seines roten Hemdes geworden, das

den Schwarzen als begehrenswerte Beute erschien. Er fiel zuerst, von

seiner Mannschaft verlassen, die vor Schrecken zu schießen vergaß;

und als einer dahin und ein anderer dorthin lief, wurden die meisten

durchspeert. Gordon betrauerte Linant um so mehr, als er ihm das

unselige Hemd selbst geschenkt hatte. Aber trotz des empfindlichen

Verlustes kann er die Eingebornen nicht verdammen; er kann es

vielmehr begreifen, wenn sie sagen: »Wir brauchen eure Glasperlen und

euren Kattun nicht -- laßt uns in Frieden.« Und er denkt daran, wie

ernsthaft sie zauberten, ehe sie den Überfall wagten; er sagt sogar,

er hätte eine Ahnung gehabt, daß der Sieg diesmal nicht auf seiner

Seite sein würde.

»Es war ihnen offenbar ernst mit ihrem Beten,« schreibt er, »sie

wußten, daß sie Hilfe nötig hatten, und wendeten sich an den

unbekannten Gott. Denn wenn der Schwarze auch den wahren Gott nicht

kennt, so kennt Gott doch ihn; und Gott ließ sie merken, daß sie

beten müssen, und erhörte ihr Gebet. Rosse werden zum Streittag

bereitet, aber der Sieg kommt vom Herrn.«

Trotzdem er aber so denkt, weiß er, daß die Schwarzen gezüchtigt

werden müssen, was dadurch geschieht, daß er ihnen zweihundert Kühe

und fünfzehnhundert Schafe entführt. Da auch des Häuptlings Tochter

eingefangen wurde, ließ er dem Vater sagen, wenn er versprechen wolle,

sich künftig ruhig zu verhalten, könne er sie wieder haben. Die

Köpfe Linants und seiner Gefährten hatten die Schwarzen an Pfählen

aufgesteckt, die Leiber aber aus Furcht vor Gespenstern begraben.

Es blieb bei diesem einen Überfall, aber noch eine gute Strecke

begleiteten sie Gordon in gehöriger Entfernung am Ufer hin; und mehr

wie einmal konnte er »Balak und Bileam« auf den Anhöhen beobachten,

wie sie ihm von Herzen alles Böse wünschten.

Im September endlich wurde Dufile erreicht, wo der Nil in einem engen

Thal zwischen Hügelreihen fließt; der Fluß, dessen Wassermassen an

mehreren Stellen einem See gleichen, ist dort nur etwa hundert Fuß

breit. ~Alles umsonst!~ war Gordons erster Eindruck, als er nach

unsäglichen Mühen so weit gekommen war. Es hieß: bis hierher und nicht

weiter, die Folafälle waren die Grenze. Doch konnte er sich damit

trösten, daß er die Schifffahrt wenigstens bis dahin als möglich

nachgewiesen hatte, und die errichteten Stationen von bleibendem Wert

waren. Nachdem er sich vierzehn Tage in Dufile aufgehalten hatte,

das er als eine Insel in einem Meer von Riedgras beschreibt, zog er

landeinwärts nach Faschelie, wo er eine Bande Sklavenjäger aushob.

An diesem Ort erreichte ihn ein »kühler« Brief des Khedive. Gordon,

den es ohnehin verlangte, eine Statthalterschaft niederzulegen, die

ihn lediglich zum Entdeckungsreisenden machte, gab alsbald Befehl zu

packen und schickte sich an, eine Depesche abzufertigen, die seine

Rückkehr melden sollte. Als nach wenig Tagen aber ein Brief in anderer

Tonart von Kairo den ersten zu vernichten schien, hatte er nicht

das Herz, sein Amt Knall und Fall niederzulegen. Dahin aber hatte er

sich entschlossen, daß er es einem seiner Untergebenen überlassen

wollte, zum erstenmal den ~Albert Njansa~ zu befahren. Dieses

Zurücktreten von der Ehre, die sein Werk krönte, ist so bezeichnend

für den Mann, daß man ihn selbst darüber hören muß:

»Ich wünsche einen Beweis zu liefern, wie wenig von den Lobhudeleien

zu halten ist, die man dem Führer einer Expedition zollt. Hat nicht

mein Schiffszimmermann das Seine gethan, daß wir die Nuggers so weit

gebracht haben? Es ist keine Kunst den Njansa zu befahren, wenn

die Boote zur Stelle sind. Es ist die Arbeit vieler und einer hat

die Ehre. N. N. schrieb mir neulich und gratulierte mir zu meinen

Lorbeeren. Da ~muß~ ich ja zeigen, daß es nichts damit ist!«

Am letzten Tag des Jahres kann er schreiben:

»Endlich ist der Dampfer in Sicht, d. h. die Lastträger, welche die

einzelnen Teile daherschleppen. Die Arbeit war eine entsetzliche, und

das ganze Jahr ist eine Last gewesen, die manch sauren Schweißtropfen

gekostet hat.«

Und Gordon erklärt seiner Schwester, die schönste Entdeckungsreise,

die er sich noch denken könne, wäre der Rückweg in die Heimat.

Ein Ergebnis seines Fleißes in jener Zeit sind seine Nilkarten.

»Wir haben den Fluß (im halben Zollmaßstab per Meile) von Khartum bis

Dufile und wieder von Foweira bis Mruli, und ich hoffe, entweder ich

oder einer meiner Offiziere wird die Strecke von Dufile bis zu den

Murchisonfällen auch noch aufs Papier bringen.«

Somit blieben drei Lücken: 1) von Kositza nach Mruli, 2) von Foweira

nach den Murchisonfällen und 3) der Albertsee. Trotz seinem Vorhaben,

nicht selbst den See zu befahren, füllte er diese Lücken noch aus. Die

Folafälle bei Dufile, wo der Fluß etwa eine Stunde lang durch tiefe

Schluchten sich stürzt, sind die einzige Strecke des ganzen Nils, die

er nicht zu durchschiffen vermochte.

[Illustration: Kartenskizze des Sudan.]

Ende Januar 1876 erreichte er Fatiko und Foweira im Lande Unyoro;

dort hörte er, daß Kaba Rega mitsamt seinem Sessel sich nach Massindi

davongemacht hatte. Foweira wurde nach einemfünftägigen Marsche

durch dornenbewachsenes Land erreicht. Von dort ging er nach Mruli,

um dann nach Urondogani vorzudringen. Die kurze Strecke von diesem

Ort bis zum Viktoriasee ist das »einzige Stückchen« Nil, das Gordon

schließlich nicht selbst bereiste.

Im Februar traf er mit seinem Unterbefehlshaber Gessi in Dufile

zusammen. Letzterer machte sich von dort mit zwei Booten nach den Seen

auf den Weg. Er umschiffte den Albert Njansa in neun Tagen und fand

ihn etwa zweihundert Kilometer lang und achtzig breit. Durch einen

Sturm wurde er an eine Insel verschlagen, die voll von Kaba Regas

Truppen war; diese weigerten sich aber mit seinen Leuten anzubinden,

weil sie den weißen Mann für einen Teufel hielten. Gessi errichtete

des Khedive Flagge am See, und die Stämme ergaben sich nacheinander.

Die Schwarzen in jener Gegend waren gekleidet, während in den vorher

durchreisten Nilstrecken die Menschen nackt gingen.

Die nächsten Monate bis zum August waren für Gordon eine Zeit

verhältnismäßiger Ruhe; er reiste zwischen den gewonnenen Stationen

hin und her, und seine Briefe bezeugen es, daß seine Gedanken in

stillen Tagen sich am liebsten den ewigen Dingen zuwenden.

Im September war er wieder auf dem Marsche nach Massindi. Kaba Rega

hatte die meisten seiner Anhänger verloren, während Rionga und ein

anderer Häuptling sich um die Herrschaft stritten. Längere Zeit vorher

hatte Gordon Mannschaft nach Massindi abgefertigt und aus erhaltener

Botschaft konnte er nur schließen, daß dieser Ort von den betreffenden

Truppen besetzt sei. Als er aber in die Nähe kam, fand er, daß seine

Araber ihn betrogen hatten und nie dort waren, obschon der Anführer

seine Meldungen von dorther datierte. Er selbst kam mit einer kleinen

Anzahl und geriet durch diesen Verrat der nichtswürdigen Mannschaft

förmlich in eine Falle.

Die Stämme lauerten ihm von allen Seiten her auf.

»Ich danke Gott nicht nur mit Worten, sondern aus tiefster Seele,«

schrieb er, »daß er uns glücklich durchbrachte.«

Er hatte nicht hundert Leute bei sich, und von diesen war ein Drittel

kaum sechzehnjährig. Die Mannschaft, die er nach seinem Befehl in

Massindi wähnte, lag die ganze Zeit auf der faulen Haut in Keroto,

eine Tagereise davon entfernt. Als er hinkam, brach er in einen

»wütenden« Zorn aus, dann aber beruhigte er sich.

»Als einer, dem selbst Erbarmung widerfahren ist, konnte ich nur

Gnade vor Recht ergehen lassen,« sagte er. »Sie sind ein erbärmliches

Volk, was kann man von ihnen erwarten!«

Während der nächsten Wochen errichtete er noch verschiedene Stationen,

von welchen aus der ägyptische Einfluß sich geltend machen sollte. Es

blieb den Besatzungen überlassen, den Kaba Rega in Ordnung zu halten.

Die drei Jahre seiner persönlichen Statthalterschaft am Äquator waren

eine Zeit der Pionierarbeit und der Vorbereitung für weitere drei

Jahre, die nun folgten. Er sollte erst zu dem Kampf gestählt werden,

der ihm bevorstand. Nur durch innerliches Wachstum geht ein Mann wie

Gordon »von Kraft zu Kraft«.

Am 29. Oktober schrieb er von Khartum aus: »Es giebt englische Spatzen

hier; was für eine Freude, sie zu sehen!« Anfangs Dezember war er in

Kairo, und am heiligen Abend des Jahres 1876 begrüßten ihn die Seinen

in der Heimat.

Fünftes Buch.

Der General-Gouverneur des Sudan.

Gordon, der Held von Khartum · 第 9 / 22 题