3. Der Fall von Sutschau und der Mord der Könige.

Die Belagerung war vollständig; an vierzehntausend Mann umschlossen

die Stadt, von denen drei- bis viertausend unter Gordons Befehl

standen. Außerdem waren noch etwa fünfundzwanzigtausend Mann

kaiserliche Truppen in der Nähe; Fusan war ihr Zentrum. Die Taipings

zählten vierzigtausend in der belagerten Stadt, zwanzigtausend in

Wusieh und weitere achtzehntausend zu Matantschiao, wo Tschung Wang,

der Getreue, den großen Kanal beherrschte.

Gordon wußte all dies, aber er wußte auch, daß der Getreue nur auf die

Gefahr hin näher rücken konnte, Nanking bloßzustellen und Hangtschau

preiszugeben. Tschung selbst war sich darüber klar, daß Nanking hart

bedrängt war und daß der Fall der Hauptstadt dem »großen Frieden«

den Todesstoß versetzen würde. Die Außenwerke von Nanking waren zum

Teil schon in Feindeshand. Gordon wußte dies, denn die Kaiserlichen

hatten eine Staffette abgefangen; und er beschloß, Sutschau auf der

Nordseite zu stürmen. Der Angriff geschah nachts, mißlang aber, denn

die innere Reihe der Außenwerke war stark befestigt und wohl bemannt.

Die Angreifenden trugen weiße Turbane, um sich nächtlicherweile

untereinander zu erkennen. Es schien zuerst, als ob der Überfall

gelingen sollte. Gordon an der Spitze seiner Vorlinien hatte den

Wall schon erstiegen, aber ein mächtiges Feuer der plötzlich in

Masse erscheinenden Taipings hinderte seine Unterstützungskolonnen

am Vordringen, und so mußte auch er wieder zurückweichen. Ein Kampf

bei Nacht mochte den Rebellen übrigens nicht behagen; wirklichen Mut

schien nur noch der Moh Wang zu haben, der sich wie ein Löwe in den

vordersten Reihen wehrte, ohne Schuhe und ohne Strümpfe mitten unter

den Gemeinen kämpfend. Zwanzig Europäer hielten sich zu ihm.

Am andern Morgen hatte General Tsching eine Unterredung mit dem

Taiping Kong Wang und erfuhr von diesem, daß unter den Wangs

in Sutschau große Uneinigkeit herrsche; außer dem Moh Wang und

fünfunddreißig zu ihm haltenden Unterbefehlshabern wären die Anführer

bereit, mit dreißigtausend Mann zu kapitulieren. Denn trotz des

zurückgeschlagenen nächtlichen Angriffs wüßten die Wangs nur zu

gut, daß Sutschau fallen müsse; sie schlügen daher vor, daß Gordon,

um ihnen einen gewissen Schein zu retten, einen zweiten Angriff

aufs Ostthor mache, wobei sie dem Moh Wang den Rückweg in die

Stadt abzuschneiden gedächten, um dann ihrerseits mit dem Feind zu

unterhandeln.

Am 29. November schoß Gordons Artillerie die Palissadenverschanzung

zusammen und der Angriff erfolgte. Es war eine heiße Arbeit. Gräben

voll Wasser mußten durchschwommen und Wälle erstiegen werden. Der

Getreue selbst war von Wusieh her zu Hilfe gekommen und verteidigte

die Stadt. Da ereignete es sich, daß Gordon, der mit einer Handvoll

Leute ungestüm vordrang, plötzlich einen Haufen Taipings im Rücken

hatte und so von den Seinen abgeschnitten war. Zurück konnte er

nicht, wollte es auch nicht, also vorwärts! Er eroberte eine Redoute

und hielt sich, bis Verstärkung sich zu ihm durchschlagen konnte.

Die errungene Position, die er fast allein gewonnen, kam einem

vollständigen Siege gleich, aber er war teuer erkauft. Neun Offiziere,

meist Engländer, waren gefallen, dazu fünfzig Gemeine und es gab viele

Verwundete. Aber am folgenden Tag konnte er eine Proklamation an seine

Leute erlassen des Inhaltes, daß Sutschau faktisch erobert sei.

Es dauerte nicht lange, so hatten Gordon und der kaiserliche General

Tsching eine Zusammenkunft mit den Wangs. Immer noch besorgt, sich

den Schein zu wahren, schlugen diese jetzt vor, daß ein Angriff auf

die Stadt selbst geschähe, wobei sie versprachen, sich nicht bei der

Abwehr zu beteiligen, vorausgesetzt, daß die Kaiserlichen ihnen bei

der Einnahme die persönliche Sicherheit garantierten. Selbst unter

solchen Umständen war der Angriff mit Schwierigkeiten verbunden; die

Stürmenden konnten nicht viel über fünftausend Mann beibringen, ein

breiter Graben umgab die Stadt und vom Ostthore hin zog sich eine

unabsehbare Reihe von Schanzen. Als der Na Wang Gordon vorschlug,

die Stadt im Sturm zu nehmen, erklärte dieser daher rundweg, daß es

dann unmöglich sein würde, den Soldaten das Plündern und Brennen zu

verbieten, und fügte hinzu, wenn es den Wangs wirklich ernst sei mit

ihren Vorschlägen, sie ihre Aufrichtigkeit damit bekunden sollten, daß

sie dem Feinde ein Thor überließen; wollten sie das nicht, so sollten

sie die Stadt entweder räumen oder um den Besitz fortkämpfen, so lange

sie sich würden halten können. Daraufhin erklärten sie sich bereit,

die Übergabe der Stadt durch Überlassen eines der Thore ins Werk

zu setzen; und während General Tsching die Unterhandlungen zu Ende

führte, machte Gordon sich alsbald auf den Weg, um beim Gouverneur die

Sicherheit der Besatzung zu beantragen.

Übrigens war die Übergabe noch nicht vollzogen. Als der tapfere

Moh Wang erfuhr, was seine Mit-Wangs im Schild führten, erfaßte

ihn ein gewaltiger Ingrimm, und er versammelte sie alsbald um sich

zum Kriegsrat. Er war der Oberbefehlshaber der Stadt. Es mag eine

seltsame Szene gewesen sein, als nach der festlichen Mahlzeit und dem

obligatorischen Gottesdienst diese Würdenträger mit ihren Kronen und

Königsgewändern sich im Halbkreis um den Moh Wang scharten. Sofort kam

es zu einem Wortwechsel. »Übergabe!« schrien die Wangs durcheinander.

»Wir halten Sutschau bis zum letzten Mann!« entschied der Moh Wang. Da

fuhr der Kong Wang auf, den Königsmantel von sich werfend, und stieß

seinen Dolch dem Moh Wang neunmal in den Rücken. Miteinander trugen

sie den Gemordeten hinaus und zerstückten seinen Leichnam. Gordon

erfuhr diese Mordthat, als er eben von seinem Liebesritt zurückkehrte

und das Versprechen von Li mitbrachte, dem Moh Wang und seinen

Gefährten solle kein Leids geschehen. Er hatte den Moh Wang um seiner

mannhaften Tapferkeit willen hochgeschätzt.

In jener Nacht ergab sich Sutschau.

Um, wenigstens so viel an ihm lag, die Plünderung zu verhüten,

zog Gordon sein Korps auf einige Entfernung von der Stadt zurück,

verlangte aber in Anerkennung ihrer Leistungen doppelte Löhnung

für die Truppen auf zwei Monate. Allein Li handelte die Belohnung

auf einen Monat herunter, was die Soldaten so verdroß, daß ihr

unzufriedenes Gemurre fast in offene Meuterei überging. Ein paar

Stunden Plünderung wäre ihnen lieber gewesen als alle Löhnung. Gordon

konnte sich nur damit helfen, daß er seine Siegreichen nach Kuinsan

zurück marschieren ließ.

Was die nun folgenden Ereignisse betrifft, so mochte Gordon füglich

erwarten, daß er eine Stimme im Rat habe, besonders rücksichtlich des

Schicksals der Wangs. Ohne ihn und seine Leute hätten dieselben noch

lange stand gehalten; und er, der sein eignes Leben nie der Gefahr

entzog, dessen Todesverachtung die Armee mit Siegesmut erfüllte,

mochte wohl denken, daß er vor allen das Recht habe, dem überwundenen

Feind das Leben zu schenken. Li und Tsching wußten auch recht wohl,

daß eine menschliche Behandlung der Überwundenen nach europäischen,

bezw. nach christlichen Grundsätzen beobachtet werden müsse, wo Gordon

mitzureden hatte. Li hatte es diesem bestimmt zugesagt, daß Gnade

vor Recht ergehen solle, hatte ihm sozusagen das Leben der Wangs

geschenkt. Wie wurde aber dieses Versprechen gehalten!

Von Kuinsan zurückkehrend, betrat Gordon, nichts ahnend, die gefallene

Stadt, von seinem jungen Dolmetscher begleitet. Er begab sich nach des

Na Wang Wohnung. Dort fand er sämtliche Wangs im Begriff aufzusitzen.

Li erwarte sie außerhalb der Stadt, um die Schlüssel der Thore von

ihnen entgegenzunehmen. Es sei alles in Ordnung, versicherte Na Wang,

und daraufhin sah Gordon sie ruhig ziehen, um so mehr, als Tsching ihn

erst kürzlich versichert hatte, der Gouverneur habe eine allgemeine

Amnestie erlassen. In aller Gemütsruhe schlenderte Gordon durch sie

Stadt, sorgte für des Moh Wang Begräbnis und erreichte nach einiger

Zeit das Ostthor, wo ein Haufe Kaiserlicher ihm lärmend entgegen kam.

Er blieb stehen und forderte die Soldaten zu ruhigerem Benehmen auf,

damit sie die Einwohner nicht unnötig alarmierten. Während er noch

redete, betrat der General Tsching selbst die Stadt und erblaßte, als

er Gordon sah. Dieser erkundigte sich alsbald nach den Wangs, die der

Zeit nach längst von ihrer Audienz zurück sein mußten, worauf Tsching

etwas hervorstotterte und sich in Ausreden verwirrte. Da schöpfte

Gordon Verdacht und kehrte eiligst nach des Na Wang Hause zurück.

Er fand es zerstört; die Plünderung hatte begonnen. Ein Oheim des

Na Wang, der ratlos umherlief, bat ihn inständig, mit ihm in seine

Wohnung zu gehen, um ihm behilflich zu sein, die Frauen des Na Wang

in Sicherheit zu bringen. Er zögerte einen Augenblick, waffenlos wie

er war, allein das Weibervolk erbarmte ihn; er beschloß, der Bitte

Folge zu leisten und alsdann mit Hilfe seiner Leute dem Plündern der

Kaiserlichen wo möglich zu steuern.

Man sollte denken, daß Li den heldenmütigen Gordon, dem er so viel

verdankte, wenigstens vor dem Betreten der Stadt hätte warnen

lassen; aber davon war keine Rede. So hatte sich Gordon in der That

unwissentlich als Geisel gestellt, während der treubrüchige Futai

die Wangs draußen enthaupten ließ. Die lärmenden Kaiserlichen, denen

er begegnete, kamen gerade von der Hinrichtung, der Tsching selbst

beigewohnt hatte. Gordons Lage war um so bedenklicher, als er sich

in völliger Unwissenheit befand. Hätten die Taipings, die alsbald

zu Tausenden das Haus umstellten, mehr gewußt als er, er wäre nicht

lebendig aus ihren Händen gekommen. So aber betrachteten sie ihn

als Geisel, bis sie ihre Anführer wieder sähen. Bis zum folgenden

Morgen befand er sich völlig hilflos unter den Taipings, die von der

vertragswidrigen Plünderung wohl auf Schlimmeres schließen mochten;

aber es geschah ihm kein Leid. Wer weiß, ob die Leute nicht halb

unbewußt in ihm den festen Mann erkannten, der ihnen Treue halten

würde, wenn alle anderen sie brächen. Jedenfalls hat wohl selten ein

Heerführer inmitten seiner geschlagenen Feinde dem Tod näher ins Auge

geschaut als er; allein über Gordon wachte ein Höherer, dem er diente

und der ihn zu noch Größerem brauchen wollte.

Am nächsten Morgen hatte er die Taipings soweit gebracht, daß

sie ihm gestatteten, seinen Dolmetscher mit einem Brief an sein

Boot zu entsenden, das vor dem Südthor vor Anker lag. Nichts kann

bezeichnender für unsern Helden sein, als die Thatsache, daß das

Schreiben auch nicht ein Wort über seine eigene Lage enthielt, wohl

aber den Befehl an den Kapitän seiner Flottille, den Gouverneur

Li gefangen zu nehmen und ihn festzuhalten, bis die Wangs in

Sicherheit wären, ein prächtiger Plan, der aber leider mißlang.

Der Taipingführer, der den Dolmetscher begleitete, kam allein mit

der Nachricht zurück, die Kaiserlichen hätten dem Jungen den

Brief abgenommen und denselben zerrissen. Darauf hin gestatteten

die Taipings ihrem Gefangenen, sich selbst auf den Weg zu machen.

Unterwegs wurde auch er von Kaiserlichen überfallen, die ihn wohl

nicht kannten, aber es gelang ihm von ihnen loszukommen und das

Ostthor zu erreichen, wo seine Leibwache lag. Diese entsandte er nun

sofort zum Schutze der Taipings, die ihn die Nacht durch festgehalten

hatten.

Es war immer noch sein Vorsatz, den Li gefangen zu nehmen. Während er

zu diesem Zweck auf seinen Dampfer wartete, stellte Tsching sich zu

einer Unterredung ein; aber Gordon weigerte ihm das Wort. Da schickte

der General einen seiner Offiziere, aber diesem fehlte der Mut, dem

entrüsteten Briten die Wahrheit zu sagen. Auf Gordons Frage nach den

Wangs entgegnete er, er wisse nichts, doch sei des Na Wang junger Sohn

in der Nähe, der werde wohl Bescheid geben können. Und von dem Sohne

eines der Gemordeten erfuhr denn Gordon endlich, daß bei Gelegenheit

der Audienz die Hinrichtung stattgefunden hatte. Er ließ sich sofort

übers Wasser rudern und fand die kopflosen Leichname der Wangs

zerhackt und zerstückt.

»Ich fand sechs Leichen«, schrieb er, »und erkannte des Na Wang

Kopf.«

Wohl selten in seinem Leben ist ihm etwas so nahe gegangen. Er

vergoß Thränen vor Leid und Entrüstung, vor Scham und Zorn. Überdies

erachtete er seine Ehre angegriffen durch die unmenschliche That.

Er hatte den Wangs zwar nicht sein Wort gegeben -- das konnte er

nicht -- aber er hatte von vornherein mit ihnen in der Voraussetzung

verhandelt, daß der Gouverneur sie anständig behandeln werde. Und

die Plünderung der Stadt gegen seinen Willen und Wissen war eine

weitere Kränkung. Seinem Mut und Kriegsgeschick war's in erster

Linie zu verdanken, daß Sutschau gefallen, und nun hatte man ihn

einfach beiseite gesetzt, ja ihn selbst in nicht geringe Lebensgefahr

gebracht. Diese perfide Handlungsweise der Chinesen, für die er sich

aufgeopfert, ergrimmte ihn so sehr, daß sein Zorn keine Grenzen

kannte, und wohl zum erstenmal in der ganzen blutigen Kriegszeit

nahm er eine Waffe zur Hand. Er steckte seinen Revolver zu sich,

entschlossen, an des Gouverneurs eignem Leben Gericht zu üben, mochten

die Folgen für ihn selbst sein, welche sie wollten. Tsching aber war

ihm zuvorgekommen und hatte Li wissen lassen, daß er wohl daran thun

werde, dem zornmütigen Engländer aus dem Weg zu gehen. Als Gordon

das Boot des Li bestieg, fand er daher, daß dieser sich in die Stadt

geflüchtet hatte. Gordon verfolgte ihn dort und versuchte während

mehrerer Tage vergeblich, zuerst allein und dann mit Hilfe seiner

Garde, des flüchtigen Gouverneurs habhaft zu werden. In bitterm Mißmut

kehrte er nach Kuinsan zurück. Dort verlas er seinem versammelten

Korps einen Bericht über das Geschehene mit dem Anfügen, daß ein

britischer Offizier unter dem Gouverneur Li nicht länger dienen könne,

es sei denn, daß dieser vom Kaiser zur verdienten Strafe gezogen werde.

Gordon schrieb an seine Angehörigen:

»Ihr werdet froh sein zu erfahren, daß wir wieder zu Kuinsan im

Quartier sind und es wohl so bald nicht wieder verlassen werden.

Ich habe weder Zeit noch Lust, Euch von dem Kampf am Ostthor zu

berichten, noch von dem kaiserlichen Verrat in Sutschau -- die

Zeitungen werden genug darüber melden. Des Na Wang Sohn habe ich

bei mir. Er ist ein gescheiter junger Mensch und sehr lebhaft, etwa

achtzehnjährig. Sein armer Vater war ein recht guter Wang, besser als

die meisten Kaiserlichen, mit denen ich noch zu thun hatte. Ich kann

Euch nicht sagen, wie tief ich die neuesten Ereignisse beklage und

zwar um verschiedener Ursachen willen. Hätte man dem Feind, der sich

ergeben, Treue gehalten, so wäre es mit dem Aufstand wohl zu Ende,

und die anderen Städte, die noch aushalten, wären ohne Zweifel dem

Beispiel Sutschaus gefolgt. Wir hätten uns dann rühmen können, den

Aufruhr mit geringem, nicht zu umgehendem Blutvergießen unterdrückt

zu haben. Wenn ~ich~ nicht mit dem Na Wang unterhandelt hätte,

wäre die Übergabe wohl so bald nicht erfolgt, und ich halte jetzt

all meine Mühe für verloren. Ich kann mich nur damit trösten, daß

~alles~ zum besten dienen muß! Unverständlich ist und bleibt mir

die Handlungsweise des Li; er kennt mich hinreichend um zu wissen,

daß ein solches Verfahren mich aufbringen muß, und er handelte mit

nicht geringem persönlichem Risiko, denn meine Truppen waren in der

Nähe ....«

Während von Regierungs wegen eine Untersuchung eingeleitet wurde,

verhielt sich Gordon völlig unthätig in seinem Quartier, -- keine

leichte Sache bei der Stimmung seines Korps. Li aber hatte sich weiß

zu brennen gewußt; überhaupt wähnte man in Peking, das Hauptlob bei

der Einnahme von Sutschau gebühre ihm. Gordon hatte allerdings eine

Position nach der andern, die er mit seinen Siegreichen eroberte,

mit Kaiserlichen besetzt. In Anerkennung dieser Thatsache erhielt Li

mit der »gelben Jacke« die höchste militärische Auszeichnung. Doch

erinnerte man sich auch des englischen Anführers. Ein kaiserlicher

Erlaß bestimmte eine Medaille für den tapfern Tsung-Ping und außerdem

ein Geschenk von siebzigtausend Mark.

Diese Summe mit vielen andern Geschenken und der Versicherung der

kaiserlichen Anerkennung wurde Gordon von Li übersandt, außerdem eine

erhebliche Extra-Löhnung für seine Truppen und eine besondere Summe

für die Verwundeten. Diese beiden letzten Beträge nahm Gordon an;

die für ihn bestimmte Summe aber wies er mit Entrüstung zurück. Ja,

als die buchstäblich mit Gold beladenen Schatzträger vor ihn traten,

kommandierte er: rechts umkehrt mit seinem spanischen Röhrchen.

Wahrlich keine schönere That läßt sich von dem »Zauberstab« berichten.

Die Chinesen wußten sich nicht zu fassen vor Verwunderung. Wo war's

erhört, daß einer solche Schätze von sich wies, und wer durfte es

wagen, den kaiserlichen Gesandten mit dem Kommandostab zu begegnen!

Der mit der Sendung betraute Mandarin brachte ihm außerdem vier

seidene Fähnchen als Ehrengabe, zwei von Li und zwei von Wang-tetai,

einem die Kanonenboote der Provinz befehligenden Mandarin. Li's

Ehrengabe schickte Gordon zurück, die Fähnchen des Wang-tetai nahm

er an, da derselbe nicht bei jenem Treubruch beteiligt war. Der

kaiserliche Erlaß wurde auf gelbem Atlas feierlich auf einen mit zwei

brennenden Kerzen versehenen Tisch gelegt und so zu Gordons Kenntnis

gebracht. Eine Übersetzung war dem Schriftstück beigegeben. Auf die

Rückseite derselben schrieb der uneigennützige Held stehenden Fußes

folgende Antwort:

»Major Gordon nimmt Sr. Majestät des Kaisers huldvolle Billigung

mit Befriedigung entgegen, aber er kann es nur aufrichtig bedauern,

daß nach dem, was seit der Einnahme von Sutschau vorgefallen

ist, es nicht in seiner Macht steht, irgend welche Geschenke

kaiserlicher Gnade anzunehmen. Er entbietet kaiserlicher Majestät

seinen unterthänigsten Dank für die ihm zugedachte Belohnung, welche

abzulehnen man ihm gnädigst verstatten wolle.«

In einem Brief an die Seinen spricht er sich so aus:

»Um die Wahrheit zu sagen, begehre ich weder Lohn noch Ehre, weder

von den Chinesen, noch von unserer Regierung. Auszeichnung habe ich

nie gesucht. Ich habe das Bewußtsein, ein gutes Werk zu vollbringen,

und fürs übrige gewährt mir mein Beruf an sich Befriedigung ...

Ich würde das kaiserliche Geschenk auch dann zurückgewiesen haben,

wenn es mit Sutschau anders gegangen wäre ... Ich weiß, daß ihr

Verständnis habt für meine Lage, die keine leichte ist, und daß

meine Erfolge Euch freuen. Die Rebellen sind ein grausames Volk. Der

Tschung Wang hat zweitausend hilflose Menschen umbringen lassen,

die nach der Ermordung der Wangs zu ihm flüchteten. Dem Li habe ich

übrigens einen Denkzettel angehängt, den er so bald nicht vergessen

wird.«

Gordon, der Held von Khartum · 第 6 / 22 题