4. Weitere Siege und das Ende des Aufstands.

Die Enthauptung der Wangs hatte Gordons Lage in der That zu einer

schwierigen gemacht. Seinen Kriegs- und Siegeszug nach der Gewaltthat

zu Ende führen, hieß den Treubruch seiner Kollegen billigen, während

andererseits seine bisherigen Erfolge vergeblich gewesen wären, wenn

er alles weitere den Kaiserlichen allein überlassen hätte. Im Korps

der Siegreichen gab es durch das zeitweilige Einstellen des Kampfes

bereits bedenkliche Unruhen. Sechzehn Offiziere hatten kassiert werden

müssen, während den Taipings offenbar der Mut wuchs. Gordon sah ein,

daß er jetzt nicht mit seinen Gefühlen zu Rate gehen durfte, und

beschloß deshalb, dem Gouverneur Li behufs weiterer gemeinschaftlicher

Arbeit die Hand der Versöhnung zu reichen.

In den Augen chinesischer Machthaber war die Hinrichtung der Wangs ein

notwendiges Übel, und als Gordon bei ruhigerer Stimmung anhörte, was

Li zu seiner Entschuldigung beibringen konnte, erschien ihm die That,

wenn auch immerhin verabscheuungswürdig, doch minder ruchlos. Nach

chinesischen Begriffen hätten die kapitulierenden Wangs sich nämlich

alsbald wieder als Kaiserliche gebärden sollen; sie aber erschienen

vor dem Gouverneur mit vollem Haarwuchs anstatt mit rasiertem Kopfe,

sie kamen auch bewehrt, und ihre Haltung war die von Männern, die

auch künftig noch zu herrschen gedachten. Das kam dem Li unerwartet.

Die Unterhandlungen aber aus diesem Grund abbrechen, war keineswegs

thunlich, ohne eine Katastrophe herbeizuführen. General Tsching,

selbst ein Ex-Rebell, kannte seine Leute und hatte dem Li dringend zur

Hinrichtung geraten. »Macht die Anführer unschädlich«, sagte er, »und

die Hunderttausende ihrer Anhänger gelten für nichts; so allein ist

Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.« Und so erfolgte die Hinrichtung.

Um aber ehrlich und aufrichtig seinen Gang gehen zu können,

machte sich nun Gordon auf den Weg zu Li und forderte ihn auf,

eine Proklamation zu erlassen, die ihn von aller Teilnahme und

Mitwissenschaft der Hinrichtung losspräche; alsdann wolle er den

Kampf wieder aufnehmen. Es geschah, doch erst nachdem durch Hin-

und Herschreiben zwischen dem englischen Bevollmächtigten und den

chinesischen Behörden kostbare Zeit verloren gegangen war.

»Wenn ich meiner Neigung folgte,« schrieb Gordon damals an den

englischen Gesandten, »so würde ich das Kommando jetzt niederlegen.

Ich bin aus allen Gefahren unverletzt hervorgegangen, und schöne

Erfolge sind mein Lohn; aber das zusammengelaufene Volk, das unter

dem Namen der »stets siegreichen Armee« bekannt ist, ist eine

gefährliche Rotte, und ich halte es für meine Pflicht, das Korps

mit aller Vorsicht aufzulösen; so lange es aber besteht, soll es

der kaiserlichen Sache dienen ... Übrigens bin ich mir bewußt, daß

keinerlei persönliche Interessen mich bestimmen ....«

Die Proklamation des Li war eine umfangreiche Darstellung der Dinge,

die Gordon volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Am 19. Februar 1864

zog dieser abermals ins Feld.

Die westlichen Distrikte waren noch immer in den Händen der Taipings

und von desperaten Rotten überlaufen. Eine von Sutschau durch Jesing,

Lijang und Kintang westwärts gezogene Linie durchschneidet das

Rebellenland in zwei Teile, mit Nanking am obern Ende und Hangtschau

am untern. Gordon beschloß auf dieser Linie zu operieren, indem er

Hangtschau einem französisch-chinesischen Heeresteil unter einem

Offizier Namens d'Aiguibelle überließ, während einem Mandarin mit den

Kaiserlichen die Belagerung von Nanking oblag.

Strategisch war dies sehr wohl geplant, aber die Ausführung war

mit Schwierigkeiten verbunden. Er verließ Kuinsan in Schnee und

Hagelwetter. Bisher war Schanghai sein Proviantmagazin gewesen, jetzt

in Feindesland war er lediglich auf sich selbst angewiesen, auch

konnten seine Schiffe ihm nicht überall hin folgen. Überdies bestanden

seine Truppen jetzt größtenteils aus Überläufern, die von Mannszucht

nichts wußten.

Über Wusieh am großen Kanal ging es zuerst nach Jesing, ein trostloser

Zug durch Ländereien, welche die Taipings seit Jahren innegehabt und

verwüstet hatten. Der Einwohner waren nur wenige übrig geblieben --

ausgehungerte Skelette, die oft froh gewesen waren, an den Leichen

Verhungerter ihren eigenen Hunger zu stillen. Jesing wurde eingenommen

und Lijang, das nächste Ziel, ergab sich ohne Widerstand. An tausend

Mann der Garnison wurden dem Korps einverleibt. Glücklicherweise war

dieser Ort wohl verproviantiert, und Gordon that sein Möglichstes,

es den ausgehungerten Landleuten zu gute kommen zu lassen. Von

Lijang ging es nach Kintang. Hier schienen die Taipings entschlossen

standzuhalten. Gordon traf seine Vorbereitungen zur Eröffnung einer

Kanonade; als diese aber eben beginnen sollte, kam schlimme Kunde.

Siebentausend Taipings aus Tschantschufu, einer Stadt nordwestlich von

Sutschau, also in seinem Rücken, hatten die Kaiserlichen überflügelt,

Fusan überrumpelt, bedrohten Wusieh und belagerten Tschanzu, wo Gordon

seinen ersten Erfolg errungen hatte. Die Rebellen hatten somit wieder

im Dreißig-Meilen-Umkreis Fuß gefaßt. Gordon beschloß aber, sich vor

allen Dingen Kintangs zu versichern, wo eine ebenso grausame als

hartnäckige Garnison zu überwältigen war.

Eine dreistündige Beschießung erzielte eine Bresche und Gordon ließ

stürmen. Aber der erste und zweite Angriff wurde zurückgeworfen. Und

hier ereignete sich das in den Augen des Korps Unglaubliche: der

»unverwundbare« Anführer erhielt einen Schuß in die Wade. Es war seine

erste und einzige Verwundung. Einen seiner Gardisten, der neben ihm

stand, hieß er schweigen und fuhr fort, seine Befehle zu erteilen, bis

er vor Blutverlust fast ohnmächtig wurde. Daß auch der dritte Anlauf

mißlang, war ohne Zweifel eine Folge von Gordons Verwundung, die ihre

Rückwirkung nicht verfehlte. Nach einem Verlust von etwa hundert Toten

und Verwundeten mußte sich das Korps nach Lijang zurückziehen!

Hier gab es eine neue Unglückspost; kein anderer als der Getreue in

Person hatte Fusan erobert. Nun hinderte zwar Gordon seine Verwundung

am Stehen, aber er konnte auch liegend Krieg führen, und die Zeit

drängte. Die Taipings erließen eine Proklamation um die andere, daß

Schanghai ihr Ziel wäre, und daß sie Sutschau auf dem Wege dahin zu

überfallen gedächten. Waren sie doch in Wusieh, keine drei Stunden

von Sutschau entfernt! Trotz seiner Verwundung machte Gordon sich

alsbald auf mit vierhundert Mann Artillerie und etwa sechshundert Mann

Infanterie, welch letztere samt und sonders nur wenige Tage zuvor noch

Rebellen gewesen, jetzt aber bereit waren, ihm überallhin zu folgen.

»Man weiß nicht, was das Erstaunlichere ist,« ruft hier mit Recht ein

englischer Berichterstatter aus, »ob der Mut, oder das Vertrauen des

verwundeten Anführers!«

Das überall zu Tag tretende Elend aber war über alle Beschreibung

grauenhaft -- ausgehungertes Landvolk auf allen Seiten; die noch

Lebenden hatten keine Kraft mehr, die Toten zu begraben, die überall

die Luft verpesteten. »Es ist entsetzlich!« schreibt ein Augenzeuge,

»von Kannibalen zu ~hören~ ist schlimm genug, aber mit eigenen

Augen Tote zu ~sehen~, denen das Fleisch von den Knochen abgenagt

ist, das übersteigt die menschliche Kraft. Man kann hier vor Ekel kaum

mehr daran denken, seinen Hunger zu stillen. Die abgezehrten Leute

machen Augen wie Wölfe und laufen den Booten nach in der Hoffnung,

einigen Abfall zu finden.

Die Taipings haben das Land rein ausgeplündert und alles Eßbare mit

fortgeschleppt.«

Mit unglaublicher Geschwindigkeit drängte Gordon indessen weiter, und

aufs neue wurde nun Sieg um Sieg erfochten.

Der letzte Schlag gegen die Rebellen geschah von Waisso aus. Die

Taipings zogen sich auf Tschantschufu zurück, allerorts aber erhob

sich das Landvolk in verzweifelter Rache, ihrer hunderte und tausende

erschlagend. Tschantschufu wurde von Li belagert, und Gordon zog

ihm mit dreitausend Mann zu Hilfe. Zwanzigtausend Taipings unter

dem Hu Wang oder Schutzkönig, gemeinhin auch »Scheel-Auge« genannt,

verteidigten die Stadt bis aufs Blut, sich tagelang wehrend. Aber

Li hatte eine Proklamation erlassen, in welcher er allen, welche

die Stadt verlassen würden, Pardon verhieß, den Hu Wang selbst

ausgenommen, und siehe da -- die Überläufer kamen massenhaft.

Schließlich erstürmte Gordon die Stadt; etwa fünfzehnhundert Taipings

fielen, aber auch das siegreiche Korps litt große Verluste. Es war die

letzte Kriegsthat desselben. Kurz vor der Einnahme der Stadt hatte

Gordon an seine Mutter geschrieben:

»Ich werde mich natürlich versichern, daß der Aufstand wirklich

unterdrückt ist, ehe ich meine Leute heimschicke, da ich sonst eine

große Verantwortlichkeit auf mich laden würde .... Auf Weihnachten

hoffe ich bei Euch zu sein. Unsere Verluste innerhalb dieser

sechzehn Monate waren doch bedeutend: von hundert Offizieren sind

achtundvierzig tot oder verwundet, von dreitausendfünfhundert

Gemeinen an eintausend tot oder verwundet; aber ich habe die große

Befriedigung zu wissen, daß, soweit es in menschlicher Berechnung

liegt, es wohl keine sechs Monate mehr dauert, bis auch die letzte

Handbreit Erde den Rebellen unter den Füßen weggezogen sein wird,

während der Aufruhr sonst leicht noch sechs Jahre hätte dauern

können. Meine Beförderung und das Lob der Leute ist mir sehr

gleichgültig, und im übrigen werde ich China so arm verlassen als

ich es betreten habe, doch darf ich das Bewußtsein mit mir nehmen,

daß ich als schwaches Werkzeug dazu dienen durfte, achtzig- bis

hunderttausend Menschenleben zu erhalten. Ich brauche keinen anderen

Lohn. Die Rebellen von Tschantschufu gehören zu den ursprünglichen

Anstiftern, und obgleich manch Unschuldiger mit dabei sein mag, so

verdienen sie doch im allgemeinen das Los, das ihrer harrt. Hättest

Du eine Vorstellung von den haarsträubenden Grausamkeiten, die sie

verübten, so würdest Du wohl auch mit mir sagen: Strafe muß sein. Es

sind meist Ausreißer von Sutschau, Kuinsan, Taisan, Wusieh, Jefing u.

s. w., die sich hier schließlich zur Wehre setzen; sie halten täglich

mehrere Dutzend Hinrichtungen ab, um die mit ihnen in der Stadt

Eingeschlossenen an der Flucht zu hindern.«

Am 11. Mai, zwei Stunden nach der Einnahme von Tschantschufu, sandte

er in aller Eile folgenden mit Bleistift geschriebenen Brief ab:

»Liebste Mutter! Tschantschufu wurde um zwei Uhr heute von meinen

Truppen und den Kaiserlichen erstürmt. Übermorgen kehre ich nach

Kuinsan zurück und werde nicht mehr zu Feld ziehen. Die Rebellen sind

jetzt geliefert; sie haben nur noch Tajan und Nanking. Tajan wird

wohl in diesen Tagen fallen und Nanking kann sich höchstens noch zwei

Monate halten. Es freut mich, Dir zu sagen, daß ich wohlbehalten aus

dem Kampfe gekommen bin.

Gordon, der Held von Khartum · 第 7 / 22 题