Die Enthauptung der Wangs hatte Gordons Lage in der That zu einer
schwierigen gemacht. Seinen Kriegs- und Siegeszug nach der Gewaltthat
zu Ende führen, hieß den Treubruch seiner Kollegen billigen, während
andererseits seine bisherigen Erfolge vergeblich gewesen wären, wenn
er alles weitere den Kaiserlichen allein überlassen hätte. Im Korps
der Siegreichen gab es durch das zeitweilige Einstellen des Kampfes
bereits bedenkliche Unruhen. Sechzehn Offiziere hatten kassiert werden
müssen, während den Taipings offenbar der Mut wuchs. Gordon sah ein,
daß er jetzt nicht mit seinen Gefühlen zu Rate gehen durfte, und
beschloß deshalb, dem Gouverneur Li behufs weiterer gemeinschaftlicher
Arbeit die Hand der Versöhnung zu reichen.
In den Augen chinesischer Machthaber war die Hinrichtung der Wangs ein
notwendiges Übel, und als Gordon bei ruhigerer Stimmung anhörte, was
Li zu seiner Entschuldigung beibringen konnte, erschien ihm die That,
wenn auch immerhin verabscheuungswürdig, doch minder ruchlos. Nach
chinesischen Begriffen hätten die kapitulierenden Wangs sich nämlich
alsbald wieder als Kaiserliche gebärden sollen; sie aber erschienen
vor dem Gouverneur mit vollem Haarwuchs anstatt mit rasiertem Kopfe,
sie kamen auch bewehrt, und ihre Haltung war die von Männern, die
auch künftig noch zu herrschen gedachten. Das kam dem Li unerwartet.
Die Unterhandlungen aber aus diesem Grund abbrechen, war keineswegs
thunlich, ohne eine Katastrophe herbeizuführen. General Tsching,
selbst ein Ex-Rebell, kannte seine Leute und hatte dem Li dringend zur
Hinrichtung geraten. »Macht die Anführer unschädlich«, sagte er, »und
die Hunderttausende ihrer Anhänger gelten für nichts; so allein ist
Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.« Und so erfolgte die Hinrichtung.
Um aber ehrlich und aufrichtig seinen Gang gehen zu können,
machte sich nun Gordon auf den Weg zu Li und forderte ihn auf,
eine Proklamation zu erlassen, die ihn von aller Teilnahme und
Mitwissenschaft der Hinrichtung losspräche; alsdann wolle er den
Kampf wieder aufnehmen. Es geschah, doch erst nachdem durch Hin-
und Herschreiben zwischen dem englischen Bevollmächtigten und den
chinesischen Behörden kostbare Zeit verloren gegangen war.
»Wenn ich meiner Neigung folgte,« schrieb Gordon damals an den
englischen Gesandten, »so würde ich das Kommando jetzt niederlegen.
Ich bin aus allen Gefahren unverletzt hervorgegangen, und schöne
Erfolge sind mein Lohn; aber das zusammengelaufene Volk, das unter
dem Namen der »stets siegreichen Armee« bekannt ist, ist eine
gefährliche Rotte, und ich halte es für meine Pflicht, das Korps
mit aller Vorsicht aufzulösen; so lange es aber besteht, soll es
der kaiserlichen Sache dienen ... Übrigens bin ich mir bewußt, daß
keinerlei persönliche Interessen mich bestimmen ....«
Die Proklamation des Li war eine umfangreiche Darstellung der Dinge,
die Gordon volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Am 19. Februar 1864
zog dieser abermals ins Feld.
Die westlichen Distrikte waren noch immer in den Händen der Taipings
und von desperaten Rotten überlaufen. Eine von Sutschau durch Jesing,
Lijang und Kintang westwärts gezogene Linie durchschneidet das
Rebellenland in zwei Teile, mit Nanking am obern Ende und Hangtschau
am untern. Gordon beschloß auf dieser Linie zu operieren, indem er
Hangtschau einem französisch-chinesischen Heeresteil unter einem
Offizier Namens d'Aiguibelle überließ, während einem Mandarin mit den
Kaiserlichen die Belagerung von Nanking oblag.
Strategisch war dies sehr wohl geplant, aber die Ausführung war
mit Schwierigkeiten verbunden. Er verließ Kuinsan in Schnee und
Hagelwetter. Bisher war Schanghai sein Proviantmagazin gewesen, jetzt
in Feindesland war er lediglich auf sich selbst angewiesen, auch
konnten seine Schiffe ihm nicht überall hin folgen. Überdies bestanden
seine Truppen jetzt größtenteils aus Überläufern, die von Mannszucht
nichts wußten.
Über Wusieh am großen Kanal ging es zuerst nach Jesing, ein trostloser
Zug durch Ländereien, welche die Taipings seit Jahren innegehabt und
verwüstet hatten. Der Einwohner waren nur wenige übrig geblieben --
ausgehungerte Skelette, die oft froh gewesen waren, an den Leichen
Verhungerter ihren eigenen Hunger zu stillen. Jesing wurde eingenommen
und Lijang, das nächste Ziel, ergab sich ohne Widerstand. An tausend
Mann der Garnison wurden dem Korps einverleibt. Glücklicherweise war
dieser Ort wohl verproviantiert, und Gordon that sein Möglichstes,
es den ausgehungerten Landleuten zu gute kommen zu lassen. Von
Lijang ging es nach Kintang. Hier schienen die Taipings entschlossen
standzuhalten. Gordon traf seine Vorbereitungen zur Eröffnung einer
Kanonade; als diese aber eben beginnen sollte, kam schlimme Kunde.
Siebentausend Taipings aus Tschantschufu, einer Stadt nordwestlich von
Sutschau, also in seinem Rücken, hatten die Kaiserlichen überflügelt,
Fusan überrumpelt, bedrohten Wusieh und belagerten Tschanzu, wo Gordon
seinen ersten Erfolg errungen hatte. Die Rebellen hatten somit wieder
im Dreißig-Meilen-Umkreis Fuß gefaßt. Gordon beschloß aber, sich vor
allen Dingen Kintangs zu versichern, wo eine ebenso grausame als
hartnäckige Garnison zu überwältigen war.
Eine dreistündige Beschießung erzielte eine Bresche und Gordon ließ
stürmen. Aber der erste und zweite Angriff wurde zurückgeworfen. Und
hier ereignete sich das in den Augen des Korps Unglaubliche: der
»unverwundbare« Anführer erhielt einen Schuß in die Wade. Es war seine
erste und einzige Verwundung. Einen seiner Gardisten, der neben ihm
stand, hieß er schweigen und fuhr fort, seine Befehle zu erteilen, bis
er vor Blutverlust fast ohnmächtig wurde. Daß auch der dritte Anlauf
mißlang, war ohne Zweifel eine Folge von Gordons Verwundung, die ihre
Rückwirkung nicht verfehlte. Nach einem Verlust von etwa hundert Toten
und Verwundeten mußte sich das Korps nach Lijang zurückziehen!
Hier gab es eine neue Unglückspost; kein anderer als der Getreue in
Person hatte Fusan erobert. Nun hinderte zwar Gordon seine Verwundung
am Stehen, aber er konnte auch liegend Krieg führen, und die Zeit
drängte. Die Taipings erließen eine Proklamation um die andere, daß
Schanghai ihr Ziel wäre, und daß sie Sutschau auf dem Wege dahin zu
überfallen gedächten. Waren sie doch in Wusieh, keine drei Stunden
von Sutschau entfernt! Trotz seiner Verwundung machte Gordon sich
alsbald auf mit vierhundert Mann Artillerie und etwa sechshundert Mann
Infanterie, welch letztere samt und sonders nur wenige Tage zuvor noch
Rebellen gewesen, jetzt aber bereit waren, ihm überallhin zu folgen.
»Man weiß nicht, was das Erstaunlichere ist,« ruft hier mit Recht ein
englischer Berichterstatter aus, »ob der Mut, oder das Vertrauen des
verwundeten Anführers!«
Das überall zu Tag tretende Elend aber war über alle Beschreibung
grauenhaft -- ausgehungertes Landvolk auf allen Seiten; die noch
Lebenden hatten keine Kraft mehr, die Toten zu begraben, die überall
die Luft verpesteten. »Es ist entsetzlich!« schreibt ein Augenzeuge,
»von Kannibalen zu ~hören~ ist schlimm genug, aber mit eigenen
Augen Tote zu ~sehen~, denen das Fleisch von den Knochen abgenagt
ist, das übersteigt die menschliche Kraft. Man kann hier vor Ekel kaum
mehr daran denken, seinen Hunger zu stillen. Die abgezehrten Leute
machen Augen wie Wölfe und laufen den Booten nach in der Hoffnung,
einigen Abfall zu finden.
Die Taipings haben das Land rein ausgeplündert und alles Eßbare mit
fortgeschleppt.«
Mit unglaublicher Geschwindigkeit drängte Gordon indessen weiter, und
aufs neue wurde nun Sieg um Sieg erfochten.
Der letzte Schlag gegen die Rebellen geschah von Waisso aus. Die
Taipings zogen sich auf Tschantschufu zurück, allerorts aber erhob
sich das Landvolk in verzweifelter Rache, ihrer hunderte und tausende
erschlagend. Tschantschufu wurde von Li belagert, und Gordon zog
ihm mit dreitausend Mann zu Hilfe. Zwanzigtausend Taipings unter
dem Hu Wang oder Schutzkönig, gemeinhin auch »Scheel-Auge« genannt,
verteidigten die Stadt bis aufs Blut, sich tagelang wehrend. Aber
Li hatte eine Proklamation erlassen, in welcher er allen, welche
die Stadt verlassen würden, Pardon verhieß, den Hu Wang selbst
ausgenommen, und siehe da -- die Überläufer kamen massenhaft.
Schließlich erstürmte Gordon die Stadt; etwa fünfzehnhundert Taipings
fielen, aber auch das siegreiche Korps litt große Verluste. Es war die
letzte Kriegsthat desselben. Kurz vor der Einnahme der Stadt hatte
Gordon an seine Mutter geschrieben:
»Ich werde mich natürlich versichern, daß der Aufstand wirklich
unterdrückt ist, ehe ich meine Leute heimschicke, da ich sonst eine
große Verantwortlichkeit auf mich laden würde .... Auf Weihnachten
hoffe ich bei Euch zu sein. Unsere Verluste innerhalb dieser
sechzehn Monate waren doch bedeutend: von hundert Offizieren sind
achtundvierzig tot oder verwundet, von dreitausendfünfhundert
Gemeinen an eintausend tot oder verwundet; aber ich habe die große
Befriedigung zu wissen, daß, soweit es in menschlicher Berechnung
liegt, es wohl keine sechs Monate mehr dauert, bis auch die letzte
Handbreit Erde den Rebellen unter den Füßen weggezogen sein wird,
während der Aufruhr sonst leicht noch sechs Jahre hätte dauern
können. Meine Beförderung und das Lob der Leute ist mir sehr
gleichgültig, und im übrigen werde ich China so arm verlassen als
ich es betreten habe, doch darf ich das Bewußtsein mit mir nehmen,
daß ich als schwaches Werkzeug dazu dienen durfte, achtzig- bis
hunderttausend Menschenleben zu erhalten. Ich brauche keinen anderen
Lohn. Die Rebellen von Tschantschufu gehören zu den ursprünglichen
Anstiftern, und obgleich manch Unschuldiger mit dabei sein mag, so
verdienen sie doch im allgemeinen das Los, das ihrer harrt. Hättest
Du eine Vorstellung von den haarsträubenden Grausamkeiten, die sie
verübten, so würdest Du wohl auch mit mir sagen: Strafe muß sein. Es
sind meist Ausreißer von Sutschau, Kuinsan, Taisan, Wusieh, Jefing u.
s. w., die sich hier schließlich zur Wehre setzen; sie halten täglich
mehrere Dutzend Hinrichtungen ab, um die mit ihnen in der Stadt
Eingeschlossenen an der Flucht zu hindern.«
Am 11. Mai, zwei Stunden nach der Einnahme von Tschantschufu, sandte
er in aller Eile folgenden mit Bleistift geschriebenen Brief ab:
»Liebste Mutter! Tschantschufu wurde um zwei Uhr heute von meinen
Truppen und den Kaiserlichen erstürmt. Übermorgen kehre ich nach
Kuinsan zurück und werde nicht mehr zu Feld ziehen. Die Rebellen sind
jetzt geliefert; sie haben nur noch Tajan und Nanking. Tajan wird
wohl in diesen Tagen fallen und Nanking kann sich höchstens noch zwei
Monate halten. Es freut mich, Dir zu sagen, daß ich wohlbehalten aus
dem Kampfe gekommen bin.