Das Jahr 1861 war britischerseits den Rebellen gegenüber eine Zeit
des Waffenstillstandes gewesen, in diesem Jahr aber hatten die
Taipings ihre erste empfindliche Niederlage erlitten, ja eine Reihe
von Niederlagen. Sie hatten versucht, sich des Jangtsze-Thales wieder
zu bemächtigen mit besonderen Absichten auf Hangtschau. Aber obgleich
dieses Jahr durch Hien-Fongs Tod eine innere Umwälzung der Monarchie
mit sich brachte, so hatte die Macht der Kaiserlichen doch stetig
gewonnen, und die Rebellen sahen sich mit Ende des Jahres wieder in
die Gegend von Schanghai zurückgeworfen. Man darf die Vernichtung der
Taipings daher nicht ausschließlich britischen Waffen zuschreiben.
Wie bereits erwähnt, hatten die Handelsherren von Schanghai es schon
vorher für geraten gehalten, sich durch ein Privatsöldnerheer gegen
Überfälle möglichst zu sichern. Der Amerikaner Ward, ein tüchtiger
Soldat, und nach ihm Burgevine, ein weniger tüchtiger Glücksritter,
befehligte diesen Truppenhaufen, der sich des hochtrabenden Titels der
»stets siegreichen Armee« erfreute.
Die Leute des blumigen Landes haben eine Vorliebe für schöne
Redensarten. Ihre Flüsse sind alle wohllautplätschernd, ihre Berge
voll himmlischen Weihrauchs; das geringste Dörfchen fühlt sich als
eine Pflanzstätte süßduftenden Korns, und jeder gewöhnliche Nachen
ist ein Wunder der kristallenen Flut. Der Chinese findet solche
Benennungen keineswegs lächerlich, er hält im Gegenteil dafür, daß
der pure Wortlaut der Dinge irdisches Geschick beeinfluße. In den
chinesischen Klassikern wird nichts so sehr betont als die Thatsache,
daß Weisheit eine richtige Benutzung der Worte sei. Es fragte einmal
einer den alten Mencius, worin er sich auszeichne; »ich verstehe mit
Worten umzugehen«, war die tiefsinnige Antwort. Und anderswo wird
darauf hingewiesen, wie selbst tugend- und talentvolle Menschen durch
übelgesetzte Rede sich oft ganz in den Schatten stellen. Konfucius
erklärte, der erste Schritt zu einer wohlgeordneten Regierung sei,
»die Bezeichnung der Dinge zu verbessern«, und fügte bedeutungsvoll
hinzu: »einen unpassenden Namen haben heißt in ungünstiger Lage
verharren, allem Übel ausgesetzt.« Derlei Ideen sind gang und gäbe in
China, und jeder Schwarzhaarige läßt sich's daher angelegen sein, sich
und den Seinen schöne Namen zu gewinnen. Selbst die Regierung richtet
ihre Erlasse nach dem Geschmack des Volkes ein, ob nun vom Sohne der
Erde und des Himmels auf dem Drachenthron die Rede ist, oder vom
Büttel des geringsten Mandarins. Daher also die Bezeichnung Tschang
Seng Tschiun oder stets siegreiche Armee.
Der General-Gouverneur der Kiang-Provinzen war Li Futai oder
Li-Hung-Tschang, ein tüchtiger Soldat und berühmter Staatsmann.
Tseng-kwo-fan, (der Vater des kürzlich verstorbenen, bekannten
Marquis Tseng), der kaiserliche Generalissimus, hatte ihm den
Oberbefehl von Schanghai übertragen. Der englische General Staveley
erklärte ihm bei seiner Ankunft, daß, obgleich die Verbündeten den
Dreißig-Meilen-Umkreis verteidigen würden, die allgemeine Bekämpfung
des Aufstands doch nach wie vor den Chinesen überlassen bleibe. Li
machte sich sofort daran, die chinesischen Truppen auf europäische
Waffen einzuüben. Wards Söldner waren bislang ihren eigenen Weg
gegangen, erst nachdem er gefallen war und sein Nachfolger Burgevine
sich mit Li überworfen hatte, verschmolzen die fremden Söldner mit den
chinesischen Rekruten, und Li bat den englischen General, einem seiner
Offiziere den Oberbefehl zu übertragen.
Der rechte Mann war bald gefunden in Gordon, der zwar noch nie im
Oberkommando gestanden, der aber mehr denn irgend ein anderer für den
verantwortungsvollen Posten geeignet war. Seinen Ruf von Sebastopol
her hatte er in Peking und Schanghai aufrecht erhalten, und es spricht
sehr für den Mann, daß er dem ehrenvollen Antrag keineswegs in blinder
Aufregung Folge leistete, sondern im Gegenteil den gelassenen Wunsch
vortrug, seine Arbeit der militärischen Kenntnisnahme des Terrains
innerhalb des Dreißig-Meilen-Umkreises zuerst zu Ende bringen zu
können, weil das für eventuelle Operationen jedenfalls von Wert
sei. In einem Offizier, Namens Holland, ernannte man darum einen
zeitweiligen Ersatzmann, unter dessen Führung die »stets siegreiche
Armee« von den Taipings bei Taitsan glänzend geschlagen wurde. Erst im
Frühjahr 1863 übernahm Gordon den Oberbefehl. Er schreibt darüber an
seine Eltern:
»Ich fürchte, es wird Euch unlieb sein, daß ich das Kommando
übernommen habe; es geschah nicht ohne reifliche Überlegung
meinerseits. Ich halte dafür, daß es ein gutes Werk ist, diesen
Aufstand zu unterdrücken; es ist eine einfache Pflicht der
Menschlichkeit und kann außerdem dazu beitragen, dieses Land der
Zivilisation zugänglich zu machen. Ich will nicht tollkühn handeln,
und ich hoffe, bald nach England zurückkehren zu können -- ich will
nicht vergessen, daß das Euer Wunsch ist. Ich kann wohl sagen,
daß, wenn ich mich geweigert hätte, den mir übertragenen Posten
anzunehmen, die Truppen sich verlaufen hätten und der Aufruhr allem
Anschein nach das Land noch Jahre lang im Elend erhalten würde. Ich
hoffe, daß das nun nicht der Fall sein wird und daß ich Euch sehr
bald Beruhigendes werde schreiben können.[2] Ihr müßt es Euch nicht
zu nahe gehen lassen; ich glaube wirklich, daß ich das Rechte thue
.... Ihr seid mir stets gegenwärtig und dürft Euch darauf verlassen,
daß ich nichts Unbesonnenes thun will.«
Gordon hatte gerade das dreißigste Jahr zurückgelegt. Sein Heer
zählte bei der Übernahme zwischen drei- und viertausend Mann mit etwa
hundertundfünfzig Offizieren, war aber später erheblich stärker. Die
Uniform war eine halb-europäische, aus dunklem Wollenzeug und grünem
Turban bestehend; die Soldaten waren anfänglich nichts weniger als
mit ihrer Montur einverstanden, denn ihre Landsleute erblickten in
ihnen nur »nachgemachte fremde Teufel«; unter der Bezeichnung »fremde
Teufel« fasst nämlich der Chinese alle Ausländer zusammen. Später
aber, als die Armee anfing, sich wirklich als die »stets siegreiche«
zu erweisen, wurden die Leute stolz auf ihre eigenartige Kleidung und
hätten sich dieselbe nicht wieder nehmen lassen. Ja, soweit ging die
gute Meinung eines chinesischen Statthalters, daß er dafür hielt,
schon ihren Fußstapfen folge der Sieg und demgemäß Entmutigung der
Rebellen; er ließ daher viele tausend Paare europäischen Schuhwerks
unter das Landvolk verteilen, um die Spuren von Gordons Truppen
möglichst zu vervielfältigen! Ein Oberst dieses Korps erhielt etwa
fünfzehnhundert Mark pro Monat, die Majore, Hauptleute, Adjutanten
u. s. w. eine entsprechende Summe in absteigender Linie bis zum
Leutnant, der sich auf sechshundert Mark stellte; die Unteroffiziere
circa hundert Mark in abnehmendem Verhältnis bis zum Gemeinen, dessen
Sold ungefähr vierzig Mark monatlich betrug. Im Feld verabfolgte man
außerdem noch Rationen. Der Oberbefehlshaber selbst erhielt eine
stattliche Summe -- 5200 Mark monatlich, also 62400 Mark im Jahr; --
»aber das ist sehr gleichgültig«, schreibt Gordon.
Sämtliche Offiziere waren Ausländer. Amerikaner bildeten die Mehrzahl,
dann Engländer, Franzosen, Spanier, Deutsche. Im allgemeinen waren
es tapfere Leute, die sich rasch in eine gegebene Lage zu finden
wußten, im Feuer meist großen Mut entwickelten, im übrigen aber
leicht einander in die Haare gerieten. Die Disziplin war so scharf
wie thunlich, doch war es nicht oft nötig, summarisch einzugreifen,
Gordons persönlicher Einfluß machte sich bald fühlbar. Das
Schlimmste war die Trunksucht; innerhalb eines Monats starben einmal
elf Offiziere an +delirium tremens+. »Man mußte froh sein,
überhaupt Offiziere zu kriegen«, schrieb einer, der aus Erfahrung
reden konnte; »sie schlugen sich gut, und das war schließlich die
Hauptsache.« Ein anderer schreibt: »Es waren sogar offenkundige
Freunde der Rebellen unter ihnen und solche, die alle Landesgesetze
in den Wind schlugen; aber Offiziere wie Gemeine lernten sehr bald
einen Anführer respektieren, auf dessen Tapferkeit, Kriegsgeschick,
Gerechtigkeitsliebe und persönliche Güte sie alle Ursache hatten sich
jederzeit zu verlassen, einen, der sich nie selbst schonte[3], wo es
Gefahr gab, und der mit fester Hand alle Privathändel darnieder zu
halten wußte, die bislang dem Erfolg oft hinderlich im Wege gestanden.«
Der Kriegsschauplatz, auf welchem Gordon seine Armee innerhalb
anderthalb Jahren dreiunddreißigmal ins Gefecht führte, war die von
der Jangtsze-Mündung im Norden und von der Bucht von Hangtschau im
Süden begrenzte Provinz Kiangsu, eine stumpfe Halbinsel, die von
Hangtschau bis Nanking am Jangtsze, der Residenz des Taiping, über
zweihundert Kilometer breit ist, während der Querdurchschnitt in
der Mitte zwischen diesen beiden Punkten bis zum Meer dreihundert
Kilometer beträgt. Am nordöstlichen Ende, etwa vierzig Kilometer vom
Ufer entfernt, liegt inmitten zahlloser Buchten die Stadt Schanghai.
Das von unzähligen Flüssen, Flüßchen und Kanälen durchzogene Land ist
von fast lagunenartigem Charakter und, abgesehen von den einzelnen
Hügeln, flach wie Holland, fruchtbar und reich an Dörfern und Städten.
Stellenweise liegt das Land tiefer als der Spiegel des Meeres, und
lange Strecken erheben sich nur wenige Fuß darüber. Der Verkehr
ist größtenteils zu Schiff. Zum Manövrieren in Kriegszeiten ist es
daher ein schwieriges Land, und es kam Gordon gut zu statten, daß
er sich eine so gründliche Kenntnis desselben verschafft hatte. Ja,
er war mit dem gesamten Kriegsschauplatz weit besser vertraut als
die Rebellen, die das Land seit zehn Jahren durchstreift hatten. Er
wußte genau, welche Kanäle zur Zeit schiffbar waren und welche nicht;
er wußte, wo der Boden Artillerie tragen würde und wo er versumpft
war. Er ging auch alsbald daran, sich durch eine kleine Flotte von
Kanonenbooten zu verstärken, die in dem wasserdurchfurchten Land
seiner Infanterie als Bedeckung dienen konnte und die überdies durch
rasche Truppenbeförderung seine viertausend Mann in der Meinung des
Feindes vervielfachte. Mit Gordons Korps kooperierte eine kaiserliche
Armee; der dieselbe befehligende General war Li Adong, ein Mann, vor
dessen militärischer Tüchtigkeit Gordon alle Achtung hatte. Gleichwohl
hatte sich Gordon völlige Unabhängigkeit vorbehalten, und die wurde
ihm auch zugestanden.
Seine »Siegreichen« brannten vor Begier, die Scharte von Taitsan
auszuwetzen, er aber ließ nichts übereilen. Er hatte das eine
große Ziel im Auge, den Aufruhr schnell und gründlich aufs Haupt
zu schlagen, und wußte genug von den bisherigen Ergebnissen, um
einzusehen, daß hitziges Scharmützeln hier und dort, oder eine
Taktik der Defensive -- wie z. B. das energische Sauberhalten des
Dreißig-Meilen-Umkreises -- oder auch wiederholtes Angreifen des
Feindes in seinen Verschanzungen wie in Taitsan, durchaus ungenügend
sei, wenn es sich darum handle, dem ganzen Aufstand ein Ende zu
machen. Ihm erschienen plötzliche Überfälle an Orten, wo man ihn am
wenigsten erwartete, der geeignetste Kriegsplan; denn nicht nur
gewannen seine Soldaten bei ziemlich sicheren Erfolgen immer mehr
an Selbstvertrauen, sondern er zwang die Rebellen sehr bald, sich
allerwärts seines Erscheinens gewärtig zu halten, zu einer Stellung
der Defensive also, und ließ ihnen weder Zeit noch Mut, Schanghai oder
die andern Hafenstädte zu beunruhigen.
Nicht viele Tage gingen ins Land, ehe er mit zweihundert Mann
Artillerie und so viel Infanterie, als seine beiden Dampfer tragen
konnten, d. h. etwa tausend Mann, den Jangtsze hinaufdampfte. Etwa
hundert Kilometer aufwärts, am südlichen Ufer, liegt Fusan, ein
Piratennest, wo die Taipings sich befestigt und kurz zuvor einen
kaiserlichen Angriff zurückgeschlagen hatten. Die Kaiserlichen waren
dort verschanzt und unter ihrer Deckung brachte er seine Leute ruhig
ans Land, obgleich die Taipings in ziemlicher Stärke seinen Bewegungen
aus nächster Nähe zusahen. Er erreichte Fusan, und es gab eine
dreistündige Beschießung; einen Ansturm warteten die Taipings gar
nicht ab, sie wandten sich alsbald zurück. Fusan war der Schlüssel
zu dem fünfzehn Kilometer südlicher gelegenen Tschanzu, wo eine
kaiserliche Besatzung sich bisher tapfer gehalten hatte.
Die Einwohner dieser Stadt waren selbst Rebellen gewesen, hatten sich
aber wieder der kaiserlichen Sache zugewandt. Der getreue Wang hatte
darauf die Stadt belagert und als Beweis, was er zu thun vermöchte,
die Köpfe von drei bei Taitsan erschlagenen europäischen Offizieren
über die Mauern werfen lassen; allein die Einwohnerschaft hielt aus.
Auf dem Wege dahin fand Gordon die Leichname von fünfunddreißig von
den Taipings gekreuzigten Kaiserlichen. Er vertrieb die Rebellen mit
einem Verlust von nur zwei Toten und sechs Verwundeten auf seiner
Seite. Der Feind zog sich nach Sutschau zurück; ein gut Stück Land war
somit den Rebellen abgenommen. Die Leute von Tschanzu empfingen ihren
Befreier mit großem Jubel und bedauerten lebhaft, ihm kein Geschenk
machen zu können. »Das sei nicht Mode bei ihm«, entgegnete Gordon.
Der Kaiser übrigens lohnte den glänzenden Anfang damit, daß Gordon
den Titel Tsung-Ping erhielt, was annähernd durch Brigadegeneral
wiederzugeben ist. Eine Besatzung von dreihundert Mann in Tschanzu
zurücklassend, kehrten die Siegreichen nach Sung-Kiang zurück.
Nordwestlich von Schanghai liegt Taitsan, von wo in südwestlicher
Richtung der Weg durch Kuinsan nach Sutschau führt. Das waren die
drei Hauptorte der Rebellen, der letztere als Provinzialhauptstadt
der bedeutendste. Die Taipings hatten diese Stadt seit 1860 inne.
Gordon machte sich marschfertig. Es war unbekannt, welchen der drei
Orte er zuerst angreifen würde; man vermutete, Kuinsan sei das
Ziel. Dieser Ort, als Verbindungsglied zwischen den beiden anderen
Städten, war strategisch von großer Wichtigkeit; überdies hatten
die Rebellen daselbst unter einem hergelaufenen Engländer eine
Kugelgießerei in voller Thätigkeit. Auf dem Wege dahin erfuhr Gordon,
daß der Kommandant von Taitsan dem Gouverneur Li einen Vorschlag zur
Übergabe gemacht habe, daß demzufolge ein kaiserlicher Truppenteil als
Besatzung dahin abgezogen sei, daß der Taiping den Kaiserlichen aber
damit nur eine Falle gestellt und dreihundert derselben enthauptet
habe, deren Köpfe er als Beweis seiner Geschicklichkeit nach Sutschau
und Kuinsan sandte. Gordon nahm alsbald die verräterische Stadt aufs
Korn.
Kein leichtes Unternehmen! Die feindliche Garnison war zehntausend
Mann stark, darunter waren zweitausend auserlesene Truppen mit
französischen, amerikanischen und englischen Überläufern bei den
Batterien, während er nur dreitausend Mann befehligte. Aber das
war ihm einerlei, er belagerte die Stadt sofort. Nach zwei Tagen
war Bresche geschossen und die Stürmenden in vollem Anmarsch. Der
erste Angriff wurde jedoch zurückgeschlagen. Darauf ließ Gordon
seine Artillerie die Bresche über den Köpfen der Stürmenden hinweg
beschießen. Dieser zweite Angriff war erfolgreicher; die Flagge der
Siegreichen wehte von den erstürmten Zinnen, und die Taipings retteten
sich in tollster Flucht. Gordon schreibt darüber an seine Mutter:
»Am 24. April verließ ich Sung-Kiang mit etwa dreitausend Mann, um
Kuinsan anzugreifen, eine große Stadt zwischen Taitsan und Sutschau.
Ehe ich aber soweit kam, erfuhr ich, daß die Taipings zu Taitsan
vorgegeben hatten, mit den Kaiserlichen unterhandeln zu wollen, die
abgesandte kaiserliche Besatzung aber verraten und vernichtet hatten.
Ich änderte daher alsbald meinen Plan und marschierte nach Taitsan;
am ersten Tag wurde die äußere Verschanzung angegriffen, am zweiten
Tag die Stadt selbst. Die Rebellen wehrten sich tüchtig, aber es
half nichts; die Stadt fiel. Taitsan ist ein wichtiger Ort und die
Einnahme nach dem verübten Verrat eine verdiente; der Kommandant
hat eine Kopfwunde davongetragen. Diese Stadt erschließt uns ein
großes Stück Land. Die chinesischen Behörden sind voll Lobes über
meine Leute. Ich bin jetzt ein Tsung-Ping Mandarin (die zweitoberste
Würde) und habe viel Einfluß. Nicht daß ich das an sich schätzte,
aber ich bin immer gewisser, daß ich recht daran that, das Kommando
zu übernehmen. Du würdest mir ebenfalls recht geben, könntest Du Dich
mit eigenen Augen von der Niederträchtigkeit der Rebellen überzeugen.
Taitsan war stark befestigt, es ist eine Fu oder Hauptstadt.«
Die stets siegreiche Armee hatte ihrem Namen Ehre gemacht und ihr
Anführer sich als ein Befehlshaber erwiesen, der das wahre Geheimnis
der Kriegskunst kennt -- das Wann, Wie und Wo des Draufschlagens.
Zwanzig Jahre später, als die Araber angefangen hatten, seinen Palast
in Khartum zu beschießen und er wußte, daß selbst etliche seiner zum
Mahdi überlaufenden Sudanesen die feindlichen Kanonen bedienten,
schrieb er in sein Tagebuch: »Es ist nicht das erstemal, daß meine
eigenen Leute auf mich schießen. In der Bresche vor Taitsan waren
zwei Engländer vom 31. Regiment unter den Rebellen. Der eine fiel,
der andere wurde verwundet und gefangen genommen. ›Herr Gordon! Herr
Gordon! lassen Sie mich nicht totschießen!‹ Lauter Befehl: ›Führt ihn
weg und jagt ihm eine Kugel durch den Kopf.‹ Leiser Befehl: ›Bringt
ihn in mein Boot, der Doktor soll nach ihm sehen; dann schickt ihn
nach Schanghai.‹ Der Mann lebt wohl heute noch.«
Die kaiserlichen Mandarine nahmen ihre Privatrache an einigen der
Gefangenen, was zu Gerüchten Anlaß gab, die darauf berechnet waren,
Gordon zu verleumden. Dieser schreibt mit Bezugnahme hierauf unterm
15. Juli 1863 an den Herausgeber der Schanghaier Schiffszeitung:
»Ich kann bezeugen, daß die Chinesen meines Korps nicht grausamer
sind als die Soldaten irgend einer christlichen Nation; als Beweis
erwähne ich die Thatsache, daß siebenhundert der bei Kuinsan
gefangen genommenen Taipings bei uns jetzt im Dienst stehen. Sie
haben sich freiwillig unsern Fahnen angeschlossen und sich bereits
gut gegen die Rebellen geschlagen. Nur ~eine~ Hinrichtung ist
nötig gewesen; sie traf einen Rebellen, der es versuchte, seine
Kameraden gegen die Wache aufzuhetzen, und sofort erschossen wurde.
Es ist ein großer Irrtum, anzunehmen, daß dieses Korps aus lauter
gewissenlosen Menschen bestehe. In der Hitze des Gefechts schlagen
sie drauf und halten es für tapfer den Feind zu töten, wie andere
Soldaten auch; aber nach der Schlacht heißt es gleich wieder gut
Freund .... Wenn ein gewisser (ungenannter) »Augenzeuge« und jener
»Freund der Barmherzigkeit« ihre beiderseitigen Behauptungen mit
wirklichen Beweisen belegen könnten, so wäre es besser, als den
Zeitungen Zuschriften zu schicken, wie diejenigen, die den Bischof
von Viktoria beschäftigen. Und wenn irgend jemand der Meinung ist,
das Volk wäre mit der Rebellenwirtschaft zufrieden, so dürfte er
sich vom Augenschein hier leicht eines andern belehren lassen.
Ich überschätze die Zahl gewiß nicht, wenn ich sage, daß nach der
Einnahme von Kuinsan fünfzehnhundert der flüchtigen Rebellen von den
sich massenhaft erhebenden Landleuten erschlagen wurden.«
Wir haben vorgegriffen. Daß die chinesischen Söldner in vollständiger
Mannszucht standen, ist kaum anzunehmen; Gordon war ja noch keine zwei
Monate im Kommando. Seine Soldaten hatten in Taitsan geplündert, was
gegen seine Kriegsverordnung war. Er strafte sie aber damit, daß er
ihnen keine Gelegenheit gab, ihre Beute zu verwerten; sie anderweitig
zu züchtigen, dafür war es kaum der geeignete Moment, nachdem sie
eben einen Sieg errungen, der, so glänzend er war, doch blutige Opfer
gekostet hatte. Er überließ es den Mandarinen, die gefallene Stadt zu
besetzen, und marschierte mit seinem Korps nach Sung-Kiang zurück.
Dort erließ er eine Proklamation, dankte den Truppen für ihre tapfere
Haltung, tadelte die Offiziere aber wegen allzu laxer Mannszucht.
Um diese zu bessern, ernannte er an der Gefallenen Statt mehrere
englische Offiziere aus einem in Schanghai liegenden Regiment, welche
Erlaubnis hatten, ihm ihre Dienste anzubieten.
Und nun ging's nach Kuinsan. Eine drohende Unbotmäßigkeit in seinem
Korps wich seiner Ruhe und Festigkeit. Kuinsan war nicht nur der
Schlüssel zum größeren Sutschau, sondern überhaupt zur Hälfte des
rebellischen Territoriums. Die Stadt hatte eine ausgezeichnete Lage;
in ihrer Mitte erhob sich inselartig, mit einer Pagode gekrönt, ein
Hügel. Der Angriff konnte somit genau beobachtet werden, und zwei oder
drei richtig aufgepflanzte Geschütze hätten die Stadt zur beinahe
unnahbaren Festung gemacht. Der Graben um die Stadt her war über
hundert Fuß breit. Die Garnison bestand aus zwölf- bis fünfzehntausend
Taipings unter einem Anführer Namens Moh Wang. Der kaiserliche General
Tsching war für einen Angriff von der Ostseite her, aber Gordons
Kriegsgenie geriet auf eine andere Taktik, und in der That fiel die
Stadt lediglich infolge seiner Manöver mit einem kleinen Flußdampfer.
Er hatte bald entdeckt, daß Kuinsan bei seiner ausgezeichneten Lage
doch einen schwachen Punkt hatte, indem die Verbindung mit Sutschau in
einer einzigen Straße bestand, die teilweise an einem See hinführte,
teilweise zwischen einem Netz von Kanälen lag. Er brachte seinen
Dampfer Hyson zur Stelle, und die Verbindung zwischen den beiden
Städten war abgeschnitten. Der Hyson trug einen Zweiunddreißigpfünder
und einen zwölfpfündigen Mörser. Der Kapitän war ein kühner
Amerikaner, und ihm folgte eine Flottille von etwa fünfzig kleinen
Segelboten mit Kanonen. Der Hyson that gute Arbeit und säuberte sehr
bald die Wasserstraße von allen Taipings, als wäre er ein mächtiges
Kriegsschiff gewesen; ja einmal dampfte das kühne Boot mit Gordon an
Bord bis unter die Mauern von Sutschau.
Mittlerweile fand im großen Kanal ein hitziges Gefecht statt. Die
Besatzung hatte nach Sonnenuntergang einen Ausfall gemacht. So
zahlreich und so verzweifelt waren die Taipings, daß sie unter
einem tüchtigen Anführer die »stets siegreiche Armee« völlig hätten
aufreiben können. Mitten im Getümmel erschien der Hyson mit dem
Aufblitzen und Donner seiner Geschütze, und -- was den Taipings
offenbar einen tollen Schrecken einjagte -- mit dem schrillen Pfiff
seiner Dampfmaschine. Der Feind geriet in verworrene Flucht, und
ehe der Morgen tagte, war Kuinsan gefallen, ohne nur ein einzigesmal
gestürmt worden zu sein. Von da an hatten die Krieger des großen
Friedens eine heilsame Furcht vor dem Namen Gordon. Achthundert Mann
der feindlichen Besatzung wurden gefangen genommen, und die meisten
von diesen nahmen Dienst bei dem Sieger; doch war dies nicht der
zehnte Teil der Mannschaft, und nur wenige Flüchtlinge erreichten
Sutschau; der größte Teil muß unterwegs umgekommen sein. Gordon hatte
diesen wunderbaren Erfolg fast ohne Opfer erreicht; zwei im Kampf
Gefallene und fünf Ertrunkene war der ganze Verlust auf seiner Seite.
Gordons Grundsatz, alle Gefangenen, die es begehrten, in seine Reihen
aufzunehmen, bewährte sich glänzend. Feinde wurden zu Freunden.
Auch gestattete er, so viel an ihm lag, nie, daß die Kaiserlichen
Grausamkeiten verübten; Gefangene müßten so behandelt werden, sagte
er, wie es Soldaten zukomme, die sich einem britischen Offizier
ergeben. Sein eigener Bericht lautet:
»Die Rebellen haben diesmal tüchtig Schläge gekriegt; ich glaube
nicht, daß sie sich noch lange zur Wehr setzen werden, da wir ihnen
durch unsere Dampfer so weit überlegen sind. Kuinsan ist eine große
Stadt, über fünf Kilometer im Umkreis, ihren Mittelpunkt bildet ein
sechshundert Fuß hoher Hügel, von dem man die Gegend stundenweit
beherrscht. Es ist ein merkwürdiges Land, voller Wasserstraßen und
von großem Reichtum. Durch die Eroberung dieser Stadt ist es der
kaiserlichen Regierung nun ermöglicht, die reichen Korndistrikte
u. s. w. zu beschützen; die Landleute sind so dankbar, daß es eine
Freude ist, sie zu sehen. Sie waren in schlimmer Lage vorher, mitten
zwischen den Rebellen und den Kaiserlichen; sie waren aber schlau
genug, sich einigermaßen dadurch zu helfen, daß jedes Dorf sich zwei
Bürgermeister hielt, einen kaiserlichen und einen, der vorgab, es mit
den Rebellen zu halten. Auf diese Weise entrichteten sie Steuern an
beide. Was ich nun weiter zu sagen habe, könnte für Prahlerei gelten,
aber ich weiß, daß Ihr alles hören wollt. Der Gouverneur der Provinz,
Prinz Kung, und alle Mandarine sind froh, daß ich die Anführerschaft
übernommen habe. Ich bin ein Tsung-Ping, d. h. ein Mandarin zum
roten Knopf; wie Ihr Euch denken könnt, trage ich die Kleidung aber
nicht. Sie schreiben mir sehr schmeichelhafte Briefe und sind äußerst
verbindlich. Ich mag die Chinesen auch gut leiden, aber Takt ist
nötig im Umgang mit ihnen, und über ihr Phlegma zornig werden nützt
gar nichts; ich lasse es daher bleiben .... Sollten Gerüchte von
begangenen Grausamkeiten Euch erreichen, so glaubt sie nicht! Wir
haben an achthundert Gefangene gemacht; eine gute Anzahl derselben
ist jetzt meiner Garde eingereiht und hat seither gegen ihre alten
Freunde, die Rebellen, mitgefochten. Wenn ich Zeit hätte, könnte
ich lange Geschichten erzählen, wie Leute aus entfernten Provinzen
einander hier treffen, oder wie die Bauern unter meinen Soldaten
Rebellen erkennen, die vor noch nicht langer Zeit ihre Dörfer
geplündert haben -- aber ich habe keine Zeit! Ich nahm einen Mandarin
gefangen, der drei Jahre lang bei den Rebellen war; er hat jetzt eine
Kugel in der Wange, die er sich neulich im Gefecht gegen die Taipings
geholt hat. Die Ex-Rebellen, die ich in meine Garde aufnahm, waren
alle Schlangenträger oder Hauptleute. Sowohl bei den Rebellen als bei
den Kaiserlichen sind die Schlangenstandarten nämlich die Abzeichen
der Anführer. Wo man eine sieht, ist immer ein Befehlshaber in der
Nähe. Ihr Verschwinden bedeutet den Rückzug des Feindes. In Taitsan
hielten die Schlangen auch bis zuletzt, das bewies, daß der Kampf
ein hartnäckiger war. Die Wangs wußten nach der Einnahme von Fusan,
daß ein »neuer Engländer im Kommando war, aber sie erwarteten ihn
nicht in Taitsan.« Äußerst seltsame Gerüchte sind im Umlauf, so z. B.
sollen die Rebellen mir vierzigtausend Mark geschenkt haben, damit
ich Kuinsan in Ruhe lasse. Alle Mandarine hatten davon gehört, und
wenn sie es glaubten, so mußte es sie wunder nehmen, daß wir trotzdem
vor Kuinsan erschienen. Bu Wang und zehn andere Wangs ertranken auf
dem Rückzug; jener war Befehlshaber von Sutschau und schrieb einen
großthuenden Brief an General Staveley, wir wären nur ein Krämervolk,
und er habe Soldaten wie Sand am Meer. Ich meinesteils hielt die
Rebellen nie für so stark als man annahm; es sind nicht viel tüchtige
Soldaten unter ihnen. Tschung Wang, der Getreue, ist anderwärts
beschäftigt und soll nicht beabsichtigen, wieder nach Sutschau
zurückzukehren. Die Einwohner von Sutschau haben ihre Weiber und ihre
Habe in die Wassergegend hinter die Stadt geflüchtet. Ich fürchte,
die Wangs werden lange Gesichter machen, wenn sie dort auf unsere
drei Dampfer stoßen, was ihnen leicht blühen kann.
Eine gründliche Kenntnis des Landes ist unschätzbar, und ich habe
die Gegend genau studiert. Tschanzu ist etwa sechzig Kilometer von
hier. Ich bin öfters dort gewesen; die Leute fühlen sich jetzt sicher
dort, seit Kuinsan gefallen ist. Das Entsetzen der Rebellen über
unsere Dampfer ist ein großes, besonders wenn Signal gepfiffen wird,
das geht über ihr Fassungsvermögen .... Wir haben mehrere ehemalige
Diener des Bu Wang unter den Gefangenen, und ihre Berichte sind
ergötzlich. Die Wangs hatten beschlossen, meinen Dampfer in die Luft
zu sprengen, und erließen eine Proklamation, daß Pulver gelegt werde;
sie vergaßen nur die Hauptsache, nämlich ~wie~ das geschehen
könnte -- darüber hat allem nach nichts verlautet ...
Ich habe mehrere englische Offiziere, und wir begnügen uns mit der
Montur, die wir auftreiben können; die Soldaten sind in hellen Lumpen
... Ja, es ist wie Du sagst, der Bezahlung wegen bin ich nicht
hier. Ich halte es immer mehr für ein gutes Werk, den Aufstand zu
unterdrücken, und Du würdest ebenso denken, könntest Du es nur einmal
mit ansehen, mit welch dankbarer Freude die Landleute ihre Freiheit
hinnehmen; die Rebellen sind ihre Tyrannen ... Die Verlegung des
Hauptquartiers war ein großes Stück Arbeit.«
Gordon hatte nämlich beschlossen, Kuinsan jetzt zum Mittelpunkt seines
Unternehmens zu machen, und zwar ebensowohl der Lage wegen als mit
Rücksicht auf den nicht minder wichtigen Vorteil, daß er sein Korps
dort in strammerer Mannszucht würde halten können als in Sung-kiang,
wo die Tradition von Ward und Burgevine noch nachwirkte. Seine Leute
aber billigten den Beschluß keineswegs. In Sung-kiang konnten sie
etwaige Beute besser los werden, während das Plünderungsverbot in
Kuinsan überhaupt so leicht nicht mehr umgangen werden konnte. Die
Unbotmäßigkeit wuchs zur Meuterei. Die Artillerie weigerte sich
anzutreten. Sie würden die Offiziere zusammenschießen, ließen sie
Gordon schriftlich androhen. Dieser aber war ihnen gewachsen. Er rief
sofort sämtliche Unteroffiziere heraus, indem er nicht zweifelte, daß
unter diesen die Rädelsführer und Schreiber des frechen Schriftstücks
sich befänden. Wer den Brief geschrieben, verlangte er zu wissen, und
warum das Regiment sich dem ergangenen Befehl widersetze. Störriges
Schweigen war die Antwort. Darauf erklärte Gordon mit ruhiger
Bestimmtheit, er werde je den fünften Mann erschießen lassen, was mit
wildem Murren aufgenommen wurde. Ein Korporal zeichnete sich hierbei
besonders aus. Mit dem ihm eigenen Scharfblick erkannte Gordon seinen
Mann. Mit eigener Hand zog er den Korporal aus der Reihe und ließ ihn
von zwei dabeistehenden Infanteriesoldaten ohne weiteres erschießen.
Die andern erhielten eine Stunde Arrest mit der Erklärung, daß, wenn
alsdann der Antritt nicht erfolge und der Verfasser des Briefes nicht
genannt würde, je der fünfte Mann unter ihnen erschossen werden
solle. Das wirkte; das Regiment trat an, und als Gordon die verlangte
Mitteilung erhielt, ergab sich's, daß der Rädelsführer eben jener
Korporal war, dem er die verdiente Strafe hatte werden lassen.
Die Einnahme von Sutschau war das nächste Ziel, aber erst im Dezember
wurde es erreicht. Kuinsan war im Mai gefallen.
Die Pagodenstadt Sutschau liegt am großen Kanal und ist von
Wasserwegen umgeben. Gordon beschloß, sie allmählich abzuschneiden,
indem er zu Wasser von allen Seiten näher rückte. Etwa fünfzehn
Kilometer südlich von Sutschau liegt Kahpu am Thaihusee, wo die
Rebellen zwei starke Forts innehatten, nicht weit davon die Stadt
Wokong. Als Schlüssel zu dem etwa achtzig Quadratkilometer großen
Thaihusee waren beide Orte von Wichtigkeit, außerdem beherrschten sie
die Verbindung zwischen Sutschau und den Taiping-Städten im Süden.
Dahin richtete Gordon deshalb seinen ersten Angriff und eroberte
beide Orte mit etwa zweitausendzweihundert Mann Infanterie und
Artillerie, sowie mit Hilfe zweier Kriegsboote, der »Feuerfliege« und
dem »Heimchen«. Auch hier zeigte es sich wieder, daß rasche Bewegung
Gordons Stärke war; so gab es z. B. einen ordentlichen Wettlauf nach
einer Verschanzung außerhalb Wokongs, welche die Rebellen vergessen
hatten zu besetzen. Als sie merkten, daß der Feind sich seine
Gelegenheit ersah, wollten sie das Versäumte geschwind noch nachholen
und machten sich kopfüber auf den Weg. Zwei Regimenter Gordons aber
waren hinter ihnen her, so daß die Taipings eigentlich nur sozusagen
zu einer Thür hinein und zur andern wieder hinausgejagt wurden, den
Siegreichen den Posten überlassend.
Viertausend Rebellen kapitulierten; fünfzehnhundert derselben sollte
Tsching unter seine Kaiserlichen aufnehmen, nachdem er sein Wort
gegeben hatte, sie gut zu behandeln. Es dauerte aber nicht lange,
da hörte Gordon, Tsching habe trotz seinem Versprechen etliche
derselben enthauptet, eine Wortbrüchigkeit, welche Gordons ganzen
Zorn herausforderte. Überdies war er unzufrieden, weil der Sold
seiner Truppen seit einiger Zeit im Rückstande war. Er hatte ihnen
das Plündern verwehrt mit dem Versprechen einer regelmäßigen Löhnung;
nun entbehrten sie beides, und allgemeines Murren wurde laut. Es ist
bezeichnend, daß nach der Einnahme von Kuinsan, einem Erfolg, der
europäische Truppen mit flammender Begeisterung erfüllt hätte, die
Siegreichen in ziemlicher Anzahl davonliefen! Auch hierin liegt ein
Grund, warum Gordon nicht anders konnte, als Taiping-Überläufer zu
Rekruten zu machen! Durch Tschings zwecklose Grausamkeit wurde das Maß
seines Unmuts voll; er beschloß sein Kommando niederzulegen, und ritt
in dieser Absicht nach Schanghai. Als er am dritten August dort ankam,
fand er indessen eine Nachricht vor, die ihn alsbald umstimmte.
Burgevine mit etwa dreihundert Mann europäischen Pöbels und einem
kleinen Dampfer hatte eben die Stadt verlassen, um sich den Rebellen
anzuschließen. Burgevine ein Wang! das war allerdings eine Neuigkeit,
die den Leuten von Schanghai nicht ganz einerlei war, und Gordon sah,
daß er der kaiserlichen Sache nicht den Rücken wenden durfte, wenn er
es nicht riskieren wollte, daß die »stets siegreiche Armee« sich ihrem
alten Anführer zuwenden und mit ihm zu den Taipings übergehen sollte.
Sofort kehrte er nach Kuinsan zurück, und ernste Gedanken mochten ihn
auf seinem einsamen Ritte begleiten. Wie viel hing von der Stimmung
seines Korps ab! Die Leute konnten es nicht vergessen haben, wie
Burgevine seiner Zeit den kaiserlichen Zahlmeister prügelte, weil er
im Rückstande war, und wie er nie Anstand nahm selbst Tempelraub zu
begehen, wenn sich's darum handelte, die Siegreichen zu löhnen. Kein
Wunder, daß Gordon bei seiner Rückkehr großer Aufregung begegnete;
seine Macht über die Geister machte sich aber auch jetzt wieder
geltend. Er schickte sich alsbald an, seine Stellung bei Kahpu zu
verstärken, und nicht zu früh, denn die mutig gewordenen Taipings
machten einen Überfall, wurden aber zurückgeschlagen; doch verlor
Gordon ein Kanonenboot. Burgevine war übrigens nicht bei diesem
Angriff; es hieß, er bilde eine Fremdenlegion in Sutschau. Gordon
hielt sich fürs nächste auf der Defensive.
»Daß Burgevine sich den Rebellen angeschlossen hat, wird den Aufstand
ohne Zweifel verlängern, der sonst, nach menschlichem Ermessen, wohl
noch in diesem Jahr unterdrückt worden wäre, oder doch spätestens
im Laufe des Winters. Ich habe zu wenig Leute, um überall sein zu
können, auch ist bei der gegenwärtigen Sachlage doppelte Vorsicht
nötig. Die Kaiserlichen leiden an der Einbildung, daß sie die
Rebellen im offenen Felde schlagen können, was nicht der Fall ist
... Man sucht mich zu überreden, alsbald die Offensive zu ergreifen,
allein das Leben der Leute ist mir anvertraut, und ich will nichts
thun, was ich von vornherein für tollkühn halten muß. So weit sind
wir gut weggekommen, wir hatten in all diesen Gefechten nicht mehr
als dreißig bis vierzig Tote bei sechzig bis achtzig Verwundeten.
Es wäre wohl ein Unternehmen, um von sich reden zu machen, wenn
ich Sutschau eroberte ohne Verstärkung abzuwarten; aber ich will
nichts derartiges riskieren. Wokong ist unser, damit ist schon viel
gewonnen, und wenn ich durch die Einnahme von Wusieh Sutschau von
aller Verbindung abschneiden kann, wird es wohl nicht nötig sein,
die Stadt zu stürmen. Ich denke, die Taipings werden sie von selbst
räumen. Burgevine ist ein Thor und sieht nicht, was für Elend er
übers Land bringt ....«
Unterm 11. September heißt es weiter:
»Burgevines kleiner Dolmetscher ist zu uns übergelaufen und sagt,
daß sein Herr den Wangs allerlei von uns erzähle, was sie höchlich
interessiere. Er sei in guter Gesundheit, aber träge. Seine Anhänger
sind größtenteils Gesindel aus Schanghai .... Die Gegenwart von
Europäern (bezw. Amerikanern) hat die Rebellen in nichts gebessert;
sie sengen und brennen nach wie vor, wo und was sie können, und wir
haben eine Menge ausgehungerter Leute hier ....«
Unterm 25. September schreibt er aus dem Lager bei Sutschau:
»Ich habe nun Stellung genommen, um die Kaiserlichen zu decken,
die sich in einer Entfernung von etwa fünftausend Fuß vor Sutschau
verschanzt haben ... Burgevine ist in Schanghai gewesen« -- nämlich
um sich Munition zu verschaffen, bei welch tollkühnem Unterfangen er
beinahe in Gefangenschaft geriet.
Am 30. September konnte Gordon bereits von Erfolg berichten:
»Da die Kaiserlichen durch die Patatschau-Schanzen gehindert waren,
so beschloß ich, dieselben einzunehmen. Die Verteidigung war schwach
und unser Verlust bei der Erstürmung ein kaum nennenswerter --
fünf Verwundete .... Bei Patatschau ist eine merkwürdige Brücke,
sie besteht aus dreiundfünfzig Bogen und ist dreihundert Fuß lang.
Ich bedaure sagen zu müssen, daß sechsundzwanzig der Bogen gestern
zusammenfielen wie ein Kartenhaus, wobei zwei meiner Leute ums Leben
kamen, zehn andere retteten sich nur durch schleunige Flucht. Die
Bogen stürzten einer nach dem andern mit kolossalem Lärm zusammen,
und mein Boot wurde schier mit zertrümmert. Es ist mir sehr leid,
denn die Brücke war einzig in ihrer Art und sehr alt, eine wahre
Sehenswürdigkeit. Ich fürchte, ich bin am Einsturz schuld; ich wollte
nämlich einen Bogen wegnehmen lassen, um Raum für den Durchgang
eines Dampfers nach dem Thaihusee zu gewinnen, da brach die ganze
Geschichte zusammen, weil ein Bogen vom andern getragen war ... Die
Lage der Rebellen wird immer schlimmer; ich denke, es wird nicht
lange mehr dauern, bis ich den Fall von Sutschau melden kann. Wir
sind hier etwa drei Kilometer davon entfernt, am großen Kanal. Die
Dampfer legen den Taipings doch das Handwerk bedeutend.«
Was den Sturz der Brücke betrifft, so bedarf Gordons Bericht der
Ergänzung. Er saß eines Abends allein auf der Brüstung jener Brücke
und rauchte seine Zigarre, als zwei Kugeln nach einander neben ihm
auf den Stein schlugen und abprallten. Diese Flintenschüsse, die ganz
»zufällige« waren, kamen aus seinem eigenen Lager, wo man nicht wußte,
daß er sich gerade daselbst aufhielt. Nach dem zweiten Schuß erhob er
sich und schickte sich an, zurückzurudern, um zu sehen was es gäbe.
Er war noch keinen Steinwurf von der Stelle entfernt, als der Teil
der Brücke, auf dem er gesessen, mit großem Gekrach einstürzte und
sein Boot in nicht geringe Gefahr brachte. Die Hauptgefahr, der er
soeben entronnen, war natürlich die gewesen, selbst mit der Brücke zu
stürzen. Es ist charakteristisch, daß er die Sache in seinem Briefe
mit keinem Wort erwähnt! Diese Begebenheit ist eines jener Ereignisse,
die seine Leute auf den Glauben brachten, sein Leben sei gefeit.
Dieser Glaube hatte bei seinen Chinesen in der That tiefe Wurzel
gefaßt. In keinem Gefecht sah man ihn selbst Waffen tragen, obschon er
es meist nötig fand, den Angriff persönlich zu leiten. Seine Offiziere
waren ja im ganzen sehr tapfere Leute, aber nicht immer dazu angethan,
dem verzweifelten Feind stand zu halten. Bei solchen Gelegenheiten
konnte man Gordon oft sehen, wie er diesen oder jenen Offizier ruhig
am Arm nahm und ihn mit sich in den dicksten Kugelregen führte. Er
kannte keine Furcht; ihm galt ein Musketenfeuer nicht mehr als ein
Hagelwetter. Die einzige »Waffe«, die er im Treffen führte, war sein
kleines spanisches Rohr, womit er die Leute dirigierte; seine Soldaten
aber, die ihn fast nur als Sieger kannten und ihn mit Staunen immer
kaltblütig und unversehrt sahen, meinten, es habe mit dem Röhrchen
eine besondere Bewandtnis. Als »Gordons Zauberstab« stand dasselbe
denn auch in glänzendem Rufe. Und dieser Ruf war etwas wert.
Die in der Festung eingeschlossenen Europäer fanden sich mittlerweile
unter der Herrschaft der Taipings aufs gründlichste enttäuscht; es
kam zu Unterhandlungen zwischen Gordon und Burgevine. Eine Brücke bei
Patatschau war der neutrale Boden der Zusammenkünfte.
Burgevine war ein amerikanischer Abenteurer vom reinsten Wasser,
Sohn eines französischen Offiziers aus der Zeit des ersten Napoleon,
in Nord-Karolina geboren. Er war nicht ohne Bildung, und der Traum
seines Lebens scheint der gewesen zu sein, ein Kaiserreich zu
gründen. Kalifornien, Australien, Hawaii, Indien und schließlich
China waren der Schauplatz seiner Unternehmungen. Trunksucht soll
ihn schließlich zu Grunde gerichtet haben. Seine Entlassung aus dem
Sung-kiang-Corps hatte er nicht verwinden können, und er schloß sich
den Taipings an, nur um sich an den Kaiserlichen zu rächen. In
seiner ersten Unterredung mit Gordon erklärte er, er sei der Rebellen
überdrüssig und wolle sie mit seinem Anhang wieder verlassen, wenn
er die Gewißheit erhalten könne, daß die Kaiserlichen ihn für seinen
Verrat nicht zur Verantwortung ziehen würden. Gordon übernahm es, die
Bürgschaft zu leisten, und war alsbald bereit, sowohl Burgevine als
andere Europäer, die dazu Lust hätten, unter seiner Fahne dienen zu
lassen. Als aber Gordon und Burgevine das zweitemal zusammenkamen,
gab der letztere seine wahre Gesinnung kund. Er und Gordon könnten
gemeinschaftliche Sache machen, meinte er, mit einander der Stadt
Sutschau habhaft werden, unter Ausschluß beider, der Rebellen und
der Kaiserlichen, sich der in dieser Stadt aufgehäuften Schätze
versichern, eine größere Armee heranbilden, nach Peking marschieren
und das geträumte Kaiserreich gründen. Man kann sich denken, was
Gordon dazu wird gesagt haben.
Übrigens desertierten die Europäer in der Stadt einige Wochen später
massenweise, und zwar mit Gordons Hilfe. So groß war ihr Vertrauen zu
dem feindlichen Landsmann, daß sie ihm sagen ließen, sie gedächten
einen Ausfall zu machen in der Absicht, sich seinem Schutz zu ergeben.
Auf ein Raketensignal hin wollten sie den Dampfer Hyson entern.
Dies geschah denn auch mit solchem Eklat, daß Tausende von Taipings
hinter ihnen herstürmten, in der Meinung, es handle sich um einen
wirklichen Überfall; der Hyson aber trug die Flüchtlinge davon, deren
Abschiedsgrüße der Zweiunddreißig-Pfünder energisch vermittelte.
Burgevine mit etlichen anderen war indessen zurückgeblieben; der
Moh Wang habe Verdacht geschöpft, hieß es, weshalb sie die Sache
beschleunigt hätten, ohne auf die Säumigen zu warten.
Die Mehrzahl dieser Überläufer waren Matrosen, die nach Sutschau
gelockt worden waren, ohne zu wissen, wohin sie gingen. Ausgehungert
und zerlumpt wie sie waren, wußten sie ihrer Dankbarkeit kein Ende,
und fast alle baten um die Erlaubnis, dieselbe dadurch mit der That
beweisen zu dürfen, daß sie sich der siegreichen Armee einreihen
ließen. Gordon aber, sobald er hörte, daß Burgevine in der Stadt
zurückgeblieben und somit der Rache der Taipings hilflos überlassen
war, richtete (16. Okt.) folgende Zuschrift an die beiden Haupt-Wangs
der Belagerten:
»Es kann Ew. Exzellenzen nicht verborgen geblieben sein, daß ich
bei jeder Gelegenheit, wo es in meiner Macht stand, Ihren in unsere
Gefangenschaft geratenen Soldaten Barmherzigkeit erwiesen habe und
es mir habe angelegen sein lassen, die kaiserlichen Behörden vor
Grausamkeiten zurückzuhalten. Die Wahrheit dieser meiner Aussage kann
Ihnen von solchen, die persönliche Erfahrung haben, bestätigt werden;
denn mancher von Ihren Soldaten muß, nachdem Wokong in unsere Hände
gefallen war, wieder nach Sutschau zurückgekehrt sein, ich habe es
wenigstens keinem verwehrt, der es wünschte.
»Hierauf Bezug nehmend, erlaube ich mir Ew. Exzellenzen zu ersuchen,
die Lage der Europäer in Ihren Diensten wohlwollend zu beurteilen.
Ein Soldat, er mag kämpfen für wen er will, muß von loyalen Gedanken
getragen werden, wenn er seine Pflicht thun soll. Und wenn einer
gegen seinen Willen zu irgend einer Fahne gezwungen wird, so wird
er nicht nur ein schlechter Soldat sein, sondern außerdem auch ein
Unruhestifter im Regiment, den man nur hüten muß. Sollten nun solche
Europäer in Sutschau sein, so erlaube ich mir, an Ew. Exzellenzen die
Frage zu richten, ob es nicht viel besser wäre, solche unbehindert
ziehen zu lassen, wenn das ihr Wunsch sein sollte. Sie selbst würden
damit eine ständige Ursache des Argwohns los werden und sich die
Billigung fremder Mächte erwerben; während Sie außerdem die Gewißheit
hätten, daß Ihnen nur von außen ein Feind droht und nicht auch im
eigenen Lager. Ew. Exzellenzen denken vielleicht, daß durch ein paar
Hinrichtungen innere Ruhe bald hergestellt wäre; Sie würden dann aber
ein Verbrechen auf sich laden, das sich früher oder später rächen
müßte. Bei meinen Truppen steht es den Offizieren wie den Gemeinen
frei, zu kommen und zu gehen wie es ihnen beliebt; und obschon das
manchmal unbequem ist, so bin ich doch andererseits dadurch vor
innerem Verrat sicher. Ew. Exzellenzen wollen sich darauf verlassen,
daß Sie es zu bereuen haben werden, wenn Sie den in Ihrem Dienst
sich befindenden Europäern ans Leben gehen oder sie wider ihren
Willen zurückhalten. Dieselben haben nichts verbrochen, sie haben
Ihnen im Gegenteil eine Zeit lang gedient; und wenn sie nun zu
entfliehen suchen, so ist das nichts anderes als was jeder Mensch,
ja jedes Tier in mißlicher Lage zu thun strebt .... Persönlichen
Vorteil habe ich durchaus keinen dabei, ob die betreffenden in
der Stadt zurückgehalten werden oder dieselbe verlassen. Wenn ich
ihretwegen an Sie appelliere, so geschieht es lediglich aus Gründen
der Menschlichkeit .... Daß diese Europäer mir Mitteilungen machen
könnten, haben Ew. Exzellenzen durchaus nicht zu fürchten; Ihre
Truppenstärke und Kriegsmittel sind mir längst bekannt, ich brauche
mich daher nicht erst von ihnen belehren zu lassen.
»Sollte ich hinsichtlich dieser Männer vergeblich an Sie appellieren,
so schicken Sie mir wenigstens die Verwundeten unter ihnen und
glauben Sie, daß Sie damit eine That thun, die Sie nie bereuen
werden.
»Ich schreibe dies eigenhändig, da ich mich nicht auf einen
dolmetschenden Schriftführer verlassen will. In der Hoffnung, daß Sie
meine Bitte gewähren, schließe ich