Die nächsten mit dem Juli 1860 beginnenden vier Jahre umschließen in
dem Leben Gordons fast märchenhafte Ereignisse. Es ist die Zeit, die
ihm den Ehrennamen »Chinesen-Gordon« brachte. Folgen wir dem Manne in
den fernen Osten.
In keinem Lande der Welt ist die Gegenwart so mit der Vergangenheit
verwachsen wie in China. Das hohe Alter des chinesischen Reiches
ist ein einzig dastehendes Beispiel in der Weltgeschichte, und
dieselben Grundsätze, die diesen Staat in seiner Jugend regierten,
sind noch jetzt die Haltpunkte des »schwarzhaarigen Volkes«. Um eine
revolutionäre Bewegung der Neuzeit wie den Taiping-Aufstand richtig
zu verstehen, muß man wenigstens einen Blick gethan haben in die
Gedankenwelt der alten chinesischen Weisen. Bei uns wäre es müßig, die
Sachsenkriege eines Karl des Großen oder die italienischen Feldzüge
eines Barbarossa zu betrachten, um beispielshalber die Politik
eines Staatsmannes der Gegenwart ins richtige Licht zu setzen; in
China aber gehören Einst und Jetzt so zusammen, daß Yao und Schün,
die halbmythischen Kaiser, und der große Yü von vier Jahrtausenden
her heute noch das »blumige Land« beeinflussen. Konfucius, der
»thronlose König«, der »Lehrer von zehntausend Geschlechtern«, betont
es wiederholt, er bringe nichts Neues: »Ich selbst bin nicht die
Weisheit«, sagt er, »ich suche sie bei den Alten.« Und was lehrten
oder glaubten nun diese Alten? Wenn man das Schu-King, dieses wohl
4000 Jahre alte »Lehrbuch der Anfänge« fragt, so lautet die Antwort:
das ganze Weltall ruht auf einer göttlichen Harmonie, die im Herzen
des Menschen Widerhall findet. Dieser ~Gedanke des Harmonischen~
zieht sich durchs Schu-King und alle anderen chinesischen Klassiker
hin. So heißt's vom Kaiser Yao, daß, »nachdem er selbst harmonisch
geworden, er die Unterthanen zum Einklang gebracht habe«, und der
Kaiser Schün ist deshalb gewählt worden, weil er's verstanden hat,
»seinen Vater, seine Mutter, seine Brüder, ja alle dummen und
einfältigen Verwandten zu ~harmonisieren~«. Wenn das Land
zerrüttet ist, so sagt man in China: »die Leute sind nicht harmonisch«.
In der Vorstellung der Harmonie wurzelt alles in China; es ist der
Tien oder Himmel des Konfucius, das Schang-ti oder Göttliche der
alten Schriften; und da nur der Weise wirkliches Verständnis dafür
hat, so ist es sein heiliges und besonderes Vorrecht, den Himmel der
Erde, die Gottheit den Menschen zu deuten. Er allein weiß, wie die
wahre Harmonie sich in irdischen Dingen kundgiebt, sei's nun zwischen
Herrscher und Unterthanen, zwischen Vater und Sohn oder Gatte und
Gattin, Freund und Freund. Der Weiseste soll Regent sein; er sei an
Gottes Statt der Beherrscher des blumigen Landes, der schwarzhaarigen
Menschen, ja der ganzen Welt. Er ist der Ebenbürtige des Himmels.
Es ist ersichtlich, daß die chinesische Anschauung der elterlichen
Autorität, wie auch ihre althergebrachte Theorie, nur tüchtige
Menschen zu Amt und Herrschertum zuzulassen, lediglich Bruchteile
jenes Hauptgedankens der Harmonie sind, woraus die weitere Vorstellung
sich ergiebt, daß in allen Verhältnissen des Lebens, in aller
gemeinsamen Thätigkeit, gleichviel welche verschiedenartigen Kräfte in
derselben sich äußern, eine symmetrische Einheit das Endziel ist. Kein
Volk hat umfassendere Begriffe von Organisation und Zentralisation als
die Chinesen; aber die Anschauung ist lediglich die einer organischen
Einheit, in der das Niedere naturgemäß und willig dem Höheren sich
unterordnet, das Gegenteil also einer nur äußeren Einheit durch
Gewalt. Die Chinesen sind daher in Wahrheit ein demokratisches Volk.
Nichts ist irrtümlicher als anzunehmen, daß der Kaiser oder seine
Beamten, sei es theoretisch oder praktisch, eines unumschränkten
Herrschertums sich erfreuen. Konfucius und alle anderen Weisen Chinas
stimmen mit Plato überein, wenn er sagt: »Niemand thut ~gern~
Böses«. Daraus folgern sie, daß eine gute Regierung beim Volk willigen
Gehorsam erzeuge. »Wer's versteht, mich zu besänftigen, der ist mein
Fürst, wer mich unterdrückt, ist mein Feind, der Verworfene des
Himmels und der Menschen!«
Über schlechte Regenten ergießt sich der göttliche Zorn und beschließt
ihren Untergang. Nach chinesischer Ansicht ist ein Unglück, welches
das Volk trifft, immer ein Beweis von der Untüchtigkeit oder Bosheit
des Herrschers. Der Himmel zürnt, und das Volk ist in Erwartung, daß
einer aufstehe, um den »Ausrottungsbefehl« zu vollziehen, und zwar
trifft dieser Befehl öfters einen »geringen« Menschen. Es ist daher
erklärlich, daß man sich bei politischen Bewegungen in China immer
auf einen göttlichen Auftrag bezieht, mit dem ein Rückblick auf die
Beispiele der Vergangenheit verbunden ist.
Ehe wir nun zur Schilderung des Taiping-Aufstands übergehen, haben
wir noch zu beachten, in wie hohen Ehren die Chinesen alles Wissen
halten, ihre Ehrerbietung gegen das Alter, und die Verbreitung der
Bildung in allen Schichten des Volkes. Konfucius drückt die Meinung
des Landes, die heute noch gang und gäbe ist, aus, wenn er sagt: »Die
Alten, die erhabene Tugend im Reich zu verbreiten wünschten, sorgten
zuerst für Ordnung in der eigenen Familie; zu diesem Zweck veredelten
sie vor allen Dingen ihre eigene Person; um sich aber zu veredeln,
suchten sie ihr Herz zu bessern; um das Herz zu bessern, erstrebten
sie Aufrichtigkeit des Denkens; um aber aufrichtig und wahr zu denken,
erweiterten sie ihre Kenntnisse.« In diesem Zusammenhang von Bildung
und der so hochgeschätzten Harmonie wurzelt die Sitte der allgemeinen
Prüfungen in China, welche die besten Examinanden zum Beamtenstand
zulassen und selbst dem ärmsten Bauernsohn den Weg zu den höchsten
Staatswürden offen halten. Unter den zahllosen Millionen des Reiches
sind nur wenige, die nicht lesen und schreiben können; und selbst der
gewöhnliche Chinese nimmt lebhaften Anteil am Regierungswesen. Die
himmlische Regierung, vom Kaiser an durch den ganzen Beamtenstand,
weiß sich daher unter der Aufsicht einer öffentlichen Meinung, die
nicht zu mißachten ist.
Der Kaiser ist der Stellvertreter des Himmels, aber nicht kraft seines
Amtes, sondern lediglich kraft der Art und Weise, wie er seines Amtes
waltet. »Das Volk ist die Hauptsache«, lehrt die alte chinesische
Weisheit; »darnach kommt der Grund und Boden; der Regent folgt
zuletzt.« Das ganze Regierungsgetriebe ist nicht sowohl das Mittel, um
des Kaisers Willen zur Geltung zu bringen, als eine Organisation, um
die Bedürfnisse des Volkes laut werden zu lassen. Jeder Familie, jedem
Dorf, jedem Distrikt, jeder Provinz in China liegt die Verpflichtung
ob, sich selbst zu »harmonisieren«, und die oberste Instanz, die
kaiserliche Regierung, mischt sich in nichts, wenn sie nicht speziell
von den betreffenden Weisen zur Entscheidung aufgefordert wird. Giebt
es Streitigkeiten, ja selbst Verbrechen in einer Familie, so ist es
Sache des Familienoberhauptes, sie zu richten. Giebt es Händel in
einer Dorfschaft, so haben die Ältesten eine beinahe unbegrenzte
Strafgewalt, und so weiter im Distrikt, in der Provinz. Dies erklärt
auch die chinesische Sitte, die Eltern für die Missethaten der Kinder
zu strafen und die Gesamtheit eines Distrikts für Verbrechen innerhalb
seiner Grenzen verantwortlich zu machen. Die ganze Wirtschaftspolitik
beruht auf einem System gegenseitiger Verantwortlichkeit, was auch
gegenseitige Aufsicht bedingt. Selbst der Kaiser, obgleich nominell
unumschränkter Herrscher, hat einen heilsamen Respekt vor öffentlicher
Censur und eventuellem Volksaufstand.
Nun geht es aber in China wie anderwärts: die Praxis bleibt oft hinter
der Theorie zurück, und das blumige Land ist keineswegs ein solcher
Musterstaat, wie das Ideal ihn aufstellt. Kommt das aber dem Chinesen
zum Bewußtsein, so ist ihm auch im voraus gewiß, daß die Regierung,
nicht aber das Volk an allen Mißständen schuld ist, und daß es Zeit
ist zur Revolution zu schreiten. So lange Wohlstand herrscht, ist man
zufrieden mit der Dynastie; kommen aber böse Zeiten, dann betraut der
Himmel einen mit dem Ausrottungsbefehl! So ist es von jeher gewesen,
und so war es, als ~Hung Siu-tsiuen~, der Taiping, sich erhob.
Seit den zwanziger Jahren unsres Jahrhunderts machten sich allerlei
Übelstände im Land fühlbar und dazu kamen noch die Verwicklungen mit
Europa, vorab mit England. Namentlich der sog. Opiumkrieg, den England
zu Anfang der vierziger Jahre aus durchaus ungerechtfertigten Ursachen
mit China führte, war von üblen Folgen für dieses Land. Die Macht der
Regierung hatte bislang großenteils auf einem gewissen »Prestige«
beruht. Durch die nötig gewordene Landmiliz lernte nun das Volk seine
Wehrkraft kennen, und wo vorher ein Mandarin mit seinen Bütteln
ausreichte, zogen jetzt bewaffnete Horden durch das Land. Die von
England verlangte Kriegsentschädigung von 84 Mill. Mark brachte eine
finanzielle Krisis. Verheerende Überschwemmungen des Gelben Flusses
und des Jangtsze steigerten das Elend und verringerten die Einkünfte
der Grundsteuer. Um allem Unglück die Krone aufzusetzen, suchte sich
die Regierung damit zu helfen, daß Sträflinge sich mit Geld loskaufen
konnten und die öffentlichen Ämter verkäuflich wurden. Infolge
davon nahmen die Verbrechen überhand, und die zahlreiche Klasse der
»Gebildeten« erachtete sich beeinträchtigt. So kam es, daß der Himmel
voll drohender Wolken hing, als im Jahre 1850 der Kaiser Tao-Kwang
starb und sein junger Sohn Hien-Fong an seiner Statt zu regieren
anfing.
Da erhob sich ein seltsamer Mensch, der bereits genannte
~Hung Siu-tsiuen~, eine Verkörperung der im Volke gärenden
Umsturzgedanken.
~Taiping~ bedeutet »großer Friede«, und der ein neues himmlisches
Reich unter dieser Bezeichnung gründen wollte, war ein Dorfschullehrer
der Hakka oder Fremdlinge, eines ziemlich rohen Menschenschlags, der
vor zwei Jahrhunderten in die Provinz Kwang-tung gekommen und von den
Punti (d. h. Einwohnern) immer mit scheelen Augen angesehen worden
war. Seine verachtete Herkunft mochte mit der Grund sein, daß er im
höheren Examen durchfiel. Das machte ihn halb toll; er hatte Anfälle
von Epilepsie mit Zeiten der Verzückung, und in solchen Verzückungen
hatte er Gesichte. Bei alledem war er ein Chinese voll Aberglauben.
Aus seiner Enttäuschung entwickelte sich der Gedanke, warum sollte der
»Ausrottungsbefehl« des Himmels ihm nicht werden, wie schon so manchem
»Geringen« vor ihm? Nach seiner ersten vierzigtägigen Verzückung hatte
er nichts Eiligeres zu thun, als ein Manifest an seine Thorpfosten
zu nageln, betitelt: »Die edeln Grundsätze des himmlischen Königs,
des souveränen Königs Tsiuen.« Er wollte eine neue Religion einführen
und das Kaisertum stürzen. Und das Merkwürdige dabei ist, daß ein
Anflug von Christentum mit unterlief! Die Engländer bekriegten ja die
Regierung, die er haßte; er studierte daher christliche Traktate,
die ihm in die Hände fielen. Hung hatte in seinen Verzückungen alles
Mögliche gesehen und warf nun seine krankhaften Gesichte mit der neuen
Lehre zusammen. Ein alter Mann war ihm erschienen -- das mußte der
Gott der Christen sein; er selbst war in jenen vierzig Tagen im Himmel
gewesen und nannte sich den himmlischen Sohn -- Christus war deshalb
ohne Zweifel der ältere Bruder und er selbst der jüngere. Es ist nicht
zu vergessen, daß die Provinz weit und breit verheert war; Banditen
plünderten und geheime Gesellschaften unterwühlten das Land, all dies
infolge des Opiumkrieges. Das Volk war daher bereit, einen Retter
mit offenen Armen zu empfangen, besonders einen, der sich von der
altehrwürdigen vaterländischen Idee des »Ausrottungsbefehls« getragen
wähnte. Hungs christlicher Firnis über seinem barocken Heidentum hatte
den Reiz der Neuheit. Auch lag in den Ansprüchen des Mannes, sowie
in seinem ganzen Auftreten etwas von der aller Vernunft spottenden
Gewalt und Anziehungskraft, wie sie ungewöhnlichen Menschen eigen ist.
Massenhaft fielen ihm die Leute zu. Daß es mit seinem Christentum
nicht weit her war, ergiebt sich aus der Thatsache, daß er sich bei
erster Gelegenheit bei einem hochgestellten Engländer erkundigte,
ob die Jungfrau Maria nicht eine hübsche Schwester habe, die sich
entschließen könnte, ihn, den himmlischen König, zu heiraten! Aber
mit mehr als gewöhnlicher Klugheit verstand er es, die neue Religion
zu seinen Gunsten auszubeuten. Und das Ergebnis ging in der That
weit über das Glück eines gewöhnlichen Betrügers hinaus. Daß sich
die Hakka um ihn scharten, ist begreiflich, aber auch das übrige
Volk rottete sich um ihn, und bald zählten die Taipings nach vielen
Tausenden. Mit Feuer und Schwert verwüstete er das große Thal des
Jangtsze und näherte sich der Kaiserstadt Peking. Aus seinen Gesichten
wurden himmlische Edikte, die das Los von Millionen entschieden und
selbst europäische Kabinette in Atem erhielten. Es kam so weit, daß
die schwarzhaarige Nation nahe daran war, samt und sonders von der
herrschenden Dynastie abzufallen. Und das war um so leichter möglich,
als ja (seit 1644 schon) diese Dynastie keine einheimische, sondern
eine mandschu-tatarische war und also im Geruch des Fremdländischen
stand. Jahrelang lag das Reich in Trümmern, und dann kam ein Ende
mit Schrecken. Hung Siu-tsiuen selbst beschloß seine Laufbahn als
Selbstmörder bei der Belagerung von Nanking; man fand seinen Leichnam
in der mit Drachen bestickten gelben Atlaskleidung, und ganz China
rief einstimmig: »Es giebt nicht Worte genug, um das Elend zu
beschreiben, das dieser Mensch angerichtet hat; das Maß seiner Bosheit
war voll, und der Zorn beider, der Götter und der Menschen, erhob
sich gegen ihn.« Sechzehn Provinzen und sechshundert Städte hatte er
verwüstet.
In Nanking, im Schatten des Porzellanturmes, hatte er in königlichem
Glanze gethront. Nur Frauen durften ihn in seinem Schloß bedienen.
Es waren seine zahlreichen Weiber und noch zahlreicheren Kebsweiber.
Seine Verwandten machte er alle zu Wangs, d. h. zu Unterkönigen. Es
gab einen Tschung Wang oder getreuen König, einen Ostkönig und einen
Westkönig, einen Kriegerkönig und einen Geleitskönig, das waren die
fünf ursprünglichen; aber bei den Taipings wurde schließlich jeder
ein Wang, der es verstand, sich geltend zu machen, und es gab ihrer
mit der Zeit über zweitausend. Hung selbst war zwar blutdürstig und
herrschsüchtig, aber ein Feigling; es lag daher immer für ihn die
Gefahr vor, daß ein im Kriegswesen tüchtigerer Wang ihn überflügeln
möchte. So verlor er im Jahre 1856 in purer Selbstverteidigung seine
rechte Hand, den Ostkönig. Der kam eines Tages mit der Erklärung, auch
er sehe Gesichte, und nannte sich den heiligen Geist; überdies brachte
er die fatale Nachricht vom Himmel, Gott Vater sei sehr böse über den
Tien Wang und zwar ganz besonders darüber, daß er seine schwangeren
Weiber mit Füßen trete; er, der heilige Geist, habe daher den Auftrag,
ihn mit vierzig Streichen zu züchtigen. Das war ein bißchen stark und
selbst für einen Taiping zuviel! Es handelte sich schließlich darum,
wer Herr sein sollte, ob der Tien Wang oder der Ostkönig, und obgleich
Hung es für politisch hielt, sich der Prügelstrafe zu unterziehen,
so traf er doch schleunige Maßregeln, sich des Ostkönigs und seiner
Botschaften ein für allemal zu entledigen. Der Nordkönig wurde damit
beauftragt, und die Folge war ein Blutbad.
Der Bericht eines Engländers, der in jener Zeit Nanking besuchte und
Gelegenheit hatte, das Rebellenvolk zu beobachten, wie es den »großen
Frieden« mit sogenannten Gottesdiensten feierte, dürfte von Interesse
sein.
»Wir wohnten einer nächtlichen Feier bei; es war ihr Sabbatanfang,
Freitag nachts zwölf Uhr. Die Versammlung fand in des Tschung Wang
Audienzsaal statt. Er selbst saß inmitten seines Gefolges -- Frauen
waren nicht anwesend. Zuerst wurde gesungen; darnach wurde ein
geschriebenes Gebet verlesen und von einem Offizier verbrannt; dann
wurde wieder gesungen, und man ging auseinander. Der Tschung Wang
ließ mich vortreten, ehe er seinen Sitz verließ, und fragte mich,
ob ich ihren Gottesdienst verstünde. Ich entgegnete, daß ich einem
solchen eben zum erstenmal angewohnt hätte. Darauf wollte er wissen,
wie wir es damit hielten. Ich sagte ihm, daß die Christen es sich
angelegen sein ließen, ihren Gottesdienst mit der heiligen Schrift
in Übereinstimmung zu bringen, und daß wir alles, was gegen die
Schrift wäre, verwerfen müßten. Darauf versuchte er mir zu erklären,
daß ihre Verschiedenheit von uns triftige Gründe habe. Der Tien
Wang sei im Himmel gewesen und habe mit Gott Vater selbst verkehrt.
Unsere Offenbarung sei achtzehnhundert Jahre alt; sie aber hätten
eine neue, eine vermehrte Offenbarung, und diese verstatte es ihnen,
ihren Gottesdienst nach einer bis jetzt noch nie dagewesenen Art
einzurichten ....
»Mit Tagesanbruch setzte sich der Zug in Bewegung nach dem Palast
des Tien Wang. Der Prozession voraus wurden bunte Fahnen getragen
und dann folgte eine Reihe Bewaffneter; darauf kam der Tschung Wang
in einem großen Tragsessel mit gestickten gelben Atlasdecken. Ihm
folgten die Fremdlinge zu Pferd inmitten der berittenen Offiziere.
Unterwegs schlossen sich die anderen Könige an, jeder mit einem
ähnlichen Aufzug. Pauken und Trompeten verursachten einen Höllenlärm,
und neugierige Menschen standen Spalier. Einen »König« zu sehen
mochte nachgerade etwas alltägliches sein, aber über das Gebahren
dieser Menschen konnte sich das Volk offenbar nicht genug wundern
.... Der Palast des Tien Wang ist ein großes Gebäude nach Art der
Konfutsischen Tempel, nur viel umfangreicher. Wir begaben uns zuerst
in eine Nebenhalle, die den Namen »Morgenschloß« führte. Daselbst
wurden wir dem Tsau Wang und seinem Sohn und etlichen andern
vorgestellt. Nachdem man eine Weile geruht und es mit angesehen
hatte, wie zwei Bedienstete ihren Respekt vor den heiligen Räumen in
einem Zwischenakt damit bekundeten, daß sie sich gegenseitig in die
Haare fuhren, gings weiter nach dem Audienzsaal des Tien Wang. Hier
wurde ich seinen beiden Söhnen, zwei Neffen und einem Schwiegersohn
vorgestellt, die mit noch andern, welche ich bereits im Morgenschloß
gesehen, um den Eingang eines Alkovens saßen, über dem die Inschrift
stand: »das erhabene himmlische Thor«. Der Alkoven war tief, und ganz
im Hintergrund desselben zeigte man uns den Sitz des »himmlischen
Königs«, der aber vorläufig leer war .... Er selbst, der Himmlische,
war nicht erschienen; und obgleich nach Beendigung der Feier noch eine
Zeit lang gewartet wurde, erschien er überhaupt nicht. Er mochte sich
eines bessern besonnen haben und es für ersprießlich erachten, sein
Antlitz vor Fremdlingen zu verbergen, auf deren guten Glauben nicht zu
rechnen war; vielleicht hatte der Tschung Wang ihm unsere Ansicht über
unechte Offenbarung berichtet, und er zog es vor, uns vorläufig nur
einen Vorgeschmack seiner Herrlichkeit zu verstatten in der Hoffnung,
unsere Einbildungskraft möchte bei dem leeren Sitze sich die abwesende
Majestät um so erhabener denken ....
»Im Laufe des Nachmittags ließ der Tschung Wang mich zu einem
Privatgespräch zu sich bitten. Durch eine Reihe von Gemächern führte
man mich in sein Zimmer, wo er in einem luftigen Gewand von weißer
Seide in einem Armsessel lag und sich von einem hübschen Mädchen
fächeln ließ. Um den Kopf hatte er ein rotes Tuch gewunden mit einem
Juwel über der Stirne. Er lud mich zum Sitzen ein und fragte mich
allerlei über Maschinen, Landkarten, Ferngläser u. s. w., indem er
offenbar annahm, daß unser einer über alles Bescheid wisse. Er wurde
ganz vertraulich und war von Stund an bereit, mich jederzeit zu
sehen. Bei nächster Gelegenheit zeigte ich ihm verschiedene Stellen
im Neuen Testament, die mit der Lehre des Tien Wang in unverkennbarem
Widerspruch stehen. Er wies es kurzerhand von sich. Im allgemeinen
sprach er gern davon, daß alle Menschen Brüder wären, doch war leicht
zu sehen, daß seine Religion ihn kalt ließ. Er gab zu, daß die
Offenbarung des Tien Wang nicht mit der Bibel übereinstimme, jene sei
aber neuer und darum glaubwürdiger ....«
Der Berichterstatter meldet weiter, es sei ihm im Verkehr mit
diesen Leuten einigermaßen verständlich geworden, wie Hungs
»Offenbarungen« von seinen Anhängern aufgefaßt wurden. Ihr Glaube an
den Ausrottungsbefehl schien ihr Gewissen gänzlich abgestumpft zu
haben und ihnen alle nur denkbaren Verbrechen gegen Andersgläubige
zu verstatten. Einen Anhänger der Mandschu-Dynastie zu berauben oder
zu ermorden, war ein gutes Werk. Wo sie hinkamen, führten sie die
jungen Männer der Landbevölkerung gefangen mit sich und machten sie zu
Rekruten, während die vielen hübschen Mädchen und Weiber, die man bei
ihnen sah, den thatsächlichen Beweis lieferten, daß bei den Taipings
»großer Friede« sich recht wohl mit Weiberraub vertrug.
Übrigens waren die Taipings bei all ihren Verkehrtheiten, um nicht
eine stärkere Bezeichnung zu gebrauchen, doch in einigen Punkten
zu loben. So war z. B. das Opium bei ihnen verpönt, ebenso der
Sklavenhandel. Die Füße der Weiber durften bei ihnen nicht verkrüppelt
werden; die Männer mußten sich das Haupthaar gleichmäßig wachsen
lassen; der rasierte Schädel mit dem Zopf galt ja als Zeichen der
Unterwürfigkeit gegen die Mandschu-Dynastie. Auch rühmten sich die
Anhänger des Ex-Schulmeisters, die allgemeine Bildung zu fördern;
aber damit war es nicht weit her. Das überall zur Schau getragene
Zerrbild des Christentums prägte sich auch dem Unterrichtswesen
auf, das als höchstes Wissen den Satz trieb: »Der himmlische Vater
und der himmlische Bruder (nämlich Hung) sind über alle Pflicht und
Sittlichkeit zu verehren.« Des Tien Wang Erlasse wurden als Lesebücher
benutzt, damit es der Jugend schon geläufig würde, in ihm den
Auserwählten zu erblicken, der zum Friedensherrscher über die ganze
Welt bestimmt sei.
In gewissen Kreisen Englands hatte sich ein merkwürdiges Vorurteil
zu Gunsten Hungs eingeschlichen. Man fragte sich, ob die Taipings
nicht am Ende doch Schutz verdienten, ob das Rebellentum nicht
möglicherweise der Übergang zur Zivilisation, ja Verchristlichung des
Landes wäre. Erst nachdem einmal britische Niederlassungen gefährdet
waren, wurde man anderer Meinung.
Die Briten hielten sich mit den Franzosen vorläufig neutral, und die
Feindseligkeiten bis zum Jahr 1860 verblieben lediglich zwischen
den Kaiserlichen und den Rotten des großen Friedens. Es war ein
Bürgerkrieg von staunenswerter, riesiger Ausdehnung.
Im Jahr 1859 war die Sachlage die: die Mißhelligkeiten zwischen
England und China waren so ziemlich beigelegt, der Friede von Tientsin
war geplant und, von Kanton abgesehen, hatte das britische Militär das
Reich geräumt. Der Aufruhr, der nun in seinem neunten Jahre stand,
schien seine besten Tage gesehen zu haben; die Taipings verloren
einen Ort nach dem andern und wurden wiederholt in der heiligen
Hauptstadt, ihrem Hauptsitze, angegriffen. »Nanking war härter
bedrängt denn je«, sagt der getreue Wang in den vor seiner Hinrichtung
verfaßten Erinnerungen. Hung ließ sich das aber nicht im geringsten
anfechten; mit größtem Gleichmut fuhr er fort, seinen Ministern
himmlische Befehle zu geben und innerhalb der belagerten Stadt auf die
Anzeichen des großen Friedens ringsum hinzuweisen. Der Tschung Wang,
der die Stumpfheit der Majestät offenbar nicht teilte, kann nur sagen:
»Die Zeit zur Ausrottung der himmlischen Dynastie war eben noch nicht
gekommen.« Fürs übrige war der Getreue ein thätiger Krieger, und nicht
weniger als sechsmal brachte er's zu stande, Nanking zu entsetzen.
Die kaiserliche Regierung aber, anstatt nun alles aufzubieten, das
allmählich verglimmende Feuer des Aufstandes vollends auszutreten,
beging den großen Fehler, sich abermals mit den Engländern zu
überwerfen. Auf dem Wege nach Peking, wo der Friede unterzeichnet
werden sollte, sah sich der britische Gesandte an der Mündung des
Peiho-Flusses plötzlich einer chinesischen Streitmacht gegenüber.
Die Taku-Forts waren in aller Eile repariert worden, und man wollte
die britischen Schiffe nicht durchlassen. Als die Engländer trotzdem
vordrangen, erfolgte eine Salve aus verdeckten Feldstücken, und drei
Kanonenboote wurden in den Grund geschossen. Natürlich brüllte da der
englische Löwe ob dem chinesischen Treubruch und man stand alsbald
wieder auf dem Kriegsfuß. Die erneuten Angriffe der verbündeten
Engländer und Franzosen im folgenden Jahre übten selbstverständlich
ihre Rückwirkung auf den Aufruhr, der aufs neue um sich griff. Ein
ganz direktes Resultat war ein Angriff der Taipings auf Schanghai.
In dieser Stadt aber sind die englischen, resp. europäischen
Handelsinteressen mit den chinesischen verwachsen; daraus ergab sich
die Notwendigkeit englischer Intervention, mit andern Worten ein
direkter englischer Angriff auf die Rebellen. Auch traten britische
Offiziere in kaiserliche Dienste, und so wurde man mit der Zeit der
Taipings Herr. Es liegt hier ein Stück historischen Ausgleichs vor:
wie wir gesehen haben, wurzelte der Aufstand teilweise im englischen
Opiumkrieg, und englische Waffen mußten schließlich dem zerrütteten
Lande wieder zum Frieden verhelfen.
Eine solche Verwicklung der Dinge ist übrigens wohl nur in China
möglich, daß, während die zornmutigen Verbündeten noch damit
beschäftigt waren, ihre Truppenschiffe von Singapore und Hongkong
herauf zu bringen, um die Kaiserlichen in Peking zu züchtigen, der
General-Gouverneur von Kiangsu in Person in Schanghai eintraf und
die britischen und französischen Behörden daselbst um Hilfe gegen
die Rebellen anging. Unterm 30. Mai 1860 meldet der englische
Bevollmächtigte dem Ministerium Russell: »Ich beschloß im Einvernehmen
mit Mr. Bourboulon, daß es sich sowohl in politischer als humaner
Hinsicht empfiehlt, solchen Greuelscenen hier zuvorzukommen, wie sie
anderwärts stattgefunden haben ... und wir können die Küstenstädte
schützen, ohne anderweitig Partei zu nehmen.«
Indessen hatten sich die reichen Kaufleute von Schanghai schon unter
der Hand nach Schutz gegen die zu erwartenden Taipings umgesehen. Ein
Amerikaner Namens Ward war erbötig, Truppen zu werben. Es war eine
Belohnung ausgesetzt, das etwa dreißig Kilometer entfernte Sung-Kiang
von den Rebellen zu säubern. Mit einer Bande von Matrosen machte Ward
den Anfang, denen sich zusammengelaufenes Volk aus aller Herren Länder
anschloß; auch Chinesen waren darunter, und dies war der Ursprung
jenes merkwürdigen Söldnerhaufens, der sich in nicht allzuferner Zeit
den Namen der »stets siegreichen Armee« erwarb und dann unter Gordon
dieser Bezeichnung auch alle Ehre machte. Vorläufig nannten sich Wards
Leute nach jener ersten Heldenthat das Sung-Kianger-Corps.
Die Taipings, mittlerweile nicht müßig, unternahmen große Streifzüge
in diesem Jahr. Wie bereits erwähnt, hatte der ~getreue Wang~
Nanking zum sechstenmal entsetzt, was ihm übrigens nicht einmal ein
billigendes Wort von Hung eintrug, auch durfte der streitbare Minister
dem Himmlischen nicht vor die Augen kommen. Es ist kaum faßlich, wie
dieser Mensch sich seine Unterkönige botmäßig erhielt; aber die ganze
Bewegung ruhte ja eben auf den ~übermenschlichen~ Ansprüchen des
wahnsinnigen Hung.
Tschung Wang, der ~Getreue~, und Jing Wang, der Heroische, auch
als vieräugiger Hund bekannt, vertrieben nun die Kaiserlichen aus dem
ganzen Jangtsze-Thal, Schrecken zog vor ihnen her; in einer Stadt
zogen viele Einwohner es vor, ihrem Leben durch Selbstmord ein Ende zu
machen, als es hieß: die Taipings sind wieder da! Ein Distrikt nach
dem andern ergab sich, und »der Getreue« beschloß seinen Siegesmarsch
in Sutschau, der Hauptstadt der Provinz Kiangsu, einer der reichsten
Städte des blumigen Landes, die sich fast widerstandslos ergab.
»Im Himmel ist das Paradies«, sagt ein chinesisches Sprichwort,
»aber auf Erden sind Su und Hang.« »Um in der Welt glücklich zu
sein«, sagt ein anderes, »muß man in Sutschau geboren sein«; denn
die Menschen dort sind vor allem ihrer Schönheit wegen berühmt --
nach chinesischen Begriffen vermutlich. Die Stadtmauern maßen 15
Kilometer im Umkreis und außerhalb derselben erstreckten sich noch
vier ansehnliche Vorstädte. Man schätzte die Einwohnerzahl auf zwei
Millionen. In ganz China stand Sutschau in fabelhaftem Ruf wegen
der Pracht seiner antiken und modernen Marmorbauten, seiner schönen
Grabstätten, seiner Granitbrücken. Herrlich seien dort die Straßen,
die Gärten, die öffentlichen Plätze; verständiger als anderwärts die
Männer und schöner die Frauen. Auch die Handelsprodukte der Stadt
waren berühmt, kostbare Seidenstoffe insbesondere. In dieser Stadt
hielt der Getreue seinen Einzug, während die Kaiserlichen in heller
Flucht sie verließen, und durch die ganze Provinz Kiangsu schien damit
die Herrschaft des großen Friedens gesichert.
Der Kan Wang oder Schildkönig war zu dieser Zeit Generalissimus;
dieser hatte vier Jahre in Hongkong gelebt und urteilte richtig,
wenn er meinte, daß es den Taipings förderlich sein dürfte, mit den
Ausländern anzuknüpfen. Wichtiger als der Besitz von Su und Hang
erschien es ihm, in der Richtung von Schanghai vorzudringen, um dort
europäische Dampfer zu erlangen, die auf dem Jangtsze dienlich sein
sollten. Er urteilte praktisch, der Schildkönig, denn die Stimmung
unter den Engländern und Amerikanern in den Hafenstädten war selbst
zu dieser Zeit noch eine geteilte. Überdies mochten die Taipings wohl
auf Beihilfe rechnen, denn die Engländer und Franzosen waren schon
unterwegs, um in der Mandschurei ihre Streitkräfte zu vereinigen,
von dort aus den chinesischen Kaiser aus der Ruhe seines Palastes
aufzuschrecken und ihn für den bei den Taku-Forts erlittenen Schimpf
zu züchtigen. In der That war auch etwas wie ein Waffenstillstand
zwischen den Rebellen und den Verbündeten zu stande gekommen, wenn von
einem Waffenstillstande überhaupt da die Rede sein kann, wo aktive
Feindseligkeiten noch nicht ausgebrochen waren. Der englische Admiral
Hope war den Jangtsze hinaufgefahren, welcher Fluß durch den Vertrag
von Peking europäischen Schiffen zugängig war, und hatte unter den
Mauern Nankings mit dem Tien Wang selbst unterhandelt. Das Ergebnis
hievon war, daß die Rebellen sich verbindlich machten, Schanghai
auf Jahresfrist in Frieden zu lassen. Die Verbündeten konnten ruhig
nordwärts ziehen.
Dies ist der Punkt, an welchem das Leben Gordons in den breiten Strom
der Weltgeschichte einmündet.
Im Sommer 1860 war er nach China beordert worden und nahm nun teil
an der Operation gegen die Kaiserstadt. Er war dabei, als der
Sommerpalast in Brand gesteckt wurde. Hören wir darüber seine eigenen
Aufzeichnungen:
»Am elften Oktober erhielten wir Befehl, in möglichster Eile Schanzen
aufzuwerfen und Batterien gegen die Stadt zu richten. Die Chinesen
verweigerten die Übergabe des Thores, und so lang dies der Fall
war, wollten wir nicht mit ihnen unterhandeln. Auch die Gefangenen
sollten ausgeliefert werden. Diese waren sehr mißhandelt worden,
und zwar, wie gesagt wird, im Sommerpalast selbst in Gegenwart des
Kaisers ... Wir waren bereit, die vierzig Fuß hohe Mauer zu stürmen;
die Chinesen hatten Bedenkzeit bis zum 13. mittags. Um halb zwölf
ergaben sie sich, und wir nahmen Besitz von der Stadt. Sie erhielten
weitere Frist bis zum 23., während welcher Zeit sie für jeden ihrer
Mißhandlung erlegenen Engländer 200000 Mk. beibringen mußten, und
10000 für jeden Eingeborenen. Die Strafgelder wurden auch richtig
gezahlt und der Vertrag gestern unterzeichnet.«
Dem englischen General, Lord Elgin, blieb nun die Entscheidung, ein
Exempel zu statuieren. Die Stadt in Brand stecken, hätte tausende
von Unschuldigen mit den Schuldigen getroffen. Im Sommerpalast aber
hatten sich genügende Beweise der daselbst verübten Grausamkeiten
vorgefunden; somit sollte der stattliche Palast zerstört werden. Und
so wurde der Juen-Ming-Juen (Garten der Gärten) in Brand gesteckt,
und der schwarze Rauch hing wie ein Trauermantel über Peking. Gordon
beschrieb und beklagte die Zerstörung:
»Unsere Leute plünderten in fast vandalischer Weise, und was ein
Raub der Flammen wurde, wäre nicht durch 80 Millionen Mark wieder
herzustellen ... Die Pracht und Schönheit des Zerstörten ist kaum zu
beschreiben ... Es that einem im Herzen weh, den furchtbaren Brand
mit anzusehen ... es war ein entsetzlich entwürdigendes Geschäft für
eine Armee, jedermann wollte nur plündern ...«
Die Franzosen hatten schon vorgesorgt mit der Verheerung und die
kostbarsten Gegenstände einfach zusammengeschlagen.
Die beiden Armeen verzogen sich allmählich, die Engländer ins
Winterquartier nach Tientsin. Gordons Aufenthalt daselbst verlängerte
sich weit über sein Erwarten, nämlich bis zum Frühjahr 1862. Er war
damit beauftragt, die Umgegend aufzunehmen. Öfters gab's auch einen
Ritt nach den 220 Kilometer entfernten Takuforts, und einmal einen
beträchtlicheren Ausflug mit seinem Kameraden Cardew nach der großen
Mauer -- ein ziemlich kühnes Unternehmen, denn sie durchritten da
weite Gegenden, die noch nie von Europäern betreten waren. Einen
vierzehnjährigen Jungen, der etwas Englisch verstand, nahmen sie mit
als Dolmetscher. Ein Zelt und Kochgerät führten sie auf einem Karren
mit sich. Bei Kalgan erreichten sie die 2000 Kilometer lange Mauer des
Schi Hoangi, die 240 Jahre älter ist als die christliche Zeitrechnung,
zweiundzwanzig Fuß hoch, und sechzehn dick. »Es war wunderschön,«
schreibt Gordon, »die endlose Mauerlinie sich über die Hügel hinziehen
zu sehen.« Von Kalgan schlugen sie eine westliche Richtung ein nach
Taitong, wo die Mauer nicht ganz so hoch ist. Daselbst sahen sie
riesige Karawanen von Kamelen, die Thee nach Rußland trugen. In dieser
Gegend fanden sie sich genötigt, die Achsen ihres Karrens verlängern
zu lassen; denn die Fuhrwerke in jenem Lande laufen breitspuriger als
anderswo, und ihre Räder paßten nicht in die ausgefahrenen Geleise der
Landstraßen! Der Hauptzweck ihrer Reise war, zu erkunden, ob außer
dem Tschatiau-Paß noch ein anderer vom russischen Gebiet nach Peking
führe. Auf einem großen Umweg in südwestlicher Richtung suchten sie
lange vergeblich die Straße übers Gebirge ostwärts; erst bei Taijuen
fanden sie ihren Rückweg nach Peking und Tientsin.
Im Mai 1862 erhielt Gordon Befehl, sich mit einer Abteilung Infanterie
nach Schanghai zu werfen, weil dort die Taipings aufs neue die
Gegend unsicher machten. Der himmlische König hatte den Engländern
sagen lassen, er werde Schanghai angreifen, sobald das Jahr des
Waffenstillstandes um sei. Im Januar 1862 hatte er dann auch seinen
»Getreuen« in die Gegenden der Konsulatstadt geschickt, und von da an
datiert die feindliche Stellung der Engländer gegen die Rebellen.
Mit dem militärischen Oberbefehl innerhalb des Distrikts betraut,
marschierte Gordon zuerst nach Singpu, erstürmte die Stadt und
vertrieb die Taipings aus verschiedenen Plätzen, wo sie sich
festgesetzt hatten. In erster Linie sollte Gordon dafür sorgen, daß
der sogenannte »dreißig Meilen Umkreis«[1] um Schanghai her von
feindlichen Überfällen gesichert bleibe.
»Wir hatten einen Besuch von den Taipings,« schreibt Gordon. »In
einzelnen Haufen kamen sie bis in die nächste Nähe des Stadtgebiets,
steckten in Brand was sie konnten und trieben die Landleute zu
Tausenden vor sich her. Wir zogen ihnen entgegen, aber ohne
viel Erfolg. Gräben und Sümpfe hindern allerwärts ~unser~
Fortkommen, die Rebellen sind uns in dieser Hinsicht weit überlegen
... Es ist unfaßlich, was für Haufen flüchtigen Landvolkes nach
Schanghai kommen, sobald die Taipings in der Nähe sind; mindestens
fünfzehntausend Flüchtlinge sind eben hier, und keineswegs nur Weiber
und Kinder, sondern stämmige Männer, die sich wohl wehren könnten,
aber die Angst lähmt ihnen alle Thatkraft. Weiterhin im Land haben
die Leute Unglaubliches zu leiden und viele sterben Hungers. Dieser
Aufruhr ist eine entsetzliche Landplage, und unsere Regierung sollte
alles Ernstes eingreifen, um ihn zu unterdrücken. Worte können
nicht das Elend beschreiben, das überall herrscht, wo die Rebellen
hinkommen; die reiche Provinz ist zur Wüste geworden.«
Für die Kaiserlichen hatte das Jahr 1861 schon einen Umschwung
gebracht. Der Kaiser Hien-Fong war am 21. August auf seinem
Jagdschloß in der Tartarei gestorben -- im sechsundzwanzigsten
Jahre seines Lebens und im elften seiner unglücklichen Regierung.
Unfähig mit den großen Schwierigkeiten einer Übergangsperiode zu
kämpfen, hatte er wie manch anderer Fürstenschwächling sich durch
Befriedigung seiner Genußsucht zu entschädigen gesucht. Schließlich
aber »ergriff seine Krankheit ihn mit erneuter Heftigkeit, und am
siebzehnten Tage des Mondes schwang er sich auf mit dem Drachen als
Gast der oberen Räume.« Wohl mochte die arme Seele des untauglichen
Monarchen, dessen sterbliche Hülle in einem »cedernen Schloß« zur
Ruhe gebettet wurde, auf ihrem Drachenritt den vorangegangenen
Kaisern manches zu klagen haben. Elend und Aufruhr hatte während der
ganzen Regierungszeit dieses Jünglings das himmlische Reich verheert,
und Rebellen herrschten an seiner Statt; allerwärts hatte das Volk
sich von ihm losgesagt, der kaiserlichen Gewalt Trotz bietend, und
zur Vollstreckung der heiligen Befehle fanden sich nur schlechte
Statthalter, denen die eigene Größe mehr galt als die Wohlfahrt des
Volkes. Jahr um Jahr durchzogen die rebellischen Horden das Land; die
Brandfackel nächtlicher Zerstörung kündete ihren Weg, und der Rauch
brennender Städte und Dörfer verhüllte der Sonne Licht am hellen Tage.
Ein wahnwitziger Usurpator hatte es nicht nur gewagt, den Drachenthron
für sich zu begehren, sondern sich außerdem noch göttlicher Ehre
vermessen, während kriegerische Heervölker der abendländischen
Barbaren das Kaiserreich demütigten, ja die jungfräuliche Kaiserstadt
Peking bezwangen, die noch nie einem Fremdling sich erschlossen, und
den Palast des himmlischen Sohnes in Brand steckten.
So mochte der arme Kaiserjüngling gedacht haben. Wir aber erkennen in
der mancherlei Trübsal die Wehen einer sich neu gestaltenden Zeit.
Des Monarchen Tod öffnete Thür und Thor für neue Dinge. Der Thronerbe
war ein Kind, und die Regentschaft neben der Kaiserin-Witwe bestand
aus Vertretern der fremdenfeindlichen Partei. Als daher der Bruder
des verstorbenen Kaisers, ein weitsichtiger Prinz, der die Konvention
von Peking unterzeichnet hatte, an den Hof gerufen wurde, war die
Hoffnung, daß er lebendig zurückkehren würde, keineswegs stark.
Man hielt dafür, daß die Einladung nichts anderes bedeute, als die
höfliche Erlaubnis, wie sie einem irrenden Mitglied der kaiserlichen
Familie zukommt, sich in der Stille mittelst einer seidenen Schnur aus
der Welt zu befördern. Zum Glück fürs Land aber war die Hauptgewalt in
den Händen einer Frau von außergewöhnlichem Verstand und männlichem
Charakter, nämlich der Kaiserin-Witwe, und diese erkannte alsbald, daß
Prinz Kung sich besser auf die wahren Interessen des Landes verstehe,
als die Ratgeber des verstorbenen Kaisers. Und während jedermann von
seinem demnächstigen Selbstmord zu hören erwartete, griff er plötzlich
in den Gang der Dinge ein und stürzte sofort -- gleichzeitig mit
dem Einzug des jungen Monarchen in Peking -- durch den berühmten
Staatsstreich vom 2. November 1861 die fremdenfeindliche Partei. Ihre
Hauptvertreter wurden hingerichtet. Von da an datiert ein freundliches
Einvernehmen zwischen den ausländischen Bevollmächtigten und der
kaiserlichen Regierung. Die Zeit war in der That gekommen, da die
verschiedensten Interessen in natürlicher Weise zusammenwirkten, die
Taipings auszurotten und dem himmlischen Reich zu einem neuen besseren
Stand der Dinge zu verhelfen.