5) ~Betrachtungen in Palästina von Charles George Gordon.~

Außer diesen Hilfsquellen ist eine ganze Reihe kleinerer Bücher

über Gordon, sowie eine nicht geringe Anzahl von Aufsätzen und

Zeitungsartikeln gelesen und zum Teil auch benutzt worden. Der

vorliegenden Auflage sind außerdem nachträglich bekannt gewordene

Charakterzüge und Streiflichter eingefügt worden. Da und dort ist

gekürzt, anderes hingegen ist ergänzt worden, so besonders die

Schlußzeit in Khartum. Es wurde nichts unterlassen, das Lebensbild

des trefflichen Mannes in gegebenen Grenzen zu einem möglichst

vollständigen und abgerundeten zu machen.

Die neue Auflage tritt ihren Weg zu einer Zeit an, in welcher

das Interesse am dunklen Weltteil reger ist denn je. Auch

~Deutschland~ hat einen Beruf in Afrika. Männer voll Hingabe wie

Gordon, wie Emin Pascha, sind es, die Afrika nötig hat. Emin, der

wie bekannt s. Z. als Gordons Unterstatthalter an den Äquator ging,

schrieb uns unterm 2. April 1890 von Bagamojo: »Daß ~meine~

Kräfte bis zum Tod der Sache Afrikas und seiner schwarzen Kinder

gewidmet sind, versteht sich von selbst.« Hat Deutschland nicht noch

andere opferwillige Herzen und Hände, die für die große Arbeit der

Befreiung Afrikas mit einzutreten bereit sind? »Komm herüber und hilf

uns!« ist der Schrei des dunklen Weltteils. Hat die Christenheit kein

Ohr? Wann wird es heißen: Die Sklavenketten sind gefallen! Gordon war

wie Livingstone ein Stern am Nachthimmel Afrikas, und von beiden gilt

das Wort. »sie reden noch, wiewohl sie gestorben sind.« Möchte das

Lebensbild des Helden von Khartum laut reden, der darum ein Held war,

weil er ein ganzer Mann und ein ganzer Christ gewesen ist.

~London~, im September 1890.

Erstes Buch.

Jugendzeit und Krimkrieg.

Die Gordons sind von alter schottischer Herkunft: Clan Gordon war seit

unvordenklichen Zeiten ein kriegerisches Hochlandsgeschlecht. Wer

mit schottischer Geschichte, oder auch nur mit Walter Scott bekannt

ist, der weiß, daß ein Clan sozusagen die erweiterte Familie ist;

der alte Stammverband, ob er nun nach Hunderten zählte oder nach

Tausenden, war von den Vätern her gemeinsamen Blutes, und Gordon

hießen im vorliegenden Fall alle vom adeligen Clanshaupt an bis zum

streitbaren Hirten. Im Laufe der Zeit hatte der Stamm übrigens auch

seine Ableger, die als Gordons von so und so je nach dem betreffenden

Wohnsitz sich nannten und sich so vom älteren Zweig unterschieden.

Lord Byron z. B. stammte mütterlicherseits von den Gordons von Gieght.

Unter dem britischen Adel giebt es jetzt noch mehrere Familien, die

dem alten Stamm angehören: die Grafen von Huntley, von Aberdeen u.

a. sind »Gordons«. In den kriegerischen Annalen Schottlands stößt

man allerwärts auf Gordons, und mancher Gordon zog als Glücksritter

in die weite Welt. Wo immer es Schlachten zu schlagen gab, da wurde

der Name bekannt, in Preußen, in Polen, in Schweden, in Rußland, in

Amerika. Vier Gordons fanden Lorbeeren unter Gustav Adolf. In weniger

rühmlicher, wenngleich eingreifender Weise findet sich ein Gordon in

Wallensteins Lager und bei Wallensteins Tod. Peter der Große lernte

einen Gordon in Moskau hoch schätzen, und der eiserne Zar vergoß

Thränen am Sterbebett dieses Fremdlings, der, nebenbei bemerkt,

Tagebücher von historischem Wert hinterlassen hat. In Schottland

selbst ehrte die englische Regierung das alte Geschlecht, indem sie

einem der neuen Regimenter, die aus dem Chaos des Thronfolgekriegs

hervorgingen, die Benennung »Gordon Highlanders« verlieh.

Im Jakobitischen Aufstand des Jahres 1745 gab es Gordons auf beiden

Seiten. Lord Lewis Gordon und fünf Clanshäupter mit ihren Gordons

kämpften für den Kronprätendenten Prinz Charley (Stuart), während

ihr Verwandter David Gordon für die neue (hannoverische) Linie

stritt. In der Schlacht von Preston Pans wurde dieser David von den

Hochländern (seinen Vettern) gefangen genommen, später aber auf

Ehrenwort freigegeben. Wie er dazu gekommen war, gegen die Tradition

seiner Familie für die neue Königslinie einzutreten, ist jetzt nicht

zu ermitteln, jedenfalls stand er in Gunst beim Herzog von Cumberland

(dem zweiten Sohn des Königs Georg II.), der ihm ein Söhnchen aus der

Taufe gehoben hatte. Nach der Schlacht von Culloden, die der Sache des

Prätendenten den Todesstoß gab, verließ David Gordon mit seinem jungen

Sohn die alte Heimat und suchte Grund und Boden in der neuen Welt.

Sechs Jahre später fand er seinen Tod in Halifax, Neuschottland. Sein

Sohn, des Prinzen Patenkind, war allem nach ein »Häkchen«, das sich

frühzeitig in der angestammten Weise krümmte; denn kaum vierzehnjährig

schlägt sich der Jüngling schon in der britischen Armee. In seinem

vierundzwanzigsten Jahre, als er bereits ein erfahrener Soldat

war, und zuletzt unter General Wolfe bei Quebec mitgekämpft hatte,

kehrte der junge Schotte nach England zurück. In Hexham, Grafschaft

Northumberland, wo er in Quartier lag, fand er in der Schwester des

dortigen Geistlichen die Soldatenbraut, mit der er 1773 in die Ehe

trat. Drei Söhne und vier Töchter entsprangen diesem Bund. Die Söhne

verfolgten wiederum die militärische Laufbahn; der älteste fand

seinen frühen Tod am Kap, der jüngste hingegen, Henry William, ein

Artillerieoffizier, geb. 1786, erreichte ein hohes Alter und erlebte

die erstaunlichen Erfolge der »stets siegreichen Armee« unter seinem

zweitjüngsten Sohn; dieser aber, Charles George Gordon, ist unser Held.

Henry William Gordon war s. Z. in Woolwich stationiert, und

Charles George wurde als der vierte von fünf Söhnen am 28. Januar

1833 daselbst geboren. Die Mutter stammte zwar nicht aus einer

Soldatenfamilie, Unternehmungsgeist war aber auch mütterlicherseits

ein ererbter Charakterzug. Ihr Vater war Samuel Enderby, ein

angesehener Kaufherr, dessen Walfischfahrer von sich reden machten.

Seine Schiffe befuhren ferne und unbekannte Meere; »Enderbys Land« im

antarktischen Ozean zeugt selbst von geographischer Entdeckung. Dem

unternehmenden Kaufherrn gehörten auch jene beiden von der englischen

Regierung mit Thee verfrachteten Schiffe, die im Jahre 1773 im Hafen

von Boston vor Anker lagen, als die Kolonisten erklärten: »Das Land

muß gerettet werden!« In jener Nacht bemächtigte sich ein Haufe von

Schein-Indianern der beiden Schiffe und leerte mit dem Thee die

aufgezwungene Steuer ins Meer. Das war der Anfang der amerikanischen

Freiheit.

Gordons Mutter schildern solche, die sie gekannt haben, als eine

tüchtige Frau, die sich selbst in der Gewalt hatte und unter den

schwierigsten Umständen immer ihren Gleichmut bewahrte. Mit wahrhaft

genialem Takt habe sie immer alles zum besten zu wenden verstanden. Im

Krimkrieg waren drei ihrer Söhne und mehrere ihrer nächsten Verwandten

vor Sebastopol; man sah sie aber nie zaghaft, sondern immer nur damit

beschäftigt, ihren Angehörigen zu Hause, wie den fernen Kriegern Gutes

zu thun. Gordons Vater wird als origineller Mann, als tüchtiger Soldat

von festem Charakter und angenehmer Persönlichkeit geschildert. Er

hatte einen unerschöpflichen Humor, und Heiterkeit war sein Element.

Übrigens war das »Gesetzbuch der Ehre« seine Richtschnur für sich und

für andere. Soldat war er mit Leib und Seele, und zwar britischer

Soldat, für ihn das höchste Ideal auf der Erde; es war ihm daher trotz

der glänzenden Erfolge eine Enttäuschung, als sein Sohn späterhin in

fremde, nämlich in chinesische Dienste trat. Ein Gordon, meinte er,

sollte nur seinem eigenen Volk und Glauben dienen. Wer ihn kannte,

schätzte ihn, denn er war freundlich und großmütig in all seinem

Thun und von großer Gerechtigkeitsliebe; fürs übrige hatte er dies

mit seinem Sohn gemein, daß er von Natur eher dazu angethan war zu

befehlen als zu gehorchen.

Über Gordons Jugend liegt nur wenig vor. Die ersten zehn Jahre seines

Lebens verbrachte er mit seinen Eltern in Dublin, Leith und zuletzt

in Korfu, wo der Vater Festungskommandant war. Obschon wir die

Wahrheit des Dichterworts nicht verkennen, daß der Knabe des Mannes

Vater ist, so trifft dies bei Gordon doch nicht auf den ersten Blick

zu. Er soll als kleines Kind so zart und furchtsam gewesen sein, daß

Kanonenschüsse, ein tagtägliches Ereignis in seines Vaters Beruf, ihn

stets erzittern machten. Sehr bezeichnend ist indessen die Thatsache,

daß der neunjährige Junge, ehe er schwimmen konnte, sich in Korfu

öfter ins tiefe Meer warf mit der festen Zuversicht, seine größeren

Gefährten würden ihn nicht ertrinken lassen. Ein sogenannter »braver«

Junge war er durchaus nicht, vielmehr voller Schelmenstreiche. Sein

Vater wurde nach der Rückkehr von Korfu im königlichen Arsenal zu

Woolwich angestellt. Während der Schulferien geriet einst Charles

Gordon mit einem seiner Brüder auf die undenkbarsten Einfälle. Ihres

Vaters Wohnung lag der des Garnisonskommandanten gegenüber; es war

ein altes Haus und voller Mäuse. Diese wurden fleißig weggefangen und

in des Kommandanten Haus umquartiert. Viele Jahre später schreibt

Gordon (aus dem Sudan 1879) einer seiner Nichten, welche die ersten

zwanzig Jahre ihres Lebens im königlichen Arsenal verlebt hatte: »Es

freut mich zu hören, daß die Rasse der echten Gordons noch nicht

ausgestorben ist. Aber sicherlich hat keines von Euch die Arsenalleute

so umgetrieben wie wir seiner Zeit: sie ließen alles liegen und

stehen, wenn's galt uns zu Willen sein, sie verfertigten uns zum

Beispiel die herrlichsten Spritzen, die nichtsahnende Menschenkinder

bis auf die Haut durchnäßten. Und unsere Armbrüste waren einzig! Ich

weiß noch, wie's einmal an einem Sonntag Nachmittag im Hauptmagazin

siebenundzwanzig Scheiben gab, alle scharf durchschossen -- ein

kleines rundes Loch zur Ventilation -- und der Hauptmann konnte

von Glück sagen, daß wir ihn nicht mit unsern Bolzen an die Wand

nagelten.« Ob nicht solch jugendliche Kraftproben mit ihrem gutmütigen

Humor schon den spätern Mann erkennen lassen? Jedenfalls sieht man den

werdenden Charakter in einem Beispiel von Knabenstolz. Es ereignete

sich einmal, daß er unverdienter Weise von seinen Mitschülern

ausgeschlossen werden sollte, als diese nach London durften, um

»englische Reiter« zu sehen; es ergab sich noch rechtzeitig, daß

der Junge die Strafe nicht verdient hatte, er war aber nicht dazu

zu bewegen, sich dem Klassenvergnügen, auf das er sich vorher doch

so sehr gefreut hatte, anzuschließen. In der Kadettenschule zu

Woolwich soll ein unverständiger Offizier dem Zögling einmal das Wort

hingeworfen haben: »Aus Ihnen wird Ihr Lebtag nichts Rechtes«, was

den jungen Hitzkopf so aufbrachte, daß er sich die Epauletten von

den Schultern riß und sie seinem Vorgesetzten vor die Füße warf. Man

sollte zwar denken, daß solche Insubordination den jungen Menschen

leicht seine Laufbahn hätte kosten können, und Gordon selbst war

im späteren Leben ein viel zu tüchtiger Soldat, als daß er diesen

Jugendstreich gebilligt hätte. Auch ist es nichts weniger als ein

Beweis von Unzulänglichkeit, daß er nach vollbrachter Kadettenzeit

den Royal Engineers einverleibt wurde, einem Regiment, das für seine

Offiziere bekanntlich eine hervorragende technische Ausbildung

voraussetzt.

Im Juli 1852, also in seinem zwanzigsten Lebensjahre, erhielt er sein

Unterleutnantspatent. Er saß darnach zwei Jahre lang zu Pembroke am

Reißbrett. Dort gab es Pläne auszuarbeiten zur Befestigung des Hafens

(Milford), die seitdem ihre Verwirklichung gefunden haben. Diese

Beschäftigung wurde zuletzt zur ernstlichen Geduldsprobe für den

jungen Mann, dessen Kameraden ostwärts fuhren, gen Sebastopol. Aber

auch für ihn kam die Zeit, und am Neujahrstag 1855 trug das »Goldene

Vließ« ihn in den Hafen von Balaclawa. Er landete mitten im tiefsten

Winter.

Die Belagerung von Sebastopol dauerte elf Monate, eine schlimme Zeit

für die britische Armee. Die Schlachten von Balaclawa und Inkerman

waren geschlagen (Okt. und Nov. 1854), ein Winter voll namenlosen

Elends folgte darauf. Wie mancher Soldat erfror in den Laufgräben!

Hunger, Kälte, Krankheit waren die Verbündeten des Feindes. Innerhalb

der russischen Festung gab's Nahrungsmittel, warme Kleidung,

Medikamente die Fülle, während die Belagerer draußen das Allernötigste

entbehrten. Dem ausdauernden Mut der hungernden, zerlumpten Soldaten

ist kaum ein ähnliches Beispiel an die Seite zu stellen. Englische

Transportschiffe fuhren zwar mit ihren Ladungen von Zelten, Teppichen

und Proviant aller Art in nächster Nähe von einem Hafen zum andern,

aber den Kapitänen fehlten die richtigen Instruktionen, und die

Offiziere, die's mit ansahen, wußten nicht was die Schiffe enthielten!

Das war die Zeit, in der der junge Gordon seine Feuertaufe erhielt.

Statt der glorreichen Erfolge sah er wochenlang nur den Jammer des

Kriegs. Als Ingenieur war seine Arbeit in den Laufgräben. Infolge des

Elends war da die Mannszucht nicht selten in Gefahr. Er war vielfach

dem russischen Feuer ausgesetzt, hin und wieder auch dem planlosen

Schießen seiner eigenen Leute. In gewisser Hinsicht war dies ein

Vorbild seiner Laufbahn. Wie oft hat er im Feuer gestanden zwischen

Freund und Feind, und seine wunderbarsten Leistungen waren nicht

selten die, welche er allein vollbrachte, nachdem die Seinen ihn im

Stich gelassen hatten.

In seinen Briefen aus der Krim beschreibt er seine tägliche Arbeit und

erzählt von gefallenen Kameraden. Schon damals giebt er den ernsten

Sinn und die Ergebung in Gottes Willen zu erkennen, die ihn sein Leben

lang kennzeichneten. Der Lauf der Jahre hat bei ihm nur das vertieft,

was sich schon früh kund gab. Der Tod hatte keine Schrecken für ihn,

jeden Augenblick war er zum Sterben bereit. Wie alle gottvertrauenden

Menschen wußte er, daß der Tod nur dann kommt, wenn die dem Menschen

zugewiesene Lebensarbeit vollbracht ist, und in dieser Zuversicht

verfolgte er furchtlos die Bahn seiner Pflicht. Einmal sauste eine ihm

zugedachte russische Kugel hart an seinem Ohr vorüber; in einem Briefe

an seine Mutter erwähnte er der Sache aber nur mit der soldatischen

Bemerkung: »Die Russen zielen gut; ihre Kugeln sind groß und spitz.«

Einige Tage später fiel sein Hauptmann; er berichtet darüber in die

Heimat: »Es ist mir lieb zu wissen, daß er ein ernstgesinnter Mann

war. Die Bombe platzte über ihm, und ein Splitter traf ihn im Rücken

-- ~durch einen Zufall, wie man's nennt~; er war augenblicklich

tot.« Aus dem Sudan schreibt er zweiundzwanzig Jahre später im Blick

auf die Unterdrückung des Sklavenhandels: »Ich kann's vollbringen

mit Gottes Hilfe und habe die feste Überzeugung, daß er ~mich dazu

bestimmt hat~, denn sehr gegen meinen eigenen Willen bin ich hieher

gekommen ... Ich bin ein Fatalist geworden, wie's die Leute nennen,

das heißt: ich überlasse es dem lieben Gott mir durchzuhelfen.« Ein

andermal schreibt er: »Kein Trost kommt dem gleich, den ein Mensch

hat, der sich allezeit auf Gott verläßt, der glaubt und es nicht nur

mit dem Munde bekennt, sondern auch mit der That, daß ~alle~

Dinge vorher bestimmt sind. Wer so denkt, der hat den Tod schon

gekostet, und die Widerwärtigkeiten des Lebens fechten ihn nicht mehr

an.« Gordon hat seine Führung als eine im großen wie im kleinen von

Gott vorher bestimmte betrachtet, und das ist der Schlüssel zu seinem

ganzen Leben; dieser Glaube ist es, der ihn zum Helden gemacht hat. Er

that immer das Beste, was in seinen Kräften stand, dem Ausgang aber

sah er ruhig entgegen. »Wenn wir nur immer glauben könnten,« heißt's

in einem anderen Sudan-Brief, »daß alles von Gott bestimmt und zum

besten bestimmt ist, so wären wir mehr denn Überwinder; die Welt läge

zu unseren Füßen ... Unglück, das uns trifft, ist in Wirklichkeit

nie so schlimm als in der Erwartung, und wenn wir nur stillhalten

könnten, so trügen wir's leichter. Ich kann das Dasein Gottes von

seiner Vorherbestimmung und Leitung aller Dinge, der guten wie der

bösen, nicht trennen; das Böse läßt er zu, aber es bleibt unter seiner

Fügung.«

Nach dem Tod des Zaren, im März 1855, schritt die Belagerung stetig

aber langsam vor. Ende April schreibt Gordon: »Wir schieben unsere

Batterien vor, können aber nicht viel thun, ehe die Franzosen Fort

Malakow eingenommen haben.« Bis Anfang Juni verharrten die Briten

ziemlich unthätig. Gordon hatte nicht viel zu berichten; eine Zeile

aber muß erwähnt werden: »Es ist sehr zu beklagen,« sagt der junge

Leutnant, »daß wir keine rechten Feldprediger haben; ich wüßte auch

nicht einen zu nennen, dem das Wohl der Soldaten wahrhaft am Herzen

läge.«

Am 6. Juni eröffneten die Engländer das Feuer aus tausend Feldstücken;

aber obschon Gordon schreibt: »Ich glaube nicht, daß sich Sebastopol

noch zehn Tage halten kann,« so hielt die Festung sich doch noch

zehnmal zehn Tage; und während dieser ganzen Zeit war der junge

Ingenieur-Offizier auf seinem Posten in den Gräben.

Am 8. September erstürmten die Franzosen den Malakow. Die Engländer

pflanzten ihre Fahne auf Fort Redan auf, wurden aber nach einer Stunde

wieder daraus vertrieben. Zum wiederholten Angriff am folgenden Tage

kam es nicht, denn in der Nacht räumten die Russen die Festung. Gordon

schreibt:

»In der Nacht auf den 9. hörten wir eine furchtbare Explosion,

und als ich um vier Uhr morgens in die Gräben ging, sah ich ein

gewaltiges Schauspiel. Sebastopol war in Flammen, und als die

aufgehende Sonne die Zerstörung beleuchtete, war der Effekt in der

That wunderbar. Die Russen verließen die Stadt; alle Dreidecker

waren in den Grund gebohrt, nur die Dampfschiffe übrig. Viele Tonnen

Pulvers müssen in die Luft gesprengt worden sein. Morgens acht Uhr

erhielt ich Ordre, einen Plan der Festungswerke auszuführen, und

begab mich nach Fort Redan; dort hatte ich einen entsetzlichen

Anblick. Die Gefallenen wurden haufenweise beerdigt, Russen und

Engländer mit einander.«

Nach dem Fall von Sebastopol war Gordon bis Februar 1856 fast

ausschließlich damit beschäftigt, die vom Brande verschonten

Festungswerke zu demolieren, und mit dieser wenig interessanten, aber

harten Arbeit schließt seine Zeit in der Krim.

Aus Gordons eigenen Berichten läßt sich wenig oder nichts über seine

persönlichen Leistungen entnehmen; Oberst Chesney dagegen, ein

Offizier, der vielfach Gelegenheit hatte ihn zu beobachten, stellte

ihm nachmals folgendes Zeugnis aus: »In seiner bescheidenen Stellung

als Ingenieur-Leutnant hat er durch seine Tapferkeit und Energie die

Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten auf sich gezogen und überdies

eine spezielle strategische Tüchtigkeit an den Tag gelegt, die sich

in den Gräben vor Sebastopol in einer persönlichen Kenntnis der

feindlichen Taktik kundgab, wie kein anderer Offizier sie erlangte.

Wir beauftragten immer ihn damit, ausfindig zu machen, was die Russen

vorhatten!«

Auch General Jones hob seine Verdienste hervor, aber das war

vorläufig alles, was ihm von englischer Seite an Lorbeeren zu teil

wurde, da im Ingenieur-Korps das Avancement lediglich nach dem

Dienstalter erfolgt. Die Franzosen verliehen ihm das Kreuz der

Ehrenlegion. So jung er war, hatte er doch bereits einen guten Anfang

gemacht »sein Bestes zu thun«.

Ehe wir die Krim verlassen, mag noch bemerkt werden, daß mit ihm in

den Laufgräben zwei andere junge Offiziere sich auszeichneten, die

berühmt geworden und neben Gordon auch im Sudan auf den Plan gekommen

sind: General Sir Gerald Graham und General Lord Wolseley, beide seine

lebenslänglichen Freunde.

Im Frieden von Paris verlor Rußland, was es seither durch den Berliner

Kongreß wieder erlangt hat, nämlich einen Streifen Land, dessen Besitz

die Beherrschung der untern Donau bedeutet. Bis 1812 gehörte dieser

Landstrich den Türken. Jetzt sollte die alte Grenze wiederhergestellt

werden. Eine Kommission, bestehend aus englischen, französischen,

russischen und österreichischen Offizieren, wurde damit beauftragt.

Der britische Abgeordnete war Major Stanton, und unter ihm die

Leutnants James und Gordon. Im Sommer 1856 begab sich Gordon deshalb

nach Bessarabien.

Diese neue Arbeit bot Abwechslung. Zwar waren die Salzsümpfe am

Schwarzen Meer kein angenehmer Aufenthalt und Kischinew, das

Hauptquartier der Grenzkommission, das schmutzigste Nest in

Südrußland. Gordon und James durchritten das Sumpfland fast ein

Jahr lang, heute als Grenzvermesser, die russische Landkarte

untersuchend und nötigenfalls verbessernd, morgen vielleicht nur als

Depeschenkuriere. Gordon fand diese Beschäftigung weit ansprechender

als den Krimkrieg; nichtsdestoweniger war es ihm unwillkommen, daß er

nach vollbrachter Grenzbestimmung zu einem ähnlichen Geschäft an die

asiatische Grenze versetzt wurde. Er hatte Verlangen nach der Heimat

und telegraphierte die Anfrage nach England, ob nicht ein anderer für

ihn eintreten könne. Aber seine Tüchtigkeit war bereits notorisch und

»Leutnant Gordon muß gehen«, lautete die Antwort.

In Armenien kam er zum erstenmal mit unzivilisierten Völkerschaften

in Berührung und bewies schon damals durch den Takt, mit welchem er

mit den Kurden-Häuptlingen umging, daß er ein besonderes Geschick

hatte, das Vertrauen solcher Stämme zu gewinnen und sie mächtig zu

beeinflussen. Sein Beruf führte ihn nach manchem interessanten Ort des

berühmten Landes. Er besuchte Erzerum, Kars, Eriwan, die Ruinen von

Arni, und bestieg auch den Ararat. In jenen Gegenden gewann er seinen

ersten Einblick in die Art und Weise, wie die Türkei dem Sklavenhandel

Vorschub leistet. Zwanzig Jahre später lernte er die Greuel der

Sklaverei an der Westgrenze der muhammedanischen Welt kennen, und die

schönste Arbeit seines Lebens war die, welche er der Unterdrückung

jenes schändlichen Handels gewidmet hat.

Nach einem halben Jahr in jenem Land voll reicher Erinnerungen kehrte

er nach Konstantinopel zurück, wo die Grenzkommission tagte, um von

da nach dreijähriger Abwesenheit den Heimweg anzutreten. Im Frühjahr

1858 wurde er abermals nach Armenien geschickt, wo er bis zum Herbst

damit beschäftigt war, die neue Heerstraße zwischen den russischen und

türkischen Grenzländern zu untersuchen.

Das folgende Jahr verbrachte er auf der englischen Militärstation

Chatham, wo er im April 1859 nach siebenjähriger Dienstzeit zum

Hauptmann avancierte.

Zweites Buch.

Gordon in China.

Gordon, der Held von Khartum · 第 2 / 22 题