Puck glaubte, man könne den Raum so leicht verlassen wie man hineinkam

und stieß im Flug hart gegen die blaß schimmernde Fensterscheibe. Er

war ein wenig betäubt und sehr erstaunt. Wieder und dann noch einmal

versuchte er, die harte, unsichtbare Barrière zu überwinden, aber

nicht blindlings oder in verzagter Heftigkeit, wie ein Vogel es getan

hätte. Selbst in dieser unerwarteten und gefährlichen Lage behielt er

den Kopf klar. Als die erste Ueberraschung verwunden, fing er an, das

Glas von dem Luftraum draußen zu unterscheiden, und dann gab er mit

Gleichmut auf, Unmögliches zu ertrotzen. Zuerst widmete er sich der

genauesten Untersuchung jeder Ecke und jedes Verstecks im Zimmer. Aber

obwohl der Raum voll von zerbrechlichem Tand und zierlichen Nippes war,

sah und flog er so vorsichtig, daß seine Flügel nicht den kleinsten

Schaden anrichteten. Er kam unter jedes Stück Möbel, hinter jedes Bild

und untersuchte aufs gründlichste den Wandschirm, der während des

Sommers den Ofen verbarg. Bei diesen Entdeckungsreisen stöberte er eine

ganz unerwartet reiche Auswahl von Insekten auf, und seine Angst war

keineswegs so groß, daß er nicht alle Leckerbissen dankbar verzehrt

hätte, die der Zufall ihm brachte.

So verging die Nacht mit dem Gefühl einer gewissen Unsicherheit,

aber nicht gerade langweilig. Als die Dämmerung grau durchs Fenster

kam und die Geranien sich glühend färbten, gab Puck, keineswegs in

Verzweiflung, sein vergebliches Mühen auf. Tagesanbruch war für ihn

der Moment, schlafen zu gehen. So hing er sich bequem in eine Falte

des großen Vorhangs in einer Ecke des Zimmers und bettete sich mit

philosophischer Ruhe, als wäre er in seiner Scheuer unter seinem

gewohnten Dach.

Ein paar Stunden später kamen zwei Dienstmädchen ins Zimmer und fingen

an, aufzuräumen. Im Verlauf dieser Tätigkeit nahmen sie die Vorhänge

ab. Sie schüttelten sie tüchtig, um sie später zusammenzulegen. Zu

ihrem Entsetzen fiel Puck, der Düstere, heraus.

Beim Anblick dieses gut vier Zoll langen Ungeheuers schrien sie so

entsetzlich, daß der Mann herbeieilte, der abends mit seinem Mädchen im

Garten spaziert war. Er trug Reithosen und Handschuhe. Puck, der nur

halbwach und sehr ärgerlich über die rauhe Berührung war, richtete sich

auf dem Vorhang mit halb gespreiteten Flügeln und funkelnden, winzigen

Jett-Augen auf. Der Ausdruck seiner Meinung über die Dienstmädchen

wurde so heftig, wie möglich, und klang etwa wie das Räderdrehen einer

besonders großen und besonders schlecht geölten billigen Taschenuhr.

»Großer Gott, Hanne,« rief der Herr, »ich dachte, Sie und Liese hätten

mindestens ein Rhinozeros aufgestört, solchen Lärm schlagt ihr! Glaubt

ihr, die arme, kleine Fledermaus will euch fressen?«

Er bückte sich, um Puck aufzunehmen. Aber der kleine, barsche Kerl

schnarrte ihn an und schnappte so heftig nach ihm, daß der Mann froh

war, dicke Handschuhe zu tragen. Die Mädchen zitterten.

»Sehen der Herr nur!« schrie Hanne. »Er würde uns fressen, wenn er nur

könnte, er ist so wild!«

»Er ist wirklich ein richtiger kleiner Teufel!« sagte der Mann, nahm

Puck behutsam in seine handschuhbekleideten Hände und trug ihn zum

Fenster.

Puck war jetzt hellwach, und sein Uhrwerk-Schnarren empörte sich

schrill gegen die Gefangenschaft in Händen eines Menschen. Am Fenster

ließ der Mann ihn los. Der Glanz des vollen Tages verwirrte Puck. Aber

indem er die Augen zu einem kaum haarbreiten Spalt schloß, konnte er

die Landschaft doch einigermaßen erkennen. Im Augenblick hatte er sich

in die Luft geworfen, und im nächsten schon flatterte er in den nahen

Aesten. Er nahm seinen Weg, so dicht wie möglich in den Bäumen, zum

Flußufer, und von da ging's über die Wiesen zur alten Scheuer! Ein

paar Minuten später hängte er sich unverzagt neben seine schlafenden

Kameraden in den warmen, braunen Schatten des Giebels.

Unter gewöhnlichen Umständen hätte Puck sich jetzt niedergelassen, um

den Rest des hellen Tages zu verschlafen. Aber es war Bestimmung, daß

diese vierundzwanzig Stunden eine besonders ereignisreiche Zeit für

ihn werden sollten. An einem schmalen, wagerechten Dachsparren, nur

ein paar Fuß unter sich, bemerkte er seine Spielgefährtin vom letzten

Abend, die kleine Mutter mit ihren beiden Jungen. Sie hatte ihren

Nachwuchs an der glatten Oberfläche des Sparrens verwahrt, während

sie selbst mit ihrem Putz beschäftigt war -- eine Angelegenheit, die

für die Fledermaus so wichtig ist wie für die eitelste Katze. Mit

erstaunlicher Gewandtheit kratzte sie sich mit den Hornspitzen ihrer

Flügelarme hinter den Ohren, kämmte sich den Pelz an Stellen des

Körpers, die unerreichbar schienen. Dann machte sie sich an die Haut

der Flügel, nahm erst den einen, dann den andern vor, streckte und

prüfte sie, zog sie durch die Lippen und beleckte die ganze Fläche, bis

über ihre Makellosigkeit kein Zweifel mehr bestehen konnte.

Während die kleine Mutter so beschäftigt war, schwirrte aus den

schmutzigen Nestern unter der Dachtraufe eine Schwalbe hastig in den

Giebel empor, um eine große Wespe zu jagen. Der verzweifelte Käfer war

seiner Verfolgerin im Giebeldach entgangen, und jetzt stürzte er sich

gerade über der Dachsparre in die Tiefe, so daß er die Fledermaus-Babys

im Flug berührte. Die Schwalbe schoß ihm rücksichtslos nach, und

diesmal blieb es nicht bei einer streifenden Berührung der kleinen

Krabbler. Die Schwalbe traf sie so rauh, daß beide glatt von dem

Sparren abgerissen wurden. Obgleich sie Fliegen noch nicht gelernt

hatten, spreiteten sie zwar instinktiv ihre zerbrechlichen Flügel,

aber sie fielen doch mit Geflatter wie zwei abgestorbene Eichblätter

herunter auf den Boden. Glücklicherweise war der Boden der Scheune mit

Spreu und Halmen und allen Spuren der letzten Heuernte dicht bedeckt,

so daß die Säuglinge sanft landeten und nicht verletzt wurden. Aber sie

landeten weit voneinander, wie zwei wirbelnde Blätter es getan hätten.

Die Mutter, die gerade, als das Unheil passierte, dicht in die Falten

ihrer Flügel eingewickelt war, machte sich schleunigst los und eilte

ihren Kleinen nach. Dann kam ihr Puck, den seine letzten Abenteuer

unternehmungslustig gemacht hatten, im Zick-Zack nach, um zu sehen, was

er für sie tun könnte.

Er fand Beschäftigung, und das sofort! Die große Ratte, die unter der

Diele der Scheuer wohnte, kam gerade aus ihrem Loch. Es war ihr, als

ob irgend etwas gefallen war, und obwohl sie nicht recht wußte, was

es war, kam sie eilig und in großen Erwartungen angeschossen. Sie

vermutete eine junge Schwalbe, die aus dem Nest gefallen oder geworfen

war, und junge Schwalben liebte sie der Abwechslung halber.

Die Neugier der Ratte wurde durch einen leichten Schlag auf ihren Kopf

abgelenkt. Eine Fledermaus war ihr scheinbar direkt auf den Rücken

gefallen. Die Ratte wurde nicht ärgerlich, im Gegenteil, sie war

ungeheuer interessiert. Noch nie hatte sie eine Fledermaus gegessen,

aber schon oft Lust dazu gehabt. Und ihr bot sich unzweifelhaft eine

Gelegenheit, denn diese Fledermaus schien krank oder verwundet. So

sprang die Ratte auf die neue Beute. Sie sprang falsch, zweifellos,

aber doch nur um Fingersbreite, und die jämmerlich matte Fledermaus

flatterte noch immer in Reichweite. Wieder und wieder sprang die Ratte

an, ihre langen, weißen Zähne schnappten mit furchtbarem Laut zusammen,

aber sie fingen nichts, bis sie sich auf einmal wieder vor dem Loch

am Winkel fand, aus dem sie gerade aufgetaucht war. Dann schwang sich

zu ihrem Mißvergnügen die armselig flatternde Gestalt, die doch schon

fast in ihren Zähnen gewesen war, mit starken Flügelzügen doch empor.

Und zugleich stieß eine andere Fledermaus schwirrend aus der Mitte

der Diele auf, mit zwei Jungen, die in ihrem Genick saßen. Enttäuscht

und beschämt machte sich die Ratte hinaus in die Wiesen, um sich mit

einem Paar gemütlichen Grashüpfern zu trösten. Puck, der Düstere, aber

schwang sich, von Triumph geschwellt, auf seinen hohen Sitz zurück.

Nach dem, was er mit Eulen, Wieseln, Faltern und Menschen und Ratten

erlebt hatte, fühlte er seine gewöhnliche Schläfrigkeit nicht. So

machte er sich an seinen Putz, den er so eifrig und peinlich besorgte,

wie es einer braunen Fledermaus von seiner Tüchtigkeit ansteht.

Schläfer im Schnee

I.

Mit Stöhnen und Knirschen kam der wacklige Zug an der frostigen

Hinterwaldstation »Blechkessel« zum Stehen, rechts und links von

Schneewällen eingepfercht.

Außer Melissa Elliot war kein Fahrgast für Blechkessel im Zug. Sie war

ein großes, blondes Mädel mit blauen Augen, Pelzmütze auf dem Kopf, das

energische Kinn in einer grauen Luchsboa vergraben und beide Hände voll

von Paketen und Bündeln. So stand sie auf den vereisten Stufen, bis

zwei junge Männer, die am andern Ende des Wagens ängstlich gewartet,

angerannt kamen und ihr ans Licht halfen. Jeder versuchte, dem andern

zuvorzukommen, das Mädchen für sich in Beschlag zu nehmen, aber Melissa

benahm sich so taktvoll, daß jeder nur einen Ellbogen zu stützen bekam,

gleichzeitig aber zur Entschädigung seinen gerechten Anteil ihres

Handgepäcks. Der Schaffner warf ihren braunen Koffer mit lautem Knall

auf die Plattform. Der Zugführer rief: »Alles einsteigen!« obwohl er

der Einzige war, der dieser Einladung folgen konnte. Und langsam, mit

Gestöhn und mächtigen Rauchwolken (denn der Nordwind stand gerade auf

Blechkessel) zog der schmierige Zug wieder an.

Station und Stationsvorstand schienen ihm sehnsüchtig nachzublicken;

Blechkessel wurde in jeder Richtung nur von einem Zuge täglich berührt!

Und von der Station selbst sah man nichts als ein paar senkrecht

eingerammte Stämme, die sich hier und da aus dem Schnee erhoben,

dahinter einen ragenden Wall von Fichtenbäumen und die schmale,

doppellinige Metallspur, die aus dieser Wildnis in die geschäftige Welt

führte. Das Dorf »Blechkessel«, ein dürftiges, kleines Sägemühlennest,

lag im Flußtal, hinter dem Wald verborgen, wohl zwanzig Meilen von der

Station ab.

Obwohl nur ein Fahrgast gekommen, warteten zwei Gefährte vor dem

Bahnhofsgebäude. Walter Bird hatte seine glänzende braune Stute flott

in den leichten Promenadenschlitten gespannt, Jimmy Wright aber einen

seiner großen grauen Lastgäule und den schweren »Pung« mitgebracht,

einen niedrigen Lastschlitten, wie man sie im Hinterwald braucht.

Die jungen Männer lauerten schon seit einer Woche auf jeden einwärts

brausenden Zug, denn daß Melissa zu Weihnachten nach Hause kommen

wollte, wußten sie und keiner gönnte dem andern auch nur den leisesten

Vorzug. Bubenhaft stolz auf die größere Eleganz seines Fahrzeugs,

schwang Walter seine Pakete wie eine Trophäe in die Luft und versuchte

Melissa geradenwegs zu seinem Schlitten zu ziehen.

»Schau dir meine neue Yacht an, Melissa!« rief er in naiver

Pfiffigkeit, »seit einem Monat hab' ich sie und noch hat kein Mädel

drin gesessen! Für dich hab' ich das Möbel frisch gehalten!«

Jimmy Wrights scharfe, tiefgelagerten Augen hatten indes beim Anblick

des schweren braunen Koffers geleuchtet. Denn neben der Verlockung

des kleinen, flotten Schlittens hatte er sich vor Mißtrauen krank

gefühlt, jetzt aber hatte das Auge des Praktikers festgestellt, daß

der Schlitten zu klein war, diesen Koffer zu tragen. Indes er Melissas

Arm ließ, stürzte er sich über den Koffer und schwenkte ihn wie eine

Handtasche in seinen Pung. Er war überzeugt, daß eine Dame und ihr

Gepäck sich nicht voneinander trennten.

»Hab' mir ja gedacht, daß du einen Koffer mit dir führtest, Lissy,«

brummte er. »Hab' deshalb den Pung mitgebracht und nicht den

Spazierschlitten. Hoffentlich macht es dir nichts, in einem Pung zu

fahren, jetzt wo du so lange in Frederikton warst.«

Melissa sah zögernd von einem zum andern. Ihre blauen Augen zeigten

nur Freundlichkeit und ein gewisses kindliches Behagen an der

schmeichelhaften Lage.

»Es war lieb von euch Beiden, nach mir zu sehen!« rief sie plötzlich,

»und am liebsten würde ich mit beiden zugleich fahren. Wär' ich nur im

Zirkus aufgewachsen, vielleicht könnt' ich's dann!« Sie lachte und rang

in drolliger Verzweiflung die Hände.

»Jimmy hat deinen Koffer erwischt,« behauptete Bird.

»Der hat seinen Teil weg, du kommst mit mir!«

Jimmy Wright sah grimmig aus, als Mann von schweren Worten fand er

keine Antwort. Der brennende Wunsch, diese verlockende schlanke Gestalt

zu packen und mit sich zu nehmen, machte ihn fast noch schweigsamer,

als er gewöhnlich war. Seine Ruhe aber war ihm vielleicht nützlicher

als Schlagfertigkeit, denn im Augenblick machte sie Melissa zu seiner

Verbündeten.

»Walter,« widersprach sie, »wenn du glaubst, das ist eine anständige

Verteilung, dann wird Jimmy wahrscheinlich mich nehmen und dir den

Koffer lassen! Ein netter Einfall, daß ein alter, brauner Koffer,

gleichgültig was drin steckt, als Entschädigung für mich gelten soll!«

Jetzt sah Bird niedergeschlagen aus, und, seinen Kummer zu steigern,

fand Jimmy diesmal Worte, gerade die rechten, die eigentlich er hätte

finden müssen.

»Es ist nicht irgend ein Koffer, Lissy,« sagte er. »Es ist deiner, und

das macht den größten Unterschied von der Welt.«

Melissa dankte ihm mit einem lustigen Blick, erschrak aber über die

jähe Betrübnis in Walter Birds sonst so frischem und selbstbewußtem

Gesicht.

»Es läßt sich nur auf eine Weise machen,« sagte sie fest, »und wenn

einer von euch nicht einwilligt, dann geh' ich gerade mit dem andern.

Wenn ihr aber beide einverstanden seid, dann fahr' ich den halben Weg

mit dem einen und die zweite Hälfte mit dem andern. Und zwar die erste

Hälfte mit dir, Walter,« setzte sie hastig hinzu, denn sie sah, daß

Bird aussah, als wollte er widersprechen. Ohne es selbst zu wissen,

hatte sie ein besonderes Vertrauen zu Jimmys Gleichmut, und gerade

deshalb neigte sie dazu, ihm die schwerere Probe aufzuerlegen.

»Sehr anständig, Lissy, bist immer für gleiches Spiel,« stimmte Jimmy

herzlich zu. »Fahre euch bis zur Ecke von Boilsweg nach, dann steigst

du zu mir in den Pung. Boilsweg ist gerade die Mitte zwischen Station

und Postamt.« Bird vergrub in diesem Augenblick Melissas Füße in die

Decken seines wohleingerichteten Schlittens.

»Die Braune ist manchmal ein bißchen hartmäulig,« warf er über die

Schulter hin. »Wenn's nach Hause geht, ist es nicht gerade leicht, sie

am Boilsweg zum Halten zu bringen, Jimmy.«

Melissa hatte plötzlich einen roten Kopf. Jimmy Wright behauptete mit

Recht, daß sie für ehrliches Spiel war.

»Ich steige am Boilsweg um,« sagte sie bestimmt, und Bird merkte, daß

sie es sicher tun würde, ob die Stute hielt oder nicht. So gab er den

Kampf auf.

»Werd' sie schon zum Halten bringen,« rief er zuversichtlich, »ob

der Hafer sie sticht oder nicht! Habe das nur gesagt, um Jimmy

aufzukratzen.«

»Wußte ich ja, Walter,« stimmte Melissa bei und bestätigte ihm, sie sei

das einzige Mädchen, das ihn verstand. Triumphierend hob er die Zügel,

und die Braune ging in einem Tempo los, das zunächst rechtfertigte,

was er ihr nachgesagt. Dann fiel ihm ein, wie kurz die Strecke nach

Boilsweg war, und plötzlich hielt er sie zurück. Jimmy Wrights schwerer

Grauer holte im Humpelgalopp auf. Anfangs war Walter vergnügt, daß

er Melissa als erster bei sich hatte. Dann fiel ihm plötzlich ein,

sein Rivale würde die Schöne im Dorf einfahren, während er im leeren

Schlitten hinterhertrotten mußte, als hätte er den Kampf aufgegeben.

Melissa bemerkte seine veränderte Miene und machte ihm so schöne Augen,

daß jetzt auch Jimmys Gesicht hinten im Pung sich verfinsterte. Die

Frage war tatsächlich so schwierig, daß selbst ein gewandteres Mädchen

als Melissa sie kaum gelöst hätte. Ihre eigene frohe Laune verging

langsam in diesem Kampf der Gefühle um sie. Darüber wurde ihr bewußt,

daß sie kalte Füße hatte und der scharfe Frost ihre Finger steif

machte, und als die Ecke von Boilsweg erreicht war, hatte sie Lust, mit

beiden Rittern zu grollen. Hatte sie nicht für alle Beide das Beste

gewollt. Hatten die Beiden ein Recht, sie zu quälen?

Bird hatte seine Stute allmählich fast Schritt gehen lassen, aber

trotzdem kam endlich die kritische Ecke.

»Hier sind wir,« sagte Melissa etwas spitz, und Bird hielt gehorsam,

wenngleich wütend. Jimmy trieb seinen großen Gaul schleunigst durch die

tiefen Schneewehen am Straßenrand und brachte seinen Pung so nahe an

den Schlitten, daß Melissa einfach hinüberspringen konnte.

»Wohin jetzt?« fragte Bird. »Wirst doch im Hotel absteigen, die

Postkutsche fährt erst morgen Nacht.«

»Ich ins Hotel?« rief Melissa, »nein, fahr mich geradenwegs zu Parkers,

Jimmy, von denen bekomm ich, was ich brauche. Ich kenne seine drei

Pferde, sie kennen mich, und sein alter roter Pung kann jeden Weg

machen. Glaubt ihr, ich bleibe eine Nacht und einen Tag in Blechkessel,

wenn ich nur zwanzig Meilen von daheim bin, am Abend vor Weihnachten?

Sobald ich gegessen habe, geht's nach County-Line! Der Weg wird

schwierig sein, aber ich darf keine Zeit verlieren.«

Jimmy Wright hatte gerade seinen Gaul antreiben wollen. Als Melissa

ihre Absicht auseinandersetzte, ließ er die Zügel wieder fallen und

sah hilflos zu Bird hin. Ein verständnisvoller Blick machte die jungen

Leute im Augenblick zu Bundesgenossen.

»Tausend Wetter!« rief Bird, da fiel ihm ein, daß Melissa das Fluchen

haßte. Um aber seine Worte nachdrücklicher zu machen, setzte er gerade

noch einmal an.

»Zehntausend Wetter, Lissy, kannst einfach nicht daran denken, bis nach

County-Line durchzufahren. Kommt gar nicht in Betracht! Mußt auf die

Kutsche warten!«

»Walter hat recht,« erklärte Jimmy nachdrücklich. »Seit dem letzten

Schneefall ist kein Schlitten bis County-Line runtergefahren, und

seither hat es gehörig geweht. Die Kutsche sogar wird morgen zu tun

haben, um durchzukommen. Für ein Mädel wie dich -- noch dazu allein --

ganz unmöglich!«

»Jetzt werdet ihr beide langweilig,« sagte Melissa scharf. »Als hätt'

ich's nicht schon hundertmal gemacht!«

Im Zorn auf beide schüttelte sie die Hände und kam sich zugleich sehr

lächerlich vor. -- Seite an Seite standen zwei Schlitten im tiefen

Schnee, und statt zu reisen, diskutierte man.

»Wenn Tilly Smith zum Beispiel nach County-Line wollte, um ihre Eltern

und ihre kleine Schwester zu sehen, würde der Unsinn nicht gesagt

werden.«

Walter Bird lachte verächtlich. »Tilly Smith!« rief er. »Wer die

anschaut, braucht gleich einen neuen Spiegel!«

»Ist das ein Grund, daß man ihr nicht hilft und sich nicht um sie

kümmert?« fragte Melissa.

»Ach was, Tilly Smith kann sehr gut für sich selbst sorgen.«

»Ich auch!« rief Melissa und machte ein resolutes Gesicht.

»Ihr Beide wart sehr gut und lieb, daß ihr mir entgegengekommen seid,

aber was ich tu und lasse, hat mir keiner von euch vorzuschreiben. Ich

weiß es selbst. Jetzt bitte vorwärts, zu Parkers! Man friert ja an!«

»Schön,« antwortete Jimmy, »wenn du durchaus nicht auf die Kutsche

warten willst, bring' ich dich hin, Lissy. Mein alter Grauer wird durch

die Schneewehen durchkommen, Parkers Gäule bleiben stecken.«

»Und ich sage dir, daß ich allein fahre!« widersprach Melissa, der die

Geschichte langsam auf die Nerven ging. Dann merkte sie selbst, wie

unhöflich sie war.

»Verzeih, Jimmy, ich wollte nicht so grob werden. Natürlich ist es lieb

von dir, daß du so weit mit mir fahren willst, und es wäre ja nett,

wenn ich dich bei mir hätte. Aber es geht nicht, es würde so komisch

aussehen. Papa und Mama wissen, daß ich im Winter und im Sommer den

Weg oft genug allein gemacht habe. Sie würden glauben, ich wäre in

der Stadt ein ganz anderes Mädel geworden, oder ich wäre überhaupt

keine Hinterwäldlerin mehr. Und andererseits, wenn du so weit mit mir

fährst, können sie dich nicht mehr nach Hause lassen. Dann müßtest du

bei uns bleiben, Jimmy, und es ist Weihnachten,« setzte sie in einem

fast bettelnden Ton hinzu, voll Angst, er könnte sich verletzt fühlen.

»Sechs Monate bin ich weg gewesen.«

Jimmys robustes braunes Gesicht hatte sich während Melissas Rede

verfinstert, aber die letzten Worte besänftigten ihn. Er verstand am

besten, daß sie sich nach Hause sehnte, weil er so lange nach ihr

gehungert hatte.

»Mir scheint, wir müssen dich gehen lassen, du warst immer groß darin,

deinen eigenen Weg zu suchen.«

»Gut!« rief Bird, der gleichmäßig fürchtete, Melissa könnte den Weg

allein machen, oder sie könnte ihn mit Jimmy Wright allein machen.

»Kann nur sagen, wenn ich frei wäre, würd ich's nicht so leicht

aufgeben, Jimmy. Allein kann sie nicht fahren. Ich habe Lust, den

ganzen Weihnachtszauber aufzugeben und selbst mit ihr zu fahren.«

Melissa war dicht dran, ihm eine deutliche Antwort zu geben. Aber dann

änderte sie ihren Sinn.

»Natürlich würdest du alles aufgeben, Walter,« sagte sie liebenswürdig,

»wenn ich dich wirklich brauchte. Aber ich lasse nicht zu, daß deine

Mutter Weihnachten allein ist. Jetzt ist genug Unsinn über all das

gesprochen worden. Ihr seht, außer meinen Kleidern hab' ich in

Frederikton nichts verändert. Bin dasselbe Hinterwaldmädel wie immer!«

II.

Es war fast ein Uhr nachmittags, als Melissa im alten roten Pung mit

Parkers kräftigem Grauen von Blechkessel aufbrach. Es war beißend kalt,

aber klar und ruhig, und obwohl man gewarnt hatte, sie würde auf den

verwehten Straßen stecken bleiben, hatte sie keine Angst.

Der Mond mußte bald nach Sonnenuntergang erscheinen, so daß

Dunkelheit ihre Reise nicht störte. Um welche Zeit sie ankam, war ihr

gleichgültig, denn ihr einziger Gedanke war eben der: anzukommen! Ein

paar heiße Ziegelsteine auf dem Boden des Schlittens, zwei Paar wollene

Strümpfe und biegsame Mokassins aus Renntiermoos hielten sie warm. In

ihrem Koffer und ihren Paketen steckten viel interessante Dinge für

Vater, Mutter und Meg, das kranke Schwesterchen, das bald ein Jahr im

Bett zubrachte. Melissa sehnte sich nach Megs müden, grauen Augen und

dem sehnsüchtigen Lächeln auf ihrem blassen, kleinen Gesicht.

Unter so lieben Heimaterwartungen vergingen Melissa die ersten fünf

Meilen ihrer Reise wie ein Gedanke, obwohl der Weg wirklich so

schwierig war, daß diese fünf Meilen anderthalb Stunden des kurzen

Winternachmittags gekostet hatten. Eigentlich war die Straße gar nicht

zu erkennen, hätten nicht da und dort ein Schlitten, ein Pung oder eine

Lastfuhre mit Holz Spuren gezogen.

Aber wo die Straße sich, fünf Meilen vor dem Dorf, mit einem andern Weg

kreuzte, verschwanden die Spuren ganz. Melissa mußte sich aus ihren

Träumen reißen. Sie kutschierte sorgfältig und wachsam, gab manchmal

dem frommen Gaul den Kopf frei, nahm ihn dann wieder fest in die Zügel,

wenn es durch eine Schneewehe ging, die nicht zu umfahren war. Trotzdem

kam sie so langsam vom Fleck und hatte sich so sehr anzustrengen, daß

sie bald hungrig wurde und sich auf ein Paket Butterbrote freute, das

man ihr in den Schlitten gelegt hatte. Es würde tiefe Nacht werden,

ehe sie County-Line erreichte. Melissa verstand gut, wie man ein Pferd

lenkt und bei Kraft erhält. Von Zeit zu Zeit hielt sie an und machte

eine Atempause. Einmal, als der Gaul in Schweiß geraten war, sprang sie

aus dem Schlitten, frottierte ihn und ließ ihn zehn Minuten lang ruhen.

All die unerwartete Mühe jedoch steigerte nur ihren herzlichen Eifer.

Als der Winterabend in kaltem Lavendelrot, in Bernsteingelb und Lila

über den leblosen Einsamkeiten hinschwand, entdeckte Melissa die

Gestalt eines Menschen, die vor ihr her durch den Schnee humpelte.

Es war ein Mann; ein Mann, der nicht mehr weiterkonnte. Erschöpfung

sprach aus den schwer niederhängenden Schultern und der Mühsal seiner

kämpfenden Schritte. Melissas Mitleid ließ sie alles andere vergessen.

Der Mann gab kein Zeichen, daß er ihr Näherkommen bemerkte, bis sie ihn

eingeholt hatte. Dann rief sie ihm zu:

»Steigen Sie ein und kommen Sie mit! Sie sind müde, das sieht man.«

Gestalten der Wildnis · 第 10 / 11 段