Gesicht sah, zuckte durch Melissas Herz eine plötzliche Angst. Irgend
etwas Schreckliches, das sie nicht verstand, lag in seinem Blick.
Aber sie wollte tapfer sein und so zwang sie sich, nur das eine zu
sehen: daß sein Gesicht hager und elend war, die Augen vor Müdigkeit
in ihre Höhlen gesunken. Der Mann gab keine Antwort, faßte nur mit
verzweifeltem Griff den Rand des Pungs und zog sich halb hinein, halb
plumpste er auf die Planken. So lag er plötzlich zu Melissas Füßen.
Melissa warf ihm ein paar ihrer Decken über, dann kutschierte sie los,
beklommen, aber in dem Bewußtsein, daß sie das einzig Richtige getan
hatte.
Vielleicht eine halbe Stunde später fing der Mond an, seine langen,
schwarzen Schatten über den weißen Weg zu werfen. Da zog sich der Mann
plötzlich empor, preßte sich auf den Sitz neben Melissa und strich sich
die klebrigen Haarsträhnen aus Augen und Stirn. Dann spähte er um sich
und vorwärts, als suche er einen Wegweiser und kümmerte sich zunächst
um Melissa nicht mehr, als er sich um eine Holzpuppe gekümmert hätte.
Dann aber wandte er sich mit einer Plötzlichkeit, vor der ihr Herz
bebte, zu ihr und herrschte sie an:
»Hast Schnaps?«
Sie konnte zuerst nicht antworten, aus Angst, daß die Stimme ihr
zitterte. Endlich sagte sie höflich:
»Ich hätte Ihnen längst etwas anbieten sollen, weil Sie so furchtbar
erschöpft sind. Nein, Schnaps habe ich nicht! Ich bin doch ein Mädchen!«
Sie stellte sich lustig und lachte.
»Aber ich habe eine Flasche Kaffee, die einmal heiß war. Und ein paar
schöne, große Butterbrote.«
Als sie den Frühstückskorb unter der Decke hervorzog, griff der
Mann gierig nach der Flasche, stürzte den Inhalt bis zum letzten
Tropfen hinunter und warf sie weg. Dann fiel er wie ein Wolf über die
Butterbrote her.
Eine Art Zorn kam jetzt Melissa zu Hilfe.
»Ein bißchen hätten Sie mir schon lassen können,« sagte sie streng.
»Wir haben noch einen langen Weg, und schließlich könnte ich doch auch
Hunger bekommen. Nehmen Sie sich gefälligst zusammen und versuchen Sie,
sich zu benehmen wie ein anständiger Mensch!«
Der Bursche hörte einen Augenblick auf zu essen und starrte sie an. Sie
fühlte den Blick, aber sie tat, als sei sie ganz damit beschäftigt, ihr
Pferd über eine gefährliche Stelle wegzubringen. Immer noch schweigend
nahm der Fahrgast seine Mahlzeit wieder auf, aß langsam weiter, bis nur
noch drei Brote übrig waren. Die wickelte er sorgfältig ein und steckte
das Paket in seine Tasche.
Melissa sah das mit einem Seitenblick und war plötzlich heiß vor Wut.
Sie wollte ihm ausgiebig die Meinung sagen, als der Bursche anhob:
»Rascher fahren!« und nach den Zügeln griff.
Instinktiv hielt sie fest, mit aller Kraft, die nicht so gering war.
Aber mit einer Hand, einer schweren, knochigen Hand, die wie Eisen
zugriff, drückte er ihr die Gelenke so unbarmherzig zusammen, daß ihre
Finger sich von selbst lösten.
Melissa war nahe daran, zu schreien, aber im letzten Moment setzte ihr
entschlossener Wille sich durch. Ohne ein Wort steckte sie die Hände
unter die Bärendecke, rieb die Gelenke und kochte innerlich. Wie hatte
dies Scheusal all ihr Mitleid in Haß verwandelt! Zugleich aber zitterte
sie vor Angst. Etwas geheimnisvoll Schreckliches lag über der ganzen
Begegnung und machte sie bis in die Schlagadern hinein frieren. Ein
Gedanke nur hielt sie aufrecht und beherrschte ihre Nerven. Ihr ganzes
Leben lang hatte sie viel mit Tieren zu tun gehabt und so kannte sie
das Gesetz, daß man niemals Angst zeigen darf, da man sonst verloren
ist.
Bitter warf sie sich vor, daß sie Jimmy Wright nicht erlaubt hatte mit
ihr zu kommen. Nur Jimmy Wright wäre dieser Lage gewachsen gewesen,
neben ihm hätte sie sich sicher gefühlt! Kaltblütig zurückgelehnt,
studierte sie des Fremden Gesicht und plötzlich verstand sie, daß
das vielleicht gar kein Verrückter war. Ein verzweifeltes, wildes
Gesicht, zweifellos ein brutales, aber keineswegs ausdruckslos. In den
blutunterlaufenen, tiefliegenden Augen der Blick eines Gehetzten.
»Was mag er getan haben?« fragte sie sich.
Dann bekam sie wieder die große Wut, als er anfing, auf das Pferd
einzupeitschen, das brave Tier so wütend vorwärts trieb, daß es in der
nächsten Schneewehe zusammenbrechen mußte.
»Sie sind so blöd, wie Sie gemein sind,« sagte sie kalt. »Gerade wenn
Sie's eilig haben, schonen Sie das Pferd! Wenn es an der nächsten Meile
kaputt ist, sind Sie genau so weit, wie vor einer halben Stunde, als
ich Sie aufnahm!«
Der Vagabund machte den Mund zu einem Fluch auf und zeigte seine
langen, verfärbten, brüchigen Zähne. Sie hielt dem Blick stand, die Wut
wurde größer als ihre Angst.
»Kesses Frauenzimmer! Aber Maul halten! Hab' anderes zu denken!«
kommandierte er.
Dann sah er ein, wie recht sie hatte, und hetzte den Gaul nicht mehr.
Ja, als seine Erregung sich allmählich legte, kutschierte er mit
soviel Verständnis, wie Melissa selbst. Aus der Tatsache, daß er das
Tier schonte, erkannte Melissa, daß er noch weit zu fahren habe.
»Gut,« sagte sie zu sich, »wenn wir nur so weit kommen, daß mein Vater
mich hört. Dann halten wir ihn!«
Während der nächsten zwei Meilen wurde kein Wort gesprochen. Der Mond
stand jetzt hoch über den sturmverwehten Fichten, stahlblau und tötlich
kalt schien er auf die unberührte Schneefläche.
Sie erreichten einen Punkt, von dem eine andere Straße nach links
abwich und etwa zwanzig Meilen weit zur amerikanischen Grenze führte.
Der Fremde drehte den Pferdekopf nach links.
»Halt!« schrie Melissa, »ich will nach County-Line!«
Der Bursche lachte. Dieses eiskalte, unbarmherzige Lachen drückte
Melissas Mut tiefer als das ganze scheußliche Abenteuer.
»Hab' dich ganz vergessen,« sagte er. »Natürlich willst nach
County-Line. Ich gehe 'rüber nach Maine, dann weiter, so weit ich
komme. Unterröcke kann ich nicht brauchen. Scher dich 'raus! Rasch!
Hab' keine Zeit zu verlieren!«
Damit warf er ihr Gepäck in den Schnee. Melissas Mut versank jetzt ganz.
»Das können Sie nicht tun!« bettelte sie und rang die Hände.
»Ich war doch so gut zu Ihnen! Ich komme um! Ich frier' mich hier zu
Tod!«
»Nur noch sechs oder sieben Meilen bis County-Line,« sagte der Vagabund
und wälzte Melissas Koffer über Bord.
»Kannst du bis morgen früh machen! Warst anständig, deshalb laß' ich
dir deinen Kram!«
Als Melissa noch immer verzweifelt neben ihm saß, drehte er sich wild
zu ihr und drückte das Gesicht fast an ihres.
»Muß dich 'rausschmeißen,« zischte er. »Machst sonst Lärm und bringst
mir die Bande auf die Fersen! Weißt gar nicht, was für Glück du hast.
Flink, eh ich's mir überlege! Dumm genug von mir, daß ich dich nicht
stumm mache! Stumm wär's am besten für mich!«
Krank vor Angst legte Melissa eine Hand vor die Augen, um dies
gräßliche Gesicht nicht mehr zu sehen und wankte aus dem Pung. Der
Vagabund warf ihr die Bärendecke nach und sauste ab.
Melissa stand bis an die Knie im Schnee. Neben ihr lag die Bärendecke,
mit zitternden Beinen ließ sie sich darauf fallen. Um sie herum lagen
jetzt zerstreut, halb im Schnee vergraben, ihr Koffer, ihre Bündel
und Päckchen. Der Schlitten schwenkte an der nächsten Wegbiegung und
verschwand. Ein paar Sekunden später verklangen die Glöckchen und jetzt
war kein Laut mehr ringsum als manchmal das Knarren von Holz in den
frosterstarrten Bäumen.
Nur ein paar Minuten lang blieb Melissa ohne Ueberlegung. Dann fand
sie sich wieder und dachte nach: Konnte sie die paar Meilen zu Fuß
machen, ehe Hunger und Frost sie überwältigten? Natürlich konnte sie
es. Sie wollte doch! Ganz rasch wollte sie gehn und Lärm schlagen und
Polizisten auf die Spur bringen. Vielleicht war es sogar besser hier
allein zu sein als mit dem Verbrecher im Schlitten. Ein Mörder war er
doch zweifellos. Die Empörung gab ihr neue Kraft und belebte sie. Sie
raffte die Röcke bis zum Knie, griff nach der Bärendecke, warf einen
Abschiedsblick auf den Koffer, die kostbaren Bündel und stapfte tapfer
die weiße Straße hinab nach County-Line.
Der frische Entschluß trieb sie vorwärts, ließ sie bis zu den Hüften
durch Schneetriften stampfen. So hatte sie gut eine halbe Meile
zurückgelegt, ehe sie ihre Not ganz erkannte. Oefter und öfter mußte
sie jetzt Atempausen machen. Ihr Kampf mit den endlosen Schneemassen
wurde weniger und weniger zum Triumph. Sie dachte daran, den schweren
Bärenpelz aufzugeben. Aber dann fiel ihr ein, daß dieser Pelz ihre
einzige Zuflucht war, wenn sie Halt machen und gründlich ausruhen
mußte. So schleppte sie ihn verzweifelt mit sich, hüllte sich hinein
und setzte sich darauf, so oft sie rastete. Vor Anstrengung blieb sie
anfangs warm. Dann kam die Erschöpfung, und sofort empfand sie die
Schärfe der Kälte. Der Mondschein sogar schien vor Kälte zu zittern,
und plötzlich fiel ihr ein, daß sie County-Line vielleicht niemals
erreichen würde. Sie zwang sich, diese Möglichkeit zu vergessen, aber
sie drängte sich durch die Maschen ihres Willens und schwächte sie.
Dann schickte sie einen Gedanken zu Jim, der ihr neuen Mut gab und ihr
Herz wieder wärmte. Vielleicht folgte er ihr, trotz ihres Verbotes.
Walter war nur ein lieber Junge, den sie lenken mußte. Aber Jim, der
war durch und durch ein Mann!
Bisher war kein Wind zu spüren, die dicken Bäume hatten ihn vollständig
aufgefangen. Aber an der nächsten Straßenbiegung schlug er ihr voll ins
Gesicht, fing den Atem von ihrem Munde und verdoppelte den bissigen
Frost.
Noch ein Kampf von zehn oder fünfzehn Minuten, dann mußte sie gründlich
ausruhen. Zugleich kam die große Sehnsucht nach Schlaf über sie und
erfüllte ihr Herz mit neuer Angst. Denn sie wußte, wenn sie jetzt
nachgab, war alles zu Ende. Wenn sie jetzt einschlief, wachte sie nicht
wieder auf.
So schleppte sie sich in den Schutz einer riesigen zusammengebrochenen
Kiefer, deren weißbeschneite Wurzeln hoch in die Luft standen. Für ein
paar Minuten mußte sie ihr ermattetes Hirn und ihren halbgelähmten
Willen aus der zerstörenden Kraft des Windes retten. Die aufgereckten
Baumwurzeln boten guten Windschutz. Sie legte mühsam die zwanzig
Schritte zurück und wollte ein paar Minuten lang ohne Qual einem neuen
Entschluß nachhängen, um keinen Preis aber sich niederlegen. Eine
Vision schwebte vor ihren Augen: das warme, sichere Heim ihrer Eltern
und der kleinen Schwester, die jetzt vielleicht glücklich schlief ...
So leid tat sie sich selbst, daß sie Schmerz fühlte. Aber obwohl noch
immer entschlossen und noch immer tapfer, dabei fast erstarrt, bannte
sie die lähmende Vision. Sie wußte, daß jede Faser ihres Willens zum
Kampf geballt sein mußte.
Fest in die Bärendecke gehüllt, taumelte sie hinter die Wurzeln der
Kiefer, preßte sich eng an ihre Rinde. Als sie das tat, erlebte sie es,
daß der Schnee plötzlich unter ihr wich. Mit einem Entsetzensschrei
versuchte sie sich zurückzuhalten, im selben Augenblicke war es, als
verschwände die Erde unter ihren Füßen. Sich irgendwo anklammernd,
hilflos um sich greifend, versank sie in einer blinden Schneewehe. --
-- -- Der Fall dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und ging kaum
sechs oder sieben Fuß tief. Melissas entsetztem Hirn schien es eine
lange Zeit, sie glaubte, daß sie, im Fall zerschmetternd, noch einmal
zu sich kommen würde. Statt dessen fand sie sich plötzlich sanft und
warm gebettet. Mit beiden Händen um sich tastend, griff sie in ein
riesiges, warmes, pelziges Etwas, das sich bewegte und leise brummte.
Ihr Herz stockte, ein Schreckensschrei erfror auf ihren Lippen. Sie
wollte sich verkriechen, aber da war kein Raum. Sie wollte aufstehen,
aber sie war glatt auf die Seite gefallen, und ihre Beine versagten den
Dienst. Ganz ruhig lag sie, von Angst gelähmt, eng angepreßt an die
Flanke des Bären, in dessen Winterlager sie gedrungen war. Die massige
Gestalt bewegte sich leise, brummte und winselte, als beschwerte sie
sich über die rauhe Unterbrechung im tiefen Winterschlaf. Melissa
fühlte, wie eine große Tatze gegen sie drängte, als verlange sie mehr
Raum. Eine riesige Schnauze schnüffelte durch ihre Beine und legte sich
plötzlich darauf, als wäre da ein bequemes Polster gefunden. Es fiel
Melissa ein, daß schon manchmal Menschen vor Angst gestorben sind,
und sie glaubte, wenn so etwas geschehen konnte, mußte es ihr jetzt
geschehen! Jeden Augenblick erwartete sie, die Zähne des Bären in ihrem
Fleisch zu fühlen. Als aber lange Sekunden vorübergingen und nichts
geschah, begriff sie, daß das Tier sie als Bettkameradin angenommen
hatte und friedlich wieder eingeschlafen war. Mit aller Kraft erstickte
sie ein wildes, hysterisches Gelächter, das sich empordrängte. Ihr
Zittern machte den Bären abermals winseln und grunzen, als enttäuschte
ihn jedesmal sein Schlafkamerad. Das brachte sie zu ruhigem Denken.
Sie lag jetzt ganz still und zerbrach sich den Kopf darüber, wie man
aus einer so unerhörten Lage entkommen könne. Ein alter Indianer
hatte ihr einmal erzählt, daß der Bär während seines Winterschlafes,
insbesondere im Anfang, wenn er noch rund und fett ist, so gutmütig
sei, wie ein gutgefütterter Kater, daß man in sein Lager einbrechen und
ihn aufwecken, kratzen und schinden könne, ohne Gefahr zu laufen. Diese
längst vergessene Belehrung kam ihr in den Sinn und brachte Trost. Daß
es Wahrheit sein konnte, erlebte sie ja selbst!
Die Wärme des mächtigen Körpers, in dem sie fast versank, und der
starke Geruch des Pelzes ließen Angst und Energie zugleich in
ihr einschlafen. Sie war behaglich gebettet, beschützt vor der
unerträglichen Kälte da oben -- und schläfrig. Mein Gott, so unsäglich
schläfrig! Nerven und Muskeln gaben gleichzeitig nach. Sie wußte nicht,
was sie tat, als sie sich noch tiefer in die Flanke des riesigen Tieres
eingrub -- und einschlief ...
Wundersam, durch Stunden und Meilen voll von Träumen, und wie aus
weiter Ferne, kam der Klang einer Stimme zu ihr, die ihren Namen rief.
Mit großer Anstrengung machte sie sich wach, schrie »Jim« und öffnete
die Augen. Klar im Mondschein war über ihr das Gesicht Jim Wrights, der
mit wütendem Eifer den Eingang zur Höhle freigrub.
»Lebst du, Mädel? Bist noch ganz? Ich komme, wenn ich nur erst sehen
kann, wo du bist. Beinahe bin ich zu dir hinuntergefallen!«
Vor der rauhen Stimme wurde der Bär unruhig und wimmerte.
»Pscht!« machte Melissa sorglich. »Ja, ich bin noch ganz, aber
furchtbar schläfrig. Komm nicht herunter Jim, er schläft! Reich mir nur
die Hand und hilf mir hinaufklettern!«
[Illustration]
»Heiliger Himmel!« fluchte Jim, als er die ungeheure Gestalt neben
Melissa erkannte. Er hatte den Bären zuerst für ihren Pelzmantel
gehalten. Nur die plötzliche Angst, daß er auf Melissas Körper stürzen
könnte, hinderte ihn, sich zwischen sie und diese schreckliche Gestalt
zu werfen.
Aber Jim war ein Holzfäller, ein Waldmensch, ein Flußmensch und an
rasches Handeln gewöhnt. Indeß er sich glatt aufs Gesicht warf, griff
er hinunter, packte Melissa unter die Arme und zog sie halb, halb
schwang er sie glatt heraus in den mondbeleuchteten Schnee. Das war ein
schwieriges Stück Arbeit, selbst für seine gewaltigen Arme.
»Lauf,« keuchte er, »lauf zum Schlitten! Ich hab' mein Gewehr mit!« Und
dabei zog er ein paar schwere Pistolen aus dem Gürtel.
Mit beiden Händen klammerte Melissa sich an seine Arme.
»Wag' es nicht, ihn zu verletzen, Jim! Er hat mir das Leben gerettet!
Ohne ihn wär' ich jetzt tot! Als ich hineinfiel, mit meinem ganzen
Gewicht gerade auf ihn drauf, ist er aufgewacht. Und ich dachte, jetzt
würde er mich fressen. Aber er hat nur ein bißchen geschnauft, hat
seinen warmen Kopf auf mich gelegt und ist gleich wieder eingeschlafen.
Ich glaube, er war froh, daß ich bei ihm war.«
Mit einem glücklichen Lachen und ganz entspanntem Gesicht steckte Jim
Wright die Revolver wieder in seinen Gürtel.
»Weiß es ja, ein Bär gibt nicht jedermanns Narren ab«, bemerkte er
in einem Ton, der wieder einen Schimmer von Rot in Melissas blasses
Gesicht brachte.
»Und jetzt müssen wir ihn wieder warm zudecken,« rief Melissa, »und
keinem Menschen darfst du erzählen, wie die Geschichte ausgegangen
ist! Sonst kommen sie her und finden den armen Kerl und bringen ihn im
Schlaf um.«
Rüstig schaufelte Jim den Schnee wieder auf seinen alten Platz zurück.
»Dieser Bär, Lissy, wenn den einer stört -- den stör' ich! Solange ich
lebe, will ich keinen Bären mehr umbringen, oder ihm sonst was zu leide
tun. Zur Belohnung für das, was der alte Kerl getan hat!«
Gerade das war es, was Melissa gern hörte, und sie dankte mit einem
langen Blick.
Jim half Melissa in den Pung und hüllte sie ein wie ein kostbares
Bündel.
»Kommst rasch ins Bett, Lissy, das ist die Hauptsache, ehe es Tag wird.
Wenn ich dich sicher daheim weiß, hol' ich deinen Koffer und all deinen
Kram. Meg soll ihr Christkindl pünktlich bekommen.«
Zufrieden und getröstet verkroch Melissa sich in ihre Decke und machte
Jim die allerschönsten Augen.
»Wie du mich immer verstehst, Jimmy! Weißt du, ich hab's immer gewußt,
daß du mir nachkommen würdest, obwohl ich dummes Zeug geredet habe.«
»Hast mich auch verstanden, Lissy,« gab er schwerfällig zur Antwort,
»und wenn du nicht zu müde bist, dann sag mal, was bedeutet das alles,
Mädel? Wie ich an die Straßenkreuzung komm' und seh', was geschehen
ist -- beinah' umgeworfen hat's mich. Deine sieben Sachen im Schnee
und deine arme, kleine Fußspur so jämmerlich nach County-Line hin.
Herrgott! War mir zumute!«
Als seine Stimme ins Zittern kam, fing Melissa rasch an, ihre
Geschichte zu erzählen.
»Und schließlich,« sagte sie, »er hätte mich abmurksen sollen,
für seine eigene Sicherheit, Jim, das muß man ihm doch anrechnen.
Eigentlich wünsche ich, daß er davonkommt. Wie schrecklich, wenn es
sein Unglück würde, daß er mir das Leben gelassen hat!«
Jim lachte.
»Das nenn' ich anständig gedacht, Lissy. Gut! Dann bist du eben zu
schläfrig zum Erzählen, wenn du nach Hause kommst. Und ich verspreche
dir, nicht zu plaudern, bis ich mit deinem Koffer wieder da bin.
Gibt mehr Zeit, als der Kerl nötig hat. Na, und mehr kann er nicht
verlangen!«
Jetzt war Lissy so glücklich, daß sie plötzlich wieder einschlief,
während der Graue mächtig durch den Schnee pflügte. Jim nahm sie in
seinen linken Arm, drückte sie an die Brust und fühlte nur, diese Fahrt
konnte nicht lange genug dauern.
Erst in der Waldlichtung vor County-Line wachte Lissy auf. Sie
erkannte, wie lang sie schon schlief, machte sich steif und drehte ihr
Gesicht zur Seite, daß Jim nicht sah, wie rot sie wurde.
»Glaubst, ich bin der Bär?« begehrte Jim auf. »Oder hätte ich dich
nicht festhalten sollen? Wärst wieder aus dem Pung gefallen, das durfte
ich nicht leiden. Denn jetzt hab' ich für dich zu sorgen, Mädel! Jetzt
-- immer!«
»Morgen ist Weihnachten, Jim. Wenn die Eltern dich einladen, nach
Weihnachten zu uns zu kommen ...«
»Bin ich da, Lissy!« -- Mit hellem Geläute fuhren sie durch die
schlafenden Straßen.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Der Schmutztitel wurde entfernt.
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
korrigiert.
Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Die unterschiedlichen Schreibweisen +tödlich+ und +tötlich+ wurden
beibehalten.
Korrekturen:
S. 25: zufälllig → zufällig
dessen Auge +zufällig+ auf sie fiel
S. 63: krampfthaft → krampfhaft
und suchte +krampfhaft+ nach einem Halt
S. 63: ausgestrekt → ausgestreckt
als die Beute so +ausgestreckt+ und verteidigungslos hing
S. 67: schnurstraks → schnurstracks
und eilte dann +schnurstracks+ zur Felsnase
S. 77: ausspüren → aufspüren
den unverschämten Wegelagerer +aufspüren+ und erledigen!
S. 86: tankbestreuten → tangbestreuten
dem weiten Beben des +tangbestreuten+ Meeresgrundes
S. 102: das → den
in +den+ Bereich seiner Büchse zu kommen
S. 128: Anstrum → Ansturm
um dem +Ansturm+ eines Walrosses auszuweichen
S. 138: Temparament → Temperament
Die Ueberlegenheit an +Temperament+ und Jugend
End of Project Gutenberg's Gestalten der Wildnis, by Charles G. D. Roberts