seine Grenzen hinüber, um zurückzufordern, was er für sein Eigentum
hielt. Aber da zeigte ihm ein kurzer Blick nach rückwärts, daß sein
Nachbar zur Linken sich eben anschickte, die Braut zu rauben, die
er schon erobert hatte. Einen Augenblick lang bebte er in hilfloser
Unentschlossenheit. Aber die treulose, kleine Kuh gab kein Zeichen,
als ob sie ihm folgen wollte, sondern sie schien bei der Aussicht
eines plötzlichen Wechsels ihres Eheherrn schamlos gleichgültig. So
verfügte er sich wütenden Herzens an ihre Seite und stand dort mit
keuchendem Rachen Posten. Der Frauenräuber, der schon öfter als einmal
die Rauflust unseres Hausherrn gekostet hatte, war bescheiden genug,
sich zurückzuziehen. Inzwischen kamen die Kühe in solcher Zahl an,
daß jeder große Bulle genug zu tun hatte, alle einzufangen, die in
seinen Bereich kamen und nicht mehr versuchen mußte, seinen Nachbarn
zu berauben. Während der nächsten achtundvierzig Stunden etwa gelang
es dem schnellen und unermüdlichen Hausherrn, nicht weniger als zwei
Dutzend sanftäugige Weiberchen zu greifen und unterzubringen. Schön
artig huddelten sie sich auf der Felsplatte in seinem Rücken und
beobachteten mit Bewunderung seine herkulischen Anstrengungen, ihre
Zahl zu vergrößern. Eifersucht kannten sie nicht. Die meisten von ihnen
waren vielleicht sogar stolz, einem gut besetztem Harem anzugehören,
dessen Größe die Tapferkeit seines Herrn bekundete. Zwei allerdings
erlaubten es sich, die Liebenswürdigkeit eines leichtsinnigen jungen
Bullen in der hinteren Linie entgegenzunehmen, dem es bisher nicht
gelungen war, sich eine Gefährtin zu sichern. Ihr Herr war ja eifrig
damit beschäftigt, weitere Ankömmlinge in Empfang zu nehmen. Aber
für die meisten lag in dem Griff, mit dem der Hausherr sie im Nacken
gepackt hatte, etwas Unvergeßliches. Er bewies ihnen einen gewaltigen
Liebhaber und nahm ihnen die Lust zum Herumtreiben.
Noch ein paar Tage lang rückten verspätete Abteilungen von Kühen ein,
und da dem Hausherrn das Glück treu blieb, sah er sich endlich als das
Haupt eines Harems von mehr als vierzig Mitgliedern. Für sein weites
Herz und seine gewaltigen Ansprüche waren das nicht zu viel, aber es
machte ihn zum Gegenstand der bittersten Feindschaft. Selbst seine
tüchtigsten Nachbarn von rechts und links besaßen keine so zahlreiche
Gesellschaft auf ihren Klippen, während im Rücken eine ganze Straße
voll junger Bullen war, die zu spät gekommen waren und immer auf
eine Gelegenheit zum Wildern lauerten. So sehr war der Hausherr mit
ehrenvollen Aufgaben beschäftigt, daß er nicht die Zeit fand, ein Auge
voll Schlaf zu nehmen. Und was die Nahrung anbetraf, hatte er schon so
lange darauf verzichtet, daß er kaum mehr wußte, was Essen bedeutete.
Vierzig Weiber -- und alle in Gefahr, von irgend einem Stärkeren oder
schlaueren Gesellen geraubt zu werden, der zufällig des Weges kam! Es
war schon eine Aufgabe für den bedrängten Hausvater, seine Frauenschar
immer wieder abzuzählen. Immer wieder umstreifte er wachsam die eng
gelagerte Schar. Und wenn eine, die sich vielleicht vernachlässigt
oder übersehen glaubte, den Versuch machte, sich wegzustehlen, um
einem traurig blickenden Bewerber in der hinteren Linie zuzulaufen,
erfuhr sie plötzlich, daß sie weniger vergessen war als sie gedacht
hatte. Sie wurde im Genick gepackt und geschüttelt, bis sie sich selbst
für eine verworfene Sünderin hielt, und dann in die Mitte des Harems
hineingeschleudert. Alles dies ging natürlich nicht ohne fortgesetzte
Reibereien ab, denn der eine oder andere enttäuschte Ehebrecher
versuchte, es auf einen Kampf ankommen zu lassen. Aber für die jungen,
unerfahrenen Bullen aus der hinteren Gasse war der Hausherr ein viel zu
starker und erprobter Kämpfer, so daß diese Reibereien stets rasch ein
Ende fanden.
Ein paar Tage nach Ankunft der Kühe wurden die ersten, wolligen,
kleinen Hundchen zur Welt gebracht. Als die Geburten zunahmen,
verringerten sich die Sorgen des Hausherrn ein wenig. Sobald ein Junges
geboren war, konnte er sicher sein, daß die Mutter nicht mehr daran
dachte, auszureißen. Ehebrecher freilich waren noch so gefährlich wie
immer, denn diese schmiegsamen Räuber scheuten keine Verantwortung und
zeigten sich stets bereit, Mutter und Kind zugleich an sich zu nehmen.
Sobald die Jungen ihre erste Hilflosigkeit überwunden hatten, durften
die Mütter ihren Herrn verlassen, direkt durch das Haupttor, um Fische
zu fangen und sich für ihre Kleinen mit Milch zu versehen. Der Hausherr
wußte, daß jetzt jede Kuh pünktlich heimkehren würde. Für ihn selbst
aber gab es auch jetzt weder Ruhe noch Futter. Er hatte nichts zu
tun, als zu Hause zu sein, Wache zu halten, den Nachwuchs von vierzig
Weibern zu hüten und Nebenbuhler in die Flucht zu jagen. Es war ein
aufreibendes Leben. In jener Zeit war er nicht mehr ein glatter und
wohlgenährter Ritter, sondern ein jämmerliches Gestell aus Haut und
Knochen, bedeckt mit unschönen, aber ehrenhaften Narben. Kraft und
Feuer blieben ihm jedoch, und kein Nebenbuhler forderte ihn heraus, der
es nicht bereuen mußte.
Eines Tages erschien jedoch ein Feind, dem selbst des Hausherrn Mut
nicht gewachsen war. Die Pelzjäger erschienen auf dem Nistplatz. Es
waren nicht jene verbrecherischen Schlächter, die Wilderer, sondern
ehrliche Jäger, die mit Schonung töteten. Sie kümmerten sich nicht um
die alten Bullen und ihre heranwachsenden Familien, obwohl die Bullen
sie wütend anbrüllten. Sie brachen vielmehr in die Spielplätze der
unverehelichten Jugend ein und richteten dort unter den Halbbullen
und Jungburschen ein furchtbares Gemetzel an. Bald war der einst so
fröhliche Spielplatz mit Blut und Leichen bedeckt. Doch achteten
sie darauf, selbst von den unglücklichen Jungburschen einen guten
Prozentsatz zu schonen, damit der nutzbringende Stamm der Pelzrobben
nicht ausgerottet würde.
Mit den Pelzjägern kam ein nachdenklicher Mann, der nicht töten,
sondern beobachten wollte. Das Töten liebte er nicht. Als er sich einen
Augenblick das Schlachten angesehen hatte, rümpfte er mit Ekel seine
Forschernase. Dann hatte er es sehr eilig, sich abzuwenden und den
übrigen Teil der Niederlassung zu studieren. Sie mit einer Kamera zu
beschießen und in Erfahrung zu bringen, was die Pelzrobben treiben,
wenn sie eine ärmlichere Aufgabe hatten als die, geschlachtet zu
werden. Ohne auf Drohungen, Geheul und schnappende Rachen zu achten,
ging er langsam hinter den Nistplätzen entlang; blieb alle paar
Schritte stehen, um seinen Apparat anzusetzen und zu knipsen. Voll
Begeisterung und neuer Kenntnisse kam er hinter das Felsstück, auf
dem der kampfgewohnte Hausherr seinen Harem von vierzig Schönheiten
bewachte.
Diese ungeheure Familie und ihr imposanter Wächter fesselten das Auge
des Beobachters. Das war wirklich ein Hausstand, den man beobachten
mußte. Erst knipste er aus einigem Abstand; dann entschloß er sich, in
das gedrängte Privatleben einzudringen und die häuslichen Einrichtungen
zu untersuchen. Ohne besondere Aengstlichkeit wich er den zornigen
Bullen der Hintergasse aus, die vor ihren armseligen Harems tobten, und
wanderte furchtlos mitten hinein unter die ängstlichen Kühe und die
rundäugigen, treuherzigen Jungen von der Familie unseres Hausherrn.
Soviel Seehunde hatte er kampflos schlachten sehen, daß er sich von
dem Mut dieser Tiere ein falsches Urteil gebildet hatte. Ohne auf die
scharfe Warnung des Hausherrn zu achten, beugte er sich nieder, um
eines der Jungen zu untersuchen und zu streicheln, das ihn mit seinen
Augen voll rührender Tiefe und Sanftheit furchtlos anblickte.
Nun wußte der Hausherr recht gut, wer dieser Fremde war -- der
ungeheure Mensch, der alle Tiere unterworfen hat, der plötzlich zu
töten versteht, unsichtbar oder mit einer zuckenden Flamme --, aber
er zauderte nicht; es galt, sein Heer zu verteidigen und da dachte er
nicht an die Gefahr. Eine häßliche, aber gefährliche Gestalt, schritt
er sofort zum Angriff.
Gerade im kritischen Augenblick blickte der Mensch auf und sah den
rasenden Bullen. Er machte einen wilden Sprung, verlor seine Kamera,
aber entging dem gefährlichen Biß seines Angreifers. Eine große Flosse
traf ihn jedoch und so fiel er halb betäubt auf den Rücken einer
protestierenden Kuh.
Zu seinem Glück beschäftigte sich der Hausherr zunächst damit, die
Kamera zu vernichten, und inzwischen fand der Mensch Zeit, sich auf
den nächsten Ueberfall vorzubereiten. Die einzige Waffe, die er trug,
war ein schwerer Knotenstock, den er zugleich als Stütze und als Keule
benutzte. Als er zur Seite sprang, bekam sein Gegner einen schweren
Hieb über die Nase, die empfindlichste Stelle des Seehundes und der
Hausherr brach zusammen wie ein durchbohrter Gladiator.
Der Mensch sah voll Mitgefühl auf seinen gefallenen Feind nieder, hob
das Ueberbleibsel von Kamera auf, tätschelte ein Junges, das ihm nicht
aus dem Weg gehen wollte und zog sich zurück. Als er die rückwärtige
Linie der Bullen durchbrochen hatte, sah er sich um und stellte mit
großer Befriedigung fest, daß sein Hieb nicht ganz so wirksam gewesen
war, wie er gefürchtet hatte. Der Hausherr kam langsam wieder zu
sich, hob sein furchtloses Haupt und überzählte seine Familie, um
festzustellen, ob keines fehlte. Dann brüllte er wieder, obwohl es noch
ein bißchen schwächlich klang, allen Eindringlingen seine Verachtung
zu.
Als die erfolgreichen Jäger ein paar Tage später die Insel verließen,
mußte er natürlich der Meinung sein, daß sie seinetwegen von dannen
zogen. Da sich niemand fand, der seine Theorie bestritt, ist es
erklärlich, daß er stolz darauf war.
Etwa sechs Wochen später, gegen Ende Juli, waren die Jungen stark
genug, um zu reisen. Die Qualen des endlos verlängerten Fastens waren
fast unerträglich geworden, und so kam der Hausherr und alle seine
Nebenbuhler plötzlich zu der Erkenntnis, daß es nicht der Mühe wert
war, an einer solchen Küste ihre Harems zusammenzuhalten. Es fiel ihnen
ein, daß sie nächstes Jahr andere, aber nicht viel weniger reizende
Gefährtinnen sammeln könnten. Da waren plötzlich die schrecklichsten
Fehden vergessen, sie stürzten sich ins Wasser und machten sich hungrig
daran, Fische zu jagen. Dann wandten sie plötzlich alle die Gesichter
nach Süden und bald lagen die öden Felsen einsam da, um wieder Sturm
und Kälte der nahenden Polarnacht zu bestehen.
Puck im Zwielicht
Puck, der Düstere, zickzackte durch das purpurne Zwielicht unter
dickblättrigen, überhängenden Aesten, und Mücken zu jagen, war alles,
woran er dachte. Die langen, ruhigen Stunden des goldigen Sommertages
hindurch hatte er geschlafen, wie ein Sack im schattigen Giebel
einer alten Scheune aufgehängt, die mitten in einer blühenden Wiese
lag. Andere braune Fledermäuse hatten Seite an Seite mit ihm dort
geschlafen, wie er, an ihren langen Hakennägeln festgekrallt und
feierlich eingehüllt in das seidige Schwarz ihrer faltigen Schwingen.
Es war ein beliebter Schlafraum für die Fledermäuse, dieser düstere
Giebel, in dem kreuzweise gelegtes Balkenwerk ihnen die angenehmste
Gelegenheit gab, sich fest zu haken -- und infolgedessen herrschte
dort einiges Gedränge. Der eine oder andere fand sich manchmal beengt,
wachte auf, quiekte und stieß seinen Nachbarn mit den knochigen
Ellbogen seines Flügels, um dann mit blecherner Stimme zu protestieren,
-- mit einer sehr blechernen, aber doch barschen, ein wenig zitternden
Stimme, die fast wie das Räderwerk einer Drei-Mark-Uhr klang. Puck
selbst hatte das Glück, ganz am Ende der Reihe zu hängen, als nächster
zu einem weiten Spalt im Dach, der die frische Abendluft hereinströmen
ließ. Aber mehr als einmal war er fast von diesem Hochsitz abgedrängt
worden, sodaß er öfter als irgend ein anderer aufgewacht war, gequiekt
und räder-geschnarrt hatte. Auch hatte ihn bei dieser ungewöhnlichen
Wachsamkeit ein oder zweimal der Anblick einer großen Ratte geärgert,
die tief unten auf einem langen Balken herumlungerte und ihn mit ihren
grausamen Perlenaugen anstarrte. Ratten haßte er, aber da er sich in
diesem Fall außer Reichweite wußte, war er nicht weiter erschrocken.
Er hatte sich in seine Flügel eingehüllt und war wieder eingeschlafen,
noch unter dem Blick des Feindes. So war ihm der Tag angenehm genug
vergangen. Als es Nachmittag wurde, hatte er sich ein paar Mal
aufgerafft, um zu dem Spalt am Giebel zu flattern und einen Blick auf
das Wetter zu werfen, bis er sich endlich, als die Sonne hinter den
niedrigen Hügeln jenseits des Bachs strahlend untergegangen war, durch
den Spalt hindurch ins gold-violettene Dunkel schwang. Zehn Minuten
später schon waren ihm die Mitinhaber des Schlafsaals gefolgt, und der
Giebel ihrer alten Scheuer war nun leer.
Er war ein seltsam dreinschauender Kerl, der kleine braune
Fledermäuserich, ein Gemisch aus Vogel und Maus und Kobold, drollig
aber finster, ein richtiger Puck, der alle hellen Stunden verdröselte
und im Dunkel zu seinem launischen und ausschweifenden Leben erwachte.
Sein kleiner Körper, der in einen kurzen, braunen Pelz von auserlesener
Feinheit gekleidet war, hing zwischen zwei ungeheuren Flügeln aus
brauner Haut. Diese Haut, die biegsamer war als feinster Gummi,
spannte sich, wie Seide über ein Schirmgestell, über die unglaublich
entwickelten Arm- und Fingerknochen der Vorderglieder. Am Ende seines
Rückens vereinigten sich die beiden Flügel und umspannten noch die
zerbrechlichen Hinterbeine bis zu den Knien, die dadurch aussahen,
als seien sie in eine falsche Richtung gezogen. Zwischen den starken
Schulterblättern saß ein kleiner, seltsamer, fast formloser Kopf mit
einem Knuttel von Nase, einem launischen breiten und schiefgezogenen
Mund, großen flachen Ohren und winzigen, unruhig glitzernden
Jett-Augen. Häßlich und grotesk war er, wenn er sich von seinem Sitz
schwang oder im Gebälk herumkletterte. Im Augenblick aber, in dem er
sich ins Halbdunkel des Abends schwang, bot Puck, der Düstere, ein
erlesenes, ganz phantastisches Bild. So breit und biegsam waren seine
Flügel, daß bei gleichem Gewicht kein Vogel der Welt seine Luftübungen
von bewundernswerter Gewandtheit nachahmen konnte. Aus vollem
Schnellflug in grader Linie konnte er sich plötzlich wie einen Stein
fallen lassen oder, im beinahe rechten Winkel hochschnellen wie ein
Geschoß, das aus der Schleuder fliegt. Ein schwindelerregendes Zickzack
schien sein natürlicher Flug, und Haken konnte er schlagen von einer
Exaktheit, die selbst den Sperber beschämten. Daß er das konnte, war
gut. Denn die Mücken, die durch die Luft schnellten und tanzten, und
andere flinke Insekten waren Pucks Nahrung, die jäh niederschießende
Eule seine einzige Feindin.
Als er in dieser Nacht durch die duftenden Wiesen am Wasser segelte,
war die ruhige Luft voll von Insekten: Mücken, Fliegen, Nachtfalter und
die ersten schwärmenden Maikäfer. Solange er hungrig war, schnappte
er gierig nach allem, was er sah. Aber als das Dunkel wuchs und
sein Heißhunger gestillt war, wurde er wählerisch. Manchen guten
Bissen, der leicht zu haben war, ließ er sich direkt am Munde vorbei
gehn und vergnügte sich damit, nach schwer erreichbarem Wild zu
jagen. So haschte er einmal nach einem hoch fliegendem Falter weit
über den Baumspitzen, und diese Beute griff er unmittelbar vor dem
Schnabel eines niederstoßenden Nacht-Vogels, schlang sie hinunter
und verschwand, ehe der enttäuschte Vogel noch recht wußte, wer ihm
zuvorgekommen war. Ein anderes Mal ließ er sich fallen und erwischte
einen Maikäfer, der grade von einem wiegenden Grashalm aus die Flügel
zum Flug spreitete, zur namenlosen Empörung einer Spitzmaus, die sich
an den Käfer herangepürscht hatte und grade zum Sprung ansetzte. Es
ist sehr wahrscheinlich, daß Pucks Augen, denen das Zwielicht klar
wie Kristall war, die wildernde Spitzmaus im Gras beobachtet hatten,
und daß es ihm ein diebisches Vergnügen war, ihr die Beute vor der
Nase wegzuschnappen. Selbst die pfeilschnellen Turmschwalben konnte er
manchmal auf diese Art narren -- ein Schatten tauchte vor ihnen auf,
und auf geheimnisvolle Weise verschwand die eben noch gejagte Motte.
Als in den Wolken das violette Licht verblaßte, verließ Puck, der
Düstere, seine Wiese und flog stromabwärts, über Feld und Hecken,
zu einem Garten, in dem zwischen Rosen- und Blumenbeeten, im Schutz
tiefer Bäume, ein Haus mit breiten Veranden lag. Hier schien die linde
Sommernacht wie trunken vom Hauch taufeuchter Rosen und Levkojen,
japanischer Lilien und Würze streuender Nelken. Hierher zog süßer
Honigduft die Nachtkäfer in dichten Schwärmen. In diesem Garten, unter
den Bäumen, lustwandelten ein Mann und ein Mädchen am Flußufer, das
weiße Kleid des Mädchens leuchtete durch die Nacht.
Eine andere kleine, braune Fledermaus, ein Weibchen, gesellte sich zu
Puck und nahm an seinen fröhlichen Spielen teil. Vielleicht war es sein
Weibchen, jedenfalls seine Spielgefährtin. Ueber diesen Punkt läßt
sich nicht streiten, denn in Bezug auf seine häuslichen und intimen
Gewohnheiten hat Puck, der Düstere, bisher wenig erraten lassen. Eine
kleine Weile wiegten sich die beiden in fröhlichen Tänzen, umkreisten,
überflogen und untertauchten sich, drehten sich manchmal in schwindelnd
rasch gezogenen Bogen, um sich an irgend einem Stelldichein-Platz in
der Luft wieder zu finden. Das Weibchen flog weniger leicht, nicht
ganz so blitzsicher wie Puck selbst -- und wer die beiden auf kurze
Entfernung und bei gutem Licht beobachtet hätte, hätte gesehen, daß sie
bei aller Spieligkeit eine sehr treue und hingebende Mutter war. Denn
bei allem Tollen trug sie ihre beiden Kleinen mit sich! Die brachten
es auf irgend eine seltsame Art zu Wege, ihr ins Genick zu klettern,
und dort saßen sie so fest, daß ihre schnellsten Wirbelflüge, ihre fast
atemberaubend steilen Schwünge die Kleinen nicht aus dem Sitz warfen.
Ein lebhafter Abend muß es für diese Mauskinder gewesen sein, die noch
zu jung waren, um zu Hause zu bleiben, weil eine schweifende Ratte sie
finden konnte.
Mitten im Spiel stürzte sich irgend woher aus den Lüften ein
geräuschloser Schatten, den mächtige Flügel trugen, auf das tanzende
Paar. Zwei riesige Augen, kreisrund, starr und matt glühend, starrten
sie an, und gewaltige Krallen, die furchtbar greifen konnten, jagten
sie nach rechts und links, in gräßlicher Stille. Aber so blitzhaft
schnell war ihr Ausweichen, daß beide, Puck und die kleine Mutter,
den gierigen Krallen entgingen. Wie ein paar Blätter waren sie beim
Angriff der Eule auseinander geweht. Sofort verschwanden sie tief
unter den Aesten, und die enttäuschte Eule rauschte weiter, um weniger
listiges Wild zu jagen. Gleich darauf flatterten auch die beiden
Fledermäuse wieder empor. Aber, obgleich unverzagt, empfanden sie doch
die Notwendigkeit, aufzupassen, solange der Feind sich in der Nähe
aufhielt. Deshalb begaben sie sich zu ihrem Spiel ins untere Ende
des Gartens, wo der Mann und das Mädchen spazierten, und um deren
gedankenschwere Häupter schwangen sie jetzt ihre kreisenden Tänze.
Menschliche Geschöpfe hielten sie für harmlos und nur dazu gemacht, die
Eulen fern zu halten.
Zu Pucks Erstaunen stieß das Mädchen plötzlich einen hellen Schrei aus
und warf sich ihren leichten seidenen Schal über den Kopf, daß sie wie
eine florentinische Madonna aussah.
»Igitt!« schrie sie ängstlich. »Da versucht wieder eins von diesen
schrecklichen Tieren in mein Haar zu kommen!« Der Mann lachte friedlich
und zog sie an sich.
»Dummes Mädel, selbst in +dein+ Haar würde eine Fledermaus für kein
Zureden kriechen! Sie wäre geschmacklos genug, sich dort höchst
unbehaglich zu fühlen!«
»Ja, aber aus Versehen könnte sie hineinkommen!« behauptete das
Mädchen, und ihre weiten Augen folgten, unter dem Schutz ihres Arms,
den Grotesk-Tänzen der beiden Schatten. »Du weißt, sie sind fast
blind, meine Amme hat mir erzählt, als ich noch ein kleines Mädel
war, wenn mir je eine Fledermaus ins Haar käme, müßte ich's ratzekahl
abschneiden. Sie würde sich so hinein verwickeln, daß man sie nie
wieder herausbringt!«
»Deine Amme hat Dir merkwürdige Dinge erzählt, scheint mir,«
widersprach der Mann. »Wenn Du mir glaubst, daß die Fledermäuse so
wenig blind wie irgend denkbar sind, wirst Du Dir an Sommerabenden
viel Angst sparen. Sie sehen sogar wunderbar gut, mein Schatz, und
sie verfliegen sich nie, im Gegenteil, im Gleiten und Stürzen sind sie
sicherer als irgend ein Vogel. Jedes von diesen kleinen Biestern, die
da um uns herumflattern, könnte von Deiner süßen, kleinen Nase eine
Mücke herunter schnappen, ohne Dich auch nur mit dem Flügel zu treffen.«
»Ich mag sie aber doch nicht!« sagte das Mädchen etwas getröstet. »Ich
wollte, sie gingen weg!«
»Wie alle Welt beeilen sie sich, deinem leisesten Wunsch zu gehorchen,«
erwiderte der Mann und lachte wieder, denn bei den letzten Worten des
Mädchens hatten Puck und seine Gefährtin sich emporgeschwungen, und
jetzt verschwanden sie unter den Baumwipfeln.
Ich behaupte nicht, daß die Beiden Englisch verstanden, oder daß sie in
ihrem empfindlichen Nervenzentrum durch Fernwirkung Kenntnis von der
Abneigung der jungen Dame bekommen hatten. Ihr Grund war einfach, daß
die kleine Mutter sich vom Gewicht ihrer beiden Babys im Genick ermüdet
fühlte und davongeflogen war, um einen sicheren Ast zu finden, auf den
sie die Kleinen für ein paar Augenblicke verstecken konnte. Hoch oben
im dunklen Wipfel einer Fichte nahm ein gewaltiger Ast die Jungen auf,
die sich, gehorsam dem Befehl der Mutter, an die Rinde krallten und
ihre winzigen Körper fest an das rauhe Holz preßten. Hier gibt es keine
Gefahr, dachte die kleine Mutter, und verließ sie, um sich für ein paar
Minuten lang in ungestörtem Flug zu erholen und ein wenig mehr Mücke
und Motte zu sich zu nehmen. Puck hatte gewartet, bis sie ihre Babys im
Ast versorgt hatte, jetzt flog er leichten Herzens mit ihr, um über den
Blumenbeeten zu fouragieren.
Nicht mehr als fünf Minuten lang waren sie fort, als es der kleinen
Mutter plötzlich wie mit einem Schlage durchs Herz fuhr: die Kinder
brauchten sie! Im schwirrenden Bogen eilte sie zur Fichte zurück, und
nach ganz kurzer Ueberlegung folgte Puck ihr auf den zierlichen Fersen.
Nun war es geschehen, daß ein Wiesel-Vater, die grausamen Augen rot von
Gier und Blutdurst, den Fichtenstamm entlang wanderte. Er hatte gerade
die Spur eines Eichhörnchens verloren, dem er so nahe gekommen war, daß
er es fast schon sein Eigentum genannt. In Gedanken hatte er gerade dem
armen Schächer seine Zähne durch die Gurgel gejagt, als wie durch ein
Wunder der Nacht -- und für die Geschöpfe der Wildnis ist die Nacht
voll von Wundern -- Wild und Spur verschwanden. Im Fichtenbaum hatte
sich das ereignet, und jetzt suchte der furchtbare Jäger den ganzen
Baum nach der verlorenen Witterung ab, fest entschlossen, seine bösen
Absichten nicht vereiteln zu lassen. Auf dieser Suche kam er auch,
geschmeidig und schnell wie eine Schlange, den hohen Ast entlang, auf
dessen äußerster Gabel die kleine Fledermaus ihre Babys gelassen hatte.
Puck, der Düstere, hatte während seines kurzen Lebens niemals eine
ernstliche Meinungsverschiedenheit mit größeren Geschöpfen als etwa
einem Nachtfalter oder einem Maikäfer gehabt. Welch ein unbekämpfbares
und schreckliches Ungeheuer dieser lange, dunkle Schatten auf dem Ast
war, ahnte er vielleicht, aber er zögerte nicht! Das Wiesel erschrak,
als ihm plötzlich ein harter Flügelhieb quer übers Gesicht fegte. Mit
bösem Knurren bäumte es auf und schnappte nach dem kühnen Angreifer.
Aber seine langen, weißen Zähne griffen nur leere Luft, und beinahe
verlor er das Gleichgewicht auf dem Ast. Als es sich erholt hatte,
die Seele voll Wut, sah es hinter sich, beinahe in Reichweite, einen
dunklen, kleinen, flatternden Schatten, der wie eine verwundete Katze
am Baum hinkroch. Geschmeidig wie ein Aal, schnell wie der Blitz, fuhr
es auf den kecken kleinen Schatten los. Aber der war verschwunden! Und
ein paar Fuß unterhalb des Astes sah das Wiesel Puck, den Düsteren,
gemächlich auf und nieder schweben. Des Wiesels eng zusammensitzende
Augen glühten wie Kohlen, und bei dem Gedanken, von einer armseligen
Fledermaus hereingelegt zu sein, fletschte es die langen, weißen
Zähne. Aber während es sich mit der Herausforderung Pucks wütend
beschäftigte, hatte die kleine Mutter ihre süßen Babys wieder sicher
ins Genick genommen und segelte mit ihnen durch den Abend. Aber nach
einem solchen Erlebnis hatte sie genug von Spiel und Tänzen. Sie dachte
nur daran, ihre Kinder in das sichere Versteck des Scheunengiebels
zurückzubringen, sie dort zu säugen, ihre seidenen Pelze zu lecken und
die süßen kleinen Schwingen mit ihren Lippen sorglich zu reinigen.
Puck, der Düstere, war jetzt allein gelassen und dachte, vielleicht
erregt und übermütig durch sein erfolgreiches Abenteuer mit dem
Wiesel, an neue, tolle Unternehmungen. Ganz nahe dem Gartenhaus jagte
er einen großen Falter, der mit unglaublicher Geschwindigkeit flog.
Hart bedrängt, rettete er sich in die Dunkelheit eines weit offenen
Fensters. Puck folgte ihm unbedenklich und erwischte den Flüchtling,
als er gegen die Decke des Zimmers stieß. In diesem Augenblick schloß
ein Dienstmädchen das Fenster. Dann ging sie hinaus, ohne den
Eindringling zu bemerken, und verriegelte das Tor.