Es war wunderbar, wie klein sich das gewaltige weiße Tier machte,

während es langsam seine Beute beschlich, seine Bewegungen waren

geräuschlos wie die einer Katze. Das war auch nötig, denn das Walroß

hat scharfe Ohren, und in der Luft war kein Hauch als das tiefe Atmen

und Grunzen der Herde, das gelegentliche Klirren und Klingen von

brechendem Eis.

Nicht mehr als zwanzig Schritt vor ihrer Beute hielt die alte Bärin

und warf ihrem Jungen einen kurzen, strengen Blick zu. Sofort stand es

auch und verkroch sich dann behutsam hinter einen Felsen. Nun schlich

die Mutter allein weiter. Sie wußte, daß ihr Kleines flink genug war,

um dem Ansturm eines Walrosses auszuweichen, aber sie wollte es keiner

Gefahr aussetzen.

Plötzlich hob die Walroßmutter den Kopf und spähte um sich, als ahnte

sie eine Gefahr. Es war nichts Drohendes zu sehen, aber sie war unruhig

geworden. Sie neigte den Kopf zu ihrem Kalb und fing an, es den Hang

hinunter zu der übrigen Herde zu wälzen.

Wie aus den nackten Felsen gezaubert, erhob sich da, nicht zwölf Fuß

weit vor ihr, eine riesige, weiße und furchtbare Gestalt. Der alte

Bulle auf Posten ließ seinen Warnungsruf hören. Aber in dem Augenblick

schon fiel die weiße Masse über das kranke Kalb her, hob die Tatze und

zerschmetterte ihm das Genick, ehe es noch wußte, wie ihm geschah.

Mit Geheul richtete die Walroßmutter sich auf, warf die Wucht ihres

Körpers gegen den Feind. Ihr Angriff war schnell, erstaunlich schnell,

aber die weiße Bärin war schneller. Fast im selben Augenblick, in dem

sie den tödlichen Schlag geführt hatte, schob sie mit verblüffender

Kraft und Sicherheit ihre tote Beute zur Seite, ein paar Fuß tief den

Abhang hinunter. Zugleich spannte sie ihren langen Rücken wie einen

Bogen, und so gelang es ihr, den Ansturm der Walroßmutter halb zu

parieren, der andernfalls ihr Ende bedeutet hätte. Immerhin trug sie

auf der einen Hüfte eine schwere Wunde von ihren furchtbaren Hauern

davon, die wie Rammklötze niederfuhren, und auf ihrem weißen Fell

zeichnete sich eine breite, blutige Spur. Im nächsten Augenblick

hatte sie ihren Raub vor dem zweiten Angriff der Mutter in Sicherheit

gebracht.

Das Walroß-Lager war jetzt in Aufruhr! Die anderen Kühe hatten ihre

erregten Jungen sofort in die See gerollt und stürzten sich ihnen mit

gewaltigem Plätschern nach. Die drei Bullen kletterten mit furchtbarem

Grunzen, in großen ungeschickten Sätzen die Höhe hinauf, voll Eifer,

in den Kampf zu kommen. Die beraubte Mutter stöhnte und keuchte in

vergeblichen Anstrengungen, die Mörderin ihres Jungen zu erreichen.

Doch zeigte sie sich immerhin so gewandt, daß die Bärin genug zu tun

hatte, ihr zu entgehen, während sie ihre Beute den Hügel hinauf halb

schleppte, halb trug.

Auf einmal blieb das tote Kalb in einer Spalte hängen, und die Bärin

mußte eine Pause machen, es freizubekommen. Das dauerte nur einen

Augenblick, aber es fehlte nicht viel, dann wäre dieser Augenblick

ihr letzter gewesen. Die ungefüge Gestalt der Kuh war ihr im Rücken,

sie fühlte es mehr, als sie es sah. Wie eine plötzlich freigegebene

Sprungfeder schnellte die Bärin zur Seite, und die beiden Hauern fuhren

nieder, gerade da, wo sie gestanden hatte, mit der Wucht einer ganzen

Tonne von Knochen und Muskeln, deren Waffe sie waren.

Die verzweifelte Kuh richtete sich blitzschnell auf, um ihre Vorteile

auszunutzen. Aber diesmal kam sie schlecht an. Ihre viel intelligentere

Feindin hatte sie umgangen und fuhr jetzt mit wütenden Zähnen von

hinten in ihren Nacken. Aus dem Gleichgewicht geworfen, rollte die

Kuh felsabwärts und überschlug sich, ehe sie wieder zum Stehen kam.

Die drei Bullen hielten mitten in ihrem atemlosen Ansturm inne, um

zu sehen, was geschehen war. Und in diesem Augenblick gelang es der

Bärin, ihre Beute auf ein Riff zu schleppen, das die Walrosse unmöglich

erklettern konnten. Ein paar Fuß höher, und sie hatte eine geräumige

Plattform erreicht, von der sie zwanzig Fuß hoch auf die wütenden

Walrosse hinab sah. Wenige Sekunden später traf auch das Junge auf

ihren Ruf bei ihr ein. In sicherem Abstand vom Feind war es leichtfüßig

über die Felsen geklettert.

Als die drei Bullen erkannten, daß die Mörderin sich ihrer Rache ganz

entzogen hatte, kehrten sie um, wälzten sich grunzend und zankend ins

Meer zurück. Die Mutter aber, in Gram und Zorn untröstlich, blieb!

Richtete sich an der Felswand auf, klammerte sich mit ihren großen

Flossen machtlos daran fest, schlug ihre Hauer gegen den Stein, als

sollte er unter ihren Hieben zerbrechen. Wieder und wieder fiel sie

zurück, um ihre nutzlosen und dennoch erhabenen Anstrengungen zu

wiederholen, sobald sie nur wieder Atem in der Brust fühlte. Die alte

Bärin aber sah, ihr Junges stillend, gelassen auf dies Schauspiel herab.

Langsam kam die unglückliche Kuh dann zur Besinnung, kehrte um und

kroch schwerfällig, mit müden, ruckartigen Bewegungen den Felsen hinab.

Sie stürzte sich ins Meer, hoch auf schlugen die Wasser, und dann

schwamm sie davon, eine Meile weit draußen zu ihrer Herde zu stoßen.

Ein bedrängter Hausvater

Im vergangenen Jahre war der Seehundbulle verspätet nach Norden

gekommen und hatte trotz seines Grimms und seiner Rauflust, was Wohnung

und Weiblichkeit betraf, schlecht abgeschnitten. Mit einem recht

mittelmäßigen und ganz nackten Felsstück, weit fort vom Wasser, hatte

er sich zufrieden geben müssen, dazu mit einem armseligen Bestand

von drei sanftäugigen, aber mehr oder weniger mitgenommenen kleinen

Damen. Diese drei, die er in wildem Kampf von zwei benachbarten Bullen

eroberte, hatten bei der Auseinandersetzung über ihre unterwürfigen

Reize manche Mißhandlung erlitten, und ihre sonst glatten Pelze

waren danach so zerrissen und zerschlissen, daß der bedenkenfreieste

Pelzhändler erschrocken wäre.

In Erinnerung an den Preis, den er für seine Verspätung bezahlt hatte,

wurde unser Seehundbulle in diesem Jahre schon frühzeitig erregt,

tobte in der purpurnen See und hielt sein Antlitz nordwärts gewendet.

Längs der steilen, umbrandeten Küsten von Kalifornien und Oregon,

durch die wilden Brecher des Pazific schwamm er nun zielbewußt,

manchmal gradenwegs wie ein Fisch, dann in schönen Bogen, die er mit

gewaltiger Schnelligkeit und biegsamem, öligem Gleiten beschrieb, als

hätte er aus seinem ganzen schweren Körper eine mächtige Schraube

gemacht, die ihn durch die Flut trieb. Während des größten Teils seiner

leidenschaftlichen Reise schwamm er unter Wasser und hob nur von Zeit

zu Zeit seine schnurrbärtige Schnauze in die Luft, um zu atmen. In

jenen belebten Meeren gab es soviel Fische, daß selbst er seinen nie

ruhenden Hunger mühelos sättigen konnte. Von Zeit zu Zeit unterbrachen

sie dennoch ihre Fahrt, er und seine Gefährten, -- denn er war auf

dieser Nordlandreise in Gesellschaft anderer gereifter Bullen --, um

ein paar Stunden ihrer kostbaren Zeit mit tollen, fast kindlichen

Spielen im Schein der verführerischen Frühlingssonne zu verbringen. Es

war, als hätten sie für den Augenblick vergessen, wie eilig ihre Reise

war, und als ob eine Welle von Leichtsinn sie mit sich risse.

Eigentlich war diese Auswanderung fast ohne Gefahr für die Vorhut

des Seehundvolkes. Alles Bullen, ausgewachsene Bullen, stark und

gewandt, mit Körpern von mindestens sechs Fuß Länge, die aus Sehnen

und gestählten Muskeln bestanden, gab es selbst in diesen gefährlichen

Wassern wenig Feinde, die sie zu fürchten hätten. Wenn sie nicht

gar zu unachtsam waren, würde kein Hai ihnen nahe kommen, denn mit

ihrer überlegenen Geschwindigkeit und ihrer wunderbar entwickelten

Tauchkunst konnten die großen Robben dem plumpen Hai recht unangenehme

Ueberraschungen bereiten. Sie fürchteten höchstens den blitzschnellen,

erbarmungslosen »Mörder«, den Schwertfisch, der ohne Anzeichen

plötzlich aus den Tiefen emporstoßen konnte. Auch waren sie immer auf

der Wache gegen die schwarz-weiße Schreckensgestalt der furchtbaren

Orca, die man auch den Mord-Wal nennt. Die schlimmsten Feinde der

nordwärts wandernden Seehunde aber -- jene skrupellosen Räuber von

menschlichen Wilddieben -- ließen unsere Bullen und seine Kameraden

friedlich ziehen, denn ihr grobes und narbiges Fell war für die

Pelzhändler wertlos. Diese Verbrecher warteten lieber auf die glatten

jungen Kühe und die zweijährigen, oder höchstens dreijährigen Bullen

mit ihrem feinen Pelz, die »Jungburschen«, wie sie von den Pelzjägern

genannt werden.

Aber obwohl kein Wilddieb ihm die Reise störte, hatte der große

Seehund eine furchtbare Angst zu überstehen, ehe er die lange

Strecke der britisch-columbischen Küste hinter sich hatte. Von den

Königin-Charlotte-Inseln kam ein kanadischer Regierungskutter,

klein, aber geschäftig und gierig wie ein Terrier, der Ratten jagt,

mitten in die Herde gedampft. Der große Bulle tauchte tief in den

dunkelgrünen Glimmer der See, tief erschreckt durch den feindseligen,

schwarzen Kasten und die grausam schäumende Schraube, während die

übrige Herde sich in panischer Angst zerstreute. Aber inzwischen hatte

der kanadische Kommandeur schon festgestellt, daß er bloß die Vorhut

von alten Bullen vor sich hatte, und daß er seine Beute, nämlich die

Pelzwilddiebe, weiter südlich zu suchen hätte.

Nach diesem Abenteuer hielt der große Seehund westwärts und folgte dem

kühn geschwungenen Bogen der Küste von Alaska. In steigender Hast hatte

er sich an die Spitze der Vorhut gesetzt und so umschwamm er den Zipfel

von Alaska, passierte die Kette der alëutischen Inseln, dort, wo sie

sich wie die Steine einer Furth zum Nachbar-Kontinent hinüberstrecken,

und kam an die seichte Flut des Behring-Meeres. Bis hierher war die

Reise fast ohne Ereignisse gewesen. Aber gerade hier hatte er ein

Abenteuer zu bestehen, das seine Laufbahn beinahe zu einem plötzlichen

und wenig rühmlichen Ende geführt hätte.

In der Mündung eines reißenden Polarflusses stieß er auf einen

mächtigen Schwarm von Lachsen, die zu ihren Laichplätzen schwammen. Das

war eine jener Gelegenheiten, bei denen die sonst so selbstbeherrschten

Seehunde den Kopf verlieren. Die ganze Herde wurde wild. Es war das

große Lachsfest. Durch den eng gedrängten Schwarm jagten ihre großen,

schwarzen, sehnigen Körper, bissen und töteten in einer Art von

Delirium zehnmal mehr Fische, als sie vertilgen konnten, bis auf der

trüben, grauen Flut große, blutrote Flecke standen. Manchmal warf sich

ein schmaler, schwarzer Kopf, der einen stattlichen Schnurrbart trug

und auf einem massiven Genick von ungeheurer Kraft saß, hoch über die

sprudelnden Wasser und biß in einen fetten, zuckenden Fisch, den er

im Maul trug; als wäre ein toller Zerstörungswahnsinn ausgebrochen,

zerbissen die Seehunde den schimmernden Lachs in zwei Stücke,

schluckten ein Maul voll und ließen die blutigen Reste ins Wasser

zurückfallen. Und schon stürzten die tobenden Fischer sich auf neue

Beute. Für den Lachs war dies eine böse Stunde. Denn schon pürschten

sich vom nahen Ufer ein paar gemächliche weiße Bären heran, die sich

in den Schwarm warfen und reiche Beute machten, die sie aber ans Ufer

trugen, um sie dort in Ruhe zu verzehren. Das Lachsvolk aber, das unter

der Gewalt eines unerträglichen Triebes stand, wich nicht aus und hielt

nicht an, und ihre Anzahl war so unermeßlich, daß Seehund und Bär

zusammen kaum fühlbaren Schaden anrichten konnten.

Im Ueberschwang seines Jagdeifers passierte es dem großen Bullen,

daß er die Ruhe eines nicht allzu friedlich blickenden fremdartigen

See-Bewohners störte, der sich zufällig auf dem schlammigen Meeresboden

von einer Seite auf die andere wälzte. Das Tier trug eine blasse

Leichenfarbe, war etwa zwölf Fuß lang und erweckte den Eindruck, als

entstammte es der Mesalliance eines Einhorns mit einem Tümmlerwal. Aus

der Mitte seines ungeheuren, stumpfen Maules ragte, wohl sechs Fuß

lang, ein massiver, scharf zugespitzter, seltsam geschwungener Hauer

aus hartem Elfenbein. Seine kleinen, kalten Schweinsaugen betrachteten

die Legionen von Lachsen, die über ihm hinzogen, ohne Teilnahme,

vielleicht, weil einstweilen sein Riesenappetit auf Lachs befriedigt

war.

An jener Stelle war das Wasser der Mündung nicht mehr als zehn oder

zwölf Fuß tief. Da geschah es, daß der große Seehund bei seinem

besinnungslosen Tauchen das See-Einhorn mit seiner Hinterflosse

gewaltig über die Schnauze schlug. Vielleicht litt das Einhorn gerade

in diesem Moment an Verdauungsstörungen. Jedenfalls war sein Zorn

sehr leicht gereizt. Mit jäher Wut stieß es in die Höhe. Der Seehund

sah gerade mit einem Blick den blassen Koloß in die Höhe schnellen,

obwohl das schäumende Wasser fast undurchsichtig war. Geschmeidig wie

ein Aal wich er zur Seite, gerade noch zur rechten Zeit. Die starke

Elfenbein-Lanze traf nicht in ein Zentrum seines Lebens, aber immerhin

riß sie ihm gerade vor der Vorderflosse eine breite, rote Wunde in die

Flanke.

In der Wildheit seines Angriffs fuhr das Einhorn nicht nur mit dem

Hauer, sondern mit seinem halben Körper aus dem Wasser heraus. Als er

wieder untertauchte, griff der gereizte Seehund ihn seinerseits an und

schlug ihn gewaltig über das Schweinsauge. Aber dabei stellte er fest,

daß sein Angreifer einen Panzer aus Tran trug, der für seine Zähne

undurchdringlich war. Und so zog er sich aus dem Gefecht und verlor

sich unter den Lachsen, während das Einhorn sich wieder in den Schlamm

sinken ließ, um seine unterbrochene Verdauung fortzusetzen.

An einem fast unbewegten Morgen, als die blasse Sonne tief am

Horizont hing, erreichte der große Seehund jene seltsame Insel der

Pribiliv-Gruppe, die während der ganzen Nordlandsfahrt sein Ziel

gewesen war. Die Küste dieser Insel war über alle Beschreibung kahl und

elend, aber die Spitze, auf die der Seehund hielt und auf deren Besitz

er Anspruch erhob, bot für seinesgleichen gewisse Vorteile. Eine halbe

Meile vorgelagert lag eine andere flache Insel, die schmal und lang,

als Wellenbrecher gegen die schweren Seen des Ozeans diente. Der Kanal

zwischen den beiden Inseln aber war immer voll von Fischen, und rings

um den Felsvorsprung, auf dem er Wohnung genommen hatte, war das Wasser

klar und tief. Als er landete, war der lange Bogen jener Felsküste

sogleich von den Scharen seiner Reisegefährten bestürmt. Durch die

Polar-Einsamkeit, die bisher still wie ein Grab gewesen, hallte jetzt

ihr scharfes Gebell und grunzendes Schreien, denn wie Wilde stürzten

sich die Ankömmlinge über das Felsgestade.

Hier schlug der große Bulle sofort sein Heim auf: die Wolken waren

sein Dach, die vier Winde seine Mauern, sein Fundament eine schräg

abfallende Klippe, die auch der tollste Polarsturm nicht erschüttern

würde. Wie gut er gewählt hatte, sollte er sogleich erproben, denn als

er kaum fünf Minuten lang im Besitz seiner Wohnung war, mußte er sie

schon verteidigen. Ein anderer Bulle, noch größer als er selbst, mit

ergrautem Schnurrbart und mit einer weißen Narbe quer übers Gesicht,

warf sich auf die Klippe und fiel in Wut über den Hauseigentümer her.

Aus der Selbstverständlichkeit dieses Angriffs ließ sich vielleicht

schließen, daß er im vergangenen Jahr der Inhaber der Wohnung gewesen

war und berechtigte Ansprüche zu verfechten glaubte. Aber an jenen

wilden Gestaden gelten nur solche Rechte, die man sich erkämpft. Mit

Gebrüll richtete sich der Hausbesitzer auf, stemmte sich auf seine

seltsamen, wackligen Knochen und fiel mit entnervender Wut über den

Eindringling her.

Die überhöhte Stellung gab ihm einen gewissen Vorteil. Seine hinteren

Flossen, die breit, kurz und stark sind, waren nach vorn gebogen, wie

die Hinterbeine eines Land-Vierfüßlers, nicht trostlos nach rückwärts

wie die der östlichen Seehunde, sie boten ihm eine sichere Stütze für

diesen Angriff. Beim ersten Streich schon verwundete er seinen Gegner

unbarmherzig und drängte ihn bis auf den rechten Winkel des Felsens

zurück. Der Eindringling jedoch war wuchtig und stark-knochig und

wußte sich zu halten. So blieb der Ausgang des Kampfes minutenlang

zweifelhaft.

Die einander würdigen Gegner brüllten sich ihre Wut ins Gesicht,

während die nächsten Nachbarn in Beifallsbezeugungen ausbrachen. Im

schräg auffallenden Strahl der Sonne wiegten sich die beiden Nacken

der Duellanten auf und nieder, ihre Köpfe stießen so blitzschnell

gegeneinander, daß das Auge kaum folgen konnte, und zielten einander

nach der Gurgel und parierten mit weit offenem Rachen die tödlichen

Hiebe. Die Ueberlegenheit an Temperament und Jugend, die es dem

Hausbesitzer möglich gemacht hatte, als erster der ganzen Herde

anzukommen, erwies sich endlich dem schwereren Gewicht überlegen. Der

Eindringling bekam einen schweren Stand, und plötzlich, sei es, daß er

den Mut verlor, oder daß er durch seine Wunden geschwächt war, wurde

er geworfen und taumelte ins Wasser. Auf seine Klippe postiert, noch

immer kampflustig den Kopf wiegend, erwartete der Hausherr einen neuen

Vorstoß. Aber der Eindringling hatte genug. Noch einmal streckte er den

Kopf hoch über die Wellen und blickte seinen Feind an, dann tauchte er

unter, schwamm beschämt von dannen und suchte sich einen Platz in den

überspülten Ausläufern der Niederlassung.

Während der nächsten vierundzwanzig Stunden hatte der Hausherr noch

vier Kämpfe zu bestehen, um sein Eigentum zu verteidigen. Von diesen

späteren Zusammenstößen war aber keiner so gefährlich wie der erste.

Dann wurde, zum Glück für seine blutende Flanke, das Leben friedlicher,

denn das Lager war endlich aufgeteilt.

Der große Bulle konnte jetzt zwar ausruhen und verschnaufen,

aber seine Ruhe mußte er mit unermüdlicher Wachsamkeit bezahlen.

Nachkömmlinge wollten landen, die seinen Anspruch auf die gewählte

Wohnung bestritten. Aber wenn er an den Rand seines Riffs kroch, seinen

blutenden Körper zeigte, den mächtigen Nacken wiegte und seine großen,

klugen Augen in ihrer entschlossenen Wachsamkeit funkeln ließ, bot er

das Bild eines so gefährlichen Gegners, daß die Herausforderer sich

meist beruhigten und weiterschwammen, um leichtere Kämpfe zu bestehen.

Versuchte wirklich einer zu landen, dann fiel der Hausherr über ihn

her, ehe er noch recht ans Trockene gekommen war, und fertigte ihn mit

klaffenden Wunden ab. Zugleich aber mußte er gegen seine unmittelbaren

Nachbarn, zwei schwere rauflustige Bullen auf der Hut sein. Die hatten

zwar selbst gute Wohnungen gefunden, aber sie drohten stets, die Grenze

zu überschreiten, die er gezogen hatte. Vielleicht war diese Grenze

wirklich fast übertrieben weit, aber der Hausherr hatte die Absicht,

eine große Familie zu gründen und sich für die Entbehrungen des letzten

Jahres zu entschädigen. Mit wütendem Bellen und Brüllen warnte er

deshalb vor jedem Versuch, in sein Recht einzugreifen.

Eine traurige Begleiterscheinung dieser Lage war es, daß der

ununterbrochen bedrängte Hausherr keine Zeit mehr hatte, sich zu

nähren. Wenn er nur für einen Augenblick seinen Posten verließ, mußte

er damit rechnen, daß er bei der Rückkehr einen anderen Bullen dort

treffen und gezwungen würde, neue Kämpfe zu führen, deren Ausgang

zweifelhaft war. Keine zehn Schritte weit vor seiner Nase war die Tafel

gedeckt. Fette Fische schwärmten in der eisigen, großen See, aber

er konnte nicht gehen, um sie zu fangen. In dieser Beziehung war er

sicherlich schlechter daran als seine Kameraden und Nebenbuhler. Aber

jeder Bulle, der einen wirklich guten Platz gesichert hatte, mußte alle

Zeit und alle Aufmerksamkeit darauf verwenden, ihn zu bewachen.

Es war vielleicht der erste Mai, und während der folgenden fünf oder

sechs Wochen, durch all die langen, blassen Polartage, an denen die

Sonne tief am Horizont stand und kaum einen Augenblick dahinter

verschwand, brach der Hausherr kein einziges Mal sein Fasten. Ja, er

wagte es kaum, zu schlafen, denn immer noch konnte irgend ein tapferer,

junger Neuankömmling ihn überfallen. Zum Glück war er von dem fetten

Winter und seinem leichten Dasein her noch gut genährt, und die

stattliche Transchicht unter seinem Fell hielt seine Kräfte aufrecht.

[Illustration]

Gegen Ende des Monats kamen die glatten und friedlichen Horden der

»Halbbullen« und der »Jungburschen« an, die noch nicht alt genug waren,

sich zu paaren, oder auch nur Ansprüche an dergleichen zu stellen. Mit

ihnen erschien die Schar der kleinen, sanftäugigen, einjährigen Kühe,

spielfrohe Kinder des Ozeans. Diesem ganzen Gewimmel Unschuldiger

schenkten die alten Bullen keinerlei Aufmerksamkeit. Die schwärmten an

den Ausläufern der Niederlassung hin, waren glücklich über jede Art

Unterkunft, die sie fanden, und verbrachten ihre friedvollen Stunden

-- wenn sie sich nicht mit Fischen beschäftigten -- mit harmlosen,

glücklichen Spielen wie eine Schar Kinder, die von der Schule kommt.

Dann endlich, in der ersten Woche des Juni, trat das lang erwartete

Ereignis ein, dem all dies Suchen nach Unterkunft, dies Wachen und

Kämpfen und Fasten gegolten hatte, die Ankunft der erwachsenen Kühe.

Sie kamen in immer größeren Scharen, Flosse an Flosse gedrängt.

Da die Kühe mit zwei Jahren ausgewachsen sind, die Bullen aber nicht

vor dem siebenten Jahr, und da die Weibchen außerdem in größerer Anzahl

geboren werden als die Männchen, kamen im Durchschnitt zehn oder zwölf

von ihnen auf einen erwachsenen Bullen. Trotzdem war kein Bulle in der

Herde, der nicht Angst gehabt hätte, er würde zu kurz kommen.

Die ersten beiden Kühe kamen knapp hintereinander direkt auf das

Riff unseres bedrängten, aber jetzt triumphierenden Hausvaters

zugeschwommen. Er erwartete sie in großer Erregung, den Kopf so hoch

übers Wasser gehoben wie es nur möglich war und eifrig winkend. Das

Seehundsweibchen ist viel kleiner als ihr polygamer und gewalttätiger

Herr, sanftäugig und von milden Sitten. Als die erste Schwimmerin das

Riff erreichte, griff der Hausherr ihr formlos ins Genick, ehe sie

noch Zeit hatte, aus eigenem Antrieb den Felsen zu erklettern, und

half ihr mit mehr Gewalt als Zärtlichkeit aufs Trockene. Der derbe

Griff seiner Zähne in ihr Genick mußte schmerzhaft sein, aber die

kleine Kuh schien es als Zeichen seiner Zuneigung zu nehmen, denn sie

beklagte sich nicht. Er jedoch, der so plötzlich ihr Herr geworden,

nahm sich nicht die Zeit, schön zu tun oder seine glitzernde Braut auch

nur zu bewundern. Als er sie sicher in seinem Rücken wußte, machte er

sich blitzschnell daran, ihrer Reisegefährtin dieselbe verbindliche

Aufmerksamkeit zu beweisen. Diesmal aber kam er zu spät. Sein

energischer Nachbar zur Rechten war ihm gerade noch zuvorgekommen und

schnappte stolz die widerstandslose Schöne fort, um seinen eigenen Herd

mit ihr zu schmücken.

Gestalten der Wildnis · 第 8 / 11 段