steckte den Kopf unter die Oberfläche, um sich von der Qual brennender
Augen und Nüstern zu befreien. Wo er stand, war die Bogan seicht, aber
ihr Boden sumpfig, so daß er Gefahr lief, zu versinken. Immer wieder
riß er Fuß um Fuß aus dem verderblichen Schlamm -- da flog aus der
Brandwolke ein lodernder Ast heraus und schlug gegen eine Wildkatze,
die nahebei auf einem Ast saß. Die Katze sprang heulend in die Luft und
lief Gefahr, in das Wasser zu fallen, das sie haßte; in der Luft gab
sie sich einen Ruck, und es gelang ihr, auf dem mächtigen Rücken des
Bären zu landen. Ihre Klauen bohrten sich tief ein, mit schmerzlichem
Gebrumm versuchte er, sie abzuschütteln. Sie aber, wahnsinnig vor
Angst, schien in ihm nichts zu sehen, als einen lebendigen Baumstamm,
und immer fester hielt sie sich, bohrte sie ihre Klauen in sein
Fell. Zu jeder anderen Zeit hätte er sie abgeschüttelt und in Stücke
gerissen, aber jetzt konnte er nicht mehr zornig werden. Das Ganze
war so unpersönlich, er wußte nur, daß irgend etwas auf seinem Rücken
quälte, und daß er es los werden mußte. Er warf sich nieder, überrollte
sich im Wasser, und dabei erstickte er die Katze im Schlamm. Als er
wieder hoch kam, war die quälende Last verschwunden, aber sein Platz
in der Bogan befriedigte ihn nicht mehr. Das Wasser war nicht tief
genug, er fühlte sich wie eine Ratte in der Falle. Was er brauchte, war
mehr Raum, mehr Luft, mehr Sicht, selbst wenn es nur Schlamm zu sehen
gab. Ein paar Rehböcke, die ihn mit ihren großen, sanften, entsetzten
Augen kaum sahen, stieß er zur Seite und watete zum Eingang der Bogan.
Hier fühlte er den Strudel, der ihn die Wasserfälle hinabzureißen
drohte, hier ließ er sich in tieferem Wasser nieder, das seine
Schultern überspülte. Eine unbeholfene Elen-Kuh stand nahe bei, zuckte
verzweifelnd mit ihren Ohren, starrte nicht in die Flammen, sondern
in die verfärbten Wellen und den Schaum der gepeitschten Wasser. Dann
kam an seiner Nase vorbei ein großer brauner Otter geschwommen. Er hob
Kopf und Schultern über die Wellen wie ein wachsamer Seehund, prüfte
die Fälle, und dann stürzte er sich geradewegs, das Haupt furchtlos
gehoben, in den Fall. Sicher hatte er sich klar gemacht, daß die
kleine Bogan nicht länger Sicherheit bot. Der Bär sah nachdenklich
und fast neidisch ihre Flucht, aber ihm fehlte der Mut, sich in die
sprudelnden, brüllenden Wellen zu werfen. Bald aber wurde das Gebrüll
der Wellen unhörbar im unermeßlich grausamen Aufruhr des Feuers.
Flammen sprangen und tosten, es war, als heulten sie, und als hätten
selbst die Rauchwolken brüllende Stimmen bekommen. Die Hitze wurde
giftig, wurde unerträglich; Funken und Brände fielen so dicht über die
Bogan, daß viele Tiere mit plötzlich versengtem Fell wahnsinnig wurden
und in den Schmelzofen hineinstürzten, während andere einfach im Wasser
niedersanken und sich ertrinken ließen. Die Tiere, die das Wasser
kannten, tauchten, so tief sie nur konnten, und erwarteten zitternd
ihr Schicksal; nur der weise Fuchs schwamm vorsichtig alle Winkel der
Bogan aus und fand endlich eine Höhle unter dem Ufer, deren Eingang
von durchweichten Wurzeln geschützt war. In diesem herrlichen, kleinen
Versteck saßen zwar schon, eng zusammengedrückt, ein paar Ottern und
Moschusratten, aber er drängte sich ohne Förmlichkeit hinein und
überließ es den andern, sich unterzubringen. Da die sonst nicht sehr
vollkommene Geschichte jenes Waldes zu erzählen weiß, daß er noch in
späteren Jahren zwischen den verkohlten Stämmen der Rodung des Menschen
auf Hasen und Rebhühner jagte, ist anzunehmen, daß dies Versteck sich
als zuverlässig erprobt hat.
Inzwischen verzagte der Bär, als das Schicksal mit Flammen über ihn
hereinbrach. In der ganzen Gesellschaft war er außer dem weisen Fuchs
das einzige Tier, das klug genug war, die Schrecken dieser Stunde ganz
zu überdenken. Für seinen mächtigen Körper war keine Höhle im Wasser
groß genug. Er wimmerte erbärmlich und kehrte die Augen sehnsüchtig zu
dem wild schäumenden Kanal, durch den jenes andere Tier geflüchtet
war. Er wagte sich nicht auf diesen Pfad, der ihm sicherer Tod schien.
Zwischen zwei Mauern aus Rauch und Flammen war dies stürzende Wasser
nur noch eine siedende Straße ins Verderben.
Aber auch die Bogan selbst wurde ein Ort der Schrecken. Was von
kleineren Tieren noch lebte, bedeckte wie ein Teppich ihre Oberfläche.
Eine oder zwei Wildkatzen, unzählbare Eichhörnchen, Wiesel, Marder,
Murmeltiere, Mäuse, Waschbären und selbst ein paar Hasen, die in dieser
Stunde letzter Verzweiflung gelernt hatten, zu schwimmen -- alles
andere war tot. In dem Tollhaus-Gedränge, das jetzt in der Mitte des
Teiches wütete, waren selbst ein paar Rehe untergegangen. Der Bär und
das schwerblütige stoische Elen hielten sich in all dem vernichtenden
Trubel noch aufrecht; sie lagen im Wasser und hoben von Zeit zu Zeit
die Mäuler, ihre Lungen mit der brausenden und giftigen Luft zu füllen.
Als er durch Zufall seine verzweifelten Augen stromaufwärts wandte,
sah der Bär plötzlich eine wilde Gestalt durch Gischt und Rauch auf
sich niederkommen. Sogleich erkannte er sie. Es war der Mensch, der
im Heck seines leichten Kanoes ausgestreckt lag und es mit wuchtigen
Paddeln zwischen Felsen und Sturzseen hindurchsteuerte. Er hatte sich
das Ende einer Decke um den Kopf geschlungen. Ein Zipfel davon, der
hinter ihm in der Luft wehte, glimmte und rauchte. Er lenkte sein Kanoe
in die Bogan, und beinahe wäre er gekentert, als er heftig gegen den
untergetauchten Rücken eines der Elentiere rannte. Auf Armlänge von dem
Baren glückte es ihm, das Boot zum Halten zu bringen, und jetzt sah der
Bär, daß sein Aussehen sich seltsam verändert hatte. Seine großen,
sehnigen Hände, sein mutiges Gesicht waren schwarz und ausgedörrt. Die
Augen starrten furchtlos aus kahlen Höhlen, Augenbrauen und Wimpern
waren abgesengt. Trotzdem sah der Bär in seinem Kommen einen Schimmer
von Rettung. Er fühlte: hier ist ein gewaltiger Geist, den selbst die
Dämone des Feuers nicht überwältigen werden! Heulend näherte er sich
dem Kanoe, in seinem Herzen wuchs eine Hoffnung. Der Mensch bemerkte
ihn und erkannte selbst in diesem verzweifelten Moment, mit entstelltem
Lachen, den Feind, der seinen Listen so oft entgangen war.
»Diesmal hat's uns beide im Genick, alter Kerl!« brummte er, während
er sich die Decke vom Kopf riß und sie rasch über die Wand des Bootes
ins Wasser tauchte. Dann schlang er sie, noch triefend, wieder um Kopf
und Schultern, nahm eine Sonde zwischen die Zähne, um die Rauchwolken
durch diesen Filter zu atmen. Gleich darauf stürzte er sich wieder in
die Wirbel, und in Rauchschwaden eingehüllt, brauste er hinein in den
heulenden Wasserfall. Einen Augenblick zögerte der Bär, winselte wie
ein junger Hund, und dann stürzte er sich nach.
Tatsächlich war der Bär ein besserer Schwimmer als er selbst geglaubt
hatte. Nach den ersten Sekunden hilfloser Verzagtheit im Toben und
Rasen der Strudel fand er die Kraft, seinen Kopf wieder über Wasser zu
halten und mehr oder weniger seinen Weg zu bestimmen.
Anfangs mißverstand er die Anzeichen der Strudel und steuerte sich
schlecht. Aber nachdem er atemlos seinen Weg durch eine Reihe
wahnsinniger Stürze hindurch gekämpft hatte, sah er vor sich, ein wenig
rechts, etwas wie einen sanfteren Durchlaß durch eine Schranke von
Brechern. Dorthin strebte er mit aller Kraft, während er flußabwärts
gewirbelt wurde, und erreichte sein Ziel. Seine Füße schleiften am
Boden hin, krampfhaft versuchte er, sich mit den Klauen zu halten, aber
er wurde fortgerissen, und vom Rand einer spitz auslaufenden Felsnase
stürzte er mitten hinein in einen gischtenden Kessel.
Glücklicherweise war der Kessel so tief, daß die Wucht seines Sturzes
den Bären nicht zerschmettern konnte. Er kreiste in einem Strudel, bis
Atem und Ueberlegung ihm wieder kamen. Dann entrann er seitwärts und
geriet wieder in den tosenden Strom. Aber von jetzt ab verstand er
es, die heimtückischen sanften Strecken zu meiden, hielt sich in den
wirbelnden, heftig schäumenden Kanälen, die ihm genügende Wassertiefe
und einen klaren Weg boten.
Der Mensch, der mit seinem starken Ruder steuern und die Fahrt
beschleunigen konnte, war jetzt außer Sicht. Aber der Bär schwamm
vertrauensvoll in seinen Spuren. Beide Ufer des Flusses waren jetzt
eine einzige tobende Feuersbrunst, ein Chaos, eine schwarze Rauchwolke,
von roten und gelben Flammen zerrissen. Riesige Stämme bebten
minutenlang darüber, dann schwankten und fielen sie, und das Schmettern
ihres Falles blieb in all dem Toben ungehört. Maul und Nüstern des
Bären brannten wie das Feuer selbst, wenn er seinen triefenden Kopf hob
und die glühende Luft atmete. Aber sein Vertrauen in die Führung des
Menschen war so groß, daß er nicht mehr verzweifelte.
Der Hauptarm des Südfork mündete endlich in einer gewaltigen Mulde, in
die er mit einem Donnern hineinschoß, das selbst im Brausen der Flammen
zu hören war. Hier kämpfte der Bär, um ans Ufer zu kommen, aber es
war zu spät. Unwiderstehlich packte ihn der Strom, einen Augenblick
später war er wieder im Wirbel. Die Strudel überrollten ihn, tauchten
ihn unter, dumpfes Dröhnen füllte seine Ohren, seine Lungen waren am
Bersten. Dann plötzlich wurde er wieder in die Luft geworfen, fast
erstickt fühlte er unter seinen Füßen glatte, wegsame Steine! Im
nächsten Augenblick griffen seine Klauen in Holz, sie krallten sich
ein wie Zangen und hielten fest! Gleich darauf zog er sich aus dem
Strom und kämpfte mit aller Kraft zu ein paar Baumstämmen hin, die
abgetrieben und zwischen Felsen eingeklemmt waren. Gerade vor sich
sah er zu seinem Erstaunen den Menschen klettern, der, den Körper
noch unter Wasser, in einem Felsspalt steckte. Nur seine Augen hielt
er frei, der ganze Kopf war in die triefende Decke eingeschlagen, das
Kanoe nirgends zu sehen. Mit stieren Augen erkannte der Mensch das
schlammbedeckte, keuchende Tier und schob sich in den Stämmen vorwärts,
ihm Platz zu machen.
»Wie geht's, Geselle?« rief er. »Mach' dir's bequem hier! Du und ich,
wir sind wohl die Einzigen, die noch leben hier herum!«
Der Bär schrak ängstlich zurück, betroffen von dem matten Klang dieser
Worte oder von den Augen des Menschen, die auf ihm lagen. Aber da er an
seinen Hinterbeinen noch den reißenden Strudel fühlte, drang er weiter
vor und kroch in Sicherheit, kaum einen Arm weit ab von dem Mann.
Einstweilen waren die beiden Flüchtlinge sicher. Sie hatten Wasser
genug, sich damit zu bedecken, und ein paar Felswände über ihren
Gesichtern schützten sie vor gelegentlich vorzischenden Flammen, die
über die Fläche des Stroms hinleckten. Nun konnten sie nichts mehr
tun, als warten.
[Illustration]
Den ganzen Tag und die ganze Nacht (obwohl sie nicht wußten, wann
Tag und Nacht miteinander wechselten) lagen Mensch und Tier so
nebeneinander und klammerten sich ans Leben, während rings um sie und
über sie fort das Feuer raste. Dann begann es abzusterben, glühende
Baumstümpfe und Stämme blieben zurück, ihr Rauch schwelte am Ufer, hier
und da zischte noch eine Flamme auf. Die Luft war jetzt so kühl, daß
man ohne Qual atmen konnte. Und ein verzweifelt grauer Wolkenhimmel
blickte auf das Bild der Zerstörung herab.
Der Mann stand auf, reckte seine steifen Glieder, wrang das Wasser aus
seinen Kleidern und dann -- so rasch wechseln unsere Bedürfnisse! --
setzte er sich an die nächste Glut, um seinen Körper zu wärmen. Der
Bär beobachtete ihn ängstlich, aber er wagte sich nicht näher. Wie ein
Hund folgte er den Bewegungen des Menschen. Für den Augenblick hatte er
allen eigenen Willen verloren.
Der Mensch erkannte jetzt klar: für die nächsten Tage gab es keine
Flucht von diesen glühenden Gestaden, wenn nicht ein Wolkenbruch
kam und die schwelenden Torflager löschte. Aber zwischen seinem
Zufluchtswinkel und dem Ufer, ein kleines Stück stromabwärts, bemerkte
er eine Landzunge aus Sand und Geröll, an der ein paar Holzblöcke
gestrandet waren. Sie lag unter dem sprühenden Schaum der Wasserfälle
so geschützt, daß die Hitze wohl ein paar Büsche angesengt, aber nicht
vermocht hatte, sie zu verbrennen. Diese langgestreckte Kiesfläche
schien dem Menschen ein Weg zur Rettung, er mußte sie erreichen. Aber
der tiefe Wirbelstrom würde ihn, obgleich er ein tüchtiger Schwimmer
war, wie einen Strohhalm vorbeiwirbeln. Wenn der Bär es nur zuerst
versuchen wollte! Gleich darauf aber fiel ihm ein, daß selbst dieser
Versuch ihm nichts nützen würde, denn der Bär war imstande, sich in
einer Strömung zu behaupten, in der er selbst unterging wie eine junge
Katze. Trotzdem sah er den Bären auffordernd an und rief ihm über die
tosenden Wellen zu:
»Versuch du's, Kamerad! Hier können wir noch lange hängen.«
Der Bär glaubte, er würde irgend eines Verbrechens angeklagt, und zog
sich ängstlich in einen Winkel zurück. Da er nichts tun konnte, als
sich dem Schicksal zu stellen, verlor der Mensch jetzt keine Zeit mehr.
Durch Warten konnte er weder Kraft noch einen neuen Entschluß gewinnen.
Indem er sich sorgfältig auf der schmalen Brücke zwischen den beiden
Kanälen hielt, nutzte er alles aus, was sein tolles Wagnis erleichtern
könnte. Als er dem reißenden Strom nicht länger widerstehen konnte,
warf er sich so weit hinaus wie möglich und schwamm verzweifelt darauf
los, hoffnungslos und doch hoffend, er würde die Landzunge erreichen,
ehe der Fluß ihn vorbeigetrieben hätte. Im nächsten Augenblick freilich
erkannte er, daß alles umsonst war. In diesem Wirbel war er nicht mehr
als ein treibendes Blatt.
Der Bär hatte jede seiner Bewegungen verfolgt. Was das Manöver
bedeutete, ahnte er nicht, aber er glaubte, daß der Mensch auf diesem
Wege den Rettungswinkel nicht verlassen könnte. Als er dann sah, wie
der sich mitten in den Fluß hineinwarf, den Kopf zum Ufer gewandt,
fühlte er sich ganz verlassen. Mit einem wimmernden Schrei stürzte auch
er in den Strom. Den Menschen aus den Augen zu lassen, wagte er nicht
mehr. Dann würde das Feuer zurückkehren und ihn vernichten!
Die Schnauze hoch gehoben, kämpfte er sich prachtvoll durch die
wirbelnde Flut. Und obwohl in furchtbarer Geschwindigkeit stromabwärts
getragen, gelang es ihm doch, seine Diagonale immer weiter zu sichern.
Jetzt endlich hatte er es gelernt, die Gewalt abzuschätzen, gegen die
er zu kämpfen hatte, und die Richtung gefunden, in der die Landspitze
zu erreichen war -- da stürzte eine Welle den Menschen auf ihn! Der
Mensch klammerte sich im langen Pelzhaar seiner Flanke fest. In seinem
Entsetzen über diesen unerwarteten Angriff kämpfte der Bär noch
machtvoller drauf los. Der Mensch blieb, wie das Schicksal es gewollt
hatte, in seine Flanke eingekrallt.
Mit letzter Anstrengung erreichte der Bär an einer bequemen
Zugangsstelle die Landzunge und schwang sich wie eine erschreckte Katze
hinauf. Der unheimliche Griff in seiner Flanke ließ nach. Als er sich
umdrehte, um zu sehen, was passiert war, stand der Mensch atemlos, aber
lachend im Sand und rief: »Hab Dank, Geselle! Gut gemacht!«
Entsetzt von diesem Lachen, einem Geräusch, wie er es nie gehört hatte,
sprang der Bär auf die andere Seite der Landzunge und spähte zum Ufer.
Der Mann war inzwischen wieder zu Atem gekommen. Jetzt machte er sich
daran, im ruhigen Wasser an den Ausläufern der Sandbank zwei Baumstämme
nebeneinander zu rollen. Aus treibenden Wurzeln und den Ruten von halb
verdorrten Weidenbäumen drehte er Taue, mit denen er die beiden Stämme
immer wieder und wieder umwand. So brachte er ein Floß zuwege, das
stark genug war, ihn über alle Schnellen zu tragen. Er wußte, daß er
nur noch eine halbe Meile vom See entfernt war; und er wußte auch, daß
die schlimmsten tobenden Katarakte des Südfork hinter ihm lagen.
Er hatte weder Ruder noch Staken, um seinen Kurs zu halten, aber
trotzdem stieß er das Floß vertrauensvoll in die Flut. Dabei winkte er
seinem Gefährten Lebewohl.
»Bleib ruhig sitzen, Kamerad!« rief er. »Du bist gut, wo du bist, laß
die Wälder sich abkühlen!«
Der Bär war durch die drohenden Flammen nicht mehr geängstigt, aber
noch erschreckt von dem kraftvollen Griff in sein Fell. So nahm er den
Rat des Menschen scheinbar als endgültig hin. Anfangs freilich folgte
er dem Floß ein Stück weit in die brandenden Wasser hinein und wimmerte
unentschlossen. Dann aber ließ er sich auf seinen Keulen nieder und
beobachtete, wie es schwankend und taumelnd die Wellen niederschoß.
Der Mann kauerte darauf, und der Bär sah ihm nach, bis er an einer
Flußkrümmung verschwand.
Mütter des Nordens
Es war im ersten, trunkenen Sturm des arktischen Frühlings. Wie
durchzuckt von der Wärme langer Tage, die voll Sonne waren, brach zu
Füßen der südwärts gewandten Gletschermauern strahlendes Grün und
blühendes Leben aus dem dünnen Erdreich, das ewiges Eis umschloß.
Bäche erwachten in sonnenbeschienenen Tälern, an ihren Ufern sproßte
das Gras, öffneten sich wie in leidenschaftlicher Eile sternengleich
Blumen, weiße, gelbe und blaue. Die kleinen nordischen Schmetterlinge
kamen in Schwärmen, mit ihnen wespenschlanke Bienen und unzählbare
Arten von Käfern, als hätten die plötzlich erwachten Blüten sie, in
ihrer Sehnsucht befruchtet zu werden, aus dem Schlaf gerufen. Ueber
ihren schmutzigen Nestern, in unzugänglichen Klippen, schrien die
Möwen, oder sie füllten die Luft mit dem Leuchten ihres Gefieders, wenn
sie über das graugrüne ruhige Meer hinschwärmten. Für einen Augenblick
versuchte die nordische Welt alle Qualen des Winters zu vergessen,
seine mitleidlose Wildheit, seine tätliche Kälte und sein Dunkel.
Die plumpen, großen, grunzenden Walrosse fühlten ihn auch und begrüßten
ihn, den Glanz des arktischen Frühlings in ihren Einsamkeiten. In den
Klippen einer Felsinsel, ganz nahe dem Wasser, sonnte sich eine kleine
Herde. Es waren zwei alte Bullen und vier Kühe mit ihren krabbelnden,
klumpigen Kälbern. Alle hatten sie sich gern, sie lagen da Kopf an
Kopf, die Vorderflossen zärtlich über des Andern formlosen Leib gelegt,
und in allen Tönen des Behagens grunzten, stöhnten, brummten sie,
während die helle Sonne ihre dicken Häute kitzelte. Alle fühlten sie
sich unter diesem Himmel frei von Sorgen, bis auf einen einzigen alten
Bullen. Er war auf Wache, streckte seinen mächtigen Kopf mit Hauern
und Schnurrbart hoch über die schweigenden Gefährten hin, hielt Augen,
Ohren und Nase bereit, um eine nahende Gefahr zu wittern.
Eins der formlosen, unbeholfenen Kälber lag mit seiner Mutter in einer
Vertiefung des Felsens, vielleicht zwanzig Fuß weit fort von der
Brandung -- in einem sicheren Winkel, den kein Wind aus Nord oder Ost
berühren konnte. Die übrige Herde war dem Meer so nahe, daß von Zeit
zu Zeit eine breite, bleigrüne Welle aussprang und sie überspülte. Die
Jungen zeigten Lust, aufzuspringen und sich diesen plötzlichen Duschen
zu entziehen. Aber ihre Mütter waren streng genug, um sie nahe dem
Wasser zu halten.
Jetzt wurde die kleine Gruppe durch ein Haupt vermehrt. Ein anderer
alter Bulle, der auf dem Boden des Meeres fouragiert hatte, indem er
mit seinen Hauern Muscheln, Seesterne und Austern aufgrub und sie in
der massiven Mühle seiner Kinnbacken klein schrotete, hob plötzlich
sein wildes Haupt an die Oberfläche. Trotz seines mächtigen Körpers
bewegte er sich im Wasser fast so schnell und graziös wie ein Seehund.
In einer Sekunde war er an der Klippe. Dort stemmte er seine ungeheuren
Hauer ein, zog sich mit der Kraft seines breiten Rückens empor, stützte
sich auf eine breite Vorderflosse und hob sich aus dem Wasser. Dann
warf er sich laut grunzend vor Zufriedenheit unter seine Kameraden.
Es bildete keine sehr liebliche Gesellschaft, dies ungeschlachte
Seevieh, das muß zugegeben werden. Die Ausgewachsenen waren zehn bis
elf Fuß lang, rund und ausgebaucht wie Bierfässer. Der Schmuck eines
Schwanzes ging ihnen ab, ihre Farbe war ein schmutziges Gelbbraun. In
dünnen Büscheln war ihre Haut mit widerspenstigen Borsten bewachsen,
und das gab ihnen etwas Ungepflegtes, als wären sie von Mäusen
befressen. Lächerlich krumm waren ihre kurzen, aber stark entwickelten
Flossenfüße. Der obere Teil ihres Schädels war flach, schmal und ohne
Ohren, die Schnauze dagegen ungeheuer entwickelt, denn sie mußte die
massiven, abwärts wachsenden Hauer tragen, von denen jede ihre zwölf
bis fünfzehn Fuß lang war. Die tolle Vergrößerung des Oberkiefers wurde
auch noch betont durch den Schmuck langer, steifer Schnurrbärte, die
ihrem Träger den Ausdruck borstiger Reizbarkeit gaben. Die wackligen
Gestalten der Kälber machten denselben Eindruck wie die der Eltern,
aber ihr sauberes, junges Fell war noch nicht so faltig, auch durch
Beulen und Schrammen noch nicht entstellt, natürlich hatten sie keine
Hauer, aber in Erwartung dieser Waffe war ihre Schnauze schon überstark
und gab ihnen einen Ausdruck von Roheit, dem die Sanftheit ihrer
Babyaugen lächerlich widersprach. Sie rollten und schmiegten sich
gegen die berghaften Flanken ihrer Mutter, deren wachsame Hingabe sie
empfanden.
Das Kalb, das von der Herde am weitesten getrennt landeinwärts lag,
hatte Schmerzen und wimmerte. Am Morgen hatte es vom Horn eines
vorbeiziehenden Narwals einen bösen Stich in die Schulter bekommen,
und die ängstliche Mutter versuchte es zu trösten, preßte es derb aber
zärtlich an ihre Seite und lockte es, zu säugen. Die ganze Herde schien
in diesem Augenblick mit dem Leben so über alle Begriffe einverstanden.
Aber die besorgte Mutter war mit den Klagen ihres Jungen zu sehr
beschäftigt, um auch nur zu fühlen, wie zärtlich die Frühlingssonne
schien.
Noch eine andere Mutter, nicht fern von dieser, war trotz des
Frühlings unglücklich. Auf dem Festland, das hinter der Insel lag,
kam ein magerer weißer Bär mit seinem Jungen zum Ufer gewandert. Die
enge Bucht zwischen Insel und Festland war voll großer Eisschollen,
die der Strudel der letzten Flut hineingetragen hatte. Von diesen
wellenzerfressenen und verschlammten Blöcken waren viele am Ufer
zurückgeblieben, die jetzt im Strahl der Sonne zerschmolzen und
manchmal mit gläsernem Klirren auseinander fielen. In der Hoffnung,
einen toten Fisch oder irgend einen anderen genießbaren Abfall der See
zu finden, schnüffelte die brave Mutter zwischen diesen Trümmern hin
und her. Schon lange war ihre Jagd schlecht gegangen, die Lachsschwärme
hatten ihr Erscheinen an der Küste unerklärlich verspätet, und jetzt
rumorte der Hunger in ihren Eingeweiden. Freilich füllte sie sich den
Magen, wie es eben ging, mit den jungen Trieben der Binsen und anderem
Grünzeug, aber das war nicht die Kost, für die Mutter Natur sie nun
einmal gebaut hatte. In Ermangelung richtiger Nahrung preßte sie ihr
lebendiges Leben selbst in die Brüste, um den Kleinen zu stillen. Aber
auch er litt, denn der Vorrat an Muttermilch war erbärmlich gering.
Gerade jetzt, als die alte Bärin still stand, um einen Haufen Seetang
zu durchschnüffeln, kroch der Kleine unter ihren Leib, um zu säugen.
Er wimmerte vor Enttäuschung, so dünn war der Strahl ihrer Milch. Sie
drehte den Kopf, um ihn zärtlich zu lecken, und ihre stolzen Augen
schimmerten in Traurigkeit.
Da sich unter den angeschwemmten Eisschollen nichts fand, was ein Bär
genießen konnte, wandte sie sich verzweifelt dem Wasser zu, als sie
plötzlich eine seltsame Witterung von der See her fing. Die kam direkt
von der Insel, war Walroß-Witterung! Sie hob die lange Schnauze mit
der schwarzen Spitze und sicherte, dann stand sie unbeweglich wie
ein Eisklotz und suchte prüfend die Insel ab. Das Junge stand ebenso
bewegungslos, entweder ahmte es die Mutter nach, oder es gehorchte
einem wohlverstandenen Zeichen. Sich still zu verhalten, gehört zum
Ersten, was jede kleine Kreatur der Wildnis zu lernen hat.
Kein Walroß war zu sehen, aber die Nase der Bärin konnte sich nicht
getäuscht haben. Daß die plumpen Seetiere da waren, auf der andern
Seite der Insel wahrscheinlich, war sicher; sie sonnten sich wohl
und genossen den herrlichen Tag. Walrosse waren eigentlich nicht das
Wild, das die Bärin gewählt hätte. Die großen Bullen waren mutig und
hitzköpfig, die mächtigen Kühe furchtlos in der Verteidigung ihrer
Jungen wie sie selbst -- sie waren Gegner, die man, wenn irgend
möglich, vermied. Aber gerade jetzt hatte sie keine Wahl. Ihr Junges
hungerte! Nichts auf der Welt schien ihr so wichtig, wie dies kleine
unruhige Bärlein mit seinen Schalksaugen.
Mit dem Jungen eng an ihren Fersen, stahl sie sich nun, durch die
Eisschollen gegen jede Sicht geschützt, in die zurückebbende Flut
hinein. Die Bucht war so voll von Treibeis, daß sie für ihr Junges
fürchtete, aber zurücklassen konnte sie es nicht. So nahm sie es beim
Schwimmen eng an ihre Seite. Es war ein guter Schwimmer, der furchtlos
tauchte, wenn sie es tat, der mit seiner kleinen, schwarzen Nase die
grau-grünen Wellen tapfer und schnell durchschnitt. Es tat ihr alles
nach, war wachsam, schnell und vorsichtig wie sie, denn es wußte, daß
diese Jagd auf großes Wild ging.
Die Insel war der Ausläufer einer Berghöhe und fiel in steilen Hängen
zum Meer. Die weiße Bärin war viel zu klug, um die Höhe zu erklettern
und dann über die Walrosse herzufallen. Sie wußte gut, daß die Herde
gegen jede Annäherung von der Landseite her auf ihrer Hut war. Von
dorther kam ja alles, was sie fürchteten. Als sie das Gestade erreicht
hatte, schwamm sie deshalb unter Wasser bis zum äußersten Vorsprung.
Dort erst ging sie, durch eine Scholle gedeckt, an Land und preßte sich
dabei so eng an den Felsen, daß sie selbst ein Stück davon schien.
Jede Bewegung machte das Junge eifrig nach. Aber als sie sich auf den
Hintertatzen hob und den schmalen Kopf in einen Riß der Scholle legte,
um hinüberzuäugen, hielt es sich im Hintergrund und wartete auf sie,
den Kopf ängstlich zur Seite gedreht.
Die Walrosse waren nicht fünfzig Fuß weit weg in guter Sicht. Bei
aller Hungerqual übereilte die Bärenmutter sich nicht, sondern blieb
minutenlang auf der Lauer, prüfte die Zugänge zum Walroß-Lager, während
eine leichte Brise ihr die angenehmste Witterung in die Nüstern trug.
Sie sah, daß an die Herde selbst nicht heranzukommen war, denn die lag
wohlgeschützt und nahe dem Wasser. Wenn sie einen Ueberfall versuchte,
würden alle beim ersten Alarm entweichen; versuchte sie aber, eins der
Jungen im Wasser zu greifen, dann wäre sie im Augenblick überwältigt,
gespießt von den mächtigen Hauern, auf den Meeresboden gezerrt, ersäuft
und zerrissen worden. Mit glühenden Augen aber beobachtete sie die Kuh
und das Kalb, die höher am Abhang lagen. Da war eine Aussicht, voll von
Gefahr, aber es war eine Aussicht! Sie ließ sich auf alle Viere fallen,
machte sich flach und begann, zwischen den Felsen in die Höhe zu
kriechen, jeden Hügel, jeden Vorsprung als Deckung nützend. Das Junge
folgte ihr noch immer.