Zu seinem Mißvergnügen hatte der Wegelagerer, obwohl sein Versteck kaum

fünfzig Fuß weit vom Seelilienbett entfernt war, keinen Teil an dem

Trubel nehmen können. Es war gegen seine Methode, sich aus dem Schlamm

zu erheben und in fremde Händel einzugreifen. Für ihn war es am besten,

wenn er sein Lämpchen emporreckte und ein paar unzufriedene Mitläufer

solchen Gelages an sich zog. Ein paar bescheidene Bissen waren ihm auf

diese Art zuteil geworden, gerade genug, seinen Appetit zu erregen.

In seiner Gier erlaubte er sich, aus seinen seltsam verhüllten Augen

einen fahlen Schimmer auf der Suche nach Beute umherzustrahlen.

Diese glimmernden Augen entdeckten etwas, das ihr Licht sofort

verlöschen, die violette Farbe verschwinden ließ, als hätte man ein

Lämpchen entzwei geschlagen. Mit einem Ruck vergrub der Wegelagerer

sich tiefer im Schlamm. Was er gesehen hatte, war ein langer, kränklich

weißer, suchender Fühler, der -- viele Schritte fern -- die Rippen des

Skeletts abtastete. Andere, gleich neugierige Sucher waren gefolgt.

Aber der Wegelagerer hatte sich nicht die Zeit gegönnt, sie zu

beobachten. So viel Schlamm wie möglich wünschte er über sich, selbst

über seine Augen gebreitet, solange diese Fühler, Riesenschlangen

gleich, durch die Nachbarschaft geisterten.

Ein Zufall hatte es gewollt, daß ein riesiger, weißer Tintenfisch, auch

Tiefsee-Teufelsfisch genannt, der mit Hunderten seinesgleichen ein paar

Meilen weit sein Lager hatte, über sein Jagdgebiet hinausgeschweift

war. Vielleicht hatte der Angriff eines Zuges von Pottwalen ihn

aufgeschreckt und zur Wanderschaft veranlaßt. Seine weiten, alles

umfassenden Augen hatten das schimmernde Sinken des Skeletts

beobachtet. Er bewegte sich langsam; wenn die Not nicht große Eile

bedingt, pflegt er seinen Körper über den Meeresboden zu schleppen,

statt wie der kleine Tintenfisch in höheren Gewässern auf dem Rücken zu

schwimmen.

So war, als er den Schauplatz erreichte, von dem großen Mahl nichts

übrig geblieben, seinen Hunger zu stillen.

Dieser träge Wandersmann war keineswegs unter seinesgleichen besonders

beachtenswert. Zusammen mit seinem Kopf, der einen Papageienschnabel

trug, maß der kriechende Sack seines Körpers kaum zehn Fuß, denen

allerdings die gespreizten Fühler noch weitere zwanzig Fuß Reichweite

gaben. So stark wie der Arm eines Mannes war jeder dieser Fühler, die

sich in einem Büschel wie Karottenblätter von der Stirn ausbreiteten.

Jeder Fühler trug an seinem Ende eine Saugplatte von großer Gewalt und

war empfindlich wie der empfindlichste Menschenfinger. Wie ebensoviele

blasse, hungrige Schlangen waren sie in emsiger, steter, suchender

Bewegung. Das unheimlichste an dem unbeschreiblichen Monstrum aber

waren die Augen: zwei tintenschwarze Linsen, weit ausgebuchtet und so

hoch, daß ihre oberen Ränder den Kopfansatz fast berührten. Ohne Lider,

unbeweglich und von einer nicht beschreibbaren Bösartigkeit, blickten

sie drein, als könnte ihrer wachsamen Gier nichts entgehen.

Die schrecklichen Fühler betasteten jeden nackten Knochen des

Walfischskeletts, ergriffen jede armselige Kreatur, die dort noch hing

und warfen sie in den grausigen Schnabel. In furchtbarer Schnelle und

Präzision vollendeten bei dieser Gelegenheit auch ein paar arme Fische

ihr Schicksal, unklug genug, den Schauplatz nicht längst verlassen zu

haben. Im Papageienschnabel begegneten sie sich mit etlichen Krabben

und Krahfischen, die vergeblich versucht hatten, sich ins Versteck

der Seelilien zu retten. So bescheidene Beute aber diente nur als

Appetitanreger. Voll Jagdlust hob das blasse Ungeheuer sich auf den

Grat des Walfischskeletts, spähte aus und ließ sich gemächlich auf die

andere Seite gleiten, seine unfehlbare Gier hatte in dem benachbarten

Felsstück etwas Bemerkenswertes entdeckt. Rasch zogen zwei neugierige

Fühler zur Aufklärung aus. Mit einem Griff, der das zähe Fleisch des

Wegelagerers krampfte, faßten sie zu.

Entdeckt und ohne Hoffnung sich zu retten, geriet der Straßenräuber

nicht in Verzweiflung, sondern in sinnlose Wut. Er stammte aus

grimmigem Kämpferblut, seine Augen spieen grüne Flammen, wie wahnsinnig

schnappte das Tor seines Rachens. Wohl zwei Fuß weit tat dieser Rachen

sich auf, packte einen der Fühler, wo er vier oder fünf Zoll dick war,

und zermalmte ihn ohne Anstrengung, so sehnig er war. Dann aber hatten

vier weitere Fühler sich in seinen Körper geheftet, daß alles Schnauben

und Spucken und Schnappen keinen Widerstand mehr bedeutete.

Nicht schnell, aber unwiderstehlich wurde er aus seinem Lager geholt

und in das Gezüngel schnürender Arme gezogen. Weite, tintenschwarze

Augen glühten ihn ausdruckslos an. Dann tat der Papageienschnabel sich

furchtbar auf, in einem langen, durstigen Schlürfen verschwand der

Wegelagerer, den Kopf voraus, wehrlos, wohlschmeckend.

Mit diesem nahrhaften Bissen war das weiße Monstrum einstweilen

gesättigt. Er setzte seinen Körper langsam in Bewegung und verkroch

sich in die Rippen des Walfischs. Dort schien es mit offenen Augen zu

schlafen, die Fühler sorglos um sich gebreitet. Als es wiederum still

wurde, steckten die Glühwürmer ihre Lichterchen in Brand, ganze Büsche

weißer Strahlen umschlangen rote und grüne Sterne, all die schwebenden,

kaum erkenntlichen gespenstischen Lichter zogen Phosphorglanz durch

stille Wasser. Nur das schöne zarte Violett tanzte nicht mehr über der

verankerten Felsplatte im Schlamm der Tiefe, fünfhundert Faden unter

dem Meeresspiegel.

Stromfahrt durchs Feuer

Gewissermaßen kannten sie einander recht gut, der Mann und der Bär.

Seit fast zwei Jahren waren sie anerkannte Feinde.

Tatsächlich +gesehen+ hatte der Mann den Bären nur einmal, und auch da

nur für einen kurzen Blick -- ein Paar pfiffiger, neugieriger Augen,

die im tiefen Dickicht aufblitzten, einen furchtbaren, schwarzen

Schatten, der geräuschlos im Dunkel versank. Die großen Spuren aber

kannte er gut, die ein Drittel größer waren als die des gewöhnlichen

schwarzen Bären in Ost-Kanada und sich in bedrohlichen Kreisen rings

um seine Hütte zogen. Er kannte seine Klauen-Abdrücke, narbengezierte

Bäume, in die der Träger dieser Klauen seine Zeichen fast so hoch

setzte wie ein Grizzly-Bär.

Diese gefährlichen Klauen hatten manchen dicken, kaum halb verfaulten

Baumstamm wie Papier auseinandergerissen, wenn der Bär nach Ameisen und

Käfern suchte. Aus alldem konnte der Mensch unschwer den Schluß ziehen,

daß hier seiner Herrschaft über die Wildnis, eine Herrschaft, die er

vor kurzem erst angetreten hatte, ein gefährlicher Nebenbuhler drohte.

Und dieser Nebenbuhler würde wahrscheinlich, wenn die kleine Farm erst

mit Vieh versorgt war, auf Schafe und Ochsen eine schwere Steuer legen.

Im übrigen nahm der Mann an, daß sein Rivale einen Pelz von seltener

Pracht trug, der auf dem Pelzmarkt einen besonderen Preis erzielen

würde. In den Pausen zwischen Roden und Graben, Kartoffelpflanzen und

Weizen säen, Hütten bauen und Busch brennen begann er deshalb, seinem

gefährlichen Gegner Fallen zu stellen, denn er hielt ihn für zu listig,

in den Bereich seiner Büchse zu kommen.

Der Bär kannte andererseits den Menschen viel besser, als der Mensch

ihn kannte. Er beobachtete ihn, seit er zum ersten Male den Fuß auf

die Ufer des wilden Südfork gesetzt hatte. Seitdem folgte ihm das

riesige schwarze Tier wie ein Schatten, feindselig natürlich, weil er

ein Fremder und ein Störenfried in seinen Einsamkeiten war, vor allem

aber mit gespannter Neugier. Trotz seiner Größe konnte er sich, wenn es

nötig schien, so geräuschlos wie ein Wiesel oder eine Schlange bewegen.

Bewegungslos wie einer der alten Baumstümpfe, die längst vergessene

Holzfäller zurückgelassen, hatte er beobachtet, wie des Menschen Axt

blitzte und durch die Luft flog, wie Birken, Tannen und Eschen fielen,

wie die Rodung wuchs und Sonnenlicht auf den wirren Grund des Forstes

fiel.

Sein Erstaunen waren die beiden schweren, roten Ochsen, die dem

scharfen Ruf des Menschen folgten und gefällte Stämme für ihn

schleppten. Dann hatte er beobachtet, wie unter den geschickten Händen

des Menschen die Hütte Form bekam, eine ganz überraschende Form.

Anfangs hatte er nicht begriffen, warum die beiden großen Ochsen so

gehorsam waren, statt sich gegen den Menschen zu kehren, ihn auf die

langen Hörner zu spießen oder mit den gespaltenen Hufen in den Boden

zu trampeln. Bald aber hatte er eine unerklärliche Gewalt in der

Stimme des Menschen erkannt, in seiner unbedenklichen Gleichgültigkeit

gegen jedes Auge, das ihn aus dem Dunkel des Urwalds anstarren mochte.

Es war klar, daß der Mensch sich nicht fürchtete. Er mußte also sehr

stark sein. Da begann der Bär, ihn zu fürchten, obwohl er zunächst

nicht wußte, wovor er sich eigentlich fürchtete. Höchstens war es das

Geheimnisvolle in der menschlichen Stimme, das scheinbar die Ochsen

unterwarf und zum Gehorsam zwang.

Als die Hütte gebaut war, geschah etwas Sonderbares. Der Mensch war

außer Sicht, über der sonnenbeschienenen Rodung summten Wespen und

Fliegen, die roten Ochsen lagen wiederkäuend im Schatten und atmeten

tief, ein großer Rehbock trat aus dem Baum und äugte nach der Hütte.

Da trat der Mensch aus der Tür und hob etwas an die Schulter, das wie

ein langer, brauner Stock aussah. Gleich darauf kam ein Funke aus dem

Ende des Stockes gesprungen, zugleich hörte man ein kurzes, scharfes

Geräusch. Der Bock aber, der weit weg auf der andern Seite der Rodung

stand, sprang in die Luft und fiel tot nieder. Bei diesem Anblick

war dem Bären ein Entsetzen durch alle Nerven gefahren, und er hatte

sich tief ins Dickicht verkrochen. Kein Wunder, daß die großen, roten

Ochsen, trotz ihrer gefährlichen Hörner, diesem Geschöpf dienten, wenn

es weithin töten konnte, mit einem kleinen Stock und einem scharfen

Knall! Von nun an war der Bär noch eifriger dabei, den schrecklichen

Eindringling zu beobachten, Angst und Feindschaft machten ihn immer

wachsamer. Sicherlich durfte er den Menschen auch auf noch so kurze

Zeit nicht aus den Augen lassen, sonst geschah etwas nie Gehörtes und

nie Vergeßbares.

Als der Mensch jetzt zum ersten Male sein Feld bestellt, gesät und

gepflanzt hatte und seine Hütte wetterfest war, legte er sich darauf,

den Bären in einer Falle zu fangen. Der Bär aber wußte schon einiges

von diesem Plan! Unter all den unsichtbaren, neugierigen Zuschauern,

deren scheue Augen das Werk beobachteten: Eichhörnchen, Rebhühnern,

Hasen, Waschbären, Regenpfeifern, Waldmäusen, Rehen, Füchsen und Eulen,

war es der Bär, der am schärfsten beobachtete und verstand.

Die erste Falle war gebaut, mit dem Köder versehen und aufgestellt, und

der Mann war fortgegangen, um sie ihre grausame Arbeit tun zu lassen.

Da hatte der Bär sie der schärfsten Prüfung unterzogen. Obwohl er

über den Fall Trojas nie etwas gehört hatte, besaß er doch von Natur

aus jenes wichtige Stück Intelligenz, das den Männern von Troja, zu

ihrem Unglück, gefehlt zu haben scheint. So fürchtete er den Menschen,

selbst wenn er Geschenke machte. Er roch den Köder zwar, ein Stück

frischen, fetten Specks, aber nur aus angemessener Entfernung. Damit

wollte er nichts zu tun haben! Aus Großmut, nahm er an, war ein solcher

Leckerbissen nicht für den ersten Besten dort aufgehängt.

Während er in einem Dickicht aus jungen Fichten, deren scharfer Duft

seine Witterung einschläferte, saß und lauerte, kam eine langschwänzige

Wildkatze angepürscht. Sie sah den leuchtenden, weißen Köder und machte

sich rasch an den Eingang zur Todesfalle. Ihre runden, blassen Augen

leuchteten gierig, obwohl sie vor dem scharfen Menschengeruch ringsum

ängstlich die Ohren niederlegte. Klug war sie nicht, die Wildkatze.

Sie wußte wohl, daß das köstliche Stück Fleisch dem Menschen gehörte.

Aber er war doch nicht in Sicht! Sie konnte ja von weitem hören, wie

er seine dummen Ochsen anrief. Geduckt zog sie vorwärts und warf sich

mit leisem Freudeknurren über die Beute. Irgend etwas schien sich zu

bewegen. Mit entsetzten Augen sah der Bär die drei schweren Stämme,

die über dem Köder ein Dach bildeten, krachend niederfahren. Mit

ohrenzerreißendem Gedröhne, das aber aufhörte, kaum daß es begonnen,

hatten die Balken die unglückliche Wildkatze zerquetscht.

Ein rotes Eichhörnchen, das von einem nahen Ast den ganzen Vorfall

beobachtet hatte, brach in jammervolles Geschrei aus. Ein Rabe, der

sich auf schwarzen Flügeln aus den Baumwipfeln fallen ließ, setzte

sich vorsichtig auf einen der Stämme und sah mit harten, neugierigen

Augen die tote Katze an. Dabei wackelte er mit dem Kopf, als wollte er

sagen: »Ich habe mir's ja gedacht!« Er war der Meinung, alle Wildkatzen

sollten tot sein. Das war der Zustand, in dem er sie am meisten liebte.

Aber die Art, in der diese hier ihr Ende gefunden hatte, erschreckte

ihn doch und schien ihm ein Wunder.

Von diesem Tage an schien alles Werk des Menschen dem Bären eine Art

Falle -- alles mußte er mit angstvoller Wißbegier untersuchen, aber

nichts durfte er berühren!

So kam es, daß der Mensch im Laufe der Zeit eine Kuh und ein Kalb in

die Rodung bringen durfte, dann ein Schwein, dann Schafe und ein halbes

Dutzend geschäftiger Hennen, ohne daß der Bär je eine Tatze gegen sie

hob. Besonders beim Anblick der Schafe wässerte ihm das Maul, aber sie

sahen so verdächtig harmlos aus. Sicher waren sie Fallen. Wenn er eins

ergriff, würden vielleicht die Balken über ihm zusammenkrachen und ihn

so flach schlagen, wie die Wildkatze. Der Mensch nahm dies Verhalten

als Selbstverständlichkeit und dachte nicht darüber nach, daß es

Vorsicht war. Aber das Fehlschlagen aller seiner Listen machte ihn auf

die Dauer wütend, und er schwur, des Bären Pelz zu besitzen, ehe noch

ein anderer Winter ins Land zog.

Das Ende dieses Sommers brachte quälende Trockenheit. Der Südforkstrom,

der immer in wilden Stürzen dahinsaust und aus nie versiegenden Seen

im Hochgebirge gespeist wird, sank nur wenig. Im Ottanoonfluß aber

zeigten sich nackte Sandbänke und schimmernde Steinblöcke, die von

den ältesten Wäldlern im ganzen Land keiner je trocken gesehen hatte.

Mancher Waldbach verschwand gänzlich; was noch an ihn erinnerte, war

eine Kette stiller, schwarzer Tümpel unter gewaltigen Zedernwurzeln.

In den Wildseen starben die Lilien, fahl lagen sie auf stinkendem,

wurzeldurchwachsenem Morast. Der Mensch war nicht allzu erregt. Denn

kaum dreihundert Meter weit von seiner Hütte, am Ende der Schonung,

floß der Südfork, dem keine Trockenheit etwas anhaben konnte. Sein

Weizen und seine Kartoffeln waren weit genug, um durch die erste

Trockenheit nicht ganz zerstört zu werden. Und sein Vieh war mit Wasser

versorgt.

An diesem Punkt und vielleicht eine Meile stromabwärts und flußabwärts

brauste der Südfork nicht sehr wild, so daß der Mensch ihn in seinem

großen Kanoe bequem befahren und ausfischen konnte. Weiter unten wurden

die Stürze zwölf oder fünfzehn Meilen lang und fast unüberwindlich

steil, bis der tobende Strom sich endlich in einen schattigen See ergoß.

Unter einem leblosen und trockenen Himmel, in brütender Hitze,

schien der Forst qualvoll zu stöhnen und sich nach Regen zu sehnen.

Aber statt der lang ersehnten grauen und kühlen Wolken, die schwere

Sturzregen in sich trugen, kam plötzlich eine tiefe, braune Wolke,

durch die die Sonne wie ein Diskus aus glühendem Kupfer aussah. Der

balsamische Duft des Waldes verschwand, statt seiner kam ein scharfer,

böser Dunst, der die Augen quälte und den Gaumen brennen machte. Da

verschwanden die Adler, Eulen, Krähen und alle flügelstarken Vögel.

Alle die vierfüßigen Jäger der Wildnis wurden unruhig, Gefahren

umdrohten sie, die sie nicht bekämpfen und denen sie nicht entfliehen

konnten. Der große, schwarze Bär suchte, die Nase hoch gehoben, in

allen Richtungen des Kompasses die Wolken ab. Er verlor alle Angst

vor dem Menschen und seiner Arbeit, wimmernd zog er sich fünf Meilen

weit stromabwärts zu einem Tümpel, der sich im Bereich des schäumenden

Südfork gebildet hatte.

Zur gleichen Stunde lehnte sich der Mensch, der unentwegt an seinem

traurigen Kartoffelacker geschafft hatte, auf seine Hacke und sah mit

Besorgnis die veränderten Wolken an.

»Feuer!« murmelte er. »Irgendwo in der Nähe, und vielleicht gar nicht

weit! Wenn nur kein Wind kommt!«

Dann warf er die Hacke zur Seite, legte den Ochsen das Joch über und

schickte sich an, drei Tonnen voll Wasser vom Fluß zu seiner Hütte zu

bringen. Falls Funken über die Rodung fliegen, dachte er, ist es gut,

Wasser zur Hand zu haben.

Bei dieser Arbeit fühlte er sich wie gelähmt, die tote Luft und eine

dumpfe Vorahnung drückten. Als er jedoch sein Gespann am Ufer halten

ließ, sah er jenseits des Flusses ein Bild, das Leben in seine Glieder

jagte! Die Ochsen sahen es auch, sie wurden scheu, schnaubten und

zerrten an ihrem Joch. Jenseits der Baumspitzen stiegen Rauchwolken

auf, durch ihre Aeste brach da und dort eine rote Flamme, die wie eine

höllische Zunge um sich schlug.

Der Mann wurde ein Satan von Kraft. Hin und her sprang er mit seinem

Wassereimer, vom Fluß zur Tonne und zurück, brüllte furchtbar auf

die Ochsen ein, die nicht stillhalten wollten, und bald hatte er die

Tonne bis zum Rand gefüllt. Auf dem Weg zur Hütte aber konnte er

nicht hetzen, der Weg war uneben, er mußte vorsichtig fahren, sonst

verschütteten die Tonnen ihren kostbaren Inhalt. Die Ochsen aber

brauchte er nicht anzutreiben, und nach einer schwierigen Fahrt auf

dem heißen, holprigen Wege erreichte er einen abgerodeten Hügel hinter

seiner Hütte. Hier blieb er einen Augenblick wie erstarrt. Auch vom

südlichen Horizont, jenseits der Rodung, stiegen diese seltsamen

Wolken auf, auch dort leckten dünne, rote Zungen bösartig empor und

verschwanden wieder. Von beiden Seiten schloß sich das Feuer um ihn

zusammen! Erst jetzt erkannte er die gräßliche Gefahr! Wassertonnen!

Weiß Gott! ... Mit einem bitteren Lachen und einem Fluch über die

Nutzlosigkeit seiner Mühen, in Gram und Wut über den Zusammenbruch

all seiner Hoffnungen, befreite er die Ochsen aus dem Joch und rannte

den Abhang hinunter, den Rest seiner Herde loszulassen. Er gab ihnen

allen dieselbe Möglichkeit, das Leben zu retten, die er selbst hatte.

Dann riß er eine Decke und ein leichtes Felleisen von seinem Lager und

rannte zum Fluß.

Mittlerweile hatte der Bär den kleinen Teich -- Bogan nennen ihn die

Indianer -- fünf Meilen stromabwärts erreicht. Er fand ihn schon

gedrängt voll von schwimmenden, zitternden Flüchtlingen. Denn schon

war im Norden und Süden der Himmel voll Rauchwolken, die in dunklen,

rollenden Massen näher kamen, und von Baumspitze zu Baumspitze sprangen

tobende Flammen.

Unter dem Druck eines plötzlich erwachten Ostwindes trieben die beiden

Feuersbrünste zusammen. Mit furchtbarer Geschwindigkeit vereinten sie

sich über dem Fluß, der gerade an dieser Stelle einen Bogen beschrieb

und sich über eine Reihe gebrochener Felswände brodelnd südwestwärts

wandte. Aber das Brausen der Wasserfälle wurde jetzt durch einen viel

schrecklicheren Laut übertönt, das Zischen und Lodern der Feuersbrunst.

Durch die Aeste brachen gelbe, stickige Rauchwolken, von allen Seiten,

unberechenbar wohin, und warfen sich auf das Wasser, wurden dünn und

verloren sich, als hätte der sprühende Schaum sie verschluckt. Hier

und dort loderte ein einsamer Tannbaum in Flammen auf und leuchtete

wie eine riesige Notfackel, und plötzlich heulte es durch die Luft,

ratterte wie von unsichtbaren Explosionen, und schwirrende Brände,

Vorreiter der großen Feuersbrunst, loderten mit Zischen in die Flut.

An den Rändern der engen Bogan saßen die Tiere gedrängt und sahen

mit weiten, angstgequälten Augen dies flammende, fliegende, fallende

Verderben. Ein paar Wildkatzen und ein großer, grauer, kanadischer

Luchs kauerten am Ufer oder auf ausgedorrten Stümpfen und Aesten.

Als eine Lohe nahe von ihnen niederfiel, legten sie die Ohren

glatt und schauerten schreiend zurück. All ihre Leidenschaft, zu

jagen und zu töten, war von Furcht verdrängt, und sie sahen nicht

einmal die zitternden Hasen, die verzagten Eichhörnchen, die

stoisch-gleichgültigen Murmeltiere, die rings um sie zusammengedrängt

saßen. Das blutdürstige Wiesel sogar dachte einmal nicht an Mord, in

den behenden Reihen glitt es ängstlich auf und nieder. Ein roter Fuchs,

sonst ein Geselle, der jeglicher Gefahr trotzte, saß am Ende eines

gestrandeten Holzblocks und äugte in die Baumspitzen, als grübelte

er in seinem Sinn über irgendeine Kriegslist nach, mit der dieser

grauenvolle Gegner sich schlagen ließe. Die schwimmenden Tiere, Ottern,

Biber und Wasserratten, bedeckten mit ihren Köpfen die Oberfläche der

Bogan; bei allem Entsetzen vor dieser Katastrophe, der die Welt zu

unterliegen drohte, vertrauten sie dennoch ihrem alten Element, das

immer ihr Schutz gewesen. Ein schwarzer Elen-Bulle mit zwei Kühen und

ein Dutzend Stück Rotwild standen bis zum Bauch im Wasser und tauchten

von Zeit zu Zeit unter, um sich Kühlung zu verschaffen. Nur Bären waren

nicht da, außer dem großen Schwarzen selbst, denn alle Rivalen hatte er

in seiner Eifersucht längst aus der Gegend vertrieben.

Gestalten der Wildnis · 第 6 / 11 段