Ein oder zwei Stunden später pürschte sich vorsichtig der Bär wieder

heran. Erst versteckt, hatte er seine letzte Gegnerin abziehen

sehen, mit einem Ausdruck, als würde sie in diesem Forst nie wieder

erscheinen. Hocherstaunt kam er jetzt angetrottet, um eine Erklärung

für dies Wunder zu suchen. Die Erklärung war ganz nach seinem

Geschmack. Für die zerstampften Reste der Luchsin hatte er nur ein

verächtliches Grunzen, aber gesegneten Hungers machte er sich über das

herzhafte Mahl her, das ihm das Elen-Kalb bot. Glückselig saß er auf

seinen Keulen und genoß dies Fest, vielleicht mit einem Gedanken daran,

wie doch die Bären unter allen Geschöpfen der Wildnis die glücklichsten

seien. Das wäre zumindest eine kluge und richtige Betrachtung gewesen,

hätte er sie nur anstellen können, und nicht mehr als der gebührende

Dank für jene Mächte, die seine Art so großmütig bevorzugt haben.

Die kleinen Luchse in ihrem Lager, Säuglinge, die jetzt über allen

Begriff hungrig wurden und jammervoll weinten, schienen einem

langsamen und erbärmlichen Lebensende geweiht. Doch so grausam ist die

Natur nur selten. Voll Neugier, zu wissen, ob auf dem Hügel etwas Neues

passiert sei, kam der Fuchs durch die schwarzen Schatten geschlichen!

Aus dem Dickicht heraus beobachtete er den Bären bei seinem Festmahl

und begriff. Weiter durchforschte er das Hügelland und hörte das

Jammern der Kätzchen. Sich diesen Ton zu erklären, fiel ihm nicht

schwer. Noch eine kurze Erkundung, dann tauchte er in die Höhle unter.

Ein paar Schreie, die schwach aber tapfer klangen, und nun war auch

der Jammer von Hunger und Einsamkeit verklungen. Der Fuchs war viel zu

sachlich, um mit seinen Opfern zu spielen und sie zu quälen, wie irgend

ein Katzentier es getan hätte. Er tat sie auf einmal ab und schickte

sich schleunigst an, sie in seinen Bau zu schleppen. Denn obgleich er

selbst einen tüchtigen Imbiß wohl brauchen konnte, dachte er zuerst an

sein Weibchen und seine Kinder, denen er mit ganzem Herzen ergeben war.

Jetzt, da die schreckliche Luchs-Mutter den Hügel nicht länger

beherrschte, fing das kleinere Waldvolk wieder an ihn mit Vorsicht zu

besuchen. In der Nachbarschaft des verlassenen Lagers hielten sie sich

freilich nicht gerne auf, denn die Höhle im Gipfel konnte leicht einen

neuen, gefährlichen Mieter finden. Von den beiden Körpern am Fuße des

Felsens waren bald nur noch ein paar sauber und weiß geputzte Knochen

übrig, dann verödete der Ort. Ein paar wilde Hühner und Spechte wurden

seine einzigen Besucher.

So endete der Sommer. Als die Ahorn-Aeste sich langsam in herbstliches

Gelb kleideten, erschienen wieder ein paar Kaninchen, einzeln und in

Paaren, ein furchtsames, auseinander gestreutes Volk. Sie ließen sich

nieder, und da die Zahl ihrer Feinde geringer geworden, vermehrten sie

sich mit erstaunlicher Schnelligkeit, als wäre es ihr einziges Ziel,

die Erde zu bevölkern. Bald horchten ihre langen Ohren, äugten ihre

scharfen Augen wieder durchs Dickicht, empfindliche Nüstern witterten

jeden Windhauch, und flockige, weiße Spiegel hoppelten aus dem goldigen

Farrenkraut. Zwar liebten die Kaninchen den Zedernwald mit seinem

feuchten und schwarzen Moos, seinen halb versteckten Teichen nicht,

aber ein paar besonders abenteuerfrohe Gesellen unter ihnen streiften

überall hin.

An einem frischen Oktobermorgen, als die Birkenbäume schon ganz in Gold

getaucht zwischen den grauen Felsen des Hügels standen, streifte ein

tapferer Kaninchen-Rammler am Fuße des Hügels hin und stöberte jenes

Häuflein weißer Knochen auf. Erst erschrak er gewaltig und suchte

mit großen Sätzen Zuflucht im Dickicht. Aber da die Knochen keine

feindliche Haltung einnahmen, fühlte er sich bald beruhigt. Als er

sie lange genug angestarrt hatte, kam er zur Ueberzeugung, sie seien

harmlos. Mit verständnisloser Neugier umsprang er sie, dann ließ er

sich wie ein Wachtposten auf dem Spiegel nieder, die langen Ohren in

närrischer Wachsamkeit gespitzt. Nichts wäre ihm weniger in den Sinn

gekommen, als die Tatsache, daß er und die Seinen verantwortlich waren

für dieses Häuflein bleichender Gebeine.

Unter gespenstischen Lichtern

In jene ungeheure Tiefe drang nie ein Strahl von Licht, sie lag eine

halbe Meile unter der wild gepeitschten grünpurpurnen Fläche des Ozeans

und ihren milchweißen Schaumkämmen. Die seltsamen Bewohner dieser

Tiefen konnten nicht bis zu den sonnenbestrahlten Flächen emporsteigen,

durften nie erfahren, wie es dort oben war. Sie waren für gewaltigen

Druck gebaut, unter dem sie geboren waren -- bei einer Reise zum Licht

wäre ihr Gerüst zerstört, wären ihre Eingeweide nach außen gedreht,

ihre Augen aus den Höhlen gerissen worden, und die zerbrechlichen

Gewebe ihres Körpers hätten zerfallen müssen. So lebten sie ihre Jahre

hin, ohne zu wissen oder zu ahnen, was Sonne ist, in einer Ruhe, die

auch der wildeste Orkan nicht stören konnte.

Und doch waren diese Tiefen nicht in völlige und ewige Dunkelheit

versenkt. Dann und wann verbreitete ein Schwarm zarter Infusorien vom

Stamm jener Lebewesen, die nachts an der Oberfläche der See leuchten,

ein Fleckchen nebelhaften Schimmers. Dann und wann kam ein blasser,

trügerischer Schein, der immer wieder verlosch und wie ein Atemzug

neu auflebte, von den weithin gebreiteten Büschen jener seltsamen

pflanzenähnlichen Geschöpfe, die man Seelilien nennt. Und aus dem

weiten Beben des tangbestreuten Meeresgrundes stieg ein seltsam

phosphoreszierendes Leuchten auf, das die Dunkelheit bekämpfte. So

herrschte für Augen, die empfindlich genug waren, diese leichten

Bewegungen wahrzunehmen, etwas wie gespenstisches Zwielicht, das sich

zumindest in Lichtflecken über das Bett der Tiefsee hinzog.

Neben diesem unruhigen Schimmer, der stets an seiner eigenen Schwäche

hinzusterben schien, tauchte ab und zu ein Schwarm von Glühwürmern auf,

die unter irgend einem Riff oder einem Busch von Lilien erstrahlten,

um Sekunden später wieder zu verlöschen. Oft auch entflammten ein

paar bescheidene Lämpchen in blauen oder violetten Farben, die sich

in sanfter Bewegung rechts und links neigten, als ob ein unsichtbarer

Träger das grausige Dunkel mit ihnen absuchte. Auf beiden Seiten

dieses unkenntlichen Geschöpfs schimmerten blasse, lichte Büschel,

helle Augen leuchteten auf, wurden größer und verschwanden. Manchmal

bewegte sich durch das Dunkel etwas wie ein anderes Wesen, gleichsam

das Gespenst eines Lichts; zwei lichte Büschel wehten von seiner Nase,

seine Flossen schimmerten wie durchsichtige Nebel, und auf jeder Seite

trug es eine doppelte Reihe sanft glühender Punkte. Oft folgte ihm eine

größere Gestalt, geisterblaß, der Kopf gewaltig groß und lang, der

Körper bebend und stürzte sich wie zur Flucht ins Gewirr der Seelilien.

Gespenstische Lichter hasteten immer, in irgendwie phantastischer Form

durch das lautlose Dunkel. Ueber einem Ding, das wie ein riesiger

flacher Stein aussah, schwebte, zwei Fuß hoch, ein Büschel violetter

Flammen, gleichsam eine Aureole zartleuchtender Gewebe, die wie Flaum

aus einem Keim schwachen Lichts erwuchsen. Diese leuchtende Blüte

hing, das verriet ihre duftige Durchsichtigkeit, an der Spitze eines

dünnen Rohrs, das leise schwankte, obwohl in dem umgebenden Wasser

keine Bewegung war. Diese Stütze aus Rohr schien aus einem flachen

Felsstück zu wachsen, dessen schwärzliche Ränder im bewegten Schatten

des Schlammes ringsum verschwanden. Die schöne kleine Flamme zitterte

manchmal, manchmal zerrte sie an ihrer Stütze, manchmal verblaßte sie

bis zur Unsichtbarkeit, um dann wieder in hellerem Glanz aufzustrahlen,

im ganzen hatte sie eine Lebhaftigkeit, für die sich kein Anlaß zeigte.

Plötzlich erspähte einer der gespenstigen Fischkörper mit doppelter

Linie glühwurmartiger Punkte auf den Seiten und riesigen weißlichen

Augen die zitternde Flamme und nahm Richtung, sie zu erforschen.

Der Besucher war klein, kaum einen Fuß lang und schien deswegen mit

einiger Bescheidenheit aufzutreten. Doch als er näherkam, glaubte

er, dies kleine violette Licht sei etwas, das man nicht nur mit

Behagen essen, sondern auch ohne Gefahr in Besitz nehmen könnte. Er

beeilte sich, daß nicht irgend ein hungriger Wanderer ihm zuvorkäme.

Abgesehen von seiner seltsamen Beleuchtung machte er den Eindruck eines

gewöhnlichen Fischleins aus höher gelegenen Wassern. Aber im Sturm auf

das Flammenbüschel tat er einen erschreckend weiten Rachen auf, einen

Rachen, aufgerissen bis zum Scheitel seines langen Kopfes!

Die kleine Flamme entwischte zur Seite und beugte sich zierlich zum

Grund, als hätte sie Augen und wollte dem Angriff geschickt ausweichen.

Gleich darauf geschah etwas Entsetzliches. Der flache, schwarze Block,

der die Flamme getragen hatte, klaffte auf. Es tat sich eine Höhle auf,

mit langen Zähnen bewehrt, die alle nach innen strebten. Der tollkühne

Gespensterfisch war gefangen. Mit Schnappen schloß die Höhle sich;

rechts und links schimmerten, wo sie gewesen war, zwei blasse, kalte

Totenaugen. Ihr Phosphoreszieren dauerte nur eine Sekunde oder zwei,

dann schien der schwarze Stein wieder eine leblose Platte wie zuvor,

an der Augen wie dumpfe Warzen saßen. Und wieder stieg das violette

Flämmchen sanft empor, zitterte und bewegte sich grundlos wie zuvor.

Plötzlich aber ging die Flamme aus, verlöschte ganz. Eine Reihe harter

Stöße hatte die Wasser durchzuckt. Auch alle die anderen Lichtchen

in der Nachbarschaft verlöschten plötzlich, die Glühwurmbüschel, die

flimmernden Punkte und Sterne, die suchenden Augen und gespenstigen

Lichtbüschel, ja selbst das bläßliche Leuchten der unerschütterlichen

Seelilien war nicht mehr. Nichts war mehr zu sehen als die Nebelflecken

der Infusorien und trügerischer Schein über dem Schlammbett. Irgendwo

im Dunkel, viel zu weit, um sichtbar zu sein, aber nahe genug, sich

schrecklich fühlbar zu machen, tobte eine Schlacht von Giganten.

Für all die kleineren Wesen der Unterwelt hieß das »Licht aus und

nicht gerührt!« Selbst jener große Steinblock von Kreatur, der doch

sieben oder acht Fuß lang war und gut zwei Fuß breit -- dort wo

sein Höllenmund sich geöffnet hatte, wünschte die Aufmerksamkeit

dieser Kämpfer nicht auf sich zu lenken. Er hielt seinen zarten,

violett schimmernden Köder gut versteckt und freute sich, unter allen

Steinblöcken auf dem Meeresgrund am wenigsten beachtet zu sein.

Allmählich verschwand die Unruhe, wieder lag das Wasser in schwerer

Ruhe. Als erste Tiefseebewohner, die Vertrauen faßten, suchten die

Seelilien das Dunkel, das eine unwiderstehliche Lockung für alle Arten

zartlebender Organismen war, die ihr zuschwammen oder zuwehten, um von

den fleischgierigen, immer hungrigen Blumen verschlungen zu werden.

Bald ließen auch andere vorsichtige Geschöpfe ihr Geisterlicht wieder

ausstrahlen, nahmen ihr Schweifen, Schwimmen und Krabbeln wieder

auf, -- Fische, Krebse, Seesterne, Krabben, mächtige Seeigel und

purpurschwarze Rochen. Zu allerletzt schwenkte der riesige Wegelagerer,

der Tiefseeräuber, seine liebliche violett schimmernde Todeslampe

wieder über dem geheimen Abgrund seines Rachens.

Die Geistertiefe war keineswegs verlassen, wenigstens nicht in dieser

Region. Geheimnisvoll geschäftiges, fast unsichtbares Leben schwärmte

überall, jagte und wurde gejagt; aber ein paar Augenblicke lang kam dem

schwebenden Köder nichts mehr nahe. Das Ungeheuer verlor die Geduld.

Sein Hunger wuchs, es lebte doch nur, ihn zu befriedigen! Aber da es

bei aller Kraft keine Schnelle besaß, die Beute zu verfolgen, konnte

es nichts tun, als warten, immer tiefer in dem Schlamm versinken, der

sein Versteck sicher machte. Sein einziger Ausdruck von Ungeduld war

gesteigertes Wiegen und Beben des violetten Flämmchens am schlanken

Rohr.

Ganz unerwartet wurde solcher Eifer belohnt. Das Licht erregte die

Aufmerksamkeit einer drollig aussehenden krabbenartigen Kreatur,

deren kleiner, runder, rosenfarbiger Körper sich auf unendlich langen

Stengeln von Beinen bewegte. Seine Freßpartie war fast so groß wie

sein Körper, und vom Kopf hingen zwei peitschenähnliche Antennen oder

Fühler, die in ihrer Endlosigkeit fast noch lächerlicher waren als

die Beine. In seinen Fühlern mochte irgend ein geheimnisvolles Organ,

die Umgebung wahrzunehmen, verborgen sein, denn das Tier bemerkte

das zitternde Violett der Flamme. Wo seine Augen hingehörten, da

waren nur zwei schwarze Punkte, eine Art Nagelköpfe und dürftige

Andeutung dessen, was bei einem seiner Tiefseevorväter Augen

gewesen sein mochten. Dennoch, wie immer es geschehen sein mochte,

die Storchenkrabbe hatte den Köder wahrgenommen. Tolpatschig, aber

mit großer Geschwindigkeit pürschte sie sich heran, ihre mächtigen

Kinnbacken arbeiteten gierig.

Ein anderer Landstreicher hatte das lockende Violett gleichzeitig

wahrgenommen! Ein riesiger Purpurkrebs, stark wie eine Languste,

schwamm vom Rücken heran. Der konnte freilich sehen, denn er trug

ein Paar ausschweifend großer Augen und jedes dieser Augen hatte ein

breites weißes Licht, strahlend wie eine Automobillampe. Er sah nicht

nur den Köder, sondern auch den langbeinigen Rivalen, der sich von

der Seite heranpürschte, und in eifersüchtiger Hast schoß er auf die

Beute. Beide kamen gleichzeitig an, das Flämmchen gab sein Winken auf

und sank. Beide verfolgten es, krachten aneinander und verschwanden in

einer schwarzen Höhle, die ihnen jählings entgegenklaffte. Die Höhle

tat nur einen saugenden Laut, dann schloß sie sich mit Schnappen. Für

Sekunden erwachten die fahlen Augen an ihrer Seite, glühten im satten

Grün und verloschen abermals. Dann wieder hob die violette Flamme sich

lockend über schlammigem Grund. -- -- --

Der nächste Passant sah so stattlich aus, daß man glauben mußte,

der Wegelagerer würde sich erschreckt vor ihm in Schatten hüllen.

Es war ein gewaltiger Tintenruderfisch, gut achtzehn Fuß lang, mit

zwei langen, dünnen Floßfühlern, die wie ein Paar Ruder von den

Seiten seines Kopfes weg schwenkten. Für seine Größe war der Körper

außerordentlich schlank, kaum einen Fuß im Durchmesser, er trug eine

Rückenflosse, die vom Schwanz bis zum Ende des Kopfes reichte. Auf dem

Kopf aber krönten diese Flosse ein paar schwere Stacheln, wohl zwei Fuß

lang, die drohend über der Schnauze des Besitzers wachten. Der Körper

war silbrig, in einer Art Kleid, das mattgrün phosphoreszierte.

Gleichgültig schwamm der Ruderfisch das zitternde lila Lämpchen an,

das, so bedrohlich er aussah, sein Kommen kühn erwartete. Als er

herankam, tat er ein schmales, nicht sehr gefährliches Maul auf,

natürlich verschwand das Licht. Die Höhle darunter öffnete sich,

schlürfte empor und schloß sich hinter den Kiemen des Ruderfisches.

Minutenlang peitschte der lange Schwanz verzweifelt das Wasser,

daß alle Lichter rings vor Schreck erloschen. Aber in der Gewalt

dieses schrecklichen Rachens, dieser langen, reißenden Fänge, war

der Tintenfisch hilflos trotz aller Kraft und Größe. Rasch wurde er

reinlich in zwei Hälften zerbissen, der Kopf mit seinen Schutzstacheln

rollte zur Seite. Die breite, nicht gerade einnehmende Gestalt des

Räubers schwang sich aus dem Schlamm empor, schnappte gierig nach dem

zitternden Körper, riß ein Stück von zwei Fuß Länge ab und verschlang

es mühelos. Sein Magen schwoll und schwoll, aber er hielt das Festmahl

durch, bis nur mehr ein zwei oder drei Fuß langes Stück Schwanzende

an das Opfer erinnerte. Dann sank er auf sein Lager zurück, paddelte

mit den Flossen, bis sein geschwollener Körper wieder ganz im Schlamm

vergraben war und fuhr fort, das Riesenmahl zu verarbeiten. Da für den

Augenblick kein Nahrungsbedürfnis bestand, wurde die violette Lampe

eingezogen.

Sobald der Tumult sich gelegt hatte und die gespenstischen Lichter

wieder erschienen waren, lief auf irgendwelchem seltsamen Weg das

Gerücht um, neben dem großen Stein würde ein Festmahl gehalten. Nach

wenigen Minuten schon wurden die beiden Ueberbleibsel des toten

Ruderfisches, sein Schwanz und sein bewehrtes Haupt der Mittelpunkt von

gierigem Leben und scharfen Kämpfen, über die in seltsamer Verwirrung

Lichter spielten. Der blutrote Tiefseekrahfisch, gewaltige Krabben,

Fische, die nur aus Kopf, Rachen und langen, peitschenähnlichen

Schwänzen bestanden, Fische, die nur Magen und Därme waren, Fische mit

Papageienschnäbeln, Geschöpfe ohne Augen, aber mit langen tastenden

Antennen ausgerüstet, Fische, deren riesige, starrende Augen in gar

keinem Verhältnis zu ihrem übrigen Körper standen, rissen Bündel von

den beiden widerstandslosen Fetzen Fleisch oder fielen sich gegenseitig

an, -- wie ihr Geschmack sie reizte. Ihre Lichter spielten ineinander

und verwoben sich, bis jedes Stück des Opfers eine Masse aus pulsendem

Dämmerlicht schien.

Da jeder dieser rasenden Genießer von kleiner Figur war -- die größte

der Fischgestalten maß nicht mehr als einen Fuß Länge -- herrschte

während der ersten Zeit unter den Festgenossen keinerlei Mangel. Dann

aber kamen drei seltsam blickende Fremdlinge angesegelt, zu sehen,

was los war. Schwarze Fische mit kurzen Leibern, etwa zwei Fuß lang,

mit schleppenden, traurigen Säcken am Bauch. Ohne Eile schwammen sie

herbei, überblickten die Sachlage, öffneten ihre Mäuler. So weit waren

diese Mäuler, daß der eigene Körper des Fisches bis zum Schwanz darin

Platz gehabt hätte. Neben diesen gähnenden Fallen wurden ihre Träger

selbst beinahe zierlich.

Ohne Gier begannen die Besucher sich zu nähren, nicht vom

Aufgetragenen, sondern von ihren Festgenossen. Sie schlürften ein

wenig und verschlangen mühelos die ganz in Anspruch genommenen Esser.

War man einmal in diesem Rachen, dann gab es nur noch einen Weg, denn

die Kinnbacken waren mit langen, scharfen Zähnen besetzt, die alle

hineinführten in die fassungskräftige und glitschige Gurgel. Fische,

Garnelen, Krabben, sie alle wurden unparteiisch aber energisch in diese

breiten elastischen Mägen gepumpt, in denen sie zu Paketen gequetscht

liegen blieben, bis die Säure mächtig einsetzender Verdauung ihnen die

letzte Ruhe gab.

Nach ein paar Minuten hing unter jedem der drei Fremdlinge ein

Bauch, der größer war, als sein gesamter übriger Organismus. Dann

segelten sie gewichtig und nachdenklich von dannen, das Versteck eines

Tiefsee-Anemonen-Dickichts zu suchen, in dessen Schutz sie friedlich

verdauen konnten. Die unbeschädigten Festteilnehmer aber setzten ihr

Bankett fort, als hätte sie nichts gestört.

Verdauung ist für die Bäuche dieser Tiefseebewohner ein Prozeß, der mit

erstaunlicher Schnelligkeit vor sich geht. Schon nach einer oder zwei

Stunden hatte der Körper des überfüllten Wegelagerers seine normale

Gestalt annähernd wiedergewonnen, sofort auch erwachte sein Hunger von

neuem, sah man wieder sein lockendes, violettes Flämmchen über der

Schlammplatte funkeln und tanzen.

Diesmal hatte er nicht lange zu warten, denn der Erfolg des

vorangegangenen Gelages machte die sonst einsame Stätte zu einem

Treffpunkt der Tiefseewelt. Eine unglaublich monströse, phantastisch

formlose Gestalt kam langsam an. Mit großen, leeren Augen sah sie den

Köder, machte sich langsam auf, ihn zu verschlingen. Der Neuankömmling,

der sich in grünsilbriger Beleuchtung nur schattenhaft kundgab, sah

aus wie eine Art Doppeldecker. Bei einer Länge von etwa fünf Fuß

erinnerten Kopf und Hinterkörper an einen ungewöhnlich fetten und

großmäuligen Aal. Tatsächlich war er eine seltsam entstellte Abart

der Aalfamilie. Was ihn vom Familientyp abweichen ließ, war sein

Bauch, der ausgewalzt schien, an den Randflossen fast durchsichtig,

und der ungefähr wie ein lenkbares Luftschiff zigarrenförmig unter

seinem Körper hing. In dieses amüsante Gepäckstück von Bauch war ein

starker, schwärzlicher Fisch, von nicht weniger als zwei Fuß Länge

hineingepackt, zusammen mit einer Masse zinnoberroter kleiner Seekrebse.

Selbst mit so außerordentlichem Proviant war die seltsame Kreatur noch

wohl bei Appetit, vielleicht hielt sie das hübsche, violette Lämpchen

für einen pikanten Nachtisch. Sie riß den Rachen auf und schoß herbei.

Mit der unteren Kinnlade berührte sie schon beinahe das glühende Ding,

indes sie sich leicht zur Seite warf, dabei aber hatte der pendelnde

Zylinder ihres Magens den Felsblock im Schlamm beinahe berührt. Es

öffnete sich der Felsblock und nahm gemächlich beides zugleich auf:

den Bauch selbst und seine halbverdaute Beute. Dann schloß sich der

felsähnliche Rachen, mit krampfhaftem Schwanzschlagen machte sich der

Schwimmer davon, von Gestalt nun etwa einem gewöhnlichen Aal gleichend.

Minutenlang drehte er sich in wahnsinnigen Kreisen, dachte nicht mehr

an Feind noch Beute, für die er ja keine Verwendung mehr hatte. Dann,

mit seinem Bauch jeden Lebensinhalts beraubt, legte er sich zur Seite

und sank auf den Meeresgrund. Ehe er noch ausgezuckt hatte, war er

schon zum Fraß einer Kolonie winzig kleiner, zitronengelber, augenloser

Krabben geworden.

Die gelben Krabben hätten in kaum fünf Minuten eine bunte und

zahlreiche Auswahl ungeladener Gäste bei ihrem Bankett gesehen, hätte

nicht ein seltsames Etwas nun alle Aufmerksamkeit in etwas höhere

Wasserschichten gezogen. Unmittelbar über ihren Köpfen erschien eine

massige Gestalt, die im Niedergehen immer größer und glänzender wurde.

Als sie näherkam, erwies sie sich als blaßgrünlicher Körper, mit langen

Reihen und Bündeln aus weißem, gelbem, blauem und violettem Licht

übersät! Der verwandelte sich in eine strudelnde Masse wildkämpfenden

Lebens. Endlich ließ er sich langsam auf die Seelilien nieder und war

nun das fast nackte Skelett eines Walfisches, innen und außen von jeder

Species Tiefseeschmarotzer überschwemmt. Kein Wunder, daß unter solchen

Umständen die zitronengelben Krabben ihren Raub in Ruhe verzehren

durften.

Der Walfisch war an der Oberfläche von Fischern harpuniert, abgetrant

und weggeworfen worden. Als das blutende Stück Aas versank, hatten

sich zuerst Scharen von Haien gierig daraufgeworfen, sein Fleisch in

großen, dreieckigen Stücken vom Skelett gerissen. In einer Tiefe,

in der Haie den Druck des Wassers nicht länger ertragen können, war

das riesige Skelett schon beinahe kahl. Den Haien folgten in immer

größerer Zahl Scharen hungriger Tiefseebewohner, von jeder Familie

und Art, schreckliche, 12 bis 15 Fuß lange, lanzenähnliche Geschöpfe,

deren bewaffnete Kinnladen dem gewaltigsten Hai Respekt einflößen,

kleine, schwarze, taschenähnliche Fische, die nicht größer sind, als

eine Menschenhand, die nur aus Magen und Rachen bestehen, die aber

keine Schwimmkraft haben, um die saftigen, Fleischstücke an sich zu

reißen, in die sie die bissigen Zähne versenken. Während das mächtige

Knochengerüst im größeren Wasserdruck immer langsamer niedersank,

retteten die kleineren Geschöpfe sich so weit wie möglich in sein

Inneres, um vor den größeren und gierigeren Tafelgenossen sicher zu

sein. Aber innerhalb wie außerhalb des Skeletts war dieses Mahl ein

unaufhörlicher und unbarmherzig geführter Krieg, denn großzügig und

unparteiisch fraßen die Gäste einander auf.

Sobald das Skelett in seinem zitternden Glanz in das Bett von Seelilien

gesunken war, eilten meilenweit alle Kriechtiere herbei, die meisten

ohne Augen, aber mit langen Antennen von wundervoller Empfindlichkeit,

und jedes wollte seinen Teil erobern. Jetzt strahlte das riesige Aas

von Licht und Funken.

Nach kaum einer Stunde waren die Knochen so sauber, daß nur jenen

Kreaturen etwas blieb, die am Kopf Bohrer tragen und imstande sind,

aus dem festen Knochenbau Säfte zu saugen. Und dann war die Schar der

Gäste wieder verschwunden: teils von ihren Feinden verschlungen, teils

beschäftigt, andere zu verschlingen. Von den mächtigen Rippen und aus

dem porösen Rückgrat des Skeletts schwanden die Lichter.

Gestalten der Wildnis · 第 5 / 11 段