Eingang, gerade dort, wo die geneigte Fläche aus Schiefergestein,
die einen Ausläufer des Blauberges bildet, plötzlich abbricht und
einen tiefen Hohlweg überschattet. Dort, etwa fünfzehn Fuß unter dem
Schiefer-Vordach lief ein halb zerborstenes Riff, das zum Eingang der
Höhle führte. Auf diesen Eingang fiel jetzt ganz unbewölkt das Licht
des Mondes und tauchte die Spitzen der Tannen im Tal darunter in
schneeiges Weiß.
Es war zweifellos eine gefährliche Sackgasse, ohne Hintertür zum
Entweichen, aber Ismael zögerte nicht. Er wußte, daß die alte Bärin
weit fort war, in dem Dickicht auf der anderen Seite des Felsens,
und ihr gestohlenes Mahl verzehrte. So glitt er an dem Schieferdach
hin, einen Augenblick lang stand sein dunkler, biegsamer Schatten
verräterisch im Licht. Dann schlüpfte er in die Höhle. Die beiden
schwarzen, glänzenden Bärenjungen, die vielleicht die Größe einer
Hauskatze hatten, fingen gerade an, hungrig zu werden. Im Hintergrund
der Höhle zusammengekauert, wimmerten sie sich gegenseitig an, ihre
kleinen, spitzen Ohren mühten sich ab, die schlürfenden Fußtritte der
heimkehrenden Mutter zu hören. Ihre hellen, schalkhaften, kleinen
Augen hingen sehnsüchtig an dem Flecken von Licht, der den Eingang zu
ihrer Behausung füllte. Plötzlich sahen sie nicht die große Gestalt
ihrer Mutter, hinter der alles Licht verschwand, sondern einen kleinen
flinken Schatten, der mit zierlichem Sprung hereinkam. Und da wußten
sie, daß dies springende Geschöpf ein Todfeind war, daß es sie deshalb
mit so grausam gierigen Augen anstarrte, und beide erhoben sie ein
schrilles, jammervolles Hilfegeschrei.
Wie es unter so persönlich gearteten, so hoch entwickelten Tieren wie
den Bären oft vorkommt, waren die beiden Jungen in ihrem Temperament
ganz verschieden. Eins von ihnen stellte sich tapfer der Gefahr, sein
weiches Pfötchen fuhr zum Schlag empor, und die dünnen, schwarzen
Ränder seiner Lippen fletschten sich mutig über den dünnen Zähnen. Das
andere erstarrte im Blick der nahen, drohenden Augen, es zitterte bang
und verlor alle Kraft, sich zu bewegen.
Dies unglückliche kleine Geschöpf war es, auf das Ismaels Auge zuerst
fiel. Mit einem Sprung saß er an seiner Kehle, drehte es auf den Rücken
und begann wild, das Blut zu saugen. In diesem Mord war die Wollust
befriedigter Rache, und darüber vergaß Ismael alle Vorsicht.
Eine Sekunde später wurde Ismael durch ein schwaches Kratzen und Nagen
an seinem Hinterbein gestört. Das andere Bärenjunge, von jenem Schlag,
der die Gefahr nicht abwägt, war seinem kleinen Bettgenossen tapfer zu
Hilfe gekommen. Mit triefenden Backen und furchtbarem Knurren sprang
Ismael zur Seite, um sich auf den machtlosen Angreifer zu werfen.
Im selben Augenblick aber fingen seine Ohren das Schleichen rascher
Schritte draußen in dem Felsen. Mit einer blitzschnellen Bewegung, als
wäre sein Körper ganz aus stählernen Federn, kam er bis zum Eingang zur
Höhle. Dort aber erreichte ihn auch die Bärenmutter, atemlos vor Hast.
Kaum beim Mahl, war plötzlich instinktive Angst über sie gekommen, sie
hatte diese Angst nicht abschütteln können -- jetzt war sie da! Ihre
furchtbare Tatze traf Ismael mit aller Wucht ins Gesicht, trieb ihm
den Kopf zwischen die Schultern und klebte ihn an den Felsen. Dann
traf die andere Tatze, wie ein Rammklotz, auf seine schlanken Lenden.
Aber selbst in Todesnot arbeiteten seine Zähne noch, schnappte er wild
und furchtbar um sich. Freilich, in ein oder zwei Sekunden war alles
vorbei, lag er ohne Atem, eine formlose Masse aus Blut und Pelz, zu
Füßen der Siegerin.
Die alte Bärin nahm Abstand und warf noch einen langen Blick auf
den Kadaver, dann hastete sie wimmernd vor Angst in ihr Lager. Das
unverletzte Junge kam ihr entgegen gekrabbelt. Mit hastigem Lecken und
Beschnüffeln überzeugte sie sich, daß ihm nichts fehlte, dann wandte
sie sich zu dem toten. Heulend beroch sie es, liebkoste es mit ihrer
Zunge, bewegte es zärtlich mit der Tatze. Vielleicht eine volle Minute
dauerte es, bis sie ganz begriffen hatte, daß es tot war. Als sie an
der Wahrheit nicht länger zweifeln konnte, hörte sie auf zu jammern.
Mit dem starren kleinen Leichnam im Maul verließ sie die Höhle und
legte ihn sorgsam auf eine steil abfallende Felsecke. Als hätte sie ihm
eine Art Beerdigung zugedacht, ließ sie den Körper langsam den Felsen
hinabgleiten. Er fiel schneller und schneller, überschlug sich und
blieb endlich in den Zweigen einer alten Pechtanne hängen, die, wohl
fünfzig Fuß tiefer, gleichsam gewartet hatte, ihn aufzunehmen.
Die Mutter gönnte sich nicht die Zeit, diesen Fall zu beobachten.
Heftig wandte sie sich um und warf sich noch einmal auf die Ueberreste
Ismaels. Da schlug und bearbeitete sie diese mit ihren Tatzen, bis
sie an kein Geschöpf mehr erinnerten, das je die Wildnis durchstreift
hatte. Sie dachte nicht daran, sein widerwärtiges, zähes Fleisch zu
verzehren -- sie war wählerisch im Essen, liebte Honig und Früchte
und reine Nahrung. Als sie an dem Kadaver ihre ganze Wut ausgetobt
hatte, schleuderte sie ihn rechts über die Felsnase, dann zog sie sich
in die Höhle zurück, um das Kleine zu säugen, das ihr geblieben war.
Was von Ismael übrig geblieben war, fiel in einen Hohlweg hinab, der
viel begangen war. Dort balgten sich vielleicht um sein Fleisch ein
paar neidische alte Füchse oder Wildkatzen, vielleicht bot er -- noch
unrühmlicher -- ein lang ausgedehntes Fest für aasfressende Käfer und
Schmeißfliegen.
Ein Jahr ohne Kaninchen
Es war das Hungerjahr -- für alle fleischfressende Kreatur der
nördlichen Wildnis ein Jahr voll nie unterbrochenen Lauerns, hellster
Wachsamkeit, ungeahnt heftiger Fehde. In diesem Jahre brach jede
Schonung, jeglicher Vertrag.
Denn es war das Jahr ohne Kaninchen! Was kaum einmal in Jahrzehnten
vorkommt, ihre schwärmenden Rudel waren auf rätselhafte Art
verschwunden, als hätte eine Pestilenz sie ausgerottet oder als hätte
eine Laune unbekannter Mächte sie ins Exil verstoßen. Seitdem herrschte
Anarchie in der Wildnis, denn das Kaninchen ist dort die letzte
Auskunft, der große Erhalter des Friedens. Das Kaninchen ist es, das
unter den gefährlich selbständigen und unleitbaren Jägern und Räubern
dem Leben eine gewisse Gleichmäßigkeit gibt. Auf seine unerschöpfliche
Fruchtbarkeit, auf den Vorrat an Nahrung, den es mit der Legion seiner
lebendigen Körper bietet, sind alle anderen Leben angewiesen. Die
leichte Jagd auf Kaninchen befriedigt den Blutdurst der Raubtiere. Dank
dieser mühelosen Jagd können die Raubtiere des Waldes sich nutzlose
Kämpfe ersparen, und indem sie eins das Leben der anderen schonen,
vermeiden sie Gefahren und unnützes Blutvergießen. Denn, mit Ausnahme
mancher Männchen in der Brunstzeit, suchen nur wenige Raubtiere den
Kampf um des Kampfes willen. Mit einem Gegner von annähernd gleicher
Tüchtigkeit lassen sie sich nur dann ein, wenn es die Verteidigung
ihrer Jungen gilt. Ein zu kostspieliger Sieg ist ja meist so schlimm
wie eine Niederlage. Er schwächt auch den Sieger, daß er dem nächsten
Feind, den der Zufall über seinen Weg führt, zur leichten Beute wird.
Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, wenn man unter den
größeren Tieren manchmal so etwas wie Waffenstillstand beobachten
kann, soweit er die hilflosen Jungen angeht. Es handelt sich da nicht
um Wohlwollen, es ist einzig und allein die Frage kühler Ueberlegung.
Werden aber ihre Jungen bedroht, dann sind selbst die Schwachen
gefährlich, die Starken von unversöhnlichem Rachedurst. Im allgemeinen
gilt deshalb unter gleich Starken das Beschleichen von Brutplätzen
nicht als gute Jagd. Die Gefahr ist zu groß für den Gewinn. Als jedoch
die Kaninchen verschwunden waren, hatte sich alles geändert. Da wurde
jede Jagd gute Jagd.
Man kann sich schwer vorstellen, daß diese kleinen, huschenden,
schlau-äugigen Tierchen im Haushalt der Wildnis eine so bedeutsame
Rolle spielen. Dennoch war kein Tier so stark oder hochmütig, daß
es bei ihrem Verschwinden gleichgültig geblieben wäre. Der Mensch
sogar wurde davon betroffen; denn jetzt kamen die Füchse und die
Wildkatzen seiner Siedlung nahe, pürschten sich an die Hühnerhöfe und
die Weideplätze abgelegener Farmen. Auch die großen Pflanzenfresser,
Hirsche, das Renntier und sogar das gewaltige Elen wurden von der
plötzlich einreißenden Anarchie ergriffen. Jetzt mußten Elen und
Renntier ihre Jungen mit einer Wachsamkeit behüten, wie nie zuvor. Die
schwächeren Tiere aber bekamen Feinde, die sie bisher kaum beachtet
hatten, die aber grausam gefährlich wurden.
Von allen Bewohnern der Wildnis war der Bär am wenigsten betroffen. Er
hatte nie mehr als einen gleichgültigen Seitenblick für ein so geringes
Wesen wie das Kaninchen gehabt, und solange er im Forst Wurzeln,
Früchte und Schwämme, Maden und Käfer, Ameisen und Honig fand, spielte
Fleischnahrung für ihn kaum eine Rolle. Wurde aber einmal der Hunger
auf Fleisch mächtig in ihm, dann liebte er große Jagd auf Rehe, Schafe
oder eine verlaufene Färse. Aber trotz all ihrer Unabhängigkeit mußten
selbst die Bären auf das Verschwinden des Kaninchens Rücksicht nehmen.
Sie bekamen Furcht, sich allzu weit von ihrem Lager zu entfernen, denn
in ihrer Abwesenheit konnte ein besonders kühner Fuchs oder Luchs oder
Fischer eindringen und die Jungen töten.
Die Luchse waren es andererseits, die am meisten zu leiden hatten. Sie
und die Wiesel waren die eifrigsten Kaninchenjäger, dem Luchs aber
fehlte die Anpassungsfähigkeit des Wiesels. Der Luchs geht seinen
von Alters her bestimmten Weg; obwohl er viel wilder und auch viel
kampftüchtiger ist als sein kleiner Vetter, die Wildkatze, ist er doch
dem Menschen und all seinem Beginnen gegenüber besonders scheu. Statt
mit Fuchs und Wildkatze die Bauernhöfe zu umschleichen, blieb der
Luchs, wo er einmal war, hungerte oder ging auf gefährliche Jagd.
Fast auf der Spitze eines steilen und felsigen Hügels, im Herzen
eines Zedern-Dickichts, hatte eine weise alte Luchsmutter ihr Lager.
Die Oberfläche des Hügels war ein Wirrwarr aus verknorrten Birken
und Schierlingstannen, in brüchige Felsblöcke eingekeilt, das Lager
aber eine Höhle mit engem Eingang, nahe der Spitze. Hier glaubte
die Mutter der Wildnis ihre Brut wohl versorgt. Alle Zugänge zu der
Höhle waren eng und schwierig, und nur ein kühner Feind hätte diesen
gefährlichen Eingang betreten, solange er nicht ganz sicher war,
ob die Mutter zurückkehren würde. So wagte sie es, was in dieser
gefährlichen Zeit nur wenige Mütter wagten, weit hinaus auf Beute zu
schweifen. Und das war gut. Denn ihre getigerten, samtigen Kätzchen
waren derbe und hungrige Kinder, deren Säuglingsgewinsel schon einen
herben, streitlustigen Klang hatte, selbst da sie noch blind im Nest
krabbelten. Die Mutter mußte tüchtig jagen, um für die Ansprüche dieser
geliebten Brut Milch genug in den Brüsten zu haben.
Im Gegensatz zu den meist glücklicheren Müttern der Wildnis hatte sie
ganz allein für ihre Familie zu sorgen. Ihr zügelloser Gatte durfte
nicht einmal wissen, wo das Familienversteck lag, sonst war es möglich,
daß er sich in einer Anwandlung unväterlicher Gier aus dem eigenen
Nachwuchs ein Festmahl machte. Für gewöhnlich sah sich dies wilde
und verschlafene Ehepaar, ausgenommen in der Brunstzeit, nur selten.
In diesem Hungerjahr aber trafen sie sich häufig zu gemeinsamer Jagd
auf irgendein Wild, mit dem sie einzeln nicht fertig werden konnten.
War das Glück ihnen günstig, dann konnten sie zusammen vielleicht
einen Bock zur Strecke bringen. Aber kaum hatten sie sich brav daran
gesättigt und die Ueberreste im Dickicht verborgen, floh das Weibchen
in angstvoller Hast zu ihrem Lager. Das Männchen stellte sich, als
wollte es ihr folgen; aber da wandte sie sich mit so drohender Wut
gegen ihn, daß er zurücksprang, sich auf seine Keulen setzte, seine
noch bluttriefenden Lippen schleckte und sie so unschuldig anblickte
wie ein Kätzchen seinen Herrn, nachdem der Kanarienvogel verschwunden
ist. Die erfahrene Mutter aber ließ sich nicht täuschen. Ueber ihre
graue Schulter zurückäugend, knurrte, spuckte und zischte sie, bis die
gefährliche Erscheinung ihres Gatten außer Sicht war. Dann schwenkte
sie von ihrem Wechsel ab und schlug eine entgegengesetzte Richtung ein.
Ihr Eheherr aber hatte viel zu viel Liebe zu seinem Fell, als daß er es
gewagt hätte, ihr zu folgen.
Als die Luchsmutter eines Tages von solch einem Ausfluge heimkehrte,
bald wie ein Lichtstrahl durchs Dickicht gleitend, dann wieder in
großen, geräuschlosen Sprüngen, fühlte sie plötzlich etwas wie eine
dumpfe Vorahnung. Vielleicht war sie länger als gewöhnlich fort
gewesen. Mit gespanntem Körper schlich sie voran, hinein in das Gewirr
aus Blöcken und Felsen. Kaum am Ziel, fing ihre Nase eine scharfe,
fremde Witterung, und ein Streifen rötlich-gelben Fells verschwand
unter einem Busch. Schnell wie der Blitz war auch sie in diesem Busch
-- aber da war nichts mehr! Um die nächste Ecke jedoch bog ein großer
Fuchs. Sie zauderte einen Augenblick. Besinnungslos vor Wut, war sie
nahe daran, ihn zu verfolgen, ihn mit ihren furchtbaren Krallen in
Stücke zu reißen -- dann war die Mutterliebe stärker. Sie eilte zu
ihrem Lager, schnüffelte hinein, wimmernd vor Angst und Sehnsucht.
Die Kätzchen waren alle da, ungestört, und drängten sich an ihre
Zitzen, als sie es fühlten und rochen, daß die Mutter sich über sie
beugte. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, sich den Wünschen der Jungen
zu widmen. Der Gedanke an ihren Feind ließ sie nicht ruhen. In aller
Hast beleckte sie die Kleinen, um sie ein wenig zu beruhigen, dann ließ
sie sie wieder allein, und hinter ihr klang hell der Jammer von Hunger
und Enttäuschung.
Sorgfältiges Abschnüffeln belehrte die Mutter bald, daß der Fuchs
kaum auf zehn Fuß weit an den Einschlupf herangekommen war. Aber für
ihr liebendes Herz war das schon mehr als genug. Der Feind hatte
aufgeklärt, er hatte das Versteck gefunden, in dem sie ihren Schatz
verbarg! Es war ein Feind, den sie fürchtete, denn er war stärker als
sie selbst, und ganz außer sich vor Wut und Angst suchte sie jeden
Winkel und jeden Spalt auf dem Hügel ab. Natürlich fand sie nichts als
Moschus-Duft, den er so freigebig zurückzulassen pflegt. Der Zufall
aber wollte es, daß sie am Fuße des Hügels, fast unmittelbar unter
ihrem Lager, einen anderen Eindringling entdeckte. Ein schwarzer Bär
grub dort Wurzeln aus der fetten Erde zwischen den Felsen. Sein Besuch
war so harmlos wie möglich, er dachte nicht einmal an junge Luchse.
In den Augen der sorgenden Mutter aber spionierte auch er den Weg zum
Versteck ihrer Kleinen auf!
Natürlich kann auch der stärkste Luchs den Kampf mit einem Bären
nicht wagen. Eine Mutter aber ist Mutter, und dies ist das große
Wunder unserer Schöpfung. Der Bär wühlte aufmerksam Moos und Gras
durcheinander und dachte an keine Gefahr, als wie ein Wirbelwind Klauen
und Zähne und wildes Fauchen ihm ins Genick kamen. Er war völlig
überrascht, blutete schwer und schlug vergeblich mit seinen schweren
Pranken über die Schulter. Jeder Schlag hätte seinen wütenden Angreifer
getötet, aber nicht ein Mal traf er; kaum daß er ein Stückchen
armseliges Fell berührte. Im nächsten Augenblick floh er, und von
Entsetzen gepackt, tobte er durch die Zedern. Die Luchsmutter saß ihm
im Nacken, biß und kratzte, bis ein niedriger Zweig sie abschüttelte.
Worauf sie eine Pause machte, um die langen, schwarzen Haare, die sie
so eifrig ausgerissen hatte, aus ihren Zähnen zu spucken und dann mit
erleichtertem Herzen zu ihrem Lager zurückzukehren.
Der Bär rannte drauf los, aber sein Entsetzen wich allmählich einem
Gefühl von Entrüstung, bis dieses jedes andere Gefühl unterdrückte. Da
machte er Kehrt und trottete langsam auf der eigenen Spur zurück. Er
wollte den unverschämten Wegelagerer aufspüren und erledigen!
Als er den Hügel erreicht hatte, änderte er abermals seine Absicht.
Schließlich: war es der Mühe wert, der Hexe aufzulauern? Sie schien
reichlich listig zu sein. So wechselte er zur anderen Seite des Hügels
und tobte dort seine Wut aus, indem er einen alten Baumstamm zu
Splittern riß.
Obwohl ein winziger Gegner ihn ruhmlos in die Flucht geschlagen hatte,
war das Abenteuer für den Bären nicht allzu wichtig. Seine Wunden waren
leicht und bald vergessen. Etwas anderes war es für die Luchsmutter.
Ihre Sicherheit war dahin! Sie fühlte, daß beide, Fuchs und Bär, hinter
ihren Jungen her waren, durfte sich nicht mehr aus dem Bau wagen, um
zu jagen. Nahe dem Lager aber gab es, dank ihrem guten Ruf, selten
ein Stückchen Wild zu sehen. So konnte sie nichts mehr tun, als in
unermüdlicher Geduld auf wilde Hühner und Waldmäuse zu lauern. Dabei
wuchs ihr Hunger, der Vorrat kostbarer Milch in ihren Brüsten wurde
geringer, indes die Jungen, deren Augen sich gerade öffneten, in ihrer
Gier immer dringlicher wurden.
Etwa drei Tage nach dem Besuch des Bären und des Fuchses tauchte eine
riesige Elen-Kuh in der Gegend jener Höhle auf, die suchte, wie die
Luchsmutter es jüngst getan hatte, Ruhe und Sicherheit. Sie langte
auf der andern Seite des Hügels an und ahnte nichts von der Luchsin,
die in ihrem Buschversteck, nahe der Spitze, auf der Lauer lag.
Sie war schwarz und grimmig und sah sehr gefährlich aus, die große
Elen-Kuh. Sicher konnte sie mit einem einzigen Schlag ihrer gespaltenen
Vorderhufe auch die größte Katze zusammenschmettern. Deshalb dachte die
Luchsin auch nicht daran, mit ihr selbst anzubinden. Aber sie wußte
genau, weshalb die schwarze Pflanzenfresserin dies Versteck aufsuchte,
und hoffnungsvoll leckte sie ihre schnurrbärtigen Lippen.
Bei Tagesanbruch gebar die Elen-Kuh ein langbeiniges, zitterndes
Kalb und bettete es in das zarte Moos am Fuße des Felsens. All ihre
Schmerzen waren im Augenblick vergessen, lang und zärtlich beleckte
sie das Neugeborene, bis sein zartes Fell trocken war und dunkel
glänzte. Als dann der warme Tag erwachte, krabbelte es auf seine
schwachen Füße und machte den ersten Versuch, zu säugen. Es war so
lächerlich mager und klapprig, dickköpfig und gliederschwach! Die
wackligen Beine konnten das Gewicht des Körpers kaum tragen, nach
zwei oder drei Minuten sank es wieder ins Moos zurück. Und da lag es,
blickte mit sanften, neugierlosen Augen um sich, indeß die Mutter es
mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit betrachtete. Für sie war dieses
Kälbchen das Einzige im ganzen grünen Forst, das wirklich schön war ...
Ein Raschellaut, aber anders als der von fallendem Laub oder Gezweig,
kam plötzlich an ihr wachsames Ohr. Scharf wandte sie den Kopf. Da
hockte, keine hundert Fuß weit ab, der Bär am Zedernstamm, wühlte Erde
und hatte das Maul voll heller, gelber Pilze. Ein Bär! Unter allen nur
möglichen Feinden war das der furchtbarste! Mit einem harten Schrei,
einer Art heiseren Gebrülles, stürzte sie gegen ihn!
Der Bär war überrascht und erschrak beim Anblick des schwarzen
Unwetters, das auf ihn niederging. Er war kein besonders großer
Bär, aber sie war eine besonders große Elen-Kuh. Falls er imstande
war, nachzudenken -- eine Frage, in der die Gelehrten sich scharf
widersprechen -- dann überlegte er vielleicht, daß dieser Hügel keine
besonders glückliche Gegend für ihn war. Zu viele Mütter und kaum
genug Pilze. Jedenfalls beschloß er, eiligst zu verschwinden. Und
diesen großen Entschluß führte er so geschwind aus, daß es ihm gelang,
einen gewaltigen Abstand hinter sein Hinterteil und diese furchtbar
schmetternden Hufe zu legen. Da empfand er, daß er sich mit einiger
Berechtigung Glück wünschen dürfe.
Die Luchsin hatte aus ihrem hohen Versteck den wilden Angriff
der Elen-Kuh auf den Bären beobachtet, und ihre blassen, runden
Augen standen in Flammen. Unhörbar verließ sie ihr Versteck -- das
schwache Opfer ließ keinen Schrei hören. Viel zu erfahren, viel zu
geschickt im Töten war die Luchsin! Sie wünschte keinen Kampf, der
die Aufmerksamkeit der Mutter von der Verfolgung des Bären abzog. So
verließ das unglückliche Kalb dies Leben, dem es eben erst seine Augen
geöffnet hatte und wußte nicht, wie ihm geschah. Die Luchsin schleppte
ihre widerstandslose, aber noch zitternde Beute eilig den Felsen
hinauf. So rasch wie irgend denkbar mußte sie das Kälbchen aus dem
Bereich seiner Mutter bringen.
Für ein Tier ihres Gewichts, nicht mehr als vierzig armselige
Pfund, war die Luchsin bewundernswert stark, und dabei war sie
leidenschaftlich in ihrem Entschluß. Dies Beutestück würde es ihr
möglich machen, im Bau zu bleiben, bis die Jungen die Zeit der völligen
Hülflosigkeit überwunden hatten. Nichts konnte sie mehr in die Ferne
locken. Aber trotz aller verzweifelten Anstrengungen war das armselige
Kälbchen mit seinen langen, schleppenden Beinen so unhandlich, daß sie
nur gefährlich langsam über die brüchigen Felsen klettern konnte.
Als die Elen-Kuh erfaßt hatte, daß der Bär ihr entronnen war, machte
sie eilends kehrt. Das leichte Moos flog unter ihren gespaltenen
Vorderhufen, so schnell eilte sie zu ihrem Kalb zurück. Dann fiel sie
in einen schlendernden Trott, dachte nichts Böses mehr und war stolz
darauf, den Feind so tapfer vertrieben zu haben. Da war das Junge nicht
mehr auf seinem Platz! Einen gewaltigen Satz tat sie vorwärts, ihre
lodernden Augen suchten die ganze Fläche des Hügels ab, und da sah sie
mit einem Blick nach der Höhe, was geschehen war!
[Illustration]
Als diese schwarze Rachegestalt donnernd auf sie zutobte, strengte die
Luchsin sich verzweifelt an, ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Der
Abhang war an dieser Stelle so steil, daß ein Elen ihn kaum erklettern
konnte. Aber die verzweifelte Mutter schnellte sich dennoch empor, und
ihre vorgeworfenen Hufe trommelten zu beiden Seiten des toten Kälbchens
auf die Felsen. Im Augenblick verzagt, ließ die Luchsin ihre Beute
fahren und duckte sich mit bösem Fauchen. Dann sah sie, daß der Gegner
zu kurz gesprungen war, stieß wieder vor und senkte die Zähne aufs neue
in die Gurgel des Opfers.
Von ihrem wilden Sprung war die Mutter heftig auf die Keulen
zurückgefallen. Ohne den Stoß zu beachten, nahm sie einen neuen Anlauf,
und dann ging's abermals zum Angriff. Diesmal war sie weniger ungestüm,
und die Luchsin, die über die Schulter des Kälbchens nach ihr äugte,
war ohne Angst. Aber in Wirklichkeit war die weiße alte Elen-Kuh nie
so gefährlich wie gerade jetzt. Sie, die schon so manches Lebensjahr,
so manche Gefahr triumphierend überstanden hatte, sie wußte, wie ihre
Kraft am besten zu brauchen war. Und bei dem ersten Sprung schon hatte
sie gesehen, daß ihrem Jungen nicht mehr zu helfen war. Rache war
alles, woran sie denken konnte!
Bei diesem Angriff stemmte sie die beiden Hinterbeine ein und prallte
in einem wundervoll berechneten Stoß vor. Die Luchsin wurde völlig
überrumpelt. Nahe daran, das Gleichgewicht zu verlieren, klammerte
sie sich mit aller Kraft auf ihren Stützpunkt, in wütendem Zorn, mit
zitternden Ohren. Diesmal hatte sie sich gänzlich verrechnet. In
der nächsten Sekunde schon traf sie die Wucht eines der stampfenden
Vorderhufe, trieb ihren Kopf zwischen die Schultern -- und da torkelte
ihr zäher Körper, kraft- und willenlos über das tote Kälbchen hin.
Abermals fiel die Elen-Kuh zurück, denn es war ihr auf dem festen
Abhang nicht möglich, festen Fuß zu fassen, dann wiederholte sie den
wundervollen Sprung. Diesmal stampfte sie die beiden Körper ineinander
und ließ sie den Abhang hinunterkollern. Klar und unerbittlich in ihrer
Wut, fegte sie das Opfer sorgfältig zur Seite, trampelte seine Reste in
die Erde.
Als die Rache ganz vollzogen war, kehrte sie um, beschnüffelte
minutenlang zärtlich ihr Junges, und aus ihrer zottigen Kehle kamen
tiefe Schmerzenslaute. Stundenlang stand sie noch so, das Haupt
gesenkt, bewegungslos, bis der letzte Sonnenschein dahin war und der
Wald im tiefen Schwarz lag. Dann ging der Mond auf, warf sein weißes
Licht über die Baumspitzen und breitete sich wie eine blasse Hand über
den Felsen, bis er das traurig-grausame Schauspiel am Fuße des Hügels
beleuchtete. Da war es, als verstünde die Elen-Kuh plötzlich, daß das
Geschick sich unerbittlich vollzogen hatte. Sie hob das schwere Haupt,
sog die Nachtluft mit vollen Lungen ein, und lautlos verschwand sie in
den Zedern.