Die Nacht war angebrochen, der Mond, dreiviertel voll, zeitig

erschienen. In einem Versteck aus Hollunderbüschen, einer Art Insel

im offenen Land, lagen zwei Jäger, die in dieses Tal gedrungen waren,

um Elen zu jagen. Der eine, ein Riese von Kerl, nach seinem Anzug zu

schließen wahrscheinlich der Führer, trug außer dem Gewehr eine Axt

und ein langes Rohr aus Birkenrinde, das wie eine Trompete aussah.

Es war Brunstzeit. Wohl versteckt, aber doch mit freiem Ausblick auf

die Steppe, hatten die beiden es sich für eine lange, ereignislose

Wartezeit bequem gemacht. Adam Moore, der Führer, nahm sein Birkenrohr

an die Lippen und orgelte den seltsamen Lockruf der Elenkuh, der

hart und formlos, aber unbeschreiblich wild und einsam klingt. »Bei

Gott, Adam,« murmelte Rawson, »Sie treffen den Ton!« Moore dankte für

so viel Anerkennung; dieser kaltäugige, abgehärtete Engländer, der

in jedem Winkel der Welt großes Wild gejagt hatte, gehörte zu den

wenigen Sportsleuten, auf deren Anerkennung er Wert legte. Nach kurzer

Pause stieß er seinen Lockton zum zweitenmal aus, dann legte er das

Instrument über seine Kniee und wartete. Die Luft war unbewegt. Unter

blauweißem Mondschein schien die lautlose, unbegrenzte Wildnis zu Glas

erstarrt. Dann aber kam von fern her das Geräusch brechender Aeste, kam

näher und näher. »Dacht' ich mir, Adam,« flüsterte Rawson. Er hob sein

Gewehr auf ein Knie. Moore legte die große Hand auf seinen Arm:

»Hören Sie! Zwei!«

Auf gute Schußweite wurden die Flüchtlinge sichtbar, verhetzt und

erschöpft. Das Geweih des Bullen war herrlich! Aber Rawson sah nur die

Angst der Prachttiere, und unwillkürlich ließ er sein Gewehr fallen.

In ihrer Angst vor Unbekanntem kamen die Flüchtlinge geradenwegs auf

das Dickicht zu, dachten nicht an die Schrecken, die dort auf sie

lauern mochten. In ihrem Weg lag ein Baumstumpf, den ein vergangenes

Hochwasser hergetragen und zurückgelassen hatte. Der Bulle umging ihn.

Die Kuh aber, fast blind vor Erschöpfung, stolperte darüber, fiel mit

einem klagenden Schrei auf ihre Schnauze und lag da, als fürchte sie

nicht länger ihr Schicksal. Als die Gefährtin nicht mehr an seiner

Seite ging, blieb auch der Bulle stehen und beschnüffelte sie gesenkten

Hauptes. Er berührte sie mit seiner Schnauze, stieß sie mit dem

scharfen Geweih, um sie zu neuer Anstrengung zu zwingen. Dann stand er

trostlos neben ihr, blickte den Weg hinab, den sie gekommen.

»Gutes Wild!« flüsterte Rawson mit glänzenden Augen.

Im nächsten Augenblick rauschte es heran, unsere Gestalten huschten

durch das Mondlicht.

»Wölfe, Hochlandswölfe!« schrie Moore. Er war im Westen gewesen und

kannte die Sorte.

[Illustration]

»Acht Stück!« Er warf das Rohr fort und griff zum Gewehr. Wild von

langer Hatz, zögerten die Wölfe keinen Augenblick, sondern sprangen

wie besinnungslos auf ihre Beute, ihr grauer Führer eine halbe Länge

vor der Front. Im Näherkommen glühten die nackten, weißen Fangzähne

und kalten Augen im Mondlicht. Der gehetzte Bulle rührte sich nicht.

Als das Leittier jedoch nach seiner Gurgel sprang, zuckte er zurück

und schlug mit scharfen Hufen furchtbar um sich. Diese unbekannte Art

von Verteidigung überraschte das Leittier; in vollem Sprung prallte

es gegen die wirbelnden Hufe und blieb mit zerschlagenem Schädel

liegen. Gleich darauf knallte Rawsons Gewehr, ein zweiter Wolf fiel.

Die übrigen aber hingen an Flanke und Schultern des tapferen Bullen

und versuchten, ihn niederzureißen. Noch einmal feuerte der Engländer,

ohne der Wirkung zu achten. Dann sprang er rasend vor Kampflust, dem

Bullen zu Hilfe, schwang sein Gewehr wie eine Keule. Moore, der nicht

mehr schießen konnte, weil er Gefahr lief, Rawson zu treffen, griff

zur Axt und folgte ihm in langen Sätzen. Als Rawson seinen Kolben

auf den Rücken eines Wolfs schmetterte, der im Genick des Bullen

hing, sah er ein kleineres, schmaleres Tier, das ihn von der Seite

beschlich. Instinktiv brüllte er »Kusch« und gab dem Angreifer einen

wütenden Fußtritt unter die Schnauze. Wäre er weniger mit seinem Kampf

beschäftigt gewesen, dann hätte er mit Erstaunen gesehen, daß der neue

Angreifer winselnd den Schwanz zwischen die Beine zog, ihn umschlich

und in seltsamer Ergebenheit vor ihm liegen blieb. Ganz plötzlich hatte

ein Befehl aus menschlicher Kehle alte Dressur in dem Hundebastard

wieder lebendig gemacht.

Ihres weisen Führers beraubt, kehrten die jungen Wölfe nun alle Wut

gegen die neuen Angreifer. Für Minuten hatte Rawson Not, sich gegen

die Sprünge einer flammenäugigen Bestie zu decken, die er nur mit

kurzen, wütenden Stößen bekämpfen konnte, weil der Raum für einen

tötlichen Schlag fehlte. Zugleich aber führte der Riese seine Axt

mit so furchtbarer Wirkung, daß die Zahl der Angreifer schon auf

drei geschmolzen war. Einen von diesen erledigte der Bulle, der,

blutüberströmt, aber nun im Kampf von seiner dunklen Angst befreit, die

hämmernden Vorderhufe so blindwütend brauchte, daß er Freund und Feind

gleich gefährlich wurde. Das Glück wollte es, daß er Rawsons Gegner

traf, der sich jetzt heulend gegen ihn kehrte. Dadurch fand Rawson Zeit

zu einem vollen, sausenden Schlag, der den Kampf beendete. Von den

beiden letzten Wölfen erlag einer, der Moore von der Seite angesprungen

hatte, seiner sausenden Axt. Beim Klang seines Todesröchelns zog der

letzte überlebende sich zurück, zögerte einen Augenblick und gab

dann die verlorene Schlacht auf. Als er floh, den Bauch an der Erde,

schwang Moore noch einmal die Axt. Sie pfiff von der Faust eines

erfahrenen Hinterwäldlers gelenkt durch die Luft, und zerschmetterte

dem Flüchtling das Rückgrat. Der Riese sprang nach, ergriff noch einmal

die Waffe und gab dem winselnden Tier den Gnadenschlag.

Die arme Kuh war inzwischen wieder zu Atem gekommen und stellte sich

mühsam auf die Füße. Sie zu schützen, nahm der Bulle seine Retter an.

Rawson entging mit knapper Not seinem Angriff.

»Wir sind nicht länger beliebt,« lachte er und zog sich in sein

Dickicht zurück. Da sprang die Bastardhündin, die er fast vergessen

hatte, mit unverkennbar hündischer Demut an ihm empor. Er betrachtete

sie einen Augenblick voll Erstaunen, erkannte sie dann und verstand.

»Scher dich weg und sei dankbar für dein ganzes Fell!« kommandierte er:

»Ueberläufer!«

Er wollte seinem Befehl mit dem Gewehrkolben Nachdruck geben, aber

Moore widersprach:

»Nicht wegjagen!« sagte er. »Bin froh, daß Sie sie nicht wollen. Jetzt

behalte ich sie selbst. Ist mehr wert, als ein Dutzend meiner elenden

Köter ohne Nase und Appell. Sie hat übrigens ihre Lektion hinter sich!

Die geht nicht wieder zu den Wölfen über!«

Ismael in den Schierlingstannen

Er war wirklich ein Ismael. Seine Zähne und Krallen waren gegen jedes

Geschöpf der Wildnis, ob groß oder klein, und jedes andere Geschöpf

der Wildnis war gegen ihn -- die Schwachen in nie ruhender Angst, und

selbst die Stärkeren in einem Haß, dem Furcht sich beimischte. Der Bär

sogar, der so herablassend höhnisch auf viel größere Feinde blickte,

bequemte sich, ihn mit wachsamer Feindseligkeit zu betrachten. Ganz

gleichgültig war nur das riesige Elen-Tier. Es stolzierte durch den

Forst und beachtete seine Existenz nicht.

Und doch war dieses Geschöpf, dem es glückte, einen so gewaltigen

Tribut an Furcht und Haß zu erheben, wie dieser Ismael aus den

Schierlingstannen, nicht größer als ein Fuchs. Unter den Waldleuten und

den Trappern war er unter verschiedenen Namen bekannt. Meist nannte

man ihn den »Fischer«, obwohl es im Dunkel liegt, warum er so genannt

wurde. Seine Tüchtigkeit im Fischen war bei weitem nicht so groß wie

die des Waschbären, und mit der Geschicklichkeit solcher Meister,

wie Mink und Otter, konnte er sich nicht vergleichen. Auch unter dem

Namen »schwarze Katze« war er bekannt, obwohl er weder schwarz, noch

eine Katze war. Daß er so unpassende Namen trug, ist jedoch weniger

erstaunlich, als es auf den ersten Blick schien. Er gehörte nicht zu

denen, die sich einer peinlichen und sorgfältigen Beobachtung fügen.

Was die Menschen dann und wann von ihm zu sehen bekamen, war nur

geeignet, Irrtümer zu erregen.

Als ein Mitglied der großen und gefürchteten Mustela-Familie besaß

dieser Ismael aus den Schierlingstannen ganz die blitzhafte Gewandtheit

und den wilden Mut seines kleinen Vetters, des Wiesels, aber zugleich

die unerbittliche List und die erstaunliche Muskelkraft seines

größeren Stammesgenossen, des verhaßten Vielfraßes, den man auch

den »indianischen Teufel« nennt. Obwohl von der scharfen, grausamen

Schnauze bis zum Ende seines hübschen, buschigen Schweifes keine

drei Fuß lang, war er durch unglaubliche Gewandtheit und die Wut

seines Angriffs selbst dem stärksten Fuchs und jedem Hund, der nicht

mindestens zweimal so groß war, ein überaus gefährlicher Gegner. Die

wenigen Feinde, die er als überlegen an Kraft anerkennen mußte, konnte

er im allgemeinen durch List besiegen.

Im tiefen Dickicht der Schierlingstannen hatte Ismael seine Zuflucht,

dort, wo die tiefen, immergrünen Bäume Winters wie Sommers die Sonne

abschließen, wo geborstene und faulende Baumstämme die Erde zu einem

Labyrinth gewundener Schleichwege und unübersehbarer Verstecke

machen. Hier war sein eigentliches Gebiet, denn er konnte wie ein

Eichhörnchen klettern, und es war ihm gleichgültig, ob er auf dem

Erdboden marschierte, oder in den bebenden Spitzen der Tanne. Doch gab

es, dank seiner allzu großen Jagdtüchtigkeit, im Schierlingswald nicht

mehr allzu viel Wild, und so mußte er seine Beutezüge weit über Land

führen. Da er geräuschlos wie ein Mink und unermüdlich wie ein Wolf

lief, legte er zwischen Abend- und Morgenrot ungeheure Entfernungen

zurück. Irgendwelche Grenze erkannte er nicht an. Ganz unparteiisch

brach er in alle Reservate ein und forderte jeden anderen Waldfrevler

zum Wettbewerb an Kraft und Arglist heraus. Den ganzen Tag aber schlief

er im tiefen, grünen Schatten der Schierlingstannen, zusammengeknüllt

wie eine friedliche Katze, die in einem Heiligenschrein ruht. Sein

ungeheurer Kraftaufwand forderte lange Ruhe. Und das war ein Glück für

alle anderen Waldtiere, denn so konnten sie den ganzen Tag ungehindert

durch den Tannenwald ziehen und ihren verstohlenen Geschäften

nachgehen, ohne an den schrecklichen Schläfer in dem Baum zu denken.

Verschwand aber die Sonne, dann fürchteten sich selbst die schnellen

Waldmäuse vor seiner Nachbarschaft. Und die wilden Kaninchen, die auf

Ismaels Speisezettel eine Hauptrolle spielten, flohen den wegsameren

Hartholzwäldern zu, um ihre Mondscheinfeste zu feiern. Das Wiesel

sogar, dieser unversöhnliche Mörder aller Brut, versagte es sich, im

Schierlingswald zu jagen. Denn es wußte, Ismael würde es nicht nur

hetzen -- etwa in blinder Freude an dem schwierigen Sport --, nein,

er würde auch sein zähes, sehniges Fleisch, das trocken wie eine

Peitschenschnur ist, herunterwürgen, dies Fleisch, das kein anderer

Forsträuber berührte, solange ihn nicht verzweifelter Hunger trieb.

An einem Frühlingsabend -- das Licht des aufgehenden Mondes versilberte

die dünne Spitze, ehe noch der letzte Sonnenstrahl im Nebel

verschwunden war -- wachte Ismael mit ungewöhnlichem Appetit auf. Ein

bißchen hastig kroch er aus seinem Lager und gönnte sich nicht, wie

sonst, die Zeit, an dem langen, schräg liegenden Baumstumpf, hinter

dem seine Höhle lag, hinzuscheuern. In der vergangenen Nacht hatte er

ausschließlich von Kaninchen gelebt, und Kaninchenfleisch hat seine

Eigenart, der Hinterwäldler sagt, »es hält nicht vor«. Man wird sofort

wieder hungrig, auch nach einem noch so herzhaften Kaninchenmahl, so

daß man sehr häufig essen muß, wenn man von diesem Fleisch leben will.

Vielleicht ist das eine Fürsorge der Natur, die hindern will, daß das

fruchtbare Geschlecht der Kaninchen die ganze Erde überschwemmt.

Als Ismael auf seiner Treppe auftauchte, hallte eine dumpfe, hohle

Stimme plötzlich durch die Baumspitze. Diese Stimme war schrecklich,

und sie klang ganz nahe, aber dennoch war es fast unbestimmbar, woher

sie kam. Ismael kannte ihr Drohen sehr gut. Aber ohne sich daran zu

kehren, sprang er den schiefen Baumstamm hinab. Für ihn hatte die große

Horneule, der Schrecken aller kleineren Räuber, keine Bedeutung.

Zufällig aber war dieser fremde Marodeur ein Neuankömmling,

eingewandert aus den wenig besiedelten Distrikten südlich des

Ottanoon-Tales, wo »Fischer«, die Nachbarschaft und Gewohnheiten der

Menschen fürchten, selten sind. Die Eule kannte Ismael nicht. Ihre

blassen, starren Augen sahen eine pelzumkleidete Gestalt am Baum

hinuntergleiten. Als auf diesen huschenden Körper ein Strahl des

Mondlichts fiel, schloß die Eule ihre Schwingen über den Rücken und

stieß geräuschlos nieder. Gerade da blickte Ismael mit tiefem Knurren

auf. Mit einem heftigen Satz sprang er zur Seite, es war für ihn kein

schwieriges Abenteuer. Ismaels geschmeidiger Hals reckte sich und seine

langen Zähne senkten sich tief in die gepolsterten Schenkel der Eule.

Zwar bekam er nur ein Maul voll dauniger Federn, aber der verletzte

Vogel ließ rasch von einer so gefährlichen Begegnung ab. Ismael

spuckte gewaltig, um sein Maul von dem zähen, würgenden Gefieder zu

befreien.

Dann trat er in großer Geschwindigkeit seinen Marsch an. In der

Nachbarschaft hatte er kein Wild zu erwarten, deshalb war er in Eile,

und wie er so in langen, geräuschlosen Sprüngen auszog, war er eine

schöne Verkörperung von Kraft, Gliederbeherrschung und Schnelligkeit.

Um aber keine Gelegenheit zu versäumen, die irgendein Jagdzufall ihm

in den Weg führen konnte, hielt er im Laufen die Nase hoch und achtete

auf jede Witterung. Als er den Schierlingswald verlassen hatte, geriet

er in ein Gebiet von jungem Nachwuchs, in ein Dickicht aus halbhohen

Kiefern, vermischt mit Birken, Pappeln, Ahorn und Weichseln. Hier nahm

er ganz unerwartet eine scharfe Witterung auf. Er stand still wie vor

einem Schuß, erstarrte im Augenblick zur Unbeweglichkeit, hielt die

Schnauze hoch, und seine scharfen Nüstern prüften die Luft in jeder

Richtung. Die Witterung kam von einem Stachelschwein und war so frisch,

so einladend, daß er wußte: das stachlige Nagetier war nicht weit.

Seine unermüdlichen Augen spähten die Umgebung ab. Endlich, in die Höhe

blickend, bemerkte er einen dunklen Ball, der sich im schlanken Ast

einer Birke wiegte.

Nun ist das Stachelschwein eine Beute, auf die sich die meisten

Waldjäger nur ungern einlassen. Seine todbringenden Stacheln sind

scharf wie Nadeln und mit dünnen Widerhaken so besetzt, daß sie

sich, einmal ins Fleisch eingedrungen, immer weiter bohren, bis sie

ein Zentrum des Lebens erreichen. Wiesel, Fuchs oder Luchs setzen

sich dieser Gefahr nur aus, wenn der Hungertod sie bedroht. Aber

Ismael hatte seine eigene Art, mit Stachelschweinen umzugehen und

er wußte, daß das Fleisch unter diesem gefährlichen Panzer kräftig

und wohlschmeckend ist. Ehe das stumpfsinnige Stachelschwein seine

Nähe auch nur ahnte, saß er schon auf der Birke, weit draußen auf dem

wiegenden Ast.

Der dünne Ast bog sich unter seinem Gewicht, als Ismael vorsichtig

darauf hinschlich. Das Stachelschwein wunderte sich, daß es plötzlich

so viel schwerer wurde, und zog sich auf einen weniger gefährdeten

Punkt zurück. Aber ehe es seinen Weg noch halb gemacht hatte, stand

es plötzlich, nur ein paar Zoll weit, dem schweigenden, todbringenden

Gesicht Ismaels gegenüber.

Im Augenblick stand jede Stachel zur Verteidigung auf. Aber die Lage

auf dem schwankenden Ast war so schwierig, daß das Tier sich nicht

sofort in jene Kugel aus spitzen Nadeln verwandeln konnte, vor der alle

seine Feinde sich fürchten. Krampfhaft versuchte es, sein nacktes,

ungeschütztes Gesicht zwischen den Pfoten zu verbergen. Die Erscheinung

vor ihm schlug zu rasch zu. Ismaels Kopf schnellte vor, schnell und

geradeaus wie das Maul eines Rattlers, bohrte sich unter die drohende

Front der Widerhaken und grub in die Nase des Stachelschweins seine

unwiderstehlichen Fangzähne.

Im selben Augenblick begann Ismael, der alle nur möglichen Gefahren

dieser Lage kannte, auf dem Zweige rückwärts zu kriechen. Das

Stachelschwein kämpfte darum, sich zu wenden, um den Feind mit seinem

mächtigen Schwanz niederzuschlagen, aber es wurde allzu heftig

fortgerissen. Es wehrte sich mit den Pfoten, hielt sich mit aller Kraft

zurück und trachtete, seine blutende Nase freizubekommen. Aber da war

jede List und jeder Widerstand zu schwach, so unwiderstehlich zerrte

Ismael.

Bis jetzt war das Abend-Zwielicht in seiner geisterhaften Mischung aus

Sonnenuntergang und erstem Mond ganz ohne Stimmen gewesen. Nur der

friedliche Ruf eines Nachtfalken klang manchmal hoch über dem violetten

Gewölk der Abendnebel. Jetzt brach in diesen Frieden ein jammervolles

Gewirr von Tönen, halb unterdrückt und dennoch verzweifelt. Nur wer

unmittelbar unter dem Baum stand, hätte den Kampf mit ansehen können.

Aber das heftige Brechen von Zweigen, atemlos stöhnende Seufzer,

das Knirschen von Klauen, die unbarmherzig aus der Rinde gerissen

wurden, waren beredte Künder des Trauerspiels. An der Gabel des Astes

angekommen, krallte Ismael seine kräftigen Hinterläufe in den Stamm

ein, und mit einem plötzlichen Ruck brachte er das Stachelschwein um

seinen Halt, schlug es mit Gewalt gegen einen tiefer liegenden Ast.

Halb ohnmächtig und von Entsetzen gepackt, legte das Opfer all seine

Stacheln zurück und suchte krampfhaft nach einem Halt. Ismael ließ es

diesen Halt beinahe finden, aber als die Beute so ausgestreckt und

verteidigungslos hing, gab er die Nase frei und schnappte nach der

Gurgel. Sofort erlahmte der Widerstand und hörte im Augenblick ganz

auf. Als das Tier bewegungslos hing, ließ es Ismael los, und der Körper

fiel in die Tiefe. Voll Angst, irgendein anderer Räuber könnte ihm

zuvorkommen, folgte Ismael ihm nach, wälzte ihn sorgfältig auf den

Rücken -- denn er wußte, daß die unteren Teile unbeschützt waren -- und

dann begann er sein Mahl.

Nachdem er gefressen hatte, so viel er konnte, ließ er die

Ueberbleibsel achtlos für den nächsten Hungrigen zurück, mit dem ganzen

Selbstvertrauen eines immer erfolgreichen Jägers. Er selbst begab sich

in die Krone einer nahen, hochstämmigen Buche. Hier machte er sich

an eine sorgfältige Toilette, putzte seinen schönen Pelz, bis auch

nicht eine Spur des blutigen Abenteuers zurückblieb. Dann verließ

er die Buche und schlich durch die mondsilbrige Stille, so wach und

jagdlustig, als hungerte er seit vielen Stunden.

Durch diese Stille kam jetzt das leichte Plätschern eines laufenden

Wassers. Als hätte dieser Laut eine Erinnerung in ihm geweckt,

schwenkte er scharf zur Seite, und in ein paar Sekunden erreichte er

eine kleine grasige Halde am Ufer eines seichten Baches, der sanft

über die Kiesel plätscherte. Ismael war nicht durstig. Er schenkte

dem Wasser keine Aufmerksamkeit, sondern kroch schnüffelnd durch Gras

und Kräuter, bis er plötzlich gefunden hatte, wonach er suchte. Da

stürzte er sich hinein, überschlug sich wieder und wieder und biß in

einer Art von Wollust um sich. Was er gefunden hatte, war ein Beet mit

Katzenkraut, ein Gewürz, für das er die halb wahnsinnige Leidenschaft

der Katzen selbst fühlte.

Als Ismael sich an dieser Kostbarkeit genug getan hatte, ging er

stromabwärts, die Nase hoch, wie immer. Aber die Schärfe seiner

Witterung hatte im Augenblick durch das Gewürz gelitten. So geschah

es, daß Ismael, als er einen schweren verfaulten Baumstamm umschlich,

geradezu in eine große schwarze Bärin hinein rannte, die im Moder

nach Käfern grub. Die Bärin machte mit ihrer riesigen Tatze einen

furchtbaren Angriff, und nur durch einen blitzschnellen Seitensprung

entging Ismael einem bösen Schicksal. Wütend und feindselig umschlich

er den Stamm und erschien plötzlich auf der andern Seite, knurrte

giftig und duckte sich, als wollte er dem großen Tier an die Kehle

fahren. Doch war er keineswegs wahnsinnig; als die Bärin mit zornigem

Brummen nach ihm schlug, duckte er sich zur Seite und verschwand wie

eine Schlange im Unterholz.

Unter den Aesten eines Tannen-Dickichts hinkriechend, stieß er

fünf Minuten später auf etwas, das warm und lebendig war und

zusammengeknüllt auf dem Boden lag. Ismaels Nase hatte diesmal versagt

-- vielleicht weil die Brut der wilden Tiere bisweilen, gleichsam

zu ihrem Schutz, keine Witterung gibt --, und seine Augen hatten

gleichfalls versagt, weil die unbewegte kleine Gestalt in Farbe und

Linie ganz in ihre Umgebung verschmolz. Die Ueberraschung war für

Ismael nicht überwältigend. Seine geübten Zähne fuhren sofort und ohne

Ueberlegung nach der Gurgel des neuen Opfers. Es erklang ein scharfes

Wimmern, voll Ohnmacht und Sehnsucht, dann kämpften hilflose Glieder

einen tragisch-kurzen und matten Kampf. So sorgsam die Mutter es

versteckt hatte, das Rehkalb war allzu früh dem Schrecken der Wildnis

erlegen.

Ismael liebte Wildpret fast noch mehr als Stachelschwein. So trank

er gierig das warme Blut, obwohl er nicht gerade hungrig war, und

brachte es sogar fertig, noch einen soliden, kleinen Nachtisch zu

sich zu nehmen. Bei dieser angenehmen Beschäftigung versäumte er es

doch nicht, nach der alten Rehkuh zu wittern, denn er wußte, daß ihre

messerscharfen Hufe und ihre Mutterverzweiflung selbst ihm gefährlich

werden konnten. Plötzlich dröhnte und krachte etwas durch die Aeste.

Es war jedoch nicht die Hindin, die in das Dickicht einbrach, es war

die große, schwarze Bärin. Sie hatte ihn verfolgt, und jetzt war sie

da, ihm seine Beute abzunehmen. Eine oder zwei Sekunden lang war Ismael

blind vor Zorn, stemmte sich über das Wildpret, und so gefährlich war

die Wut, mit der er den Eindringling anfletschte, daß es schien, als

würde die Ungleichheit ihrer Kampfmittel ausgeglichen. Aber die Bärin

kümmerte sich nicht um diesen Zorn. Sie polterte vorwärts und schlug

plötzlich nach dem kleinen braunen Tier, das so unverschämt war, ihr

Widerstand zu leisten.

Der Hieb fiel natürlich in die Luft, denn Ismael war wie ein Schatten

verschwunden. Aber gleich darauf fühlte die Bärin einen stechenden

Schmerz in den großen Muskeln über ihrer Ferse. Wie der Blitz fuhr sie

herum und schlug abermals. Aber wieder war Ismael verschwunden. Laut

knurrend duckte er sich, zwölf Fuß weit fort von ihr, als forderte er

sie zur Verfolgung auf.

Die Bärin jedoch, so böse sie war, ließ sich nicht verlocken. Ihre

Wunde war wohl schmerzhaft, aber nicht gefährlich, denn der Rachen

ihres Gegners war viel zu schmal, um ihren großen pelz-geschützten

Gliedern ernsthaften Schaden zu tun. An Gewandtheit aber, das wußte

sie, konnte sie sich mit dem durchtriebenen kleinen Gegner nicht

messen. Vor allem war sie hungrig. In ihrem Lager, unter der Felsnase

eines nahen Bergrückens, hatte sie zwei helläugige, lustige Bärenjunge

liegen, und der Appetit dieser Jungen stellte Anforderungen an ihre

Brüste, denen sie mit einer Nahrung aus Waldkäfern und wilden Knollen

kaum entsprechen konnte. Das Fleisch der Rehkitze war für sie ein

Gottesgeschenk. Unfreundlich brummend, machte sie sich an die Mahlzeit,

hielt aber dabei einen wachsamen Blick auf den Feind.

Nun traf es sich durch Zufall, daß Ismael von dem Lager unter der

Felsnase und seinen verwöhnten Inhabern wußte. Aus sicherem Hinterhalt

hatte er alles beobachtet, vor Bosheit mit den Zähnen knirschend,

aber doch nicht wagemutig genug für das gefährliche Abenteuer, dort

einzudringen. Jetzt war seine Wut stärker als jeder Gedanke an

Vorsicht. Trotzdem verließ die Schlauheit ihn nicht ganz. Er machte

einen zweiten drohenden Vorstoß gegen seine Gegnerin, um sich ihrer

ungeteilten Aufmerksamkeit zu versichern, und dann drehte er sich zur

Seite, als hätte die Wut ihres Gegenangriffs ihn gelähmt. Er verzog

sich nicht allzu schnell, und in einer Richtung, die entgegengesetzt zu

der des Bärenlagers war. Pfiffig hielt er sich im Mondlicht der offenen

Wiese, die Augen der alten Bärin folgten ihm aufmerksam, bis er unter

dem Schatten verschwand.

Endlich, als er sicher war, daß kein Auge mehr ihm folgte, machte er

Kehrt, beschrieb einen kurzen Umweg und eilte dann schnurstracks zur

Felsnase.

Gestalten der Wildnis · 第 3 / 11 段