verkrampften Lungen zu bekommen. Er hatte schon manches Rennen
geschwommen, aber keines wie dies. Vorsichtig drehte er sich um, und
während er noch flach wie eine Muschel auf dem Boden lag, starrte er
hinunter und zitterte vor Angst, sein Feind könnte zum zweiten Mal
einen so wahnsinnigen Sturm versuchen, diesmal vielleicht mit besserem
Erfolg.
Aber die Orca schien den Versuch nicht wiederholen zu wollen. Die
Gewalt ihres Angriffs war furchtbar gewesen und hatte wohl auch ihr den
Atem verschlagen. Jetzt schwamm sie ruhig vor dem Felsen auf und ab,
ein grausamer und schrecklicher Belagerer. Gardner sah in ihre kalten,
kleinen Augen und zitterte vor dem intelligenten und unversöhnlichen
Haß, der darin flammte.
Als er sich soweit erholt hatte, um seine Lage zu überdenken, mußte
er zugeben, daß sie nahezu verzweifelt war. So weit er auch nach
den Seiten und nach oben die Klippen abfühlte, fand er keine Zacke
und keinen Griff, mit Hülfe deren er hoffen konnte, die Spitze
des Felsens zu erklettern. Wie lange sein rachsüchtiger Feind die
Belagerung fortsetzen würde, konnte er nicht beurteilen. Aber wenn er
bedachte, wieviel Leid er ihm zugefügt hatte, wie sachlich seine Art
der Belagerung war und wie furchtbar die Wut seines Angriffs, hatte
er wenig Anlaß, zu hoffen, daß er seinen Posten bald verlassen würde.
Er wußte, daß die Orca in diesen belebten Wassern reichliche Nahrung
finden würde. Aber so reich dies Meer auch an tierreichem Leben war,
wußte er doch, daß ein Schiff hier nur selten auftauchen würde. Die
Küstenschooner mußten hier einen weiten Bogen machen, der unsichtbaren
Riffe und unterirdischer Strömungen wegen. Seine Insel war sicher nur
eine halbe Meile weit vom Strand, unter gewöhnlichen Umständen für ihn
eine leichte Schwimmübung. Aber selbst wenn der Belagerer ihn verließ,
hatte er keinen Schutz gegen die Gier der riesigen Haie, die in diesen
Insel-Kanälen ihr Wesen trieben. Er war der vollen Glut der Sonne
ausgesetzt -- der Felsen fühlte sich unter seinen Händen schmerzhaft
heiß an -- und so fragte er sich, wie lange es dauern würde ... Bald
würden seine Beine unter dem Gewicht des Körpers einknicken, er würde
vorwärts torkeln, direkt in den Rachen seines lauernden Feindes. Dann
beruhigte er sich über diese Gefahr, denn er bemerkte plötzlich, daß
die Sonne bald hinter seinem Riff verschwinden und ihn im Schatten
lassen würde. Was die Hitze anbetraf, konnte er es also bis zum
nächsten Morgen ruhig aushalten. Aber dann? Blieb das Wetter schön, wie
sollte er dann die unerträglich lange Glut des Vormittags überstehen,
ehe die Sonne zum zweiten Mal hinter der Klippe verschwand? Er begann,
um Sturm und undurchdringlichen Nebel zu beten. Aber dabei hielt er
plötzlich inne, es wurde ihm bewußt, in welcher Klemme er war. Kam ein
Sturm, dann war zu dieser Jahreszeit anzunehmen, daß es ein Südost war;
in diesem Falle würden die ersten brandenden Seen ihn von seinem Sitz
herunterwaschen. So beschloß er endlich, sein Gebet ganz allgemein zu
halten und der Vorsehung keine zweifelhaften Ratschläge zu geben.
Unwillkürlich kramte er in seiner Tasche herum, zog ein Paket
durchnäßten, triefenden Tabaks nebst einer Büchse nasser Streichhölzer
hervor. Unter den Streichhölzern waren ein Paar Wachszünder, und er
hatte eine dürftige Hoffnung, daß er sie nur sorgfältig zu trocknen
brauchte, um vielleicht einen Funken zu schlagen. Er breitete sie mit
dem Tabak auf den heißen Stein zwischen seinen Füßen. Seine Pfeife
hatte er bei der Katastrophe verloren, aber in seiner Tasche fanden
sich Briefe, und mit diesen, die er gleichfalls trocknen wollte, konnte
er sich vielleicht Zigaretten drehen. Das Unternehmen gab ihm etwas zu
tun und half ihn so über den endlosen Nachmittag hinweg. Zuletzt aber
mußte er feststellen, daß keins der Wachshölzer ihm einen Funken geben
würde. Aergerlich warf er die nutzlosen Ueberbleibsel in's Meer.
Ganz unerwartet kam die Nacht, wie immer in diesen Breiten, und das
Mondlicht verzauberte die langen Wellen in leuchtendes Glas. Die
ganze Nacht über schwamm die Orca vor dem Felsen auf und ab, bis die
Eintönigkeit ihrer Bewegung den Gefangenen hypnotisierte, daß er
seine Augen gegen die Felsspitze richten mußte, um dieser Hypnose
zu entgehen. Seine tötliche Angst war, er könnte in seiner Schwäche
einschlafen und aus der Grotte herausfallen. Die Beine wurden ihm
schwer, aber in der Nische war kein Raum, sich niederzusetzen, oder
auch nur einigermaßen bequem zu kauern. In seiner Verzweiflung
entschloß er sich endlich, seine Beine über den Felsen herunterbaumeln
zu lassen, wo die Feindin sie freilich erschnappen konnte, wenn sie
wieder einen ihrer wilden Luftsprünge wagte. Sobald er sich bewegte,
schwamm sie näher und starrte ihn mit unverändertem Haß an. Aber sie
versuchte nicht, ihren Luftangriff zu wiederholen. Gardner nahm an, daß
sie zu einem zweiten Zusammenprall mit dem Felsen keine Lust hatte.
Endlich erschöpfte sich diese endlose Nacht. Der Mond war schon lange
hinter der Klippe verschwunden, der samtne Purpur des Nebels wurde
dünn, die Sterne erblaßten. Dann erwachte der unendliche Glanz eines
wolkenlosen tropischen Morgens über der See, die schimmernde Fläche
des Wassers schien sich der Sonne entgegenzuwerfen. Gardner riß seine
letzte Kraft zusammen, um die Feuerprobe zu bestehen, die jetzt auf ihn
wartete.
Um sich auf diese Feuerprobe vorzubereiten, zog er seinen leichten Rock
aus und heftete daran ein Stück Bindfaden, das sich in seinen Taschen
fand. Dann warf er den Rock hinab und tauchte ihn tief in's Wasser. Die
Orca schnellte vor, um zu sehen, was er tat, aber er zog den triefenden
Rock wieder empor, ehe sie ihn schnappen konnte. Dieser Einfall war
beinahe eine Offenbarung, denn indem er seinen Kopf und Körper feucht
hielt, hätte er der Hitze länger trotzen können und vielleicht auch die
äußersten Qualen des Durstes mildern.
Ein gütiges Schicksal hatte es jedoch gewollt, daß seine Prüfung bald
zu Ende ging. Es war vielleicht 9 Uhr morgens, da klang irgendwo
hinter der Insel ein gleichmäßiges, gedämpftes Tschug, Tschug,
Tschug, Tschug, für Gardners Ohren die göttlichste aller Melodien. Im
Augenblick hatte er sein weißes Hemd über den Kopf gezogen und hielt es
in zitternden Händen. Ein Augenblick verging und es kam eine mächtige
vierzig Fuß lange Motorbarke in Sicht. Sie war kaum hundertfünfzig
Meter weit fort und machte gewaltigen Lärm, aber Gardner schrie wie ein
Wilder und schwenkte sein Hemd in die Luft, bis es ihm glückte, ihre
Aufmerksamkeit zu erregen. Sie nahm die Richtung auf seinen Felsen,
aber gleich darauf setzte der Motor aus und die Barke schwenkte wieder
zur Seite. Der Führer hatte gesehen, daß Gardner belagert war.
Es waren drei Mann in der Barke. Einer rief den Gefangenen an.
»Was gibt's?« fragte er kurz.
»Ich habe gestern dem Biest sein Kalb geschossen!« rief Gardner zurück.
»Es hat mein Boot zerschlagen und mich auf diesen Felsen gejagt.«
Einen Augenblick war Schweigen in der Barke. Dann sagte der Kapitän:
»Wenn einer was erleben will, braucht er sich nur mit einem Mordwal
einzulassen.«
»Ich bin auch schon darauf gekommen, daß es eine Dummheit war,« gab
Gardner zur Antwort. »Aber es war gestern morgen, und jetzt bin ich
fertig. Kommt her und nehmt mich auf.«
Auf der Barke wurde Rat gehalten. Die Orca setzte ihren Patrouillengang
vor dem Felsen fort, als wäre so ein Ding, wie ein vierzig Fuß langes
Motorboot, nicht der Mühe wert, sich darum zu kümmern.
»Du mußt noch ein bißchen länger zappeln!« schrie der Kapitän. »Wir
gehen in den Hafen zurück und holen eine Walfisch-Kanone. Wir haben
eine schwere Büchse an Bord, aber es hat keinen Sinn, sie damit zu
ärgern. Denn wenn der erste Schuß nicht richtig sitzt, macht sie in
zehn Minuten Brennholz aus unserem Boot. In einer Stunde sind wir
wieder zurück, hab' keine Angst.«
»Dank!« sagte Gardner, und in einem weiten Bogen verschwand die Barke
hinter der Insel.
Diese eine Stunde schien dem Gefangenen entsetzlich lang. Er hatte
Zeit, seine kühltropfende Jacke zu segnen, ehe er wieder das Tschug,
Tschug, Tschug des Motors hinter seinem Kerker hörte. Diesmal hielt
das Boot, kaum daß es in Sicht war, geradewegs auf die Orca. In seinem
Bug, der anmutig über die Wellen tanzte, bemerkte Gardner eine seltsame
Kanone -- eine Art Elefantenbüchse auf drehbarer Lafette. Jetzt nahm
die Orca Notiz von der Tatsache, daß das Boot direkt auf sie hielt.
Sie unterbrach ihr ruheloses Patrouillieren und schien zu überlegen,
ob sie das Boot angreifen sollte oder nicht. Die Schrauben arbeiteten
rückwärts, bis die Barke zum Stillstand kam, und der Kapitän am Bug
richtete die Waffe. Es war ein mächtiger Knall. Das See-Ungeheuer warf
sich halben Leibes aus dem Wasser und fiel mit gewaltigem Klatschen
wieder zurück. Eine Sekunde lang tobte es wie irrsinnig im Halbkreis,
prellte dann mit dem Kopf gegen die Klippe und sank dann, zwei Faden
tief, auf ein zackiges Riff.
»Ist es tief genug, um herunterzuspringen?« fragte der Kapitän, als die
Barke langsam beidrehte.
»Reichlich,« sagte Gardner, schwang sich steifbeinig aus seiner Grotte
und kletterte die Felsen hinab.
Eindringlinge
Der See war halb ausgetrocknet. Sein weiter Spiegel lag unbewegt unter
widerstandslos brennender Sonne, ein mattes, rauchiges Orange, in das
der Widerschein der Wolken grüne Lichter warf. Sein fernes westliches
Ufer, mit niederen Fichten bestanden, hing zackig und schwarz gegen die
Wolken. Sein östliches Ufer lag, fernher schimmernd, glatt und nackt.
Nur ein Dickicht aus Weiden und Pappeln zeichnete die Mündung eines
dort einfließenden Stroms. Alles kam zusammen, ein Bild unbeschreiblich
trauriger Schönheit zu bilden: fließend düstere Farben, die
Leblosigkeit des umragenden Horizonts, die matte Ruhe der Wasserfläche.
Plötzlich erschien ein schwarzer Punkt -- nein zwei schwarze Punkte
waren es -- im Bleiglanz des Seespiegels, die sich aus dem Dunkel des
westlichen Ufers gelöst hatten. Seite an Seite schoben sie sich rasch
durch die Flut, brachen mit langen, sanft verlaufenden Kräusellinien
eine Straße zum Mittelpunkt des Sees. Die glühende Sonne verriet, daß
diese beiden Punkte die Köpfe schwimmender Elentiere, einer Kuh und
eines Bullen, waren. Bis auf die dunklen, ungeschlachten, aber schönen
Köpfe, deren lang ausgreifende Schnauzen durchs Wasser schnitten, waren
ihre Körper ganz bedeckt. Die gewaltigen Geweihe des Bullen lagen
flach auf dem Seespiegel über unsichtbaren, machtvoll arbeitenden
Schultern. In den Augen des Tierpärchens lag eine fragende Angst,
gepeinigte Wildheit wie vor einer Panik. Dieser Ausdruck berührte
seltsam in den Augen der stolzen Herren der Wildnis, die gerade in
dieser Jahreszeit, wenn die riesigen Bullen brünstig sind, alle Kreatur
ringsum zum Kampfe fordern. Aber über sie war die einzige Angst, die
beugen konnte, plötzlich gekommen: die Angst vor dem Unbekannten. Das
Pärchen hatte sich gerade auf dem offenen Landstreifen zwischen dem
Kiefernwald, durch den es wechselte, und dem Ufer, an dem es badete
und Lilienwurzeln fraß, aufgehalten, als die Angst mit aller Gewalt
über sie kam, sie in den gelben Spiegel des Sees jagte, am anderen Ufer
Zuflucht zu suchen. Wovor sie flohen, wußte keines. Seit Tagen schon
war die Kuh unruhig, der Bulle zornig und mißtrauisch. In der Luft lag
die Ahnung einer dunklen, neuen Gefahr, die unwiderstehlich näher kam.
Durch irgendeine mystische Fernwirkung war diese Angst aus Staunen,
Furcht und Entsetzen des kleineren Wilds in die Nerven der großen,
sonst unerschütterlichen Elentiere übergesprungen.
Im Glanz dieses Oktobermorgens war das Geheimnisvolle nahgerückt --
war fühlbar geworden, ohne daß es aufgehört hätte, ein Geheimnis zu
sein. Als die Kuh allein am Ufer stand und ihrem Gefährten rief, machte
der Gedanke sie zittern, irgend etwas Anderes, Unbekanntes, nicht ihr
Männchen, könnte dem Schrei ihrer Sehnsucht folgen. Der Bulle kam dann
plötzlich, wachsam, geräuschlos, als fürchte er einen Hinterhalt oder
eine schreckliche Ueberraschung. Wie ein Schatten war sein stolzer,
schwarzer Körper an ihrer Seite, indes ihre Schreie noch durch die
Stille nachechoten.
Während die Beiden ihre zarten, liebenden Schnauzen eng
aneinanderlegten, war ein Rotbock aufgesprungen, entsetzt, aber
unentschlossen, wohin er fliehen sollte. Die Beiden starrten ihm nach,
als wäre der gewohnte Anblick eines rennenden Bocks plötzlich ein
Ereignis geworden. Der seltsame Schrecken, den der Bock erregt hatte,
war kaum vergessen, als ein Fuchs eilig aus den Büschen brach. Als er
das Elenpaar, ganz ineinander versenkt, schwarz und geheimnisvoll, am
Ufer stehen sah, nicht achtend, welche Augen es sehen könnten, kam
der Fuchs angeschlichen und setzte sich, ein Dutzend Schritte fern,
abwartend auf seine Keulen. Seine klugen Augen waren voll Erwartung,
als bilde er sich ein, ihr sorgloses Vertrauen bilde eine Zuflucht, die
ihm selbst Rettung war. Zu anderer Zeit hätte das stolze Liebespaar
seine Annäherung zornig abgewiesen, aber heute erwiderten sie seinen
fragenden Blick mit noch größerer Angst. Aus ihren Augen schloß der
Fuchs, daß auch hier keine Hilfe warte. Unruhig spähte er über seine
Schulter ins Fichtendunkel, aus dem er gekommen war, kam langsam auf
seine Füße und trottete zum Wasser hin. Mit gespanntem Blick folgten
ihm die Beiden, sahen, wie sein Trott in den Galopp verzweifelter
Flucht überging, bis er den Schutz des Walddickichts gefunden hatte.
Der Anblick so plötzlicher Panik an einem Tier von der Klugheit des
Fuchses nahm ihnen die letzte Nervenkraft. Viele Füchse hatten sie
gesehen, doch keinen, der sich so benahm. Was hatte er von ihnen
gewollt? Warum hatte er sie so forschend angesehen? Und warum war er
geflohen?
Zitternd drängten sie sich aneinander, starrten in die dunkle
Wildnis, in der der Fuchs verschwunden war. Dort war auch ihr Heim,
ihr sicheres, wohlbekanntes Versteck, dem sie kein Vertrauen mehr
schenkten. Welcher Verrat mochte sich in den schweigenden Schatten
vorbereiten?
So scharf die Augen der Elentiere waren, sie entdeckten nichts.
Plötzlich aber fingen ihre großen Ohren, weither, durch unendliches
Schweigen den Widerhall eines geisterhaften Lautes. Vielleicht war
es das Schleichen vieler Füße. Dann sahen sie aus den Tiefen ganz
schwarzer Waldschatten ein Grün leuchten, ein Züngeln blasser Feuer,
vielleicht das Glühen fremder Augen. Endlich kam eine Brise aus dem
Forst, so leicht, daß sie kaum die langen Zotteln an des Bullen Hals
bewegte. Sie trug eine Witterung, die ihnen fremd, aber unbeschreiblich
drohend war. Vor diesem letzten Zeichen von Gefahr zerbrach ihr
Widerstand völlig. Zitternd drückten sie sich, immer Seite an Seite ins
Wasser. Die Augen in den Forst versenkt, schwammen sie ins Leuchten
hinaus.
* * * * *
Acht riesige Wölfe zählte das Rudel, dazu einen, der kleiner und
zarter gebaut war, der aber trotzdem einen gewissen Einfluß auf seine
Kameraden hatte. Die acht waren so ungeschlachte Gesellen, wie man
sie in der östlichen Wildnis nicht erwartet hätte. Sie stammten vom
gewaltigen Alaskawolf ab, hatten lange Rachen und lange Flanken, einen
breiten Schädel, schwere Schultern, und jeder von ihnen war stark
genug, die Kehle einer Elenkuh mit einem einzigen Biß zu zerreißen.
Mit der Ausnahme eines Einzigen hatten sie jedoch niemals Alaska noch
ein Elen gesehen, auch nicht die wilden Ströme, die nordwärts rollten,
noch die unbegrenzten Felder vereisten Schnees. Sie waren südlich vom
St. Lorenzstrom geboren, und auf der Suche nach weiteren Einsamkeiten,
als ihre Heimat sie bot, kamen sie nordostwärts gezogen. Auf seltsame
Art hatte diese große und kampftüchtige Gesellschaft sich mitten im
kultivierten Osten gebildet.
In einem Dorf in Nord-Vermont war vor Jahren ein großer, grauer Wolf
aus einer reisenden Menagerie entsprungen, war tagelang mit Toben
und Brüllen gehetzt worden. Aber er war klug. In seinem langen und
unermüdlichen Galopp hatte er sich nicht einmal unterbrechen lassen,
ehe zwischen ihm und seinen Verfolgern viele Meilen lagen und er einen
Forst fand, der wild genug schien, ihn zu verbergen. Hier hatte er in
weiser Zurückhaltung nur Rehe und Hasen gejagt, aber nie ein Geschöpf
belästigt, das er unter dem Schutz des Menschen glaubte. Dank dieser
Vorsicht ahnte kein Mensch sein Dasein. Später begegnete er, nahe dem
Dorfe, einer langschnauzigen, wolfsähnlichen Bastardhündin, die er
bewog, ihren Herrn zu verlassen und sein wildes Leben zu teilen, nach
dem sie immer Sehnsucht empfunden hatte. Treu hatte sie an seiner Seite
gejagt und ihm zwei Junge geschenkt, schwerknochige Welpen, die stark
und wild wie ihr Erzeuger wurden, aber nicht vorsichtig wie er, sondern
wild und unbezähmbar in ihren Trieben. Sie gehorchten ihrem Vater und
Herrn, weil sie ihn fürchteten und seine Ueberlegenheit anerkannten,
sie achteten das heiße, zähe Temperament ihrer schlanken Mutter. Als
aber die Zeit verging und das Wild seltener wurde, ließen sie sich
nicht zurückhalten, um die Dörfer zu streifen, und so zogen sie die
Aufmerksamkeit der Menschen auf sich. Als ein paar junge Pferde und
viele Schafe ihr Opfer geworden und einige unschuldig in Verdacht
geratene Hunde erschossen waren, rief der weise Alte sein Rudel
zusammen und führte es ostwärts.
Die Reise war lang und von Gefahren umdroht. Manchmal gab es wenig
Wild, und das Rudel lernte den Hunger kennen. Manchmal fanden sie kein
waldiges Land, um ihre Reise zu verbergen, manchmal, wenn sie gezwungen
waren, sich an der Herde irgendeines Dorfes zu vergreifen, schwärmten
die Bauern mit Hunden und Flinten und Flüchen gegen sie aus, daß die
Vorsicht des Alten begründet war. So erreichten sie endlich die wilden
Gebiete der sicheren Tannenforste, der Seen und wilden Wasserstürze,
die Grenzen von Maine, mit Neu-Braunschweig und Quebeck. Auf dieser
Reise hatten sie Gehorsam und Vorsicht gelernt.
Nie hatte diese Wildnis in ihren schrecklichsten Träumen eine
Heimsuchung wie dies Rudel geahnt. Keine Erinnerung an irgendeine
Plage wie diese lebte in den Pelz oder Federn tragenden Bewohnern
der östlichen Wildnis. Von Wölfen hatte man überhaupt nur eine Art
dunkler, ererbter Ueberlieferung, und da handelte es sich nur um die
kleinen, östlichen Nebelwölfe, die wohl tapfere Jäger, aber kaum
einen Alp bedeuteten. Kein Bär oder Renntier hatte sich jemals um den
Nebelwolf gekümmert, der seit einem halben Jahrhundert hier nicht mehr
aufgetaucht war. So entstand die Panik, so kam es, daß lange Zeit kein
Geschöpf dieser Region den Weg der Eindringlinge kreuzte.
Das Land, in das sie eindrangen, beherbergte Bären, und es war
unvermeidlich, daß das Rudel mit ihnen zusammenstieß. Eines Tages
streiften sie geräuschlos auf der frischen Spur eines Rehes --
geräuschlos, wie der weise Führer es sie gelehrt hatte --, da stießen
sie plötzlich auf ein großes, schwarzes Tier, das mitten in der Rehspur
stand und einen verfaulten Baumstumpf absuchte. Sie hielten, bildeten
einen Halbkreis, das Fell auf ihren starken Nacken und Schultern
sträubte sich wie Bürsten.
Der Bär schien gleichfalls überrascht. Ein alter, mißlauniger
Einzelgänger, hatte er vom Einzug der schrecklichen Bastarde weder
etwas gehört noch gespürt, hätte sich auch kaum um ihr Erscheinen
bekümmert. Er war kein Opfer nervöser Panik. Sich umwendend, um den
Eindringlingen sein Gesicht zu zeigen, hockte er sich auf die Keulen,
brummte aus tiefer Kehle, hob eine große Tatze mit langen, scharfen
Krallen und blickte seine Gegner furchtlos an. Er war zu jedem Kampf
bereit, aber ebenso bereit, Frieden zu halten, wenn man ihm seine Ruhe
ließ. Ameisen, Käfer, Beeren und verrottete Baumstämme waren ihm zu
wichtig, als daß er Kampf um Kampfes wegen gesucht hätte.
Die Wölfe waren nicht hungrig und fühlten, daß der Bär keine leichte
Beute war. Unentschlossen warteten sie ab, ob ihr Führer ein Zeichen
zum Angriff gäbe. Der aber saß mit hängender Zunge im Mittelpunkt
der Schlachtreihe und zeigte keine Hast. Er studierte den Feind; als
begabter Feldherr besaß er das Talent, abzuwarten. Dieses Talent
fehlte dem Bären. Als er zu wissen glaubte, daß die hageren Fremden
seine Waldkäfer-Jagd nicht stören wollten, wandte er sich wieder
dem Baumstamm zu und spaltete mit einem Griff seiner großen Tatze
einen ganzen Block. In diesem Augenblick stieß das kleine, schneidige
Bastardweibchen wie eine Schlange vor und schnappte nach seinen
Hinterfüßen, um ihm die Sehne zu zerreißen. Mit solcher Leichtigkeit
und Schnelligkeit aber drehte er sich und schlug nach ihr, daß sie
kaum ein Maul voll Pelz in den Zähnen hielt und dem furchtbaren Schlag
mit genauer Not noch entging. Daß sie ihm nicht ganz entkommen war,
bewies ein langer, blutiger Riß an ihrer Seite. Im Augenblick war
das ganze Rudel zum Angriff übergegangen. Als der Leiter aber seine
Gefährtin gerettet sah, rief er die wilde Brut wieder zurück. Die
Jungen gehorchten, denn sie sahen jetzt, mit welcher Art Feind sie es
zu tun hatten. Nur einer von ihnen war schon zu weit vorgedrungen. Ein
sausender Schlag hatte ihn vor die Brust getroffen, warf ihn mitten
unter seine Brüder, zerbrochen das Genick, zerfetzt die Gurgel. Als er
zuckend und geifernd lag, kam der Vater zu raschem Entschluß. Solange
gewöhnliches Wild in der Nähe war, schien es zwecklos, das Rudel auf
einen so gewaltigen Gegner zu hetzen und schwere Opfer zu bringen. Mit
scharfem Befehl rief er sein Volk zusammen, führte es im Lauf seitab
und nahm die Spuren des Rehs wieder auf. Den Leichnam ließ er zurück,
gleichgültig, was aus ihm werden mochte. Der Bär sah ihnen zornig nach,
bis sie außer Sicht waren. Dann wandte er sich zu dem toten Körper,
beschnüffelte ihn, drehte ihn mit der Tatze um und kehrte endlich zu
seinen Käfern zurück. Wolf oder Hund war nicht nach seinem Geschmack.
Das Rudel machte indes erregt und zornig seine Beute. Ueber dem warmen
Wildpret vergaß es sein mißlungenes Abenteuer, der verlorene Bruder
war bald vergessen. Immerhin war man um eine Lehre reicher.
Ein paar Tage später kamen die Wölfe zum sonnendurchglühten See, aus
dem dunklen Schatten der Tannen sahen sie voll Verwunderung die ersten
Elentiere ihres Lebens.
Vor kurzem noch hätten die Wölfe diese ungeschlachten Gestalten als
eine Art übertrieben großen Rehwildes betrachtet und sich ohne Zaudern
an die Verfolgung gemacht. Jetzt aber erinnerten sie sich des Bären.
Sie trauten diesen beiden hochschultrigen Geschöpfen nicht, ihren
gespaltenen Hufen und ihren nichtssagenden Gesichtern. So warteten sie
auf das Zeichen ihres Führers, und der Führer war auch diesmal nicht
eilig, es zu geben.
Welch unerwartete Kräfte mochten in diesen Riesen stecken, die dem
gewöhnlichen Wild so ähnlich und doch so unähnlich waren? Als die
beiden Elen jedoch, von dem Unsichtbaren geängstigt, ins Wasser gingen,
durch die orangegelbe Flut schnitten, entschloß er sich, sie als
Jagdbeute zu betrachten.
Allein zog er auf Kundschaft aus, bis er bestimmt wußte, wohin das Paar
sich gewendet hatte. Als dann der kürzeste Weg gefunden war, kehrte er
in den Waldschatten zurück, und einen Augenblick später war das Rudel
in voller Hatz.
Die Elentiere hatten das andere Ufer erreicht, machten aber noch keinen
Halt. In ihrer fiebrigen Angst setzten sie schwarz und triefend den
Marsch fort -- wenn ein Elentier einmal läuft, läuft es lange. In ihrem
weit ausholenden scheinbar mühelosen Trott, der aber Meilen frißt,
folgten sie ihrer Angst, bis der Orangeschimmer weit hinter ihnen
lag, das schwach bewaldete Hinterland sie aufnahm. Sie hatten nur
einen Zweck -- sich vor den grünen Augen, den schleichenden Schritten
im Tannenwald zu retten. Daß ihr Weg sie geradezu in den Bann dieser
grünen Augen und schleichenden Schritte führte, ahnten sie nicht.
* * * * *