Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrter Text ist +so dargestellt+.
Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
Buches.
[Illustration]
GESTALTEN
DER WILDNIS
CHARLES G. D. ROBERTS
GYLDENDAL'SCHER VERLAG A. G. BERLIN
Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen von +Balder Olden+.
Umschlag- und Titelzeichnung: +A. Behrmann+ und +G. Kirchbach+.
Zeichnungen im Text von +K. Hansen-Reistrup+.
Alle Rechte vorbehalten.
1921
Druck: Gyldendal'scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei
Berlin SW 68
INHALT
Seite
Wie der »Oberst« zu Gallaghers kam 7
Der See-Tiger 25
Eindringlinge 42
Ismael in den Schierlingstannen 57
Ein Jahr ohne Kaninchen 71
Unter gespenstischen Lichtern 86
Stromfahrt durchs Feuer 101
Mütter des Nordens 122
Ein bedrängter Hausvater 132
Puck im Zwielicht 150
Schläfer im Schnee 164
Wie der »Oberst« zu Gallaghers kam
Die Mannschaft in Gallaghers Lager war nur klein. Acht Paar Fäuste
außer Boß und Koch.
Die weitabgelegene und eng begrenzte Waldfläche, die sie abzuholzen
hatten, lag in dem Tal, in dem der wilde Ottanoonstrom aus einem Teich
entspringt. Aus unerforschlichen Gründen haben die Holzfäller es
das »Zwei-Seen-Tal« genannt. Heute, es war heiliger Abend, war viel
Unzufriedenheit im Lager, die der große Tim Gallagher, der wohlwollende
Boß, nicht beruhigen konnte. Selbst Jimmy Dillyhunt, der findige Koch,
wurde ihrer nicht Herr, so beredt er auch den Plumpudding schilderte,
den er für morgen vorbereitete. Einen Plumpudding mit viel Rosinen,
der in heißer, würziger Sauce dampfte! Was die Jungens brauchten, war
frisches Fleisch. Das ewige: Salzfleisch, Pökelfleisch, Salzfleisch,
Pökelfleisch hatten sie satt bis zum Hals. Sie hatten für Weihnachten
auf Gänsebraten gerechnet und zwar auf viel. Und wenn es nicht Gans
war, dann frischen Rostbraten, recht blutig und saftig und braune Sauce
dazu, soviel, daß die Kartoffeln drin schwammen.
Und jetzt wieder Pökelfleisch! Anscheinend gab es davor kein Entrinnen.
Der kleine Pat Nolan brachte das Empfinden Aller zum Ausdruck, als er
brummte:
»Wenns nicht eine Sünde wär', möchte ich sagen, daß ich Schweine hasse!
Ich habe soviel davon im Bauch, daß ich im Schlafen schon grunze!«
Der Boß hatte keine Schuld, noch viel weniger Jimmy Dillyhunt. Ein ganz
unerwarteter Schneefall, Sturm auf Sturm, Orkan auf Orkan hatten die
Waldwege plötzlich so tief vergraben, daß man aus den weitabgelegenen
Bauernhöfen keine frischen Vorräte beziehen konnte. Wann diese Vorräte,
frisches Fleisch und Gemüse, die Zufriedenheit und gute Laune in den
Holzfällerlagern erhalten, zu beschaffen waren, wußte niemand.
Um die Geschichte noch schlimmer zu machen, waren die großen
Seeforellen, die das Jahr zuvor noch den Zwei-Seen-Teich bevölkerten,
durch eine Bande von Dynamitwilderern glatt ausgerottet worden. Um
allem die Spitze aufzusetzen, waren Elen und Renntier anscheinend in
Geschäfte verwickelt, die sie irgendwo anders festhielten. Während der
letzten vier oder fünf Tage waren zwei der Männer immer unterwegs,
um ein Elen oder Renntier zu schießen oder vielleicht einen Bären im
Winterschlaf zu erlegen. Aber nicht ein armseliges Kaninchen hatten sie
nach Hause gebracht.
An diesem Nachmittage also hatten die Burschen zeitig aufgehört zu
arbeiten, um den heiligen Abend zu feiern und sich recht bequem
und behaglich ihrem Mißvergnügen zu überlassen. Um den warmen Ofen
gelagert, oder schlemmerhaft in die Koje verkrochen, verwandten sie
alles was sie an Geist besaßen, darauf, Tim Gallagher, den Boß, zu
necken, oder auf dem fleißigen und vielgeplagten Jimmy Dillyhunt herum
zu hacken.
Mit dieser Art Zeitvertreib schafften sie sich ein bißchen Aerger
vom Herzen. Es war wirklich unterhaltend, zu sehen, wie Jimmy
sich beim Brotkneten in Hitze bringen ließ, wie er endlich sein
mehlverkleistertes Gesicht zeigte und schreckliche Beleidigungen
gegen die Vorfahren seiner Gegner ausstieß, oder wie er die beiden
teigigen Fäuste hob, auf und ab sprang und jeden seiner Quäler zum
blutigen Boxkampf herausforderte. Da Jimmy nicht nur ein erstklassiger
Boxer, sondern vor allem ein mehr als vorzüglicher Koch war, wurden
diese Kämpfe aber immer in elfter Stunde durch eine Entschuldigung
verhindert. Man durfte es nicht zulassen, daß ein Koch wie er sich
ernsthafter Gefahr aussetzte.
Der Boß seinerseits wurde aus zwei gewichtigen Gründen niemals wütend.
Erstens war er verträglich und liebte es, wenn die Jungens ihren
Spaß hatten, selbst auf seine Kosten. Außerdem hatte kein Mensch die
Absicht, ihn wirklich zu ärgern. Es war eine weit verbreitete und tief
begründete Ueberzeugung: wenn Tim Gallagher wirklich einmal wütend
würde, wäre es für jemand sehr unangenehm -- und dieser jemand würde
nicht Tim sein.
Wenn also wirklich einmal (es geschah nicht oft) die Neckerei der
Jungens ihm unangenehm wurde, legte der Boß sein verwittertes Gesicht
in gewisse Falten, und sofort verlor selbst Eph Babcock jeden
Stachel. So sehr auch Tim Gallaghers Autorität angetastet werden
konnte: es genügte, daß er ein ernsthaftes Gesicht machte, sie wieder
aufzurichten. An diesem heiligen Abend aber fanden die Burschen, obwohl
sie nur ins Lager gekommen waren, um zu schimpfen, daß selbst Schimpfen
und Jimmy ärgern seinen Reiz verlor. Der lange Eph und Evan Morgan, die
an diesem Morgen gejagt hatten, waren mit leeren Händen zurückgekommen.
Alles versank in Melancholie. Sie fingen an, zu besprechen, was sie
gern zu essen hätten, wenn Tim Gallagher sie nicht so kurz hielte, und
wenn sie einen Koch hätten, dessen Kopf keine Teigkugel wäre.
»Der Teufel hole deinen Plumpudding, Jimmy,« sagte der lange Eph, und
dann fiel ihm ein, daß Jimmy Dillyhunt französischer Abstammung war.
»Gib uns was von deiner patty dee foy grass, oder Froschragout.«
»In dem Topf, den ihr kriegt, ist sowas drin,« antwortete Jimmy in
einem Englisch, das kein bißchen ausländisch klang.
»Was ich möchte,« murmelte Pat Nolan in einem Ton von Verklärung, »das
wäre gebratener Truthahn mit Trüffeln und Austern, wie wirs damals in
Frederikstown hatten. Ob ich sowas je wieder in die Futterlade bekomme?«
Bei dieser Vorstellung litt jeder Tantalusqualen, und sogar der Boß
schimpfte: »Hör auf, Pat!«
»Jungens,« schrie Evan Morgan mit einem seligen Blick in den Augen, so
wie seine Waliser Vorfahren dreingeschaut haben müssen, wenn sie unter
den Türmen von Harlech dem Klang der Harfen lauschten -- »Jungens,
hat je einer von euch so einen saftigen Bärenschinken gegessen, einen
Bärenschinken mit Blaubeeren?«
»Meinst du, du allein,« schimpfte Sam Oulton aus seiner Koje mit einer
Stimme, die unter den Qualen der Erinnerung giftig klang.
»Sei gut, Sammy,« ulkte Eph Babcock, der lange Mann aus Androscoggin,
»häng heut Nacht deine Strümpfe 'raus. Wenn sie nicht schmutzig
sind, kommt vielleicht der heilige Nikolaus und wirft dir ein Stück
Bärenschinken 'rein.«
Der schwere Körper des Boß, der gleichgültig auf der Ofenbank lungerte,
saß plötzlich kerzengerade da. Gallagher hatte ein scharfes Ohr, und er
hörte nicht auf das Geschwätz seiner Leute.
»Aufgepaßt, Jungens,« sagte er, »irgend jemand kommt!«
Durch den Schnee vor dem Tor kamen Schritte, schwer, aber schlürfend
und unsicher.
Daß ein Besucher, ein einsamer Fußgänger in dieser Jahreszeit den Weg
zu einem so abgelegenen und einsamen Lager wie dem Gallaghers fand,
war etwas Unerhörtes. Die Holzfäller sind meistens abergläubisch.
Sie dachten sofort an den Klabautermann oder an ein schreckliches
Schneegespenst. Das Haar stand ihnen zu Berge, totstill wurde das Lager.
Aber Eph Babcock war in erster Linie neugierig. Obwohl auch er
abergläubisch war, hätte er der Abwechslung halber selbst Beelzebub
willkommen geheißen. Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Pat Nolan lag
es auf den Lippen, zu schreien: »Geh' nicht!« Aber er beherrschte sich.
Eph stieß die Tür weit auf.
Im nächsten Augenblick lief er mit einem halbunterdrückten Schrei
zurück und langte nach seinem Gewehr, das an seiner Bettstelle lehnte,
gerade hinter dem Sitz des Boß.
Schnurstracks in den Raum, geblendet vom Lampenlicht, aber nicht
erschreckt durch den Anblick menschlicher Gesichter, kam mit wiegendem
Schritt ein riesiger schwarzer Bär.
Als er das Ende des langen Tisches erreicht hatte, hob sich der
seltsame Gast auf die Hinterfüße und so stand er da, eine mächtige
Gestalt wie Tim Gallagher, die großen Pelzpfoten demütig über der
breiten Brust gekreuzt. Flehend blickte er um sich, dann begann er zu
keuchen wie ein Motor, denn in der rauchigen Luft fing seine Nase einen
rätselhaften, aber im ganzen höchst erfreulichen Duft auf.
Jimmy Dillyhunt ließ sein Taschenmesser einschnappen und kroch
bescheiden hinter seinen Kochherd. Er empfand, wie wertvoll das Leben
eines Kochs war. Die übrigen Burschen, die natürlich nicht erschrocken,
aber beim Erscheinen eines gänzlich Fremden in ihrer Mitte etwas
verlegen waren, hatten sich im Augenblick höchst bescheiden in ihre
Kojen zurückgezogen. Alle, außer Evan Morgan. Der konnte sie nicht
erreichen und stand deshalb sehr aufrecht und respektvoll, kein bißchen
herausfordernd, in der nächsten Ecke -- das heißt, in der Ecke, die für
ihn die nächste war, nicht für den Bären. Alle Aexte waren draußen,
und die einzigen Flinten, außer der Eph Babcocks, standen in der Tür
unmittelbar hinter dem Bären. Evan Morgan sah sie nachdenklich an, aber
sie schienen ihm zu weit weg. Nur der Boß war nicht überrascht. Er
behielt seinen Platz und betrachtete kaltblütig den Gast.
Vielleicht zehn Sekunden lang stand der Bär bewegungslos und schien
den überraschten Augen in diesem Kreis größer als ein Elefant. So
still war es, daß das Rascheln einer Maus im Dach wie Gepolter klang.
Einen Augenblick sah der Bär bestürzt aus. Dann fielen seine Augen auf
einen großen Blechtopf, der nahe vor ihm auf dem Tisch stand. Vor zwei
Minuten noch war der Topf voll dampfender Bohnen gewesen, die Jimmy
gerade in ein anderes Gefäß geleert hatte. Jetzt war außer ein paar
Bohnen nur der verführerische Duft zurückgeblieben.
Gierig, aber doch mit einer gewissen Schüchternheit, streckte der
Bär seine mächtige Pfote aus, zog den Topf zu sich und begann ihn
auszulecken, wobei er ein höchst unmanierliches Geräusch machte. In
diesem Augenblick hatte Eph Babcock sein Gewehr erreicht, riß es vom
Haken und hob es an die Schulter. Aber bevor er den Drücker berühren
konnte, fiel ihm eine gewichtige Hand auf den Arm.
»Halt, wart!« befahl der Boß in einem leisen, aber sehr bestimmten Ton.
Er glaubte, daß der enge Raum kein gutes Feld für einen Kampf auf Tod
und Leben sei.
Babcock hielt an und wartete, obwohl er der Meinung war, der Boß sei
närrisch geworden. Er nahm das Gewehr von der Schulter, sah in das
Magazin und machte ein Gesicht wie ein Schaf.
»Nicht geladen!« murmelte er in einem Ton von Entschuldigung, aber ohne
zu sagen, ob sie dem Boß oder dem Bären galt.
»Wir sollen wohl den schönen fetten Schinken verlieren, den Evan
gemeint hat!« protestierte Sam Oultons Reibeisenstimme aus einer Koje
heraus. Aber ein verhaltenes Brummen kam aus der ganzen Reihe von
Betten, denn alle stellten fest, in welch peinlicher Lage Eph Babcock
war. Er hatte keine Patronen, und jeder konnte sehen, wo die Patronen
waren. Wohl gefüllt hingen zwei Gürtel an einem Haken.
Auf Oultons Widerspruch gab der Boß keine Antwort. Anscheinend war er
durch den Bären zu abgelenkt, um auf irgend etwas anderes zu achten.
Die meisten der Burschen in ihren Betten konnten sich jetzt nicht
mehr verhalten, ihre Ratschläge zu geben, wie irgend ein anderer die
Patronen greifen und sie Eph Babcock hinüberreichen könnte. Aber keiner
der zweifellos guten Ratschläge wurde ausgeführt. Denn gerade in
diesem Augenblick wurde das Verhalten des Gastes so bemerkenswert, daß
jeder vergaß, was er selbst hatte sagen wollen.
Als er den Topf leergeschleckt hatte, sah der Bär auf und winselte. Es
war klar, daß er Bohnen gern fraß und mehr davon wünschte. Er schien
schlichte Hausmannskost zu schätzen, und das entlockte den Helden in
den Kojen lange Seufzer der Erleichterung.
Der Bär schwankte unruhig von einem Fuß auf den andern, dann nahm
er den Topf in seine Vorderpfoten, machte Kehrt und marschierte
geradeswegs auf Jimmy Dillyhunt zu. Es war eine rührende Bitte, aber
Jimmy schien sie absolut nicht zu verstehen. Mit dem Messer um sich
fuchtelnd, protestierte er laut gegen die besondere Beachtung, die
er unter seinen Kameraden nicht verdiene. In fliegender Eile gab er
seinen Platz hinter dem Kochherd auf und erreichte die Gesellschaft
Evan Morgans in dessen Ecke. Evan, der gerade im Begriff war, seine
Selbstbeherrschung wieder zu erlangen, grunzte unliebenswürdig: »Warum
so eilig, Jimmy?« Aber Jimmy brachte keine Antwort heraus.
Enttäuscht über das plötzliche Verschwinden eines Menschen, von dem er
so viel erwartet hatte, ließ der Bär seine allzu leere Schüssel auf
den Boden fallen. Das laute Klirren erschreckte ihn, und er sprang
mit einem Hops zur Seite, wie ein Mädchen, das beinahe in eine Pfütze
getreten wäre. Dabei aber bekam er den großen Topf mit Bohnen zu sehen,
den Jimmy zum Aufwärmen vorn auf den Herd gestellt hatte. Wie gut sie
rochen! Mit einem Brummen tiefer Befriedigung nahm er ein Maul voll.
Nun waren die Bohnen, ganz gewiß ein vorzügliches Gericht, nicht
für ihn angerichtet. Sie waren heiß. Der Bär war erschreckt und
schmerzlich berührt, als er merkte, wie heiß sie waren. Die Augen
geschlossen und die Kinnbacken verkrampft, versuchte er, sie im Maul zu
behalten. Aber es war zuviel für ihn. Mit einem lauten »uuh« spuckte
er sie auf den Boden. Und dann warf er einen erbärmlichen Blick rund
um sich, während er bald mit der einen, bald mit der anderen Tatze
wehleidig seine Nase rieb. Sein Blick rührte Pat Nolan, dem gutherzigen
kleinen Iren schien er ein berechtigter Vorwurf.
»Ich hab das nicht gemacht, ich nicht!« murmelte er im Ton herzlichen
Bedauerns. »Es war ein gemeiner Witz, natürlich von Jimmy. Mindestens
hätt' er dich warnen sollen.«
Irgend etwas in Pats Stimme schien dem Bären zu sagen, daß er bei ihm
die Teilnahme finden würde, die bei dem ganzen Empfang bisher gefehlt
hatte. Halb im Zweifel, aber nicht ohne Hoffnung, watschelte er quer
durch den Raum auf Nolans Koje zu.
»Hab ich dir nicht gesagt, daß ich's nicht war!« protestierte Nolan
leidenschaftlich. »Heiliges Ofenrohr, kann keiner von euch Kerls was
tun, daß er mich in Ruhe läßt?«
»Das Gewehr rüber, Eph!« zischte Sam Oulton, der in seiner Koje
krampfhaft herumgestöbert hatte. »Ich hab ein paar Patronen gefunden!«
Der Boß wollte dazwischen treten und ebenso Evan Morgan, der von Bären
mehr verstand als die übrigen Holzfäller zusammen. Aber Eph Babcock
hatte das Gewehr schon ergriffen, und eifrige Hände reichten es hinüber
in Oultons Koje. Doch auch der Bär hatte es gesehen, und unter einem
Chorus von Rufen des Staunens sprang er sofort danach. Gerade als die
Flinte in Oultons Koje ankam und Oulton die Hände ausstreckte, um sie
zu greifen, kam auch der Bär. Er war schneller, streckte seine schwere,
schwarze Pfote aus und packte die Flinte. Oulton verschwand wieder in
seinem Bette wie der Kopf einer Schildkröte in ihrer Schale. Der Bär
aber nahm das Gewehr mit einem Ausdruck von Triumph über die Schulter
und salutierte, stramm wie ein Soldat.
»Gott sei Dank, daß sie nicht geladen ist, Sammy,« piepste Shorty
Johnson mit Fistelstimme aus dem Bett nächst der Tür. »Der Herr Oberst
hätt' uns alle damit aus dem Lager 'rausgejagt.«
Der Boß und Evan Morgan -- und auch der kleine Pat Nolan, der
allmählich gemerkt hatte, daß mit diesem Bären was Besonderes los war,
erlaubten sich, zu lachen. Die anderen aber blickten völlig verblüfft
auf die unbegreifliche Vorstellung, die der schreckliche Gast ihnen
gab. Für sie war es nur Zeichen einer übernatürlichen, also natürlich
teuflischen Intelligenz. Sie hätten sich nicht mehr gewundert, wenn der
Bär jetzt zur Tür gegangen wäre, den Patronengürtel heruntergenommen
und die Waffe geladen hätte, die er so geschickt über der Schulter
trug. Aber als er nicht aufhörte zu salutieren, den Rücken zur Tür,
fingen sie an, zu Verstand zu kommen. Auch Sam Oulton erschien wieder
auf der Bildfläche. Ohne zu bemerken, daß der Boß und Evan Morgan
grinsten, steckte er den Kopf vor und schrie:
»Jetzt, Jimmy! Jetzt ist der Moment! Rasch, Mensch, setz' den Topp
Bohnen draußen in den Schnee! Er geht hinterher. Dann können wir ihn
draußen umbringen.«
Aber Jimmy hatte keine Eile, in die Bresche zu springen, obwohl die
Bohnen eigentlich sein Ressort waren.
»Geh du und setz den Topf 'raus, Kleiner,« schlug er hinter dem Rücken
des Boß vor, »du bist der nächste!«
»Halt den Mund, Jimmy,« unterbrach Pat Nolan, »wozu ein so freundliches
Biest umbringen? Schau, was er sich für Mühe gibt. Er macht
Kunststücke!«
»Der Teufel soll die Kunststücke holen!« schnarrte Sam, »der gibt
frisches Fleisch für einen ganzen Monat!«
Aus mehr als einer Koje kam Widerspruch gegen Oultons blutdürstige
Aeußerung, so plötzlich schlug die Stimmung im Lager um. Evan Morgan
widersprach sogar sehr deutlich.
»Kannst du immer nur an deinen verdammten Bauch denken?« fragte er.
Sam Oulton wurde wütend.
»Was ihr Kerls braucht, ist 'ne Saugflasche,« schimpfte er. »Wenn das
Lager ein verdammter Kindergarten geworden ist, dann werd ich das Biest
allein umbringen!«
Und er tauchte, aber noch mit einer gewissen Vorsicht, aus dem Versteck
seiner Koje auf.
Jetzt schien dem Boß, der die Situation allmählich verstanden hatte,
sein Augenblick gekommen. Das Gewehr über der Schulter, stand der Bär
noch immer da und salutierte. Aber es sah aus, als wartete er auf etwas.
»Marsch!« sagte der Boß mit scharfer Stimme.
Sofort marschierte der Bär vorwärts, mit strammen, aber vorsichtigen
Schritten, quer durch den Raum und direkt durch die Gruppe, die der
Boß, Evan Morgan, Eph Babcock und Jimmy Dillyhunt bildeten. Der Boß und
Evan erwarteten ihn ruhig. Aber Eph und Jimmy drückten sich ängstlich
auf die andere Seite des Tisches.
»Halt!« kommandierte der Boß, ehe der Bär zu nahe gekommen war.
Der Bär machte Halt und jeder stieß einen Seufzer aus.
»Jetzt, Sammy,« begann der Boß im Ton eines Orakels. »Jetzt laß das
Geschwätz von Umbringen. Hast du keine Augen im Kopf? Es ist ein zahmer
Bär, das ist er! Und glückselig, daß er zu Freunden kommt. Der ist lang
genug im Wald 'rum geirrt. Gib acht, was für ein famoser Kerl das ist.
Achtung!«
Auf das plötzliche, scharfe Kommandowort hin stand der Bär stramm. Aber
er versuchte es zu rasch. Die Flinte fiel aus seiner breiten Pelzpfote
und ratterte auf den Boden. Er zuckte nervös und klemmte die Augen
zusammen, als erwartete er einen Hieb.
Zweifellos hatte Tim Gallagher recht. Es war ein dressierter Bär, der
gekommen war, um Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Entzückt wie
Kinder, sprangen die Männer aus ihren Betten.
»Famos ist der Oberst! Tu ihm nichts, weil er die Flinte hingeworfen
hat, Tim!« schrie Johnson.
»Vielleicht studier' ich einen Ringkampf mit ihm ein,« sagte Eph, »das
wär' was für den heiligen Abend!«
Oulton kroch verdrießlich in die Tiefe seiner Koje zurück und biß ein
extra großes Stück Kautabak ab, um seine Zunge zu bändigen. Er sah ein,
daß er zu sehr in der Minorität war.
Mittlerweile war Jimmy, dem sein Mißtrauen leid tat, in seinen Kochraum
zurückgekehrt. Jetzt trat er vor und trug in der Hand ein langes
Stück herrlicher Speckrinde. Der Bär roch es und öffnete die Augen.
Er merkte, daß er für den Unfall mit dem Gewehr nicht bestraft werden
sollte. Erst starrte er den Leckerbissen an, danach Jimmys dunkles
Gesicht, und dann streckte er hoffnungsvoll, aber noch ungewiß die
Pfote aus. Als Jimmy seiner Bitte nicht nachkam, glaubte der Bär,
er müßte etwas ganz Besonderes tun, um den Preis zu bekommen, etwas
sehr Schwieriges und Ungewöhnliches. Mit Gewinsel ließ er sich nieder,
legte die Nase zwischen seine Beine, dann hob er langsam sein breites
Hinterteil und stand endlich schön und elegant auf dem Kopf. Ein paar
Sekunden lang balancierte er so; dann kam er langsam und grunzend auf
allen Vieren zurück, nahm die aufrechte Haltung wieder ein und wandte
sich schmeichelnd an Jimmy.
Das ganze Lager jubelte vor Entzücken.
»Gib's ihm, Jimmy! Du kannst es selbst nicht besser! Er hat's weiß Gott
verdient! Mach' ein friedliches Gesicht, Jimmy, er hat Angst! Guter
alter Oberst!« kamen Beifallsrufe von jedem einzelnen, ausgenommen Sam
Oulton.
Jimmy gab die Speckrinde, und der Bär nahm sie vorsichtig in seine
Krallenpfote.
»Leicht wie ein Damenhändchen!« schrie Pat Nolan in seiner Begeisterung.
Von diesem Augenblick an gestaltete sich der Abend zu einem
Ehrenbankett. Gallaghers Lager bereitete dem Oberst -- denn dieser
Name, den Johnson gewählt hatte, blieb -- einen Gala-Empfangsabend. Der
Oberst war ein Bär von seltsamen und vielfachen Talenten und dabei von
einem kindlichen Glauben an die Menschheit. Dies rührende Vertrauen
in jedermanns Wohlwollen rührte die großherzigen und rasch bewegten
Holzfäller, daß sie den Bären bald vergötterten, wie Kinder ein Baby.
Es wurde ein schwerer Vorwurf gegen Eph Babcock, daß er im ersten
Augenblick ungerechtfertigten Entsetzens nach seinem Gewehr gerannt
war.
»Eph,« sagte Pat Nolan, »hättest du nur ein Haar auf seinem Kopf
gekrümmt, es täte mir leid, aber dann hätt' ich dir mit dieser Hand
hier die Därme aus dem Bauch gerissen!«
»Und das hätt' ich auch verdient, Pat,« gab liebenswürdig der Mann aus
Androscoggin zu. Außer Oulton waren alle vergnügt. Der aber, beleidigt
und zornig, sprach den Abend über nicht ein Wort; er schenkte den
schönsten Kunststücken des Bären kaum einen Blick. Daß er trotzdem voll
Interesse war, wußte das ganze Lager.
Das war eine große Sache für Gallaghers Lager!
Der Oberst war der erste, der das Fest abbrach. Jeder mußte zugeben,
daß er das Recht dazu hatte, denn er allein hatte ja die Kosten
getragen. Er wollte schlafen und zeigte das an, indem er rings in den
Ecken einen Platz suchte, um sich niederzulegen.
Im dicken Fell an seinem Hals zeigte eine abgeschabte Stelle, daß er
früher ein Halsband getragen hatte. Aus einem alten Geschirr-Riemen
machte der Boß ihm ein neues und führte ihn, der sanft gehorchte, zu
einem Schuppen, der dem Lager als Schmiede diente. Ein großer Arm voll
Stroh wurde aus der Scheuer gebracht, und der Oberst ließ sich darin
nieder, mit einer Miene wie der verlorene Sohn, der heimkehrt und sich
dessen freut.
Am nächsten Morgen verordnete der weise Boß, daß der Oberst vor dem
Mittagessen das Haus nicht betreten dürfe. Seine Absicht dabei war,
eine gewisse Frische des Interesses für das Fest zu bewahren, daß die
Männer sich amüsierten und nicht wieder anfingen, über den Mangel an
frischem Fleisch zu schimpfen. Den ganzen Morgen lang, wie gewöhnlich
an Sonn- und Feiertagen, beschäftigten sie sich irgendwie im Lager.
Wuschen, flickten, rauchten im Haus oder balgten sich draußen im Schnee
herum.
Als der Oberst gleich nach dem Frühstück herausgelassen wurde, war
noch niemand im Freien, sonst wäre er zweifellos »zuhause« geblieben,
um mit seinen Freunden zu spielen. Da er niemanden traf und keine
Erlaubnis bekam, das Haus zu betreten, durchforschte er sorgfältig
das ganze Gehöft, erschreckte die Pferde, indem er an der Stalltür
herumschnüffelte, und dann watschelte er gemächlich in den Wald.
»Er wird bald zurückkommen,« sagte Gallagher, »der Oberst ist ein
braver Kerl, wenn man ihn richtig behandelt.«
Und Gallagher hatte recht. Er verstand Menschen und Obersten. Etwa um
halb zehn Uhr morgens, als Eph Babcock und Johnson vor der Tür des
Lagers einen Ringkampf aufführten, sah man den Bären oben am Waldrand
auftauchen. Darin war sonst nichts Auffallendes. Aber seine Bewegungen
waren so merkwürdig, daß die beiden Kämpfer gleichzeitig voneinander
ließen und hinauf starrten. Ihr Ruf brachte das ganze Lager vor die Tür.
»Er scheint sich gut zu amüsieren, ganz allein!« bemerkte Evan Morgan
von der Schwelle her.
»Durchaus nicht allein,« verbesserte der Boß.
»Also wahrhaftig, der Teufel soll mich frikassieren, wenn er nicht ein
großes Stachelschwein bei sich hat!« rief Babcock.
»Und das Stachelschwein jagt ihn,« schrie Pat Nolan voll Staunen.
Er hatte recht, wenigstens in gewissem Sinne. Der Oberst torkelte
und kullerte von einer Seite auf die andere, wie ein riesiger,
neugeborener Hund, vor dem wütenden Stachelschwein, das ihm nachrückte,
jeden Stachel aufgerichtet, daß es wie ein großer Binsenkorb aussah.
Der Oberst kam rückwärts aufs Lager zu, als wünschte er, daß seine
Freunde das neue Spielzeug sähen, dies drollige, böse, kleine Tier, das
er im Wald aufgegabelt hatte.
»Er wird sich die Pfoten voll Stacheln machen,« rief Johnson, »und wir
haben dann eine Satansarbeit, bis wir sie 'rauskriegen, Tim; ich bin
froh, daß es dein Bär ist und nicht meiner!«
Sam Oulton machte ein Gesicht, als ob die eben eröffnete Aussicht ihm
nicht unangenehm wäre.
»Reg' dich nicht auf, Kleiner,« raunte der Boß, »er macht sich nicht
zum Narren, er weiß, wie man mit einem Stachelschwein umgeht.«
Tatsächlich gab der Oberst wohl acht, daß er den gefährlichen Stacheln
nicht zu nahe kam. Wie zum Spaß streckte er bald die eine, bald die
andere Pfote aus und stieß gegen das kleine Tier, aber niemals so, daß
es zu einer Berührung kam.
Das Stachelschwein war sichtbar in unglaublicher Wut über diesen
Quälgeist. Ein Stachelschwein ist nicht nur furchtlos, sondern auch
sehr dumm, und wenn es sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, läßt
es sich nur durch den Tod oder ein gutes Fressen davon abbringen.
In diesem Falle hatte das Stachelschwein sich entschlossen, den Oberst
zu verfolgen. Zweifellos in der Hoffnung, ihm die Haut mit seinen
Stacheln zu zeichnen. Da der Oberst sich auf das Lager zurückzog, kam
auch das Stachelschwein ins Lager, gleichgültig, was daraus wurde. Ein
altes Stachelschwein, das in seinem Leben schon einiges mitgemacht
hat, würde in seinem Zorn ein verschanztes Heer angreifen.
Jimmy Dillyhunt fand seinen Augenblick gekommen. Als des Obersten
Flucht das Stachelschwein schon auf fünfzig Meter ans Lager
herangebracht hatte, sprang er plötzlich, mit einem Schüreisen
bewaffnet, vor. Er stieß den erstaunten Oberst zur Seite und traf
das Stachelschwein auf die Spitze seiner stumpfen Nase. Der Wald
aufgerichteter Stacheln sank zurück. Mit einem Zucken seiner stämmigen,
kurzen Beine überrollte es sich und war mausetot.
Der Oberst setzte sich auf seine Keulen und starrte Jimmy bewundernd
an. Die übrigen Zuschauer brüllten Beifall, in ausgewählten Worten,
die sich aber nicht wiedergeben lassen. Jimmy nahm das leblose Tier
vorsichtig an seinen unbewaffneten Vorderpfoten und trug es fort.
»Großartiges Essen, ein Stachelschwein, wenn's richtig gekocht wird!«
sagte er, grinste triumphierend und verschwand in seinem Heiligtum.
* * * * *
Es war allerdings nur +ein+ Stachelschwein, aber ein extra großes und
fettes, und Jimmy verstand die Kunst, zu »strecken«. Mit einer Menge
von Klößen machte er ein Gulasch daraus, in dem er -- es muß zugegeben
werden -- auch ein gewaltiges Stück Salzfleisch, kleingehackt,
unterbrachte. Da schon sehr wenig Stachelschwein sehr viel Geschmack
gibt, schmeckte auch das Schweinefleisch im Gulasch danach, und
niemand hatte Grund, sich zu beschweren. Das Mittagessen wurde ein nie
dagewesener Erfolg.
Bei diesem Festmahl wanderte der Oberst hinter den Gästen auf und
ab und dankte feierlich für die Leckerbissen, die jeder ihm eifrig
zusteckte. Endlich kam er zu Sam Oulton, dem er bisher, wegen Mangel
an Entgegenkommen, aus dem Wege gegangen war. Es entstand eine Pause,
jeder wartete ab, was der unberechenbare Sammy tun würde.
Oulton blickte auf des Obersten vertrauensvollen Kopf, der neben seinem
Ellbogen erschien. Er zögerte, grinste liebenswürdig, aber etwas
dämlich, dann wischte er sich mit dem Aermel seinen Mund, hob seine
große, blecherne Kaffeetasse und sprang entschlossen auf.
»Herr Bä ... ich wollte sagen, Herr Oberst!« rief er. »Das ist
ein richtiges Weihnachten für Sie und Viele! Sie sind der einzige
wirkliche Kavalier in diesem Lager, denn Sie sind der Einzige
in der Gesellschaft, der Bildung genug hat, seinen Freunden ein
Weihnachtsgeschenk zu machen!«
Und dann leerte er seine Blechtasse aufs Wohl des Obersten!
Der See-Tiger
Durch die breiten, tief-grünen Wellen, deren Kämme eine milde Brise
streichelte, kam die Orca-Kuh friedlich herangewälzt, und an ihrer
Seite schwamm das Kalb. Von Zeit zu Zeit rieb es sich an der Mutter,
als sei es ängstlich vor den weiten, gefährlichen Meereswogen, und
suchte Schutz unter ihren mächtigen Flossen. Die Orca-Kuh aber, unter
allen Müttern der Wildnis eine der besorgtesten und treuesten, drängte
ihr Junges von Zeit zu Zeit mit der großen Flosse an seine Seite oder
streichelte es zärtlich mit seiner ungeheuren runden Schnauze.
Sie war gut 19 bis 20 Fuß lang, die große Orca. Ein Seemann oder
Fischer, dessen Auge zufällig auf sie fiel, hätte sie »Mord-Wal«
genannt. Er hätte sie sofort und unter allen Angehörigen ihrer Wal- und
Tümmler-Familie herausgekannt, an der riesigen Rückenflosse, die nicht
viel weniger als fünf Fuß hoch über dem breiten und massiven Schwanze
über ihrem Rücken stand, an den beiden auffallenden weißen Streifen
ihrer schwarzen Flanke und an der scharf gezeichneten Linie ihres
milchweißen Bauches, der sorglos auf dem Rücken einer Welle ruhte. All
dies waren Anzeichen von Gefahr, die kein Wissender übersehen hätte.
Das Kalb der Orca hatte wenig Grund zur Sorge, solange es sich nahe
seiner Mutter hielt. Denn dies schnellste und wildeste aller Waltiere
fürchtete kein schwimmendes Geschöpf, höchstens ihren riesigen Vetter,
den Pottfisch oder Pottwal. Nur zwanzig Fuß lang, attackierte und
tötete sie durch die Wildheit ihres Angriffs sogar den großen Tranwal,
den man den »richtigen« Wal nennt. Obwohl der viermal so lang ist und
vielfach ihr Gewicht hat. Den Menschen hätte sie gefürchtet, doch
hatte sie nie seine Macht kennen gelernt. Arm an Tran, hatte ihre
Familie den Menschen nie zu einer so schwierigen und gefährlichen Jagd
verlockt. Wohl gab es Haie, die ihr an Größe ebenbürtig waren oder sie
übertrafen, aber kaum einen, der ihr an Wildheit, Schnelle und List
gleichkam. So durfte sie in sorgenloser Behaglichkeit durch die glatte,
unbewegte See faulenzen, gleichgültig gegen die Brandung an den gelben
Klippen zu ihrer Rechten und die offene Weite des Ozeans zu ihrer
Linken. Alle Aufmerksamkeit, die sie nicht auf die kindlichen Reize
ihres Kälbchens verwandte, widmete sie der Aufgabe, die durchsichtigen
Tiefen unter sich abzusuchen, denn dort verbarg sich der große
Tintenfisch, ihre häufige Beute.
Ganz plötzlich tauchte sie unter; es entstand kein anderer Laut, als
das dumpfe Gurgeln des Wassers, das sich über ihr schloß. Tief unten in
der Dunkelheit hatte sie einen blassen, trägen Körper erspäht. Es war
ein See-Polyp, der töricht genug gewesen, sein Standquartier zwischen
den Felsen auf dem Meeresgrund zu verlassen und fremde Jagdgebiete
aufzusuchen. Bevor er Zeit gefunden hatte, auch nur an Flucht zu
denken, war er in den mächtigen Kinnbacken des Mordwals. Einen
Augenblick lang zitterten seine acht langen Fühlhörner verzweifelt und
tasteten an die Lippen des Jägers. Dann verschwanden sie, das ganze
Tier war mit einem Schluck vertilgt und verschwunden. Friedlich kehrte
die Orca zum sonnenhellen Meeresspiegel zurück, zu ihrem ängstlichen
Kalb, das nicht flink genug war, der Mutter auf ihrem Jagdzug zu
folgen. Sie war nicht zwei Minuten lang abwesend gewesen und nicht
einen Augenblick außer Gesicht, aber der Instinkt des Jungen traute dem
milden blauen Element nicht, daß für ein Baby voll von Gefahren war.
Der Polyp, obwohl ein stattlicher Geselle, hatte für den großen Mordwal
nicht mehr bedeutet, als einen leichten Imbiß, nur den Erreger für
seinen gewaltigen Appetit. Jetzt suchte das Auge der Orca lebhafter
in den Tiefen. Auf einmal bekam die blau-grüne Tiefe des Wassers
einen helleren, metallischen Schimmer, kaum dreißig Fuß unter dem
Meeresspiegel erschien die weiße Linie eines Riffs und fing das Licht.
Hier sonnte sich ein breites flaches Tier, das einem großen Pilz
nicht unähnlich war, mit flügelartigen Flossen, die wohl zwölf Fuß
im Durchmesser hatten, und einem langen Schwanz, der einer Peitsche
glich. Seine kalten, unbewegten Augen starrten empor und bemerkten den
Körper des Mordwals! Mit einem kaum wahrnehmbaren Schwung der schwarzen
Flossen glitt es von seinem Riff und floh in die Tiefe.
Aber der riesige Rochen war nicht schnell oder verstohlen genug,
um dem Blick seines Feindes zu entgehen. Wieder tauchte die Orca,
diesmal ohne Geräusch zu vermeiden, und so plötzlich, daß ihre breiten
Schaufelflossen auf das Wasser aufknallten. Wie ein Senkblei stieß
sie in die Tiefe. Der Rochen, der sie sah, geriet in Panik. Er wich
zur Seite aus und schoß wieder empor, in rasender Eile und mit einem
herrlichen Schwung. Mit der Gewalt dieses Auftriebs warf er seinen
ganzen schwarzen, bebenden Leib schlank in die Luft, wo er sich drehte
und eine Sekunde lang tropfend hing, als hätte ihn der Wahnsinn seiner
Angst ein neues Element erobern lassen. Dem nervenschwachen Kalb war
das ein schreckliches Wunder, darüber die Sonne fast erlosch. Aber der
heftige Ausflug in die Luft dauerte nur diesen einen Augenblick lang
und war so nutzlos, wie er kurz war. Als die flachen schwarzen Flossen
laut klatschend wieder auf die Flut prallten, fing die streitbare
Orca ihre Beute auf, ergriff sie und zog sie hinunter. Es war kein
Kampf, der Rochen war machtlos gegen seinen gewaltigen Gegner -- nur
ein kurzes blind-wütiges Toben in schäumenden Wellen, dann blutiger
Schimmer im Grün der See.
Das war jetzt ein ausreichendes Mahl gewesen, selbst für einen Appetit
wie den der Orca. Unbenutztes Ueberbleibsel davon trieb umher und sank
unter, um die zahllosen Gassenkehrer von Krabben zu nähren, die in den
Ritzen und Höhlen des überspülten Riffs lungerten. Die Orca blieb, für
eine halbe Stunde etwa, wo sie war, wälzte sich friedlich in dem hellen
Wasser über dem Felsen, säugte und liebkoste ihr Kalb und verdaute
ihr Mahl. Dann setzte sie friedvoll die Reise fort, aber landeinwärts
gerichtet, bis sie nur noch eine halbe Meile weit von der Kette
kleiner Inseln und bröckliger Vorberge war, die jene gefährliche Küste
umschlossen.
Es war noch nicht voller Mittag und das wolkenlose Sonnenlicht fiel
fast senkrecht auf den Meeresspiegel, durchleuchtete die See bis zu
erstaunlicher Tiefe. So etwa in halber Höhe des durchsichtigen Glanzes
schwamm sorgenlos ein großer Tintenfisch. Sein schneller, spitzer
Körper war etwa sechs Fuß lang und an seiner breitesten Stelle, nämlich
dem Kopf, hatte er einen Durchmesser von 12--14 Zoll. Aus diesem
formlosen Kopf wuchs ein Bündel von Fühlhörnern, wie Blätter aus einer
Mohrrübe wachsen, etwa zehn an Zahl und jedes so lang wie der ganze
Körper des Tieres. Körper und Fühlhörner waren von gleicher blasser,
schmutzig-gelb-grüner Farbe mit bräunlichen Flecken -- eine Farbe, die
ihren Träger in dieser sonnenbestrahlten See fast unsichtbar macht.
Die Bewegung dieser Sepia war nach rückwärts. Sie geschah nicht durch
Arbeit der Fühlhörner, sondern dadurch, daß ein großer muskulöser Sack
unter den Fühlhörnern ein Maß Wasser aufsaugte und mit Macht wieder
von sich stieß. So sah es aus, als atmete der Fisch das Wasser ein und
blies sich damit selbst von der Stelle.
Nach dem Festessen, das die Orca sich mit dem gewaltigen Rochen
geleistet hatte, war sie durchaus noch nicht hungrig. Aber der saftige
Bissen, den dieser Tintenfisch bot, war eine Versuchung, der sie nicht
widerstand. Leicht niedertauchend, schoß ihr schwerer, aber fein
geformter, schwarz-weißer Körper in die schimmernde Flut. Doch der
Tintenfisch blickte auf und sah sie, bevor sie ihn erreicht hatte! Im
selben Augenblick schlossen seine zehn losen Fühlhörner sich zu einem
harten Bündel, das seine Bewegung nicht hinderte. Seine blassen Flanken
zogen sich mächtig zusammen, er stieß Wasser aus und schoß davon,
schneller als ein Torpedo aus dem Lauf fliegt. Und zugleich stieß er
aus einer Drüse in jenem Sack, dessen Arbeit ihn bewegte, eine Masse
schwarzer Flüssigkeit, die sofort eine gewaltig-dunkle Wolke erzeugte
und seine Flucht ermöglichte. Außerhalb dieses Verstecks wechselte er
die Richtung und floh einer tiefen Höhle auf dem felsigen Grund zu, in
der er sich vor den Kinnbacken seiner Feindin sicher wußte.
Die Orca wühlte sich furchtlos in die tintige Wolke hinein, aber
im tiefen Dunkel verlor sie jede Spur der ersehnten Beute. Ja, für
einen Augenblick verlor sie sich selbst. Hierhin und dorthin ließ sie
ihre mächtigen Kinnbacken schnappen, aber immer vergeblich. Was sie
erfaßte, war leeres, gefärbtes Wasser. Endlich schnellte sie wieder
aus dem Schwarzen in's durchsichtige Grün. Aufwärts spähend erblickte
sie so Entsetzliches, daß sie mit fast titanischer Anstrengung an
die Oberfläche zurückkehrte. So leidenschaftlich war der Stoß ihrer
mächtigen Flanke, daß die Wasser der Tiefe wie unter den Schrauben
eines Dampfers aufkochten.
Das Kalb hatte seiner Mutter erst in die Tiefen folgen wollen, hatte
sich dann aber vor der schwarzen Wolke gefürchtet, in der die Mutter
verschwand. Angstvoll war es an die Oberfläche zurückgekehrt und
schwamm dort ziellos, sehnsüchtig umher, als ein wandernder Haifisch es
erblickte.
Der Hai wußte wohl, mit wem er es zu tun hatte. Er spähte rundum nach
der Mutter, denn gegen eine Mutter-Orca wollte er nicht unhöflich sein.
Aber es war keine Mutter in Sicht. Er verstand das nicht. Aber er war
toll vor Hunger, und eine solche Gelegenheit war unwiderstehlich. Mit
einem Ruck schnellte er gegen das Kalb, warf sich, ihm zur Seite auf
den Rücken, um die Beute zu fassen, und zeigte dabei seinen hellen
weißen Bauch. Das Kalb verzagte beinahe, als es einen schwarzen,
dreieckigen mit unzählbaren Zähnen bedeckten Rachen sah, der sich
plötzlich vor ihm auftat. Im letzten Moment riß es sich los und schwamm
im großen Bogen dorthin, wo die Mutter niedergetaucht war.
Wieder schleuderte der Hai sich heran, aber um seine seltsam vorgebaute
Kinnlade brauchen zu können, mußte er sich abermals auf die Seite
drehen, und das Orca-Kalb besaß schon das Fluchtvermögen seines
Stammes. So mißglückte der Angriff zum zweiten Mal. Bevor der Hai ihn
zum dritten Male wiederholen konnte, erspähte er die Mutter, die aus
den grünen Tiefen emporschoß. Und obwohl er gut 25 Fuß lang war -- wohl
fünf Fuß länger als die Orca -- wandte er sich und floh, sein Leben zu
retten.
Ein Blick beruhigte die Mutter: ihr Kleines war unverletzt! Dann machte
sie sich an die Verfolgung des Angreifers, mit einer Geschwindigkeit,
die seine Flucht ganz vereitelte. Nicht fünfzig Meter weit war er
gekommen, als sie schon, mit offenem Rachen, über ihm war. Er warf
sich krampfhaft zur Seite, und so glückte es ihm, dem ersten Angriff
auszuweichen. Mit dem Mut der Verzweiflung wand er sich unter sie,
drehte sich zum Biß, kam an den Bauch der Feindin und bohrte seinen
dreieckigen Rachen ein. Aber sie hatte schon halb pariert, und er fand
keinen wirklichen Angriff. Wohl riß er ihr Haut und Tran aus dem Leib,
aber seine Zähne erreichten kein lebenswichtiges Organ. Die tobende
Mordwal-Mutter fühlte die Wunde kaum. Unter ihrer Heftigkeit sprühte
und dampfte es in der Luft, sie fing den Schwanz des Hais an seiner
Wurzel und zermalmte ihn zwischen den Kinnbacken.
Wenn überhaupt von einem Kampf die Rede sein konnte, war dies schon
das Ende. Ein paar Minuten lang hielt das Toben noch an, warf sich das
verfärbte Wasser meterhoch. Aber alles Kämpfen war auf einer Seite. Die
Orca riß und preßte und zerrte das Leben aus dem Körper ihres besiegten
Gegners. Als sie von ihm abließ, sank eine zermalmte Masse langsam in
die Tiefen. Wieder barg sie das verängstete Kalb unter ihrer Flosse,
säugte es, und dann schwamm sie ruhig dem tiefen Kanal zu, der sich
zwischen den Inseln und dem Ufer hinzog, und in dem sie etwas saftigen
Tintenfisch zu finden hoffte, um sich für den einen zu entschädigen,
der ihr so rücksichtslos entronnen war.
Die Brise, die bisher sanft wie mit Katzenpfoten das Wasser
gestreichelt hatte, bekam jetzt einen kräftigen Zug, stark genug, um
die Oberfläche des Wassers tief purpurn zu färben. Sie trieb an der
Küste entlang, zwischen Klippen und Eiland, ein kleines Boot vor sich
her, dessen einziges Segel im Sonnenglanz leuchtete.
Zwei Fahrgäste waren in dem zerbrechlichen Fahrzeug, ein Mann am
Steuer, der eine große Shag-Pfeife rauchte, und ein seidiger, brauner
Jagdhund, der am Fuß des Mastes kauerte. Es war eine schwierige Küste
und ein gefährliches Wasser für solch eine Nußschale. Aber der Mann
war ein tüchtiger Sport-Segler, und er wußte, daß zwischen dem Hafen,
den er verlassen hatte, etwa fünfzehn Meilen weit zurück an der Küste,
und dem Hafen, den er erreichen wollte, ein Dutzend Meilen weiter
nordwärts, mehr als ein Zufluchtsort lag, den er anlaufen konnte, falls
ein plötzlicher Sturm sich im Osten erheben würde. Zwar war dies Wasser
ihm fremd, aber er hatte eine gute Seekarte. Es war sein besonderes
Vergnügen, unbekannte Gewässer abzusegeln, nur in der Gesellschaft
seines treuen Hundes, der stets mit ihm einverstanden war, wenn es
galt, einen interessanten Platz zu besuchen.
Gardner war also ein vorzüglicher Segler, sein Auge erkannte jedes
Wetter-Symptom, und er hatte den Instinkt, der durch Ruderpinne und
Segelleinen den Puls des Windes fühlt. Aber von Naturwissenschaft wußte
er ein bißchen weniger als es einem Mann zu wünschen war, der die
bevölkerte See zu seinem Spielplatz macht. Von dem Stamm der Walfische
und ihren verschiedenen Abarten wußte er nur das Wenige, was er über
den großen furchtbaren Tran-Wal gelesen und was er von dem lustigen
und harmlosen Tümmler gesehen hatte. Daher kam es ihm nicht in den
Sinn, daß er sich zurückhaltend benehmen müßte, als er den gewölbten
schwarzen Rücken und das gewaltige Haupt der Orca sah, die lässig
durch die Wellen strich. Wäre er ein Habitué dieser Wasser gewesen,
-- er hätte dem Schnabel seines Schiffes schleunigst eine andere
Richtung gegeben, nur um die Orca zu überzeugen, daß er ihr Privatleben
nicht zu stören beabsichtige! So aber geschah es, daß er näher heran
segelte, um zu sehen, was für eine Art von Fisch oder Tier es war, dies
schwarz-weiße Geschöpf, das von seiner Nähe so gar keine Notiz nahm.
In einer Entfernung von 80 oder 100 Meter bekam Gardner einen
verrückten Einfall. Hier war gute Gelegenheit für einen Schuß, das
unbekannte Tier würde eine wertvolle Trophäe abgeben. Er dachte nicht
daran, was er anfangen sollte, wenn er diese Trophäe erst besaß. Er
überlegte sich nicht, daß er mit seinem leichten Gewehr kaum eine
schmerzhafte Wunde in die Tranmasse schicken konnte, die alle edleren
Organe des See-Ungeheuers schützte. Er wußte nicht einmal, daß ein
toter Wal auf den Grund sinkt, daß er mithin auch für den besten Schuß
keinen Lohn zu erwarten hatte. Ueber ihm war einfach der Zwang, zu
töten. Er warf ein Knie über das Steuerruder, um seinen Kurs zu halten,
nahm das Gewehr hoch und feuerte auf einen Punkt hinter der großen
Flosse der Orca -- irgendwohin, wo er das Herz vermutete. Während er
schoß, sprang sein Hund auf, denn er merkte, daß etwas Aufregendes
geschah, legte seine Pfoten auf den Bootsrand und bellte wütend gegen
das fremde schwarze Ungeheuer, das durch die Wellen rollte.
Zu Gardners Erstaunen zeichnete das Ungeheuer selbst überhaupt nicht
auf den Schuß, aber unter seiner Flanke begann sofort eine wilde
Bewegung. Irgend etwas dort schlug wie wahnsinnig auf das Wasser, das
Ungeheuer selbst schwang sich zur Seite und starrte mit großer und
ängstlicher Aufmerksamkeit auf dieses Etwas. Sie schlug mit ihrer
Flosse sanft dorthin, als wollte sie das Etwas beruhigen, und dann
sah Gardner, es war das Waljunge, das er geschossen hatte. Da fühlte
er Gewissensbisse. Hätte er das Kalb gesehen, so hätte er weder auf
die Alte noch auf das Junge geschossen, denn er war nicht einfach
grausam, sondern nur gedankenlos. Ein paar Sekunden lang starrte er
unentschlossen vor sich hin, dann beschloß er, das Kalb -- in der
Annahme, daß es tötlich verwundet war -- von seinen Qualen zu befreien.
Er zielte sorgfältig und schoß noch einmal. Das Echo warf den Knall von
den Klippen einer Insel zurück, die kaum hundert Fuß weit ablag.
Diesmal hatte Gardner gut getroffen. Ehe noch die Echos der Entladung
verhallt waren, lag das Kalb still und begann dann, langsam zu sinken.
Ein paar Sekunden lang herrschte Ruhe, nur durch das erregte Bellen des
Jagdhundes gestört. Die Orca schwamm langsam rund um den Körper ihres
Jungen, anscheinend versicherte sie sich, daß es tot war. Dann wandte
sie ihre kleinen Augen auf das Boot. Es dauerte nur einen Augenblick,
aber in diesem Augenblick erkannte Gardner, daß er einen abscheulichen
Fehler begangen hatte. Unwillkürlich wandte er sein Boot gegen die
felsige Insel.
Während er das Steuerruder herumwarf und in Hast sein Segel freimachte,
sah er, wie das Wasser unter dem schwarzen Körper der Orca aufschäumte.
Sie war gut 100 Meter weit von ihm weg, aber so mächtig war ihr
Ansturm, daß es war, als sei sie im Augenblick auch schon über ihm. Mit
Geheul sprang der Hund in den Bug. Da das Boot in diesem Augenblick
mit seiner Breite dem schrecklichen Angriff zugekehrt war, behielt
Gardner seinen Sitz und gab noch einen verzweifelten Schuß ab, direkt
in's Gesicht der anstürmenden Bestie. Ebenso gut hätte er mit Erbsen
schießen können.
Das Gewehr fiel ihm vor die Füße, im Augenblick war es, als hätte ein
Schnellzug das Boot gerammt. Es wurde aus dem Wasser gehoben, seine
ganze Seite war zerschmettert, während Gardner schlank über die Spiere
flog. Als er niederfiel, hörte er zum letzten Mal seinen braunen
Hund heulen. Um nicht in das Segel verwickelt zu werden, das auf ihn
niedersackte, tauchte Gardner unter und schwamm an fünfzehn Fuß weit
unter dem Wasser. Seinem Tauchen und dem Umstand, daß das Segel ihn
vorübergehend versteckt hatte, dankte er zweifellos sein Leben. Er war
ein Meisterschwimmer, und in wahnsinniger Eile strebte er jetzt auf
die Insel zu, mit Paddelschlag, den Kopf fast immer unter Wasser. Die
Orca bemerkte zunächst seine Flucht nicht. Der unglückliche Hund hatte
durch sein Gebell ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, ihn hatte sie
ergriffen und in dem Augenblick, in dem er ins Wasser fiel, zermalmt.
Dann hatte sie ihre Wut gegen das Wrack des Bootes gerichtet, sie hatte
es zerrissen, zu Brennholz gemacht, indem sie es in ihren mächtigen
Rachen nahm und schüttelte, wie ein Terrier eine Ratte schüttelt. Nach
diesen Taten kehrte sie sich zur Insel hin, und jetzt fielen ihre
todbringenden Augen auf die Gestalt des schwimmenden Mannes.
Ihr Ansturm war wie der eines Torpedos, aber Gardner legte schon
seine tobenden Hände auf das Riff. Dies Riff, eine Felsnase, die kaum
zwölf Zoll breit war, wurde grade noch von der See überwaschen. Er
fühlte, daß hier kein Zufluchtsort war. Aber grade über ihm, etwa
in seiner halben Höhe, lag eine Grotte im Felsen, die wunderlich
ausgemeißelt war, als sollte eine Bildsäule darin aufgestellt werden.
In verzweifelter Hast rettete er sich in dies dürftige Versteck, zog
seine Beine dem Körper nach, machte sich in der Grotte so flach wie
möglich. In diesem Augenblick schon flogen Schaum und Sprühregen über
ihn her, denn mit furchtbarer Gewalt warf sich sein Verfolger gegen den
Felsen zu seinen Füßen.