MEISSEN UND ANDERE DEUTSCHE FABRIKEN.

Der eigentlichen Porzellanfabrikation, wie sie Böttger auf Grund seiner

1709 gemachten Entdeckung des Kaolins in Meißen einführte, war die

Erzeugung einer Art roten Steinzeugs vorangegangen, das fälschlich

unter dem Namen Böttgersches Versuchsporzellan bekannt ist und von

dem ein Inventar vom Jahre 1711 2000 verschiedene Stücke aufzählt.

Derartiges Steinzeug im Vereine mit verwandten Erzeugnissen befindet

sich in der kleinen Vitrine links. Es sind mit Gold oder Silber, auch

mit Gold und Silber dekorierte Gefäße, dann dunkelbraune polierte

und geschliffene Stücke und solche, die, ähnlich wie das böhmische

Kristallglas, mit Schliff und Schnitt verziert sind (zinngefaßter

Walzenkrug und andere). Ferner Nachahmungen des Böttger-Steinzeugs aus

Bayreuth und solche böhmischer Herkunft, endlich zwei Bunzlauer Krüge

mit bunten Reliefauflagen.

Porzellane der Meißener Manufaktur aus der ersten Zeit sind in dem

daneben befindlichen Schrank ausgestellt. Unter Böttger wurden

Weißporzellane in Barockformen, nicht selten mit Reliefauflagen,

erzeugt oder chinesische Formen nachgeahmt, von dieser Art ist die

Deckelvase mit Weinlaubauflagen, daneben befindet sich ein Schälchen

mit Goldauflagen, wie sie der Emailleur und Vergolder Christoph Konrad

Hunger ausgeführt hat, und frühes Böttger-Porzellan mit Golddekor.

Hervorzuheben die Büste des Kaisers Matthias von Johann Joachim

Kändler aus der Serie deutscher Kaiserbüsten und ein Kruzifix von

demselben Meister (abgesondert in der kleinen Eckvitrine), ferner

die mit chinesischen Figuren buntbemalten Gefäße, die Metallformen

nachgebildeten Frühstückskännchen, die nach Imari-Mustern bemalten

Tassen, Becher und Teller, ein Dekor aus Herolds erster Periode

(1720-1730), die Beispiele von Schneeballen- und von Fondporzellanen

und der Teller mit in die Glasur geritztem und geschwärztem Dekor,

signiert Busch 1763. Im folgenden Schranke, neben der großen

freistehenden Berliner Vase mit dem Bildnis Friedrich Wilhelms III.,

Frühstücksservice, Schalen, Becher und sonstige Porzellane aus

der Blütezeit Heroldscher Dekorationsweise, Uferszenen, Chinesen,

Rokokofiguren, Reiterkämpfe etc. in reichster ornamentaler Umrahmung

und mit Goldspitzendekor. In der unteren Abteilung der Vitrine Proben

der Blumenmalerei in Meißen nach 1740 bis in die Periode Marcolini

(nach 1774) im freistehenden Schautisch in der Mitte eine Schüssel mit

dem Sulkowski-Steinschen Heiratswappen dazugehörige Bestecke, eine

Schüssel aus dem Brühlschen Schwanenservice und andere Porzellane der

Meißener Frühzeit.

[Illustration: Frankenthaler Porzellan, Wanduhr (Cartel), nach 1755]

In dem vor das Fenster postierten Schranke befindet sich Berliner

Porzellan von etwa 1765 bis 1840, darunter eine antikisierende Lampe

mit Öl nachgießendem Genius in Biskuit nach einem Entwurfe von Percier

und Fontaine, Teller und Teekanne mit Florentiner Mosaikimitation und

zwei Rokokodéjeuners, ferner ein Kaffeeservice mit Landschaften der

Fabrik Wallendorf (Thüringen) und zwei Nymphenburger Teller, gemalt von

Anton Auer.

Im folgenden Schranke Porzellane aus Frankenthal, Ludwigsburg und

Nymphenburg. Besonders hervorzuheben sind hier aus der Frankenthaler

Fabrik eine Potpourrivase mit plastischen Drachen an den Henkeln, eine

Wanduhr mit Rocaillen und ein Frühstückservice mit mythologischen

Darstellungen, gemalt von Osterspei; aus Nymphenburg ein Rechaud mit

Rokokoornamenten und französischen Gartenmotiven und aus Ludwigsburg

ein Tintenzeug mit Rocaillen und Amoretten (oberste Reihe), entworfen

von J. G. Trothe, dem ersten Direktor der Fabrik (1759-1762).

Anschließend unter Glassturz eine Kopenhagener Deckelvase mit dem

Bildnis König Christians VII. von Dänemark.

Im anstoßenden Schranke folgt die figurale Plastik der hervorragendsten

deutschen Fabriken, worunter besonders aus Ludwigsburg: vorzügliche

Gruppen und Figuren von Pustelli, Weinmüller und J. Ch. W. Beyer

(oberste Reihe); aus „Nymphenburg: „Il Capitano“ und „Colombine“ aus

der italienischen Komödie; aus Höchst: Schäfergruppe und Venus mit

Amor; aus Frankenthal: Bauernmädchen von Jos. Adam Hannong. Außerdem

finden wir hier Gruppen und Figuren aus Meißen, Berlin, Ansbach,

Limbach, Zürich und Marienberg.

Als Einzelstück steht zwischen dieser und der folgenden Vitrine eine

Meißener Vase mit Chinesereien in Unterglasurblau und matter brauner

und schmutziggrüner Farbe, ein seltener Dekor aus der Zeit vor 1720.

Die darauf folgende Vitrine enthält hauptsächlich deutsche und

Schweizer Porzellane, darunter unbemalte figurale Plastik aus Berlin,

einen Rudolstädter Schokoladetopf mit feiner Purpurmalerei, eine

größere Vase mit Purpurdekor aus Fürstenberg, eine prächtige Teekanne

mit Wüstenszenen der Züricher Fabrik, ferner einzelne Stücke aus

Ansbach, Fulda, Kloster Veilsdorf, Höchst, Gotha, Volkstädt, Kopenhagen

und Petersburg.

Führer durch das k. k. österreichische Museum für Kunst und Industrie · 第 75 / 89 题