WIEN.

Die Wiener Porzellanmanufaktur wurde 1718 von einem Privaten, Claud.

Innoc. Du Paquier gegründet, ging 1744 in Staatsbesitz über und wurde

1864 aufgelöst.[28] Die Erzeugnisse dieser Fabrik nehmen den ganzen

folgenden Raum samt der daranstoßenden Galerie in Anspruch und sind

in streng historischer Folge angeordnet. Die ersten drei Vitrinen

enthalten Erzeugnisse der Periode Du Paquier. Wir finden zunächst

Porzellane mit chinesischem oder japanischem Dekor, so die zwei Teller

mit dem Wappen der Avalo, deren Randbemalung viele Ähnlichkeit mit

der an den Wandleuchtern des später zu erwähnenden Zimmers aus dem

Palais Dubsky hat. Ferner Porzellane mit bemalten Reliefauflagen

in ostasiatischem Charakter, Krüge, Schalen und Kaffeetäßchen mit

Imari-Mustern, zwei Ollio-Töpfe mit eckigen Henkeln, die auch ihrer

Form nach auf chinesische Vorbilder zurückgehen, welche ihrerseits

wieder Bronzegefäßen nachgebildet sind, was auch von der in der Mitte

aufgestellten Butterschale in Form einer Schildkröte gilt. Weiters

sind hier die den Hizen-Porzellanen in drei Farben (Unterglasurblau,

Eisenrot und Gold mit gelegentlicher Anwendung von etwas Grün)

nachgebildeten Erzeugnisse ausgestellt, die etwa von 1730 bis 1750 in

der Fabrik üblich waren, und die im mittleren der drei Schautische auch

nach der Richtung der Blaumalerei ihre Ergänzung finden. Schließlich

sehen wir einige Porzellane, bei denen sich Barockformen geltend

machen, wie die beiden Krüge mit Tigerhenkeln, die durchbrochenen

Schälchen und die Kanne mit deutschen, das heißt in chinesischer Art

behandelten europäischen Blumen.

Der folgende Schrank zeigt die Porzellane mit buntem Barockdekor,

welche das prächtigste Genre der Du Paquier-Zeit repräsentieren.

Hierbei spielen die Beziehungen zum ostasiatischen Genre noch vielfach

in die Komposition hinein, ebenso wie der Dekor mit deutschen Blumen.

Für die letztere Art sind die große ausgezackte Schüssel und der

Walzenkrug mit dem Wappen besonders charakteristisch. Gleichzeitig

können wir das Aufkommen einer figuralen Malerei in europäischem

Sinne verfolgen, wie bei dem großen Deckeltopf mit dem Fruchtgehänge

tragenden Putten, der diesem verwandten Teekanne mit jagendem Putto,

in dem Trinkkrug mit Amoretten und Nereiden, der Déjeuner-Platte mit

Schäferszene, der Schokoladetasse mit bunten Rokokofiguren usw.

Zu beiden Seiten dieses Schrankes sind zwei prächtige signierte

Arbeiten des vortrefflichen Hausmalers für Meißener und Wiener

Porzellan, Bottengruber, einzeln ausgestellt. Eine Schokoladetasse und

eine Spülkumme, beide mit reichem Figurenschmuck.

Den dritten Schrank beherrscht das in der zweiten Hälfte der

Du Paquier-Periode beliebt gewordene Genre des Barockdekors in

Schwarzlotmalerei. Besonders beachtenswert die Terrine und die beiden

Tokayerflaschen mit Türkenbüsten als Stöpseln und die große Schüssel

darüber. Weitere Stücke in Schwarzlotdekor sind Hausmalereien, so das

Tee- und Schokoladeservice von Karl Wendelin Anreiter von Zirnfeld mit

Landschaften, ein anderes mit Uferszenen und Jagddarstellungen usw. In

der Mitte eine prächtige Schokolade-Einsatztasse, beachtenswert durch

die in dieser Zeit bei besonders feinen Stücken beliebte, eigenartige

Dekorierung der Unterseite.

Im folgenden Schranke das Porzellan aus den ersten Jahren des

Staatsbetriebes. Durchwegs ausgesprochene Rokokoformen, Teile von

Speiseservicen mit Flechtmusterrand in Relief, bunten Blumensträußen

und Streublümchen, überdies allerlei Porzellane mit Rocailledekor.

Die folgende Vitrine zeigt die Weiterentwicklung des Rokokogenres

in den nächsten zwei Dezennien. Die Rocailleplastik tritt in den

Hintergrund oder verschwindet ganz, die Formen bieten der Bemalung

größere Flächen dar, die Weißdreherarbeit ist exakter, die Masse

feiner. Die Malerei wendet sich mit Vorliebe kleinen, figuralen

Darstellungen zu, die zunächst von Rokokokartuschen eingerahmt

werden, später jedoch in freier Endigung in den weißen Porzellangrund

überführen. Besonders fein durchgeführte Stücke sind die zwei

Frühstückservice mit Rokokofiguren, ferner das mit den Reitergefechten

und die Schokoladetasse mit dem Bildnisse Franz I. von Lothringen

in Graumalerei nach einem Stiche von J. Schmutzer. In dem folgenden

Schranke, der die Periode von 1770 bis 1780 umfaßt, zeigt sich mehrfach

französischer Einfluß. So in den Porzellanen der obersten Reihe und

in einzelnen Tassen der folgenden Reihen, in dem Flaschenkühler mit

Biskuitreliefs und dem Déjeuner mit plastischen Blumen. Als Versuch

einer Imitation von Wedgwoods Jasper-Ware präsentiert sich das in der

Mitte aufgestellte Déjeuner mit weißen Relieffiguren auf blauem Grunde.

Ganz im Geschmacke der Louis XVI-Zeit ist die daneben befindliche, als

Einzelstück aufgestellte Potpourrivase. Dasselbe urnenartige Modell,

im Wiener Genre dekoriert, befindet sich als Gegenstück am andern Ende

dieser Schrankreihe, während die alleinstehende große Vase in der Mitte

zwischen beiden Schränken den Einfluß französischen Geschmackes um 1850

aufweist.

Die folgende Vitrine enthält Teile eines Tafelservices mit zierlichem,

antikisierendem Reliefgolddekor und kobaltblauen Rändern. Die Stücke

gehören der Zeit um 1780 an. Anstoßend sind die Porzellane der

Sorgenthal-Periode (1784-1805) ausgestellt. Ein prächtiges Déjeuner in

Kupferlüster mit Reliefgolddekor und einer Malerei in Purpur-Camajeu

von Lamprecht, Cupido und Ganymed nach Angelika Kauffman, Dessertteller

mit verschiedenartigen Malereien im Fond, reich dekorierte

Kaffeetassen, sämtlich mit Reliefgold, endlich ein Frühstückservice mit

Grisaillemalereien von Josef Neumann, umgeben von Golddekor in zwei

Tönen auf dunkelblauem Grunde.

Im nächsten Schranke finden wir die Porzellane im Empiregeschmack, zum

Teil im Genre der antiken Vasenmalerei dekoriert oder als Imitationen

antiker Bronzen durchgeführt, ein Déjeuner mit neapolitanischen

Landschaften usw., Arbeiten aus der Zeit zwischen 1790 und 1820. Die

weitere Entwicklung in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts wird in

der folgenden Vitrine vorgeführt.

Die freistehenden Tischvitrinen enthalten zahlreiche Arten von

Kaffeetassen aus der Zeit von 1784 bis 1840 und Teller von 1760 bis

1840, ferner Porträtmedaillons in der Art von Wedgwoods Jasper-Ware und

kleine Tafelmalereien, darunter das mit großer Feinheit ausgeführte

und von Claudius Herr signierte Porträt des Grafen Mittrovsky.

[Illustration: Alt-Wiener Porzellanzimmer]

Andere Tafelmalereien aus der Zeit von 1818 bis 1864 befinden sich

an den Pfeilern sowie an der Innenwand der Galerie, wo sie im Verein

mit der Porträtplastik in Biskuit, worin bereits Grassi, besonders

aber Johann Schaller und Elias Hütter Vorzügliches geleistet haben

und mit den großen Vasen, die Josef Nigg mit seinen sehr geschätzten

Blumenmalereien geschmückt hat, von dem Kunstniveau in den letzten

Dezennien der Fabrik Zeugnis geben. In den beiden Pultvitrinen an der

Galeriewand sind die letzten Arbeiten vor der Auflösung der Fabrik

ausgestellt, darunter auch Teile des 1821 bis 1824 für König Georg IV.

von England ausgeführten Tafelservices.

Die Wiener figurale Kleinplastik ist in den beiden an der Innenseite

der Pfeiler befindlichen Schränken und in der kleinen Mittelvitrine

ausgestellt. Wir finden Varianten von Meißener Motiven, wie zum

Beispiel die sitzende weibliche Figur mit dem Salzfaß, den Mann mit

dem Krug und andere. Wiener Typen und Wiener Straßenfiguren, wie die

Kellnerin, die Maroniverkäuferin etc., diverse Gruppen, darunter

Erzherzog Leopold II. mit seiner Familie, dann in der Mittelvitrine

Callot-Figuren, eine Porträtbüste Franz I. von Lothringen, zwei Gruppen

des ersten Modellmeisters Johann Niedermayer, Taten des Herkules,

ein junges Mädchen mit Pfau (Die Eitelkeit), die polnische Familie

und anderes. Im zweiten Pfeilerschrank finden wir Biskuitfiguren im

klassizistischen Geschmacke nach Modellen von Anton Grassi und andern,

meist Teile von Tafelaufsätzen.

Im folgenden Kompartiment werden uns die französischen, italienischen

und englischen Porzellane vorgeführt. Der erste Schrank enthält

französisches Hartporzellan vom Anfange bis gegen die Mitte des XIX.

Jahrhunderts, reich dekorierte Kannen, Teller und Kaffeetassen aus

Sèvres und aus verschiedenen Pariser Manufakturen, die zu Ende des

XVIII. Jahrhunderts entstanden waren, hauptsächlich aus der des Duc

d’Angoulême von Guerhard & Dihl.

Die nächste Vitrine enthält Beispiele von Weichporzellan von Sèvres.

Ein besonders prächtiges Stück, eine türkisblaue Deckelterrine mit

bunten Früchten und Blumen in weißen Reserven, ferner Teller und Tassen

verschiedener Art sowie ein Beispiel von sogenanntem Juwelenporzellan.

Ferner sind hier einzelne Stücke aus Chantilly, ein Kännchen der

Manufacture de porcelaines dites à la Reine, drei hervorragend

prächtige Tassen der Fabrik von Guerhard & Dihl, einige Porzellane aus

Saint Cloud und je ein Stück aus Vincennes und Nyon (Kanton Waadt)

ausgestellt.

Im nächsten Schranke finden wir Teile eines großen Tafelservices

in Hartporzellan, das nach 1840 in Sèvres ausgeführt wurde. Die

einzelnen Stücke sind mit Darstellungen aus industriellen und

landwirtschaftlichen Betrieben der verschiedensten Art in Frankreich

und seinen Kolonien bemalt und mit der höchsten technischen

Vollendung und künstlerischen Delikatesse durchgeführt. Das Service

bildete ein Geschenk des Königs Louis Philippe von Frankreich an den

Staatskanzler Fürsten Klemens Metternich anläßlich der am 10. Oktober

1846 stattgefundenen Hochzeit seines Sohnes Antoine Philippe Louis

von Orléans Herzogs von Montpensier mit der Infantin Marie Louise

von Spanien. Weitere Stücke dieses Services sind in der freistehenden

Tischvitrine ausgestellt. Auch der folgende Schrank enthält Teile

von Tafelservicen aus Hartporzellan aus Sèvres sowie ein Déjeuner

und andere späte Sèvres-Porzellane. Frei aufgestellt zu Seiten der

letztgenannten vier Schränke vier Vasen der Fabrik Neapel aus der Zeit

um 1800.

Die folgende Vitrine enthält italienisches und spanisches Porzellan. Es

sind die Fabriken von Venedig, Capo di Monte, Neapel und Buen-Retiro

in einzelnen Stücken, sowohl in Gefäßen wie figuralen Arbeiten

repräsentiert. Besonders hervorzuheben eine Deckelterrine mit Untersatz

aus Nove mit Darstellungen aus dem Leben eines italienischen Offiziers

aus der Zeit Napoleons I.

Die entsprechende Vitrine der andern Seite enthält Wedgwood-Arbeiten

und englisches Porzellan, unter den erstern ist hauptsächlich die

blau-weiße Jasper-Ware vertreten, und überdies finden wir einzelne

Beispiele in der sogenannten „Parianmasse“ (Klytia), in „Rosso

antico“, „Bamboo-ware“, und „Egyptian black“. Besonders hervorzuheben

ist ein seltenes Stück Jasper-ware, eine lila Deckelvase mit weißen

Reliefauflagen aus der Zeit um 1785. Im unteren Fache sind einzelne

Stücke von Wedgwoods „Queen-ware“, ferner Fabrikate, namentlich Teller

von Derby, Chelsea-Derby und Worcester ausgestellt.

Man gelangt nun in den der modernen Keramik gewidmeten Raum und hat

zunächst in der einen großen Vitrine links Erzeugnisse deutscher,

englischer, holländischer und skandinavischer Fabriken aus den letzten

zwei Dezennien vor sich. Es sind hier die Arbeiten von Heider in

München, Läuger in Karlsruhe, Mutz in Altona, Schmidt-Pecht in

Konstanz, ferner solche aus Gustavsberg in Schweden, Haag, Delft und

Utrecht in Holland, Kähler in Dänemark sowie von De Morgan und Rathbone

in England.

Der nächste Schrank enthält französische Keramiken aus der Zeit um

1900, Schüsseln und Vasen von Lachenal, Dalpeyrat, Clément Massier,

Utzschneider und solche aus Bourg la Reine, Glattigny und Choisy le

Roi. Es folgt ein Schrank, in dem hauptsächlich das Porzellan der

königlichen Manufaktur in Kopenhagen sowie das von Bing & Gröndahl

daselbst und der Fabrik Roerstrand in Stockholm vertreten ist. Der

große Mittelschrank enthält Sèvres-Porzellan von der Weltausstellung

1900, ferner Rozenburger Geschirre dieser Zeit und Fabrikate von

Damouse in Paris und Rookwood in Cincinnati. In den drei vor

dem Fenster befindlichen Schränken finden wir einige Porzellane

österreichischer, französischer und englischer Herkunft aus der Zeit

von 1870 bis 1890, sodann Keramiken von Zsolnay in Fünfkirchen und

aus verschiedenen österreichischen Fachschulen, ferner einiges aus

der Wiener k. k. Kunstgewerbeschule und im kleinen Schranke in der

Mitte moderne figurale Plastiken, Wiener Arbeiten von Kirsch, Löffler

und Powolny und andern, überdies eine Porzellangruppe von Waekerle in

Nymphenburg.

Eine der bedeutendsten Erwerbungen des Museums ist das 1912 im Anschluß

an diesen Raum zur Aufstellung gelangte Alt-Wiener Porzellanzimmer

aus dem Palais Dubsky in Brünn (vgl. Seite 117). Es gehört zu den

frühesten und umfangreichsten Erzeugnissen der 1719 gegründeten

Fabrik und wurde auf Bestellung des Grafen Czobor de Szent Mihaly, der

1728 starb, und dessen Wappen sich ober dem Spiegel am Fensterpfeiler

befindet, angefertigt, wahrscheinlich aber erst unter seinem

Sohne Josef vollendet. Es erfuhr noch unter Josef Czobor von dem

unbekannten Ort seiner ursprünglichen Aufstellung eine Übertragung

nach Brünn, die kleine Veränderungen zur Folge hatte, und ging 1762

in den Besitz der Familie Piatti von Tirnowitz über, was abermals

unbedeutende Änderungen, wie das Anbringen der im Louis XVI-Stile

ausgeführten Uhr und die Einfügung neuer Porträte in die bereits

vorhandenen Rahmen zur Folge hatte. In seiner Gesamtheit erweckt das

Zimmer in seinem reichen Schmucke von rund 1400 Porzellanplättchen

und 121 verschiedenen Porzellangegenständen, seiner prächtigen

alten Wandbespannung, den üppigen, geschnitzten und vergoldeten

Ornamentauflagen und den reich geschnitzten, ebenfalls vergoldeten

und mit Porzellanplättchen verzierten Möbeln den Eindruck seltener

Einheitlichkeit und auserlesener Pracht. Eine auch in technischer

Hinsicht höchst beachtenswerte Leistung ist der große Kamin mit

sogenannten „deutschen Blumen“, einzig in ihrer Art sind die zierlichen

Luster und Wandleuchter mit ihrem figuralen Schmuck von Vögeln und

Chinesen. Letztere sind ebenso wie die 70 Vasen, die Zierplatten und

Teller nach Art der japanischen Imari-Porzellane bemalt. Als einziges

uns erhaltenes Porzellanzimmer der Du Paquier-Zeit gehört es zu den

wichtigsten und schönsten Denkmälern der Wiener Fabrik.

In den Keramiksaal zurückkehrend, finden wir in dem Schranke

an der Innenwand der Seitengalerie des Glassaales nationale

Töpferarbeiten, beginnend mit solchen aus Tirol, Salzburg, Krain und

dem mährisch-ungarischen Grenzgebiete. Es folgen sodann galizische und

siebenbürgische Töpfereien und solche aus Ungarn, Bosnien, der Türkei,

Ägypten, Marokko und Spanien.

[27] Masner, Karl, Die Sammlung antiker Vasen und Terrakotten im k.

k. Österr. Museum. Katalog und historische Einleitung 1892.

[28] Falke, J. v., Die k. k. Wiener Porzellanfabrik. Ihre Geschichte

und die Sammlung ihrer Arbeiten im k. k. Österr. Museum. Mit 17

Tafeln. 1887.

Folnesics, J. und E. W. Braun, Geschichte der k. k. Wiener

Porzellanmanufaktur, herausgegeben vom k. k. Österr. Museum. Mit 42

Tafeln, 1 Markentafel und 147 Illustrationen im Text. 1907.

Führer durch das k. k. österreichische Museum für Kunst und Industrie · 第 76 / 89 题