FRANZÖSISCHE FAYENCEN.

An der Spitze der Fayenceproduktion der französischen Renaissance

stehen die eigenartigen Erzeugnisse des als Autodidakt und ruheloser

Erfinder berühmten Bernard Palissy (1506 bis 1590). Seine buntfarbig

glasierten und mit plastischen Verzierungen geschmückten Gefäße bilden

eine Gruppe von Arbeiten, die eine Zeitlang von andern Werkstätten

nachgeahmt und weiter ausgebildet wurde, so daß eine zweifellose

Zuweisung derartiger Arbeiten an den Meister vielfach unmöglich ist.

Es sind meist große Zierschüsseln mit Schlangen, Eidechsen, Muscheln,

allerlei Kräutern und sonstigen Formen, die ihm die Natur seines

Aufenthaltsortes in der Saintonge, dem Mündungsgebiete der Charente,

darbot. Diese Objekte befestigte Palissy mittels Fäden durch Löcher

auf Zinnschüsseln, nahm danach eine Gipshohlform und benutzte diese

als Matrizze für seine Tongefäße. In späterer Zeit dienten ihm auch

die Metallarbeiten seines Zeitgenossen François Briot als Modelle.

Vier Beispiele im ersten Schrank, Reihe 2, der folgenden Abteilung

repräsentieren beide Gattungen.

Die Fayenceindustrie von Nevers wurde durch italienische Arbeiter

begründet, die Louis von Gonzaga, der Gemahl der Herzogin von Nevers,

gegen Ende des XVI. Jahrhunderts dahin berufen hatte. Sie sind in

unserer Sammlung durch zwei Objekte, eine Vase und einen Teller in

jener schönen blauen Glasur mit Malerei in Weiß und in Gelb und

Weiß, vertreten, die für die Arbeiten von Nevers um die Mitte des

XVII. Jahrhunderts charakteristisch war, Reihe 2 links. Im XVIII.

Jahrhundert wurde in Nevers roh bemalte weiße Fayence erzeugt, wofür

die in Reihe 1 an zweiter Stelle befindliche Flasche mit St. Nikolaus

ein für die in Nevers beliebte volkstümliche „faience parlante“ mit

figürlichen Darstellungen und Inschriften bezeichnendes Stück ist. Die

Fayenceindustrie von Rouen in ihren zwei berühmten Verzierungsweisen,

dem „style rayonnant“, und dem „décor à la corne“ ist durch eine Reihe

guter Beispiele vertreten. Der „style rayonnant“, vom Ende des XVII.

Jahrhunderts bis etwa 1740 herrschend und so benannt wegen seines

strahlenförmig von der Mitte ausgehenden Dekors mit Ornamentreserven,

wird durch drei große Schüsseln und eine Kanne repräsentiert, Reihe 1,

weitere Varianten in der Reihe 3 und 4. Den „décor à la corne“ mit dem

Füllhorn, den bunten Schmetterlingen und Blumen finden wir in einer

Schüssel mit dazugehörender Terrine und in zwei achteckigen kleinen

Schalen vertreten (Reihe 3). Im Stile der beiden Bérain, leicht, lose

und luftig, nicht strahlig angeordnet, sondern symmetrisch aufsteigend

ist das Ornamentierungssystem, das in der ersten Hälfte des XVIII.

Jahrhunderts für Moustiers charakteristisch geworden ist, und das

die keramische Produktion dieses kleinen Städtchens der Provence zu

ähnlich hervorragendem Rang erhoben hat wie die von Nevers und Rouen.

Die Muster erscheinen in zarter Blaumalerei auf weißem Grunde,

wie es die vier Beispiele der untersten Reihe zeigen. Gegen die

Mitte des Jahrhunderts waren neben der berühmten, von Paul Clerissy

begründeten Fabrik noch mehrere andere entstanden, die neben Blau auch

andere Farben in zarten duftigen Tönen verwendeten, wofür das fünfte

Stück dieser Gruppe, der Teller mit Landschaft, Reihe 3, links, ein

Beispiel bietet. Die nächste größere Gruppe bilden die Straßburger

Fayencen der beiden Hannong, des Paul, 1730 bis 1755, und seines

Sohnes Josef. Reinheit der Zinnglasur und ein prachtvolles Karminrot

zeichnen diese Fayencen aus, zu deren Charakteristik überdies die

spärliche und nur in Muffelfarben vorkommende Verwendung von Blau und

die schwungvolle Zeichnung der in einem konventionellen Naturalismus

durchgeführten Blumen gehören. Beispiele sind im folgenden Schranke

am Fenster in kleinen Gruppen vereinigt. Außerdem befinden sich

hier noch einige Fayencen aus Marseille, wo gegen Ende des XVII.

Jahrhunderts eine Fayenceindustrie emporblühte, aber kein Genre von

stark ausgesprochener Eigenart entstand. Die Formen ahmen vielfach

die Muster der Silberschmiede mit ihren aus Fischen, Früchten und

Gemüsen gebildeten Deckelknäufen nach, der malerische Dekor folgte dem

Beispiele Straßburgs. In dem einen Punkte weicht er aber davon ab, daß

an Stelle konventioneller Zeichnung häufig direktes Naturstudium tritt,

wie dies namentlich an den in Reihe 1 und 2 ausgestellten Tellern und

Schüsseln ersichtlich ist. Wie bei Straßburg das Karminrot, bildet hier

das „vert de Savy“, ein besonders leuchtendes Grün, eine Spezialität.

Überdies sind die Fabriken von Luxemburg und Creil in der Sammlung

durch Einzelstücke vertreten. Ein zierlicher Korb aus dem Ende des

vorigen Jahrhunderts und einige Teller bilden zwei frühe Beispiele für

Kupferdruck auf Fayence.

Führer durch das k. k. österreichische Museum für Kunst und Industrie · 第 69 / 89 题