Das ganze Altertum hindurch wurde die Kunst der Elfenbeinschnitzerei
gepflegt, und die aus dem Anfange des Mittelalters uns erhaltenen
Elfenbeinschnitzereien sind die wichtigste Quelle für die Kenntnis der
Plastik dieser Zeit. (Vergleiche die in der Gipssammlung des Museums
vorhandenen Abdrücke.) Je näher diese Werke dem Altertum stehen und je
mehr sie sich an die guten alten Vorbilder anlehnen, desto besser sind
sie.
Mit der Entwicklung der Gotik und der Ausbildung des Naturalismus
entsteht im XIII. Jahrhundert eine neue Kunst, zu deren schönsten
Werken die Elfenbeinschnitzereien gehören. Aus dieser Zeit sind uns
eine Anzahl von teils für kirchliche, teils für weltliche Zwecke
verfertigten Gegenständen erhalten, die meistens noch Spuren alter
Malerei aufweisen. So wie es im Altertum üblich war, den Statuen durch
Bemalung besonders der Augenbrauen, Augen, des Mundes, der Haare,
der Gewänder mehr Leben zu verleihen, so hat auch die farbenfreudige
Gotik alle ihre Figuren reich mit Bemalung versehen, so zwar, daß das
eigentliche Material meist ganz verdeckt wurde. Die Farbe ist natürlich
infolge der Länge der Zeit nur sehr selten erhalten, oft aber ist
die Farblosigkeit eine Folge der Unkenntnis der Sammler, welche die
Elfenbeinfiguren reinigten. Die Stoffe, welche die Elfenbeinplastik
behandelt, sind die mannigfaltigsten. Auf den Kirchengeräten, wie den
Bischofsstäben, den Deckeln der Meßbücher, den Reliquienschreinen usw.
sind Darstellungen aus der Heiligen Schrift üblich, auf weltlichen
Gegenständen, wie Schmuckkästchen, Hochzeitstruhen, auf Jagdhörnern
und Sätteln finden wir Illustrationen zu den Begebenheiten aus der
Geschichte, besonders häufig aber zu den damals in höfischen Kreisen
so verbreiteten epischen Dichtungen, den Sagen und Romanen, die in
Frankreich ihren Ursprung hatten, wo auch die Elfenbeinschnitzerei ihre
höchste Blüte erreichte.
Zur Zeit der Frührenaissance findet das Elfenbein nur sehr selten
Verwendung, hauptsächlich wohl, weil man die Elfenbeinarbeiten der
Antike nicht kannte; erst im XVI., besonders aber im XVII. Jahrhundert
bricht sich die Technik der Elfenbeinschnitzerei wieder Bahn, doch
bleiben die in dieser Zeit entstandenen Werke unbemalt, eine Folge
des Studiums der antiken Plastik, die man eben bis zur Mitte unseres
Jahrhunderts für eine unbemalte gehalten hatte. Aus dem Elefantenzahn
werden mit Vorliebe Humpen geschnitten, die ringsum eine Darstellung
in Schnitzerei tragen und mit Deckel und Henkel, teils aus Elfenbein,
teils aus Metall, versehen werden. Manchmal wird auch eine Zeichnung
in das Elfenbein geritzt und mit schwarzer Farbe nachgezogen, oft auf
das Elfenbein Malereien aufgetragen. Im XVIII. Jahrhundert finden
die „passicht“ gedrechselten Gefäße allgemeine Verbreitung und
zahlreiche Liebhaber. Die Wiederaufnahme der Antike im Anfange des
XIX. Jahrhunderts verdrängte wieder wie im XV. Jahrhundert die Technik
der Elfenbeinschnitzerei, die später um die Mitte des Jahrhunderts
verwendet wurde, um prunkvolle Stücke nach alten Vorbildern zu erzeugen.
Von den Elfenbeinarbeiten sind hervorzuheben: In der ersten Vitrine
eine Trinkkanne aus dem XVII. Jahrhundert, reich geschnitzt, ein
deutscher Becher aus derselben Zeit mit Gravierungen, ein Deckelpokal
mit Kinderfigürchen aus dem XVIII. Jahrhundert, passicht gedrechselt,
und eine Kassette in Elfenbein mit Metallbeschlägen und Resten alter
ornamentaler Bemalung, sarazenisch, XIV. Jahrhundert.
In der zweiten Vitrine: Eine Gitarre mit reicher Gravierung, im Innern
die Inschrift: Heinrich Kramer, Lautten und Geigenmacher in Wien 1715,
ein Pulverhorn aus Holz mit Jagdszenen in Intarsia, Anfang des XVIII.
Jahrhunderts, und einige passicht gedrechselte Becher.
In der Mitte der Wand steht das Modell eines Altars in Holz geschnitzt,
eine Prager Arbeit des XVIII. Jahrhunderts, und eine physiognomische
Studie von F. X. Messerschmied in Wachs.
In der folgenden Vitrine, die Arbeiten aus Wachs enthält, ist eine
Figur Kaiser Josefs II. von Zauner besonders hervorzuheben.