Die Spitzensammlung verdankt einen Teil ihrer glänzendsten Stücke einem
Legate der Frau Emilie von Schnapper in Wien; doch ragt die Sammlung
nicht nur durch Prunkstücke hervor, sondern besonders auch durch
Vollständigkeit der verschiedenen Gruppen.[22]
Man unterscheidet bekanntlich genähte und geklöppelte Spitzen, von
denen erstere sich wohl zunächst im Orient entwickelt haben, dann als
„griechische“ (fälschlich gotische) Spitzen nach Ragusa, Italien,
Spanien kamen und dort auch selbst hergestellt wurden. Besonders in
Italien fand im XVI. Jahrhundert die weitere Durchbildung der zunächst
geometrisch gemusterten Spitze statt. Die ursprünglich noch häufig
vorkommende Farbe geht allmählich verloren und erhält sich später
nur in der Volkskunst in größerem Maße. Eine herrliche „spanische
Spitze“, aus bunter Seide auf Metallfaden gearbeitet, zeigt aber auf
einem bestimmten Gebiete die Erhaltung der Farbe auch bei höchster
künstlerischer Vollendung.
Es treten im Laufe des XVI. Jahrhunderts dann allmählich besondere
Renaissanceformen (S-Linien, Blüten, Figuren und anderes) ein. Um 1600
ist die eigentliche Renaissancespitze vollendet und wird auch durch
zahlreiche Musterbücher über ganz Europa verbreitet.
Es ist möglich, daß die Klöppeltechnik im Norden (in den Niederlanden)
erfunden ist; auch scheint sie für Posamenterien schon früh weit
verbreitet zu sein. Jedenfalls werden aber im XVI. Jahrhundert in
Italien ganz ähnliche Muster wie die genähten auch in der Klöppelarbeit
hergestellt. Daneben entwickelt sich diese Spitzenart in den
Niederlanden früh zu künstlerischer Bedeutung.
Im Laufe der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts treten immer
mehr geschlossene Formen (Wellenlinien und anderes) sowie größere
Motive auf, bis sich die Spitze um die Mitte des Jahrhunderts unter
gleichzeitiger Entwicklung stärkeren Reliefs zur sogenannten Venezianer
Reliefspitze entwickelt. Diese erhält sich bis ins XVIII. Jahrhundert
hinein (zuletzt an den Kragen der Männer), während sich daneben schon
gegen Ende des XVII. Jahrhunderts eine zierlichere Art mit aufgelösten
Barockformen und kleinen Röschen (Rosalinspitze, point de rose)
entwickelt. Ähnliche Wandlungen gehen in der Klöppelspitze vor sich,
die auch zunächst große Wellenlinien, Ranken, Voluten und anderes,
später aber gleichfalls zierliche Formen ausbildet. Daneben entwickelt
sich zunächst in der Klöppelspitze, dann in der genähten, ein
unregelmäßiger, später regelmäßiger, Netzgrund, der das ganze Wesen der
Spitze allmählich dadurch umgestaltet, daß er immer mehr die allgemeine
Wirkung der Arbeit beeinflußt und die ursprünglich klarer getrennten
Einzelformen mehr und mehr in ihm verschwimmen.
[Illustration: Klöppelspitze, Spätrenaissance, spanisch (?)]
Im letzten Drittel des XVII. Jahrhunderts tritt durch Colberts
Wirken Frankreich, ebenso wie in der Weberei, auch in der Spitze
Italien gegenüber mehr in den Vordergrund und erzeugt, zunächst durch
herbeigezogene italienische Kräfte, alle bis dahin eingeführten
Arbeiten selbst in höchster Vollendung (point de France), gestaltet
sie aber allmählich im Sinne französischer Empfindung um. Auch den
Niederlanden gegenüber sucht Frankreich dann auf dem Gebiete der
(Klöppel-) Spitze seine Überlegenheit geltend zu machen; doch behalten
die Niederlande auf diesem Gebiete immer größte Bedeutung.
Auf die eigentliche Barockperiode der Spitze (Venezianer Reliefspitze)
folgt, wie gesagt, ein Abschwächen, ein Zierlicherwerden der Formen,
das ganz allmählich in die Rokokospitze überführt. Diese legt
besonders auf Leichtigkeit und Duft der nun weich und in kleinen
Falten getragenen Spitzen Wert. Es tritt so neben der Nähspitze, die
besonders in Frankreich (Alençon, Argentan, Sedan etc.), aber auch in
Belgien gepflegt wird, die Klöppelspitze immer mehr hervor, da diese
aus demselben Faden um die Hälfte dünnere Formen erzielen kann als die
Näharbeit. Mit der Klöppelspitze erlangt dann Belgien (Brüssel, Mecheln
etc.) überwiegende Bedeutung; ein wichtiger niederländischer Ort,
Valenciennes, war seit Ludwig XIV. allerdings französisch geworden.[23]
Nach der Mitte des XVIII. Jahrhunderts werden, wie im übrigen
Kunstgewerbe, die Formen immer schlichter; in der Spitze zeigt sich
dies besonders im Vortreten des Grundes und im Zurücktreten der
Einzelheiten, die sich im späteren Louis-Seize oft auf verstreute
Punkte, Blätter etc. und auf etwas reichere Formen am Rande beschränken.
Das Übergewicht des Grundes führt dann naturgemäß zur
Applikationsspitze und weiter zur Herstellung der gewebten Netze, aus
denen sich später die maschingewebten Spitzen entwickeln.
Mit der Ausbildung der Spitzen parallel geht auch ein Teil der
Weißstickerei (Durchbruch, Netzarbeit, Batiststickerei), die besonders
in der Rokokozeit sehr zarte Werke (point de Saxe) geschaffen hat.
Die farbige Spitze hat sich, wie gesagt, besonders in der Volkskunst
(der Alpenländer, Spaniens, der slawischen Völker und im Oriente)
erhalten und ihre höchste Ausbildung wohl bei den Slowaken erfahren.
Ein besonderer Raum im I. Stock (Raum XIV) enthält die Widmung der
Gräfin Marie Hoyos-Amerling, eine Sammlung, die besonders durch
ausgezeichnete altitalienische und spanische Spitzen, aber auch in
anderer Hinsicht hervorragt.